www.michael-
buhlmann.de

Geschichte
> Rezensionen

Start > Geschichte > Rezensionen > D

Rezensionen (Geschichte)
D

Intro A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

D'Arcy Wood, Gillen (2014), Vulkanwinter 1816. Die Welt im Schatten des Tambora, Darmstadt 2015, 336 S., Schwarzweißabbildungen, € 24,95. I. Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa am 10. April 1815 war einer von einigen heftigen tropischen Vulkanausbrüchen in der Geschichte der Menschheit, die das Klima der Erde global und massiv beeinflussten. Der Ausbruch des Tambora gehört klimatisch in die zu Ende gehende "Kleine Eiszeit" (ca.1250-1850), die wahrscheinlich durch eine Reihe von Vulkaneruptionen - beginnend mit dem von 1258 - eingeleitet worden war. Die Vulkanausbrüche des Mount Kuwae (1452) und des Huaynapituna (1600) begleiteten die "Kleine Eiszeit", der Ausbruch des Krakatau (1883) steht am Ende dieser Klimaepoche. Dabei war der Ausbruch des Tambora die stärkste Eruption eines Vulkans im 2. Jahrtausend n.Chr. II. Von der Explosion des Vulkans Tambora (heutige Caldera) im April 1815 und von den Lavaströmen waren rund 560 qkm der Insel Sumbawa und das "Goldene Königreich Tambora" nebst seinen Einwohnern unmittelbar betroffen, der Ascheregen zog in westlicher Richtung bis nach Bali, Borneo und Java. Während aber die Vulkanasche alsbald abregnete, verblieb die bei der Explosion entstandene Wolke von stratosphärischen Aerosolen lange in der Atmosphäre, wo sie sich ausbreitete. Sie beeinflusste mithin in den folgenden Jahren bis 1818 das Wetter weltweit. In Europa war 1816 das "Jahr ohne Sommer", die Temperaturen, in den 1810er-Jahren sowieso schon niedrig, sanken im Durchschnitt noch weiter, Ernten konnten durch das kalte, regnerische und stürmische Wetter nicht eingebracht werden, die letzte Hungersnot (der europäischen Unterschichten) hatte Europa im Griff (Anfänge eines staatlichen Sozialwesens). Dies betraf insbesondere Irland, wo sich zudem - unter dem Verhängnis eines politischen laisser-faire - eine Fleckfieberepidemie ausbreitete. Nicht zuletzt fand die Klimakatastrophe auch ihren Niederschlag in Kunst (Gemälde Caspar David Friedrichs u.a.) und Literatur (Schriftstellerkreis um Mary und Percy Shelley, Mary Shelleys Roman Frankenstein), während Großbritannien auf Grund der durch das veränderte Klima zunehmend eisfrei werdenden Arktis wissenschaftliche Schiffsexpeditionen auf die Suche nach der Nordwestpassage schickte (John Barrow, Bernard O'Reilly, William Scoresby u.a.) und der Eis-Tsunami, der 1818 das schweizerische Val de Bagnes unter sich begrub, am Anfang von wissenschaftlichen Theorien über Gletscher und Klimawandel steht (Ignaz Venetz u.a.). In Indien und Bengalen war eine Folge der durch den Vulkanausbruch entstandenen kurzfristigen Klimaänderung das Ausbleiben des Monsuns bei drastischen Ernteausfällen, die in Bengalen zu verortende Cholera breitete sich - infolge des Klimawandels genetisch verändert - epidemisch aus und sollte innerhalb der nachfolgenden Jahrzehnte auch Europa (1830/31) und Nordamerika (1832) erreichen. In der chinesischen Provinz Yunnan lag ebenfalls die Reisproduktion darnieder, Gegenmaßnahmen des Kaiserreichs erfolgten hier ab dem Jahr 1817 (Dichtungen Li Yuyangs). Für Nordamerika kann eine Wetterverschlechterung für das Gebiet östlich der Appalachen an dem Jahr "Achtzehnhundertunderforen" (1816) nachgewiesen werden, während westlich der Gebirgskette günstiges Klima vorherrschte mit den Konsequenzen einer Westwanderung (Ohio, Missouri, Illinois) und der damit einhergehenden Bodenspekulationen (Depression 1819/22). Die unterschiedlichen Klimate in Europa und Nordamerika spielten schließlich in den damaligen (Mensch- und) Klimatheorien eine Rolle (George Louis Leclerc de Buffon, Thomas Jefferson). Vgl. Shelley, Mary (1818), Frankenstein. The 1818 Text, Contexts, Criticism, hg. v. J. Paul Hunter (1996) (= A Norton Critical Edition), New York-London 22012, 524 S., Abbildungen, $ N.N.; Shelley, Mary (1818), Frankenstein (= Penguin Popular Classics), London 1994, 215 S., £ N.N. [Buhlmann, 07.2015, 10.2016, 04.2017]

DA = Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters

Dabhoiwala, Faramerz (2014), Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution, Stuttgart 2014, 536 S., Schwarzweissabbildungen, € 29,95. An der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert kam es in Großbritannien - erkennbar bei Mittel und Oberschicht - zu einem vielfältigen Wandel in der Einstellung zur Sexualität, die bis dahin durch den mittelalterlichen Wertekanon stark bestimmt war. Eine offenere und vielfältigere Sexualität entstand vor dem Hintergrund der Epoche der Aufklärung, die Grenzen von Sexualität wurden ausgelotet, neue sexuelle Modelle erfahrbar. Dabei galt es Widerstände, Repressionen, Kontrollen und bis dahin gültige Moralvorstellungen bei öffentichen Strafmassnahmen zu überwinden. Es bildete sich eine sexuelle Freizügigkeit heraus, freilich eher für Männer, freilich eher für die Ober- und Mittelschicht, während die Rolle der Frau innerhalb der Sexualität auch neu bestimmt wurde (weibliche Sexualität, Bewertung der Prostitution, aktivere männliche Sexualität). Persönliche Freiheit im Sexuellen entsprach einer durch Aufklärung und staedtische Lebensweise bedingten moralischen Vielfalt, die mittelalterliche Autoritätsformen ersetzte. Freilich galten die Grenzen zwischen "natürlichem" und "unnatürlichem" Verhalten, zwischen Pornografie und "Anstand", zwischen Öffentlichkeit und Privatem. Damit schuf die "neue Sexualität" des 17./18. Jahrhunderts die Voraussetzungen für die moderne Sexualität (viktorianisches Zeitalter, 20./21. Jahrhundert). [Buhlmann, 08.2014]

Dahlheim, Werner (1987), Julius Caesar. Die Ehre des Kriegers und der Untergang der römischen Republik (= SP 5218), München 1987 > C Caesar

Dahlheim, Werner (2013), Die Welt zur Zeit Jesu, München 2013, 492 S., Schwarzweißabbildungen, Umschlagkarten, Karten, Zeittafel, € 26,95. Die historische Entwicklung in Mittelmeerraum und Vorderen Orient in den Jahrhunderten um Christi Geburt zentriert sich um das 1. vorchristliche und 1. nachchristliche Jahrhundert, als das römische Reich im östlichen Mittelmeerraum die Nachfolge der hellenistischen Staaten antrat. Vor dem Hintergrund der nach dem Tod König Herodes (37-4 v.Chr.) eingerichteten römischen Provinz Judäa spielte sich dann Leben und Tod des durch seine Wundertaten ausgzeichneten Wanderpropheten Jesus von Nazareth (6/4 v.Chr.-30 n.Chr.) ab; der Mythos von dessen Kreuzigung und Wiederauferstehung begründete die christliche Religion, die sich dank Aposteln und Missionaren (Petrus, Paulus) in Palästina, Syrien, Kleinasien, aber auch in den westlichen Gebieten des römischen Reiches (Rom und Mittelitalien, Nordafrika, Gallien) ausbreitete. Dabei kam der heidenchristlichen Missionierung (Paulus) eine besondere Rolle zu, während der judenchristliche Zweig der neuen Religion - angesiedelt zwischen Juden und Christen - im ausgehenden 4. Jahrhundert zu seinem Ende kam. Parallel dazu endeten jüdische Freiheitsbestrebungen in der Nachschlagung jüdischer Aufstände gegen die römische Herrschaft (66-70/73, 132-135 n.Chr.). Das Christentum entfaltete sich gegen und im römischen Reich gegen und mit heidnischer Bildung bis zum 4. Jahrhundert n.Chr. (Christenverfolgung und konstantinische Wende, Christentum und römische Gesellschaft [Kaisertum und Herrschaft, Stadt und Land, Öffentlichkeit und privates Leben, Religion und Magie]; Paulusbriefe, Evangelien, Apostelgeschichte; Häresien; christliche Religion und heidnische Literatur/Philosophie). [Buhlmann, 12.2013]

Dambach, Oskar (1904), Schramberg. Ort und Herrschaft. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Schramberg 1904 > S Schramberg

Dannenbauer, Heinrich (1953), Das Verzeichnis der Tafelgüter des Römischen Königs. Ein Stück des Testamentes Kaiser Friedrichs I., in: ZWLG 12 (1953), S.1-72 > G Göldel, Servitium regis

Dante Alighieri, Philosophische Werke in einem Band, hg. v. Ruedi Imbach (2015) (= PhB 679), Hamburg 2015, XXXVIII, 322 S., € 26,90. Der florentinisch-toskanische Dichter Dante Alighieri (*1265-†1321) hat neben seiner "Göttlichen Komödie" (1307/20) auch philosophische Werke auf Latein und Italienisch verfasst, worin eine auf den Menschen auch sprachlich zugeschnittene Beschränkug der Philosophie (ohne die Metaphysik) forderte und auch die Volkssprache als Mittel des Philosophierens einsetzte, um die Philosophie einem größeren Kreis von Menschen bekannt zu machen (Dantes Sprachphilosophie). Die nachfolgend aufgeführten Werke sind Werke des Exils, nachdem der Dichter aus Florenz verbannt wurde. In einem (lateinischen) Brief (Epistola XIII) an den Veroneser Generalvikar Cangrande della Scala (1312?/16/20) legt Dante die deutenden Grundlagen seiner "Göttlichen Komödie" (Widmung des Werkes, Bezeichnung des Werkes als Komödie, Rolle des dritten [Paradies-] Teils [Gott und die Ursachen]) dar. In der (lateinischen) "Abhandlung über das Wasser und die Erde" (Questio de aqua et terra, 1312?/16/20) philosophiert Dante über die Eigenschaften der Elemente Wasser und Erde (Lage von Wasser und Erde, Ebbe und Flut). Das (lateinische) Werk "Über die Beredsamkeit in der Volkssprache" (De vulgari eloquentia, 1304/06) analysiert die Rolle der (italienischen) Volkssprache im Zusammenhang mit menschlicher Sprache überhaupt (Buch Genesis und Sprache von Adam und Eva, Sprache als Eigenschaft des Menschen, babylonische Sprachverwirrung, Sintflut, Sprachregionen Europas, Fortentwicklung von Sprachen, italienische "Hochsprache" und "niedere" Volkssprachen); der Traktat ist unvollendet geblieben. Das "Gastmahl" (Convivio, 1304/06), gegliedert in vier Büchern, enthält eine ins Italienische übertragenen Schulphilosophie betreffend eine selbstbegrenzende Philosophie, die Infragestellung von Reichtum, das Konzept der Edelkeit und des Glücks von Menschen; das Werk ist unvollendet geblieben. > Lateinische Literatur > D Dante Alighieri [Buhlmann, 09.2015]

Das, Rahul Peter (1982/83), Einige Bemerkungen zur neuesten Deutung der Kircheninschrift aus Haan/Rheinland, in: ZBGV 90 (1982/83), S.15-33. Die Existenz einer Kapelle, eines oratorium in Haan bezeugt eine Weihinschrift aus der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts. Die Haaner Kircheninschrift hat in ihrem ersten Teil die Weihe der damaligen, heute nicht mehr vorhandenen Kirche durch den Kölner Erzbischof Wichfried (924-953) zum Inhalt; die Kirche wurde den Märtyreren Chrysanthus und Daria geweiht. Der zweite Teil der Inschrift ist dagegen immer noch unklar: Ein Personenname Aleger ist weiter nicht belegt, ein Trennungszeichen auf der Inschrift kann nicht sinnvoll interpretiert werden. Es wurden Verbindungen zur Frauengemeinschaft in Gerresheim vermutet, zumal man auf dem Friedhof der ehemaligen Pfarrkirche Frauengräber des 10./11. Jahrhunderts fand und Gerresheimer Grundbesitz in der Haaner Gegend nachzuweisen ist. Der 80 cm x 47 cm große Kalkstein ist mit 4 cm hohen Kapitalis-Buchstaben mit zahlreichen Kürzungen versehen. Schutzpatrone der Haaner Kirche waren - der Inschrift zufolge - die Heiligen Chrysanthus und Daria; Chrysantus ist zudem an der mittelalterlichen Mönchsgemeinschaft in (Mönchen-) Gladbach bezeugt, so dass Beziehungen auch zwischen Gladbach und Haan vermutet werden können. Der heute nicht mehr erhaltene Kirchenbau war eine niedrige Saalkirche, wohl mit eingezogenem Chorgeviert, die gegen Ende des 11. und in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts durch Westturm und nördliches Seitenschiff erweitert wurde. In das 10. Jahrhundert können dann die Anfänge der Kirchen von Richrath, Hilden, Haan und Elberfeld gestellt werden, eher in das 11. die von Leichlingen. Später waren Hilden, Haan und Elberfeld Filialkirchen der Pfarrkirche in Richrath. [Buhlmann, 10.1986]

Dasler, Clemens (2001), Forst und Wildbann im frühen deutschen Reich. Die königlichen Privilegien für die Reichskirche vom 9. bis zum 12. Jahrhundert (= Dissertationen zur mittelalterlichen Geschichte, Bd.10), Köln-Weimar-Wien 2001, 310 S., € 12,-. I. Der Begriff forestis, forestum u.ä. für "Forst" hängt wahrscheinlich mit germanisch First (als "Zaunwort") für "abgrenzen, umzäunen" zusammen (alternativ: mit lateinisch/romanisch foris, foras für "draußen, öffentlich"), bezeichnet mithin ein rechtlich herausgehobenes Gebiet von Wildland, meist Wald (nemus, silva), in der Nutzung insbesondere des Königs. Zu unterscheiden sind die älteren (fränkischen) Königsforste als Bannwaldforste, die dem Nutzungsvorbehalt des Herrschers unterlagen, vom jüngeren (ostfränkisch-deutschen) Wildbann als Nutzungsrecht für Jagd und Tierfang in einem Forst (als Wildbannbezirk), der auch besiedelt sein konnte. Königliche Forste als Bannwaldforste auf Reichsgut entstanden durch königliche Einrichtung und Abgrenzung, eben durch Einforstung von Waldgebieten oder unbesiedeltem Land. Jagd und Fischfang waren im Forst verboten, Rodung und Eichelmast unterlagen Beschränkungen; Aufseher (forestarii) überwachten den Forst. Rechtlich verschränkt mit dem Forst war der sog. Wildbann, der nur Jagdrecht und Tierfang beinhaltete. Die Neueinforstung infolge einer Wildbannverleihung setzte u.U. die Zustimmung von Grundbesitzern und Grundherrn voraus; Forst als Wildbannbezirk und fremder Grundbesitz schlossen sich also nicht aus, der Forst konnte somit auch über fremden Besitz ausgedehnt werden; Jagdrecht und Tierfang schränkten die Rechte anderer Grundherren nur wenig ein. Umgekehrt erweiterte der Wildbann die grundherrschaftlichen Rechte des Wildbanninhabers, ohne dass meist in konkreter Weise ein Einfluss des Wildbanns auf Rodung und Herrschaft nachzuweisen ist (Wildbann und Rodungsverbot, Wild-/Forstbann und Herrschaft). Schließlich sei noch auf die Bedeutung der Jagd als standesgemäße Beschäftigung des Adels verwiesen. II. Als einzelne Forste im früh- bis hochmittelalterlichen deutschen Reich sind dann feststellbar: bischöflicher Forst bei Augsburg (Wildbannverleihung 1059); Forst und Wildbann der Bamberger Bischöfe (Bistumsgründung 1007); Wildbann der Basler Bischöfe über den elsässischen Hardtwald (1004) und im Breisgau (1008); Lüsener Forst und Wildbann der Brixener Kirche (Wildbannverleihung 893), Brixener Wildbann im Pustertal (Grenzbeschreibung 1048), Krainer Forst der Brixener Bischöfe (Einforstungsprivileg 1040), Krainer Wildbann der Brixener Bischöfe (Wildbannverleihung 1073); Forst der Bischöfe von Cambrai (Forstverleihung 995, Wildbannbestätigung 1145, 1152); Forste der Churer Kirche im Bergell (Übertragung des Bergell 960, 988), Forst der Churer Kirche am Schollberg (Forsturkunde 1050), Forst der Churer Kirche am Rhein (Forsturkunde 1050); Forst der Eichstätter Bischofskirche (Verleihungs- und Bestätigungsurkunden 889, 908, 918, 1002), Wildbann der Eichstätter Bischöfe (Einforstungsurkunde 1053, Wildbannprivileg 1080); Virngrunder Forst des Klosters Ellwangen (Forsturkunde 1024); Forste des Frauenstifts Elten (Forsturkunde 996); Krainer Forst des Bistums Freising (973); Echzeller Wildbann des Klosters Fulda (Forsturkunde 951), Bramforst des Klosters Fulda (Forsturkunde 980), Zunderenharfforst des Klosters Fulda (Forsturkunde 1012), Lupnitzer Forst des Klosters Fulda (Forsturkunde, Abschrift vom 12. Jahrhundert, Mitte), Wildbann des Klosters Fulda (Wildbannurkunde 1059); Forste des Bistums Halberstadt (Bannurkunde 997); Wildbann der Hamburg-Bremer Kirche an der Weser (Forsturkunde 1049, 1063), Eiterbruchforst der Hamburg-Bremer Kirche (Forsturkunde 1063), Ammerländer Forst der Hamburg-Bremer Kirche (Forsturkunde 1063), Forst der Hamburg-Bremer Kirche im Wimodigau (Forsturkunde 1063), Forst der Hamburg-Bremer Kirche in zwei Grafschaften (Forsturkunde 1063), Weserberglandforst der Hamburg-Bremer Kirche (Forsturkunde 1065), Duisburger Forst der Hamburg-Bremer Kirche (Forsturkunde 1065); Forst Siburg des Klosters Helmarshausen (Forstverleihung 1013); Forst des silva Eherinenfirst des Klosters Hersfeld (Forstverleihung 1003), Wildbann super feras silvaticas des Klosters Hersfeld (Wildbannverleihung 1016); Forst und Bann der Hildesheimer Bischofskirche an der Leine (Verleihungsurkunde 1062), Wildbann der Hildesheimer Bischofskirche an Leine und Innerste (Verleihungsurkunde 1065); Wildbann des Kölner Erzbischofs (Wildbannurkunde 973), Nordeifeler Wildbann des Kölner Erzbischofs (Wildbannurkunde 1069); ius foresti der Konstanzer Kirche auf der Höri (Forst-/Wildbannurkunde 1051/69); Wildbann des Klosters Lorsch (und Ansprüche der Wormser Kirche) (Wildbannurkunde 1012); Forst der Lütticher Bischofskirche an der Maas (Verleihungsurkunde 1008), Wildbann der Lütticher Kirche im Waverwald (Verleihungsurkunde 1008); Sömmeringforst der Magdeburger Erzbischöfe (Forstverleihung 997), Schiederforst der Magdeburger Erzbischöfe (Forsturkunde 1005); Forst und Bann der Mainzer Erzbischöfe (Verleihungsurkunde 996); Forst der Merseburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 974?, Bestätigung 1004); Einforstungsurkunde für das Bistum Metz (1018); ehemalige Königsforste des Bistums Minden (Schenkungsurkunde 991), Wildbann des Bistums Minden (Einforstungsurkunde 1029), Wildbann des Bistums Minden (Einforstungsurkunde 1033); Forst beim Kloster Mondsee (Forstverleihung 829); Colmarer Forst des elsässischen Klosters Münster (Schenkungsurkunde 823); Forst des Bistums Naumburg (Forsteinrichtung 1030); Forst des Osnabrücker Bistums (Verleihungsurkunde 965); Osninger Forst der Paderborner Bischöfe (Bestätigungsurkunden 1001, 1002), Reinhardswalder Forst der Paderborner Bischöfe (Schenkungsurkunde 1019, Bestätigungsurkunde 1020); Forst und Bann der Passauer Bischöfe (Urkunde 1049); Forst der Pfalz Ranshofen (898); Forst des Regensburger Klosters St. Emmeram (Verleihungsurkunde 914); Bann der Salzburger Erzbischöfe im nemus Sausal (Schenkungsurkunde 970), Forst Heit der Salzburger Erzbischöfe (Verleihungsurkunde 1027), Forst Hesilinestuda der Salzburger Erzbischöfe (Verleihungsurkunde 1027), Forst der Salzburger Erzbischöfe an der Salzach (Verleihungsurkunde 1027), Wildbann der Salzburger Erzbischöfe am Inn (Bestätigungsurkunde 1030), Forst der Salzburger Erzbischöfe an der Traun (Forstverleihung 1048); Forst Lußhardt der Speyerer Bischofskirche (Forstverleihung 1056); Wildbann der Straßburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1017); Wildbann der Touler Bischöfe (Wildbannprivileg 1011); Forst der Trierer Erzbischöfe und des Klosters St. Maximin (Fälschung 802, Privilegien 897, 949), Forst der Trierer Erzbischöfe und des Klosters Prüm (Verleihungsurkunde 973); forestes der Utrechter Bischöfe (Privileg 777), Drenter Forst der Utrechter Kirche (Forsturkunden 944); Wildbann des Bistums Verden im Sturmigau (Verleihungsurkunde 985), Mahtheidenforst der Verdener Kirche (Verleihungsurkunde 1060); Wildbann des Klosters Walkenried (Verleihungsurkunde 1132); Wimpfener Wildbann der Wormser Bischofskirche (Verleihungsurkunde 988), Forst Forehahi der Wormser Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1002); Burgbernheimer Forst der Würzburger Bischöfe (Verleihungsurkunde 1000), Wildbann der Würzburger Bischofskirche nördlich von Würzburg (Verleihungsurkunde 1014), Wildbann der Würzburger Bischofskirche im Steigerwald (Verleihungsurkunde 1023), Murrhardter Wildbann der Würzburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1027), Mellrichstädter Wildbann der Würzburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1031), Wildbann der Würzburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1060), Wildbann der Würzburger Bischofskirche in den Haßbergen (Verleihungsurkunde 1172); Forst Albis des Züricher Klosters St. Felix und Regula (Verleihungsurkunde 853). Vgl. noch Thimme, Hermann (1909), Forestis. Königsgut und Königsrecht nach den Forsturkunden vom 6. bis 12. Jahrhundert, in: AUF 2 (1909), S.101-154. [Buhlmann, 07.2015]

Davies, Nigel (1973), Die Azteken. Meister der Staatskunst - Schöpfer hoher Kultur, Düsseldorf-Gütersloh o.J., (= rororo 6950), Reinbek 1976 > A Azteken

De Hamel, Christopher (2002), Das Buch. Eine Geschichte der Bibel, Berlin 2006 > B Bibel

Decker-Hauff, Hansmartin (1957/58), Der Öhringer Stiftungsbrief, 2 Tle., in: Württembergisch Franken 41 (1957), S.17-31, 42 (1958), S.3-32 > C Calw, Grafen von

Demandt, Alexander (1998), Die Kelten (= BSR 2101), München 1998 > K Kelten

Demandt, Alexander (2002), Der Baum. Eine Kulturgeschichte, Köln-Weimar-Wien 22014, 471 S., Schwarzweißabbildungen, Farbtafeln, € 29,95. Mensch und Baum zeichnet seit jeher eine besondere Verbindung aus. Dies gilt über die Grenzen verschiedener (altorientalischer [Judentum, Christentum], antiker [Griechen, Römer], antiker Rand- [Kelten, Germanen, Slawen], europäischer [christliches Mittelalter, frühe Neuzeit, Moderne, Postmoderne]) Kulturen hinweg, vom Paradiesbaum des biblischen Alten Testaments zum Umweltschutz heute. Dabei ist die Vielfalt der Baumarten (eventuell in Rangordnung) beeindruckend, etwa von den antiken Platanen, Zypressen und Ölbäumen (Pindar und die durch Herakles vermittelte Herkunft der Ölbäume von den Donauquellen) über die "germanischen" Eichen, Buchen und Linden und die Obstbäume und das Apfelbäumchen Martin Luthers bis zum in der frühen Neuzeit nach Europa gelangenden Orangenbaum. Es gab baumbewusste Epochen wie das Mittelalter und weniger baumbewusste, in denen - wie in der Antike, der frühen Neuzeit oder in der Französischen Revolution - vielfach aus militärischen Zwecken ein massiver Raubbau an den Wäldern betrieben wurde oder Baumbestände vernichtet wurden. Bäume bevölkerten die heiligen Haine der Antike, spielten in Religion und Mythos eine wichtige Rolle (Baumkult, Paradiesbaum [Paradies als persischer Jagdgarten], Weltesche Yggdrasil) und wurden parallel dazu als Bau- oder Brennholz verwendet. Kulturell gesehen entfalteten Bäume eine große Wirkung in Literatur (Linde und Minnesang, Gotik und Buche, Romantik) und Kunst (Petrarca, Dürer, barocke Emblematik, Baumsymbolik, Baumbilder), Renaissance ("ausschlagender Baum der Kultur") und Aufklärung (Freiheitsbäume). Bäume und Wälder wurden rechtlich geschützt, ihre Nutzung begrenzt (Landfrieden Kaiser Friedrich Barbarossas von 1187); Bäume definieren Staatlichkeit (als Identitätssymbole). Es gab mithin in den menschlichen Gesellschaften der letzten Jahrtausende vielfältige Beziehungen zwischen Mensch und Baum. [Buhlmann, 09.2015]

Demandt, Alexander (2012), Pontius Pilatus (= BSR 2747), München 2012, 128 S., Schwarzweißabbildungen, 2 Karten, Zeittafel, € 8,95. Den historischen Pontius Pilatus, römischer Statthalter für Judäa (praefectus Iudaeae) von 26/27 bis 37 n.Chr., erwähnen römische Bronzemünzen, eine römische Inschrift aus Caesarea Maritima (in Zusammenhang mit einem Leuchtturm Tiberieum?) sowie - in der jüdischen Überlieferung - Philo von Alexandrien und Flavius Josephus (6 n.Chr. Volkszählung in Judäa unter Statthalter Publius Sulpicius Quirinus; 18 Ernennung des Kaiphas zum Hohepriester durch Statthalter Valerius Gratus; 26/27-36/37 Unruhen in Jerusalem [wegen angebrachter Rundschilde bzw. römischer Feldzeichen]; 36 Sameritaneraufstand; 37 Abberufung des Pilatus, Absetzung des Kaiphas). Der biblische Pontius Pilatus der synoptischen Evangelien und des Johannesevangeliums ist derjenige, der auf Drängen der jüdischen (Tempel-) Priesterschaft hin Jesus Christus (als "König der Juden") zum Tode durch Kreuzigung verurteilt (v.28 n.Chr. Taufe des Jesus; v.29 Hinrichtung des Johannes des Täufers, Passahfest der Brotvermehrung, Teilnahme Jesu am Laubhüttenfest; 30 Kreuzigung des Jesus, Übergabe der Leiche an Joseph von Arimathaia; Duldung der Jünger Jesu und der entstehenden Jerusalemer Christengemeinde) und in der christlichen Überlieferung eine unterschiedliche Bewertung findet (Evangelien des Neuen Testaments [1. Jahrhundert]: Wahrheit der Bibel und Wahrheit des Pilatus; apokryphes Petrusevangelium [2. Jahrhundert, Mitte]: positive Pilatustradition; Tertullian [197]: Dokumente zum Jesusprozess; Eusebius von Caesarea [4. Jahrhundert, Anfang]: Selbstmord des Pilatus; apokryphes Nikodemusevangelium, Acta Petri et Pauli [5. Jahrhundert]: Pilatus als heimlicher Anhänger des Jesus; Paradosis ["Auslieferung des Pilatus", 7. Jahrhundert]: Pilatus als Märtyrer und Heiliger [auch in den christlichen Kirchen des Orients, apokryphes Gamalielevangelium, Martyrium Pilati des Gamaliel]; lateinisch-griechische Überlieferung des Mittelalters: negatives Pilatusbild [Legenda aurea des 13. Jahrhunderts, Passionsspiele des 13.-16. Jahrhunderts, Pilatustraditionen und -legenden in Frankreich, Spanien, Deutschland und Russland, kirchliche Kunst]). [Buhlmann, 04.2012]

Demel, Walter (2005), Der europäische Adel. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart (= BSR 2379), München 2005 > A Adel

Demel, Walter, Schraut, Sylvia (2014), Der deutsche Adel. Lebensformen und Geschichte (= BSR 2832), München 2014, 128 S., Schwarzweißabbildungen, € 8,95. Deutscher Adel wird erst definierbar vor dem Hintergrund des Alten Reiches in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Entstanden aus frühmittelalterlicher Reichsaristokratie (9. Jahrhundert) und hochmittelalterlichem Rittertum und Ministerialität (11.-13. Jahrhundert), war der Adel, dem nur ein Bruchteil der mitteleuropäischen Bevölkerung angehörte, ein Stand mit besonderen Vorrechten und Privilegien (Adelsehre und Standesprivilegen, Herrschaft über Menschen [Grund-, Gutsherrschaft]), wirtschaftlich durchaus herausgehoben (Vermögen und Einkommen, Berufsmöglichkeiten [Grundherr, adliger Dienst, Militär, Wirtschaftsunternehmen]) und auf Statussicherung und -abgrenzung bedacht (adlige Familien, adlige Erziehung, Heiratsverhalten, Konfession, adliger Lebensstil, Adelsgesellschaften). Dabei hatte der deutsch Adel im Laufe der Jahrhunderte durchaus mit Krisen zu kämpfen (spätmittelalterliche Adelskrise, Reformation, Adel und Fürstenhof, Französische Revolution, Adel und Bürgertum, Weimarer Republik, Drittes Reich, BRD und DDR). [Buhlmann, 06.2015]

Demhardt, Imre Josef (2011), Aufbruch ins Unbekannte. Legendäre Forschungsreisen von Humboldt bis Hedin, Darmstadt 2011, 168 S., Farbabbildungen, historische Karten, € 14,95. Bedeutende deutsche Forscher und Kartografen bei der Erkundung der Erde vom endenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert waren: I. Alexander von Humboldt (*1769-†1859): aus preußischer Beamtenfamilie, abgebrochene Studien, Assessor der preußischen Bergverwaltung (1791), Aufnahme in die Leopoldina (1793), Amerikaxpedition durch Neu-Granada (Orinoco-Amazonas, Anden-Peru) und Neu-Spanien (Mexiko) (1799-1805), Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften (1800), Reisebeschreibung Le voyage aux regions equinoxiales du Nouveau Continent (30 Bände, 1807/28), Russland- und Sibirienreise (1829), universelle Weltbeschreibung Kosmos. Entwurf einer Physischen Weltbeschreibung (5 Bände, 1845/62), Mitbegründer der Deutschen Geologischen Gesellschaft (1848). II. Heinrich Berghaus (*1797-†1884): Kartograf, Ingenieur-Geograf (1816), Professor der angewandten Mathematik (1824), freier Kartograf, Kontakte zu Alexander von Humboldt, Physikalischer Atlas (1838/40, 1849/52), Geographisches Jahrbuch (1850-1852) u.a., Lehrer von III. August Petermann (*1822-†1878): Kartograf in Potsdam, Edinburgh, London (1844-1854) und Gotha (ab 1854; Justus Perthes' Geographische Anstalt), Petermanns Mitteilungen (1855; Gründer und Herausgeber), Berichterstatter, Förderer und Organisator der Westafrikaexpedition Heinrich Barths (1849/54), der Deutschen Innerafrika-Expedition (1860/62), der Ersten und Zweiten Deutschen Nordpolarexpedition (1868, 1860/70). IV. Heinrich Barth (*1821-†1865): Entdecker, "Humboldt der Afrikaforschung", Studium und Promotion in Alter Geschichte (1839-1844), Westafrikareise (1845/47), Wanderungen durch die Küstenländer des Mittelmeeres (1845), britische Afrikaexpedition bis Tschadsee und Timbuktu (1850/54), Reisen und Entdeckungen in Nord- und Centralafrika (1855/58), Reise nach Anatolien, Italien, Montenegro (1858, 1864/65), außerordentliche Professur von Geografie in Berlin (1863). V. Johann Krapf (*1810-†1881): Vikar, Missionar, Entdecker, Theologiestudium (1829/34), Missionierung in Äthiopien (1837/42), Promotion in Philologie (1842), Missionierung in Ostafrika (1848/52), Entdeckung des Kilimandscharo (1849), Reisen in Ostafrika (1855/58), Aufenthalte in Ostafrika (1860/61, 1867). VI. Gerhard Rohlfs (*1831-†1896): Medizinstudium (1850/53), Fremdenlegion (1856/60), Leibarzt des Sultans von Marokko (1861), West-/Nordafrikaexpeditionen (1862/64), erste Saharadurchquerung (1865/67), Nordafrikaexpeditionen (1868/69, 1873/74, 1878/79), Generalkonsul in Sansibar (1884/85). VII. Georg Schweinfurth (*1836-†1925): Botaniker, Forschungsreise entlang des Nil (1863/66), Forschungsreise vom Sudan zum Kongo (1869/71). VIII. Karl Weule (*1864-†1926): Kulturanthropologe, Leiter des Leipziger Völkerkundemuseums, Deutsch-Ostafrikaexpedition (1906/07). IX. Oscar Baumann (*1864-†1899): Geografiestudium (1882), Kongoexpedition (1885), Promotion (1888), Deutsch-Ostafrikaexpeditionen (1889/90, 1892/93, 1895), Österreichisch-ungarischer Konsul in Sansibar (1896/99). X. Emin Pascha (Eduard Schnitzer, *1840-†1892): Medizinstudium und Promotion (1859/63), Reisen durch das Osmanische Reich (1871/74), Regierungsarzt in der Äquatorialprovinz des ägyptischen Sudan (1876), Provinzgouverneur (1879), Emin Pascha (1887), deutscher Kolonialdienst (1890), Vorstoß nach Äquatorialafrika und Ermordung (1891/92). XI. Julius Payer (*1841-†1915): Alpinist, Polarforscher, Österreichisch-ungarische Nordpolexpedition zusammen mit Carl Weyprecht (*1838-†1881). XII. Ferdinand von Hochstetter (*1829-†1884): Theologiestudium und Promotion in Mineralogie (1848/52), Habilitation in Geologie (1856), Weltumseglung mit der "Novara" (1857/59; Neuseelandexpeditionen), Professur in Wien (1860), Balkanreise (1860), Russlandreise (1872), Gründung des Wiener Naturwissenschaftlichen Hofmuseums (1876). XIII. Heinrich Zollinger (*1818-†1859): Hilfslehrer und Botanikstudium, Javareisen (1842, 1855/59), Baliexpedition (1845/46), Sundainseln (1847). XIV. Franz Junghuhn (*1809-†1864): Naturforscher, Medizinstudium (1830/31), Festungshaft auf Ehrenbreitstein (1832), Fremdenlegion (1832/33), Tropenarztausbildung in Utrecht (1833/34), Java, Sumatra (1835/48), Inspektor und Aufseher (1855, 1858); (Vulkanausbruch des Krakatau 1883). XV. Otto Finsch (*1839-†1917): Ornithologische Studien in Bulgarien, Nordamerika, Lappland, Sibirien, China und im westlichen Pazifik (1858/59, 1872, 1873, 1876, 1879/82), Inbesitznahme von Neuguinea für das Deutsche Reich (1884/85), Reichsmuseum Leiden (1897), Völkerkundemuseum Braunschweig (1904). XVI. Leo Frobenius (*1873-†1938): Völkerkundler, Kulturkreislehre (1900; pazifische Kulturkreise Polynesiens). XVII. Rudolf Amandus Philippi (*1808-†1904): Auswanderung nach Chile (1851), Sammel- und Studienreisen (1853/54), Professur für Naturgeschichte in Santiago de Chile (1853/74), Direktor des Naturhistorischen Museums von Santiago de Chile (1853/97). XVIII. Johann Jakob von Tschudi (*1818-†1889): Naturforscher, Sammelreisen in Peru (1838/43), Peru. Reiseskizzen 1838-42 (1846), Südamerikareise (1867/59; Brasilien, Anden/Atacama, Chile), Gesandter in Brasilien (1860/62), Reisen durch Südamerika (1866/69). XIX. Erich von Drygalski (*1865-†1953): Mathematik-, Physik- und Geografiestudium und Promotion (1882/87), Vorexpedition nach Grönland (1891), Habilitation (1898), Deutsche Südpolarexpedition (1901/03), Professur in München (1906), Zeppelinexpedition nach Spitzbergen (1910). XX. Alfred Philippson (*1864-†1953): Geografie-, Geologie-, Mineralogie- und Wirtschaftsstudium und Promotion (1882/86), Feldforschungsreisen in Griechenland (1887/90), Habilitation (1891), Studienreisen in die Ägäis (1900/04), Professuren (1904), Haft im Ghetto Theresienstadt (1942/45). XXI. Alfred Wegener (*1880-†1930): Physik-, Meteorologie- und Astronomiestudium und Promotion (1900/05), 1. Grönlandexpedition (1906), Habilitation (1909), Die Entstehung der Kontinente und Kontinentaldrift (1912), 2. Grönlandexpedition (1912), Professur in Graz (1924), 3. Grönlandexpedition (1929), 4. Grönlandexpedition und Tod (1930). XXII. Wladimir Köppen (*1846-†1940): Botaniker, Zoologe, Promotionsschrift Wärme und Pflanzenwuchs (1872), Seewetterdienst in Hamburg (1875), Klassifizierung des Weltklimas, Handbuch der Klimatologie (1930). XXIII. Ferdinad von Richthofen (*1833-†1905): Geograf, Promotion (1856), preußische Handelsmission nach Ceylon, Java, Thailand (1860/62), Lagerstättenprospektor in Kalifornien und Nevada (1862/68), Chinareise (1868/72), Professuren (1879). XXIV. Sven Hedin (*1865-†1952): Hauslehrer in Baku (1885/86), Geologie-, Mineralogie- und Zoologiestudium (1886/90), Persienreise (1890/91), Promotion (1892), 1. Hochasienexpedition (1893/97, Pamir, Taklamakan), 2. Hochasienexpedition (1899/1902; Taklamakan, Tibet), 3. Hochasienexpedition (1905/09; Transhimalaya), Sino-schwedische Expedition (1926/35; Mongolei, Gobi, Turkestan), NS-Deutschland (1935/45). XXV. Als Entwicklung in der geografischen (Er-) Forschung (der Erde) im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert kann ausgemacht werden: Im zeitlichen Verlauf setzten sich die Erkundung der Erde durch wissenschaftliche Teams gegenüber den Erkundungen von Einzelforschern durch; dem entsprach eine starke Differenzierung in wissenschaftliche Fachdisziplinen innerhalb der geografischen Arbeitsweise. [Buhlmann, 12.2013]

Dendorfer, Jürgen, Maulhardt, Heinrich, Regnath, R. Johanna, Zotz, Thomas (Hg.) (2016), 817 - Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen (= VAI 83 = SchrrVS 39), Ostfildern 2016, 261 S., Abbildungen, Karten, Pläne, € 24,95. Die Siedlungen Villingen und Schwenningen auf der Baar reichen bis in alemannische Zeit zurück, doch erst die Urkunde des Frankenkönigs und Kaisers Ludwig des Frommen (814-840) für das Kloster St. Gallen vom 4. Juni 817 überliefert erstmals die Namen der zwei Orte. Sichtbar werden dadurch regionale und überregionale Bezüge, die die Orte und die Landschaft an oberem Neckar und oberer Donau in die Geschichte des karolingischen Frankenreichs rücken. I. Demgemäß beschäftigen sich mit dem kaiserlichen Diplom als solchem: Heinrich Maulhardt, Die Ersterwähnung von Villingen, Schwenningen und Tannheim in ihrer Wirkungsgeschichte; Theo Kölzer, Das Aachener Kaiserdiplom vom 4. Juni 817; Peter Erhart, Das Diplom Ludwigs des Frommen von 817, seine Vervielfältigung und das Schicksal der St. Galler Klostergüter. II. Aussteller der Urkunde, Kaiser Ludwig dem Frommen, und Empfänger, Kloster St. Gallen, behandeln: Rudolf Schieffer, Kaiser Ludwig der Fromme und die Klöster; Ernst Tremp, St. Gallen, Reichenau und Konstanz im 8. und frühen 9. Jahrhundert; Eva-Maria Butz, Die Memoria Ludwigs des Frommen in St. Gallen und auf der Reichenau. Herrschergedenken zwischen Krise und Konsens. III. Das Baaremer Umfeld der Urkunden haben zum Inhalt: Clemens Regenbogen, Der Raum um Villingen und Schwenningen in der Karolingerzeit nach der schriftlichen Überlieferung; Sebastian Brather, Die frühmittelalterliche Baar aus archäologischer Sicht; Heinz Krieg, Die Baar in ottonischer Zeit. IV. Alemannien und das Frankenreich haben als Thema: Thomas Zotz, Alemannien im Übergang von Karl dem Großen zu Ludwig dem Frommen; Jürgen Dendorfer, König und Adel in Alemannien. Narrative der Forschung zum 8. und 9. Jahrhundert; Philippe Depreux, Kaiserliche Amsträger und Entourage Ludwigs des Frommen in und aus Alemannien und dem Elsass; Karl Ubl, Recht in der Region. Die Rezeption von leges und capitula im karolingischen Alemannien; Steffen Patzold, Alemannien um 829. Eine Minimalsicht auf das erste Herrschaftsgebiet Karls des Kahlen. Es fehlen Edition und Übersetzung des Kaiserdiploms; vgl. dazu noch (mit Edtion und Übersetzung): Buhlmann, Michael (2013), Die Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen für das Kloster St. Gallen vom 4. Juni 817. Ein Beginn Villinger und Schwenninger Geschichte (= VA 67), Essen 2013, 60 S., Karte, € 4,-. [Buhlmann, 12.2013, 03.2017]

Denholm-Young, Noël (1947), Richard of Cornwall, Oxford 1947 > R Richard von Cornwall

Dennig, Regina, Zettler, Alfons (1996), Der Evangelist Markus in Venedig und in Reichenau, in: ZGO 144 (1996), S.19-46. Der Translatio sancti Marci (9./10. Jahrhundert) zufolge raubten venezianische Kaufleute im Jahr 829 die (angebliche?) Mumie des heiligen Evangelisten Markus aus Alexandrien und brachten sie zu Schiff und unter vom heiligen Markus bewirkten Wundern nach Venedig (829). Zwar starb der Doge Justinian (827-829), der das Unternehmen wahrscheinlich gefördert hatte, bald nach der Ankunft des Heiligen, doch konnte sein Nachfolger und Bruder Johannes (829-836) eine der Jerusalemer Grabkirche ähnliche Markuskirche am Dogenpalast errichten. Zwischenzeitlich musste sich Johannes allerdings, aus Venedig vertrieben, ins benachbarte Frankenreich flüchten, wo er vielleicht mit Bischof Ratold von Verona (†847?) zusammentraf; dieser forderte als Gegenleistung für politische Unterstützung einen Teil des corpus des heiligen Markus; die Reliquie gelangte so im Jahr 830 auf die Reichenau, mit der Ratold in Verbindung stand (Gründung des Stifts Radolfzell). Nach den Miracula sancti Marci des Klosters Reichenau (10. Jahrhundert) befand sich der Heilige zunächst unter dem Namen Vale(n)s auf der Reichenau, bevor er sich 873/75 den Mönchen mit seinem wirklichen Namen offenbarte; diese Überlieferung ist dabei wohl im Zusammenhang mit den Aufenthalt des Slawenapostels Method auf der Reichenau (869/73) zu sehen. Es dauerte dann noch bis (nach) 926, bevor der sich entwickelnde Reichenauer Kult um den heiligen Markus auch vom Konstanzer Bischof Nothing (919-934) anerkannt wurde. Der heilige Markus avancierte zu einem Hauptpatron der Reichenau, wie nicht zuletzt die unter Abt Bern (1008-1048) dem Markus geweihte Westkirche in Reichenau-Mittelzell beweist. Die Markuskirche in Venedig, versehen mit Krypta oder Martyrion, stand im 9. und 10. Jahrhundert für eine "dogale Verehrung" des Heiligen; Markus wurde damit zum "Staatsheiligen" Venedigs und dies schon vor 1094, dem angeblichen Auftauchen des ebenso angeblich verschollenen Markusschreins gemäß der Apparatio sancti Marci, einer Sammlung von Wundergeschichten aus der Zeit um 1300. [Buhlmann, 08.2013]

Deuel, Leo (1963), Das Abenteuer Archäologie. Ausgrabungsberichte aus dem Nahen Osten, München 51977 > A Archäologie

Deuel, Leo (1975), Kulturen vor Kolumbus. Das Abenteuer Archäologie in Lateinamerika (= dtv 1744), München 1982 > A Archäologie

Derks, Paul (1985), Die Siedlungsnamen der Stadt Essen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen (= EB 100), Essen 1985, 210 S., DM 42,-; Derks, Paul (1989/90), Der Ortsname Essen, Nachtrag zu "Die Siedlungsnamen der Stadt Essen", in: EB 103 (1989/90), S.27-52. In zwei Veröffentlichungen behandelt der Verfasser die Siedlungsnamen (und einige Gewässernamen) auf dem Gebiet der heutigen Stadt Essen. Während aber der Aufsatz von 1989/90 (im Folgenden zitiert als: Derks, Nachtrag) speziell nur auf den Ortsnamen Essen eingeht, werden in der Untersuchung von 1985 (im Folgenden: Derks, Siedlungsnamen) insgesamt 80 Siedlungs- (und Gewässer-) Namen vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit vorgestellt. Geordnet sind diese nach namenkundlichen Gesichtspunkten: Den einstämmigen Siedlungsnamen mit Suffix (Kapitel I) folgen die zweistämmigen, wiederum unterteilt nach Grundwörtern, die Geländebeschaffenheit (Kapitel II) oder menschliche Arbeit (Kapitel III) anzeigen bzw. direkt auf eine Siedlung (Kapitel IV) hinweisen. Die jüngeren Essener Siedlungsnamen (Kapitel V) und die Gewässernamen (Kapitel VI) bilden den Abschluss. In jedem dieser Kapitel sind die Ortsnamen nach den jeweiligen (alphabetisch sortierten) Grundwörtern ebenfalls in alphabetischer Reihenfolge angeordnet (und durchnummeriert von Nummer 1 bis 80). Der Aufbau bringt es mit sich, dass jedes Grundwort zunächst einführend erörtert werden kann. Erst danach erläutert der Verfasser die einzelnen Siedlungsnamen. Dabei gibt er in einer kurzen Tabelle den Erstbeleg und (von ihm ausgewählte) weitere Belege zum Ortsnamen an, versehen mit entsprechender Jahreszahl und dem Hinweis auf Original oder Abschrift. Ausführlich folgt dann - gemäß dem in der Einleitung Gesagten (Derks, Siedlungsnamen, S.2) - die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Deutungen, die die Siedlungsnamen seit dem 19. Jahrhundert erfahren haben, wobei ein umfangreicher Fußnotenapparat dem Leser zur Verfügung steht. Es ist hier nicht nötig, auf jeden einzelnen Siedlungsnamen einzugehen. Lediglich der Ortsname Essen soll hier kurz beleuchtet werden: Der Erstbeleg "Astnide" datiert um das Jahr 870; weitere Belege lauten auf "Astnid, Asnithe, Essendia" u.ä. (Derks, Siedlungsnamen, S.7). Derks, Nachtrag, S.40f, 45 interpretiert nun den Namen Essen als "Gegend nach Osten" und ordnet diesen - darin Jahn, Robert, Essener Geschichte, Essen 21957, S.15 folgend - einer Alt-Essener Grundherrschaft zu, die sich gemäß einer im frühen Mittelalter üblichen Leugenvermessung über ca. 4400m vom Viehofer Hölting im Norden bis zum Stift Essen im Süden erstreckt hat (Derks, Nachtrag, S.34). Der Name "Essen", damals an dem Mittelpunkt der Grundherrschaft haftend, sei dann einmal auf den Stiftsbereich, zum Zweiten auf Altenessen übergegangen (Ortsnamenpaar "Essen - Altenessen"). Entscheidend - und vom Verfasser wohl richtig erkannt - ist dabei, dass für den grundherrschaftlichen Mittelpunkt mit dem westlich davon gelegenen Westerdorp ein Bezugspunkt ermittelt werden kann. Dieser macht nämlich die Deutung des Namens Essen sowohl als Namen für die Grundherrschaft als auch als Namen im geographischen System der Himmelsrichtungen (Westen-Osten) plausibel. So steht dem Westerdorp die "Gegend nach Osten" gegenüber (Ortsnamenpaar "Westerdorp - Alt-Essen"). Die Argumentation ist hier wie auch bei den anderen Siedlungsnamen also durchaus schlüssig. Trotzdem sei noch auf einige Mängel hingewiesen. Diese beziehen sich in erster Linie auf die Publikation von 1985: Im Register der Ortsnamen, das dem Inhaltsverzeichnis unmittelbar folgt, fehlt der Bezug auf die Seitenzahlen. So muss man recht umständlich über das Inhaltsverzeichnis die entsprechende Seitenzahl suchen. Schwerwiegender ist da schon die Tatsache, dass nicht alle Essener Siedlungsnamen untersucht wurden, zumal auch unklar bleibt, nach welchen Kriterien der Verfasser die Orte ausgewählt hat. Die Größe als Kriterium scheidet aus. Denn während z.B. die Berchemer Höfe oder Ickten erwähnt werden (Derks, Siedlungsnamen, S.160f bzw. S.12ff), fehlt der Abschnitt über das vergleichbare Harnscheid. Allein für den Essener Süden wären die Siedlungsnamen Dahl, Kallenberg, Ludscheid, Meckenstock oder Tüschen zu ergänzen, um nur noch einige Namen zu nennen. Dagegen ist fraglich, ob der in Derks, Siedlungsnamen, S.103f erwähnte Ortsnamenbeleg für Byfang überhaupt auf den Essener Ortsteil bezogen werden kann. Die Zuordnung des einzigen frühmittelalterlichen Belegs von 837 Oktober 17 ist nämlich mehr als unsicher. Der in der zugrundeliegenden Urkunde erwähnte Bifang liegt zwar in saltu UUanesuualde, d.h. südlich der Ruhr, aber "zwischen den Bächen Podrebeci und Farnthrapa", wobei der Verfasser wohl stillschweigend "Podrebeci" mit (Preuten)Borbeck bei Essen-Werden identifiziert. Blok, Dirk Peter, De oudste particuliere Oorkonden van het klooster Werden, Assen 1960, Nr.55 nimmt hingegen einen Bifang bei Unter- und Oberporbeck südlich von Hattingen an; dort befindet sich auch der Bach +Fahrentrappe, worauf auch Schmidt, Dagmar, Die rechten Nebenflüsse des Rheins von der Wupper bis zur Lippe (= Hydronomia Germania A 6), Wiesbaden 1968, S.60 hinweist. Die letzte Deutung ist die wahrscheinlichere. Man wird also mit verschiedenen Bifängen zu rechnen haben, von denen der Essener jeglicher mittelalterlicher Überlieferung entbehrt. Der Byfang-Beleg zeigt auch einen grundlegenden Mangel an: mitunter wurden neuere Urkundeneditionen vom Verfasser nicht herangezogen. So sind alle frühen Werdener Urkunden zitiert nach Lacomblet, Theodor, Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, 4 Bde., 1840-1858, Aalen Neudruck 1966 und nicht etwa nach Blok. Darüber hinaus wäre es auch sinnvoll gewesen, zuwenigstens für das frühere Mittelalter auf die Vollständigkeit der Ortsnamenbelege zu achten, wie es etwa bei den Publikationen im Rahmen des Rheinischen Städteatlasses geschieht. Solch eine Vorgehensweise geht indes - das muss betont werden - mehr in Richtung eines Essener Ortsnamenbuchs. Störend ist ebenfalls das Fehlen von Informationen über die geografische Lage der einzelnen Siedlungen. Hier wäre eine Karte angebracht gewesen und/oder - wie in Ortsnamenbüchern üblich - eine kurze Lagebeschreibung (vgl. z.B. Reichardt, Lutz, Ortsnamenbuch des Kreises Göppingen (= VKGLBW B 112), Stuttgart 1989). Dann kann auch der nicht so bewanderte Leser die richtige geografische Einordnung treffen. Zusammengenommen sind die aufgeführten Punkte allerdings nicht sehr schwerwiegend. Sie zeigen aber immerhin auf, wie sorgfältig gerade Darstellungen über Siedlungsnamen angelegt sein müssen. Im Großen und Ganzen handelt es sich somit bei den hier vorgestellten Publikationen um gelungene Arbeiten. Insbesondere ist zu betonen, dass der Verfasser es verstanden hat, die Problematik bei der Analyse von Siedlungsnamen aufzuzeigen und damit die Wege und Irrwege einer philologisch-historischen Forschung. Vgl. noch: Imme, Theodor, Die Ortsnamen des Kreises Essen und der angrenzenden Gebiete (= EB 27), Essen 1905, 72 S., DM 24,-. [Buhlmann, 09.1991]

Deutscher Orden, Ritterorden: Der Deutsche Orden, entstanden gegen Ende des 12. Jahrhunderts als einer der großen palästinensischen Ritterorden, ist dennoch weniger wegen seiner Bedeutung für die Kreuzfahrerstaaten im Vorderen Orient bekannt als durch die Missionierung und Eroberung Preußens und Livlands, wo er im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts ein Territorium ausbilden konnte. Innere und äußere Konflikte (mit Polen) führten dann im 15. Jahrhundert zum Niedergang des Ordensstaates und schließlich - im Zuge der Reformation - zur Säkularisierung Preußens (1525). Im 15. Jahrhundert wuchs der Gegensatz zwischen dem Orden in Preußen unter den Hochmeistern und dem im deutschen Reich, was insbesondere die Stellung der Deutschmeister betraf. Letztere hatten die Leitung des Ordens im Reich inne; seit dem Bauernkrieg (1524/25) war das Mergentheimer Ordenshaus Residenz des Deutschmeisters. Nachdem der Deutschordensstaat Preußen protestantisch geworden war, verwaltete der Mergentheimer Deutschmeister das nunmehr vakante Hochmeisteramt. Der Orden lehnte sich seit der Regierung des Deutschmeisters Maximilian von Österreich (1589-1618) politisch zunehmend an Habsburg-Vorderösterreich an. Verbunden damit waren notwendige Reformen, zumal die Anzahl der Ordensritter immer mehr abgenommen hatte. Der Deutsche Orden überstand im habsburgischen Fahrwasser weitgehend unbeschadet die Kriege des 17. Jahrhunderts. Im Gefolge der Säkularisation am Beginn des 19. Jahrhunderts war der Orden nur noch auf die habsburgischen Territorien beschränkt, heute ist der Deutsche Orden eine sozial-karitative Einrichtung, ein geistlicher Orden.
Den Deutschen Orden zum Inhalt haben: Boockmann, Hartmut (1981), Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte, München 21982, 319 S., DM 38,-; Militzer, Klaus (2005), Die Geschichte des Deutschen Ordens, Stuttgart 2005, 225 S., € 22,-; Sarnowsky, Jürgen (2007), Der Deutsche Orden (= BSR 2428), München 2007, 128 S., € 7,90. > Q Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens [Buhlmann, 10.1996, 11.2007, 06.2011]

Deutschland, 1945-1949, Nachkriegszeit: Die bedingslose Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschland (1945) brachte für Mitteleuropa die militärische Besetzung durch alliierte Truppen der deutschen Kriegsgegner und eine Vielzahl wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme auch zeitlich jenseits des Zweiten Weltkriegs (1939-1945). Die Probleme betrafen u.a.: kriegsbedingte Zerstörungen von Gebäuden, Industrieanlagen und Städten; Hunger und Elend derjenigen, die den Krieg überlebt hatten; Vertreibungen und Bevölkerungsverschiebungen. Mit den Problemen verbunden war allerdings auch die Hoffnung auf eine Besserung der Lage.
Zahlenreiche Quellen- und quellennahe Werke beleuchten die deutsche Nachkriegszeit, u.a.: Dönhoff, Marion Gräfin (1962), Namen, die keiner mehr kennt. Ostpreußen - Menschen und Geschichte (= dtv 247), München 1964, 139 S., DM 2,80; Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, hg. v. Bundesministerium für Vertriebene (1954/61), Bd.I: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, 3 Tle. (= dtv 3270), München 1984, XXI, 160, 494, XV, 896 S., DM N.N., Bd.II: Das Schicksal der Deutschen in Ungarn (= dtv 3271), München 1984, VIII, 202 S., DM 4,80, Bd.III: Das Schicksal der Deutschen in Rumänien (= dtv 3272), München 1984, XVIII, 418 S., DM 4,80, Bd.IV: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, 2 Tle. (= dtv 3273), München 1984, XIII, 357, XVI, 829 S., DM 14,80, Bd.V: Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien (= dtv 3274), München 1984, XX, 643 S., DM 9,80; Müller-Marein, Josef (1986), Deutschland im Jahre 1. Reportagen aus der Nachkriegszeit (= dtv 10563), München 1986, 238 S., DM 12,80. [Buhlmann, 09.1991, 02.2016, 03.2016]

DF = Duisburger Forschungen

Diederich, Toni (2007), Siegelurkunde - Notariatsinstrument - Schreinseintrag. Zur Rechtssicherung von Liegenschaften und Erbzinsen im spätmittelalterlichen Köln, in: AfD 53 (2007), S.353-365. Für das spätmittelalterliche Köln ist von einem Nebeneinander von Siegelurkunde (ab Mitte des 10. Jahrhunderts), Notariatsinstrument (erstmals bezeugt 1275) und Schreinsurkunde (ab ca.1130) zu beobachten. Die (lateinischen) Schreinsurkunden (Schreinskarten, vereinigt zu Schreinsbüchern; Schreine als Truhen) verzeichneten u.a. besitzrechtliche Verfügungen (Kauf und Verkauf etwa von Grundstücken und Häusern) sowie Erbschaftsangelegenheiten (jedoch ohne den Zwang zur Anschreinung), die Notariatsinstrumente waren Beweisurkunden (besonders Testamente) von durch die Stadt kontrollierten Notaren, die Siegelurkunden waren rechtsgültige Beweisurkunden, die der Urkundensiegler in eigener Sache ausstellte. Eine Kölner Urkunde vom 15. Mai 1447, die den Verkauf von (umfangreichen) Erbgütern und Erbzinsen (bezeugt in zuvor vorgenommenen Schreinseinträgen) durch die Eheleute Johann und Adelheid von Waveren regelte, gilt dann als ein Dokument, das als Mischform Elemente von Siegelurkunde, Notariatsinstrument (Ausfertigung und Unterschrift des öffentlichen Notars und Klerikers Jakob Krayn von Dülken) und Schreinsurkunde (Hinzuziehung von zwei Schreinsmeistern) aufnahm. [Buhlmann, 09.2011]

Diers, Michaela (1998), Hildegard von Bingen (= dtv portrait 31008), München 1998 > H Hildegard von Bingen

Diesner, Hans Joachim (1966), Das Vandalenreich. Aufstieg und Untergang (= Urban Tb 95), Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1966 > V Vandalen

Diestelkamp, Bernhard (Hg.) (1982), Beiträge zum hochmittelalterlichen Städtewesen (= Städteforschung A 11), Köln-Wien 1982, XXVI, 235 S., Karten, Stadtpläne, DM 48,-. I. Gerhard Köbler, Mitteleuroäisches Städtewesen in salischer Zeit. Die Ausgliederung exemter Rechtsbezirke in mittel- und niederrheinischen Städten, befasst sich mit den Markt-, Münz- und Zollprivilegierungen salischer Könige an geistliche Institutionen, mit der Verleihung von Rechten an die Bürger von Speyer, Straßburg oder Worms am Ende der Salierzeit, mit dem sich entwickelnden Städtewesen am Rhein bei Ausgliederung lokaler Bezirke (civitas, urbs, villa) unter Königsbann oder ius urbanum. II. Hermann Jakobs, Stadtgemeinde und Bürgertum um 1100, untersucht, ausgehend von Gerichts- und Pfarrgemeinde, von den bischöflichen civitates und den Burg-, Stifts- una Abteistädten, die kommunale Bewegung an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert in Norditalien (Cremona, Mailand), in Flandern (Brügge, Gent) oder am Rhein (Freiburg i.Br., Speyer, Worms) in ihrer Beziehung zur hochmittelalterlichen Kirchenreform, zur libertas und civilitas der Stadtbewohner. III. Hagen Keller, Der Übergang zur Kommune: Zur Entwicklung der italienischen Stadtverfassung im 11. Jahrhundert, beschäftigt sich mit den Städten Ober- und Mittelitaliens in ihrer Entwicklung in salischer Zeit, von der "bischöflichen Stadtherrschaft" zur Stadtkommune bei wirtschaftlichem Aufstieg der Städte (Handel, Gewerbe), zunehmender Beteiligung der Einwohnerschaft an sie betreffenden Entscheidungen und Ausformung einer ausgleichenden Herrschaftsordnung innerhalb der jeweiligen Stadt. IV. Knut Schulz, Zensualität und Stadtentwicklung im 11./12. Jahrhundert, stellt die Gruppe der Zensualen und Wachszinsigen (censuales, cerocensuales) als "unfreie Freiheit" (Jahreszins, Heiratsabgabe, Todfallabgabe) als bedeutsam für die Stadtentwicklung am Rhein in salisch-staufischer Zeit dar; im städtischen Rahmen kam es mitunter zu Einschränkungen bei den Abgaben der Zensualen (Speyer [1111, 1182], Worms [1114, 1184]). V. Norbert Kamp, Probleme des Münzrechts und der Münzprägung in salischer Zeit, behandelt den Wandel bei der Münzprägung salischer Herrscher und Bischöfe vor dem Hintergrund des Übergangs zur regionalen Pfennigswährung ("räumliche Verengung" der Währungsräume/Umlaufgebiete von Leitmünzen). VI. Nach Wolfgang Heß, Münzstätten, Geldverkehr und Märkte am Rhein in ottonischer und salischer Zeit, versorgten im 10. und 11. Jahrhundert große Münzstätten eine zunehmende Zahl von umliegenden Marktorten und orientierte sich der Handel an den Markt- und Zollorten (Jahrmärkte). VII. Philippe Dollinger, Der Aufschwung der oberrheinischen Bischofsstädte in salischer Zeit (1025-1125), untersucht die Stadtentwicklung der Salierstädte Speyer und Worms sowie der Bischofsstädte Basel und Straßburg in Bezug auf Gerichtsbarkeit und Verwaltung (Bischof, Vogt, Schultheiß) sowie die sich entwickelnde Bürgergemeinde (urbanorum commune consilium, consensus burgensium u.ä.). VIII. Co van de Kieft, Das Reich und die Städte im niederländischen Raum zur Zeit des Investiturstreits, stellt den Einfluss von Handel, König und Reichskirche (Bistum Utrecht) auf die (wirtschaftliche, topografische und verfassungsrechtliche) Stadtentwicklung von Deventer, Groningen, Maastricht, Nimwegen, Stavoren, Tiel und Utrecht heraus. IX. Klaus Flink, Stand und Ansätze städtischer Entwicklung zwischen Rhein und Maas in salischer Zeit, untersucht u.a. anhand der Orte Aachen, Duisburg, Erkelenz, Köln, Münstereifel, Remagen, Werden, Zülpich die Entwicklung des Städtewesens im 11. und 12. Jahrhundert und stellt sie in den Zusammenhang mit königlichen Privilegierungen, den Kölner Erzbischöfen als Ortsherren, Markt, Exportgewerbe und Ansätzen von Gemeindebildung; Periodengrenze der hochmittelalterlichen Stadt ist im Rheinland die Mitte des 12. Jahrhunderts. X. Tadeusz Roslanowski, Markt und Stadt im früh- und hochmittelalterlichen Polen, sieht für die früh- und hochmittelalterlichen Städte keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Markt und Stadt, während auch andere Faktoren (wohl nicht allein der Lokationsprozess) die Entstehung von Gründungsstädten beförderten. XI. Carsten Goehrke, Bemerkungen zur altrussischen Stadt der frühen Teilfürstenzeit (Mitte des 11. bis Mitte des 12. Jahrhunderts, stellt (nach Novgorod und Kiew, nach dem Tod Jaroslavs des Weisen 1054) die Entfaltung des russischen Städtewesens in den Zusammenhang mit der Regionalisierung und Territorialisierung von politischer Macht in den (sich daher politisch nicht emanzipierenden) Burg- und Fürstenstädten der Vormongolenzeit. [Buhlmann, 09.2014]

Dietrich, Irmgard (1953), Die Konradiner im fränkisch-sächsischen Grenzraum von Thüringen und Hessen, in: HessJbLG 3 (1953), S.57-95 > K Konradiner

Dinzelbacher, Peter (1998), Bernhard von Clairvaux. Leben und Werk des berühmten Zisterziensers (= GMR), Darmstadt 1998 > Z Zisterzienser

Dinzelbacher, Peter (2009), Unglaube im "Zeitalter des Glaubens". Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter, Badenweiler 2009, 166 S., Schwarzweißabbildungen, € 9,95. Im Mittelalter als (angebliches) "Zeitalter des Glaubens" gab es auch - jenseits von Heidentum, Häresien und Glaubensabweichungen - (schwer durch Geschichtsquellen belegbaren) Atheismus und Skeptizismus gegenüber der Existenz Gottes bzw. gegenüber Aussagen der christlichen Lehre der katholischen Kirche: "Unglauben" (infidelitas). Besonders die mittelalterlichen Intellektuellen pflegten auf der Basis der Philosophie "Unglauben" bis hin zum Atheismus und Pantheismus (Averroisten; Epikuräer; Leugnung der Unsterblichkeit der Seele, der Hölle usw., Leugnung christlicher [christologischer, mariologischer] Dogmen [auch Transsubstantiation, auch Wunder von Heiligen]; fatum und Fortuna als [göttliche?] Wirkmächte [ab 12. Jahrhundert]; Astrologie und die Wirkmacht der Gestirne; Zweifel und Gottesbeweise; Gerbert von Aurillac [†1003, Fortuna], Guido Calvacanti [13. Jahrhundert, 2. Hälfte], Siger von Brabant [†1284]); dabei half das Wissenschaftskonstrukt der "doppelten Wahrheit", d.h. der "philosophischen Wahrheit" secundum rationem und der "theologischen Wahrheit" secundum fidem (Verdammung des Systems der "doppelten Wahrheit" auf dem 5. Laterankonzil [1513]). Auch bei mittelalterlichen Laien findet sich "Unglauben", so der (vermeintliche?) Atheismus des Grafen Johann von Soissons (bei Guibert von Nogent [†ca.1125/30]), Kaiser Friedrichs II. (1212-1250; "Moses, Jesus, Mohammed als Betrüger"), König Manfreds von Sizilien (†1266; Epikurismus) oder der Barbara von Cilli (†1451; Ehefrau Kaiser Sigismunds [1410-1437]), weiter der Skeptizismus von Medizinern (Nicoletto Vernia [†1499]), die Areligiosität von Dichtern (Folgòre da San Gimignano [ca.1310], Fabliaux; Ritterepos Morgante [Weltsicht des Riesen Margutte]; Rosenroman [Idolatrie einer Frau]), die Obszönitäten von Künstlern in Kunstwerken (Buchminiaturen [Stundenbücher] und Gemälde) und das religiöse Desinteresse bzw. der religiöse "Unverstand" beim "Volk". Dabei beeinflussten außereuropäische Kontakte des christlichen Abendlands (Islam, Kreuzzüge, Heidentum) und innereuropäische Häresien zweifelsohne den "Unglauben", ebenso die zunehmende Unabhängigkeit der Intellektuellen von Kirche und Glauben (Stadtkultur). "Unglauben" wurde im Mittelalter in Jenseitsvorstellungen (der Hölle) und ikonografisch (infidelitas des Giotto [14. Jahrhundert, Anfang]) thematisiert; auch die Reaktion von Kirche und Inquisition auf "Unglauben" spielte eine wichtige Rolle (Verfolgung und Verurteilung von Geistlichen und Laien). Insgesamt offenbart sich für das Mittelalter eine Spanne von Mentalitäten zwischen "blinder Gläubigkeit" und "kritischem Atheismus". [Buhlmann, 11.2014]

Dinzelbacher, Peter, Bauer, Dieter R. (Hg.) (1990), Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart, Ostfildern 1990 > H Heilige des Christentums

Dionysius Areopagita, Die Engel-Hierarchie. Der Ursprung der christlichen Engel-Lehre, eingel. v. Johannes Clausner u. übers. v. Walther Tritsch (1955), München 1955, Nachdruck Amerang 2010, 139 S., € 11,95. (Pseudo-) Dionysius Areopagita ist ein anonymer griechischer Autor, der im 5./6. Jahrhundert n.Chr. (476/518/28) auf der Grundlage der neuplatonischen Schriften des spätantiken Philosophen (†485) christlich-religiöse Werke mystischen Inhalts verfasste, darunter das Werk "von der himmlischen Hierarchie". (Pseudo-) Dionysius, den das Mittelalter mit dem im biblischen Neuen Testament erwähnten Dionysius Areopagita identifizierte, beschreibt in seiner "Engelhierarchie" im Rahmen der "negativen Theologie" eines von der Schöpfung entrückten Gottes "jenseist der Gegensätze" eine "mystische Theologie" der Mediatation uns Ekstase (unio mystica), der Hingabe und Annahme durch den Gläubigen. In diesem Zusammenhang beleuchtet (Pseudo-) Dionysius das wesen und die Hierarchie der biblischen Engel, die zu Gott hinführen ("geistlicher Pfad"), als "heilige (Rang-) Ordnung" aus Triaden (1. Triade: Seraphim, Cherubim, Throne; 2. Triade: Herrschaften, Mächte, Gewalten; 3. Triade: Fürstentümer, Erzengel, Engel), die das "Licht" Gottes an den in mystischer Versenkung Begriffenen "herabtragen". [Buhlmann, 03.2017]

Diss. = Dissertation

DJb = Düsseldorfer Jahrbuch. Beiträge zur Geschichte des Niederrheins

Dobras, Werner (1992), St. Johannes Baptist in Hagnau am Bodensee: romanisch - spätgotisch - barock, in: Schönes Schwaben 1 (1992), S.16-23. I. Der Ortsname "Hagnau" bezieht sich wohl auf auf den Hag als umfriedetes Areal. Erstmals tritt (ein welfisches) Hagnau zum Jahr 1010 als Güterort des damals von Herzog Welf II. (-1030) gestifteten Klosters Weingarten in Erscheinung. Im hohen Mittelalter war in Hagnau welfische Ministerilität vertreten, es gab im 12. und 13. Jahrhundert einen Hagnauer Ortsadel (1152, 1233). Das pfarrkirchlich von Weingarten abhängige Hagnau wurde um 1220 selbst Mittelpunkt einer Pfarrei, zu 1260 bzw. 1265 ist Besitz der Johanniterkommende Überlingen am Ort bezeugt, zu 1275 war ein Heinrich in Hagnau Kirchherr. Auch Besitz des Konstanzer Bischofs war in Hagnau vorhanden (1285 Verkauf des Münchhofs an das Kloster Salem 1285), später wurde die Pfarrei Hagnau dem Bistum inkorporiert. Zudem gab es im 15. Jahrhundert Besitz des Deutschen Ordens in Hagnau (1445). Die Herrschaft über den befestigten Ort übten bis zum Jahr 1371 die Schenken von Ittendorf aus, danach Elisabeth von Hohenfels und Burkhard von Ellerbach, der die Ortsvogtei an die Reichsstadt Überlingen verkaufte (1432). Die Ortsvogtei sollte 1650 von Überlingen an das Kloster Einsiedeln, Besitz und Niedergericht 1673, die Vogtei vor 1779 an das Kloster Weingarten übergehen. Zwischen 1803 und 1806 war Hagnau nassau-dillenburgisch, danach badisch. II. Ins hohe Mittelalter zurück verweisen die romanischen Bauteile der Hagnauer Kirche St. Johannes Baptist, u.a. das Untergeschoss des ansonsten spätgotischen Kirchturms. Das gotische Kirchenschiff wurde im 18. Jahrhundert (1729?) durch ein barockes ersetzt, der gotische Chor damals erweitert. Das Barock erfasste auch die Inneneinrichtung des Gotteshauses (Altäre, Tafeln der Rosenkranzbruderschaft, Kanzel von 1683, Epitaphe), die im 19. Jahrhundert weitgehend durch eine neugotische Ausstattung weitgehend ersetzt wurde (Altäre, Glasfenster, Chorausmalung; Wendelinskapelle 1881; neugotisches Netzrippengewölbe des Chors). Ins Mittelalter gehören eine schwäbische Muttergottes (ca.1460), eine Pietàfassung (15. Jahrhundert, Ende), ein Tabernakelrelief (15. Jahrhundert). [Buhlmann, 12.2016]

Dohrmann, Wolfgang (1985), Die Vögte des Klosters St. Gallen in der Karolingerzeit (= Bochumer historische Studien. Mittelalterliche Geschichte, Nr.4), Bochum 1985 > S St. Gallen

Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992), Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne Zeitrechnungen, München-Wien 1992 > Z Zeit

Dollinger, Philippe (1966), Die Hanse (= KTA 371), Stuttgart 31976, 606 S., Karten , DM 25,-. Für den norddeutschen Raum wurde im späten Mittelalter die Hanse als Wirtschaftsorganisation der Kaufleute und der Städte bedeutsam. Beginnend im 12. Jahrhundert mit den Fahrtgemeinschaften von Kaufleuten ("Hansen", Gotlandfahrer), beginnend auch mit dem Aufstieg Lübecks ("Haupt der Hanse") zur erfolgreichen Handelsmetropole nicht nur des Ostseeraums, entwickelte sich im späten Mittelalter die Städtehanse als Zusammenschluss zahlreicher niederrheinisch-westfälisch-norddeutscher, niederländischer und preußisch-livländischer Städte (Dortmund, Köln, Lübeck, Magdeburg als Vororte [von Dritteln, Vierteln]), die den Schutz ihrer Kaufleute garantierten und alsbald den Wirtschaftsraum von Nord- und Ostsee beherrschten. Über die großen Hansekontore Bergen ("Deutsche Brücke"), Brügge, London ("Stalhof") und Novgorod ("Petershof") lief der Handel der Hansekaufleute mit Waren (Hering, Stockfisch, Pelze, Häute, Wachs, Bauholz, Wolle, Tuche, Leinwand, Metallwaren, Glas, Papier, Wein, Bier, Salz, Eisen, Zinn, Kupfer, Silber) zu Wasser (See- und Binnenschifffahrt [Organisation, Navigation, Häfen, Stapel, Warenlagerung]; Schiffe [Kogge, Holk]) und zu Lande (Landtransport [Transportwesen, Straßen, Geleit, Zölle]; Karren [vierrädrig, zweirädrig]). Zur Durchsetzung ihrer Interessen (Handelsprivilegien) schreckte die Hanse auch vor Kriegsführung nicht ab (Kölner Konföderation [1367/85] und Stralsunder Frieden [1370]; Englandkonflikt [1469/74] und Frieden von Utrecht [1474]). Umgekehrt war die Hanse von kriegerischen Auseinandersetzungen (Kaperkrieg der Vitalienbrüder [ab 1390]), waren viele Hansestädte als Territorialstädte von ihren Landesherren bedroht (hansische Tohopesaten und Landesherrschaften; Einbindung Braunschweigs in die Landesherrschaft 1671); nur wenige Hansestädte waren Reichs- oder freie Städte (Dortmund, Köln, Lübeck). Der Aufstieg der holländischen Kaufleute und der englischen merchant adventurers, die Entwicklung der Territorialstaaten und der Territorien sowie das Aufkommen süddeutscher Kaufleute (Fugger, Welser; europäisches Fernhandelssystem der frühen Neuzeit) führten am Ende des Mittelalters zum Niedergang der Hanse, trotz Reorganisationsbemühungen in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, der Beibehaltung der Hansekontore Antwerpen, Bergen und London und der Behauptung der Hanse im Westfälischen Frieden (1648). Der letzte Hansetag der noch nicht "abgedankten und abgeschnittenen" Städte (als politisches Beschlussgremium der Hansestädte) fand im Jahr 1669 statt. [Buhlmann, 09.1993]

Donaueschinger Passionsspiel: Das Donaueschinger Passionsspiel, hg. v. Antonius H. Touber (1985) (= RUB 8046), Stuttgart 1985, 350 S., DM 11,50. Als Donaueschinger Passionsspiel wird eine Handschrift des 15. Jahrhunderts aus der Fürstlich-Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen bezeichnet, die die Passion von Jesus Christus in ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang darstellt. Die Papierhandschrift, 31,5 cm hoch, 10,5 cm breit, umfasst 88 Seiten. Die Sprache des Passionsspiels ist ein spätmittelalterliches Alemannisch, den lateinischen Liedern wurden Musiknoten beigegeben. Der Text des Passionsspiels wurde in schwarzer, die Regieanweisungen in roter Tinte geschrieben. Dem Passionsspiel liegt eine unzulängliche Bühnenskizze bei, der Donaueschinger bzw. Villinger Bühnenplan. An mehreren Schauplätzen einer Simultanbühne (am Markt oder Kirchplatz) muss demnach unter Teilnahme der Zuschauer eine parallele Simultanhandlung stattgefunden haben: Bekehrung der Maria Magdalena, Heilungswunder Jesu Christi (u.a. die Auferweckung des Lazarus), Tempelreinigung, Einzug Christi in Jerusalem, Verrat des Judas (1. Aufführungstag), Abendmahl und Fußwaschung, Verwurteilung Jesu Christi, Kreuzigung, Kreuzabnahme und Begräbnis, Auferstehung und Höllenfahrt Christi, Verkündigung der Auferstehung (2. Aufführungstag). [Buhlmann, 10.2007]

Dorestad, frühmittelalterlicher Handelsplatz im Rheinmündungsgebiet: Das niederländische Dorestad, heute Wijk bei Duurstede, gelegen an Rhein (Krummer Rhein) und Lek, wird auf Münzen des 7. und 8. Jahrhunderts bezeichnet als DORESTATE, DORESTATI, DORESTAT, DORESTATO bzw. DORESTATVS, in der schriftlichen bis ab-schriftlichen Überlieferung des früheren Mittelalters als Dorostate(s) (Geograf von Ravenna), Dorstet (Bonifatiusvita des Willibald), Dorestad(e, io, o) (in Urkunden fränkischer Herrscher) und Dorestadum bzw. Dorestatum (in der frühmittelalterlichen Annalistik). Der Verortung Dorestads im Niederrheinland und im "Gebiet der Friesen" entspricht die Randlage des Handelsortes im Frankenreich bis in die Karolingerzeit hinein. In der Spätantike gehörte der Raum um Dorestad, wie die Reste zweier römischen Siedlungen westlich davon vermuten lassen, noch zum römischen Reich. Archäologische Funde des 5. und frühen 6. Jahrhunderts zeigen eine weitere Besiedlung in nachrömischer Zeit an. Dorestad gehörte zeitweise zum merowingischen Frankenreich, wie Münzen (mit Nennung der Münzmeister Rimoaldus und Madelinus) wohl aus dem Zeitraum zwischen 630 und 650 belegen. Der Ort war damals folglich Münzstätte und Handelsort, wohl auch mit einer Kirche versehen; wahrscheinlich hatte der Merowingerkönig Dagobert I. (623/29-639) Dorestad von den Friesen erobert. Wohl kurz nach der Mitte des 7. Jahrhunderts wurde die Siedlung wieder friesisch. Der fränkische Hausmeier Pippin der Mittlere (687-714) besiegte um 690/95 die Friesen in einer Schlacht "bei der Burg, die Dorestad heißt", wobei das in den Metzer Annalen genannte castrum Duristate durchaus eine ehemalige römische Limesfestung gewesen sein könnte. Dorestad blieb in der Folgezeit weitgehend fränkisch. Dabei sahen das letzte Viertel des 7. und das 8. Jahrhundert eine Siedlungsverlagerung bzw. Siedlungsausweitung hin zum karolingischen Handelsplatz. Das merowingerzeitliche Dorestad lag wahrscheinlich unmittelbar an der Gabelung von Lek und (Krummen) Rhein im Bereich des heutigen Wijk bei Duurstede, der karolingerzeitliche Ort orientierte sich auch am Lauf des Rheins. Das Dorestad des 8. und 9. Jahrhunderts war eine Siedlungsagglomeration, die neben dem erwähnten castrum noch aus einer Kaufleutesiedlung bei der "Burg", einer Handwerkersied-lung am Rhein und einer villa non modica (einer "nicht unbedeutenden Siedlung") nordwestlich davon bestand. Im castrum an Lek und Rhein stand die in die Merowingerzeit zurückreichende Kirche, die Upkirika ("Oberkirche"). Beim castrum siedelten Händler, die auch unter dem Schutz des Utrechter Bischofs standen. Bei der Kaufleutesiedlung, deren Entstehen um die Mitte des 7. Jahrhunderts veranschlagt wird, befanden sich Zollstelle und Münzstätte; auch ein Gräberfeld konnte nachgewiesen werden. Die Handwerkersiedlung im Norden erstreckte sich von Süd nach Nord am Westufer des Rheins über eine Länge von einem Kilometer bei einer Breite von 200 bis 500 Metern. An die Handwerkersiedlung schloss sich nach Nordwesten wahrscheinlich die villa non modica an, in die sich im Jahr 863 Friesen vor dem Angriff der Normannen auf Dorestad flüchteten. Der Handelsort Dorestad unterlag ungefähr ab den 830er-Jahren schwerwiegenden politischen und wirtschaftlichen Veränderungen; der Ort wurde wiederholt durch Angriffe der Normannen heimgesucht (834-837, 847, 850, 863). Es wäre aber zu kurz gegriffen, den Niedergang Dorestads nur auf die politischen Unwägbarkeiten im Zusammenhang mit der inneren und äußeren Krise des Frankenreichs zurückzuführen. Es zeigen sich nämlich auch Veränderungen beim Handel selbst, der, was Dorestad anbetrifft, regionaler wurde, vielleicht auch Ergebnis der politischen Teilungen des fränkischen Gesamtreichs. Zudem spielten geografische Faktoren durch die Verlagerung des (Krummen) Rheins eine Rolle. Im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts war auf alle Fälle der Handelsplatz Dorestad schon untergegangen. In einer Urkunde des ostfränkischen Königs Otto I. des Großen (936-973) von 948 taucht dann der Ort Wijk (bei Duurstede) auf.
An Literatur zu Dorestad seien genannt: Prummel, Wietske (1983), Excavations at Dorestad 2: Early Medieval Dorestad. An Archaeozoological Study (= Nederlandse Oudheden 11), Amersfort 1983, 273 S., Abbildungen, Karten, Pläne; Van Es, W.A., Verwers, W.J.H. (Hg.) (1980), Excavations at Dorestad 1: The Harbour: Hoogstraat I (= Nederlandse Oudheden 9), Amersfort 1980, 319 S., Abbildungen, Karten, Pläne; Willemsen, Annemarieke, Kik, Hanneke (Hg.) (2010), Dorestad in an international framework. New research on centres of trade and coinage in Carolingian times, Turnhout 2010, 214 S., Abbildungen, Karten, Pläne. [Buhlmann, 10.2014]

Drabek, Anna M. (1970), Der Merowingervertrag von Andelot aus dem Jahre 587, in: MIÖG 78 (1970), S.34-41. Der Geschichtsschreiber Gregor von Tours (†594) überliefert zum 28. November 587 [586] den Vertrag von Andelot als einzigen auf überlieferten Vertrag (pactio) zwischen Merowingerkönigen des Frankenreichs. Die Übereinkunft war Ausfluss der Teilungspraxis im Merowingerreich und muss vor dem Hintergrund der Beseitigung Gundowalds (585) sowie einer abgewendeten adligen Verschwörung gegen Childebert II. (575-596; 587 [586]) gesehen werden. Die Merowingerkönige Gunthramn (561-592) und Childebert II. sowie die Regentin Brunichild (†613) und die Großen des Reichs einigten sich durch gegenseitige Eide zunächst über die territoriale Abgrenzung des frankoburgundischen und des Metz-Reimser Teilreichs hinsichtlich der strittigen Gebiete des ehemaligen (Pariser) Charibertreichs (Charibert I., 561-567) - u.a. erhielt Gunthramn Paris, während Childebert wieder in Aquitanien vertreten war - und der Mitgift der ermordeten Galaswintha (†569/70), die nun ihrer Schwester Brunichild zustand, wobei zunächst nur die civitas Cahors an die Regentin des östlichen Teilreichs gelangte. Weiterhin beinhaltete der Vertrag eine erbrechtliche Regelung, wonach der überlebende König im Ostreich bzw. in Frankoburgund jeweils die Herrschaft im anderen Reich übernehmen sollte, wenn dies über keinen Herrscher verfügte. Schließlich stimmten die Vertragspartner in eine Amnestie für die Großen überein, die im Bürgerkrieg die Fronten gewechselt hatten. Über die "Außenpolitik" des Frankenreichs bzgl. Westgoten und Langobarden wurde hingegen keine Einigung erzielt. Der Vertrag von Andelot schuf mit den austroburgundischen Machtblock, der in Gegensatz zum Neustrien König Chlothars II. (584-629) die fränkische Politik der folgenden Jahrzehnte bestimmen sollte. [Buhlmann, 04.1989]

Dresen, A[rnold] (1913/14), Ein Ratinger Meßbuchcodex aus dem 12.-13. Jahrhundert (Cod. lat. 10075 der Königl. Hof- und Staatsbibliothek zu München), in: DJb 26 (1913/14), S.1-34 > Lateinische Literatur > R Ratinger Memorienbücher, Ratinger Messbuchcodex

Dresen, A[rnold] (1916), Beda Venerabilis und der älteste Name von Kaiserswerth, in: DJb 28 (1916), S.211-218 > K Kaiserswerth

Dresen, Arnold (1928), Memorien des Stiftes Gerresheim, in: DJb 34 (1928), S.155-179 > G Gerresheim

Dresen, Arnold (1929), Die Feier der Hochfeste in der Stiftskirche zu Gerresheim, in: AHVN 115 (1929), S.205-219 > G Gerresheim

Dresen, Arnold (1929), Grab und Kapelle des seligen Gerrikus in Gerresheim, in: Bergisch-Jülichsche Geschichtsblätter 6 (1929), S.9f > G Gerresheim

Dresen, Arnold (1933), Die Säkularisation des Stiftes Gerresheim und ihre Auswirkungen, in: AHVN 123 (1933), S.98-135 > G Gerresheim

Dreyer, Boris (2011), Polybios. Leben und Werk im Banne Roms, Darmstadt 2011 > P Polybios

Drinkwelder, Otto (1916), Das Rüeggisberger Chartular aus dem Jahr 1425, in: SMGB 37 (1916), S.64-82 > R Rüeggisberg

Droege, Georg (1961), Pfalzgrafschaft, Grafschaften und allodiale Herrschaften zwischen Maas und Rhein in salisch-staufischer Zeit, in: RhVjbll 26 (1961), S.1-21 > E Ezzonen

Droste, Heiko (Bearb.) (2000), Schreiben über Lüneburg. Wandel von Funktion und Gebrauchssituation der Lüneburger Historiographie (1350 bis 1639) (= VHKNB 195), Hannover 2000, 488 S., Editionen, Handschriftenverzeichnis, Stemma, € 15,-. I. Die Stadt Lüneburg verdankt ihre Entstehung um 1200 dem Zusammenschluss der Siedlungskerne Saline, Kalkberg und Modestorp (evtl. nach der Zerstörung Bardowicks durch Herzog Hienrich den Löwen 1189). Burmeister und urkundlich 1239 erstmals bezeugter Rat werfen ein Schlaglicht auf die sich herausbildende Bürgergemeinde, deren Reichtum sich der Saline (Salzpfannen, Sülchmeister) und der Schifffahrt auf der Ilmenau (Handel, Stapel) verdankte. In spätem Mittelalter und früher Neuzeit genoss Lüneburg teilweise eine weitgehende Unabhängigkeit von den welfischen Herzögen von Braunschweig-Lüneburg (Lüneburger Privilegien [Ottonianum von 1247, Sate als Landfriedensbündnis von 1392, Vertrag von 1562]). II. Vor dem Hintergrund einer sich in Rat (Stadtschreiber) und Bürgerschaft entwickelnden Schriftlichkeit entstand in Lüneburg eine breitgefächerte Historiografie, deren Ausgangspunkt die Geschehnisse beim Lüneburger Erbfolgekrieg (1369-1374), beim Satekrieg (1392-1406) und beim Lüneburger "Prälatenkrieg" (1446-1462) bildeten. Folgende niederdeutsche Lüneburger "Chroniken" können dann ausgemacht werden: a) Nikolaus Floreke, Chronik zum Lüneburger Erbfolgekrieg (1370/74); b) "Satechronik" (14. Jahrhundert, Ende); c) Lüneburger Chronik bis 1414; d) Heinrich Lange, "Chronik" und Denkschriften (1453/56, 1461); d) Dirick Döring, "Historia" (n.1460); e) "Anonyme Chronik zum Prälatenkrieg" (ca.1460); f) "Anonyme Chronik zum Prälatenkrieg" (ca.1462); g) "Anonymus-Chronik zum Prälatenkrieg" (1476); h) Lieder zum "Prälatenkrieg" (n.1462); i) "Kompilation zum Prälatenkrieg" (Tzerstede-Codex, weit n.1462); j) Fortsetzung der Lüneburger Chronik bis 1466 (ca.1500); k) Lieder zur Reformation (1530); l) Johann Döring, Bericht zur Reformation in Lüneburg (1533); m) Johannes Deghener, Denkschrift zum "Prälatenkrieg" (1547); n) Johannes Deghener, Bewertung der Lüneburger Reformation (1547); o) "Anonyme Chronik zur Reformation" (n.1555); p) Jakob Schomaker, Chronik (v.1562); q) Lucas Lossius, Lunaeburga Saxoniae als Städtelob (Lüneburger Luna-Geschichte, 1562/66); r) Thomas Mawer, Lüneburger Städtelob (1567); s) Jürgen Hammenstede, Erste Chronik (ca.1567/74); t) Jürgen Hammenstede, Zweite Chronik (ca.1575/90); u) Forsetzungen der Lüneburger Chronik (16. Jahrhundert, Ende); v) Leonhard Elver, Bewertung der Lüneburger Reformation (ca.1610); w) Leonhard Elvers, Discursus historico-politicus de statu rei publicae Luneburgensis (1606/31); x) Anonyme Denkschrift zum Lüneburger Ratsregiment (1636). III. Die Lüneburger "Stadtchronistik" entwickelte sich als historiografisch nicht klar abgrenzbare Gattung (Relation als Vorform der Geschichtsschreibung) im politisch-sozialen Spannungsfeld zwischen Rat und Öffentlichkeit (Elite und Honoratioren; "Sitz im Leben"), zwischen Recht und Geschichtsschreibung, zwischen mündlicher Symbolik und schriftlicher Überlieferung. Als Höhepunkt Lüneburger Geschichtsschreibung kann die chronologisch aufgebaute, gut strukturierte Chronik Jakob Schomakers gelten. Ziel der Historiografen war es, Erinnerungen an historisches Geschehen (Rechtstexte, Lieder, Riten, Daten) zu bewahren (Sicherung, Verfestigung) und so aus der Vergangenheit die Gegenwart der Stadt Lüneburg erklärbar zu machen. [Buhlmann, 07.2014]

Drücke, Simone (2001), Humanistische Laienbildung um 1500. Das Übersetzungswerk des rheinischen Humanisten Johann Gottfried (= Palaestra, Bd.312), Göttingen 2001, 490 S., € 7,40. Der Humanist Johann Gottfried aus Odernheim am Glan (*ca.1430-†n.1507/1515?) studierte zwischen 1456 und 1465 an der Universität Heidelberg mit dem Abschluss eines magister artium. 1469 war er Kanoniker an der Stiftskirche von Oppenheim und Visitator des dortigen Franzikanerklosters. Zusätzlich besaß er zwei Pfründen in Rockenhausen und Mosbach. Gottfried unterhielt Kontakte zu der in Oppenheim ansässigen Adelsfamilie Dalberg; wahrscheinlich unterrichtete er Johann von Dalberg, den späteren Wormser Bischof (1482-1503), und dessen Bruder Friedrich (†1507). Kontakte bestanden auch zum Heidelberger Humanistenkreis (sodalitas litteraria Rhenana) und zu dem Benediktinergelehrten Johannes Trithemius. Bekannt wurde Gottfried durch seine lateinisch-frühneuhochdeutsche Übersetzungstätigkeit antiker und humanistischer Werke: Cicero, De fato; Cicero, Paradoxa Stoicorum; Cicero, Cato maior de senectute; (Ps.-) Sallustii in Ciceronem et invicem invectivae; Cicero, Somnium Scipionis; (Ps.-) Aristoteles, Oeconomica I; Leonardo Bruno, Isagogicum moralis disciplinae; Lukian, Calumniae non temere credendum; Cosma Raimondi, Defensio Epicuri; Livius, Ab urbe condita IV, XXX; Lukian, Charon; Isokrates, De regni administratione ad Nicoclem; (Ps.-) Isokrates, Praecepta ad Demonicum (gemäß der Sammelhandschrift Berlin ms.germ.qu.1477 neben den Handschriften Heidelberg cod.pal.germ.451 und 469 sowie dem Druck "Beschirmung Epycuri" von ca.1522). Den Übersetzungen sind Widmungsbriefe an Friedrich von Dalberg vorangestellt, die das Bemühen Gottfrieds um die Weitergabe antiker Kultur, Literatur und Philosophie erkennen lassen. Gottfried benutzte als Vorlage für seine Übersetzungen entsprechende lateinische Texte bzw. durch Humanisten wie Rudolf Agricola ins Lateinische übersetzte griechische Texte aus (meist nicht identifizierbaren) Handschriften und Inkunabeln. Seine Übersetzungstätigkeit beruhte auf der Nachahmung (imitatio) des Lateinischen bei Vermittlung eines verständlichen Textsinns (Lexik: frühneuhochdeutscher Wortschatz, Fremdwörter aus dem Lateinischen und dem Griechischen, Eigennamen, variatio bei Begriffen; Syntax: Satzaufbau, Grammatik; Übersetzungsfehler; Kürzungen und Zusätze; Paraphrasen). Die Übersetzungen wenden sich damit moralisch-didaktisch gerade an ein Laienpublikum. Die Auswahl der übersetzten Texte - von acht antik-römischen, vier antik-griechischen und drei humanistischen Autoren - erfolgte nach moralphilosophischen Gesichtspunkten (Individualethik, Ökonomie und Politik nach Aristoteles). Zusammen ergeben die übersetzten Texte in der Sammelhandschrift Berlin ms.germ.qu.1477 einen humanistisch-deutschen Fürstenspiegel. [Buhlmann, 08.2011]

dtv = Deutscher Taschenbuch Verlag

dtv-Atlas, dtv-Atlanten enthalten neben den eine Thematik ausführenden Texten (rechte Seiten: Texte) Texte erläuternde Abbildungen, Pläne oder Karten (linke Seiten des jeweiligen Buchs: Tafeln). Historische Themen behandeln insbesondere: Kinder, Hermann, Hilgemann, Werner (1964/66), dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Karten und chronologischer Abriss, 2 Bde., Bd.1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution (= dtv 3001), München 81972, DM 7,80, Bd.2: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart (= dtv 3002), München 81973, DM 8,80, zus. 613 S., Tafeln mit Farbkarten und Farbplänen, weiter: Müller, Werner, Vogel, Günther (1974/81), dtv-Atlas zur Baukunst. Tafeln und Texte, 2 Bde., Bd.1: Allgemeiner Teil. Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz (= dtv 3020), München 1974, DM 12,80, Bd.2: Baugeschichte von der Romanik bis zur Gegenwart (= dtv 3021), München 1981, DM 15,80, zus. 600 S., Tafeln mit Farbkarten und Farbplänen, Schlosser, Horst Dieter (1983), dtv-Atlas zur deutschen Literatur. Tafeln und Texte (= dtv 3219), München 21985, 305 S., Tafeln mit Farbkarten und Farbplänen, DM 16,80, weiter historische Hilfswissenschaften betfreffend: König, Werner (1978), dtv-Atlas zur deutschen Sprache. Tafeln und Texte. Mit Mundartkarten (= dtv 3025), München 1978, 247 S., Tafeln mit Farbkarten, DM 14,80, Kunze, Konrad (1998), dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet (= dtv 3266), München 52004, 255 S., Tafeln mit Farbkarten, € 15,-, weiter die Verortung des Menschen in Kosmos, Geografie und Umwelt betreffend: Heinrich, Dieter, Hergt, Manfred (2006), dtv-Atlas Erde. Physische Geographie (= dtv 3329), München 2006, 319 S., Tafeln mit Farbkarten und Farbplänen, € 24,50, Heinrich, Dieter, Hergt, Manfred (1990), dtv-Atlas zur Ökologie. Tafeln und Texte (= dtv 3228), München 1990, 283 S., Tafeln mit Farbabbildungen, DM 19,80, Hermann, Joachim (1973), dtv-Atlas zur Astronomie. Tafeln und Texte. Mit Sternatlas (= dtv 3006), München 1973, 287 S., Tafeln mit Farbkarten, DM 9,80, weiter den Menschen betreffend: Benesch, Hellmuth (1987), dtv-Atlas zur Psychologie. Tafeln und Texte, 2 Bde., Bd.1 (= dtv 3224), München 1987, DM 16,80, Bd.2 (= dtv 3225), München 1987, DM 16,80, zus. XV, 506 S., Tafeln mit Farbabbildungen, Haller, Dieter (2005), dtv-Atlas Ethnologie (= dtv 3259), München 2005, 307 S., Tafeln mit Farbabbildungen, € 19,50, schließlich auch auf die menschliche Evolution Bezug nehmend: Vogel, Günther, Angermann, Hartmut (1967/68), dtv-Atlas zur Biologie. Tafeln und Texte, 2 Bde. Bd.1 (= dtv 3011), München 81974, DM 8,80, Bd.2 (= dtv 3012), München 71974, DM 8,80, zus. XVIII, 570 S., Tafeln mit Farbabbildungen. [Buhlmann, 1973-1974, 03.2015]

dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, hg. v. Martin Broszat u. Helmut Heiber, spannt den geschichtlichen Bogen vom Ersten Weltkrieg (1914-1918), über Zwischenkriegszeit (1918-1939) und Zweitem Weltkrieg (1939-1945) bis zur West-Ost-Teilung der Welt vor dem Hintergrund von kapitalistischer und kommunistischer Weltwirtschaftsordnung, von den Vereinigten Staaten von Amerika über Europa und die Sowjetunion bis zu Fernem Osten und "Dritter Welt".
Im Einzelnen sind im Rahmen dieser Weltgeschichte erschienen: Bd.1 (1966): Herzfeld, Hans, Der Erste Weltkrieg (= dtv 4001), München 51979, 370 S., DM 6,80; Bd.3 (1966): Heiber, Helmut, Die Republik von Weimar (= dtv 4003), München 151982, 282 S., DM 6,80; Bd.4 (1966): Nolte, Ernst, Die faschistischen Bewegungen (= dtv 4004), München 51975, 333 S., DM 6,80; Bd.5 (1969): Graml, Hermann, Europa zwischen den Kriegen (= dtv 4005), München 51982, 402 S., DM 9,80; Bd.7 (1966): Angermann, Erich, Die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1917 (= dtv 4007), München 61978, 294 S., DM 6,80; Bd.11 (1966): Vogelsang, Thilo, Das geteilte Deutschland (= dtv 4011), München 71976, 406 S., DM 7,80; Bd.12 (1980): Loth, Wilfried, Die Teilung der Welt 1941-1955 (= dtv 4012), München 1980, 354 S., DM 12,80. [Buhlmann, 03.2015]

Duby, Georges (1981), Der heilige Bernhard und die Kunst der Zisterzienser (= Fischer Wissenschaft 10727), Frankfurt a.M. 1991 > Z Zisterzienser

Duchhardt, Heinz (2013), Der Wiener Kongress. Die Neugestaltung Europas 1814/15 (= BSR 2778), München 2013, 128 S. Schwarzweißabbildungen, € 8,95. Der Wiener Kongress tagte nach Napoleons Niederlage und Verbannung nach Elba, nach dem 1. Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 von Oktober 1814 bis Juni 1815 in Wien, der Hauptstadt der Habsburgermonarchie und damals drittgrößten Stadt Europas. Regenten und Gesandte, allen voran Zar Alexander I., Kaiser Franz I. von Österreich, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Fürst Metternich, Fürst Talleyrand, Graf Hardenberg u.a., beschlossen in mehrmonatigem politischen Ringen in Gremien und Konferenzen, auf Festen und beim Tanz die Neuordnung Europas in Bezug auf: Gleichgewicht der europäischen Mächte Russland, Preußen, Österreich-Ungarn, Frankreich und England, Handelsfreiheiten (Schifffahrt auf dem Rhein u.a.), Polen, Deutscher Bund (als Staatenbund, Bundesakte vom 8. Juni 1815), während für Italien keine Neuordnung erfolgte. Unter dem Eindruck der "100 Tage" Napoleons (Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815) kam der Kongress zu einem schnellen Abschluss; die Wiener Kongressakte datiert vom 9. Juni 1815. Der Kongress ging auseinander, ohne alle Fragen in Hinblick auf die Zukunft Europas gelöst zu haben. Dennoch bescherte der Wiener Kongress Europa eine längere Friedenszeit, Mitteleuropa den Deutschen Bund. [Buhlmann, 12.2013]

Dürrheim, Bad, Ort, Stadt auf der Baar, in Baden-Württemberg: Archäologisch bezeugt sind in und um Bad Dürrheim steinzeitliche Reste von Pfahlbauten sowie alemannenzeitliche Überreste von Gräbern. Zu den vor- und frühgeschichtlichen Funden zählt auch die Wallan-lage auf der "Blatthalde" (bei Bad Dürrheim-Unterbaldingen), eine Abschnittsbefestigung, die zeitlich allerdings nicht eingeordnet werden kann. Eine Urkunde des Klosters St. Gallen erwähnt zum Jahr 889 Dürrheim als Ort eines Gerichtstages (placitum), der über die Verwaltung der benachbarten Löffinger Kirche entschied. Nach 889 verschwindet Dürrheim bis zum Ende des 11. Jahrhunderts wieder aus den Geschichtsquellen; direkte Beziehungen der Mönchsgemeinschaft in St. Gallen zu Dürrheim hat es (auch von daher) wohl nicht gegeben. Erst zum Jahr 1092 erwähnt der Gründungsbericht des 1084 gegründeten Benediktinerklosters St. Georgen im Schwarzwald einen Hug de Tureheim, Angehöriger der bis zum 14. Jahrhundert bezeugten Herren von Dürrheim. Im späten Mittelalter besaß der Johanniterorden, die Johanniterkommende Villingen am Ort Besitz und Rechte. Überliefert ist zum Jahr 1280 die Übergabe von Besitz und Dürrheimer Kirche durch Walter den Esel von Dürrheim an Graf Heinrich I. von Fürstenberg (1236/37-1284); Letzterer schenkte Kirche und Kirchenpatronat eben dieser Johanniterkommende, die zudem später über Gericht und Bann in Dürrheim verfügte. Die Villinger Kommende war nur ein Grundbesitzer im Dorf, neben anderen geistlichen Institutionen wie Amtenhausen oder Salem. Dabei blieb es in der frühen Neuzeit. Nach einem württembergischen Zwischenspiel (1805/06) wurde Dürrheim Teil des Großherzogtums Baden (1806). Salzbohrungen (1822, Saline Ludwigshall) leiteten die Phase Dürrheims als Produktionsort für Kochsalz, später als Badeort ein (Solebehälter [Narrenzopf] 1825, Kindersolebad 1879). 1971 bzw. 1972 wurden die Orte Biesingen, Oberbaldingen, Öfingen bzw. Hochemmingen, Sunthausen und Unterbaldingen eingegliedert. 1974 erfolgte die Erhebung Dürrheims zur Stadt.
Zu (Bad) Dürrheim s.: Buhlmann, Michael (2015), Das Kloster St. Gallen, die Baar und Dürrheim im frühen Mittelalter (= VA 78), Essen 2015, 60 S., € 4,-; Warrle, Lydia (1990), Bad Dürrheim. Geschichte und Gegenwart, Bad Dürrheim 1990, 348 S., Abbildungen, € 2,95. [Buhlmann, 02.2015]

Duffner, Helmut, Himmler im Tunnel. Geschichten aus dem Schwarzwald, Memmingen o.J. > S Schwarzwald

Dunningen, Ort im oberen Neckarraum: Dunningen, gelegen oberhalb des Flusses Eschach im Hügelland der Muschelkalk-Ostabdachung des Schwarzwaldes, reicht bis mindestens in den Anfang des 7. Jahrhunderts n.Chr. zurück (alemannenzeitliche Frauengräber), christliche Kult- bzw. Kirchenbauten sind ab dem 7. Jahrhundert nachweisbar; der Ort wird unter dem -ingen-Toponym Tunningas erstmals in einer Urkunde des Klosters St. Gallen zum Jahr 786 erwähnt. Vielleicht gab es in Dunningen Reichsgut der ostfränkisch-deutschen Könige (902?, 905?), in jedem Fall ist Königsgut im benachbarten Seedorf nachweisbar. Im hohen Mittelalter ist Dunninger Ortsadel belegt (1222), ebenso Besitz des Schwarzwaldklosters St. Georgen (1086, 1090). Mittelalterlich sind die Burg der Herren von Kirneck bzw. von Zimmern an der Dunninger Kirche, die Burg der Herren von Burgberg an der Eschach und die südlich von Dunningen gelegene Birnburg (Bürnburg, als Ringwall). Im späten Mittelalter war Dunningen nicht nur ein bedeutender Pfarrort mit großem Pfarrsprengel (Erwähnung der Dunninger Kirche im Liber decimationis des Bistums Konstanz 1275), sondern auch ein Reichsdorf, ein auf Reichsgut gelegener Ort, mit großer Gemarkung, mit Vogt, Schultheiß und eigener Gerichtsbarkeit. Im Jahr 1435 unterstellte sich Dunningen vertraglich der Herrschaft der Reichsstadt Rottweil, die damit ihr Territorium maßgeblich nach Westen ausweiten konnte (Rottweiler freie Pürsch). In der frühen Neuzeit waren in Dunningen mehrere fromme Stiftungen und geistliche Kommunitäten begütert, u.a. die Rottweiler Heiligkreuzbruderschaft und die Kloster Rottenmünster und Wittichen. Bauern, Tagelöhner und Handwerker machten die Dunninger Bevölkerung im 17. und 18. Jahrhundert aus. Das Dorf wurde 1736 und 1786 durch Brand schwer geschädigt. Infolge der Mediatisierung fielen Dunningen und Seedorf an (das Königreich) Württemberg (1805); Dunningen wurde dem Oberamt Rottweil zugeschlagen. Im 19. und 20. Jahrhundert machte der Ort die gesellschaftlichen (Industrialisierung) und politischen Wandlungen der Neuzeit (deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Bundesrepublik Deutschland und Land Baden-Württemberg) mit. 1972 bzw. 1974 wurden die Orte Lackendorf und Seedorf nach Dunningen eingemeindet.
Zur Dunninger und Seedorfer Geschichte (des Mittelalters) s.: Buhlmann, Michael (2015), Das Kloster St. Gallen, das Königtum, der obere Neckarraum und Dunningen im frühen Mittelalter (= VA 81), Essen 2015, 64 S., € 4,-; Buhlmann, Michael (2015), Das Kloster St. Gallen, das Königtum, der obere Neckarraum und Seedorf im frühen Mittelalter (= VA 82), Essen 2015, 64 S., € 4,-. [Buhlmann, 07.2015]

Dupont, Florence (2013), Rom - Stadt ohne Ursprung. Gründungsmythos und römische Identität, Darmstadt 2013, 224 S., € 24,90. Origo bezeichnete laut Marcus Tullius Cicero u.a.) den (nicht unbedingt mit Rom identischen Herkunftsort) eines römischen Staatsbürgers. Die origo äußerte sich u.a. in den römischen Ritualen des alljährlichen Pilgerzugs der römischen Konsuln nach Lavinium (Wohnsitz der römischen Penaten) und des Luperkalienfests, während griechische Mythen und griechisch beeinflusste Mythografen die Ursprünge Roms genealogisch darstellten. Die Aeneis des Vergil (Publius Vergilius Maro) hingegen stellt - vor dem Hintergrund von Trojanern (Aeneas) und Latinern (nomen Latinum) die römische Identität bei nichtrömischer Alterität heraus ("doppelte Anderartigkeit" der origo). Römer wurde man durch Recht, nicht durch Abkunft; Römer war man im (nichtbarbarischen) imperium der humanitas. Die Origo war demgemäß römische Praxis (keine Theorie), die immer wieder durch rituelle Handlungsmuster befestigt wurde. Von daher ist es für die historische Forschung sinnlos, aus den griechischen Ursprungsmythen über Rom, der "Stadt ohne Ursprung", etwas in Erfahrung zu bringen. Dem stehen auch Geschichte und Wandel von Kultur und Gesellschaft entgegen, die - wie bei den Römern - nicht nur linear und teleologisch gedacht werden muss. [Buhlmann, 12.2013]

Dux, Günter (1992), Die Zeit in der Geschichte. Ihre Entwicklungslogik vom Mythos zur Weltzeit (= stw 1025), Frankfurt a.M. 1992, 484 S., DM 14,90. Jedes menschliche Individuum (Subjekt) hat seine eigene, anthropologisch bestimmte (historisch-genetische) Zeit, resultierend aus seinen Bedürfnissen und - daraus folgend - seinen Handlungen (kognitive Operationalität). Zeit ist die Zeit zwischen Beginn und Ende einer Handlung und deren menschliche Reflexion darüber innerhalb der von Menschen geschauten subjektiven Welt. Zeit ist damit selbstreferentiell, bezogen auf das Subjekt in seinem "Hier und Jetzt"; Zeit "fließt" dem Subjekt "zu", es entsteht eine "gegenwärtige Vergangenheit" und eine "gegenwärtige Zukunft". In Bezug auf menschliche Kulturen und Gesellschaften haben daher Mythen keine Geschichte, sind mithin ungeschichtlich, während Geschichte als Schlüssel zum Weltverständnis zunächst eine "zentrierte Handlungslogik" und damit ein Geschehen in der Zeit verlangt (kategoriale Zeit). Es ergibt sich kulturell gesehen eine Entwicklungslogik der Zeit von den Kulturen den Jäger und Sammler über die frühen (neolithischen) Bauernkulturen (beides ohne historisches Bewusstsein) zu den frühen Hochkulturen des Alten Orients und Griechenlands (mit deren festgeschriebener Organisationskompetenz in der Welt). Mit der seit den frühen Hochkulturen von den Menschen zunehmend erfassten Autonomie der Welt gegenüber dem menschlichen Subjekt löste sich die Zeit vom Geschehen, wurde abstrakt; der Chronologie von Geschichte über die "zentrierte Handlungslogik" hinaus kam hier eine besondere Rolle zu (Herodots Chronologie, Zeit ohne Werden bei Parmenides). Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kristallisierten sich im Zeitverständnis "fortgeschrittener" Kulturen heraus. Die Zeit des frühen und hohen Mittelalters folgte dabei noch hauptsächlich der Handlungslogik. U.a. mittels des mittelalterlichen christlich-kirchlich-klösterlichem Zeitverständnisses als neuer Organisationsform (Zeit und Ewigkeit, weltliche und himmlische Zeit, Metaphysik der Zeit), vornehnmlich durch die Erfindung der mechanischen Uhr bildete sich die kapitalistisch-kaufmännisch-mechanische Zeit des Spätmittelalters heraus ([mit ihrer neuen Handlungslogik des Uhrmechanismus]). Die mechanische Zeit abstrahierte die Zeit weiter, die sich von den Handlungen des Menschen loslöste. Es entwickelte sich der Begriff der Zeitdauer als Zeitkontinuum zwischen zwei Ereignissen, es entwickelte sich ein "Zeit-Raum der Geschichte", ein neues Verständnis von Geschichte; das Subjekt verliert seinen Rückhalt in der Zeit, Zeit wird ungewiss. Parallel dazu verlor die Zeit ihre metaphysische Verankerung (Nietzsches Kritik der Metaphysik), wurde Teil der Welt, der physikalischen Raumzeit. Das Konzept einer historisch-genetischen Zeit zeigen dann noch auf die Fallstudien über: das Zeitverständnis von Amazonasindianern (Macu) in Brasilien, das Zeitverständnis von Dorfbewohnern im indischen Puryhiya, die Entwicklung des Zeitverständnisses bei Kindern in der Bundesrepublik Deutschland. [Buhlmann, 04.2015]

DWG = Darstellungen aus der Württembergischen Geschichte

Intro A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z