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Rezensionen (Geschichte)
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D'Arcy Wood, Gillen (2014), Vulkanwinter 1816. Die Welt im Schatten des Tambora, Darmstadt 2015, 336 S., Schwarzweißabbildungen, € 24,95. I. Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa am 10. April 1815 war einer von einigen heftigen tropischen Vulkanausbrüchen in der Geschichte der Menschheit, die das Klima der Erde global und massiv beeinflussten. Der Ausbruch des Tambora gehört klimatisch in die zu Ende gehende "Kleine Eiszeit" (ca.1250-1850), die wahrscheinlich durch eine Reihe von Vulkaneruptionen - beginnend mit dem von 1258 - eingeleitet worden war. Die Vulkanausbrüche des Mount Kuwae (1452) und des Huaynapituna (1600) begleiteten die "Kleine Eiszeit", der Ausbruch des Krakatau (1883) steht am Ende dieser Klimaepoche. Dabei war der Ausbruch des Tambora die stärkste Eruption eines Vulkans im 2. Jahrtausend n.Chr. II. Von der Explosion des Vulkans Tambora (heutige Caldera) im April 1815 und von den Lavaströmen waren rund 560 qkm der Insel Sumbawa und das "Goldene Königreich Tambora" nebst seinen Einwohnern unmittelbar betroffen, der Ascheregen zog in westlicher Richtung bis nach Bali, Borneo und Java. Während aber die Vulkanasche alsbald abregnete, verblieb die bei der Explosion entstandene Wolke von stratosphärischen Aerosolen lange in der Atmosphäre, wo sie sich ausbreitete. Sie beeinflusste mithin in den folgenden Jahren bis 1818 das Wetter weltweit. In Europa war 1816 das "Jahr ohne Sommer", die Temperaturen, in den 1810er-Jahren sowieso schon niedrig, sanken im Durchschnitt noch weiter, Ernten konnten durch das kalte, regnerische und stürmische Wetter nicht eingebracht werden, die letzte Hungersnot (der europäischen Unterschichten) hatte Europa im Griff (Anfänge eines staatlichen Sozialwesens). Dies betraf insbesondere Irland, wo sich zudem - unter dem Verhängnis eines politischen laisser-faire - eine Fleckfieberepidemie ausbreitete. Nicht zuletzt fand die Klimakatastrophe auch ihren Niederschlag in Kunst (Gemälde Caspar David Friedrichs u.a.) und Literatur (Schriftstellerkreis um Mary und Percy Shelley, Mary Shelleys Roman Frankenstein), während Großbritannien auf Grund der durch das veränderte Klima zunehmend eisfrei werdenden Arktis wissenschaftliche Schiffsexpeditionen auf die Suche nach der Nordwestpassage schickte (John Barrow, Bernard O'Reilly, William Scoresby u.a.) und der Eis-Tsunami, der 1818 das schweizerische Val de Bagnes unter sich begrub, am Anfang von wissenschaftlichen Theorien über Gletscher und Klimawandel steht (Ignaz Venetz u.a.). In Indien und Bengalen war eine Folge der durch den Vulkanausbruch entstandenen kurzfristigen Klimaänderung das Ausbleiben des Monsuns bei drastischen Ernteausfällen, die in Bengalen zu verortende Cholera breitete sich - infolge des Klimawandels genetisch verändert - epidemisch aus und sollte innerhalb der nachfolgenden Jahrzehnte auch Europa (1830/31) und Nordamerika (1832) erreichen. In der chinesischen Provinz Yunnan lag ebenfalls die Reisproduktion darnieder, Gegenmaßnahmen des Kaiserreichs erfolgten hier ab dem Jahr 1817 (Dichtungen Li Yuyangs). Für Nordamerika kann eine Wetterverschlechterung für das Gebiet östlich der Appalachen an dem Jahr "Achtzehnhundertunderforen" (1816) nachgewiesen werden, während westlich der Gebirgskette günstiges Klima vorherrschte mit den Konsequenzen einer Westwanderung (Ohio, Missouri, Illinois) und der damit einhergehenden Bodenspekulationen (Depression 1819/22). Die unterschiedlichen Klimate in Europa und Nordamerika spielten schließlich in den damaligen (Mensch- und) Klimatheorien eine Rolle (George Louis Leclerc de Buffon, Thomas Jefferson). Vgl. Shelley, Mary (1818), Frankenstein. The 1818 Text, Contexts, Criticism, hg. v. J. Paul Hunter (1996) (= A Norton Critical Edition), New York-London 22012, 524 S., Abbildungen, $ N.N.; Shelley, Mary (1818), Frankenstein (= Penguin Popular Classics), London 1994, 215 S., £ N.N. [Buhlmann, 07.2015, 10.2016, 04.2017]

DA = Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters

Dabhoiwala, Faramerz (2014), Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution, Stuttgart 2014, 536 S., Schwarzweissabbildungen, € 29,95. An der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert kam es in Großbritannien - erkennbar bei Mittel und Oberschicht - zu einem vielfältigen Wandel in der Einstellung zur Sexualität, die bis dahin durch den mittelalterlichen Wertekanon stark bestimmt war. Eine offenere und vielfältigere Sexualität entstand vor dem Hintergrund der Epoche der Aufklärung, die Grenzen von Sexualität wurden ausgelotet, neue sexuelle Modelle erfahrbar. Dabei galt es Widerstände, Repressionen, Kontrollen und bis dahin gültige Moralvorstellungen bei öffentichen Strafmassnahmen zu überwinden. Es bildete sich eine sexuelle Freizügigkeit heraus, freilich eher für Männer, freilich eher für die Ober- und Mittelschicht, während die Rolle der Frau innerhalb der Sexualität auch neu bestimmt wurde (weibliche Sexualität, Bewertung der Prostitution, aktivere männliche Sexualität). Persönliche Freiheit im Sexuellen entsprach einer durch Aufklärung und staedtische Lebensweise bedingten moralischen Vielfalt, die mittelalterliche Autoritätsformen ersetzte. Freilich galten die Grenzen zwischen "natürlichem" und "unnatürlichem" Verhalten, zwischen Pornografie und "Anstand", zwischen Öffentlichkeit und Privatem. Damit schuf die "neue Sexualität" des 17./18. Jahrhunderts die Voraussetzungen für die moderne Sexualität (viktorianisches Zeitalter, 20./21. Jahrhundert). [Buhlmann, 08.2014]

Dahlheim, Werner (1987), Julius Caesar. Die Ehre des Kriegers und der Untergang der römischen Republik (= SP 5218), München 1987 > C Caesar

Dahlheim, Werner (2013), Die Welt zur Zeit Jesu, München 2013, 492 S., Schwarzweißabbildungen, Umschlagkarten, Karten, Zeittafel, € 26,95. Die historische Entwicklung in Mittelmeerraum und Vorderen Orient in den Jahrhunderten um Christi Geburt zentriert sich um das 1. vorchristliche und 1. nachchristliche Jahrhundert, als das römische Reich im östlichen Mittelmeerraum die Nachfolge der hellenistischen Staaten antrat. Vor dem Hintergrund der nach dem Tod König Herodes (37-4 v.Chr.) eingerichteten römischen Provinz Judäa spielte sich dann Leben und Tod des durch seine Wundertaten ausgzeichneten Wanderpropheten Jesus von Nazareth (6/4 v.Chr.-30 n.Chr.) ab; der Mythos von dessen Kreuzigung und Wiederauferstehung begründete die christliche Religion, die sich dank Aposteln und Missionaren (Petrus, Paulus) in Palästina, Syrien, Kleinasien, aber auch in den westlichen Gebieten des römischen Reiches (Rom und Mittelitalien, Nordafrika, Gallien) ausbreitete. Dabei kam der heidenchristlichen Missionierung (Paulus) eine besondere Rolle zu, während der judenchristliche Zweig der neuen Religion - angesiedelt zwischen Juden und Christen - im ausgehenden 4. Jahrhundert zu seinem Ende kam. Parallel dazu endeten jüdische Freiheitsbestrebungen in der Nachschlagung jüdischer Aufstände gegen die römische Herrschaft (66-70/73, 132-135 n.Chr.). Das Christentum entfaltete sich gegen und im römischen Reich gegen und mit heidnischer Bildung bis zum 4. Jahrhundert n.Chr. (Christenverfolgung und konstantinische Wende, Christentum und römische Gesellschaft [Kaisertum und Herrschaft, Stadt und Land, Öffentlichkeit und privates Leben, Religion und Magie]; Paulusbriefe, Evangelien, Apostelgeschichte; Häresien; christliche Religion und heidnische Literatur/Philosophie). [Buhlmann, 12.2013]

Dambach, Oskar (1904), Schramberg. Ort und Herrschaft. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Schramberg 1904 > S Schramberg

Dannenbauer, Heinrich (1953), Das Verzeichnis der Tafelgüter des Römischen Königs. Ein Stück des Testamentes Kaiser Friedrichs I., in: ZWLG 12 (1953), S.1-72 > G Göldel, Servitium regis

Dante Alighieri, Philosophische Werke in einem Band, hg. v. Ruedi Imbach (2015) (= PhB 679), Hamburg 2015, XXXVIII, 322 S., € 26,90. Der florentinisch-toskanische Dichter Dante Alighieri (*1265-†1321) hat neben seiner "Göttlichen Komödie" (1307/20) auch philosophische Werke auf Latein und Italienisch verfasst, worin eine auf den Menschen auch sprachlich zugeschnittene Beschränkug der Philosophie (ohne die Metaphysik) forderte und auch die Volkssprache als Mittel des Philosophierens einsetzte, um die Philosophie einem größeren Kreis von Menschen bekannt zu machen (Dantes Sprachphilosophie). Die nachfolgend aufgeführten Werke sind Werke des Exils, nachdem der Dichter aus Florenz verbannt wurde. In einem (lateinischen) Brief (Epistola XIII) an den Veroneser Generalvikar Cangrande della Scala (1312?/16/20) legt Dante die deutenden Grundlagen seiner "Göttlichen Komödie" (Widmung des Werkes, Bezeichnung des Werkes als Komödie, Rolle des dritten [Paradies-] Teils [Gott und die Ursachen]) dar. In der (lateinischen) "Abhandlung über das Wasser und die Erde" (Questio de aqua et terra, 1312?/16/20) philosophiert Dante über die Eigenschaften der Elemente Wasser und Erde (Lage von Wasser und Erde, Ebbe und Flut). Das (lateinische) Werk "Über die Beredsamkeit in der Volkssprache" (De vulgari eloquentia, 1304/06) analysiert die Rolle der (italienischen) Volkssprache im Zusammenhang mit menschlicher Sprache überhaupt (Buch Genesis und Sprache von Adam und Eva, Sprache als Eigenschaft des Menschen, babylonische Sprachverwirrung, Sintflut, Sprachregionen Europas, Fortentwicklung von Sprachen, italienische "Hochsprache" und "niedere" Volkssprachen); der Traktat ist unvollendet geblieben. Das "Gastmahl" (Convivio, 1304/06), gegliedert in vier Büchern, enthält eine ins Italienische übertragenen Schulphilosophie betreffend eine selbstbegrenzende Philosophie, die Infragestellung von Reichtum, das Konzept der Edelkeit und des Glücks von Menschen; das Werk ist unvollendet geblieben. > Lateinische Literatur > D Dante Alighieri [Buhlmann, 09.2015]

Das, Rahul Peter (1982/83), Einige Bemerkungen zur neuesten Deutung der Kircheninschrift aus Haan/Rheinland, in: ZBGV 90 (1982/83), S.15-33. Die Existenz einer Kapelle, eines oratorium in Haan bezeugt eine Weihinschrift aus der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts. Die Haaner Kircheninschrift hat in ihrem ersten Teil die Weihe der damaligen, heute nicht mehr vorhandenen Kirche durch den Kölner Erzbischof Wichfried (924-953) zum Inhalt; die Kirche wurde den Märtyreren Chrysanthus und Daria geweiht. Der zweite Teil der Inschrift ist dagegen immer noch unklar: Ein Personenname Aleger ist weiter nicht belegt, ein Trennungszeichen auf der Inschrift kann nicht sinnvoll interpretiert werden. Es wurden Verbindungen zur Frauengemeinschaft in Gerresheim vermutet, zumal man auf dem Friedhof der ehemaligen Pfarrkirche Frauengräber des 10./11. Jahrhunderts fand und Gerresheimer Grundbesitz in der Haaner Gegend nachzuweisen ist. Der 80 cm x 47 cm große Kalkstein ist mit 4 cm hohen Kapitalis-Buchstaben mit zahlreichen Kürzungen versehen. Schutzpatrone der Haaner Kirche waren - der Inschrift zufolge - die Heiligen Chrysanthus und Daria; Chrysantus ist zudem an der mittelalterlichen Mönchsgemeinschaft in (Mönchen-) Gladbach bezeugt, so dass Beziehungen auch zwischen Gladbach und Haan vermutet werden können. Der heute nicht mehr erhaltene Kirchenbau war eine niedrige Saalkirche, wohl mit eingezogenem Chorgeviert, die gegen Ende des 11. und in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts durch Westturm und nördliches Seitenschiff erweitert wurde. In das 10. Jahrhundert können dann die Anfänge der Kirchen von Richrath, Hilden, Haan und Elberfeld gestellt werden, eher in das 11. die von Leichlingen. Später waren Hilden, Haan und Elberfeld Filialkirchen der Pfarrkirche in Richrath. [Buhlmann, 10.1986]

Dasler, Clemens (2001), Forst und Wildbann im frühen deutschen Reich. Die königlichen Privilegien für die Reichskirche vom 9. bis zum 12. Jahrhundert (= Dissertationen zur mittelalterlichen Geschichte, Bd.10), Köln-Weimar-Wien 2001, 310 S., € 12,-. I. Der Begriff forestis, forestum u.ä. für "Forst" hängt wahrscheinlich mit germanisch First (als "Zaunwort") für "abgrenzen, umzäunen" zusammen (alternativ: mit lateinisch/romanisch foris, foras für "draußen, öffentlich"), bezeichnet mithin ein rechtlich herausgehobenes Gebiet von Wildland, meist Wald (nemus, silva), in der Nutzung insbesondere des Königs. Zu unterscheiden sind die älteren (fränkischen) Königsforste als Bannwaldforste, die dem Nutzungsvorbehalt des Herrschers unterlagen, vom jüngeren (ostfränkisch-deutschen) Wildbann als Nutzungsrecht für Jagd und Tierfang in einem Forst (als Wildbannbezirk), der auch besiedelt sein konnte. Königliche Forste als Bannwaldforste auf Reichsgut entstanden durch königliche Einrichtung und Abgrenzung, eben durch Einforstung von Waldgebieten oder unbesiedeltem Land. Jagd und Fischfang waren im Forst verboten, Rodung und Eichelmast unterlagen Beschränkungen; Aufseher (forestarii) überwachten den Forst. Rechtlich verschränkt mit dem Forst war der sog. Wildbann, der nur Jagdrecht und Tierfang beinhaltete. Die Neueinforstung infolge einer Wildbannverleihung setzte u.U. die Zustimmung von Grundbesitzern und Grundherrn voraus; Forst als Wildbannbezirk und fremder Grundbesitz schlossen sich also nicht aus, der Forst konnte somit auch über fremden Besitz ausgedehnt werden; Jagdrecht und Tierfang schränkten die Rechte anderer Grundherren nur wenig ein. Umgekehrt erweiterte der Wildbann die grundherrschaftlichen Rechte des Wildbanninhabers, ohne dass meist in konkreter Weise ein Einfluss des Wildbanns auf Rodung und Herrschaft nachzuweisen ist (Wildbann und Rodungsverbot, Wild-/Forstbann und Herrschaft). Schließlich sei noch auf die Bedeutung der Jagd als standesgemäße Beschäftigung des Adels verwiesen. II. Als einzelne Forste im früh- bis hochmittelalterlichen deutschen Reich sind dann feststellbar: bischöflicher Forst bei Augsburg (Wildbannverleihung 1059); Forst und Wildbann der Bamberger Bischöfe (Bistumsgründung 1007); Wildbann der Basler Bischöfe über den elsässischen Hardtwald (1004) und im Breisgau (1008); Lüsener Forst und Wildbann der Brixener Kirche (Wildbannverleihung 893), Brixener Wildbann im Pustertal (Grenzbeschreibung 1048), Krainer Forst der Brixener Bischöfe (Einforstungsprivileg 1040), Krainer Wildbann der Brixener Bischöfe (Wildbannverleihung 1073); Forst der Bischöfe von Cambrai (Forstverleihung 995, Wildbannbestätigung 1145, 1152); Forste der Churer Kirche im Bergell (Übertragung des Bergell 960, 988), Forst der Churer Kirche am Schollberg (Forsturkunde 1050), Forst der Churer Kirche am Rhein (Forsturkunde 1050); Forst der Eichstätter Bischofskirche (Verleihungs- und Bestätigungsurkunden 889, 908, 918, 1002), Wildbann der Eichstätter Bischöfe (Einforstungsurkunde 1053, Wildbannprivileg 1080); Virngrunder Forst des Klosters Ellwangen (Forsturkunde 1024); Forste des Frauenstifts Elten (Forsturkunde 996); Krainer Forst des Bistums Freising (973); Echzeller Wildbann des Klosters Fulda (Forsturkunde 951), Bramforst des Klosters Fulda (Forsturkunde 980), Zunderenharfforst des Klosters Fulda (Forsturkunde 1012), Lupnitzer Forst des Klosters Fulda (Forsturkunde, Abschrift vom 12. Jahrhundert, Mitte), Wildbann des Klosters Fulda (Wildbannurkunde 1059); Forste des Bistums Halberstadt (Bannurkunde 997); Wildbann der Hamburg-Bremer Kirche an der Weser (Forsturkunde 1049, 1063), Eiterbruchforst der Hamburg-Bremer Kirche (Forsturkunde 1063), Ammerländer Forst der Hamburg-Bremer Kirche (Forsturkunde 1063), Forst der Hamburg-Bremer Kirche im Wimodigau (Forsturkunde 1063), Forst der Hamburg-Bremer Kirche in zwei Grafschaften (Forsturkunde 1063), Weserberglandforst der Hamburg-Bremer Kirche (Forsturkunde 1065), Duisburger Forst der Hamburg-Bremer Kirche (Forsturkunde 1065); Forst Siburg des Klosters Helmarshausen (Forstverleihung 1013); Forst des silva Eherinenfirst des Klosters Hersfeld (Forstverleihung 1003), Wildbann super feras silvaticas des Klosters Hersfeld (Wildbannverleihung 1016); Forst und Bann der Hildesheimer Bischofskirche an der Leine (Verleihungsurkunde 1062), Wildbann der Hildesheimer Bischofskirche an Leine und Innerste (Verleihungsurkunde 1065); Wildbann des Kölner Erzbischofs (Wildbannurkunde 973), Nordeifeler Wildbann des Kölner Erzbischofs (Wildbannurkunde 1069); ius foresti der Konstanzer Kirche auf der Höri (Forst-/Wildbannurkunde 1051/69); Wildbann des Klosters Lorsch (und Ansprüche der Wormser Kirche) (Wildbannurkunde 1012); Forst der Lütticher Bischofskirche an der Maas (Verleihungsurkunde 1008), Wildbann der Lütticher Kirche im Waverwald (Verleihungsurkunde 1008); Sömmeringforst der Magdeburger Erzbischöfe (Forstverleihung 997), Schiederforst der Magdeburger Erzbischöfe (Forsturkunde 1005); Forst und Bann der Mainzer Erzbischöfe (Verleihungsurkunde 996); Forst der Merseburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 974?, Bestätigung 1004); Einforstungsurkunde für das Bistum Metz (1018); ehemalige Königsforste des Bistums Minden (Schenkungsurkunde 991), Wildbann des Bistums Minden (Einforstungsurkunde 1029), Wildbann des Bistums Minden (Einforstungsurkunde 1033); Forst beim Kloster Mondsee (Forstverleihung 829); Colmarer Forst des elsässischen Klosters Münster (Schenkungsurkunde 823); Forst des Bistums Naumburg (Forsteinrichtung 1030); Forst des Osnabrücker Bistums (Verleihungsurkunde 965); Osninger Forst der Paderborner Bischöfe (Bestätigungsurkunden 1001, 1002), Reinhardswalder Forst der Paderborner Bischöfe (Schenkungsurkunde 1019, Bestätigungsurkunde 1020); Forst und Bann der Passauer Bischöfe (Urkunde 1049); Forst der Pfalz Ranshofen (898); Forst des Regensburger Klosters St. Emmeram (Verleihungsurkunde 914); Bann der Salzburger Erzbischöfe im nemus Sausal (Schenkungsurkunde 970), Forst Heit der Salzburger Erzbischöfe (Verleihungsurkunde 1027), Forst Hesilinestuda der Salzburger Erzbischöfe (Verleihungsurkunde 1027), Forst der Salzburger Erzbischöfe an der Salzach (Verleihungsurkunde 1027), Wildbann der Salzburger Erzbischöfe am Inn (Bestätigungsurkunde 1030), Forst der Salzburger Erzbischöfe an der Traun (Forstverleihung 1048); Forst Lußhardt der Speyerer Bischofskirche (Forstverleihung 1056); Wildbann der Straßburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1017); Wildbann der Touler Bischöfe (Wildbannprivileg 1011); Forst der Trierer Erzbischöfe und des Klosters St. Maximin (Fälschung 802, Privilegien 897, 949), Forst der Trierer Erzbischöfe und des Klosters Prüm (Verleihungsurkunde 973); forestes der Utrechter Bischöfe (Privileg 777), Drenter Forst der Utrechter Kirche (Forsturkunden 944); Wildbann des Bistums Verden im Sturmigau (Verleihungsurkunde 985), Mahtheidenforst der Verdener Kirche (Verleihungsurkunde 1060); Wildbann des Klosters Walkenried (Verleihungsurkunde 1132); Wimpfener Wildbann der Wormser Bischofskirche (Verleihungsurkunde 988), Forst Forehahi der Wormser Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1002); Burgbernheimer Forst der Würzburger Bischöfe (Verleihungsurkunde 1000), Wildbann der Würzburger Bischofskirche nördlich von Würzburg (Verleihungsurkunde 1014), Wildbann der Würzburger Bischofskirche im Steigerwald (Verleihungsurkunde 1023), Murrhardter Wildbann der Würzburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1027), Mellrichstädter Wildbann der Würzburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1031), Wildbann der Würzburger Bischofskirche (Verleihungsurkunde 1060), Wildbann der Würzburger Bischofskirche in den Haßbergen (Verleihungsurkunde 1172); Forst Albis des Züricher Klosters St. Felix und Regula (Verleihungsurkunde 853). Vgl. noch: Haff, Karl (1952), Die Wildbannverleihungen unter Kaiser Heinrich III. und IV. an die Bischöfe von Augsburg und Brixen und die Paßhut, in: ZRG GA 69 (1952), S.301-309; Thimme, Hermann (1909), Forestis. Königsgut und Königsrecht nach den Forsturkunden vom 6. bis 12. Jahrhundert, in: AUF 2 (1909), S.101-154. [Buhlmann, 07.2015]

Davies, Nigel (1973), Die Azteken. Meister der Staatskunst - Schöpfer hoher Kultur, Düsseldorf-Gütersloh o.J., (= rororo 6950), Reinbek 1976 > A Azteken

De Hamel, Christopher (2002), Das Buch. Eine Geschichte der Bibel, Berlin 2006 > B Bibel

Decker-Hauff, Hansmartin (1957/58), Der Öhringer Stiftungsbrief, 2 Tle., in: Württembergisch Franken 41 (1957), S.17-31, 42 (1958), S.3-32 > C Calw, Grafen von

Demandt, Alexander (1998), Die Kelten (= BSR 2101), München 1998 > K Kelten

Demandt, Alexander (2002), Der Baum. Eine Kulturgeschichte, Köln-Weimar-Wien 22014, 471 S., Schwarzweißabbildungen, Farbtafeln, € 29,95. Mensch und Baum zeichnet seit jeher eine besondere Verbindung aus. Dies gilt über die Grenzen verschiedener (altorientalischer [Judentum, Christentum], antiker [Griechen, Römer], antiker Rand- [Kelten, Germanen, Slawen], europäischer [christliches Mittelalter, frühe Neuzeit, Moderne, Postmoderne]) Kulturen hinweg, vom Paradiesbaum des biblischen Alten Testaments zum Umweltschutz heute. Dabei ist die Vielfalt der Baumarten (eventuell in Rangordnung) beeindruckend, etwa von den antiken Platanen, Zypressen und Ölbäumen (Pindar und die durch Herakles vermittelte Herkunft der Ölbäume von den Donauquellen) über die "germanischen" Eichen, Buchen und Linden und die Obstbäume und das Apfelbäumchen Martin Luthers bis zum in der frühen Neuzeit nach Europa gelangenden Orangenbaum. Es gab baumbewusste Epochen wie das Mittelalter und weniger baumbewusste, in denen - wie in der Antike, der frühen Neuzeit oder in der Französischen Revolution - vielfach aus militärischen Zwecken ein massiver Raubbau an den Wäldern betrieben wurde oder Baumbestände vernichtet wurden. Bäume bevölkerten die heiligen Haine der Antike, spielten in Religion und Mythos eine wichtige Rolle (Baumkult, Paradiesbaum [Paradies als persischer Jagdgarten], Weltesche Yggdrasil) und wurden parallel dazu als Bau- oder Brennholz verwendet. Kulturell gesehen entfalteten Bäume eine große Wirkung in Literatur (Linde und Minnesang, Gotik und Buche, Romantik) und Kunst (Petrarca, Dürer, barocke Emblematik, Baumsymbolik, Baumbilder), Renaissance ("ausschlagender Baum der Kultur") und Aufklärung (Freiheitsbäume). Bäume und Wälder wurden rechtlich geschützt, ihre Nutzung begrenzt (Landfrieden Kaiser Friedrich Barbarossas von 1187); Bäume definieren Staatlichkeit (als Identitätssymbole). Es gab mithin in den menschlichen Gesellschaften der letzten Jahrtausende vielfältige Beziehungen zwischen Mensch und Baum. [Buhlmann, 09.2015]

Demandt, Alexander (2012), Pontius Pilatus (= BSR 2747), München 2012, 128 S., Schwarzweißabbildungen, 2 Karten, Zeittafel, € 8,95. Den historischen Pontius Pilatus, römischer Statthalter für Judäa (praefectus Iudaeae) von 26/27 bis 37 n.Chr., erwähnen römische Bronzemünzen, eine römische Inschrift aus Caesarea Maritima (in Zusammenhang mit einem Leuchtturm Tiberieum?) sowie - in der jüdischen Überlieferung - Philo von Alexandrien und Flavius Josephus (6 n.Chr. Volkszählung in Judäa unter Statthalter Publius Sulpicius Quirinus; 18 Ernennung des Kaiphas zum Hohepriester durch Statthalter Valerius Gratus; 26/27-36/37 Unruhen in Jerusalem [wegen angebrachter Rundschilde bzw. römischer Feldzeichen]; 36 Sameritaneraufstand; 37 Abberufung des Pilatus, Absetzung des Kaiphas). Der biblische Pontius Pilatus der synoptischen Evangelien und des Johannesevangeliums ist derjenige, der auf Drängen der jüdischen (Tempel-) Priesterschaft hin Jesus Christus (als "König der Juden") zum Tode durch Kreuzigung verurteilt (v.28 n.Chr. Taufe des Jesus; v.29 Hinrichtung des Johannes des Täufers, Passahfest der Brotvermehrung, Teilnahme Jesu am Laubhüttenfest; 30 Kreuzigung des Jesus, Übergabe der Leiche an Joseph von Arimathaia; Duldung der Jünger Jesu und der entstehenden Jerusalemer Christengemeinde) und in der christlichen Überlieferung eine unterschiedliche Bewertung findet (Evangelien des Neuen Testaments [1. Jahrhundert]: Wahrheit der Bibel und Wahrheit des Pilatus; apokryphes Petrusevangelium [2. Jahrhundert, Mitte]: positive Pilatustradition; Tertullian [197]: Dokumente zum Jesusprozess; Eusebius von Caesarea [4. Jahrhundert, Anfang]: Selbstmord des Pilatus; apokryphes Nikodemusevangelium, Acta Petri et Pauli [5. Jahrhundert]: Pilatus als heimlicher Anhänger des Jesus; Paradosis ["Auslieferung des Pilatus", 7. Jahrhundert]: Pilatus als Märtyrer und Heiliger [auch in den christlichen Kirchen des Orients, apokryphes Gamalielevangelium, Martyrium Pilati des Gamaliel]; lateinisch-griechische Überlieferung des Mittelalters: negatives Pilatusbild [Legenda aurea des 13. Jahrhunderts, Passionsspiele des 13.-16. Jahrhunderts, Pilatustraditionen und -legenden in Frankreich, Spanien, Deutschland und Russland, kirchliche Kunst]). [Buhlmann, 04.2012]

Demel, Walter (2005), Der europäische Adel. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart (= BSR 2379), München 2005 > A Adel

Demel, Walter, Schraut, Sylvia (2014), Der deutsche Adel. Lebensformen und Geschichte (= BSR 2832), München 2014, 128 S., Schwarzweißabbildungen, € 8,95. Deutscher Adel wird erst definierbar vor dem Hintergrund des Alten Reiches in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Entstanden aus frühmittelalterlicher Reichsaristokratie (9. Jahrhundert) und hochmittelalterlichem Rittertum und Ministerialität (11.-13. Jahrhundert), war der Adel, dem nur ein Bruchteil der mitteleuropäischen Bevölkerung angehörte, ein Stand mit besonderen Vorrechten und Privilegien (Adelsehre und Standesprivilegen, Herrschaft über Menschen [Grund-, Gutsherrschaft]), wirtschaftlich durchaus herausgehoben (Vermögen und Einkommen, Berufsmöglichkeiten [Grundherr, adliger Dienst, Militär, Wirtschaftsunternehmen]) und auf Statussicherung und -abgrenzung bedacht (adlige Familien, adlige Erziehung, Heiratsverhalten, Konfession, adliger Lebensstil, Adelsgesellschaften). Dabei hatte der deutsch Adel im Laufe der Jahrhunderte durchaus mit Krisen zu kämpfen (spätmittelalterliche Adelskrise, Reformation, Adel und Fürstenhof, Französische Revolution, Adel und Bürgertum, Weimarer Republik, Drittes Reich, BRD und DDR). [Buhlmann, 06.2015]

Demhardt, Imre Josef (2011), Aufbruch ins Unbekannte. Legendäre Forschungsreisen von Humboldt bis Hedin, Darmstadt 2011, 168 S., Farbabbildungen, historische Karten, € 14,95. Bedeutende deutsche Forscher und Kartografen bei der Erkundung der Erde vom endenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert waren: I. Alexander von Humboldt (*1769-†1859): aus preußischer Beamtenfamilie, abgebrochene Studien, Assessor der preußischen Bergverwaltung (1791), Aufnahme in die Leopoldina (1793), Amerikaxpedition durch Neu-Granada (Orinoco-Amazonas, Anden-Peru) und Neu-Spanien (Mexiko) (1799-1805), Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften (1800), Reisebeschreibung Le voyage aux regions equinoxiales du Nouveau Continent (30 Bände, 1807/28), Russland- und Sibirienreise (1829), universelle Weltbeschreibung Kosmos. Entwurf einer Physischen Weltbeschreibung (5 Bände, 1845/62), Mitbegründer der Deutschen Geologischen Gesellschaft (1848). II. Heinrich Berghaus (*1797-†1884): Kartograf, Ingenieur-Geograf (1816), Professor der angewandten Mathematik (1824), freier Kartograf, Kontakte zu Alexander von Humboldt, Physikalischer Atlas (1838/40, 1849/52), Geographisches Jahrbuch (1850-1852) u.a., Lehrer von III. August Petermann (*1822-†1878): Kartograf in Potsdam, Edinburgh, London (1844-1854) und Gotha (ab 1854; Justus Perthes' Geographische Anstalt), Petermanns Mitteilungen (1855; Gründer und Herausgeber), Berichterstatter, Förderer und Organisator der Westafrikaexpedition Heinrich Barths (1849/54), der Deutschen Innerafrika-Expedition (1860/62), der Ersten und Zweiten Deutschen Nordpolarexpedition (1868, 1860/70). IV. Heinrich Barth (*1821-†1865): Entdecker, "Humboldt der Afrikaforschung", Studium und Promotion in Alter Geschichte (1839-1844), Westafrikareise (1845/47), Wanderungen durch die Küstenländer des Mittelmeeres (1845), britische Afrikaexpedition bis Tschadsee und Timbuktu (1850/54), Reisen und Entdeckungen in Nord- und Centralafrika (1855/58), Reise nach Anatolien, Italien, Montenegro (1858, 1864/65), außerordentliche Professur von Geografie in Berlin (1863). V. Johann Krapf (*1810-†1881): Vikar, Missionar, Entdecker, Theologiestudium (1829/34), Missionierung in Äthiopien (1837/42), Promotion in Philologie (1842), Missionierung in Ostafrika (1848/52), Entdeckung des Kilimandscharo (1849), Reisen in Ostafrika (1855/58), Aufenthalte in Ostafrika (1860/61, 1867). VI. Gerhard Rohlfs (*1831-†1896): Medizinstudium (1850/53), Fremdenlegion (1856/60), Leibarzt des Sultans von Marokko (1861), West-/Nordafrikaexpeditionen (1862/64), erste Saharadurchquerung (1865/67), Nordafrikaexpeditionen (1868/69, 1873/74, 1878/79), Generalkonsul in Sansibar (1884/85). VII. Georg Schweinfurth (*1836-†1925): Botaniker, Forschungsreise entlang des Nil (1863/66), Forschungsreise vom Sudan zum Kongo (1869/71). VIII. Karl Weule (*1864-†1926): Kulturanthropologe, Leiter des Leipziger Völkerkundemuseums, Deutsch-Ostafrikaexpedition (1906/07). IX. Oscar Baumann (*1864-†1899): Geografiestudium (1882), Kongoexpedition (1885), Promotion (1888), Deutsch-Ostafrikaexpeditionen (1889/90, 1892/93, 1895), Österreichisch-ungarischer Konsul in Sansibar (1896/99). X. Emin Pascha (Eduard Schnitzer, *1840-†1892): Medizinstudium und Promotion (1859/63), Reisen durch das Osmanische Reich (1871/74), Regierungsarzt in der Äquatorialprovinz des ägyptischen Sudan (1876), Provinzgouverneur (1879), Emin Pascha (1887), deutscher Kolonialdienst (1890), Vorstoß nach Äquatorialafrika und Ermordung (1891/92). XI. Julius Payer (*1841-†1915): Alpinist, Polarforscher, Österreichisch-ungarische Nordpolexpedition zusammen mit Carl Weyprecht (*1838-†1881). XII. Ferdinand von Hochstetter (*1829-†1884): Theologiestudium und Promotion in Mineralogie (1848/52), Habilitation in Geologie (1856), Weltumseglung mit der "Novara" (1857/59; Neuseelandexpeditionen), Professur in Wien (1860), Balkanreise (1860), Russlandreise (1872), Gründung des Wiener Naturwissenschaftlichen Hofmuseums (1876). XIII. Heinrich Zollinger (*1818-†1859): Hilfslehrer und Botanikstudium, Javareisen (1842, 1855/59), Baliexpedition (1845/46), Sundainseln (1847). XIV. Franz Junghuhn (*1809-†1864): Naturforscher, Medizinstudium (1830/31), Festungshaft auf Ehrenbreitstein (1832), Fremdenlegion (1832/33), Tropenarztausbildung in Utrecht (1833/34), Java, Sumatra (1835/48), Inspektor und Aufseher (1855, 1858); (Vulkanausbruch des Krakatau 1883). XV. Otto Finsch (*1839-†1917): Ornithologische Studien in Bulgarien, Nordamerika, Lappland, Sibirien, China und im westlichen Pazifik (1858/59, 1872, 1873, 1876, 1879/82), Inbesitznahme von Neuguinea für das Deutsche Reich (1884/85), Reichsmuseum Leiden (1897), Völkerkundemuseum Braunschweig (1904). XVI. Leo Frobenius (*1873-†1938): Völkerkundler, Kulturkreislehre (1900; pazifische Kulturkreise Polynesiens). XVII. Rudolf Amandus Philippi (*1808-†1904): Auswanderung nach Chile (1851), Sammel- und Studienreisen (1853/54), Professur für Naturgeschichte in Santiago de Chile (1853/74), Direktor des Naturhistorischen Museums von Santiago de Chile (1853/97). XVIII. Johann Jakob von Tschudi (*1818-†1889): Naturforscher, Sammelreisen in Peru (1838/43), Peru. Reiseskizzen 1838-42 (1846), Südamerikareise (1867/59; Brasilien, Anden/Atacama, Chile), Gesandter in Brasilien (1860/62), Reisen durch Südamerika (1866/69). XIX. Erich von Drygalski (*1865-†1953): Mathematik-, Physik- und Geografiestudium und Promotion (1882/87), Vorexpedition nach Grönland (1891), Habilitation (1898), Deutsche Südpolarexpedition (1901/03), Professur in München (1906), Zeppelinexpedition nach Spitzbergen (1910). XX. Alfred Philippson (*1864-†1953): Geografie-, Geologie-, Mineralogie- und Wirtschaftsstudium und Promotion (1882/86), Feldforschungsreisen in Griechenland (1887/90), Habilitation (1891), Studienreisen in die Ägäis (1900/04), Professuren (1904), Haft im Ghetto Theresienstadt (1942/45). XXI. Alfred Wegener (*1880-†1930): Physik-, Meteorologie- und Astronomiestudium und Promotion (1900/05), 1. Grönlandexpedition (1906), Habilitation (1909), Die Entstehung der Kontinente und Kontinentaldrift (1912), 2. Grönlandexpedition (1912), Professur in Graz (1924), 3. Grönlandexpedition (1929), 4. Grönlandexpedition und Tod (1930). XXII. Wladimir Köppen (*1846-†1940): Botaniker, Zoologe, Promotionsschrift Wärme und Pflanzenwuchs (1872), Seewetterdienst in Hamburg (1875), Klassifizierung des Weltklimas, Handbuch der Klimatologie (1930). XXIII. Ferdinad von Richthofen (*1833-†1905): Geograf, Promotion (1856), preußische Handelsmission nach Ceylon, Java, Thailand (1860/62), Lagerstättenprospektor in Kalifornien und Nevada (1862/68), Chinareise (1868/72), Professuren (1879). XXIV. Sven Hedin (*1865-†1952): Hauslehrer in Baku (1885/86), Geologie-, Mineralogie- und Zoologiestudium (1886/90), Persienreise (1890/91), Promotion (1892), 1. Hochasienexpedition (1893/97, Pamir, Taklamakan), 2. Hochasienexpedition (1899/1902; Taklamakan, Tibet), 3. Hochasienexpedition (1905/09; Transhimalaya), Sino-schwedische Expedition (1926/35; Mongolei, Gobi, Turkestan), NS-Deutschland (1935/45). XXV. Als Entwicklung in der geografischen (Er-) Forschung (der Erde) im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert kann ausgemacht werden: Im zeitlichen Verlauf setzten sich die Erkundung der Erde durch wissenschaftliche Teams gegenüber den Erkundungen von Einzelforschern durch; dem entsprach eine starke Differenzierung in wissenschaftliche Fachdisziplinen innerhalb der geografischen Arbeitsweise. [Buhlmann, 12.2013]

Dendorfer, Jürgen, Maulhardt, Heinrich, Regnath, R. Johanna, Zotz, Thomas (Hg.) (2016), 817 - Die urkundliche Ersterwähnung von Villingen und Schwenningen (= VAI 83 = SchrrVS 39), Ostfildern 2016, 261 S., Abbildungen, Karten, Pläne, € 24,95. Die Siedlungen Villingen und Schwenningen auf der Baar reichen bis in alemannische Zeit zurück, doch erst die Urkunde des Frankenkönigs und Kaisers Ludwig des Frommen (814-840) für das Kloster St. Gallen vom 4. Juni 817 überliefert erstmals die Namen der zwei Orte. Sichtbar werden dadurch regionale und überregionale Bezüge, die die Orte und die Landschaft an oberem Neckar und oberer Donau in die Geschichte des karolingischen Frankenreichs rücken. I. Demgemäß beschäftigen sich mit dem kaiserlichen Diplom als solchem: Heinrich Maulhardt, Die Ersterwähnung von Villingen, Schwenningen und Tannheim in ihrer Wirkungsgeschichte; Theo Kölzer, Das Aachener Kaiserdiplom vom 4. Juni 817; Peter Erhart, Das Diplom Ludwigs des Frommen von 817, seine Vervielfältigung und das Schicksal der St. Galler Klostergüter. II. Aussteller der Urkunde, Kaiser Ludwig dem Frommen, und Empfänger, Kloster St. Gallen, behandeln: Rudolf Schieffer, Kaiser Ludwig der Fromme und die Klöster; Ernst Tremp, St. Gallen, Reichenau und Konstanz im 8. und frühen 9. Jahrhundert; Eva-Maria Butz, Die Memoria Ludwigs des Frommen in St. Gallen und auf der Reichenau. Herrschergedenken zwischen Krise und Konsens. III. Das Baaremer Umfeld der Urkunden haben zum Inhalt: Clemens Regenbogen, Der Raum um Villingen und Schwenningen in der Karolingerzeit nach der schriftlichen Überlieferung; Sebastian Brather, Die frühmittelalterliche Baar aus archäologischer Sicht; Heinz Krieg, Die Baar in ottonischer Zeit. IV. Alemannien und das Frankenreich haben als Thema: Thomas Zotz, Alemannien im Übergang von Karl dem Großen zu Ludwig dem Frommen; Jürgen Dendorfer, König und Adel in Alemannien. Narrative der Forschung zum 8. und 9. Jahrhundert; Philippe Depreux, Kaiserliche Amsträger und Entourage Ludwigs des Frommen in und aus Alemannien und dem Elsass; Karl Ubl, Recht in der Region. Die Rezeption von leges und capitula im karolingischen Alemannien; Steffen Patzold, Alemannien um 829. Eine Minimalsicht auf das erste Herrschaftsgebiet Karls des Kahlen. Es fehlen Edition und Übersetzung des Kaiserdiploms; vgl. dazu noch (mit Edtion und Übersetzung): Buhlmann, Michael (2013), Die Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen für das Kloster St. Gallen vom 4. Juni 817. Ein Beginn Villinger und Schwenninger Geschichte (= VA 67), Essen 2013, 60 S., Karte, € 4,-. [Buhlmann, 12.2013, 03.2017]

Denholm-Young, Noël (1947), Richard of Cornwall, Oxford 1947 > R Richard von Cornwall

Dennig, Regina, Zettler, Alfons (1996), Der Evangelist Markus in Venedig und in Reichenau, in: ZGO 144 (1996), S.19-46. Der Translatio sancti Marci (9./10. Jahrhundert) zufolge raubten venezianische Kaufleute im Jahr 829 die (angebliche?) Mumie des heiligen Evangelisten Markus aus Alexandrien und brachten sie zu Schiff und unter vom heiligen Markus bewirkten Wundern nach Venedig (829). Zwar starb der Doge Justinian (827-829), der das Unternehmen wahrscheinlich gefördert hatte, bald nach der Ankunft des Heiligen, doch konnte sein Nachfolger und Bruder Johannes (829-836) eine der Jerusalemer Grabkirche ähnliche Markuskirche am Dogenpalast errichten. Zwischenzeitlich musste sich Johannes allerdings, aus Venedig vertrieben, ins benachbarte Frankenreich flüchten, wo er vielleicht mit Bischof Ratold von Verona (†847?) zusammentraf; dieser forderte als Gegenleistung für politische Unterstützung einen Teil des corpus des heiligen Markus; die Reliquie gelangte so im Jahr 830 auf die Reichenau, mit der Ratold in Verbindung stand (Gründung des Stifts Radolfzell). Nach den Miracula sancti Marci des Klosters Reichenau (10. Jahrhundert) befand sich der Heilige zunächst unter dem Namen Vale(n)s auf der Reichenau, bevor er sich 873/75 den Mönchen mit seinem wirklichen Namen offenbarte; diese Überlieferung ist dabei wohl im Zusammenhang mit den Aufenthalt des Slawenapostels Method auf der Reichenau (869/73) zu sehen. Es dauerte dann noch bis (nach) 926, bevor der sich entwickelnde Reichenauer Kult um den heiligen Markus auch vom Konstanzer Bischof Nothing (919-934) anerkannt wurde. Der heilige Markus avancierte zu einem Hauptpatron der Reichenau, wie nicht zuletzt die unter Abt Bern (1008-1048) dem Markus geweihte Westkirche in Reichenau-Mittelzell beweist. Die Markuskirche in Venedig, versehen mit Krypta oder Martyrion, stand im 9. und 10. Jahrhundert für eine "dogale Verehrung" des Heiligen; Markus wurde damit zum "Staatsheiligen" Venedigs und dies schon vor 1094, dem angeblichen Auftauchen des ebenso angeblich verschollenen Markusschreins gemäß der Apparatio sancti Marci, einer Sammlung von Wundergeschichten aus der Zeit um 1300. [Buhlmann, 08.2013]

Deuel, Leo (1963), Das Abenteuer Archäologie. Ausgrabungsberichte aus dem Nahen Osten, München 51977 > A Archäologie

Deuel, Leo (1975), Kulturen vor Kolumbus. Das Abenteuer Archäologie in Lateinamerika (= dtv 1744), München 1982 > A Archäologie

Derks, Paul (1985), Die Siedlungsnamen der Stadt Essen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen (= EB 100), Essen 1985, 210 S., DM 42,-; Derks, Paul (1989/90), Der Ortsname Essen, Nachtrag zu "Die Siedlungsnamen der Stadt Essen", in: EB 103 (1989/90), S.27-52. In zwei Veröffentlichungen behandelt der Verfasser die Siedlungsnamen (und einige Gewässernamen) auf dem Gebiet der heutigen Stadt Essen. Während aber der Aufsatz von 1989/90 (im Folgenden zitiert als: Derks, Nachtrag) speziell nur auf den Ortsnamen Essen eingeht, werden in der Untersuchung von 1985 (im Folgenden: Derks, Siedlungsnamen) insgesamt 80 Siedlungs- (und Gewässer-) Namen vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit vorgestellt. Geordnet sind diese nach namenkundlichen Gesichtspunkten: Den einstämmigen Siedlungsnamen mit Suffix (Kapitel I) folgen die zweistämmigen, wiederum unterteilt nach Grundwörtern, die Geländebeschaffenheit (Kapitel II) oder menschliche Arbeit (Kapitel III) anzeigen bzw. direkt auf eine Siedlung (Kapitel IV) hinweisen. Die jüngeren Essener Siedlungsnamen (Kapitel V) und die Gewässernamen (Kapitel VI) bilden den Abschluss. In jedem dieser Kapitel sind die Ortsnamen nach den jeweiligen (alphabetisch sortierten) Grundwörtern ebenfalls in alphabetischer Reihenfolge angeordnet (und durchnummeriert von Nummer 1 bis 80). Der Aufbau bringt es mit sich, dass jedes Grundwort zunächst einführend erörtert werden kann. Erst danach erläutert der Verfasser die einzelnen Siedlungsnamen. Dabei gibt er in einer kurzen Tabelle den Erstbeleg und (von ihm ausgewählte) weitere Belege zum Ortsnamen an, versehen mit entsprechender Jahreszahl und dem Hinweis auf Original oder Abschrift. Ausführlich folgt dann - gemäß dem in der Einleitung Gesagten (Derks, Siedlungsnamen, S.2) - die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Deutungen, die die Siedlungsnamen seit dem 19. Jahrhundert erfahren haben, wobei ein umfangreicher Fußnotenapparat dem Leser zur Verfügung steht. Es ist hier nicht nötig, auf jeden einzelnen Siedlungsnamen einzugehen. Lediglich der Ortsname Essen soll hier kurz beleuchtet werden: Der Erstbeleg "Astnide" datiert um das Jahr 870; weitere Belege lauten auf "Astnid, Asnithe, Essendia" u.ä. (Derks, Siedlungsnamen, S.7). Derks, Nachtrag, S.40f, 45 interpretiert nun den Namen Essen als "Gegend nach Osten" und ordnet diesen - darin Jahn, Robert, Essener Geschichte, Essen 21957, S.15 folgend - einer Alt-Essener Grundherrschaft zu, die sich gemäß einer im frühen Mittelalter üblichen Leugenvermessung über ca. 4400m vom Viehofer Hölting im Norden bis zum Stift Essen im Süden erstreckt hat (Derks, Nachtrag, S.34). Der Name "Essen", damals an dem Mittelpunkt der Grundherrschaft haftend, sei dann einmal auf den Stiftsbereich, zum Zweiten auf Altenessen übergegangen (Ortsnamenpaar "Essen - Altenessen"). Entscheidend - und vom Verfasser wohl richtig erkannt - ist dabei, dass für den grundherrschaftlichen Mittelpunkt mit dem westlich davon gelegenen Westerdorp ein Bezugspunkt ermittelt werden kann. Dieser macht nämlich die Deutung des Namens Essen sowohl als Namen für die Grundherrschaft als auch als Namen im geographischen System der Himmelsrichtungen (Westen-Osten) plausibel. So steht dem Westerdorp die "Gegend nach Osten" gegenüber (Ortsnamenpaar "Westerdorp - Alt-Essen"). Die Argumentation ist hier wie auch bei den anderen Siedlungsnamen also durchaus schlüssig. Trotzdem sei noch auf einige Mängel hingewiesen. Diese beziehen sich in erster Linie auf die Publikation von 1985: Im Register der Ortsnamen, das dem Inhaltsverzeichnis unmittelbar folgt, fehlt der Bezug auf die Seitenzahlen. So muss man recht umständlich über das Inhaltsverzeichnis die entsprechende Seitenzahl suchen. Schwerwiegender ist da schon die Tatsache, dass nicht alle Essener Siedlungsnamen untersucht wurden, zumal auch unklar bleibt, nach welchen Kriterien der Verfasser die Orte ausgewählt hat. Die Größe als Kriterium scheidet aus. Denn während z.B. die Berchemer Höfe oder Ickten erwähnt werden (Derks, Siedlungsnamen, S.160f bzw. S.12ff), fehlt der Abschnitt über das vergleichbare Harnscheid. Allein für den Essener Süden wären die Siedlungsnamen Dahl, Kallenberg, Ludscheid, Meckenstock oder Tüschen zu ergänzen, um nur noch einige Namen zu nennen. Dagegen ist fraglich, ob der in Derks, Siedlungsnamen, S.103f erwähnte Ortsnamenbeleg für Byfang überhaupt auf den Essener Ortsteil bezogen werden kann. Die Zuordnung des einzigen frühmittelalterlichen Belegs von 837 Oktober 17 ist nämlich mehr als unsicher. Der in der zugrundeliegenden Urkunde erwähnte Bifang liegt zwar in saltu UUanesuualde, d.h. südlich der Ruhr, aber "zwischen den Bächen Podrebeci und Farnthrapa", wobei der Verfasser wohl stillschweigend "Podrebeci" mit (Preuten)Borbeck bei Essen-Werden identifiziert. Blok, Dirk Peter, De oudste particuliere Oorkonden van het klooster Werden, Assen 1960, Nr.55 nimmt hingegen einen Bifang bei Unter- und Oberporbeck südlich von Hattingen an; dort befindet sich auch der Bach +Fahrentrappe, worauf auch Schmidt, Dagmar, Die rechten Nebenflüsse des Rheins von der Wupper bis zur Lippe (= Hydronomia Germania A 6), Wiesbaden 1968, S.60 hinweist. Die letzte Deutung ist die wahrscheinlichere. Man wird also mit verschiedenen Bifängen zu rechnen haben, von denen der Essener jeglicher mittelalterlicher Überlieferung entbehrt. Der Byfang-Beleg zeigt auch einen grundlegenden Mangel an: mitunter wurden neuere Urkundeneditionen vom Verfasser nicht herangezogen. So sind alle frühen Werdener Urkunden zitiert nach Lacomblet, Theodor, Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, 4 Bde., 1840-1858, Aalen Neudruck 1966 und nicht etwa nach Blok. Darüber hinaus wäre es auch sinnvoll gewesen, zuwenigstens für das frühere Mittelalter auf die Vollständigkeit der Ortsnamenbelege zu achten, wie es etwa bei den Publikationen im Rahmen des Rheinischen Städteatlasses geschieht. Solch eine Vorgehensweise geht indes - das muss betont werden - mehr in Richtung eines Essener Ortsnamenbuchs. Störend ist ebenfalls das Fehlen von Informationen über die geografische Lage der einzelnen Siedlungen. Hier wäre eine Karte angebracht gewesen und/oder - wie in Ortsnamenbüchern üblich - eine kurze Lagebeschreibung (vgl. z.B. Reichardt, Lutz, Ortsnamenbuch des Kreises Göppingen (= VKGLBW B 112), Stuttgart 1989). Dann kann auch der nicht so bewanderte Leser die richtige geografische Einordnung treffen. Zusammengenommen sind die aufgeführten Punkte allerdings nicht sehr schwerwiegend. Sie zeigen aber immerhin auf, wie sorgfältig gerade Darstellungen über Siedlungsnamen angelegt sein müssen. Im Großen und Ganzen handelt es sich somit bei den hier vorgestellten Publikationen um gelungene Arbeiten. Insbesondere ist zu betonen, dass der Verfasser es verstanden hat, die Problematik bei der Analyse von Siedlungsnamen aufzuzeigen und damit die Wege und Irrwege einer philologisch-historischen Forschung. Vgl. noch: Imme, Theodor, Die Ortsnamen des Kreises Essen und der angrenzenden Gebiete (= EB 27), Essen 1905, 72 S., DM 24,-. [Buhlmann, 09.1991]

Deutsche Geschichte, 1870/71-1918, Deutsches Kaiserreich und Erster Weltkrieg (1914-1918): I. Das deutsche Kaiserreich passt sich ein in die Entstehung anderer europäischer Nationen im 19. Jahrhundert, resultierend aus der europäischen Ideologie des Nationalismus und der Nation, die als "erdachte" Gemeinschaft an die Stelle der alten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ordnungen treten sollte. Politisch beförderte die Entstehung der deutschen Nation die "Befreiungskriege" gegen das Frankreich Napoleons, die bürgerlich-liberale Revolution von 1848/49, der Krieg des Deutschen Bundes (1815-1866) gegen Dänemark (1864), die Niederlage Österreich-Ungarns gegen Preußen und das Ende des Deutschen Bundes (1866), die Bildung des Norddeutschen Bundes unter preußischer Ägide (1866) und das Zusammengehen der liberalen Nationalbewegung mit dem Königreich Preußen, das Defensivbündnis der süddeutschen Staaten mit Preußen (1867), schließlich der deutsch-französische Krieg (1870/71; Verzicht der Hohenzollern auf den spanischen Thron, Emscher Depesche Bismarcks 1870; Gründung des deutschen Kaiserreichs im Spiegelsaal von Versailles 1871; deutsch-französischer Waffenstillstand und Frieden [Abtretung Elsass-Lothringens, Kriegsentschädigungen]). Das deutsche Reich war von Anfang an integriert im System der europäischen Mächte (Dreikaiserabkommen 1873, Berliner Kongress 1878, Zweibund 1879), die deutsche Nationalstaatsbildung wurde u.a. von Großbritannien und Russland im Wesentlichen begrüßt, während sich zu Frankreich eine "Erbfeindschaft" ausbildete. Es war eine Monarchie mit dem Reichstag als Parlament und dem deutschen Kaiser als preußischen König, dem Hohenzoller Wilhelm I. (1861/71-1888). II. Die 1870er-Jahre waren die liberale Ära des Kaiserreichs. Bismarck als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident und sein konservatives Umfeld regierten mit einem Reichstag, der nur über eine gewisse Budgethoheit verfügte und in dem liberale Strömungen die Mehrheit hatten. Eine liberale Wirtschaftspolitik (Freihandel, Globalisierung der Wirtschaft, Gründerboom) war die Folge und beförderte auch den inneren Ausbau des Kaiserreichs vom Staatenbund zum Bundesstaat (Bundesrat, Vereinheitlichung der Gesetzgebung, Währungsunion, Wirtschaftsunion). Konservativ-liberale Akzente in der Politik setzte Bismarck mit dem "Kulturkampf" gegen die katholische Kirche (1871/74; Säkularisierung und Anti-"Ultramontanismus", "Kanzelparagraph" 1871, katholische Zentrumspartei) und dem Sozialistengesetz (gegen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands [SPD] 1878/90). III. Das deutsche Kaiserreich war geprägt von einem starken gesellschaftlichen Wandel, der mit der sich weiter ausbreitenden Industrialisierung und einer Revolution im Transportwesen zusammenhing. Der Agrarsektor (zusammen mit der Heimarbeit) verlor in der Folge von Globalisierung, Migration und Technisierung seinen bestimmenden Einfluss auf die Wirtschaft, während Metallverarbeitung, Maschinenbau, Chemie und Elektrotechnik zunehmend Arbeitskräfte aus der stark anwachsenden Bevölkerung brauchten. Der Gegensatz zwischen Industrie und Agrarwirtschaft, zwischen (Groß-) Stadt und Land sollte sich verschärfen und das, obwohl die Transportrevolution (Eisenbahn, Dampfschifffahrt) die Regionen in Deutschland näherrücken ließ. Sozial und kulturell war das Kaiserreich zudem geteilt in Klassen (Adel, Bürger, Bauern, Arbeiter) und Religionen (ein Drittel Katholiken, zwei Drittel Protestanten, Juden; Einführung der Zivilehe 1875; Kaiserreich als "konfessionelles Zeitalter"). Der Nationalismus konkurrierte mit partikulär-regionalen Strömungen z.B. in Süddeutschland (Bayern, Württemberg), aber auch in Preußen (Konservative), das ungefähr zwei Drittel des Territoriums des deutschen Reiches ausmachte. Es waren also vielfältige Entwicklungen, die während der knapp fünfzig Jahre der Existenz des Reiches die deutsche Nation gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell veränderten. IV. Der liberalen Phase folgte unter der Kanzlerschaft Bismarcks eine konservative Ära der Politik im Kaiserreich (1879-1890). Zusammen mit den Konservativen und wechselnden Mehrheiten im immer wichtiger werdenden und an Ansehen gewinnenden Reichstag wurden die Grundlagen der deutschen Sozialversicherung (gesetzliche Krankenversicherung 1883, gesetzliche Unfallversicherung 1884, gesetzliche Alters- und Invalidenversicherung 1889), bei der (denen) es vornehmlich um den Machterhalt der Konservativen ging. Von Bismarck instrumentalisiert wurde auch der Erwerb von Kolonien in Afrika und im Pazifik durch das deutsche Reich (1884; Berliner Kongokonferenz 1884). Die Konservativen blieben weiterhin an den Schalthebeln der Macht, außenpolitisch auch gestärkt durch die Erneuerung des Dreikaiserbundes zwischen deutschem Reich, Österreich-Ungarn und Russland (1881) und einem Dreibund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien (1882), während für außenpolitische Unruhe die Agrarzölle des deutschen Reiches sorgten (deutsch-russischer Rückversicherungsvertrag 1887). Nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. (1888), der kurzen Regierungszeit von dessen Sohn Friedrich (1888) betrieb Friedrichs Sohn, Kaiser Wilhelm II. (1888-1918), mit der Politik des "Neuen Kurses" (1890/94) eine Politik der Integration statt Konfrontation. Bismarck wurde als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident entlassen (1890), sein Nachfolger wurde der Liberale Leo von Caprivi, der weiter auf Sozialreformen setzte (Arbeiterschutz), letztlich aber ohne Erfolg, was den Zulauf der (Industrie-) Arbeiterschaft zur SPD anbetraf. Caprivi scheiterte schließlich mit seiner von Wilhelm II. nur halbherzig unterstützten Politik (1894), nicht zuletzt auf Grund der vom Reichskanzler zeitweise betriebenen Rekonfessionalisierung preußischer Schulen, der Schwierigkeiten bei den Agrarzöllen, die den steigenden Exporten Deutschlands bei den Industrieprodukten entgegenstanden, und der Frage der Einbeziehung oder Nichteinbeziehung der SPD in die Reichspolitik. V. Das persönliche Regiment Kaiser Wilhelms II. (1894/1912) stützte wieder die konservative Vorherrschaft im deutschen Kaiserreich und in Preußen sowieso (Dreiklassenwahlrecht), während in den süddeutschen Ländern im Reich liberale Regierungen existierten und das Landtagswahlrecht weiter demokratisiert wurde. Im Reichstag scheiterten die vom neuen Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst eingebrachte "Umsturzvorlage" (1894), das "kleine Sozialistengesetz" (1897), und die "Zuchthausvorlage" (1899), so dass der Monarch das Interesse an innenpolitischen Themen verlor. Wilhelm II. verlegte sich aufs Militär und die Außenpolitik als Weltpolitik (ab 1890). Der Aufbau einer deutschen Flotte, vergleichbar mit der britischen, lag dem Kaiser besonders am Herzen (Reichsmarineamt unter Alfred von Tirpitz, kolonialer "Platz an der Sonne" für das deutsche Reich). Verhandlungen mit Großbritannien scheitern nach kurzen Phasen der (kolonialen) Zusammenarbeit im Jahr 1901, die Besuch des Kaisers in Marokko (1905) oder der verschärfte Wettlauf auf dem Gebiet der Flottenrüstung (ab 1906; Flottengesetze) verschärften noch die außenpolitische Isolation des Kaiserreichs. Dies konnte auch der ab 1900 regierende Reichskanzler Bernhard von Bühlow nicht verhindern, zumal in Fragen des Zusammenhangs zwischen Flottenbau und Zollpolitik ("Zolltarifwahlen" zum Reichstag 1903). Bülow konnte jedoch immer noch auf den "Bülow-Block", einer Parteienkoalition im Reichstag, setzen, bis die Koalition in Fragen der Reichsfinanzen zerbrach und Bülow zurücktrat (1909). Den "schwarz-blauen Block" aus Konservativen und Zentrum wollte der neue Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg danach zu einer Sammlungsbewegung erweitern, während Reformen des preußischen Dreiklassenwahlrechts scheiterten (1910) und die Integration des Reichslands Elsass-Lothringen (Verfassungsreform 1911) wieder in Frage gestellt wurde (1913); weiter stärkten die Reichstagswahlen von 1912 die SPD soweit, dass eine "schwarz-blaue" Mehrheit im Reichstag verloren ging. VI. Ab 1912 befand sich das deutsche Kaiserreich in einer innen- und außenpolitischen Krise; die "stabile Krise" von 1912/14 als Stillstand zwischen den Verfassungsorganen im Kaiserreich bei zunehmender Beteiligung der Sozialdemokraten an der Reichspolitik sollte sich indes zur Krise des Ersten Weltkriegs (1914-1918) ausweiten, angefangen bei der Julikrise von 1914 nach der Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers Ferdinand in Sarajevo. Der deutsche "Blankoscheck" für Österreich-Ungarn und ein "Automatismus der Allianzen" führten in den Krieg, den Deutschland nach der Besetzung Luxemburgs und Belgiens gegen Frankreich, Russland und Großbritannien zu führen hatte mit Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich als Verbündete. Der Reichstag stimmte dabei den notwendigen Kriegskrediten zu, ein "Burgfrieden" bestand zwischen den politischen Parteien. Im von einer britischen Seeblockade eingeschlossenen deutschen Kaiserreich litt die Bevölkerung in den Wintermonaten zunehmend Hunger (Steckrübenwinter 1916/17); die Westfront gegen Frankreich und Großbritannien konnte noch gehalten werden, und russische Revolution (1917) und Frieden von Brest-Litowsk (1918) beendeten den Krieg im Osten. Der uneingeschränkte deutsche U-Bootkrieg führte aber dazu, dass sich die USA gegen Deutschland stellten, ab August 1918 befand sich das deutsche Reich an der Westfront in der Defensive, Befehlsverweigerungen und Streiks häuften sich, die Parteien unter der Führung der SPD forderten das Ende des Krieges und eine Parlamentarisierung und Demokratisierung des deutschen Reiches. Im Herbst 1918 hatten jedenfalls das deutsche Kaisertum und die es tragenden (agrar-) konservativen Eliten jegliche Legitimität in der Bevölkerung verloren, die deutsche Revolution von 1918/19 mit ihren Arbeiter- und Soldatenräten führte indes nicht nur zum vom letzten Reichskanzler Max von Baden initiierten Thronverzicht Wilhelms II., sondern zur Ausrufung der Republik. VII. Über das Fiasko des Ersten Weltkriegs hinweg blieb aber das deutsche Reich als Nationalstaat erhalten, mochten es in den Anfangsjahren der Weimarer Republik (1919/33) auch manche Abspaltungstendenzen gegeben haben. Die Nation wurde nicht in Frage gestellt. Zu verbindend war für die Deutschen die Entwicklung zu einer "säkularisierten demokratisierten industriellen Klassengesellschaft" (politische Mündigkeit) im Kaiserreich gewesen. Aber auch der deutsche Nationalismus besonders des Ersten Weltkriegs (Alldeutscher Verband u.a.) - gepaart mit Rassismus (Hereroaufstand in Deutsch-Südwestafrika 1904 u.a.) und Antisemitismus - rettete sich in die Weimarer Republik und wurde vor dem Hintergrund des den Ersten Weltkrieg beendenden Versailler Vertrags (1919) Grundlage für den Aufstieg von Nationalsozialismus und "Drittem Reich" (1933/45) (nach: Nonn, Deutsches Kaiserreich).
Das deutsche Kaiserreich gehört zu den am besten erforschten Epochen deutscher Geschichte: Nonn, Christoph (2017), Das deutsche Kaiserreich. Von der Gründung bis zum Untergang (= BSR 2870), München 2017 > N > Nonn, Deutsches Kaiserreich; Schoeps, Hans-Joachim (1970), Der Weg ins deutsche Kaiserreich (= Ullstein 34026), Frankfurt a.M.-Berlin-Wien 1980, 319 S., DM 5,80. Einen mit dem deutschen Kaiserreich beginnenden Überblick über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt: Herbert, Ulrich (2014), Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, Sonderausgabe, München 2017, 1451 S., € 28,-. > E Erster Weltkrieg [Buhlmann, 10.2014, 07.2017, 08.2017]

Deutsche Geschichte, 1918/19-1933, Weimarer Republik: Die deutsche Revolution von 1918/19 am Ende des Ersten Weltkriegs (1914-1918) beseitigte das deutsche Kaiserreich. Arbeiter- und Soldatenräte bestimmten zeitweise die deutsche Innenpolitik, bevor die maßgebliche Einwirkung von Mehrheits-SPD [MSPD] und derem Vorsitzenden Friedrich Ebert (Reichskanzler der Übergangsregierung ["Rat der Volksbeauftragten"], 9. November 1918) die Revolution in ruhigere Bahnen lenken sollte; der Waffenstillstand Deutschlands mit den alliierten Mächten der Entente beendete den Ersten Weltkrieg (11. November). Die Demobilisierung des Reichsheeres, ein Zusammengehen von Gewerkschaften und Arbeitgebern, die Einbeziehung des deutschen Militärs in das neue politische System bildeten die Voraussetzungen zur erfolgreich durchgeführten Wahl zur Nationalversammlung (19. Januar 1919), in der MSPD und Unabhängige SPD [USPD] rund 45 Prozent der Abgeordneten stellten, während sich linksradikale Kräfte (u.a. der USPD) zum Spartacusbund bzw. zur kommunistischen Bewegung in Deutschland entwickelten (1918/19; Kommunistische Partei Deutschlands [KPD] mit Teilen der USPD [Oktober 1920]; Vereinigung von Rest-USPD mit der MSPD [1922]). Neben der Wahl Eberts zum Reichspräsidenten (1919-1925) und der Philipp Scheidemanns (SPD) zum Regierungschef (1919) verabschiedete die in Weimar tagende Nationalversammlung die Verfassung der sog. Weimarer Republik, in der das gewählte Parlament (Reichstag) und der ebenfalls zu wählende Reichspräsident zentrale Rollen spielten (Männer- und Frauenwahlrecht, Nationalfarben "Schwarz-Rot-Gold") bei (aus dem deutschen Kaiserreich beibehaltenen) föderalen Strukturen der Reichsländer (Preußen, Oldenburg, Bremen, Hamburg, Lübeck, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Lippe, Schaumburg-Lippe, Braunschweig, Anhalt, [Waldeck], Hessen, Thüringen, Sachsen, Pfalz, Baden, Württemberg, Bayern; Reichsrat als Länderkammer). Die junge Republik war jedoch von Anfang gefährdet, wie der "Spartakus-Aufstand" der radikalen Linken (Januar 1919 [Niederschlagung der Bewegung u.a. durch "Freikorps"; Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs]; März 1919 [Niederschlagung der Streiks durch Reichswehrtruppen]) oder die bayerische "Räterepublik" (April 1919 [Niederschlagung durch Reichswehrtruppen]). Der von alliierten Mächten beschlossene Versailler Friedensvertrag (Friedensbedingungen vom 7. Mai 1919, Inkrafttreten am 1. Januar 1920) machte das politische Umfeld für die Weimarer Republik nicht einfacher (Gebietsabtretungen des deutschen Reiches, entmilitarisierte Zonen, Beschränkungen bei der Reichswehr, Reparationszahlungen), zumal besonders die recht-national-nationalistischen politischen Kräfte in Deutschland gegen den "Diktatfrieden" Sturm liefen (Bestreiten der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands, "Dolchstoßlegende"). Der Kapp-Putsch der alten Rechten gegen die Republik brach indes in sich zusammen, während die auf den Putsch geschlossen reagierende Arbeiterschaft (Streiks, "Rote Ruhrarmee"), die sich im Ruhrgebiet weigerte, ihren Widerstand aufzugeben, dort durch Reichswehr und Freikorps brutal in die Schranken gewiesen wurden (März 1920; Märzkämpfe). In Bayern setzte sich mit Unterstützung der Reichswehr eine rechtskonservative Regierung durch, in Preußen ging die Sozialdemokratie eine Regierung u.a. mit dem Zentrum unter Ministerpräsident Otto Braun (1920-1932) ein. Die Reichstagswahlen vom Juni 1920 erbrachten fast folgerichtig eine eine Radikalisierung des Reichstags (Stimmengewinne für rechtsradikale und linksradikale Parteien, Stimmenverluste bei den Parteien der Mitte der "Weimarer Koalition"). Innen- und außenpolitisch lag in den Jahren ab 1920 der Fokus auf der "Erfüllungspolitik" der Reparationszahlungen (Reichskanzler Joseph Wirth [1921-1922], Außenminister Walther Rathenau [ermordet am 24. Juni 1922]), die wirtschaftlich mit einer fortgesetzten Inflationspolitik (Entschuldung des Staates, Entwertung der Sparvermögen) bei guter Beschäftigungslage und industriellen Konzentrationsprozessen erkauft wurde (Inflationsfaktoren: 1913: 1; Februar 1920: 8: Januar 1922: 20; Januear 1923: 1120; Juli 1923: 376512; Dezember 1923: ca.1.200.000.000). Der Hyperinflation des Jahres 1923 mit ihren Inflationsmentalitäten von Verlierern und Gewinnern auf dem Wirtschafssektor entsprach eine "politische Fundamentalkrise" der Weimarer Republik, die dennoch - trotz französisch-belgischer Besetzung des Ruhrgebiets (Januar 1923-April 1924; passiver Widerstand und "Ruhrkampf") und Hitler-Ludendorf-Putsch in München (November 1923) - nach Überwindung der Krise u.a. durch Einführung der Rentenmark (November 1923) und eine versachlichte Einigung im Bereich der Reparationszahlungen (Dawes-Plan 1924, Young-Plan 1930) die Republik sogar stärkte (Reichskanzler Gustav Stresemann [1923], Wilhelm Marx [1923-1925], Hans Luther [1925-1926]). Die Verständigungspolitik des langjährigen Außenministers Gustav Stresemann (1921-1929) mit Frankreich war der Hebel für die außenpolitischen Erfolge Deutschlands (Locarnovertrag 1925, Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund 1926, deutsch-französische Handelsvereinbarung 1927, Ende der alliierten Militärkontrolle 1927, Briand-Kellog-Pakt 1928, alliierte Räumung des Rheinlands [amerikanische, englische, französische, belgische Bestzungszonen] 1929/30); die Revisionspolitik gegenüber Polen verfolgte hingegen als langfristiges Ziel die Zurückgewinnung der im Versailler Vertrag abgetretenen Gebiete (Oberschlesien, Verbindung nach Ostpreußen). Innenpolitisch schlug sich die instabile Lage im Parteiensystem, bei der die Republik tragenden Parteien (Sozialdemokraten: SPD; bürgerliche Parteien: Zentrum, DDP, DVP, rechte Parteien: DNVP, DVP) aber immer noch eine Reichstagsmehrheit hatten, noch wenig auf die relative Stabilität der Republik und auf die Wirtschaft "zwischen den Krisen" nieder (Erhohlung der Wirtschaft und Exporte [Rüstungsindustrie], Dauerkrise der Landwirtschaft, Großkonzerne [AEG, IG Farben, Siemens, Kartelle]; Gesellschaftsstruktur [Klassen, Mann und Frau, Junge und Alte] und Sozialpolitik [Sozialleistungen, Mitbestimmung, Arbeitslosenversicherung 1927]; Tarifauseinandersetzungen 1927/28). Die Kultur der "Goldenen Zwanziger" war die Kultur der Großstadt (Berlin als drittgrößte Stadt der Erde; "Amerikanisierung" und Modernisierung [Kultur der Moderne und Kritik daran]; Radio, Kino als Massenkultur; Sport [Fußball u.a.] als Massenphänomen; Zeitungen, Literatur und Kunst). Eine Umkehr in der politischen Entwicklung der Weimarer Republik deutete sich mit der Wahl des Weltkriegsgenerals Paul von Hindenburg an (1925). Die Reichstagswahlen von 1928 standen am Beginn der Krise des Parlamentarismus, eine Regierungsbildung war schwierig, schließlich ergab eine SPD geführte Regierung unter dem Reichskanzler Hermann Müller (1928-1930), die aber auf Ressentinemts auf Seiten der Großindustrie und des Reichspräsidenten stieß. Mit der Weltwirtschaftskrise von 1928/32 (massiver Rückgang der Industrieproduktion und des Volkseinkommens) änderten sich die politischen Verhältnisse in Deutschland gravierend. Die Arbeitslosenzahlen stiegen massiv (1929: 1,9 Millionen; 1930: 3,7 Milllionen; 1931: 5,1 Millionen; 1932: 5,3 Millionen, 1933: 6 Millionen), die zunehmend größer werdenden wirtschaftlichen Probleme stärkten besonders die radikale Linke und die nunmehr stark bolschewistisch-stalinistisch orientierte KPD; auf der radikalen Rechten profitierten das "nationale Lager" und insbesondere die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP) mit ihrem Parteivorsitzenden Adolf Hitler politisch von der Weltwirtschaftskrise. Zunächst zerbrach aber die SPD-geführte Regierung unter Hermann Müller (März 1930); der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning bildete daraufhin mit Rückendeckung des Reichspräsidenten Hindenburg und dessen nun einsetzender Politik der Notverordnungen eine Regierung ohne parlamentarische Mehrheit (1930-1932). Die Reichstagswahl von 1930 brachte der NSDAP deutliche Stimmengewinne, die Mehrheit im preußischen Landtag ging der "Preußen-Koalition" unter Otto Braun verloren (April 1932). Kurz zuvor war in der Wahl zum Reichspräsidenten Hindenburg gegen Hitler erfolgreich (März-April 1932) gewesen. Das Kabinett Brüning wurde gestürzt, als die Reparationsverhandlungen zwischen Deutschland und den Alliierten in Locarno zu einem für die Weimarer Republik günstigen Abschluss kamen (Juni 1932; faktische Aufhebung der Reparationen bis auf einen geringen Rest). Auch der neue Reichskanzler Franz von Papen (1932) regierte auf der Grundlage von Notverordnungen (Art. 48 der Weimarer Verfassung). Im Sinne des Umbaus der Weimarer Republik zu einem rechten autoritären Präsidialsystem (Diktatur; "Reichsreform") gelang es Papen, die demokratische Regierung im Freistaat Preußen staatsstreichartig zu stürzen (Juli 1932); Sozialleistungen wurden gekürzt, die NSDAP mit der Ausschreibung von Neuwahlen zum Reichstag (31. Juli 1932) zur Duldung der Papen-Regierung veranlasst. Die Wahlen erbrachten für die radikalen Linken (KPD) und Rechten (NSDAP) eine rechnerische Mehrheit, politisch fand sich keine mehrheitsfähige Koalition zusammen. Als nunmehr stärkste Partei duldete die NSDAP auch nicht mehr die von Reichskanzler Papen geführte Regierung; erneute Reichstagswahlen (6. November 1932) brachten dem konservativen Papen wieder keine Mehrheit gegen SPD und NSDAP. Es folgte das Kabinett des Reichskanzlers Kurt von Schleicher (1932/33), eine politische Spaltung der NSDAP misslang, es deutete sich eine Überwindung der Weltwirtschaftskrise an. Unter diesen Gegebenheiten meinten die republikfeindlichen Kräfte, das Risiko einer Kanzlerschaft Adolf Hitlers eingehen zu können. Mit der "Machtergreifung" Hitlers wurde aus der Weimarer Republik die nationalsozialistische Diktatur des "Dritten Reiches" (nach: Herbert, Ulrich (2014), Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, Sonderausgabe, München 2017).
Zur Weimarer Republik werden nachstehend aufgeführt: Mai, Günther (2009), Die Weimarer Republik (= BSR 2477), München 2009, 136 S., Karten, € 7,90; Ullrich, Volker (2009), Die Revolution von 1918/19 (= BSR 2452), München 2009, 127 S., € 7,90. [Buhlmann, 08.2010, 08.2017]

Deutsche Geschichte, 1933-1945, "Drittes Reich" und Zweiter Weltkrieg (1939-1945): I. Adolf Hitler (*1889-†1945) stand als "Führer" seiner Partei an der Spitze einer "faschistischen Massenbewegung", deren paramilitärische Organisationen SA und SS die politischen Gegner bekämpfte und verfolgte (Reichstagswahlen von 1933). Das "Ermächtigungsgesetz", die (Selbst-) Auflösung der politischen Parteien, die Zerschlagung der Gewerkschaften, das Ende nichtnationalsozialistischer Regierungen in den deutschen Ländern und Kommunen, die "Gleichschaltung" der christlichen Kirchen (Kirchenkampf, Kulturpolitik), von gesellschaftlichen Verbänden und kulturellen Organisationen sowie der Presse (1933 und später) bei genereller Ausweitung politischen Drucks (politische Polizei, Konzentrationslager, Antisemitismus) führten zur nationalsozialistischen Diktatur unter dem "Führer" (Diktator) Adolf Hitler bei "Volksgemeinschaft" und "nationaler Einheit". Hitler bestimmte maßgeblich die Politik des "Dritten Reiches" ("Führerprinzip", "charismatische Herrschaft" [Hitlerkult] und Reichsverwaltung ["Polykratie"]). Hitlers Macht gründete auf den Männern und Frauen, die ihn gewählt hatten, auf den ihm gegenüber loyalen Führungskräften in Wirtschaft und Gesellschaft, auf die Unterstützung durch die Reichswehr, auf der "Bewegung" von NSDAP und SA. Die Ermordung Ernst Röhms, des Führers der SA (1934), beseitigte die Konkurrenz innerhalb der eigenen Partei, nach dem Tod des Reichspräsidenten Hindenburg (August 1934) vereinigte Hitler das Amt des Reichskanzlers mit dem des Reichspräsidenten ("Führer und Reichskanzler"). Politisch und ideologisch war somit das "Dritte Reich" entstanden, das nun u.a. seine menschenverachtende Ideologie umsetzte (Nürnberger Gesetze [1935], Enteignung von Juden, "Aussonderung von Gemeinschaftsfremden"), im Bereich der Wirtschaft auf eine massive militärische Aufrüstung (zur Kriegsvorbereitung) und einen damit verbundenen Kurswechsel setzte sowie im gesellschaftlichen Bereich zunehmend (propagandistisch) die Arbeiterschaft mit einbezog, Frauen auf ihre "natürliche Rolle" als Mutter verwies usw. (DAF [Deutsche Arbeitsfront], NS-Frauenschaft, HJ [Hitlerjugend], NSDAP und staatliche Verwaltung). Die von den Nationalsozialisten betriebene Politik der Aufrüstung fand nach einer Phase der "Beschwichtigungspolitik" Hitlers gegenüber West und Ost ihre Entsprechung in einer "expansiven" Außenpolitik des "Dritten Reiches", wozu die Nichtteilnahme an Genfer Abrüstungsverhandlungen, die Eingliederung des Saargebiets ins deutsche Reich, der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, ein deutsch-britisches Flottenabkommen (1935) sowie der Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland (1936) gehörten. Die olympischen Spiele in Berlin und der militärische "Vierjahresplan" Hitlers zur Kriegsfähigkeit Deutschlands (1936) sahen den Diktator auf den bisherigen Höhepunkt seiner Macht. Es folgten außenpolitisch das nationalsozialistische Eingreifen im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), der Einmarsch in Österreich ("Anschluss Österreichs" 1938), die "Sudetenkrise" und das Münchner Abkommen (29. September 1938) und die Besetzung der "Resttschechei" ("Protektorat Böhmen und Mähren" 1939) bei von Deutschland abhängiger Slowakei. Innenpolitisch ging das Aufrüsten weiter, es folgten Novemberpogrome und "Reichskristallnacht" gegen die Juden im nationalsozialistischen Machtbereich (9. November 1938) sowie eine von Hitler befürwortete Politik der "Euthanasie" gegenüber Kranken, Behinderten und Kindern (1939). Im Jahr 1939 steuerte schließlich das Regime auf den von Hitler ideologisch untermauerten Krieg zur Gewinnung von "Lebensraum" und "nationaler Größe" zu. Seit Anfang 1938 hatte zudem Hitler das "Oberkommando der Wehrmacht" inne (Blomberg-Fritsch-Krise [Hitler und Wehrmacht, Neubesetzungen]). II. Der nationalsozialistische Krieg Deutschlands als Zweiter Weltkrieg (1939-1945) begann nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts (24. August 1939) mit dem Angriff auf Polen (1. September 1939), das innerhalb von knapp vier Wochen besetzt wurde ("Blitzkrieg", "Generalgouvernement"; Besetzung Ostpolens und der baltischen Staaten durch die Sowjetunion; sowjetisch-finnischer "Winterkrieg" 1939/40). Die Besetzung Dänemarks und Norwegens (9. April 1940) schloss Großbritannien und Frankreich, die Deutschland nach dem Überfall auf Polen den Krieg erklärt hatten, von Nordeuropa aus. Der deutsche Angriffskrieg auf die Beneluxstaaten und Frankreich ab dem 10. Mai 1940 führte bis Mai bzw. Juni zur Besetzung dieser Länder und zum Waffenstillstand mit Frankreich (22. Juni 1940), das als Vichy-Regime Marschall Pétaines ein von Deutschland abhängiger Satellitenstaat wurde (1940/42). Das Eintreten des faschistischen Italien in den Krieg an der Seite Deutschlands und der Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan (27. September 1940; Krieg in Ostasien und im Pazifik) ließ das Bündnis der Achsenmächte entstehen. Nach der verlorenen "Luftschlacht um England" (1940/41) erfolgte das Eingreifen Deutschlands im italienischen Parallelkrieg in Afrika (1940/41; italienisches Kolonialreich in Libyen und Nordostafrika) und die Eroberung Jugoslawiens und Griechenlands (April 1941). Der rassenideologisch stark motivierte Angriffskrieg gegen die kommunistische Sowjetunion ("Kommissarbefehl" Hitlers, "Vernichtung des Bolschewismus/Judentums") im Unternehmen "Barbarossa" und mit Unterstützung Bulgariens, Rumäniens und Ungarns ab dem 22. Juni 1941 brachte zunächst große Gebietsgewinne im Westen und Südwesten der Sowjetunion (Baltikum, "Bezirk Bialystok", Weißrussland, Ukraine, rückwärtiges Heeresgebiet, deutsches Besatzungspolitik, Kollaboration und Partisanentätigkeit). Parallel dazu liefen die von Hitler unterstützten Maßnahmen zur "Endlösung der Judenfrage" an (Wannseekonferenz 20. Januar 1942; "Ghettoisierung" der polnischen Juden, Vernichtungslager und Massenmord, Aushungerungspolitik im rückwärtigen Heeresgebiet). Der Kriegseintritt der USA (11. Dezember 1941) auf Seiten Großbritanniens und der alliierten Mächte sollte die militärische zu Ungunsten des "Dritten Reiches" ändern. Auch der nur als kurzer Feldzug geplante Krieg gegen die Sowjetunion weitete sich (zeitlich) aus; spätestens mit der Schlacht bei Stalingrad (1942/43) gerieten die deutschen Truppen in die Defensive. Der Krieg kehrte nach Deutschland zurück, zumal alliierte Bombenangriffe auf Deutschland (ab 1942) zunehmend Wirkung erzielten, die Wirtschaft vor dem Hintergrund eines "totalen Kriegs" schon längst eine Kriegswirtschaft geworden war (Versorgungslage und Rationierungen, soziale Lage u.a. der Arbeiter, Rolle der NSDAP und ihrer Funktionäre [Umstrukturierung der deutschen Justiz 1942, politischer Vorrang der Parteifunktionäre, u.a. der Gauleiter, gegenüber den Staatsorganen], Zwangsarbeit, Kriegsmüdigkeit und Entpolitisierung, gesellschaftliche Desintegration, Führermythos, Widerstand gegen den Nationalsozialismus). In Nordafrika mussten die zurückweichenden deutschen Truppen bei Tunis kapitulieren (Mai 1943), Italien wechselte zu den Alliierten über (Juli 1943; Besetzung Nord- und Mittelitaliens, Mussolinis Repubblica Sociale Italiana), dem Vorrücken der sowjetischen Roten Armee an der Ostfront (Besetzung Ungarns März 1944) sollten mit der alliierten Invasion in der Normandie (6. Juni 1944) militärische Niederlagen Deutschlands im Westen Europas folgen. Hitler, der in seinem ostpreußischen "Führerhauptquartier" Wolfsschanze das Attentat vom 20. Juli 1944 ohne wesentliche Beeinträchtigung überlebt hatte, kehrte Anfang 1945 nach Berlin zurück, um die Führung in der Verteidigung der Hauptstadt gegen die vorrückenden Sowjettruppen zu übernehmen ("Schlacht um Berlin" April 1945). Mit dem Scheitern der Ardennenoffensive (1944/45) befanden sich die deutschen Truppen auch im Westen endgültig auf dem Rückzug. Hitler trat am 20. März 1945 letztmalig öffentlich in Erscheinung, am 30. April beging er im "Führerbunker" der Alten Reichskanzlei Selbstmord. Am 8. Mai kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. III. Die Abwendung der Deutschen von der Weimarer Republik ermöglichte den Aufstieg Adolf Hitlers und seiner nationalsozialistischen Partei. "Faschistische" Massenbewegung und "Führerprinzip" ermöglichten die deutsche Diktatur des "Dritten Reiches"; "Volksgemeinschaft" und eine ethnisch-rassische Hierarchisierung der Gesellschaft - unterlegt mit nationalistischer Ideologie und Propaganda, aber auch mit sozialpolitischen Maßnahmen bei einer "vollständigen Umorientierung von Wirtschaft und Finanzen" - sollten als Gegenpol zur modernen Industriegesellschaft dienen. Außenpolitisch verfolgte das nationalsozialistische Regime eine Revisionspolitik, die - "als tiefer Einschnitt" - in den Zweiten Weltkrieg mündete. Dieser ermöglichte die Errichtung einer nationalsozialistischen Gewalt- und Schreckensherrschaft über große Teile Europas, verbunden mit dem Massenmord an Behinderten, Juden und osteuropäischer Zivilbevölkerung, verbunden mit dem letztlich eintretenden Zusammenbruch des "Dritten Reiches". Zurück blieben über 50 Millionen Tote, riesige Zerstörungen und Verwüstungen, eine "militärische, politische und moralische Niederlage" (nach: Herbert, Ulrich (2016), Das Dritte Reich (= BSR 2859), München 2016).
Vielfältig ist die Literatur zum "Dritten Reich", u.a.: Adam, Uwe Dietrich (1972), Judenpolitik im Dritten Reich (= ADTG 7223), Nachdruck Königstein-Düsseldorf 1979, 382 S., DM 19,80; Aleff, Eberhard (Hg.) (1970), Das Dritte Reich (= Edition Zeitgeschehen), Hannover 101979, 301 S., DM 20,-; Gisevius, Hans Bernd (1982), Bis zum bitteren Ende. Bericht eines Augenzeugen aus den Machtzentren des Dritten Reiches (= Knaur 3677), München-Zürich 1982, 429 S., DM 12,80; Koch, Hansjoachim W. (1980), Hitlerjugend (= Moewig Dokumentation 4312), München 1981, 190 S., Abbildungen, DM 2,-; Manvell, Roger (1982), Die Herrschaft der Gestapo (= Moewig Dokumentation 4319), München 1982, 239 S., Abbildungen, DM 2,-; Shirer, William Lawrence (1960), Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, Herrsching o.J. [1978?], XX, 1174 S., DM 24,80; Steinert, Marlis G. (1967), Die 23 Tage der Regierung Dönitz. Die Agonie des Dritten Reiches (= Heyne Geschichte 10), München 1978, 466 S., Abbildungen, DM 2,-; Zentner, Kurt (1960), Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches, 2 Bde, Köln o.J. [1981?], zus. VII, 630 S., Schwarzweißabbildungen, Zeittafel, DM N.N. > Z Zweiter Weltkrieg [Buhlmann, 08.1978, 1984, 04.2017, 07.2017]

Deutsche Geschichte, 1945-1949, Nachkriegszeit: I. Die bedingslose Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschland (1945) brachte ab der "Stunde Null" für Mitteleuropa die militärische Besetzung durch alliierte Truppen der deutschen Kriegsgegner (amerikanische, britische, französische, sowjetische Besatzungszone) und eine Vielzahl wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme auch zeitlich jenseits des Zweiten Weltkriegs (1939-1945). Die Probleme betrafen u.a.: kriegsbedingte Zerstörungen von Gebäuden, Industrieanlagen und Städten; Hunger (Lebensmittelbewirtschaftung) und Elend (Wohnungsknappheit, Schwarzmarkt) derjenigen, die den Krieg überlebt hatten; Vertreibungen und Bevölkerungsverschiebungen (Deutsche, Zwangsarbeiter, Kollaborateure, ehemalige KZ-Insassen, jüdische Überlebende). Mit den Problemen verbunden war allerdings auch die Hoffnung auf eine Besserung der Lage, die einhergehen sollte mit einer entscheidenden Umgestaltung der deutschen Gesellschaft durch die Besatzungsmächte (Entnazifizierung [Verfolgung und Bestrafung von NS-Tätern, Kriegsverbrecherprozesse und Nürnberger Prozesse], Wirtschaftsreformen ["Dekartellisierung", Demontagepolitik], Demokratisierung und politischer Neuaufbau [Massenmedien, Parteiensystem, parlamentarische Demokratie, Sozialismus]). II. Politisch war die Nachkriegszeit geprägt von einem zunehmenden Gegensatz zwischen den Westalliierten England, Frankreich und USA auf der einen sowie der Sowjetunion auf der anderen Seite; die sich entwickelnde Teilung Europas in kapitalistischen Westen und kommunistischen Osten eröffnete bei deutscher Teilung die Gründung zweier deutscher Staaten, der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Überwog bis zum Jahr 1946 noch die Zusammenarbeit zwischen allen Alliierten in den Besatzungszonen Deutschlands (Potsdamer Abkommen 1945, Pariser Reparationskonferenz 1946), so stand der politisch-wirtschaftliche Neuaufbau des besiegten Landes schon bald unter den divergierenden Interessen von West und Ost: repräsentativ-parlamentarische Demokratie mit einem Parteiensystem (Lizensierung von CDU/CSU, FDP, SPD u.a.) und individuellen Freiheitsrechten sowie kapitalistische Wirtschaftsordung in den Westzonen, kommunistische Gesellschaftsordnung (Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED 1946) bei sich entwickelnder Planwirtschaft in der Ostzone. Die zunehmende (Ost-West-) Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion bzw. den politischen Ordnungssystemen und Gesellschaftsordnungen, die sich auf dem Gebiet der Besatzungszonen in Deutschland formierten, führte über die Gründung der britisch-amerikanischen Bizone als Wirtschaftszone (1947) und der amerikanischen Politik des containment (Eindämmung der sowjetischen Expansion; Rede Präsident Trumans vor dem amerikanischen Kongress 1947, "Marshallplan" [ERP] und "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit" [OEEC] 1947) zu einer politischen Partnerschaft zwischen den Westmächten und den Westdeutschen in den Besatzungszonen (Londoner Sechsmächtekonferenz 1948). Diese beförderte wie Währungsreform (Sommer 1948) und Berlin-Blockade (Sommer 1948-Frühjahr 1949) den sog. Kalten Krieg und zementierte die sich anbahnende deutsche Teilung in West- und Ostdeutschland. Die Währungsreform (Einführung der Deutschen Mark) begründete dabei zusammen mit einer Preisfreigabe in den westdeutschen Besatzungszonen einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, schuf aber auch die entscheidende Voraussetzung für die Entstehung eines deutschen Weststaats. Weichen dafür waren durch die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung gestellt worden; der Parlamentarische Rat arbeitete das Grundgesetz als Verfassung für den Weststaat aus, der auf dem Prinzip des Föderalismus und der Grundlage der in den Besatzungszonen gegründeten deutschen (Bundes-) Länder (ab 1947) beruhte und eine repräsentative Demokratie mit (in seinen Befugnissen beschränktem) Präsidentenamt, Regierung, Parlament (ab 1949) und Verfassungsgericht (ab 1951) darstellte. Das am 8. Mai 1949 verabschiedete Grundgesetz hob die Bundesrepublik Deutschland als "Kind des Kalten Krieges" aus der Taufe. Parallel dazu - mit geringer zeitlicher Verzögerung - entstand die Deutsche Demokratische Republik auf der Grundlage einer von einem Deutschen Volksrat ausgearbeiteten Verfassung, eines in Berlin zusammengetretenen Deutschen Volkskongresses (Mai 1949) und des Deutschen Volksrats bzw. der Provisorischen Volkskammer vom 7. Oktober 1949. Die Sowjetunion förderte die Bildung eines deutschen Oststaats nur bedingt, da die sowjetische Führung immer noch politisch auf einen neutralen deutschen Einheitsstaat setzte (1948/49-1955; Stalin-Noten 1952). Doch blieben deutsche Teilung und die Existenz zweier deutscher Staaten für die folgenden Jahrzehnte erhalten (nach: Herbert, Ulrich (2014), Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, Sonderausgabe, München 2017).
Zahlreiche Quellen- und quellennahe Werke beleuchten die deutsche Nachkriegszeit, u.a.: Dönhoff, Marion Gräfin (1962), Namen, die keiner mehr kennt. Ostpreußen - Menschen und Geschichte (= dtv 247), München 1964, 139 S., DM 2,80; Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, hg. v. Bundesministerium für Vertriebene (1954/61), Bd.I: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, 3 Tle. (= dtv 3270), München 1984, XXI, 160, 494, XV, 896 S., DM N.N., Bd.II: Das Schicksal der Deutschen in Ungarn (= dtv 3271), München 1984, VIII, 202 S., DM 4,80, Bd.III: Das Schicksal der Deutschen in Rumänien (= dtv 3272), München 1984, XVIII, 418 S., DM 4,80, Bd.IV: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, 2 Tle. (= dtv 3273), München 1984, XIII, 357, XVI, 829 S., DM 14,80, Bd.V: Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien (= dtv 3274), München 1984, XX, 643 S., DM 9,80; Müller-Marein, Josef (1986), Deutschland im Jahre 1. Reportagen aus der Nachkriegszeit (= dtv 10563), München 1986, 238 S., DM 12,80. [Buhlmann, 09.1991, 02.2016, 03.2016, 09.2017]

Deutsche Geschichte, hg. v. Heinrich Pleticha: Bd.1 (1982): Firnkes, Manfred (Mitverf.), Vom Frankenreich zum Deutschen Reich 500-1024, Gütersloh 1982, 384 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.2 (1983): Dettelbacher, Werner (Mitverf.), Von den Saliern zu den Staufern 1024-1152, Gütersloh 1983, 384 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.3 (1983): Dettelbacher, Werner (Mitverf.), Die staufische Zeit 1152-1254, Gütersloh 1983, 383 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.4 (1983): Firnkes, Manfred (Mitverf.), Vom Interregnum zu Karl IV. 1254-1378, Gütersloh 1983, 384 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.5 (1983): Dettelbacher, Werner (Mitverf.), Das ausgehende Mittelalter 1378-1517, Gütersloh 1983, 38 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.6 (1983): Böhm, Winfried (Mitverf.) u.a., Reformation und Gegenreformation 1517-1618, Gütersloh 1983, 384 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.7 (1983): Dettelbacher, Werner (Mitverf.), Dreißigjähriger Krieg und Absolutismus 1618-1740, Gütersloh 1983, 384 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.8 (1983): Dettelbacher, Werner (Mitverf.), Aufklärung und Ende des Deutschen Reiches 1740-1815, Gütersloh 1983, 383 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.9 (1984): Böhm, Winfried (Mitverf.), Von der Restauration zur Reichsgründung 1815-1871, Gütersloh 1983, 384 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.10 (1984): Böhm, Winfried (Mitverf.), Bismarck-Reich und Wilhelminische Zeit 1871-1918, Gütersloh 1984, 383 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.11 (1984): Dettelbacher, Werner (Mitverf.), Republik und Diktatur 1918-1945, Gütersloh 1984, 384 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80; Bd.12 (1984): Buchwald, Manfred (Mitverf.), Geteiltes Deutschland. Nach 1945, Gütersloh 1984, 384 S., Abbildungen, Karten, DM 19,80. > D Deutsche Geschichte, Frühmittelalter-heute [Buhlmann, 1983-1984, 09.2017]

Deutsche Geschichte der neuesten Zeit (vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart), hg. v. Martin Broszat u.a.: Bd.1 (1984): Burg, Peter, Der Wiener Kongreß. Der Deutsche Bund im europäischen Staatensystem (= dtv 4501), München 1984, 200 S., DM 5,80; Bd.4 (1984): Stürmer, Michael, Die Reichsgründung. Deutscher Nationalstaat und europäisches Gleichgewicht im Zeitalter Bismarcks (= dtv 4504), München 1984, 199 S., DM 5,80; Bd.7 (1984): Grebing, Helga, Arbeiterbewegung. Sozialer Protest und kollektive Interessenvertretung bis 1914 (= dtv 4507), München 1985, 203 S., DM 4,-; Bd.12 (1985): Möller, Horst, Weimar. Die unvollendete Demokratie (= dtv 4512), München 1985, 269 S., DM 7,80; Bd.13 (1986): Krüger, Peter, Versailles. Deutsche Außenpolitik zwischen Revisionismus und Friedenssicherung (= dtv 4513), München 1986, 225 S., DM 5,80; Bd.14 (1987): Hepp, Corona, Avantgarde. Moderne Kunst, Kulturkritik und Reformbewegungen nach der Jahrhundertwende (= dtv 4514), München 1987, 259 S., DM 7,80; Bd.15 (1985): Blaich, Fritz, der Schwarze Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise (= dtv 4515), München 1985, 172 S., DM 5,-; Bd.16 (1984): Broszat, Martin, Die Machtergreifung. Der Aufstieg der NSDAP und die Zerstörung der Weimarer Republik (= dtv 4516), München 1984, 241 S., DM 4,-; Bd.18 (1987): Wendt, Bernd-Jürgen, Großdeutschland. Außenpolitik und Kriegsvorbereitung des Hitler-Regimes (= dtv 4518), München 1987, 256 S., DM 4,-; Bd.19 (1988): Graml, Hermann, Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich (= dtv 4519), München 1988, 291 S., DM 4,-; Bd.22 (1986): Benz, Wolfgang, Potsdam 1945. Besatzungsherrschaft und Neuaufbau im Vier-Zonen-Deutschland (= dtv 4522), München 1986, 271 S., DM 7,80; Bd.23 (1984): Benz, Wolfgang, Die Gründung der Bundesrepublik. Von der Bizone zum souveränen Staat (= dtv 4523), München 1984, 219 S., DM 6,-; Bd.24 (1984): Staritz, Dietrich, Die Gründung der DDR. Von der sowjetischen Besatzungsherrschaft zum sozialistischen Staat (= dtv 4524), München 1984, 244 S., DM 4,-; Bd.25 (1989): Herbst, Ludolf, Option für den Westen. Vom Marshall-Plan bis zum deutsch-französischen Vertrag (= dtv 4527), München 1989, 263 S., DM 4,-; Bd.28 (1986): Bender, Peter, Neue Ostpolitik. Vom Mauerbau bis zum Moskauer Vertrag (= dtv 4528), München 1986, 289 S., DM 7,80; Bd.30 (1986): Haftendorn, Helga, Sicherheit und Stabilität. Außenbeziehungen der Bundesrepublik zwischen Ölkrise und NATO-Doppelbeschluß (= dtv 4530), München 1986, 286 S., DM 7,-. > D Deutsche Geschichte, 1815-heute [Buhlmann, 07.2017]

Deutsche Geschichte. Ereignisse und Probleme, hg. v. Walther Hubatsch: DG 1,2 (1968): Baethgen, Friedrich, Deutschland und Europa im Spätmittelalter (= Ullstein Tb 3849), Frankfurt a.M. 21978, 193 S., DM 1,90; DG 2,1-2 (1967): Ritter, Gerhard, Die Neugestaltung Deutschlands und Europas im 16. Jahrhundert (= Ullstein Tb 3842), Frankfurt a.M. 1967, 485 S., DM 2,50; DG 2,3 (1974): Hubatsch, Walther, Deutschland zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution (= Ullstein Tb 3850), Frankfurt a.M. 21976, 208 S., DM 2,-; DG 3,1 (1967): Zechlin, Egmont, Die deutsche Einheitsbewegung (= Ullstein Tb 3843), Frankfurt a.M. 21977, 197 S., DM 2,-; DG 4 (1972): Baumgart, Winfried, Deutschland im Zeitalter des Imperialismus (1890-1914) (= Ullstein Tb 3844), Frankfurt a.M. 21976, 237 S., DM 2,-; DG 5 (1966): Hubatsch, Walther, Deutschland im Weltkrieg 1914-1918 (= Ullstein Tb 3845), Frankfurt a.M. 21973, 149 S., DM 2,-; DG 7 (1968): Vogelsang, Thilo, Die nationalsozialistische Zeit. Deutschland 1933 bis 1939 (= Ullstein Tb 3847), Frankfurt a.M. 41978, 178 S., DM 2,-; DG 8 (1966): Dahms, Hellmuth Günther, Der Zweite Weltkrieg (= Ullstein Tb 3848), Frankfurt a.M. 31975, 212 S., DM 2,-; DG 10 (1969): Conrad, Hermann, Der deutsche Staat. Epochen seiner Verfassungsentwicklung (843-1945) (= Ullstein Tb 3852), Frankfurt a.M. 21974, 219 S., DM 2,-; DG 11 (1970): Bizer, Ernst, Kirchengeschichte Deutschlands I. Von den Anfängen bis zum Vorabend der Reformation (= Ullstein Tb 3853), Frankfurt a.M. 1970, 170 S., DM 2,-; DG 12 (1973): Wallmann, Johannes, Kirchengeschichte Deutschlands II. Von der Reformation bis zur Gegenwart (= Ullstein Tb 3854), Frankfurt a.M. 1973, 304 S., DM 2,-; DG 14 (1973): Baumgard, Winfried, Bücherverzeichnis zur deutschen Geschichte. Hilfsmittel, Handbücher, Quellen (= Ullstein Tb 3856), Frankfurt a.M. 41978, 220 S., DM 2,-; DG 15 (1975): Treue, Wolfgang, Die deutschen Parteien. Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart (= Ullstein Tb 3857), Frankfurt a.M. 1975, 297 S., DM 2,-; DG 16 (1972): Heupel, Aloys u.a., Karten und Stammtafeln zur deutschen Geschichte (= Ullstein Tb 3858), Frankfurt a.M. 1972, 187 S., Tafeln, Karten, DM 3,90; DG 19 (1976): Hilgers, Werner, Deutsche Frühzeit. Geschichte des römischen Germanien (= Ullstein Tb 3861), Frankfurt a.M. 1976, 190 S., Karte, DM 1,-. > D Deutsche Geschichte, Frühzeit-heute [Buhlmann, 09.2017]

Deutscher Orden, Ritterorden: Der Deutsche Orden, entstanden gegen Ende des 12. Jahrhunderts als einer der großen palästinensischen Ritterorden, ist dennoch weniger wegen seiner Bedeutung für die Kreuzfahrerstaaten im Vorderen Orient bekannt als durch die Missionierung und Eroberung Preußens und Livlands, wo er im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts ein Territorium ausbilden konnte. Innere und äußere Konflikte (mit Polen) führten dann im 15. Jahrhundert zum Niedergang des Ordensstaates und schließlich - im Zuge der Reformation - zur Säkularisierung Preußens (1525). Im 15. Jahrhundert wuchs der Gegensatz zwischen dem Orden in Preußen unter den Hochmeistern und dem im deutschen Reich, was insbesondere die Stellung der Deutschmeister betraf. Letztere hatten die Leitung des Ordens im Reich inne; seit dem Bauernkrieg (1524/25) war das Mergentheimer Ordenshaus Residenz des Deutschmeisters. Nachdem der Deutschordensstaat Preußen protestantisch geworden war, verwaltete der Mergentheimer Deutschmeister das nunmehr vakante Hochmeisteramt. Der Orden lehnte sich seit der Regierung des Deutschmeisters Maximilian von Österreich (1589-1618) politisch zunehmend an Habsburg-Vorderösterreich an. Verbunden damit waren notwendige Reformen, zumal die Anzahl der Ordensritter immer mehr abgenommen hatte. Der Deutsche Orden überstand im habsburgischen Fahrwasser weitgehend unbeschadet die Kriege des 17. Jahrhunderts. Im Gefolge der Säkularisation am Beginn des 19. Jahrhunderts war der Orden nur noch auf die habsburgischen Territorien beschränkt, heute ist der Deutsche Orden eine sozial-karitative Einrichtung, ein geistlicher Orden.
Den Deutschen Orden zum Inhalt haben: Boockmann, Hartmut (1981), Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte, München 21982, 319 S., DM 38,-; Militzer, Klaus (2005), Die Geschichte des Deutschen Ordens, Stuttgart 2005, 225 S., € 22,-; Sarnowsky, Jürgen (2007), Der Deutsche Orden (= BSR 2428), München 2007, 128 S., € 7,90. > Q Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens [Buhlmann, 10.1996, 11.2007, 06.2011]

DF = Duisburger Forschungen

Diederich, Toni (2007), Siegelurkunde - Notariatsinstrument - Schreinseintrag. Zur Rechtssicherung von Liegenschaften und Erbzinsen im spätmittelalterlichen Köln, in: AfD 53 (2007), S.353-365. Für das spätmittelalterliche Köln ist von einem Nebeneinander von Siegelurkunde (ab Mitte des 10. Jahrhunderts), Notariatsinstrument (erstmals bezeugt 1275) und Schreinsurkunde (ab ca.1130) zu beobachten. Die (lateinischen) Schreinsurkunden (Schreinskarten, vereinigt zu Schreinsbüchern; Schreine als Truhen) verzeichneten u.a. besitzrechtliche Verfügungen (Kauf und Verkauf etwa von Grundstücken und Häusern) sowie Erbschaftsangelegenheiten (jedoch ohne den Zwang zur Anschreinung), die Notariatsinstrumente waren Beweisurkunden (besonders Testamente) von durch die Stadt kontrollierten Notaren, die Siegelurkunden waren rechtsgültige Beweisurkunden, die der Urkundensiegler in eigener Sache ausstellte. Eine Kölner Urkunde vom 15. Mai 1447, die den Verkauf von (umfangreichen) Erbgütern und Erbzinsen (bezeugt in zuvor vorgenommenen Schreinseinträgen) durch die Eheleute Johann und Adelheid von Waveren regelte, gilt dann als ein Dokument, das als Mischform Elemente von Siegelurkunde, Notariatsinstrument (Ausfertigung und Unterschrift des öffentlichen Notars und Klerikers Jakob Krayn von Dülken) und Schreinsurkunde (Hinzuziehung von zwei Schreinsmeistern) aufnahm. [Buhlmann, 09.2011]

Diers, Michaela (1998), Hildegard von Bingen (= dtv portrait 31008), München 1998 > H Hildegard von Bingen

Diesner, Hans Joachim (1966), Das Vandalenreich. Aufstieg und Untergang (= Urban Tb 95), Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1966 > V Vandalen

Diestelkamp, Bernhard (Hg.) (1982), Beiträge zum hochmittelalterlichen Städtewesen (= Städteforschung A 11), Köln-Wien 1982, XXVI, 235 S., Karten, Stadtpläne, DM 48,-. I. Gerhard Köbler, Mitteleuropäisches Städtewesen in salischer Zeit. Die Ausgliederung exemter Rechtsbezirke in mittel- und niederrheinischen Städten, befasst sich mit den Markt-, Münz- und Zollprivilegierungen salischer Könige an geistliche Institutionen, mit der Verleihung von Rechten an die Bürger von Speyer, Straßburg oder Worms am Ende der Salierzeit, mit dem sich entwickelnden Städtewesen am Rhein bei Ausgliederung lokaler Bezirke (civitas, urbs, villa) unter Königsbann oder ius urbanum. II. Hermann Jakobs, Stadtgemeinde und Bürgertum um 1100, untersucht, ausgehend von Gerichts- und Pfarrgemeinde, von den bischöflichen civitates und den Burg-, Stifts- una Abteistädten, die kommunale Bewegung an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert in Norditalien (Cremona, Mailand), in Flandern (Brügge, Gent) oder am Rhein (Freiburg i.Br., Speyer, Worms) in ihrer Beziehung zur hochmittelalterlichen Kirchenreform, zur libertas und civilitas der Stadtbewohner. III. Hagen Keller, Der Übergang zur Kommune: Zur Entwicklung der italienischen Stadtverfassung im 11. Jahrhundert, beschäftigt sich mit den Städten Ober- und Mittelitaliens in ihrer Entwicklung in salischer Zeit, von der "bischöflichen Stadtherrschaft" zur Stadtkommune bei wirtschaftlichem Aufstieg der Städte (Handel, Gewerbe), zunehmender Beteiligung der Einwohnerschaft an sie betreffenden Entscheidungen und Ausformung einer ausgleichenden Herrschaftsordnung innerhalb der jeweiligen Stadt. IV. Knut Schulz, Zensualität und Stadtentwicklung im 11./12. Jahrhundert, stellt die Gruppe der Zensualen und Wachszinsigen (censuales, cerocensuales) als "unfreie Freiheit" (Jahreszins, Heiratsabgabe, Todfallabgabe) als bedeutsam für die Stadtentwicklung am Rhein in salisch-staufischer Zeit dar; im städtischen Rahmen kam es mitunter zu Einschränkungen bei den Abgaben der Zensualen (Speyer [1111, 1182], Worms [1114, 1184]). V. Norbert Kamp, Probleme des Münzrechts und der Münzprägung in salischer Zeit, behandelt den Wandel bei der Münzprägung salischer Herrscher und Bischöfe vor dem Hintergrund des Übergangs zur regionalen Pfennigswährung ("räumliche Verengung" der Währungsräume/Umlaufgebiete von Leitmünzen). VI. Nach Wolfgang Heß, Münzstätten, Geldverkehr und Märkte am Rhein in ottonischer und salischer Zeit, versorgten im 10. und 11. Jahrhundert große Münzstätten eine zunehmende Zahl von umliegenden Marktorten und orientierte sich der Handel an den Markt- und Zollorten (Jahrmärkte). VII. Philippe Dollinger, Der Aufschwung der oberrheinischen Bischofsstädte in salischer Zeit (1025-1125), untersucht die Stadtentwicklung der Salierstädte Speyer und Worms sowie der Bischofsstädte Basel und Straßburg in Bezug auf Gerichtsbarkeit und Verwaltung (Bischof, Vogt, Schultheiß) sowie die sich entwickelnde Bürgergemeinde (urbanorum commune consilium, consensus burgensium u.ä.). VIII. Co van de Kieft, Das Reich und die Städte im niederländischen Raum zur Zeit des Investiturstreits, stellt den Einfluss von Handel, König und Reichskirche (Bistum Utrecht) auf die (wirtschaftliche, topografische und verfassungsrechtliche) Stadtentwicklung von Deventer, Groningen, Maastricht, Nimwegen, Stavoren, Tiel und Utrecht heraus. IX. Klaus Flink, Stand und Ansätze städtischer Entwicklung zwischen Rhein und Maas in salischer Zeit, untersucht u.a. anhand der Orte Aachen, Duisburg, Erkelenz, Köln, Münstereifel, Remagen, Werden, Zülpich die Entwicklung des Städtewesens im 11. und 12. Jahrhundert und stellt sie in den Zusammenhang mit königlichen Privilegierungen, den Kölner Erzbischöfen als Ortsherren, Markt, Exportgewerbe und Ansätzen von Gemeindebildung; Periodengrenze der hochmittelalterlichen Stadt ist im Rheinland die Mitte des 12. Jahrhunderts. X. Tadeusz Roslanowski, Markt und Stadt im früh- und hochmittelalterlichen Polen, sieht für die früh- und hochmittelalterlichen Städte keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Markt und Stadt, während auch andere Faktoren (wohl nicht allein der Lokationsprozess) die Entstehung von Gründungsstädten beförderten. XI. Carsten Goehrke, Bemerkungen zur altrussischen Stadt der frühen Teilfürstenzeit (Mitte des 11. bis Mitte des 12. Jahrhunderts, stellt (nach Novgorod und Kiew, nach dem Tod Jaroslavs des Weisen 1054) die Entfaltung des russischen Städtewesens in den Zusammenhang mit der Regionalisierung und Territorialisierung von politischer Macht in den (sich daher politisch nicht emanzipierenden) Burg- und Fürstenstädten der Vormongolenzeit. [Buhlmann, 09.2014]

Dietrich, Irmgard (1953), Die Konradiner im fränkisch-sächsischen Grenzraum von Thüringen und Hessen, in: HessJbLG 3 (1953), S.57-95 > K Konradiner

Dinzelbacher, Peter (1998), Bernhard von Clairvaux. Leben und Werk des berühmten Zisterziensers (= GMR), Darmstadt 1998 > Z Zisterzienser

Dinzelbacher, Peter (2009), Unglaube im "Zeitalter des Glaubens". Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter, Badenweiler 2009, 166 S., Schwarzweißabbildungen, € 9,95. Im Mittelalter als (angebliches) "Zeitalter des Glaubens" gab es auch - jenseits von Heidentum, Häresien und Glaubensabweichungen - (schwer durch Geschichtsquellen belegbaren) Atheismus und Skeptizismus gegenüber der Existenz Gottes bzw. gegenüber Aussagen der christlichen Lehre der katholischen Kirche: "Unglauben" (infidelitas). Besonders die mittelalterlichen Intellektuellen pflegten auf der Basis der Philosophie "Unglauben" bis hin zum Atheismus und Pantheismus (Averroisten; Epikuräer; Leugnung der Unsterblichkeit der Seele, der Hölle usw., Leugnung christlicher [christologischer, mariologischer] Dogmen [auch Transsubstantiation, auch Wunder von Heiligen]; fatum und Fortuna als [göttliche?] Wirkmächte [ab 12. Jahrhundert]; Astrologie und die Wirkmacht der Gestirne; Zweifel und Gottesbeweise; Gerbert von Aurillac [†1003, Fortuna], Guido Calvacanti [13. Jahrhundert, 2. Hälfte], Siger von Brabant [†1284]); dabei half das Wissenschaftskonstrukt der "doppelten Wahrheit", d.h. der "philosophischen Wahrheit" secundum rationem und der "theologischen Wahrheit" secundum fidem (Verdammung des Systems der "doppelten Wahrheit" auf dem 5. Laterankonzil [1513]). Auch bei mittelalterlichen Laien findet sich "Unglauben", so der (vermeintliche?) Atheismus des Grafen Johann von Soissons (bei Guibert von Nogent [†ca.1125/30]), Kaiser Friedrichs II. (1212-1250; "Moses, Jesus, Mohammed als Betrüger"), König Manfreds von Sizilien (†1266; Epikurismus) oder der Barbara von Cilli (†1451; Ehefrau Kaiser Sigismunds [1410-1437]), weiter der Skeptizismus von Medizinern (Nicoletto Vernia [†1499]), die Areligiosität von Dichtern (Folgòre da San Gimignano [ca.1310], Fabliaux; Ritterepos Morgante [Weltsicht des Riesen Margutte]; Rosenroman [Idolatrie einer Frau]), die Obszönitäten von Künstlern in Kunstwerken (Buchminiaturen [Stundenbücher] und Gemälde) und das religiöse Desinteresse bzw. der religiöse "Unverstand" beim "Volk". Dabei beeinflussten außereuropäische Kontakte des christlichen Abendlands (Islam, Kreuzzüge, Heidentum) und innereuropäische Häresien zweifelsohne den "Unglauben", ebenso die zunehmende Unabhängigkeit der Intellektuellen von Kirche und Glauben (Stadtkultur). "Unglauben" wurde im Mittelalter in Jenseitsvorstellungen (der Hölle) und ikonografisch (infidelitas des Giotto [14. Jahrhundert, Anfang]) thematisiert; auch die Reaktion von Kirche und Inquisition auf "Unglauben" spielte eine wichtige Rolle (Verfolgung und Verurteilung von Geistlichen und Laien). Insgesamt offenbart sich für das Mittelalter eine Spanne von Mentalitäten zwischen "blinder Gläubigkeit" und "kritischem Atheismus". [Buhlmann, 11.2014]

Dinzelbacher, Peter, Bauer, Dieter R. (Hg.) (1990), Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart, Ostfildern 1990 > H Heilige des Christentums

Dionysius Areopagita, Die Engel-Hierarchie. Der Ursprung der christlichen Engel-Lehre, eingel. v. Johannes Clausner u. übers. v. Walther Tritsch (1955), München 1955, Nachdruck Amerang 2010, 139 S., € 11,95. (Pseudo-) Dionysius Areopagita ist ein anonymer griechischer Autor, der im 5./6. Jahrhundert n.Chr. (476/518/28) auf der Grundlage der neuplatonischen Schriften des spätantiken Philosophen (†485) christlich-religiöse Werke mystischen Inhalts verfasste, darunter das Werk "von der himmlischen Hierarchie". (Pseudo-) Dionysius, den das Mittelalter mit dem im biblischen Neuen Testament erwähnten Dionysius Areopagita identifizierte, beschreibt in seiner "Engelhierarchie" im Rahmen der "negativen Theologie" eines von der Schöpfung entrückten Gottes "jenseist der Gegensätze" eine "mystische Theologie" der Mediatation uns Ekstase (unio mystica), der Hingabe und Annahme durch den Gläubigen. In diesem Zusammenhang beleuchtet (Pseudo-) Dionysius das wesen und die Hierarchie der biblischen Engel, die zu Gott hinführen ("geistlicher Pfad"), als "heilige (Rang-) Ordnung" aus Triaden (1. Triade: Seraphim, Cherubim, Throne; 2. Triade: Herrschaften, Mächte, Gewalten; 3. Triade: Fürstentümer, Erzengel, Engel), die das "Licht" Gottes an den in mystischer Versenkung Begriffenen "herabtragen". [Buhlmann, 03.2017]

Diss. = Dissertation

DJb = Düsseldorfer Jahrbuch. Beiträge zur Geschichte des Niederrheins

Dobras, Werner (1992), St. Johannes Baptist in Hagnau am Bodensee: romanisch - spätgotisch - barock, in: Schönes Schwaben 1 (1992), S.16-23. I. Der Ortsname "Hagnau" bezieht sich wohl auf auf den Hag als umfriedetes Areal. Erstmals tritt (ein welfisches) Hagnau zum Jahr 1010 als Güterort des damals von Herzog Welf II. (-1030) gestifteten Klosters Weingarten in Erscheinung. Im hohen Mittelalter war in Hagnau welfische Ministerilität vertreten, es gab im 12. und 13. Jahrhundert einen Hagnauer Ortsadel (1152, 1233). Das pfarrkirchlich von Weingarten abhängige Hagnau wurde um 1220 selbst Mittelpunkt einer Pfarrei, zu 1260 bzw. 1265 ist Besitz der Johanniterkommende Überlingen am Ort bezeugt, zu 1275 war ein Heinrich in Hagnau Kirchherr. Auch Besitz des Konstanzer Bischofs war in Hagnau vorhanden (1285 Verkauf des Münchhofs an das Kloster Salem 1285), später wurde die Pfarrei Hagnau dem Bistum inkorporiert. Zudem gab es im 15. Jahrhundert Besitz des Deutschen Ordens in Hagnau (1445). Die Herrschaft über den befestigten Ort übten bis zum Jahr 1371 die Schenken von Ittendorf aus, danach Elisabeth von Hohenfels und Burkhard von Ellerbach, der die Ortsvogtei an die Reichsstadt Überlingen verkaufte (1432). Die Ortsvogtei sollte 1650 von Überlingen an das Kloster Einsiedeln, Besitz und Niedergericht 1673, die Vogtei vor 1779 an das Kloster Weingarten übergehen. Zwischen 1803 und 1806 war Hagnau nassau-dillenburgisch, danach badisch. II. Ins hohe Mittelalter zurück verweisen die romanischen Bauteile der Hagnauer Kirche St. Johannes Baptist, u.a. das Untergeschoss des ansonsten spätgotischen Kirchturms. Das gotische Kirchenschiff wurde im 18. Jahrhundert (1729?) durch ein barockes ersetzt, der gotische Chor damals erweitert. Das Barock erfasste auch die Inneneinrichtung des Gotteshauses (Altäre, Tafeln der Rosenkranzbruderschaft, Kanzel von 1683, Epitaphe), die im 19. Jahrhundert weitgehend durch eine neugotische Ausstattung weitgehend ersetzt wurde (Altäre, Glasfenster, Chorausmalung; Wendelinskapelle 1881; neugotisches Netzrippengewölbe des Chors). Ins Mittelalter gehören eine schwäbische Muttergottes (ca.1460), eine Pietàfassung (15. Jahrhundert, Ende), ein Tabernakelrelief (15. Jahrhundert). [Buhlmann, 12.2016]

Dölemeyer, Barbara (2006), Die Hugenotten (= Urban Tb 615), Stuttgart 2006, 231 S., € 5,-. I. Die Reformation breitete sich im 16. Jahrhundert auch im Königreich Frankreich aus, wo um 1550 die (reformiert- [Jean Calvin, †1564]) protestantischen Hugenotten (Begriff: "lichtscheues Gesindel"?, "Eidgenossen/aignos/inguenots" [Genf]?; zusammen mit den Waldensern) im katholischen Herrschaftsraum der französischen Könige eine große Minderheit bildeten. Ab ca.1560 kam es zu massiven Auseinandersetzungen (Hugenottenkriege, Edikte von St. Germain 1562, 1570, "Bartholomäusnacht" 23./24. August 1572 [Ermordung des Gaspard de Coligny und vieler Protestanten]). Die konfliktreichen Spannungen beruhigten sich erst, als der zum Katholizismus übergetretente (1593) franzöische König Heinrich IV. (von Navarra, 1589-1610) mit dem (Friedens-, Toleranz-) Edikt von Nantes (3./30. April 1598) die Basis für die Duldung der französischen Protestanten schuf. Trotzdem blieb die Lage der Hugenotten während des 17. Jahrhunderts prekär (Kardinal Richelieu, Hugenottenkrieg [als Krieg des Adels gegen den König] 1620/29, Belagerung und Fall des Sicherheitsplatzes La Rochelle 1628, Frieden von Alés 1629), zumal die "absolutistische" Herrschaft König Ludwigs XIV. (1643-1715) in den Augen des Herrschers "einen Glauben, ein Gesetz, einen König" erforderte. Mit dem Edikt von Fontainebleau (18. Oktober 1685) wurde das von Nantes aufgehoben, die Protestanten unterlagen einer sich verschärfenden Verfolgung, die etliche in den Untergrund ("Kirche in der Wüste") und aus Frankreich trieb. Ca. 160000 bis 170000 Hugenotten flohen nach 1685 aus dem Herrschaftsgebiet der französischen Monarchie. II. Die Hugenotten und Waldenser fanden als Glaubensflüchtlinge (refugiès) Zuflucht in protestantinischen Ländern außerhalb Frankreichs (refuge). Gerade die Schweizer Eidgenossenschaft spielte als Drehscheibe und Durchzugsland hierbei eine wichtige Rolle. Viele Hugenotten fanden in deutschen Territorien (Brandenburg-Preußen, Hessen, Baden-Durlach, Württemberg, Kurpfalz, Braunschweig-Lüneburg/-Wolfenbüttel, Mecklenburg, Hansestädte, Reichsstädte), in den Niederlanden, in England (und Irland), aber auch in Skandinavien (Dänemark, Schweden), Russland, oder in Übersee (Südafrika, South Carolina) Zuflucht. Z.B. in deutschen Territorien mit besonderen Privilegien ([freie] Religionsausübung [oder Duldung], Wirtschaft [Landwirtschaft, Handwerk]) ausgestattet, dienten Hugenottenkolonien der Wiederbesiedlung und "Peuplierung", wobei es u.U. zu Konflikten mit der alteingessesenen Bevölkerung kam. Schließlich überwogen Integration und Assimilation in den Zufluchtsländern, ein hugenottisches Bewusstsein blieb indes vielfach erhalten (hugenottischer Mythos [Geschichtsschreibung, Hugenottenmythos zum Großen Kurfürsten, Literatur, Hugenottenikonografie/-medaillen], hugenottisches Erbe [geistig-religiöse Traditionen, Deutsche Hugenotten-Zentrum, Deutsche Hugenotten-Gesellschaft in Bad Karlshafen, Hugenottenmuseen in Europa, Nordamerika, Südafrika]). [Buhlmann, 07.2017]

Dohrmann, Wolfgang (1985), Die Vögte des Klosters St. Gallen in der Karolingerzeit (= Bochumer historische Studien. Mittelalterliche Geschichte, Nr.4), Bochum 1985 > S St. Gallen

Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992), Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne Zeitrechnungen, München-Wien 1992 > Z Zeit

Dollinger, Philippe (1966), Die Hanse (= KTA 371), Stuttgart 31976, 606 S., Karten , DM 25,-. Für den norddeutschen Raum wurde im späten Mittelalter die Hanse als Wirtschaftsorganisation der Kaufleute und der Städte bedeutsam. Beginnend im 12. Jahrhundert mit den Fahrtgemeinschaften von Kaufleuten ("Hansen", Gotlandfahrer), beginnend auch mit dem Aufstieg Lübecks ("Haupt der Hanse") zur erfolgreichen Handelsmetropole nicht nur des Ostseeraums, entwickelte sich im späten Mittelalter die Städtehanse als Zusammenschluss zahlreicher niederrheinisch-westfälisch-norddeutscher, niederländischer und preußisch-livländischer Städte (Dortmund, Köln, Lübeck, Magdeburg als Vororte [von Dritteln, Vierteln]), die den Schutz ihrer Kaufleute garantierten und alsbald den Wirtschaftsraum von Nord- und Ostsee beherrschten. Über die großen Hansekontore Bergen ("Deutsche Brücke"), Brügge, London ("Stalhof") und Novgorod ("Petershof") lief der Handel der Hansekaufleute mit Waren (Hering, Stockfisch, Pelze, Häute, Wachs, Bauholz, Wolle, Tuche, Leinwand, Metallwaren, Glas, Papier, Wein, Bier, Salz, Eisen, Zinn, Kupfer, Silber) zu Wasser (See- und Binnenschifffahrt [Organisation, Navigation, Häfen, Stapel, Warenlagerung]; Schiffe [Kogge, Holk]) und zu Lande (Landtransport [Transportwesen, Straßen, Geleit, Zölle]; Karren [vierrädrig, zweirädrig]). Zur Durchsetzung ihrer Interessen (Handelsprivilegien) schreckte die Hanse auch vor Kriegsführung nicht ab (Kölner Konföderation [1367/85] und Stralsunder Frieden [1370]; Englandkonflikt [1469/74] und Frieden von Utrecht [1474]). Umgekehrt war die Hanse von kriegerischen Auseinandersetzungen (Kaperkrieg der Vitalienbrüder [ab 1390]), waren viele Hansestädte als Territorialstädte von ihren Landesherren bedroht (hansische Tohopesaten und Landesherrschaften; Einbindung Braunschweigs in die Landesherrschaft 1671); nur wenige Hansestädte waren Reichs- oder freie Städte (Dortmund, Köln, Lübeck). Der Aufstieg der holländischen Kaufleute und der englischen merchant adventurers, die Entwicklung der Territorialstaaten und der Territorien sowie das Aufkommen süddeutscher Kaufleute (Fugger, Welser; europäisches Fernhandelssystem der frühen Neuzeit) führten am Ende des Mittelalters zum Niedergang der Hanse, trotz Reorganisationsbemühungen in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, der Beibehaltung der Hansekontore Antwerpen, Bergen und London und der Behauptung der Hanse im Westfälischen Frieden (1648). Der letzte Hansetag der noch nicht "abgedankten und abgeschnittenen" Städte (als politisches Beschlussgremium der Hansestädte) fand im Jahr 1669 statt. [Buhlmann, 09.1993]

Donaueschinger Passionsspiel: Das Donaueschinger Passionsspiel, hg. v. Antonius H. Touber (1985) (= RUB 8046), Stuttgart 1985, 350 S., DM 11,50. Als Donaueschinger Passionsspiel wird eine Handschrift des 15. Jahrhunderts aus der Fürstlich-Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen bezeichnet, die die Passion von Jesus Christus in ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang darstellt. Die Papierhandschrift, 31,5 cm hoch, 10,5 cm breit, umfasst 88 Seiten. Die Sprache des Passionsspiels ist ein spätmittelalterliches Alemannisch, den lateinischen Liedern wurden Musiknoten beigegeben. Der Text des Passionsspiels wurde in schwarzer, die Regieanweisungen in roter Tinte geschrieben. Dem Passionsspiel liegt eine unzulängliche Bühnenskizze bei, der Donaueschinger bzw. Villinger Bühnenplan. An mehreren Schauplätzen einer Simultanbühne (am Markt oder Kirchplatz) muss demnach unter Teilnahme der Zuschauer eine parallele Simultanhandlung stattgefunden haben: Bekehrung der Maria Magdalena, Heilungswunder Jesu Christi (u.a. die Auferweckung des Lazarus), Tempelreinigung, Einzug Christi in Jerusalem, Verrat des Judas (1. Aufführungstag), Abendmahl und Fußwaschung, Verwurteilung Jesu Christi, Kreuzigung, Kreuzabnahme und Begräbnis, Auferstehung und Höllenfahrt Christi, Verkündigung der Auferstehung (2. Aufführungstag). [Buhlmann, 10.2007]

Dorestad, frühmittelalterlicher Handelsplatz im Rheinmündungsgebiet: Das niederländische Dorestad, heute Wijk bei Duurstede, gelegen an Rhein (Krummer Rhein) und Lek, wird auf Münzen des 7. und 8. Jahrhunderts bezeichnet als DORESTATE, DORESTATI, DORESTAT, DORESTATO bzw. DORESTATVS, in der schriftlichen bis ab-schriftlichen Überlieferung des früheren Mittelalters als Dorostate(s) (Geograf von Ravenna), Dorstet (Bonifatiusvita des Willibald), Dorestad(e, io, o) (in Urkunden fränkischer Herrscher) und Dorestadum bzw. Dorestatum (in der frühmittelalterlichen Annalistik). Der Verortung Dorestads im Niederrheinland und im "Gebiet der Friesen" entspricht die Randlage des Handelsortes im Frankenreich bis in die Karolingerzeit hinein. In der Spätantike gehörte der Raum um Dorestad, wie die Reste zweier römischen Siedlungen westlich davon vermuten lassen, noch zum römischen Reich. Archäologische Funde des 5. und frühen 6. Jahrhunderts zeigen eine weitere Besiedlung in nachrömischer Zeit an. Dorestad gehörte zeitweise zum merowingischen Frankenreich, wie Münzen (mit Nennung der Münzmeister Rimoaldus und Madelinus) wohl aus dem Zeitraum zwischen 630 und 650 belegen. Der Ort war damals folglich Münzstätte und Handelsort, wohl auch mit einer Kirche versehen; wahrscheinlich hatte der Merowingerkönig Dagobert I. (623/29-639) Dorestad von den Friesen erobert. Wohl kurz nach der Mitte des 7. Jahrhunderts wurde die Siedlung wieder friesisch. Der fränkische Hausmeier Pippin der Mittlere (687-714) besiegte um 690/95 die Friesen in einer Schlacht "bei der Burg, die Dorestad heißt", wobei das in den Metzer Annalen genannte castrum Duristate durchaus eine ehemalige römische Limesfestung gewesen sein könnte. Dorestad blieb in der Folgezeit weitgehend fränkisch. Dabei sahen das letzte Viertel des 7. und das 8. Jahrhundert eine Siedlungsverlagerung bzw. Siedlungsausweitung hin zum karolingischen Handelsplatz. Das merowingerzeitliche Dorestad lag wahrscheinlich unmittelbar an der Gabelung von Lek und (Krummen) Rhein im Bereich des heutigen Wijk bei Duurstede, der karolingerzeitliche Ort orientierte sich auch am Lauf des Rheins. Das Dorestad des 8. und 9. Jahrhunderts war eine Siedlungsagglomeration, die neben dem erwähnten castrum noch aus einer Kaufleutesiedlung bei der "Burg", einer Handwerkersied-lung am Rhein und einer villa non modica (einer "nicht unbedeutenden Siedlung") nordwestlich davon bestand. Im castrum an Lek und Rhein stand die in die Merowingerzeit zurückreichende Kirche, die Upkirika ("Oberkirche"). Beim castrum siedelten Händler, die auch unter dem Schutz des Utrechter Bischofs standen. Bei der Kaufleutesiedlung, deren Entstehen um die Mitte des 7. Jahrhunderts veranschlagt wird, befanden sich Zollstelle und Münzstätte; auch ein Gräberfeld konnte nachgewiesen werden. Die Handwerkersiedlung im Norden erstreckte sich von Süd nach Nord am Westufer des Rheins über eine Länge von einem Kilometer bei einer Breite von 200 bis 500 Metern. An die Handwerkersiedlung schloss sich nach Nordwesten wahrscheinlich die villa non modica an, in die sich im Jahr 863 Friesen vor dem Angriff der Normannen auf Dorestad flüchteten. Der Handelsort Dorestad unterlag ungefähr ab den 830er-Jahren schwerwiegenden politischen und wirtschaftlichen Veränderungen; der Ort wurde wiederholt durch Angriffe der Normannen heimgesucht (834-837, 847, 850, 863). Es wäre aber zu kurz gegriffen, den Niedergang Dorestads nur auf die politischen Unwägbarkeiten im Zusammenhang mit der inneren und äußeren Krise des Frankenreichs zurückzuführen. Es zeigen sich nämlich auch Veränderungen beim Handel selbst, der, was Dorestad anbetrifft, regionaler wurde, vielleicht auch Ergebnis der politischen Teilungen des fränkischen Gesamtreichs. Zudem spielten geografische Faktoren durch die Verlagerung des (Krummen) Rheins eine Rolle. Im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts war auf alle Fälle der Handelsplatz Dorestad schon untergegangen. In einer Urkunde des ostfränkischen Königs Otto I. des Großen (936-973) von 948 taucht dann der Ort Wijk (bei Duurstede) auf.
An Literatur zu Dorestad seien genannt: Prummel, Wietske (1983), Excavations at Dorestad 2: Early Medieval Dorestad. An Archaeozoological Study (= Nederlandse Oudheden 11), Amersfort 1983, 273 S., Abbildungen, Karten, Pläne; Van Es, W.A., Verwers, W.J.H. (Hg.) (1980), Excavations at Dorestad 1: The Harbour: Hoogstraat I (= Nederlandse Oudheden 9), Amersfort 1980, 319 S., Abbildungen, Karten, Pläne; Willemsen, Annemarieke, Kik, Hanneke (Hg.) (2010), Dorestad in an international framework. New research on centres of trade and coinage in Carolingian times, Turnhout 2010, 214 S., Abbildungen, Karten, Pläne. [Buhlmann, 10.2014]

Drabek, Anna M. (1970), Der Merowingervertrag von Andelot aus dem Jahre 587, in: MIÖG 78 (1970), S.34-41. Der Geschichtsschreiber Gregor von Tours (†594) überliefert zum 28. November 587 [586] den Vertrag von Andelot als einzigen auf überlieferten Vertrag (pactio) zwischen Merowingerkönigen des Frankenreichs. Die Übereinkunft war Ausfluss der Teilungspraxis im Merowingerreich und muss vor dem Hintergrund der Beseitigung Gundowalds (585) sowie einer abgewendeten adligen Verschwörung gegen Childebert II. (575-596; 587 [586]) gesehen werden. Die Merowingerkönige Gunthramn (561-592) und Childebert II. sowie die Regentin Brunichild (†613) und die Großen des Reichs einigten sich durch gegenseitige Eide zunächst über die territoriale Abgrenzung des frankoburgundischen und des Metz-Reimser Teilreichs hinsichtlich der strittigen Gebiete des ehemaligen (Pariser) Charibertreichs (Charibert I., 561-567) - u.a. erhielt Gunthramn Paris, während Childebert wieder in Aquitanien vertreten war - und der Mitgift der ermordeten Galaswintha (†569/70), die nun ihrer Schwester Brunichild zustand, wobei zunächst nur die civitas Cahors an die Regentin des östlichen Teilreichs gelangte. Weiterhin beinhaltete der Vertrag eine erbrechtliche Regelung, wonach der überlebende König im Ostreich bzw. in Frankoburgund jeweils die Herrschaft im anderen Reich übernehmen sollte, wenn dies über keinen Herrscher verfügte. Schließlich stimmten die Vertragspartner in eine Amnestie für die Großen überein, die im Bürgerkrieg die Fronten gewechselt hatten. Über die "Außenpolitik" des Frankenreichs bzgl. Westgoten und Langobarden wurde hingegen keine Einigung erzielt. Der Vertrag von Andelot schuf mit den austroburgundischen Machtblock, der in Gegensatz zum Neustrien König Chlothars II. (584-629) die fränkische Politik der folgenden Jahrzehnte bestimmen sollte. [Buhlmann, 04.1989]

Dresen, A[rnold] (1913/14), Ein Ratinger Meßbuchcodex aus dem 12.-13. Jahrhundert (Cod. lat. 10075 der Königl. Hof- und Staatsbibliothek zu München), in: DJb 26 (1913/14), S.1-34 > Lateinische Literatur > R Ratinger Memorienbücher, Ratinger Messbuchcodex

Dresen, A[rnold] (1916), Beda Venerabilis und der älteste Name von Kaiserswerth, in: DJb 28 (1916), S.211-218 > K Kaiserswerth

Dresen, Arnold (1928), Memorien des Stiftes Gerresheim, in: DJb 34 (1928), S.155-179 > G Gerresheim

Dresen, Arnold (1929), Die Feier der Hochfeste in der Stiftskirche zu Gerresheim, in: AHVN 115 (1929), S.205-219 > G Gerresheim

Dresen, Arnold (1929), Das Abteihaus in Gerresheim und seine Inneneinrichtung, in: DJb 35 (1929), S.1-23 > G Gerresheim

Dresen, Arnold (1929), Grab und Kapelle des seligen Gerrikus in Gerresheim, in: Bergisch-Jülichsche Geschichtsblätter 6 (1929), S.9f > G Gerresheim

Dresen, Arnold (1933), Die Säkularisation des Stiftes Gerresheim und ihre Auswirkungen, in: AHVN 123 (1933), S.98-135 > G Gerresheim

Dreyer, Boris (2011), Polybios. Leben und Werk im Banne Roms, Darmstadt 2011 > P Polybios

Drinkwelder, Otto (1916), Das Rüeggisberger Chartular aus dem Jahr 1425, in: SMGB 37 (1916), S.64-82 > R Rüeggisberg

Droege, Georg (1961), Pfalzgrafschaft, Grafschaften und allodiale Herrschaften zwischen Maas und Rhein in salisch-staufischer Zeit, in: RhVjbll 26 (1961), S.1-21 > E Ezzonen

Droste, Heiko (Bearb.) (2000), Schreiben über Lüneburg. Wandel von Funktion und Gebrauchssituation der Lüneburger Historiographie (1350 bis 1639) (= VHKNB 195), Hannover 2000, 488 S., Editionen, Handschriftenverzeichnis, Stemma, € 15,-. I. Die Stadt Lüneburg verdankt ihre Entstehung um 1200 dem Zusammenschluss der Siedlungskerne Saline, Kalkberg und Modestorp (evtl. nach der Zerstörung Bardowicks durch Herzog Hienrich den Löwen 1189). Burmeister und urkundlich 1239 erstmals bezeugter Rat werfen ein Schlaglicht auf die sich herausbildende Bürgergemeinde, deren Reichtum sich der Saline (Salzpfannen, Sülchmeister) und der Schifffahrt auf der Ilmenau (Handel, Stapel) verdankte. In spätem Mittelalter und früher Neuzeit genoss Lüneburg teilweise eine weitgehende Unabhängigkeit von den welfischen Herzögen von Braunschweig-Lüneburg (Lüneburger Privilegien [Ottonianum von 1247, Sate als Landfriedensbündnis von 1392, Vertrag von 1562]). II. Vor dem Hintergrund einer sich in Rat (Stadtschreiber) und Bürgerschaft entwickelnden Schriftlichkeit entstand in Lüneburg eine breitgefächerte Historiografie, deren Ausgangspunkt die Geschehnisse beim Lüneburger Erbfolgekrieg (1369-1374), beim Satekrieg (1392-1406) und beim Lüneburger "Prälatenkrieg" (1446-1462) bildeten. Folgende niederdeutsche Lüneburger "Chroniken" können dann ausgemacht werden: a) Nikolaus Floreke, Chronik zum Lüneburger Erbfolgekrieg (1370/74); b) "Satechronik" (14. Jahrhundert, Ende); c) Lüneburger Chronik bis 1414; d) Heinrich Lange, "Chronik" und Denkschriften (1453/56, 1461); d) Dirick Döring, "Historia" (n.1460); e) "Anonyme Chronik zum Prälatenkrieg" (ca.1460); f) "Anonyme Chronik zum Prälatenkrieg" (ca.1462); g) "Anonymus-Chronik zum Prälatenkrieg" (1476); h) Lieder zum "Prälatenkrieg" (n.1462); i) "Kompilation zum Prälatenkrieg" (Tzerstede-Codex, weit n.1462); j) Fortsetzung der Lüneburger Chronik bis 1466 (ca.1500); k) Lieder zur Reformation (1530); l) Johann Döring, Bericht zur Reformation in Lüneburg (1533); m) Johannes Deghener, Denkschrift zum "Prälatenkrieg" (1547); n) Johannes Deghener, Bewertung der Lüneburger Reformation (1547); o) "Anonyme Chronik zur Reformation" (n.1555); p) Jakob Schomaker, Chronik (v.1562); q) Lucas Lossius, Lunaeburga Saxoniae als Städtelob (Lüneburger Luna-Geschichte, 1562/66); r) Thomas Mawer, Lüneburger Städtelob (1567); s) Jürgen Hammenstede, Erste Chronik (ca.1567/74); t) Jürgen Hammenstede, Zweite Chronik (ca.1575/90); u) Forsetzungen der Lüneburger Chronik (16. Jahrhundert, Ende); v) Leonhard Elver, Bewertung der Lüneburger Reformation (ca.1610); w) Leonhard Elvers, Discursus historico-politicus de statu rei publicae Luneburgensis (1606/31); x) Anonyme Denkschrift zum Lüneburger Ratsregiment (1636). III. Die Lüneburger "Stadtchronistik" entwickelte sich als historiografisch nicht klar abgrenzbare Gattung (Relation als Vorform der Geschichtsschreibung) im politisch-sozialen Spannungsfeld zwischen Rat und Öffentlichkeit (Elite und Honoratioren; "Sitz im Leben"), zwischen Recht und Geschichtsschreibung, zwischen mündlicher Symbolik und schriftlicher Überlieferung. Als Höhepunkt Lüneburger Geschichtsschreibung kann die chronologisch aufgebaute, gut strukturierte Chronik Jakob Schomakers gelten. Ziel der Historiografen war es, Erinnerungen an historisches Geschehen (Rechtstexte, Lieder, Riten, Daten) zu bewahren (Sicherung, Verfestigung) und so aus der Vergangenheit die Gegenwart der Stadt Lüneburg erklärbar zu machen. [Buhlmann, 07.2014]

Drücke, Simone (2001), Humanistische Laienbildung um 1500. Das Übersetzungswerk des rheinischen Humanisten Johann Gottfried (= Palaestra, Bd.312), Göttingen 2001, 490 S., € 7,40. Der Humanist Johann Gottfried aus Odernheim am Glan (*ca.1430-†n.1507/1515?) studierte zwischen 1456 und 1465 an der Universität Heidelberg mit dem Abschluss eines magister artium. 1469 war er Kanoniker an der Stiftskirche von Oppenheim und Visitator des dortigen Franzikanerklosters. Zusätzlich besaß er zwei Pfründen in Rockenhausen und Mosbach. Gottfried unterhielt Kontakte zu der in Oppenheim ansässigen Adelsfamilie Dalberg; wahrscheinlich unterrichtete er Johann von Dalberg, den späteren Wormser Bischof (1482-1503), und dessen Bruder Friedrich (†1507). Kontakte bestanden auch zum Heidelberger Humanistenkreis (sodalitas litteraria Rhenana) und zu dem Benediktinergelehrten Johannes Trithemius. Bekannt wurde Gottfried durch seine lateinisch-frühneuhochdeutsche Übersetzungstätigkeit antiker und humanistischer Werke: Cicero, De fato; Cicero, Paradoxa Stoicorum; Cicero, Cato maior de senectute; (Ps.-) Sallustii in Ciceronem et invicem invectivae; Cicero, Somnium Scipionis; (Ps.-) Aristoteles, Oeconomica I; Leonardo Bruno, Isagogicum moralis disciplinae; Lukian, Calumniae non temere credendum; Cosma Raimondi, Defensio Epicuri; Livius, Ab urbe condita IV, XXX; Lukian, Charon; Isokrates, De regni administratione ad Nicoclem; (Ps.-) Isokrates, Praecepta ad Demonicum (gemäß der Sammelhandschrift Berlin ms.germ.qu.1477 neben den Handschriften Heidelberg cod.pal.germ.451 und 469 sowie dem Druck "Beschirmung Epycuri" von ca.1522). Den Übersetzungen sind Widmungsbriefe an Friedrich von Dalberg vorangestellt, die das Bemühen Gottfrieds um die Weitergabe antiker Kultur, Literatur und Philosophie erkennen lassen. Gottfried benutzte als Vorlage für seine Übersetzungen entsprechende lateinische Texte bzw. durch Humanisten wie Rudolf Agricola ins Lateinische übersetzte griechische Texte aus (meist nicht identifizierbaren) Handschriften und Inkunabeln. Seine Übersetzungstätigkeit beruhte auf der Nachahmung (imitatio) des Lateinischen bei Vermittlung eines verständlichen Textsinns (Lexik: frühneuhochdeutscher Wortschatz, Fremdwörter aus dem Lateinischen und dem Griechischen, Eigennamen, variatio bei Begriffen; Syntax: Satzaufbau, Grammatik; Übersetzungsfehler; Kürzungen und Zusätze; Paraphrasen). Die Übersetzungen wenden sich damit moralisch-didaktisch gerade an ein Laienpublikum. Die Auswahl der übersetzten Texte - von acht antik-römischen, vier antik-griechischen und drei humanistischen Autoren - erfolgte nach moralphilosophischen Gesichtspunkten (Individualethik, Ökonomie und Politik nach Aristoteles). Zusammen ergeben die übersetzten Texte in der Sammelhandschrift Berlin ms.germ.qu.1477 einen humanistisch-deutschen Fürstenspiegel. [Buhlmann, 08.2011]

dtv = Deutscher Taschenbuch Verlag

dtv-Atlas, dtv-Atlanten enthalten neben den eine Thematik ausführenden Texten (rechte Seiten: Texte) Texte erläuternde Abbildungen, Pläne oder Karten (linke Seiten des jeweiligen Buchs: Tafeln). Historische Themen behandeln insbesondere: Kinder, Hermann, Hilgemann, Werner (1964/66), dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Karten und chronologischer Abriss, 2 Bde., Bd.1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution (= dtv 3001), München 81972, DM 7,80, Bd.2: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart (= dtv 3002), München 81973, DM 8,80, zus. 613 S., Tafeln mit Farbkarten und Farbplänen, weiter: Müller, Werner, Vogel, Günther (1974/81), dtv-Atlas zur Baukunst. Tafeln und Texte, 2 Bde., Bd.1: Allgemeiner Teil. Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz (= dtv 3020), München 1974, DM 12,80, Bd.2: Baugeschichte von der Romanik bis zur Gegenwart (= dtv 3021), München 1981, DM 15,80, zus. 600 S., Tafeln mit Farbkarten und Farbplänen, Schlosser, Horst Dieter (1983), dtv-Atlas zur deutschen Literatur. Tafeln und Texte (= dtv 3219), München 21985, 305 S., Tafeln mit Farbkarten und Farbplänen, DM 16,80, weiter historische Hilfswissenschaften betreffend: König, Werner (1978), dtv-Atlas zur deutschen Sprache. Tafeln und Texte. Mit Mundartkarten (= dtv 3025), München 1978, 247 S., Tafeln mit Farbkarten, DM 14,80, Kunze, Konrad (1998), dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet (= dtv 3266), München 52004, 255 S., Tafeln mit Farbkarten, € 15,-, weiter die Verortung des Menschen in Kosmos, Geografie und Umwelt betreffend: Heinrich, Dieter, Hergt, Manfred (2006), dtv-Atlas Erde. Physische Geographie (= dtv 3329), München 2006, 319 S., Tafeln mit Farbkarten und Farbplänen, € 24,50, Heinrich, Dieter, Hergt, Manfred (1990), dtv-Atlas zur Ökologie. Tafeln und Texte (= dtv 3228), München 1990, 283 S., Tafeln mit Farbabbildungen, DM 19,80, Hermann, Joachim (1973), dtv-Atlas zur Astronomie. Tafeln und Texte. Mit Sternatlas (= dtv 3006), München 1973, 287 S., Tafeln mit Farbkarten, DM 9,80, weiter den Menschen betreffend: Benesch, Hellmuth (1987), dtv-Atlas zur Psychologie. Tafeln und Texte, 2 Bde., Bd.1 (= dtv 3224), München 1987, DM 16,80, Bd.2 (= dtv 3225), München 1987, DM 16,80, zus. XV, 506 S., Tafeln mit Farbabbildungen, Haller, Dieter (2005), dtv-Atlas Ethnologie (= dtv 3259), München 2005, 307 S., Tafeln mit Farbabbildungen, € 19,50, schließlich auch auf die menschliche Evolution Bezug nehmend: Vogel, Günther, Angermann, Hartmut (1967/68), dtv-Atlas zur Biologie. Tafeln und Texte, 2 Bde. Bd.1 (= dtv 3011), München 81974, DM 8,80, Bd.2 (= dtv 3012), München 71974, DM 8,80, zus. XVIII, 570 S., Tafeln mit Farbabbildungen. [Buhlmann, 1973-1974, 03.2015]

dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, hg. v. Martin Broszat u. Helmut Heiber, spannt den geschichtlichen Bogen vom Ersten Weltkrieg (1914-1918), über Zwischenkriegszeit (1918-1939) und Zweitem Weltkrieg (1939-1945) bis zur West-Ost-Teilung der Welt vor dem Hintergrund von kapitalistischer und kommunistischer Weltwirtschaftsordnung, von den Vereinigten Staaten von Amerika über Europa und die Sowjetunion bis zu Fernem Osten und "Dritter Welt".
Im Einzelnen sind im Rahmen dieser Weltgeschichte erschienen: Bd.1 (1966): Herzfeld, Hans, Der Erste Weltkrieg (= dtv 4001), München 51979, 370 S., DM 6,80; Bd.3 (1966): Heiber, Helmut, Die Republik von Weimar (= dtv 4003), München 151982, 282 S., DM 6,80; Bd.4 (1966): Nolte, Ernst, Die faschistischen Bewegungen (= dtv 4004), München 51975, 333 S., DM 6,80; Bd.5 (1969): Graml, Hermann, Europa zwischen den Kriegen (= dtv 4005), München 51982, 402 S., DM 9,80; Bd.7 (1966): Angermann, Erich, Die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1917 (= dtv 4007), München 61978, 294 S., DM 6,80; Bd.11 (1966): Vogelsang, Thilo, Das geteilte Deutschland (= dtv 4011), München 71976, 406 S., DM 7,80; Bd.12 (1980): Loth, Wilfried, Die Teilung der Welt 1941-1955 (= dtv 4012), München 1980, 354 S., DM 12,80. [Buhlmann, 03.2015]

Duby, Georges (1981), Der heilige Bernhard und die Kunst der Zisterzienser (= Fischer Wissenschaft 10727), Frankfurt a.M. 1991 > Z Zisterzienser

Duchhardt, Heinz (2013), Der Wiener Kongress. Die Neugestaltung Europas 1814/15 (= BSR 2778), München 2013, 128 S. Schwarzweißabbildungen, € 8,95. Der Wiener Kongress tagte nach Napoleons Niederlage und Verbannung nach Elba, nach dem 1. Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 von Oktober 1814 bis Juni 1815 in Wien, der Hauptstadt der Habsburgermonarchie und damals drittgrößten Stadt Europas. Regenten und Gesandte, allen voran Zar Alexander I., Kaiser Franz I. von Österreich, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Fürst Metternich, Fürst Talleyrand, Graf Hardenberg u.a., beschlossen in mehrmonatigem politischen Ringen in Gremien und Konferenzen, auf Festen und beim Tanz die Neuordnung Europas in Bezug auf: Gleichgewicht der europäischen Mächte Russland, Preußen, Österreich-Ungarn, Frankreich und England, Handelsfreiheiten (Schifffahrt auf dem Rhein u.a.), Polen, Deutscher Bund (als Staatenbund, Bundesakte vom 8. Juni 1815), während für Italien keine Neuordnung erfolgte. Unter dem Eindruck der "100 Tage" Napoleons (Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815) kam der Kongress zu einem schnellen Abschluss; die Wiener Kongressakte datiert vom 9. Juni 1815. Der Kongress ging auseinander, ohne alle Fragen in Hinblick auf die Zukunft Europas gelöst zu haben. Dennoch bescherte der Wiener Kongress Europa eine längere Friedenszeit, Mitteleuropa den Deutschen Bund. [Buhlmann, 12.2013]

Dürrenmatt, Friedrich (Reinhold), deutschsprachiger Schriftsteller: Friedrich Dürrenmatt, geboren am 5. Januar 1921 in Stalden/Konolfingen, gestorben am 14. Dezember 1990 in Neuenburg, gilt als einer der erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Aufgewachsen im Emmental und in Bern (Gymnasialzeit [Matura 1941]), studierte Dürrenmatt in Bern und Zürich Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik (1941/46) und wurde danach Schriftsteller (Heirat mit der Schauspielerin Lotti Geißler 1946, Kinder). An Romanen und Erzählungen schrieb Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker (1950/52), Der Verdacht (1951/53), Das Versprechen (1958, Kriminalromane); Der Sturz (1971, Erzählung), Minotaurus (1985, Ballade), Der Auftrag (1986, Novelle) u.a., an Theaterstücken: Es steht geschrieben (1948), Romulus der Große (1949), Der Besuch der alten Dame (1956), Die Physiker (1962), Herkules oder der Stall des Augias (1963), Der Meteor (1966), Titus Andonicus (1970) u.a.; Vertonungen und Verfilmungen der Werke Dürrenmatts folgten (Hörspiele, Filme). Auch verfasste der Schriftsteller Essays, Vorträge und Festreden. Vgl.: Dürrenmatt, Friedrich (1950/51/55), Der Richter und sein Henker (= rororo 150), 118 S., Schwarzweißabbildungen, DM 2,80 (Inhaltsangabe: I. Vorgeschichte: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts treffen in einer "Judenschenke" in der Vorstadt Tophane von Konstantinopel der junge Schweizer Polizeifachmann Hans Bärlach und ein Mann, der sich später Gastmann nennen soll, aufeinander. Betrunken diskutieren die beiden leidenschaftlich, ob es ein vollkommenes Verbrechen gibt (Gastmann) oder ob Verbrechen immer an menschlichen Unzulänglichkeiten scheitern (Bärlach). Gastmann und Bärlach wetten darum - eine Wette, die beider Leben in den kommenden Jahrzehnten bestimmen soll. Gastmann verübt drei Tage nach dem Zusammentreffen vor den Augen Bärlachs auf der Mahmud-Brücke in Konstantinopel einen Mord an einem überschuldeten Kaufmann - Gastmann stößt Letzteren ins Wasser und der Nichtschwimmer ertrinkt -, der Mörder wird von Bärlach angezeigt, verhört und, da Aussage gegen Aussage steht, schließlich frei gelassen. Gastmann zieht weiter seine verbrecherischen Kreise, Bärlach findet sich nach einem Zwischenspiel in Frankfurt am Main - auf Grund einer Ohrfeige an einer Nazigröße wieder in die Schweiz zurückgekehrt - als Kommissar in Bern wieder. II. Mordfall und Mordermittlung: Hier treffen Gastmann, der ein Haus in Lamboing besitzt, und Bärlach wieder aufeinander. Bärlach, der an einer Magenkrankheit leitet und nur noch kurze Zeit zu leben hat, setzt den fähigen Polizisten Schmied gegen Gastmann ein, Letzte-rer agiert unter dem Pseudonym Doktor Pantel und verkehrt im engeren Kreis um Gastmann. Eines Abends wird Schmied auf dem Weg nach Lamboing im Auto erschossen. Bärlach verdächtigt indes nicht Gastmann, sondern den Polizisten Tschanz, der - von Neid und Ehrgeiz zerfressen - in der Tat seinen Kollegen ermordet hat. Es beginnt ein kriminalistisches Spiel zwischen Gastmann und Bärlach mit Tschanz als Schachfigur Bärlachs. Die kriminalistischen Untersuchungen nehmen ihren Lauf: Beschlagnahme der Gastmann belastenden Unterlagen Schmieds durch Bärlach, Besuch von Gastmanns Haus in Lamboing und Attacke des Wachhundes auf Bärlach - der Wachhund wird von Tschanz mit demselben Revolver erschossen, mit dem Schmied ermordet wurde -, das Eintreten des Nationalrats von Schwendi für Gastmann beim Untersuchungsrichter Lutz, die Beerdigung Schmieds und letzte Blumengrüße Gastmanns an "Doktor Pantel", der Einbruch Gastmanns in Bärlachs (unverschlossenes) Haus und das Gespräch zwischen Bärlach und Gastmann - Letzterer nimmt Schmieds Unterlagen mit -, das Verhör eines mit Gastmann bekannten Schriftstellers durch Bärlach und Tschanz, der Einbruch Tschanz' in Bärlachs Haus und die versuchte Ermordung Bärlachs durch Tschanz, das erneute Zusammentreffen zwischen Bärlach und Gastmann: Bärlach kündigt dabei Gastmann dessen Ermordung noch am selben Tag an. III. Schluss: Tschanz sieht sich teils gezwungenermaßen, teils aus Gründen des Ehrgeizes - ganz im Sinne Bärlachs, des "Richters" - nun dazu veranlasst, die Ermordung Gastmanns als "Henker" durchzuführen; nur so kann er Gastmann als Mörder Schmieds hinstellen bzw. Schmieds Freundin für sich gewinnen. Tschanz fährt nach Lamboing, in einem "Revolvergefecht" wird der Polizist leicht verletzt, erschießt aber Gastmann und dessen zwei Diener. Aus den gefundenen Unterlagen geht hervor, in welche Verbrechen Gastmann verstrickt war, der indes für ein Verbrechen büßen musste, das er gar nicht begangen hatte (Ermordung Schmieds). Noch am Tag von Gastmanns Tod stellt Bärlach seinen Kollegen Tschanz bei einem Abendessen in seinem Haus zur Rede und konfrontiert Tschanz mit seinen Erkennnissen. Tschanz muss zugeben, dass Bärlach Recht hat; er erkennt seine Rolle als "Henker" im Spiel des "Richters" Bärlach. Bärlach will Tschanz nicht verraten, doch muss dieser ihm von nun an aus dem Wege gehen. Tschanz entschließt sich indes zum Selbstmord (Zugunglück), Bärlach will sich am Magen operieren lassen, um schließlich noch sein letztes Jahr leben zu können.); Dürrenmatt, Friedrich (1962/80), Die Physiker (= detebe 23047 = Dürrenmatt-Werkausgabe, Bd.7), Zürich 1998, 95 S., € 6,90. [Buhlmann, 10.2017]

Dürrheim, Bad, Ort, Stadt auf der Baar, in Baden-Württemberg: Archäologisch bezeugt sind in und um Bad Dürrheim steinzeitliche Reste von Pfahlbauten sowie alemannenzeitliche Überreste von Gräbern. Zu den vor- und frühgeschichtlichen Funden zählt auch die Wallan-lage auf der "Blatthalde" (bei Bad Dürrheim-Unterbaldingen), eine Abschnittsbefestigung, die zeitlich allerdings nicht eingeordnet werden kann. Eine Urkunde des Klosters St. Gallen erwähnt zum Jahr 889 Dürrheim als Ort eines Gerichtstages (placitum), der über die Verwaltung der benachbarten Löffinger Kirche entschied. Nach 889 verschwindet Dürrheim bis zum Ende des 11. Jahrhunderts wieder aus den Geschichtsquellen; direkte Beziehungen der Mönchsgemeinschaft in St. Gallen zu Dürrheim hat es (auch von daher) wohl nicht gegeben. Erst zum Jahr 1092 erwähnt der Gründungsbericht des 1084 gegründeten Benediktinerklosters St. Georgen im Schwarzwald einen Hug de Tureheim, Angehöriger der bis zum 14. Jahrhundert bezeugten Herren von Dürrheim. Im späten Mittelalter besaß der Johanniterorden, die Johanniterkommende Villingen am Ort Besitz und Rechte. Überliefert ist zum Jahr 1280 die Übergabe von Besitz und Dürrheimer Kirche durch Walter den Esel von Dürrheim an Graf Heinrich I. von Fürstenberg (1236/37-1284); Letzterer schenkte Kirche und Kirchenpatronat eben dieser Johanniterkommende, die zudem später über Gericht und Bann in Dürrheim verfügte. Die Villinger Kommende war nur ein Grundbesitzer im Dorf, neben anderen geistlichen Institutionen wie Amtenhausen oder Salem. Dabei blieb es in der frühen Neuzeit. Nach einem württembergischen Zwischenspiel (1805/06) wurde Dürrheim Teil des Großherzogtums Baden (1806). Salzbohrungen (1822, Saline Ludwigshall) leiteten die Phase Dürrheims als Produktionsort für Kochsalz, später als Badeort ein (Solebehälter [Narrenzopf] 1825, Kindersolebad 1879). 1971 bzw. 1972 wurden die Orte Biesingen, Oberbaldingen, Öfingen bzw. Hochemmingen, Sunthausen und Unterbaldingen eingegliedert. 1974 erfolgte die Erhebung Dürrheims zur Stadt.
Zu (Bad) Dürrheim s.: Buhlmann, Michael (2015), Das Kloster St. Gallen, die Baar und Dürrheim im frühen Mittelalter (= VA 78), Essen 2015, 60 S., € 4,-; Warrle, Lydia (1990), Bad Dürrheim. Geschichte und Gegenwart, Bad Dürrheim 1990, 348 S., Abbildungen, € 2,95. [Buhlmann, 02.2015]

Duffner, Helmut, Himmler im Tunnel. Geschichten aus dem Schwarzwald, Memmingen o.J. > S Schwarzwald

Dunningen, Ort im oberen Neckarraum: Dunningen, gelegen oberhalb des Flusses Eschach im Hügelland der Muschelkalk-Ostabdachung des Schwarzwaldes, reicht bis mindestens in den Anfang des 7. Jahrhunderts n.Chr. zurück (alemannenzeitliche Frauengräber), christliche Kult- bzw. Kirchenbauten sind ab dem 7. Jahrhundert nachweisbar; der Ort wird unter dem -ingen-Toponym Tunningas erstmals in einer Urkunde des Klosters St. Gallen zum Jahr 786 erwähnt. Vielleicht gab es in Dunningen Reichsgut der ostfränkisch-deutschen Könige (902?, 905?), in jedem Fall ist Königsgut im benachbarten Seedorf nachweisbar. Im hohen Mittelalter ist Dunninger Ortsadel belegt (1222), ebenso Besitz des Schwarzwaldklosters St. Georgen (1086, 1090). Mittelalterlich sind die Burg der Herren von Kirneck bzw. von Zimmern an der Dunninger Kirche, die Burg der Herren von Burgberg an der Eschach und die südlich von Dunningen gelegene Birnburg (Bürnburg, als Ringwall). Im späten Mittelalter war Dunningen nicht nur ein bedeutender Pfarrort mit großem Pfarrsprengel (Erwähnung der Dunninger Kirche im Liber decimationis des Bistums Konstanz 1275), sondern auch ein Reichsdorf, ein auf Reichsgut gelegener Ort, mit großer Gemarkung, mit Vogt, Schultheiß und eigener Gerichtsbarkeit. Im Jahr 1435 unterstellte sich Dunningen vertraglich der Herrschaft der Reichsstadt Rottweil, die damit ihr Territorium maßgeblich nach Westen ausweiten konnte (Rottweiler freie Pürsch). In der frühen Neuzeit waren in Dunningen mehrere fromme Stiftungen und geistliche Kommunitäten begütert, u.a. die Rottweiler Heiligkreuzbruderschaft und die Kloster Rottenmünster und Wittichen. Bauern, Tagelöhner und Handwerker machten die Dunninger Bevölkerung im 17. und 18. Jahrhundert aus. Das Dorf wurde 1736 und 1786 durch Brand schwer geschädigt. Infolge der Mediatisierung fielen Dunningen und Seedorf an (das Königreich) Württemberg (1805); Dunningen wurde dem Oberamt Rottweil zugeschlagen. Im 19. und 20. Jahrhundert machte der Ort die gesellschaftlichen (Industrialisierung) und politischen Wandlungen der Neuzeit (deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Bundesrepublik Deutschland und Land Baden-Württemberg) mit. 1972 bzw. 1974 wurden die Orte Lackendorf und Seedorf nach Dunningen eingemeindet.
Zur Dunninger und Seedorfer Geschichte (des Mittelalters) s.: Buhlmann, Michael (2015), Das Kloster St. Gallen, das Königtum, der obere Neckarraum und Dunningen im frühen Mittelalter (= VA 81), Essen 2015, 64 S., € 4,-; Buhlmann, Michael (2015), Das Kloster St. Gallen, das Königtum, der obere Neckarraum und Seedorf im frühen Mittelalter (= VA 82), Essen 2015, 64 S., € 4,-. [Buhlmann, 07.2015]

Dupont, Florence (2013), Rom - Stadt ohne Ursprung. Gründungsmythos und römische Identität, Darmstadt 2013, 224 S., € 24,90. Origo bezeichnete laut Marcus Tullius Cicero u.a.) den (nicht unbedingt mit Rom identischen Herkunftsort) eines römischen Staatsbürgers. Die origo äußerte sich u.a. in den römischen Ritualen des alljährlichen Pilgerzugs der römischen Konsuln nach Lavinium (Wohnsitz der römischen Penaten) und des Luperkalienfests, während griechische Mythen und griechisch beeinflusste Mythografen die Ursprünge Roms genealogisch darstellten. Die Aeneis des Vergil (Publius Vergilius Maro) hingegen stellt - vor dem Hintergrund von Trojanern (Aeneas) und Latinern (nomen Latinum) die römische Identität bei nichtrömischer Alterität heraus ("doppelte Anderartigkeit" der origo). Römer wurde man durch Recht, nicht durch Abkunft; Römer war man im (nichtbarbarischen) imperium der humanitas. Die Origo war demgemäß römische Praxis (keine Theorie), die immer wieder durch rituelle Handlungsmuster befestigt wurde. Von daher ist es für die historische Forschung sinnlos, aus den griechischen Ursprungsmythen über Rom, der "Stadt ohne Ursprung", etwas in Erfahrung zu bringen. Dem stehen auch Geschichte und Wandel von Kultur und Gesellschaft entgegen, die - wie bei den Römern - nicht nur linear und teleologisch gedacht werden muss. [Buhlmann, 12.2013]

Dux, Günter (1992), Die Zeit in der Geschichte. Ihre Entwicklungslogik vom Mythos zur Weltzeit (= stw 1025), Frankfurt a.M. 1992, 484 S., DM 14,90. Jedes menschliche Individuum (Subjekt) hat seine eigene, anthropologisch bestimmte (historisch-genetische) Zeit, resultierend aus seinen Bedürfnissen und - daraus folgend - seinen Handlungen (kognitive Operationalität). Zeit ist die Zeit zwischen Beginn und Ende einer Handlung und deren menschliche Reflexion darüber innerhalb der von Menschen geschauten subjektiven Welt. Zeit ist damit selbstreferentiell, bezogen auf das Subjekt in seinem "Hier und Jetzt"; Zeit "fließt" dem Subjekt "zu", es entsteht eine "gegenwärtige Vergangenheit" und eine "gegenwärtige Zukunft". In Bezug auf menschliche Kulturen und Gesellschaften haben daher Mythen keine Geschichte, sind mithin ungeschichtlich, während Geschichte als Schlüssel zum Weltverständnis zunächst eine "zentrierte Handlungslogik" und damit ein Geschehen in der Zeit verlangt (kategoriale Zeit). Es ergibt sich kulturell gesehen eine Entwicklungslogik der Zeit von den Kulturen den Jäger und Sammler über die frühen (neolithischen) Bauernkulturen (beides ohne historisches Bewusstsein) zu den frühen Hochkulturen des Alten Orients und Griechenlands (mit deren festgeschriebener Organisationskompetenz in der Welt). Mit der seit den frühen Hochkulturen von den Menschen zunehmend erfassten Autonomie der Welt gegenüber dem menschlichen Subjekt löste sich die Zeit vom Geschehen, wurde abstrakt; der Chronologie von Geschichte über die "zentrierte Handlungslogik" hinaus kam hier eine besondere Rolle zu (Herodots Chronologie, Zeit ohne Werden bei Parmenides). Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kristallisierten sich im Zeitverständnis "fortgeschrittener" Kulturen heraus. Die Zeit des frühen und hohen Mittelalters folgte dabei noch hauptsächlich der Handlungslogik. U.a. mittels des mittelalterlichen christlich-kirchlich-klösterlichem Zeitverständnisses als neuer Organisationsform (Zeit und Ewigkeit, weltliche und himmlische Zeit, Metaphysik der Zeit), vornehnmlich durch die Erfindung der mechanischen Uhr bildete sich die kapitalistisch-kaufmännisch-mechanische Zeit des Spätmittelalters heraus ([mit ihrer neuen Handlungslogik des Uhrmechanismus]). Die mechanische Zeit abstrahierte die Zeit weiter, die sich von den Handlungen des Menschen loslöste. Es entwickelte sich der Begriff der Zeitdauer als Zeitkontinuum zwischen zwei Ereignissen, es entwickelte sich ein "Zeit-Raum der Geschichte", ein neues Verständnis von Geschichte; das Subjekt verliert seinen Rückhalt in der Zeit, Zeit wird ungewiss. Parallel dazu verlor die Zeit ihre metaphysische Verankerung (Nietzsches Kritik der Metaphysik), wurde Teil der Welt, der physikalischen Raumzeit. Das Konzept einer historisch-genetischen Zeit zeigen dann noch auf die Fallstudien über: das Zeitverständnis von Amazonasindianern (Macu) in Brasilien, das Zeitverständnis von Dorfbewohnern im indischen Puryhiya, die Entwicklung des Zeitverständnisses bei Kindern in der Bundesrepublik Deutschland. [Buhlmann, 04.2015]

DWG = Darstellungen aus der Württembergischen Geschichte

Intro A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z