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Rezensionen (Geschichte)
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FAB = Frankfurter Althistorische Beiträge

Fabeln der Antike. Griechisch-lateinisch-deutsch, hg. v. Harry C. Schnur (1978) [(= TuscB)], Darmstadt 21985 > A Antike Fabeln

Fahr, Hans-Jörg (1995), Universum ohne Urknall. Kosmologie in der Kontroverse, Heidelberg-Berlin-Oxford 1995 > U Universum

Falk, Birgitta (Hg.) (2009), Der Essener Domschatz, Essen 2009 > E Essen im Mittelalter

Falk, Birgitta, Hülsen-Esch, Andrea von (Hg.) (2011), Mathilde. Glanzzeit des Essener Frauenstifts, Essen 2011, 176 S., zahlreiche Farbabbildungen, € 13,95. Mathilde (*ca.950-†1011), Enkelin Kaiser Ottos des Großen (936-973), Tochter Herzog Liudolfs von Schwaben (949-954, †957) und der Ida, Mitglied der ottonischen Königsfamilie (Eva Schlotheuber, Frauen in der historischen Überlieferung des Frühen Mittelalters; Daniel Cremer, Die Vita Mathildes; Anne-Sophie Rüther, Mathilde als Mitglied der ottonischen Königsfamilie; Raphael Nacken, Mathilde in Europa - Mobilität und Vernetzung; Birgitta Falk, Raphael Nocken, Die Aethelweard-Chronik), war über vier Jahrzehnte (971-1011) Äbtissin im bedeutenden Essener Frauenstift (Huang Tran, Die Frühzeit des Essener Stifts; Jens Lieven, Was ist ein Frauenstift?; Maren Horst, Essen als ottonisches Hausstift; Anna Pawlik, Essen im Wegenetz des mittelalterlichen Reiches; Detlef Hopp, Archäologische Funde aus der Zeit um 1100; Fabian Bojkowsky, Die Essener Schreibwerkstatt; Jasmin Remp, Gebet und Gottesdienst; Mirjam Verhey, Leben im Dienst der Toten; Ramona Libuda, Bildung und Erziehung; Lars Berg, Musik und Liturgie; Andrea Wegener, Das Stift Essen und die Abtei Werden). Bedeutende Werke aus Kunst und Architektur in Essen werden mit der Äbtissin Mathilde in Verbindung gebracht: (Essener Schwert, 10. Jahrhundert, 2. Viertel), das Westwerk der Münsterkirche (neben Elementen von Lang- und Querhaus), die Goldene Madonna (ca.980), das Otto-Mathilden-Kreuz (n.982), der Siebenarmige Leuchter (ca.990), Marsusschrein (ca.999/1002, verloren), Bleireliquiare (10. Jahrhundert, Ende), (Elfenbeintafeln, 10. Jahrhundert?), (fatimidischer Bergkristall, 10./11. Jahrhundert), (Senkschmelzenkreuz, ca.1000/10?), (Essener Krone, 11. Jahrhundert, 2.Hälfte) (Bettina Starsetz, Die Essener Münsterkirche: Zeugnis ottonischer Baukunst; Johanna Fleischmann, Marsus, Florinus, Lugtrudis ... Reliquienschenkungen und -transfer; Christine Bach, Die Essener Bleireliquiare; Björn Meiworm, Die Essener Goldschmiedewerkstatt?; Daniela Kaufmann, Das Otto-Mathilden-Kreuz; Birgitta Falk, Die Goldene Madonna; Yvonne Hildwein, Die Essener Krone; Biayna Yousefi, Die Elfenbeintafeln; Georgina Koch, Der fatimidische Bergkristall; Inga Scholl, Das Essener Schwert; Svea Prechtel, Der Siebenarmige Leuchter; Jennier Liß, Der Marsusschrein; Ina Thiesies, Das Kreuz mit den großen Senkschmelzen). Das Nachleben Mathildes in Gedächtnis und Erinnerung spielte sich in Essen und Aschaffenburg (Mathildes Bruder Otto als Herzog von Schwaben [973-976] und Bayern [976-982]) ab (Anna Pawlik, Mathildes Gedächtnisstiftung in Aschaffenburg; Anna Pawlik, Das Aschaffenburger Evangeliar; Christina Dobrescu, Mathildes Inschriften; Marie-Louise Hirschmüller, Die Grablege Mathildes; Sarah Marlene Allzeit, Das Mathilden-Kreuz; Anna Pawlik, Die Reliquien im Mathilden-Kreuz). [Buhlmann, 03.2012]

Falkowski, Rudolf (1971), Studien zur Sprache der Merowingerdiplome, in: AfD 17 (1971), S.1-125. Die Sprache der Originaldiplome der Merowingerkönige schließt an das Latein der Spätantike an, was die Übernahmen aus dem volkssprachlichen Latein betrifft. Verben werden mit Hilfsverben umschrieben (videri, debere) oder mit Substantiven (ingressum habire), Komposita spielen eine wichtige Rolle. Lange Adverbien, auch mit Substantiven umschrieben, haben kurze Formen verdrängt. Adjektive und ihre Steigerungen unterliegen indes nicht so sehr dem Sprachwandel. Auch bei Konjunktionen treten umfangreiche Formen in Erscheinung (in quantum, qualiter, eo quod, iuxta quod, quando), während das cum verdrängt wird. (Korrespondierende) Partikel unterliegen ebenso einem Wandel. Rhetorische Anakoluthie tritt in Erscheinung. "Oberhalb" der Wortebene dienen rhetorische Elemente wie Pleonasmus, Hendiadyoin, Tautologie, Congeries, Distributio oder Geminatio der Verstärkung inhaltlicher Aussagen. Tropisch ausgedrückt werden rechtliche Aussagen durch Translatio, Denominatio, Intellectio, Circumlocutio, Litotes oder Personificatio. Komplexe rhetorische Elemente wie Traiectio, Chiasmus, Isokolie oder Periode treten demgegenüber zurück, topische Elemente sind den römischen Kaiserurkunden entlehnt (Urkundenarengen). Das Latein der Merowingerurkunden bezeugt damit Wandel und Kulturkontinuität der Sprache zwischen Antike und Mittelalter. [Buhlmann, 02.2013]

Fasani, Leone (Hg.) (1978), Die illustrierte Weltgeschichte der Archäologie, München 21983 > A Archäologie

Faulenbach, Bernd (2012), Geschichte der SPD. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (= BSR 2753), München 2012, 144 S., € 8,95. In einer mittelbaren Nachfolge zu den (Berliner) Arbeitervereinen der deutschen 1848/49er-Revolution gründeten sich am 23. Mai 1863 der "Allgemeine Deutsche Arbeiterverein" (ADAV; Ferdinand Lasalle) und am 7./9. August 1869 die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei" (SDAP; August Bebel, Wilhelm Liebknecht), die sich 23./27. Mai 1875 in Gotha zur "Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" vereinigten. Lohnarbeiter, Facharbeiter und Handwerker bildeten in der Hauptsache die soziale Basis der Partei, die praktisch demokratische Veränderungen (allgemeines Wahlrecht, Gesetzgebung, Presse-, Vereins- und Koalitionsfreiheit) und wirtschaftliche Verbesserungen (Arbeitszeit, Arbeitsschutzbedingungen, Verbot der Kinderarbeit) anstrebte, theoretisch sich teilweise auf Marxismus, Klassenkampf und Weltrevolution gründete (Erfurter Programm 1891). Vor dem Hintergrund des Bismarckschen Sozialistengesetzes (1878-1890), des wirtschaftlichen Wachstums und der Sozialgesetzgebung im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) wuchs die Sozialdemokratie (SPD) dennoch zur größten deutschen (und europäischen) Partei (Gewerkschaften, Arbeiterkulturbewegung [Arbeiterjugend, Bildungsarbeit, Sport und Freizeit]), blieb aber vom damaligen System der liberalen und nationalen Parteien weitgehend ausgegrenzt. In der 1889 gegründeten "Sozialistischen Internationale" nahm die deutsche Sozialdemokratie eine Vorrangstellung ein, ohne nationale Belange zu vernachlässigen (Essener Parteitag 1907, "Burgfrieden" im 1. Weltkrieg [1914-1918]). Eine Folge der den Weltkrieg des Kaiserreichs letztlich unterstützenden Politik der Sozialdemokratie war die Spaltung der Partei in "Unabhängige Sozialdemokraten" (USPD) und "Mehrheitssozialdemokraten" (MSPD) (1916/17). In der Revolution von 1918/19 wirkten beide Parteien zusammen, MSPD und USPD waren entscheidend an der Verfassung und Konstituierung der Weimarer Republik (1919-1933) beteiligt (Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918; Rat der Volksbeauftragten; allgemeines, gleiches Wahlrecht; Sozialgesetzgebung; Nationalversammmlung). Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert wurde Reichspräsident (1919-1925), Sozialdemokraten führten als Reichskanzler 1919-1923 (Philipp Scheidemann, Gustav Bauer, Hermann Müller) und 1928-1930 (Hermann Müller) die Regierung. Teile der USPD schlossen sich der der Ende 1918, Anfang 1919 gegründeten "Kommunistischen Partei Deutschlands" (KPD; Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg) (1920), während sich daraufhin die Rest-USPD sich wieder der MSPD eingliederte. Programmatisch passte sich die SPD dem Parteienpluralismus an und erweiterte sich in Ansätzen zur Volkspartei, die zunehmend auch für Mittelschichten wählbar sein sollte (Görlitzer Parteitag 1921, Heidelberger Parteitag 1925; Arbeitermilieu [Arbeiterfestkultur, Massenfreizeit, Kultureinrichtungen]). (Direkte und indirekte) Wirksamkeit entfaltete die SPD vor allem in der Sozialgesetzgebung (Arbeitslosenversicherung, Arbeitsrecht), aber auch in der Außenpolitik (Versailler Vertrag, Locarno, Völkerbund). Die Partei war gegenüber Kommunisten und Nationalsozialisten defensiv ausgerichtet, die Präsidialkabinette der späten Weimarer Zeit wurden abgelöst durch die nationalsozialistische Diktatur eines Adolf Hitler (1933-1945). In der NS-Zeit wurde die Sozialdemokratie, deren Reichstagsabgeordnete sich als einzige gegen das Ermächtigungsgesetz ausgesprochen hatten (23. März 1933), verboten und verfolgt, ihre Mitglieder verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt; Exil und Widerstand waren nicht immer die Folge ("Widerstand als Wartestand"). Nach dem 2. Weltkrieg (1939-1945) entstand die sozialdemokratische Partei vielerorts neu, in der Tradition der Weimarer Republik, aber auch in der Anerkennung neuer Entwicklungen (interzonale Konferenz von Wennigsen 1945, Parteitag von Hannover 1946; Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer). Die SPD gestaltete im Parlamentarischen Rat das Grundgesetz der entstehenden Bundesrepublik Deutschland (ab 1949) entscheidend mit, während sie in der sowjetisch besetzten Ostzone mit der KPD zur "Sozialistischen Einheitspartei" (SED) zwangsvereinigt wurde (21./22. April 1946). In der Zeit der frühen Bundesrepublik war die SPD zunächst auf Bundesebene Oppositionspartei (Ära des Kanzlers Konrad Adenauer [1949-1963]) und vertrat eine Politik der Wiedervereinigung Deutschlands in einem vereinten Europa. U.a. die wiederholten Wahlniederlagen gegen CDU/CSU ("Christlich-Demokratische/-Soziale Union") führten zu Parteireform und Godesberger Programm von 1957 (Tradition und Modernität) und letztendlich zur Volkspartei SPD. Unter dem Regierenden Bürgermeister von Berlin und Kanzlerkandidaten Willy Brandt gelang dann in den 1960er-Jahre der Aufstieg der Partei zur Macht auch auf Bundesebene (neben SPD-Regierungen in den Bundesländern). Zunächst wurde die SPD der kleinere Partner in der (ersten) Großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger (1966-1969), 1969 wurde Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten (1969-1974) gewählt, ab 1969 regierte die SPD zusammen mit der FDP ("Freie Demokratische Partei") im "sozialdemokratischen Jahrzehnt" (1969-1982) (Kanzler Willy Brandt [1969-1973], Helmut Schmidt [1973-1982]; Ostpolitik, Sozialgesetzgebung, Ölkrise, Rezession und Arbeitslosigkeit; Wendejahr 1973/74; NATO-Doppelbeschluss, Friedens- und ökologische Bewegung). Die Hinwendung der FDP zur CDU/CSU (1982) führte dann zur Kanzlerschaft Helmut Kohls (1982-1998), die SPD hatte sich in der Opposition - neben den 1980 gegründeten Grünen - neu zu organisieren (Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel; Kölner Sonderparteitag 1983, Berliner Parteitag 1989; SPD-Grüne in Hessen, SPD in Nordrhein-Westfalen). Die "Friedliche Revolution" in der DDR (1989/90; Gründung einer Ost-SPD [zunächst als SDP] 1989) und die Wiedervereinigung Deutschlands offenbarte eine zum Teil ambivalent reagierende SPD (Oskar Lafontaine). Die SPD war in der Folgezeit durchaus auf Länderebene erfolgreich (Hessen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Niedersachsen; Björn Engholm, Rudolf Scharping), indes ging die Bundestagswahl 1994 verloren (Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder). Der "Putsch" gegen den Parteivorsitzenden Rudolf Scharping auf dem Mannheimer Parteitag (1995) und der Sieg der SPD bei der Bundestagswahl 1998 eröffneten ein (vielleicht) zweites "sozialdemokratisches Jahrzehnt" unter der Kanzlerschaft Gerhard Schröders (1998-2005) und unter Beteiligung der Grünen (Bundespräsident Johannes Rau [1999-2004], 9/11 und Irakkrieg). Belastet wurde das "rot-grüne Projekt" durch den Dissens mit Oskar Lafontaine (dessen Wechsel zur WASG/Linkspartei 2005), die Frage von Auslandseinsätzen der Bundeswehr und den Umbau des Sozialsystems (Agenda 2010, Hartz-Reformen), während hinsichtlich der Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke mit der Industrie ein Konsens erzielt werden konnte (2000; Gerhard Schröder, Franz Müntefering). Der Wahlniederlage der SPD bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 folgte eine zweite Große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (2005-2009; Matthias Platzeck, Kurt Beck, Franz Müntefering; Hamburger Bundesparteitag 2007; Kapitalismus- und Bankenkrise), nach der katastrophalen Wahlniederlage in der Bundestagswahl 2009 (Frank-Walter Steinmeier; Sozialdemokratisierung der deutschen Gesellschaft) befindet sich die SPD auf Bundesebene wieder in der Opposition (Sigmar Gabriel), auf Landesebene hingegen ist die Partei vielfach an Regierungen beteiligt. [Buhlmann, 10.2012]

Faulenbach, Bernd (2013), Willy Brandt (= BSR 2780), München 2013, 128 S., Schwarzweißabbildungen, Zeittafel, € 8,95. Willy Brandt, unehelich geboren am 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm, wurde seit früher Jugend durch Arbeitermilieu und Sozialdemokratie geprägt. Schon früh engagierte er sich in der lübeckischen Sozialdemokratie ("rote Falken" [1927], sozialistische Arbeiterjugend [1928]), 1932 machte der begabte Schüler Abitur, um danach als Voluntär in einer Reederei zu arbeiten. Seit 1931 war er Mitglied der linkssozialistischen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), nach der "Machtergreifung" Adolf Hitlers emigrierte er - auch durch Verhaftung bedroht - nach Norwegen, wo er sich in Oslo aufhielt, aber auch Reisen u.a. nach Deutschland und Spanien unternahm (1936/37). Zwischen SAP und norwegischer Arbeiterpartei verfolgte Willy Brandt, wie er nun hieß, in Gegnerschaft zum Nationalsozialismus den Zweiten Weltkrieg (1939-1945), nicht ohne sich Gedanken um die Zukunft Deutschlands zu machen. Als Emigrant und Widerständler kehrte Brandt nach dem Krieg ins völlig zerstörte Deutschland zurück. Sein in Norwegen erschienenes Buch ''Verbrecher und andere Deutsche'' (1946) diente auch ihm als Bestandsaufnahme der NS-Zeit. Der Rückkehr in die SPD folgten Aufgaben für die westdeutsche Sozialdemokratie vornehmlich in Berlin und in Frontstellung zum Kommunismus (ab 1947). 1949/50 wurde Brandt Abgeordneter für die Berliner SPD im Bundestag in Bonn und im Berliner Abgeordnetenhaus, 1957 Regierender Bürgermeister des politisch und geografisch zwischen Bundesrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik, zwischen West und Ost gelegenen (West-) Berlin (Mauerbau 1961, Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1963). Schon damals galt Brandts Interesse einer neuen Ostpolitik ("Wandel durch Annäherung"). Nach seinen erfolglosen Kanzlerkandidaturen in den Bundestagswahlen von 1961 und 1965 wurde Brandt, SPD-Parteivorsitzender seit 1964, Außenminister der Grossen Koalition unter dem Kanzler Kurt Georg Kiesinger (1966). Die Bundestagswahl von 1969 ermöglichte eine SPD-FDP-Regierung in der Bundesrepublik unter der Kanzlerschaft Brandts. Das folgende "sozialdemokratische Jahrzehnt" war geprägt durch innere Reformen ("mehr Demokratie wagen", Sozialgesetzgebung) und die von Brandt massgeblich mitentwickelte Ostpolitik gegenüber der DDR (Erfurter Besuch 1970, Ostverträge [Grundlagenvertrag] 1970/73), Polen (Kniefall im Warschauer Ghetto, Warschauer Vertrag 1970) und der Sowjetunion; eingebunden blieb die BRD dabei fest in den westlichen Bündnissen (NATO, EWG). Für seine Ostpolitik erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis. Nach überstandenem konstruktiven Misstrauensvotum im Deutschen Bundestag brachten Neuwahlen einen überragenden Sieg von SPD und Regierungskoalition (1972). Die zweite Kanzlerschaft Willy Brandts war indes geprägt von Durchsetzungs- und Machtverlust (innerparteiliche Auseinandersetzungen, politische Probleme). So war der Rücktritt Brandts in der Folge der Guillaume-Affäre nur konsequent (1974). Brandt blieb aber weiterhin SPD-Vorsitzender (bis 1987), wobei es um den Kurs der Sozialdemokratie offensichtlich unterschiedliche Vorstellungen (Helmut Schmidt u.a.) gab. Als Präsident der Sozialistischen Internationale (1976-1992) wirkte Brandt weltweit für Frieden, Freiheit und Solidarität (Gymnicher Nord-Süd-Kommission 1977), er war auch einer der ersten direkt gewählten Abgeordneten im europäischen Parlament (1979-1983). Die letzten Lebensjahre Brandts standen unter dem Zeichen von "Mauerfall" und "Wiedervereinigung" von BRD und DDR (1989/90); für Brandt stand dabei - im teilweisen Gegensatz zur SPD - die Überwindung der deutschen Zweistaatlichkeit im Vordergrund (Berliner Rede 1989: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört."). Auch dass Berlin Hauptstadt der "neuen" BRD wurde, begrüßte der ehemalige Kanzler; wichtig blieb für ihn weiterhin die Integration Deutschlands in Europa und die Europäische Union. Willy Brandt starb an den Folgen von Darmkrebs am 8. Oktober 1992 in Unkel (Besuche von politischen Freunden, Kanzler Helmut Kohl; Aussöhnung mit Helmut Schmidt 1992). Er erhielt in Berlin ein Staatsbegräbnis (erster symbolischer Akt des wiedervereinigten Deutschlands) und wurde dort auch begraben. Die Wirkungen des großen Sozialdemokraten waren vielfältig: Selbstverständnis der Sozialdemokratie, Politik als "aktive", langfristige Politik, Deutschland und Europa, "Weltinnenpolitik" und globales Denken. [Buhlmann, 03.2014]

Faust, Ulrich (1964), Gottfried von Admont. Ein monastischer Autor des 12. Jahrhunderts, in: SMGB 75 (1964), S.271-359. Gottfried von Admont war Abt des Klosters Admont (1138-1165), Klosterreformer, Prediger und "monastischer Theologe". Gottfried, angeblich aus der Adelsfamilie derer von Vemmingen, wurde noch zurzeit Abt Theogers (1088-1119) Mönch im Kloster St. Georgen im Schwarzwald und stieg dort bis zum Prior auf. Nach einem nur zu vermutenden Zwischenspiel als Abt im Kloster Weingarten trat er nach dem Tod Abt Wolfholds von Admont (1115-1137) im Jahr 1138 dessen Nachfolge in Admont an. Er wurde zum zweiten bedeutenden Reformabt des Klosters. Im Jahr 1147 wurde unter wohl massiver Mitwirkung Gottfrieds Abt Eberhard (I.) vom Kloster Biburg (1133-1147) zum Salzburger Erzbischof (1147-1164) gewählt. Der Einfluss Gottfrieds muss also in der Erzdiözese beträchtlich gewesen sein, Eberhard I. hielt sich u.a. im September des Jahres 1152 in Admont auf, die erzbischöfliche Visitation hatte ihren Grund in der Brandkatastrophe, die das Kloster in der Nacht vom 10. auf den 11. März 1152 heimgesucht hatte. Zu den Aktivitäten außerhalb Admonts gehörte die von Gottfried weiter vorangetriebene Admonter Klosterreform; dreizehn Mönche aus Admont sollen während seines Abbatiats Äbte zu reformierender Klöster geworden sein. Im alexandrinischen Papstschisma (1159-1177) stand Gottfried im Gefolge des Salzburger Erzbischofs auf der Seite Papst Alexanders III. (1159-1181). Der Admonter Abt war auch "Vater und Lehrer" seiner Mönche (und der Admonter Nonnen). So werden Gottfried eine große Anzahl von in Latein verfassten Predigten zugeschrieben, die noch heute in mehreren Handschriften der Admonter Stiftsbibliothek enthalten sind: Homilien zu den Sonntagen und zu den Feiertagen, Predigten über Themen aus dem Alten Testament, exegetische Schriften über den biblischen Patriarchen Jakob, den Propheten Jesaja und den Propheten Daniel. Der Admonter Klosterleiter erlangte durch seine Gelehrsamkeit eine gewisse Berühmheit (Widmung im Liber contra duas haeresas des Gerhoch von Reichersberg, Erwähnung im "Dialog zwischen einem zisterziensischem und einem cluniazensischen Mönch über die unterschiedliche Beachtung der [Mönchs-] Ordnung" des Idung von Prüfening). Am 25. Juni 1165 starb Gottfried von Admont, der in vielen Belangen wirkungsmächtigste hochmittelalterliche Abt des Klosters Admont. [Buhlmann, 04.2006]

Faust, Ulrich (2004), Abtei Ottobeuren. Geschichtlicher Überblick 764 bis heute, Lindenberg 22007 > O > Ottobeuren

FBAMBW = Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg

FBVFGBW = Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg

FC = Fontes Christiani

FDA = Freiburger Diözesan-Archiv

Fees, Irmgard (2002), Eine Stadt lernt schreiben. Venedig vom 10. bis zum 12. Jahrhundert (= BHDIR 103), Tübingen 2002, 437 S., Urkundenabbildungen, Karten, € 24,95. Einige tausend venezianische cartae (Urkundenformular mit Protokoll und Eschatokoll, beglaubigte Kopien), darunter Urkunden von geistlichen Instituten, Dogen- und Handelsurkunden, geben mit ihren (über 4500) Aussteller- und Zeugenunterfertigungen von Laien Auskunft über die Schreibfähigkeit der venezianischen (männlichen) Bevölkerung im Zeitraum vom 10. bis 12. Jahrhundert. Danach waren - Resultat besonders von Entwicklungen im 12. bzw. in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts - Mitglieder der venezianischen Oberschicht (Adelsfamilien, führende Familien) (in geringem bis ausgedehntem Maße) schreibkundig, unabhängig davon, ob sie alteingesessenen oder sozial aufgestiegenen Familien angehörten. Dies galt insbesondere für Gewerbe- und Handel Treibende (darunter nicht adlige Unternehmer und Kaufleute). Gerade im politisch-administrativen Bereich (Teilhabe einer großen Anzahl von Personen an Politik, Verwaltung und Gerichtsbarkeit) und im kaufmännischen Bereich (Fernhandel, Handelsvereinbarungen, Kreditgeschäfte) des Handels wurde die Schreibfähigkeit zunehmend unabdingbar. Dies zeigt sich auch an der Verteilung der schreibkundigen Personen über die Orte und Inseln des venezianischen Dogats. Die Rialto-Inseln zeichneten sich - als Zentrum von Politik und Handel - durch einen hohen Anteil schreibfähiger Personen aus, während Leute aus dem ländlich und gewerblich orientierten Chioggia kaum über Schreibkenntnisse verfügten. Dabei ist unklar, wo der Erwerb der Schreibfähigkeiten erfolgte (Schulen, geistliche Institute?) und wie das Verhältnis von Lese- und Schreibfähigkeit gewesen war. Fest steht weitgehend, dass Frauen im Allgemeinen nicht schreiben konnten. Für das Venedig des 10. bis 12. Jahrhunderts als Groß- und Fernhandelsstadt mit seinem politisch breit angelegten Herrschaftssystem bedeutete die Entwicklung von praktischer Schriftlichkeit in Verwaltung und Handel gerade in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts die Durchdringung vieler städtischer Lebensbereiche mit Schriftlichkeit. Diese Entwicklung von Schriftlichkeit sollte einmünden in die weit verbreitete Schriftlichkeit im 13. Jahrhundert (nicht nur in Venedig, sondern auch in vielen Kommunen Oberitaliens). > Lateinische Literatur > M Mairano, Romano, > V Venedig [Buhlmann, 05.2014]

Fehring, Günter P. (1987), Einführung in die Archäologie des Mittelalters, Darmstadt 1987 > A Archäologie

Feld, Helmut (1998), Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Darmstadt 1994 > F Franziskus von Assisi

Feld, Helmut (2001), Franziskus von Assisi (= BSR 2170), München 2001 > F Franziskus von Assisi

Feld, Helmut (2008), Franziskaner (= UTB 3011), Stuttgart 2008, 127 S., € 9,90. Der Bettelorden der Franziskaner (Minoriten, "Minderbrüder", "Barfüßer") geht auf den heiligen Franziskus von Assisi (*1182-†1226) zurück, der mit seiner Art der Nachfolge Christi in Armut viele Menschen seiner Zeit, Frauen wie Männer, begeisterte. Indes, bald war der Orden eingebunden in die katholische Kirchenhierarchie und angepasst an die gesellschaftlichen Verhältnisse, wenn auch die Franziskaner zusammen mit den Dominikanern zu Vertretern einer modernen Theologie wurden. Die Franziskaner finden sich seit ca.1220 in Südwestdeutschland. Organisiert war der Bettelorden im deutschen Südwesten in der Straßburger Provinz mit ihren Kustodien. Im 13. und 14. Jahrhundert entwickelte sich der Orden trotz Armutsstreit und (häretischer) Spiritualenbewegung zu einer monastischen Gemeinschaft nach amtskirchlichen Vorstellungen (Bullen Papst Johannes XXII. (1316-1334) von 1317 und 1323). Statt einer Bußbrüderschaft war ein Mönchtum entstanden, das in Seelsorge, Predigt und Wissenschaft vielfach mit der "Welt" verbunden war. Die sich im 14. Jahrhundert ausbildenden franziskanischen (Teil-) Orden der Observanten und Konventualen wurden 1517 getrennt, die Kapuziner sind als Orden des Franziskanertums 1528 gegründet worden. Ebenfalls als franziskanischer Orden sind die Klarissen aufzufassen, benannt nach und in der Tradition der heiligen Klara von Assisi (*1193-†1253). Die (franziskanischen) Terziaren und Terziarinnen bildeten den dritten Franziskanerorden, der Leuten und Laien in der "Welt" ein klosterähnliches Leben ermöglichte. [Buhlmann, 03.2009]

Feldmann, Christian (1991), Hildegard von Bingen. Nonne und Genie (= Herder 4435), Freiburg i.Br.-Basel-Wien 31997 > H Hildegard von Bingen

Fehrenbach, Theodor, Weißer, Alfons (1995), Die Reichenau und ihre drei Kirchen, Reichenau-Mittelzell 111995 > R Reichenau

Fest, Joachim C. (1973), Hitler. Eine Biographie, Bd.1: Der Aufstieg (= Ullstein Tb 3273), Frankfurt a.M.-Berlin-Wien 1978, Bd.2: Der Führer (= Ullstein Tb 3274), Frankfurt a.M.-Berlin-Wien 1978 > H Hitler, Adolf

Fest, Joachim (1997), Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli (= btb 72106), Berlin 1997, 415 S., DM 20,-. Die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland während der Zeit des "Dritten Reiches" (1933-1945) rief auch Widerstand innerhalb der von der nationalen Propaganda so gepriesenen deutschen "Volksgemeinschaft" hervor. Dabei hatte es der Widerstand versäumt, in den ersten Jahren nach der "Machtergreifung" aktiv gegen Regime und Person des Diktators Adolf Hitler (*1889-†1945) aktiv vorzugehen. Sozialdemokratie und Kommunisten wurden stattdessen politisch verfolgt, das deutsche Militär entmachtete sich selbst, der Widerstand ging im Zuge der außenpolitischen Erfolge Hitlers unter (Septemberverschörung 1938). Dies hielt auch in den Anfangsjahren des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) an, als die deutsche Armee erfolgreich die nationalsozialistische Tyrannei über ganz Europa verbreitete, die nur bei einzelnen deutschen Offizieren auf Widerspruch stieß (Novemberverschwörung 1939, Hans Oster). Eine Folge davon war, dass im Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine jüngere Generation von Männern die Führung übernahm und der zivile Widerstand (konservativer Widerstand [Carl Friedrich Goerdeler], Kreisauer Kreis [Helmuth James Graf von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg], gewerkschaftliche Widerstandszellen [Jakob Kaiser]) immer wichtiger wurde. Die Führung des Feldzugs gegen die Sowjetunion als Vernichtungskrieg ("Unternehmen Barbarossa") sowie die 1941/42 einsetzenden Niederlagen der deutschen Armee ließen dann im Widerstand inner- und außerhalb der Armee auch Pläne zur Beseitigung/Ermordung Adolf Hitlers reifen (Henning von Tresckow, Claus Schenk von Stauffenberg, Axel von dem Bussche, Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg; Putschpläne vom Herbst 1943). Die Pläne kulminierten in der Operation "Wallküre", im misslungenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 (Claus Schenk von Stauffenberg) und im ebenso misslungenen Staatsstreich des Widerstands in Berlin am selben Tage (im Bendlerblock; Ludwig Beck, Friedrich Olbricht, Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, Peter Yorck von Wartenburg). Den Umsturz unterstützten im Übrigen auch Armeeeinheiten in Prag, Wien und Paris, doch scheiterten auch sie. Während die Operation "Wallküre" aber z.B. für Widerständler in Paris relativ glimpflich ausging, kamen die meisten Verschwörer als "ganz kleine Clique ehrgeiziger Offiziere" (so Hitler in einer Rundfunkansprache vom 21. Juli 1944) in der Folge ihres Handelns ums Leben, entweder sofort hingerichtet (im Berliner Bendlerblock) oder - in zwei Verhaftungswellen - nach Verurteilung im Volksgerichtshof (unter Roland Freisler) - unter dem Anschein der Legalität - exekutiert. Die "Episode" des mithin erfolglosen Widerstands führte dazu, dass dieser auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (z.B. in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik) kaum Anerkennung fand, haftete ihm doch der Anschein des Nichtlegalen, des Vergeblichen an, waren auch die Verschwörer, die "Verrat" gegen die "Legalität" des nationalsozialistischen Regimes begangen haben, nur eine verschwindende Minderheit unter den Deutschen gewesen. Die Mitglieder des Widerstands selbst hatte im Vorfeld ihre Scheu gegenüber einem Staatsstreich zu überwinden, fanden sie sich doch z.B. als Offiziere der deutschen Armee an der Eidleistung gegenüber Hitler gebunden oder versuchten dem Staatsstreich Legalität zu geben gegen die nationalsozialistische Willkürherrschaft, gegen Judenverfolgung oder die Beschränkung der bürgerlichen Rechte, indem sie sich auf Ethik und Moral, auf religiöse oder nationale Vorstellungen bezogen. [Buhlmann, 10.201]

Fiala, Virgil Ernst (1952), Eine unbekannte Urkunde Alexanders III. für Admont, in: MIÖG 60 (1952), S.355-358 > A Admont

Fichtenau, Heinrich von (1937), Wolfger von Prüfening, in: MIÖG 51 (1937), S.313-357. Mit Abt Erbo I. (1121-1162), einem Mönch aus dem Schwarzwaldkloster St. Georgen, nahm das bayerische Benediktinerkloster Prüfening (bei Regensburg) einen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung. Wolfger von Prüfening (†nach 1173) war der Bibliothekar der Prüfeninger Mönchsgemeinschaft. Sein Wirken wird ab 1130 für uns sichtbar, er selbst stammte aus Bamberg, wo er seine Ausbildung erhielt und wahrscheinlich Mönch auf dem Michelsberg wurde. Wolfger soll um die Mitte des 12. Jahrhunderts einen Bibliothekskatalog angefertigt, ebenso das Prüfeninger Annalenwerk fortgesetzt haben. Wolfger war Urkundenschreiber für Prüfening und an einer Abschrift des Liber Algorismi beteiligt, einer der frühesten, im christlichen Europa verfassten Anleitungen zum Gebrauch arabischer Ziffern einschließlich der Null. Er hat wohl zwischen 1140 und 1146 die Vita Ottonis, die Lebensbeschreibung des heiligen Bischofs Otto I. von Bamberg (1102-1139), eines Streiters für die Kirchenreform, verfasst und daneben wahrscheinlich auch die Vita Theogeri, die er nach den Erinnerungen seines Abtes Erbo niederschrieb. Darüber hinaus war noch die Anbindung an Bamberg erhalten geblieben, so 1151/52, als Wolfger für den damaligen Bamberger Bischof Eberhard II. (1146-1172) Kanzleitätigkeiten ausführte. Nach 1173 ist Wolfger dann gestorben. Es bleibt noch zu erwähnen, dass Prüfening unter Abt Erbo zu einem Reformzentrum für einige Klöster - etwa Mönchsmünster, Göttweig oder Georgenberg - wurde. [Buhlmann, 03.2004]

Figal, Günter (1995), Sokrates (= BSR 530, Beck'sche Reihe. Denker), München 1995 > S Sokrates

Figes, Orlando (2011), Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug, Berlin 22011, 747 S., Schwarzweiß-, Farbtafeln, Karten, € 36,-. Der Krimkrieg (1853-1856), der erste moderne Krieg (als Stellungskrieg, von modernen Medien [Telegrafie, Fotografie] und einem Kriegstourismus begleitet), hatte seine Ursachen in den religiösen Gegensätzen im Osmanischen Reich (Tanzimatreformen) und im östlichen Mittelmeerraum (Lateiner und Griechen in Jerusalem [Grabeskirche], Muslime und Christen, Panslawismus), in den diplomatischen Forderungen Russlands an die Osmanen (Fürst Menschikow als russischer Gesandter in Konstantinopel) sowie im russischen militärischen Vordringen ins Osmanische Reich und an die Donau (Zehnter russisch-türkischer Krieg und Besetzung der Fürstentümer Moldau und Walachei [1853]). Nach dem türkischen Sieg bei Olteniza und der Vernichtung der türkischen Flotte bei Sinope (1853) intervenierten Frankreich unter Kaiser Napoleon III. und Großbritannien auf Seiten des Osmanischen Reiches (französische und britische Flotten im Schwarzen Meer [Sommer 1853], Kriegshilfevertrag, Landung von französischen und britischen Expeditionstruppen in Gallipoli, Beschießung von Odessa [Frühjahr 1854]). Das von Zar Nikolaus I. (1825-1855) durchaus als "Kreuzzug" geplante weitere Vordringen der russischen Armee scheiterte vor dem von den Osmanen erfolgreich verteidigten Silistra (Mai/Juni 1854) und weil allierte französische und britische Truppen bei Warna landeten. Die Russen zogen sich daraufhin aus den Donaufürstentümern zurück (Juni/Juli 1854), die von Österreich-Ungarn besetzt wurden. Briten und Franzosen beschlossen daraufhin, die Krim und die wichtige russische Festungsstadt Sewastopol (als Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte) anzugreifen. Der Landung der Allierten bei Jewpatorija folgten der allierte Sieg über russische Truppen an der Alma (20. September 1854) und die Einschließung Sewastopols von Süden her (Oktober 1854). Die Schlachten von Balaklawa (25. Oktober 1854) und Inkerman (5. November 1854) brachten für die Russen keine Entlastung; hingegen waren die Belagerer im Winter 1854/55 stark von der kalten Witterung betroffen (unzureichende Ausrüstung und Versorgung gerade der Briten, britische Lazarette in Scutari und Florence Nightingale). Unterstützt von Soldaten des Königreichs Piemont-Sardinien (Turiner Militärkonvention vom Januar 1855), erlangten die Allierten zunehmend ein Übergewicht auf der Krim und vor Sewastopol (verstärkter Beschuss Sewastopols [April 1855], Angriffe auf Kertsch und Umgebung [Mai 1855]). Nach dem Tod Zar Nikolaus' I. (2. März 1855) übernahm sein Sohn Zar Alexander II. (1855-1881) die Herrschaft und hielt im Wesentlichen am Krieg gegen Franzosen, Briten und Türken fest. Nicht zuletzt der vergebliche Ausfall der Belagerten aus Sewastopol und die verlorene Schlacht von Tschernaja (16. August 1855) ging auf eine Initiative Alexanders zurück. Die Niederlage war der Anfang vom Ende der Belagerung; den Franzosen gelang in der Folge die Einnahme der Sewastopoler Festung Malakow (8. September 1855); die Russen räumten die Festungsstadt über eine Schiffsbrücke und unter Zerstörung kriegswichtiger Anlagen, allierte Truppen besetzten und plünderten die (Reste der) Stadt (12. September 1855). Parallel zu den Kämpfen auf der Krim erfolgten allierte Angriffe auf Russland im Ostseeraum (Bormasund, Sveaborg) sowie auf der Halbinsel Kamtschatka (Petropalowsk); auch in Transkaukasien wurde zwischen Russen und Türken gekämpft (Kars) (ab 1854). Der Krieg endete nach langwierigen Verhandlungen zwischen den europäischen Großmächten mit dem Frieden von Paris (30. Marz 1856): Erlöschen des russischen Protektorats über die Donaufürstentümer Moldau und Walachei, freie Handelsschifffahrt auf der Donau und russische Abtretung des südlichen Teils Bessarabiens entlang der Donau, Neutralisierung/Entmilitarisierung des Schwarzen Meeres, religiöse und rechtliche Gleichstellung der Nichtmuslime mit den Muslimen im Osmanischen Reich. Russland war durch den Krimkrieg von der Donau, dem Osmanischen Reich, aber auch von Europa politisch abgedrängt worden. In Russland fanden in der Folge des Krimkriegs Reformen statt (Leibeigenenbefreiung, Militärreformen) sowie "ethnische Bereinigungen" entlang der Spannungszone zwischen dem Zaren- und dem Osmanischen Reich; die Politik in Europa (Dreierallianz zwischen Frankreich, Großbritannien und Österreich-Ungarn) sollte in den folgenden Jahren unter dem Eindruck der Entstehung des italienischen Nationalstaats und des deutschen Kaiserreiches stehen; die religiösen Spannungen im Osmanischen Reich hielten an. [Buhlmann, 03.2014]

Fiktion und Geschichte: Geschichte als Geschichtswissenschaft steht die Fiktion von Geschichte, von historischen Ereignissen gegenüber, wobei die Übergange sehr wohl fließend sein können. Die literarische Aufarbeitung von Geschichte (von der Stein- bis zur Neuzeit) findet u.a. statt in historischen Romanen der Moderne, die sich mehr oder weniger "gut" an den historischen Zuständen und Ereignissen, die sie romanhaft schildern, orientieren. > Kompendium Mittelalter > Mittelalter-Rezeption in der Moderne: Historische Romane. Weiter werden (noch) unerklärliche historische Phänomene gerne mit Theorien belegt, die sich weit von der Wissenschaftlichkeit von Geschichte entfernen, wie auch immer die historische Forschung als Wissenschaft mit ihrem nur eingeschränkten und bedingten Wahrheitsbegriff aufzufassen ist. Zu den diesbezüglichen "großen Rätseln der Menschheit" gehören - bedingt durch das Fehlen aussagekräftiger Geschichtsquellen - insbesondere Legenden und archäologische Sachverhalte (Legenden: Atlantis, Sodom und Gomorrha; Himmelsbeobachtung: Astronomie der Steinzeit, astronomische Ereignisse [Finsternisse, Meteoreinschläge], "Stern von Bethlehem"; Architektur: Stonehenge, Pyramiden, Statuen der Osterinsel; Erdmuster: Spirale von Glastonbury, Tierkreis von Somerset, Ley-Linien, Nazca-Linien; Archäologisches: "Ötzi", Schatz des Priamos, Qumram, Artus; Übersinnliches: Fluch des Tutanchamun, Omm Seti, Avalon; James, Peter, Thorpe, Nick (1999), Halley, Hünen, Hinkelsteine. Die großen Rätsel der Menschheit (= dtv 62114), München 2002, 492 S., Abbildungen, Karten, Pläne, € 12,50; vgl.: Vandenberg, Philipp (1973), Der Fluch der Pharaonen. Moderne Wissenschaft enträtselt einen jahrtausendalten Mythos (= Bastei Tb 63001), Bergisch Gladbach 81979, 316 S., Plan, DM 5,80). Mystisches, Unbekanntes und Rätselhaftes stehen auch im Vordergrund von: Benito, Marián, Carballido, Iván, García-Merás, Lidia u.a. (2005), Terra mystica. Die letzten Rätsel der Menschheit, Augsburg 2007, 408 S., Farbabbildungen, Karten, € N.N. (fiktive, rätselhafte Kulturen: Mu, Atlantis, Etrusker, Mayas, El Dorado, Templer; rätselhafte Perönlichkeiten: Nofretete, Homer, Artus, Jeanne d'Arc, Gilles de Rais; Architektur: Stonehenge, Cheopspyramide, Tikal, Chartres; Technik: Einbalsamierungen, Antikythera, Batterie von Bagdad, Palenque, Automaten; Wahrsagerei; geografische Phänomene: Bermuda-Dreieck, Pazifik). Eine Menschheitsgeschichte beeinflusst von Außerirdischen (Götter-Astronauten) postuliert: Däniken, Erich von (1974), Beweise. Lokaltermin in fünf Kontinenten (= Heyne Tb 7082), München 71988, 416 S., Schwarzweißabbildungen, DM 12,80. Völlig neu Geschichte und Chronologie umzuschreiben versuchen schließlich: Heinsohn, Gunnar (1988), Die Sumerer gab es nicht. Von den Phantom-Imperien der Lehrbücher zur wirklichen Epochenabfolge in der "Zivilisationswiege" Südmesopotamien. Darstellung der Probleme und Vorschläge für ihre Lösung in einem chronologischen Überblick, Frankfurt a.M. 1988, XIII, 160 S., Abbildungen, DM 24,-; Heinsohn, Gunnar, Illig, Heribert (1990), Wann lebten die Pharaonen? Archäologische und technologische Grundlagen für eine Neuschreibung der Geschichte Ägyptens und der übrigen Welt, Frankfurt a.M. 1990, 496 S., Abbildungen, DM 68,-; Velikowsky, Immanuel (1978), Die Seevölker (= Ullstein Tb 34139), Frankfurt a.M.-Berlin 1983, 278 S., Abbildungen, DM 8,80; Velikowsky, Immanuel (1979), Ramses II. und seine Zeit (= Ullstein Tb 34145), Frankfurt a.M.-Berlin 1983, 285 S., Abbildungen, DM 9,90; Velikowsky, Immanuel (1981), Vom Exodus zu König Echnaton (= Ullstein Tb 34154), Frankfurt a.M.-Berlin 1983, 359 S., Abbildungen, DM 9,90. Gewagte Thesen zur mittelalterlichen Geschichte formuliert: Jung, Ernst F. (1987), Der Nibelungen Zug durchs Bergische Land. Bakalar und die Grafen von Berg im neuen Licht der Thidrekssaga, Bergisch Gladbach 1987, 114 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, DM 14,80. [Buhlmann, 1983, 1988, 04.-05.2017, 10.-11.2017]

Finger, Heinz (2003), Die Abtei Werden als geistiges und geistliches Zentrum im Grenzraum von Rheinland und Westfalen (= Libelli Rhenani. Series minor, H.2), Köln 2003 > W Werden

Finger, Heinz (Hg.) (2004), Die Macht der Frauen (= SH 36), Düsseldorf 2004, 243 S., € 24,80. Die Rollen der Frauen in Mittelalter und früher Neuzeit sind höchst verschiedenartig (Heinz Finger, Einführung: Die Macht der Frauen in der Geschichte - die Macht der Geschichte über die Frauen). Frauen haben bei der christlichen Missionierung in neutestamentlicher, spätantiker und mittelalterlicher Zeit eine durchaus aktive Rolle gespielt (Bibel: Andronikos und Junia, Aquila und Prisca; Frühmittelalter: christliche Königinnen), wie auch das Beispiel der Missionarin (captiva <- kavag) Nino/Christina zeigt, die - verschütteter und veränderter Überlieferung (vom 4. [Rufinus, Kirchengeschichte] bis ins 10. Jahrhundert [nationale Geschichtsschreibung]) zufolge - die Iberer bzw. Georgien für das Christentum gewann (Rudolf Hiestand, Die Frau als Missionarin). Radegunde (†587), die Ehefrau des Merowingerkönigs Chlothar I. (511-561) und Begründerin des Heiligkreuzklosters in Poitiers, Gertrud von Nivelles (†659), die karolingische Heilige, und Lioba (Leobgyth, Truthgebu, †782?), die Angelsächsin und Verwandte des Winfrid-Bonifatius (†754), die Vorsteherin des Nonnenklosters Tauberbischofsheim, stehen für Frauen als Nonnen und Klosterleiterinnen im fränkischen Frühmittelalter (Josef Semmler, Mittelalterliche Klostervorsteherinnen. Radegunde von Poitiers, Gertrud von Nivelles, Lioba von Tauberbischofsheim). Maria wurde seit der Spätantike als Gottesmutter und "ewige Jungfrau", als Schutzherrin und als Himmelskönigin (und Gegenspielerin Christi [14./15. Jahrhundert]) verehrt (Heinz Finger, Die mächtigste Frau des Mittelalters). Mathilde von Tuszien (†1115) war Tochter des Markgrafen Bonifatius von Canossa und Tuszien und der Beatrix von Oberlothringen, zweimal unglücklich verheiratet und ohne Nachkommen; sie regierte als Fürstin (gratia dei) und war politisch eng mit dem Reformpapsttum verbunden (vgl. Donizo, Vita Mathildis, Abbildungen in: Rom, Vatikanische Bibliothek, Codex Vaticanus latinus 4922); die Schenkung der "Mathildischen Güter" an den Papst (v.1102) beruht indes auf einer Fälschung (Johannes Laudage, Macht und Ohnmacht Mathildes von Tuszien). Dido, Enite, Isolde und Lavinia stehen für die Wort- uns Sprachmächtigkeit weiblicher Figuren in der mittelhochdeutschen Dichtung (Barbara Haupt, ... ein vrouwe hab niht vil list. Zu Dido und Lavinia, Enite und Isolde in der höfischen Epik). Hybride Renaissanceporträts von Frauen betonen u.a. durch deren Haartracht Schönheit und Erotik der Abgebildeten die "Weibermacht" jenseits von Moral und Schicklichkeit (Hans Körner, Metamorphosen der "Weibermacht". Aby Warburgs Nymphe und das Hybridporträt in der italienischen Renaissance). Das als Frauenherrschaft vielfach angefeindete englische Königtum Eliabeths I. (1558-1603) bedurfte von Seiten der Herrscherin der Inszenierung von Macht, der königlichen Selbstdarstellung und eines neuen Herrschaftsideals (Vera Nünning, Die Inszenierung der Macht und die Macht der Inszenierung: Elisabeth I.). [Buhlmann, 08.2012]

Finger, Heinz (Hg.) (2007), Der Kolumbapfarrer Kaspar Ulenberg und die Geschichte der Kolumbapfarre (= Ausstellungskatalog = Libelli Rhenani, Bd.20), Köln 2007, 300 S., € 21,50. Der Band enthält Beiträge von Heinz Finger, Konrad Groß, Harald Horst, Siegfried Schmidt u.a. Die inhaltlichen Beiträge werden ergänzt durch eine Zeittafel, eine Bibliografie, den Katalog und durch Regentenlisten. Der aus Lippstadt stammende, lutherisch erzogene Caspar Ulenberg (*1548-†1617) wurde 1576 katholischer Priester und Pfarrer in (Düsseldorf-) Kaiserswerth, wo er bis 1582 im Sinne der katholischen (Gegen-) Reform(ation) wirkte. Nach seinem Wechsel nach Köln wurde er Kanoniker am Stift St. Kunibert (1584), Pfarrer und Seelsorger in der Kölner Kolumbapfarrei (1605), schließlich Hochschullehrer und Rektor an der Kölner Universität, wo er in jungen Jahren studiert hatte. Bekannt wurde Ulenberg durch seinen auf Deutsch verfassten Psalter (1582), seinen deutschen und lateinischen Katechismus (1589) sowie seine Bibelübersetzungen. [Buhlmann, 11.2009]

Finger, Heinz (2009), Das kurkölnische Vest Recklinghausen und seine Beziehungen zu Dompropst und Domkapitel im Zeitalter von Reformation und Katholischer Reform, in: AHVN 212 (2009), S.203-233. Das Vest Recklinghausen gehörte in spätem Mittelalter und früher Neuzeit neben dem rheinischen Erzstift und dem Herzogtum Westfalen zum kurkölnischen Territorium der Kölner Erzbischöfe und Kurfürsten. Das Vest umfasste in der frühen Neuzeit ein Gebiet von etwa 600 km2 Fläche zwischen den Territorien Kleve und Mark, Essen und Dortmund sowie dem Bistum Münster, hatte bis zu 18.000 Bewohner und besaß mit Recklinghausen und Dorsten zumindest zwei städtische Mittelpunkte. Nicht zuletzt über Pfarrkirchen und Pfarreien besaß das Kölner Domkapitel - auch in der Zeit der Verpfändung des Vests von 1446 bis zur Pfandeinlösung von 1577 - Einflussmöglichkeiten etwa in Recklinghausen oder Oer; der ehemalige Reichshof Oer war wohl im 12. Jahrhundert an das Domkapitel gekommen. Die durch Erzbischof Salentin von Isenburg (1567-1577) veranlasste Visitation der vestischen Stadt- und Landpfarreien sowie der Rektorate und der 1577 erlassene Salentinische Rezess bildeten dann die Voraussetzung für die kurkölnische Kirchenpolitik der Katholischen Reform und Gegenreformation. Das Vest war damals "oberflächlich" katholisch, es gab auch Anhänger der evangelischen Religion (und Einflüsse von Wiedertäufern?). Im Zuge der Politik des zur Reformation übergetretenen Erzbischofs Gebhard Truchsess von Waldburg (1577-1583) und der katholischen Position des Kölner Domkapitels kam es zum auch das Vest stark in Mitleidenschaft ziehenden Truchsessischen Krieg (1583-1589). In dessen Folge ist wohl die Anhängerschaft der neuen Religion gerade auch unter der vestischen Ritterschaft gestiegen (1590). Erst im Verlauf des 17. Jahrhunderts sollte der Protestantismus im Vest wieder zurückgehen, als gegen Ende des 16. Jahrhunderts einsetzende Maßnahmen der Kölner Erzbischofe Ernst von Bayern (1583-1612) und Ferdinand von Bayern (1612-1650) griffen: Neuordnung der Kirchenorganisation im Vest (1612), Religionsedikt (1614), Stärkung des franziskanischen Einflusses, Schwächung der Kalandbruderschaft (1616), Visitation von 1630. Bei der Durchsetzung erzbischöflicher Interessen kam es auch zu Streitigkeiten mit dem Kölner Domkapitel und dem Dompropst, etwa um die Besetzung der Recklinghauser Stadtpfarrei (1653, 1690) oder bedingt durch die Konkurrenz von altem Archidiakonat und neuem erzbischöflichen Kommissariat. Allgemein ging der kirchliche, nicht der weltlich-besitzrechtliche Einfluss des Domkapitels im Vest während des 17. Jahrhunderts zurück. [Buhlmann, 05.2011]

Finger, Heinz (2013), Der hl. Erzbischof Engelbert von Köln und die Diskussion über seinen gewaltsamen Tod, in: AHVN 216 (2013), S.17-39. I. Engelbert (*1182/86-†1225) war der Sohn des Grafen Engelbert von Berg (1161/63-1189), also ein Mitglied der mächtigen niederrheinischen Grafenfamilie, die ihren Herrschaftsschwerpunkt östlich des Niederrheins im Gebiet des nach ihnen benannten Bergischen Landes hatten. Erzogen an der Kölner Domschule, wurde Engelbert 1198 Propst des Kölner Georgsstiftes, 1199 in umstrittener Wahl Dompropst, 1210 Propst von St. Severin, 1213/15 auch Propst von St. Marien in Aachen. 1212 nahm der Propst am Albigenserkreuzzug in Südfrankreich teil. Nachdem die beiden Kontrahenten um das Erzbistum, Adolf I. von Altena (1193-1205, 1212-1216) und Dietrich I. von Hengebach (1208-1216), zurückgetreten waren, folgte 1216 Engelbert endlich als Erzbischof nach. Er festigte das durch den Thronstreit erschütterte Kölner Erzbistum, indem er die damit verbundene Herzogsgewalt gerade gegen Herzog Walram III. von Limburg (†1226) zur Geltung brachte (1220). Nach dem Tod Graf Adolfs III. von Berg (1189-1218) beherrschte Engelbert auch die Grafschaft Berg, die für ihn eine wichtige Verbindung zwischen den rheinischen und westfälischen Territorien des Erzbistums darstellte. In Rheinland und Westfalen baute der Erzbischof die kölnische Dominanz durch Burgenbau und Städtepolitik weiter aus. Nach 1220 war Engelbert Reichsverweser (provisor) für den (zukünftigen) König Heinrich (VII.) (1220-1235), den Sohn Kaiser Friedrichs II. (1212-1250). Besondere Beziehungen bestanden zwischen dem frommen Erzbischof und den Zisterziensern, den Prämonstransern und den neu aufkommenden Bettelorden (Ansiedlung von Dominikanern und Franziskanern in Köln). Im Streit um die Vogtei der Essener Frauengemeinschaft ging Engelbert gegen seinen Verwandten Friedrich von Isenberg (†1226) vor und wurde bei dem Versuch des Isenbergers, den Erzbischof gefangen zu nehmen, am 7. November 1225 bei Gevelsberg getötet. Die Ermordung machte aus dem Erzbischof einen Heiligen; der bedeutende Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach (*ca.1180-†1240) schrieb die Vita des "Märtyrers" auf. Die damaligen Reaktionen auf Engelberts Tod (allgemeine echte oder gespielte Entrüstung, Klage Walthers von der Vogelweide, Streit um Gründe und Umstände des Todes am Hof König Heinrichs (VII.) in Nürnberg 1225) führten indes noch nicht zu einer (päpstlich kanonisierten) Heiligsprechung des Ermordeten (dennoch Gevelsberg und Köln als Kultzentren der Engelbertverehrung). II. Seit dem 18. Jahrhundert wird in der historischen Forschung der Tod Engelberts - auf Grund von Widersprüchen in der Engelbertvita des Caesarius von Heisterbach - als Mord oder missglückte Entführung interpretiert (Johann Dietrich von Steinen, Wolfgang Kleist, Konrad Ribbeck, Remigius Bäumer, Thorsten Schulz, Gustav Heinz Engelhardt). Hinter einer solcherart vermuteten versuchten Entführung Engelberts stand wahrscheinlich eine Verschwörung des Adels im Lehnhof der Kölner Kirche und am Niederrhein, die der kirchlichen Entvogtungspolitik Engelberts das Recht der hochadligen Vasallen auf Landesherrschaft (unter der Herzogsgewalt des Kölner Erzbischofs) entgegenstellte. III. Engelbert wurde, nachdem eine frühe Heiligsprechung gescheitert war, als defensor ecclesiarum gerade seit der Zeit von Reformation und Gegenreformation im Kölner Erzbistum verehrt (Martyrium Romanum 1583, Engelbertfest 1617/18, Engelbertschrein des Kölner Doms 1633, Engelbertpatrozinien von Gotteshäusern). [Buhlmann, 05.2014]

Fingerlin, Gerhard (1993), Ein frühmittelalterliches Reiterbild aus Nendingen, Stadt Tuttlingen, in: TutHbll NF 56 (1993), S.100-104. Zur weitgehend verschwundenen Ausstattung des Grabes 36 des alemannischen Ortsfriedhofs von Nendingen im Gewann "Brenner" gehört ein kostbares Pferdezaumzeug eines Adligen aus dem 7. Jahrhundert. Teile des Pferdegeschirrs sind u.a. drei Phaleren (Bronzeblechscheiben) der Riemenverteiler, die alle dasselbe Bild eines vollbewaffneten Reiters tragen. Reiterbilder im alemannischen Raum hatten einen römisch-christlichen Hintergrund, der "alemannisch-germanisch" stilisiert wurde. Sie dienten als Schmuck, hatten im frühen alemannischen Christentum aber auch eine magische Bedeutung. Dagegen lässt sich aus stark ornamentierten und stilisierten Bildtypen, wie sie Reiterbilder darstellen, kaum etwas zu Bewaffnung und Kleidung alemannischer Krieger im Frühmittelalter folgern. [Buhlmann, 01.2013]

Finkelstein, Israel (2014), Das vergessene Königreich. Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel, München 2014, 234 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 22,95. In den frühen Jahrhunderten der Eisenzeit (Eisenzeit I [1100-920], Eisenzeit IIA [920-760]) vollzogen sich - ausgehend von den kanaanäischen Stadtstaaten der Armana- und Spätbronzezeit (III) - in Palästina geschichtliche Entwicklungen, die Bevölkerung, Siedlung und Staatlichkeit im Raum von Palästina betrafen. Dabei kam den Entwicklungen im Bergland Palästinas besondere Bedeutung zu (sesshafte und [halb-] nomadische Bewohner, Siedlungsverdichtung, [befestigte] Städte). Zeitlich nach dem "Land Sichem" der Armanazeit (14. Jahrhundert v.Chr.; Labaja) lässt sich um Sichem auch ein Herrschaftsgebilde der Eisenzeit I erkennen (Abimelech), während der späten Eisenzeit I die Herrschaft Gibeon/Gibea im zentralen nördlichen Bergland zugeordnet werden kann (Saul, Sauliden). Übergriffe der Berglandterritorien auf die (Jesreel-) Ebenen Palästinas führten u.U. zu Reaktionen der ägyptischen Großmacht, wie der Feldzug des Pharao Schoschenq I. gegen Gibeon/Gibea zeigt. Im Machtvakuum des ausgehenden 10. und des 9. Jahrhunderts v.Chr. vollzog sich schließlich der Aufstieg des Königreichs Israels unter Jerobeam I. (939-901 v.Chr.; "Gemeinwesen Tirza") und dessen Nachfolgern besonders aus der Dynastie Omris (884-873 v.Chr.; Hauptstadt Samaria). Israel gelang zudem der Übergriff auf die Ebenen, auf das "Neue Kanaan" der Eisenzeit (heterogene Bevölkerung). Es musste seine Stellung gegen das aramäische Territorium Damaskus und gegen das neuassyrische Reich behaupten und gelangte unter den Omriden wirtschaftlich zu Wohlstand (Oliven, Pferde, Kupfer; Städte und Grenzfestungen). Das 8. Jahrhundert v.Chr. sah in Israel den Übergang zu einer Schriftkultur (Schreiber) bei Verdichtung des religiösen Kults auf Samaria, Bet-El und Penuel ("JHWH von Samaria"). Nach der Eroberung des Königreichs Israel durch die Assyrer (722/20 v.Chr.) gelangten zusammen mit Flüchtlingen schriftlich(-biblisch)e Aufzeichnungen (Jakobszyklus, Exodus aus Ägypten) ins Israel südlich benachbarte Königreich Juda, das mit seiner Hauptstadt und dem (alleinigen) Kultmittelpunkt Jerusalem lange Zeit im Schatten des nördlichen Reichs gestanden hatte. Als Vasallenstaat Assyriens entwickelte sich in Juda mit seiner nunmehr "judäisch-israelitischen Mischbevölkerung" eine "panisraelitische Ideologie", deren Ausfluss alttestamentliche Bücher der hebräischen Bibel sind (Konzept von Daviddynastie und Jerusalem als Kultzentrum, Anpassung israelitischer Überlieferung an das Konzept). [Buhlmann, 08.2014]

Fisch, Stefan (2015), Geschichte der europäischen Universität. Von Bologna nach Bologna (= BSR 2702), München 2015, 128 S., Zeittafel, € 8,95. I. Die Institution der Universität ist eine Erfindung des (hohen) Mittelalters. Neben die christlichen Klöster und Kathedralschulen, die jüdischen Talmudschulen der gelehrten Rabbiner und den islamischen Religionsgelehrten und Medresen trat seit dem 11. Jahrhundert - nach Vorläufern wie der Medizinschule in Salerno (ab 1000; Constantinus Africanus) - die Universität wie die Rechtsschule in Bologna für römisch-justininisches Recht (ca.1080/90; Scholarenkonstitution Kaiser Friedrich Barbarossas 1155). Die Pariser Universität entstand gewohnheitsrechtlich-organisatorisch um die Mitte des 12. Jahrhunderts. Hier und anderswo bestimmten Lehrende und/oder Studierende durch Selbstorganisation (Kanzler, Rektor, universitas magistrorum er scholarium) und Abgrenzung (gegenüber dem städtischen Umfeld sowie Kirche und Ortsbischof; eigene Gerichtsbarkeit, päpstliche Legitimation, Studierende als Fremde) Ausbildung und Lehre. Dabei kristallisierte sich ein Kanon der vier Fakultäten der Artes (Trivium, Quadrivium, Artistenfakultät; als [philosophisches] Propädeutikum), der Theologie, des Rechts und der Medizin heraus bei einem eigenen Wissenschaftsverständnis (klassische Autoritäten und eigene Innovationen). Die um 1150 entstandene Universität von Montpellier war eine Medizin- und Rechtshochschule, die Universitäten von Oxford (ca.1180, Auszug Studierender aus Paris) und Cambridge (1209, Auszug Studierender aus Oxford) mit ihrer College-Struktur deckten alle Fächer ab. Den Universitäten "aus wilder Wurzel" gesellten sich alsbald durch Herrscher privilegierte Universitäten hinzu (Salamanca 1218, Neapel 1224). In einer zweiten Phase setzten Universitätsgruendungen wieder ab dem 14. Jahrhundert ein (Prag 1348, Krakau 1364/97, Wien 1365, Heidelberg 1385, Köln 1388, Erfurt 1392, St. Andrews 1411, Löwen 1425, Basel 1460, Uppsala 1477, Kopenhagen 1479); aus der Universität war ein europäisches Phänomen geworden. Wirtschaftliche Grundlage der (nicht nur) mittelalterlichen Hochschule waren Stiftungsvermögen, Gebühren, Geldstrafen u.a., die Universitätsabschlüsse waren allgemein anerkannt (allgemeine Lehrerlaubnis, Lehrende und Professoren; akademischer Arbeitsmarkt). Die Mobilität von Lehrenden und Studierenden innerhalb des mittelalterlichen Europa war auch dadurch gegeben, dass Latein die Sprache der Univer8sitäten war. II. Humanismus und gerade Reformation und Konfessionalisierung bewirkten Neuausrichtungen bei den Universitäten. Lutherisch-calvinistisch geprägte Hochschulen waren Marburg (1527), Königsberg (1544), Jena (1558), Leiden (1575), daneben die akademischen Gymnasien (Gymnasium illustre) Strassburg (1538), Duisburg (1559), Bremen (1610) u.a. Über 40 konfessionell ausgerichtete Universitäten gab es während der frühen Neuzeit im deutschen Reich, fast 20 in Frankreich. Auf Grund der Konfessionalisierung blieb der Wirkungsbereich dieser Hochschulen begrenzt, auch wenn im Rahmen von Entdeckung und Kolonisierung die universitäre Institution nach Amerika oder Asien übertragen wurde (Santo Domingo 1538, Lima 1551, Mexiko 1551, Manila 1611, Harvard 1638, Virginia 1693, Yale 1701). Einer zunehmenden Erstarrung der frühneuzeitlichen Universität begegneten im 18. Jahrhundert die Reformuniversitäten Halle (1694, Franckesche Anstalten) und Göttingen (1737, Staatsrecht und Staatswissenschaften, Universitätskliniken) sowie Spezialhochschulen für Kameralistik, "Statistik", Bergbau oder Medizin (Braunschweig 1745, Freiberg 1766, Stuttgart 1770, Clausthal 1775). III. Die Französische Revolution (1789) brachte für Frankreich das Ende der Universitäten bisherigen Typs bei Beibehaltung der Grandes Ecoles und Etablierung der Universite imperiale durch Napoleon (Landessprache als Hochschulsprache); im 19. Jahrhundert blieb dieses Hochschulsystem für Frankreich maßgeblich, erst das 20. Jahrhundert sah auch eine stärkere Betonung der Forschung (Centre National de Recherche Scientifique 1939). Für die preußischen Universitätsreformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand dagegen die humboldtsche Persönlichkeitsbildung des Studenten im Vordergrund mit dem Schwerpunkt auf wissenschaftlich-universitäre Forschung (Berlin 1810; Privatdozententum und Habilitation); die preußische Universität als staatliche Institution sollte sich dann in Mitteleuropa (Österreich: "Beamtenmanufakturen"; Schweiz: Zürich 1833, Bern 1834; Akademien, Technischen Hochschulen; Netzwerk deutschsprachiger Universitäten unter Einbeziehung des Baltikums; Wissenschaftspolitiker Friedrich Althoff, Stiftungsuniversität Frankfurt a.M. 1914), aber auch in Nordamerika verbreiten (forschungsorientierte Spitzenuniversitäten in den USA). Neben den sich in Teildisziplinen (Fächervielfalt) auffächernden, Ordinarien- und professoral bestimmten Universitäten Mitteleuropas entstanden u.a. an der Praxis orientierte Technische Hochschulen (auch in Großbritannien). Im 20. Jahrhundert waren die deutschen Universitäten integriert in den demokratischen Systemen von Weimarer Republik und Bundesrepublik Deutschland bzw. in den Diktaturen von Nationalsozialismus und Deutscher Demokratischer Republik. Gerade in der Bundesrepublik der 1960/70er-Jahre enstanden auch in "bildungsfernen" Regionen neue Universitäten (und Gesamthochschulen; Bochum 1965), daneben gab/gibt es ein ausgedehntes Netz von Fachhochschulen. Seit dem endenden 20. Jahrhundert gerät zunehmend eine europäische Hochschullandschaft ins Blickfeld der (Bildungs-) Politik (Magna Charta Universitatum 1988, Sorbonne-Erklärung 1998, Bologna-Erklärung 1999). [Buhlmann, 09.2015]

Fischer, Andreas (2008), Kardinäle im Konklave. Die lange Sedisvakanz der Jahre 1268 bis 1271 (= BDHIR 118), Tübingen 2008, X, 533 S., € 9,45. I. Spätmittelalterliche Papstwahlen liefen auf der Grundlage des Papstwahldekrets Papst Nikolaus' II. (1058-1061) aus dem Jahr 1059 und des Wahlgesetzes Papst Alexanders III. (1159-1181) aus dem Jahr 1179 ab, wonach die Kardinäle der Kirche (Kardinalskollegium) den neuen Papst mit einer Zweidrittelmehrheit zu wählen hatten. Gerade für die Zeit zwischen 1241 und 1305 führte das Wahlsystem dazu, dass vielfach Sedisvakanzen auftraten, wobei die von 1268/71 knapp zwei Jahre und zehn Monate anhielt. Offensichtlich hatten damals die 19 (von 20) bis 17 zusammengetretenen Kardinäle massiv unterschiedliche Vorstellungen vom neuen Papst, der der Nachfolger des verstorbenen Clemens IV. (1265-1268) werden sollte. Das Konklave (hier erstmals so bezeichnet) fand in der Stadt Viterbo im Kirchenstaat statt und endete dann schließlich mit der Wahl Papst Gregors X. (1271-1276), eines Nichtkardinals als Kompromisskandidaten. Selbst politische Einflussnahmen (Stadt Viterbo, französischer König) und die Einkasernierung der Kardinäle beschleunigten den Wahlentscheid nicht. Daher sah sich Papst Gregor X. veranlasst, in seiner Bulle Ubi periculum (Zweites Konzil von Lyon 1274) die Papstwahl detaillierter zu regeln (Ablauf der Papstwahl, Einschränkungen der Kardinalsrechte) . II. Die am Konklave von 1268/71 beteiligten Kardinäle waren: Riccardo Annibaldi als Kardinaldiakon von S. Angelo (1238-1276), Mitglied einer römischen Adelsfamilie, Neffe Papst Innozenz' III., Provinzverwalter der Campagna und Marittima, Vertreter englischer Interessen an der Kurie, Wähler u.a. Papst Alexanders IV., Unterstützer Karls von Anjou beim negotium Sicilie (1263/66), in politischer Distanz zu Papst Gregor X. (1273/76); Eudes de Chateauxroux als Kardinalbischof von Tusculum (1244-1273), judenfeindlich, Kreuzfahrer (1249/54), verlässlicher Vertrauter einiger Päpste; Giangaetano Orsini als Kardinaldiakon von S. Nicola in Carcere Tulliano (1244-1280), von der römischen Adelsfamilie der Orsini, Jurist, Leiter der Inquisition (1262), Protektor des Franziskanerordens (1263), Verteidiger der Interessen der Orsini (1266/67), später auch Papst (Nikolaus III., 1277-1280); Johann von Toledo als Kardinalpriester von S. Lorenzo (1244-1261) bzw. als Kardinalbischof von Porto und S. Rufina (1261-1275), ein Engländer, mit umfangreichen Kenntnissen in Recht, Medizin und Theologie, Gefangener des Stauferkaisers Friedrich II. (1241/43?), mit Beziehungen nach England (Richard von Cornwall u.a.) und ins Baltikum sowie zum Zisterzienserorden; Ottaviano Ubaldini als Kardinaldiakon von S. Maria in Via Lata (1244-1272), aus toskanischem Adelsgeschlecht im Umfeld Papst Gregors IX., Legat für Lombardei und Romagna (1247/51, 1252/53), Legat für Sizilien (1255), Rektor in Segni (1259), politisch engagiert in Florenz und im Königreich Sizilien Karls von Anjou (1266/71), Kompromissar bei der Wahl Papst Gregors X. (1271); Ottobuono Fieschi als Kardinaldiakon von S. Adriano (1252-1276), aus genuesischem Adel, mit universitärer Ausbildung, Kanoniker in Notre-Dame in Paris, Archidiakon in Bologna und Parma, Neffe Papst Innozenz' IV., mit umfangreichen Beziehungen, engagiert u.a. in englischen (Richard von Cornwall 1257/61, 1265/67), französischen und byzantinischen Angelegenheiten, schließlich als Papst Hadrian V. (1276); Stephan Vancsa als Kardinalbischof von Palestrina (1252-1270), ungarischer Herkunft, Bischof von Waitzen (1240-1241/43), Erzbischof von Gran (1241/43-1252), Legat in ungarischen Angelegenheiten, mit juristischem und theologischem Sachverstand versehen, Kurienauditor und -schiedsrichter; Giacomo Savelli als Kardinaldiakon von S. Maria in Cosmedin (1261-1285), aus der Adelsfamilie der Savellli (bei Albano), päpstlicher Kaplan (1249) und Subdiakon (1254), dem kurialen Tagesgeschäft verhaftet, Vertrauter Papst Clemens' IV., schließlich als Papst Honorius IV. (1285-1287); Goffredo d'Alatri als Kardinaldiakon von S. Giorgio in Velabro (1261-1287), aus einer in Latium beheimateten Adelsfamilie, Kanoniker (1229) und Magister mit juristischen Kenntnissen, tätig am kurialen Gericht, beteiligt am negotium Sicilie (1265/66), Kurienauditor, Vermittler in römischen Angelegenheiten; Radulf Grosparmi als Kardinalbischof von Albano (1261-1270), aus Frankreich, Magister, Jurist, Archidiakon König Ludwigs IX. von Frankreich (1256/61), Pönitentiar und Kardinalpönentiar (1265), Legat für das Königreich Sizilien (1266/68), Beteiligter am Kreuzzug Ludwigs IX. (1270), gestorben vor Tunis; Simon de Brion als Kardinalpriester von S. Cecilia (1261-1281), Student wohl an der Pariser Artistenfakultät, Archidiakon von Rouen (1255), Parteigänger Frankreichs und Karls von Anjou u.a. im negotium Sicilie, Legat für Frankreich (1266/67, 1275/79), Papst Martin IV. (1281-1285); Simon Paltinieri als Kardinalpriester von S. Martino (1261-1277), aus einer Paduaner Adelsfamilie stammend, Kanoniker in Padua, Auditor an der Kurie, Rektor über die Mark Ancona, das Dukat Spoleto u.a. gegen den Stauferkönig Manfred (1264/66), Kompromissar bei der Wahl Papst Gregors X. (1268/71), anwesend auf dem Konzil von Lyon (1274); Umberto Cocconato als Kardinaldiakon von S. Eustachio (1261-1276), aus Piemont gebürtig, päpstlicher Kapellen und Subdiakon, Kurienauditor, anwesend auf dem Konzil von Lyon (1274), im Konklave von 1276 verstorben; Mancher Pantaleon als Kardinalpriester von S. Prassede (1262-1286), aus Troyes stammend, Neffe Papst Urbans IV., Kurienauditor und Wahlprüfer; Annibaldo Annibaldi als Kardinalpriester von SS. XII Apostoli (1262-1272), aus der stadtrömischen Adelsfamilie der Annibaldi, Studium in Paris, Dominikaner, Lehrer, erkrankt beim Konklave von 1268/71 und als Folge des Konklave 1272 gestorben; Giordano Pironti als Kardinaldiakon von SS. Cosima e Damiano (1262-1269), aus einer Terracineser Adelsfamilie, als Notar und Subdiakon Mitglied der päpstlichen Kanzlei (1246), dann Vizekanzler (1256), Rektor der Campagna und Marittima (1259/64), Parteigänger der Anjou, verstorben während der Sedisvakanz von 1268/71; Guido als Kardinalpriester von S. Lorenzo in Lucina (1262-1272), Studium an der Pariser Universität, Zisterzienser, Abt von Citeaux (1259-1262), sich an der Kurie einsetzend für die Interessen seines Ordens (1263/65), Legat für Nordeuropa (1263/67), in Konflikt mit Papst Clemens IV. stehend (1267/68), Kompromissar bei der Papstwahl von 1271; Guillaume de Bray als Kardinalpriester von S. Marco (1262-1282), mit umfassender Ausbildung, Kurienauditor, mit Ansprüchen auf das Reimser Erzbistum (1263/66), Wähler des Orsini-Papstes Nikolaus III. (1277); Heinrich von Segusia bzw. Hostiensis als Kardinalbischof von Ostia und Velletri (1262-1271), decretorum doctor excellentissimus auf Grund eines Studiums in Bologna, Verfasser der Copiosa (1253), Prior von Antibes (1239), Propst von Grasse (1244), tätig in englischen Angelegenheiten, Bischof von Sisteron (1243), päpstlicher Kapellan (1244), Erzbischof von Embrun (1250), Tätigkeiten im Reich und in Frankreich, Jurist an der Kurie mit finanziellen Problemen auf Grund fehlender Pfründen; Matteo Rosso Orsini als Kardinaldiakon von S. Maria in Porticu (1262-1305), tätig im Kampf gegen König Manfred (1264/66), beteiligt an der Krönung Karls von Anjou (1266), Kurienauditor, Vertrauter Papst Nikolaus' III. (1277/80), Coelestins V. (1294) und Bonifaz VIII. (1294/1303). Die Kardinäle entstammten also unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und geografischen Regionen. II. Während der Sedisvakanz handelten die Kardinäle an Stelle des Papstes plena sede, wobei es für solch ein Handeln in Stellvertretung des Papstes sede vacante nur bedingt kirchenrechtliche Richtlinien gab (causae maiores des Papstes, Kurie und Kardinäle [Ämterkontinuität, Exkommunikation und deren Aufhebung]; Handlungen von Kardinälen im Patrimonium Petri [Konflikte um/mit Kastell Lariano, Orvieto, Città di Castello, Perugia, Viterbo, Benevent]; Verwaltung [Bistumsbesetzungen u.a. in Aquileja, Besancon, Grenzen der Bistumsbesetzung bei der Bischofsdoppelwahl in Verona]; Legationen [deren Fortdauer, Byzanz und die Kirchenunion, Köln]). III. Die Sedisvakanz von 1268/71 wurde schließlich - nach einigen Versuchen zu deren Beendigung (Ermahnungen Bonaventuras an das innerlich gespaltene Kardinalskollegium [1268], Aufrufe des französischen Königs und Karls von Anjou [1269], Kritik Johanns von Toledo [1270] u.a.) - mit der Wahl des Lütticher Archidiakons Tedaldo Visconti zum Papst Gregors X. per viam compromissi (Wahlmännergremium aus sechs Kompromissaren) beendet (Rückkehr Viscontis aus Akkon, Weihe und Krönung [27. März 1272]). Da die Sedisvakanz das Papsttum in große finanzielle Schwierigkeiten gebracht hatte, versuchte Papst Gregor X. Letztere zu beheben, forderte im Vorfeld des 2. Konzils von Lyon (1274) Reformvorschläge ein und erließ schließlich auf dem Konzil die Bulle Ubi periculum zur Papstwahl durch die und zu den Befugnissen der Kardinäle. Die päpstliche Konstitution wurde indes in der Folgezeit (1276) suspendiert, während die Kanonisten sie meist positiv beurteilten und Papst Coelestin V. (1294) sie wieder in Kraft setzte. 1298 wurde die Konstitution in den Liber Sextus Papst Bonifaz VIII. (1294-1303) aufgenommen, entfaltete indes in den nachfolgenden Papstvakanzen wenig Wirkung; Zusätze flossen durch Papst Clemens V. (1305-1314) mit ein (1311), änderten indes wenig in den Sedisvakanzen, blieb doch der kanonistische Widerspruch zwischen dem Kardinalskollegium als theoretischem Inhaber der päpstlichen plenitudo potestatis sede vacante und den Kardinälen mit eingeschränkter Verfügungsgewalt, der Widerspruch zwischen Konsens und Dissens erhalten. [Buhlmann, 01.2016]

Fischer, Andreas (2012), Karl Martell. Der Beginn karolingischer Herrschaft (= Urban Tb 648), Stuttgart 2012 > K Karl Martell

Fischer, Dagobert (1875), Die ehemalige Abtei Craufthal, Zabern 1875 > K Krauftal

Fischer, Johannes (1954), Der Hausmeier Ebroin, Diss. Wilkau-Haßlau 1954, 183 S., DM 15,-. Der Franke Ebroin (miles iniquissimus ... ex infimo generis ortus) war - einer Urkunde des Merowingerkönigs Chlodwig II. (639-657) vom 22. Juni 654 zufolge - Mitglied im neustrischen Palatium (miles palatinus), bevor er nach dem Tod Chlodwigs und des Hausmeiers Erchinoald mit Unterstützung der Königin Balthild (†ca.680), der Mutter und Regentin König Chlothars III. (657-ca.673), selbst Hausmeier wurde. Zunächst zusammen mit Balthild verfolgte Ebroin konsequent die Vereinigung des burgundischen Reichsteils mit Neustrien bei Ausschaltung der burgundischen Führungsschicht. Ebroin mischte sich beim "Staatsstreich" des karolingischen Hausmeiers Grimoald (643-662) in Austrien nicht ein; nach Grimoalds Hinrichtung (662) wurde der neustrische Merowinger Childerich II. (662-675) auch König in Austrien wurde. Schon lange zuvor hatte Ebroin nach Mündigkeitsbeginn Chlothars III. (664) Balthild zum Eintritt ins Kloster Chelles (664/65) gezwungen. Als neustroburgundischer Hausmeier geriet er jedoch in Konflikt mit der burgundischen Opposition unter der Führung des Bischofs Leudegar von Autun (662/63-676). Um 673 gelang es Childerich II. nach dem Tod seines Bruders Chlothars III. für wenige Jahre die Alleinherrschaft im Frankenreich zu übernehmen. Mit dem Regierungswechsel in unmittelbarem Zusammenhang stand der Sturz Ebroins, der ins Kloster Luxeuil verbannt wurde. Leudegar und seine Adelspartei hatten nun das Sagen im Frankenreich, doch regte sich alsbald dagegen eine Opposition fränkischer Großer, an der auch der austrische dux Wulfoald beteiligt war. Der Sturz Leudegars und dessen Einweisung ins Kloster Luxeuil waren die Folge (675). Noch im selben Jahr 675 wurde - Ausfluss einer Adelsverschwörung gegen den König - Childerich mit seiner schwangeren Frau Bilichild ermordet; Childerich war vielleicht der letzte Merowinger, der (in beschränktem Ausmaß) eine eigenständige Politik betrieben hat. Der Tod des Herrschers ermöglichten Ebroin und Leudegar die Flucht aus Luxeuil; in der Folge konnte sich - auch nach Installation des Merowingerkönigs Theuderich III. (673/75-690/91) - Leudegar zunächst in Neustroburgund durchsetzen, während Austrien unter König Dagobert II. (676-679) eigene politische Wege ging. Mit Unterstützung austrischer [und neustrischer] Großer und unter Verwendung des "falschen" Chlodwig III. (675/76) als angeblichen Sohn Chlothars III. und Merowingerkönig gelang es indes Ebroin, sich gegen Leudegar durchzusetzen (676). Leudegar wurde auf einer Synode seines Bischofsamts entkleidet und hingerichtet (679). Die letzten Jahre des Hausmeiers Ebroin sind geprägt von Grenzkonflikten zwischen Neustroburgund und Austrien. Nach der Ermordung des austrischen Merowingers Dagobert II. (679) [?] kam es zu Kämpfen zwischen Ebroin und der karolingischen Partei unter Pippin den Mittleren (†714) und dem dux Martin (†679). Das neustrische Heer besiegte das karolingisch-pippinische Aufgebot in der Schlacht bei Bois-du-Fay vernichtend (679 [?]). Ebroin konnte aber den Sieg nicht ausnutzen, musste die neustroburgundische Opposition gegen ihn bekämpfen und wurde schließlich (Ende April, Anfang Mai?) 680 [oder 681] von dem miles palatinus Ermenfredus ermordet. Nachfolger Ebroins im neustroburgindischen Hausmeieramt wurde Waratto, der sogleich auf Ausgleich mit Austrien bedacht war; Theuderich III. war nun nomineller Herrscher über das gesamte Frankenreich. [Buhlmann, 02.2013]

Fischer, Thorsten (2010), Herrschaft und Herrschaftspraxis Lothars III. im Rhein-Maasraum, in: AHVN 213 (2010), S.55-81. Der deutsche König Lothar von Supplinburg (1125-1137) war in seiner Politik der Einflussnahme auf den Raum an Rhein und Maas mit verschiedenen Problemen und politisch wirksamen Personenkreisen konfrontiert. In die Streitigkeiten um das Herzogtum Niederlothringen, das Bistum Lüttich und die Grafschaft Flandern (ab 1119/21) setzte Lothar 1128 Alexander (I.) von Jülich als Bischof in Lüttich (1128-1135) ein und machte statt Gottfried V. von Löwen-Brabant (1106-1128) Walram von Limburg zum Herzog von Niederlothringen (1128-1139); 1130 wurde Graf Dietrich von Elsass (1128-1168) von Lothar mit Reichsflandern belehnt. Auf Grund verwandschaftlicher Beziehungen konnte der König seinen Einfluss auch in der Grafschaft Holland ausdehnen (Übertragung der mittelfriesischen Grafschaft um Oster- und Westergau vor 1132, Friesenaufstand 1132), nachdem er hier schon als sächsischer Herzog gegen den Salierkönig Heinrich V. (1106-1125) eingegriffen hatte (1118). Die Aufenthalte des Königs in Elten und Duisburg im Jahr 1129 betrafen Privilegienvergaben an das Stift Elten (Reichsunmittelbarkeit, Papstschutz, freie Vogtwahl, Besitzbestätigung; neben einem Diplom für das Maastrichter Servatiusstift 1128) sowie an die sich entwickelnde Duisburger Bürgergemeinde (Verwendung von Steinen aus dem Duisburger Forst; Rückfall Duisburgs an das Reich, Duisburger Mauerbau vor 1125). Insgesamt konnte Lothar somit die Reichsrechte entlang des Niederrheins wieder stärken; er stützte sich in seiner Politik auch auf Reichsministeriale (Dietrich von Düren) und unterstützte verwandtschaftlich mit ihm verbundene Adelsfamilien, während er die politische Macht der Grafen von Brabant und der von Geldern zurückdrängte. [Buhlmann, 03.2012]

Fischer Weltgeschichte ist eine auf Europa bezogene Globalgeschichte hauptsächlich der 1970er-Jahre. Menschliche Vorgeschichte und Kulturen des Alten Orients führen dabei auf die Geschichte des antiken Europa hin, das mittelalterlich-abendländische Europa steht in enger Verbindung zu Byzanz und den islamischen Kulturen am Mittelmeer. Die auch durch Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus geprägte "Europäisierung" der Welt seit der frühen Neuzeit lässt die außereuropäischen Kulturen in Afrika, Amerika und Asien in Erscheinung treten. Das 20. Jahrhundert steht im Zeichen der beiden (europäischen) Weltkriege und des West-Ostkonflikts zwischen Kapitalismus und Kommunismus bei Krise der "Dritten Welt".
Zur Fischer Weltgeschichte gehören: FW 1: Alimen, Marie-Henriette, Steve, Marie-Joseph (Hg.) (1966), Vorgeschichte, Frankfurt a.M. 1974, 399 S., DM 7,80; FW 2: Cassin, Elena, Bottéro, Jean, Vercoutter, Jean (Hg.) (1965), Die Altorientalischen Reiche I: Vom Paläolithikum bis zur Mitte des 2. Jahrtausends, Frankfurt a.M. 1974, 399 S., DM 6,80; FW 3: Cassin, Elena, Bottéro, Jean, Vercoutter, Jean (Hg.) (1966), Die Altorientalischen Reiche II: Das Ende des 2. Jahrtausends, Frankfurt a.M. 1972, 374 S., DM 6,80; FW 4: Cassin, Elena, Bottéro, Jean, Vercoutter, Jean (Hg.) (1967), Die Altorientalischen Reiche III: Die erste Hälfte des 1. Jahrtausends, Frankfurt a.M. 1967, 380 S., DM 6,80; FW 5: Bengtson, Hermann (Hg.) (1965), Die Mittelmeerwelt im Altertum I: Griechen und Perser, Frankfurt a.M. 1974, 424 S., DM 6,80; FW 6: Grimal, Pierre (Hg.) (1965), Die Mittelmeerwelt im Altertum II: Der Hellenismus und der Aufstieg Roms, Frankfurt a.M. 1973, 412 S., DM 6,80; FW 7: Grimal, Pierre (Hg.) (1966), Die Mittelmeerwelt im Altertum III: Der Aufbau des Römischen Reiches, Frankfurt a.M. 1974, 375 S., DM 6,80; FW 8: Millar, Fergus (Hg.) (1966), Die Mittelmeerwelt im Altertum IV: Das Römische Reich und seine Nachbarn, Frankfurt a.M. 1975, 346 S., DM 6,80; FW 9: Maier, Franz-Georg (Hg.) (1968), Die Verwandlung der Mittelmeerwelt, Frankfurt a.M. 1973, 384 S., DM 6,80; FW 10: Dhondt, Jan (Hg.) (1968), Das frühe Mittelalter, Frankfurt a.M. 1975, 397 S., DM 7,80; FW 11: Le Goff, Jacques (Hg.) (1965), Das Hochmittelalter, Frankfurt a.M. 1974, 350 S., DM 7,80; FW 12: Romano, Ruggiero, Tenenti, Alberto (Hg.) (1967), Die Grundlegung der modernen Welt. Spätmittelalter, Renaissance, Reformation, Frankfurt a.M. 1975, 364 S., DM 7,80; FW 13: Maier, Franz Georg (Hg.) (1975), Byzanz, Frankfurt a.M. 1975, 444 S., DM 8,80; FW 14: Cahen, Claude (Hg.) (1968), Der Islam I: Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanischen Reiches, Frankfurt a.M. 1974, 375 S., DM 7,80; FW 15: Grunebaum, G.E. von (Hg.) (1971), Der Islam II: Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel, Frankfurt a.M. 1974, 487 S., DM 6,80; FW 16: Hambly, Gavin (Hg.) (1966), Zentralasien, Frankfurt a.M. 1975, 365 S., DM 7,80; FW 17: Embree, Ainslie T., Wilhelm, Friedrich (Hg.) (1967), Indien. Geschichte des Subkontinents von der Induskultur bis zum Beginn der englischen Herrschaft, Frankfurt a.M. 1974, 351 S., DM 6,80; FW 18: Villiers, John (Hg.) (1965), Südostasien vor der Kolonialzeit, Frankfurt a.M. 1965, 348 S., DM 6,80; FW 19: Franke, Herbert, Trauzettel, Rolf (Hg.) (1968), Das Chinesische Kaiserreich, Frankfurt a.M. 1974, 384 S., DM 7,80; FW 20: Hall, John Whitney (Hg.) (1968), Das Japanische Kaiserreich, Frankfurt a.M. 1968, 380 S., DM 7,80; FW 21: Séjourné, Laurette (Hg.) (1971), Altamerikanische Kulturen, Frankfurt a.M. 1974, 375 S., DM 6,80; FW 22: Konetzke, Richard (Hg.) (1965), Süd- und Mittelamerika I: Die Indianerkulturen Altamerikas und die spanisch-portugiesische Kolonialherrschaft, Frankfurt a.M. 1974, 391 S., DM 7,80, FW 23: Beyhant, Gustavo (Hg.) (1965), Süd- und Mittelamerika II: Von der Unabhängigkeit bis zur Krise der Gegenwart, Frankfurt a.M. 1974, 346 S., DM 7,80; FW 24: Dülmen, Richard van (Hg.) (1982), Entstehung des frühneuzeitlichen Europa 1550-1648, Frankfurt a.M. 1982, 496 S., DM 16,80; FW 25: Barudio, Günter (Hg.) (1980), Das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung 1648-1779, Frankfurt a.M. 1980, 488 S., DM 14,80; FW 26: Bergeron, Louis, Furet, Francois, Koselleck, Reinhart (Hg.) (1969), Das Zeitalter der europäischen Revolution 1780-1848, Frankfurt a.M. 1975, 356 S., DM 7,80; FW 27: Palmade, Guy (Hg.) (1975), Das bürgerliche Zeitalter, Frankfurt a.M. 1977, 349 S., DM 8,80; FW 28: Mommsen, Wolfgang J. (Hg.) (1969), Das Zeitalter des Imperialismus, Frankfurt a.M. 1975, 390 S., DM 7,80; FW 29: Fieldhouse, David K. (Hg.) (1969), Die Kolonialreiche seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1976, 365 S., DM 7,80; FW 30: Adams, Willi Paul (Hg.) (1977), Die Vereinigten Staaten von Amerika, Frankfurt a.M. 1977, 532 S., DM 8,80; FW 31: Goehrke, Carsten, Hellmann, Manfred, Lorenz, Richard, Scheibert, Peter (Hg.) (1973), Russland, Frankfurt a.M. 1975, 382 S., DM 7,80; FW 32: Bertaux, Pierre (Hg.) (1966), Afrika : Von der Vorgeschichte bis zu den Staaten der Gegenwart, Frankfurt a.M. 1974, 384 S., DM 7,80; FW 33: Bianco, Lucien (Hg.) (1969), Das moderne Asien, Frankfurt a.M. 1975, 357 S., DM 7,80; FW 34: Parker, R.A.C. (Hg.) (1967), Das Zwanzigste Jahrhundert I: 1918-1945, Frankfurt a.M. 1976, 380 S., DM 7,80; FW 35: Benz, Wolfgang, Graml, Hermann (Hg.) (1985), Das Zwanzigste Jahrhundert II: Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, Frankfurt a.M. 1985, 588 S., DM 16,80; FW 36: Benz, Wolfgang, Graml, Hermann (Hg.) (1967), Das Zwanzigste Jahrhundert III: Weltprobleme zwischen den Machtblöcken, Frankfurt a.M. 1981, 507 S., DM 14,80. [Buhlmann, 01.1976, 1978-1982, 02.2012]

Flach, Dietmar (1976), Untersuchungen zur Verfassung und Verwaltung des Aachener Reichsgutes (von der Karolingerzeit bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts) (= MPIG 46), Göttingen 1976, 430 S., Karten, DM 90,-. Im Zusammenhang auch mit den Sachsenkriegen (772-804) des Frankenkönigs Karl des Großen (768-814) erlangte das in Bistum und Grafschaft Lüttich gelegene Aachen größere Bedeutung. Die Grundlagen für Pfalz und Fiskalbezirk wurden schon unter König Pippin den Jüngeren (751-768) gelegt; Aachen wird im Jahr 765 erstmals als villa bezeichnet. Seit den 780er-Jahren wurde Aachen, das über heiße Quellen verfügte, bevorzugter Aufenthaltsort König Karls des Großen wäh-rend der Wintermonate. Ab dieser Zeit ist auch mit einem intensiven Ausbau Pfalzanlage zu rechnen. In den letzten Regierungsjahren Karls und den ersten Kaiser Ludwigs des Frommen (814-840) war Aachen gleichsam Residenzort der Kaiser; hier fanden Reichsversammlungen und Reichssynoden statt, neben der Pfalz als Königshof waren eine urbs bezeichnete Siedlung der Höflinge und Adligen sowie der vicus als Kaufleute- und Handwerkersiedlung vorhanden (Bau der Marienkirche im vicus). Zur Versorgung der Pfalz bzw. des Königshofs stand umfangreiches Reichsgut um Aachen zur Verfügung. Das Reichsgut gliederte sich in die villa Aachen als Königsgut, das den Hofbezirk der Pfalz mit einer westöstlichen Ausdehnung von maximal 6,5 km und einer nordsüdlichen Ausdehnung von bis zu 8,5 km ausmachte. Die Urpfarrei der Aachener Marienkirche war annähernd deckungsgleich mit dem Königsgut der villa Aachen. Als äußerer Gürtel um die Aachener Pfalz umfasste der fiscus Aachen die villa und zusätzliche Nebenhöfe wie Konzen (eigener Forstbezirk), Eschweiler, Würselen, Eilendorf oder Seffent. Im Bereich von villa und fiscus gab es Reichskirchengut als Besitz des Marienstifts, der Benediktinerabtei Inden-Kornelimünster (817) und der Reichsabtei Burtscheid (v.997). Dem Fiskus angeschlossen waren umfangreiche Waldgebiete, zuvorderst der Aachener Forst (forestis Aquisgrani palatii, 1070), dessen Umfang aus dem Aachener Wildbann von 1424 zu erschließen ist. Er wurde als Teil der linksrheinischen Waldgrafschaft (comitatus nemoris) durch iudices ("Amtleute") und forestarii ("Förster") verwaltet vom comes nemoris ("Waldgrafen") bzw. vom Aachener Reichsvogt. Eine wichtige Pfalz blieb Aachen auch in der Zeit des karolingischen Mittelreichs und Lotharingiens, doch überwog schon seit Ludwig dem Frommen wieder die ambulante Herrschaftstätigkeit der Könige (Reisekönigtum). Die Ottonen als ostfränkisch-deutsche Könige belebten ab 936 die Karlstradition, wurde Aachen doch zum Krönungsort der deutschen Herrscher. Kaiser Otto III. (983-1002) sollte in der Aachener Marienkirche beigesetzt werden (1002), Kaiser Friedrich I. (1152-1190) veranlasste in Aachen die Heiligsprechung Karls des Großen (1165). Verfassungsgeschichtlich gesehen war Aachen mit dem Umland ein Sonderbezirk (districtus Aquense) unter königlicher Herrschaft innerhalb der Grafschaft im Lüttichgau. Als ausgegliedert aus der üblichen Grafschaftsorganisation erscheint Aachen im Teilungsvertrag von Meersen (870), zum Jahr 1075 wird ein "Aachengau" erwähnt. Markt und Zoll galten damals im districtus Aquense. Die Münze, die unter Kaiser Ludwig dem Frommen und dann unter den salischen und staufischen Königen produktiv war, sowie der Handels- und Gewerbeplatz bildeten die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Entstehung der Stadt Aachen. Hinzu kam die Entwicklung der Stadt aus der Grundherrschaft des Königs. Die Stadt selbst wird 1066 als oppidum, ihre Bürger 1107 (unterschiedslos) als oppidani bezeichnet. Eine Urkunde König Konrads III. (1138-1152) aus dem Jahr 1145 nennt die Handwerker und Händler homines Aquenses. Kaiser Friedrich I. erließ für die Aachener Einwohner (maiores, minores) am 8. und 9. Januar 1166 zwei Privilegien, die Aachen als caput regni Teutonici ("Haupt des deutschen Königreiches") titulierten und den Bewohnern persönliche Freiheit, den Handeltreibenden Zollfreiheit zusicherten. In staufischer Zeit stellt sich Aachen dar als Marktort mit Münzstätte (Aachener Pfennige in Konkurrenz zu den Kölner Denaren), hinzu kamen Marktzoll (1166) und Judensteuer der dortigen Judengemeinde (1241). Aachener Amtsträger im Dienst des Herrschers waren ein advocatus, iudex (1100), der Schultheiß (1140, 1192) und der Meier (1231), schließlich der (Reichs-) Vogt als Amtsinhaber der Vogtei auf Reichsgut nebst dem Untervogt und der Schultheiß mit dem Meier als grundherrschaftlichem Unterbeamten. Im Zuge von Stadtentwicklung und Autonomiestreben der Einwohner etablierte sich auch eine städtische Gemeinde aus Bürgern und Ministerialen (ca.1200). Beide Gruppen wurden vom Orts- bzw. Stadtherrn, also dem König, zu Stadtbefestigung, Bede und Ungeld herangezogen. Gerade im deutschen Thronstreit (1198-1208) fanden mit dem Gegeneinander von Königen die Aachener Bürger Beachtung und Bevorzugung. Diplome der Stauferkönige Friedrich II. (1212-1250) und Heinrich (VII., 1220-1235)) lassen cives ("Bürger"), die universitas civium ("Bürgergemeinde") und Schöffen erkennen (1215 und später). Bürgermeister (1251/52) und consules ("Ratsmitglieder") der communitas ("Gemeinde", 1260) sind in nachstaufischer Zeit bezeugt. Im hohen Mittelalter war die Entwicklung Aachens zur Königs- und Reichsstadt somit im Wesentlichen abgeschlossen. Das späte Mittelalter sah eine teilweise Territorialisierung von Aachener Reichsrechten und Reichsgut. Vor dem Jahr 1270, während des Interregnums, hatten die benachbarten Grafen von Jülich die wichtige Aachener Reichs(gut)vogtei über das "Aachener Reich" in ihre Hände gebracht, mussten diese aber letztendlich zu Lehen von den Herzögen von Brabant nehmen, die eine Obervogtei über Reichsgut ausübten (v.1349). König Richard von Cornwall (1257-1273) hatte den Brabanter Herzögen im Jahr 1257 den Auftrag der defensio et tutio ("Verteidigung und Schutz") von Reichsgut an Nieder- und Mittelrhein (Aachen, Kaiserswerth, Landskron, Sinzig) erteilt. Daraus leiteten die Herzöge erfolgreich ihre Ansprüche über Aachen ab. Auch an die Stadt Aachen gelangten Reichsrechte. Sie blieb Krönungsstadt der deutschen Könige und verteidigte ihre Zugehörigkeit zu den spätmittelalterlichen Reichsstädten erfolgreich gegen die Jülicher Grafen (1278). > A Aachen [Buhlmann, 10.2015]

Flach, Dietmar (1987), Das Reichsgut im Aachener Raum. Versuch einer vergleichenden Übersicht, in: RhVjbll 51 (1987), S.22-51 > A Aachen

Flasch, Kurt (2001), Nicolaus Cusanus (= BSR 562), München 2001 > N Nikolaus von Kues

Flasch, Kurt (2001), Nikolaus von Kues. Geschichte einer Entwicklung, Frankfurt a.M. 2001 > N Nikolaus von Kues

Flasch, Kurt (2004), Nikolaus von Kues in seiner Zeit. Ein Essay (= RUB 18274), Stuttgart 2004 > N Nikolaus von Kues

Flashar, Hellmut (2016), Hippokrates. Meister der Heilkunst. Leben und Werk, München 2016, 297 S., Schwarzweißabbildungen, Tabelle der Schriften des Corpus Hippocraticum, € 26,95. Zu Hippokrates (*ca.460-†ca.380 v.Chr.), dem bedeutenden antiken Arzt und Begründer der Medizin als Wissenschaft (Plinius der Ältere), ist wenig Biografisches überliefert: als "Asklepiade" und von der Insel Kos stammend, einige Äußerungen im Werk von Platon, vermutliche Aufenthalte auf der Insel Thasos, in Abdera und Larissa, wo er auch starb, wenige antike Hippokrates-Büsten (3. Jahrhundert v.Chr. und später), ein Mosaik aus Kos vielleicht mit einer Darstellung des Hippokrates zusammen mit dem Heilgott Asklepios. Überliefert ist die "neue Medizin" des Hippokrates, die die ägyptische und die bei Homer geschilderte Medizin als Vorläufer hatte, im Corpus Hippocraticum, einer Sammlung von medizinischen Schriften, die alexandrinische Gelehrte im bzw. ab dem 3. Jahrhundert v.Chr. zusammenstellten. Bei Weitem nicht alle der gesammelten Schriften stammen dabei von Hippokrates selbst, doch stehen alle der 72 Werke des Corpus in der hippokratischen Tradition einer wissenschaftlichen Medizin. Der im Corpus enthaltene hippokratische Eid bildet bis heute die ethische Grundlage ärztlichen Handelns. Daneben stammen wohl die Schriften über die "heilige Krankheit" (Epilepsie) und über "Luft, Wasser und Ortslagen" sowie Teile der "Epidemien" von Hippokrates selbst, wobei der Autor besonders die medizinische Diagnose und Prognose herausstellt, während die Fortsetzung der "Epidemien", die Schrift "Über die Säfte" nachhippokratisch ist und die "Viersäftelehre" (Humoralpathologie) darstellt. Ebenfalls nicht von Hippokrates stammen: Schriften zu Grundfragen der Medizin ("Über die [Heil-] Kunst", "Über die Lüfte", "Über die Natur des Menschen"), diätetische Schriften und Schriften zur Gesundheitsvorsorge ("Über die Diät", "Über die Diät bei akuten Krankheiten", "Über die gesunde Lebensweise"), Werke zur Gynäkologie ("Über die Frauenkrankheiten", "Über die Krankheiten von Jungfrauen", "Über unfruchtbare Frauen", "Über die Natur der Frau", "Über die Zerstückelung des Embryos", "Über den Samen", "Über die Natur des Kindes"), Werke zu inneren Krankheiten ("Über die inneren Krankheiten", "Über die Leiden"), Schriften zur Chirurgie und Orthopädie ("Über die Wunden", "Über die Kopfverletzungen", "Über Gelenkeinrenkungen", "Über Knochenbrüche", "Über die Hebelkraft", "Über die [Darm-] Fisteln", "Über die Hämorrhoiden"); Zahlenmystik enthält die Schrift "Über die Siebenzahl" (der Jahreszeiten, des Lebens u.a.), die Schrift "In der Praxis des Arztes" vermittelt ärztliche Standesethik. Die Schriften im Corpus übermitteln vielfach medizinische und philosophische Gnome (Merksätze) und Aphorismen (Sprichwörter); auch (angebliche) Briefe von oder an Hippokrates sowie ein athenisches Dekret zu Ehren des Arztes sind im Corpus überliefert. Sich mit der wissenschaftlichen Medizin des Hippokrates nurr teilweise deckend, war die Medizin um den Heilgott Asklepios in der Antike ebenfalls bedeutsam (Epidauros als Zentrum der Asklepiosverehrung, Asklepiosheiligtum auf Kos, in Pergamon u.a.). Daneben behauptete sich die hippokratische Medizin in Hellenismus und römischer Antike (Diokles von Karystos als "jüngerer Hippokrates", Galen). Auch die nachantike Welt rezipierte das Corpus Hippocraticum (islamisch-arabische Wissenschaft, europäisches Mittelalter [Klöster, Kathedralschulen, Salerno als civitas Hippocratica], frühe Neuzeit [Buchdruck, editio princeps 1526, Petrus Forestus als Hippocrates Batavus, medizinischer Fortschritt], Moderne [wissenschaftliche Aufbereitung des Corpus, Aktualität des Hippokrates?]). [Buhlmann, 01.2017]

Flathe, Th[eodor], Prutz, Hans ([1910]), Die Französische Revolution, Essen o.J. [1997] > F Französische Revolution

Fleckenstein, Josef (Hg.) (1973), Investiturstreit und Reichsverfassung (= VuF 17), Sigmaringen 1973 > I Investiturstreit

Fleckenstein, Josef (Hg.) (1974), Probleme um Friedrich II. (= VuF 16), Sigmaringen 1974 > F Friedrich II. (von Hohenstaufen)

Fleckenstein, Joseph (1975), Otto der Große in seinem Jahrhundert, in: FMSt 9 (1975), S.253-267 > O Otto I.

Fleischer, Andrea (2004), Zisterzienserabt und Skriptorium. Salem unter Eberhard I. von Rohrdorf (1191-1240) (= Imagines Medii Aevi, Bd.19), Wiesbaden 2004, X, 266, 48 S., € 68,-. Eberhard wurde um das Jahr 1160 als Sohn des Grafen Gottfried von Rohrdorf (†1191) und einer Gräfin Adelheid geboren. Um 1180 trat er als Mönch in das 1137/38 gegründete Zisterzienserkloster Salem ein, am 12. Juni 1191 wurde er in der Nachfolge des verstorbenen Klosterleiters Christian (1175-1191) zum Abt der Mönchsgemeinschaft am Bodensee bestimmt. In der Amtszeit Eberhards entwickelte sich Salem wirtschaftlich erfolgreich (Grangien Altmannshausen und Runstal; Stadthöfe in Esslingen, Konstanz, Überlingen, Ulm; Erwerb der Saline Hallein [1201]). Außenwirkung entfaltete die Mönchsgemeinschaft auch hinsichtlich anderer Zisterzienserkommunitäten; Salemer Mönche besiedelten das 1220/27 gestiftete Kloster Wettingen, Salemer Abt und Kloster unterstützten Gründung und Aufbau der Zisterzienserinnenklöster Wald (1212), Rottenmünster (1221), Heiligkreuztal (1227), Baindt (1227/40), Heggbach (um 1233) und Gutenzell (1238). Im deutschen Thronstreit (1198-1208) trat Eberhard für den staufischen König Philipp von Schwaben (1198-1208) ein, erkannte nach der Ermordung Philipps den welfischen König Otto IV. (1198-1218) an, um sich ab 1212 wieder den staufischen Herrschern Friedrich II. (1212-1250) und Heinrich (VII.) (1220-1235) anzuschließen; Privilegienvergaben bezeugen dabei den engen Zusammenhang zwischen Kloster und deutschem Königtum. Niederschlag fand die zisterziensische vita communis zur Zeit Abt Eberhards in der Handschriftenproduktion des Salemer Skriptoriums. Eine Vielzahl von (nur mit wenig Schmuck verzierten) Salemer Handschriften wurde in der Amtszeit Abt Eberhards angefertigt, abgeschrieben und gesammelt, u.a. eine mehrbändige Bibel, liturgische Gebrauchsliteratur wie Hymnare, Antiphonare, Graduale oder Prozessionale, Texte und Homilien von lateinischen Kirchenvätern sowie Heiligenviten z.B. der heiligen Elisabeth oder von angelsächsisch-englisch-irischen Heiligen; Weniges wie Schriften des Bernhard von Clairvaux ist zisterziensisch. Der Salemer Mönch und Schreiber Johannes Gallus verfasste zudem ein Gedicht auf den Konstanzer Bischof und Wohltäter Diethelm von Krenkingen (1189-1206), der in Salem starb, und über die Ermordung des staufischen Königs Philipp, weiter eine Grabinschrift auf die "vor der Kapelle begrabenen Grafen" von Rohrdorf, ein Hinweis auf eine von Eberhard begründete Familiengrablege der Rohrdorfer Grafen in Salem. Abt Eberhard selbst beschäftigte sich intensiv mit Visionsliteratur. So soll er die Vision des schwer kranken Mönches Rudolf von Kaisheim aufgezeichnet haben (um 1207); weiter soll ihm Christus im Traum erschienen sein und verschlüsselt die Ankunft zwei Dominikanerprediger in Salem angekündigt haben. [Buhlmann, 11.2012]

Fletcher, Richard (2005), Ein Elefant für Karl den Großen. Christen und Muslime im Mittelalter, Darmstadt 2005, 192 S., € 9,90, beleuchtet das Verhältnis beider Kulturen und Religionen im Mittelalter (7.-15. Jahrhundert). Im Einzelnen werden betrachtet: die Entstehung des Islam (Mohammed, Koran, Eroberungen; 7./8. Jahrhundert); das christliche Europa in der Defensive (Frankenreich und Byzanz, Sizilien und La Garde-Freinet, Elefant Abul Abbas [†810] als Geschenk des Kalifen Harun ar-Rashid an Kaiser Karl den Großen [801], Gesandtschaften, kulturelle Einflüsse [Gerbert von Aurillac und Abakus, Papier, arabische Philosophie und Medizin], Pilgerfahrten und Handelsaktivitäten [Venedig]; 9./10. Jahrhundert); Kreuzzüge und "Reconquista" (Eroberungen in Spanien, Eroberung Siziliens, Kreuzfahrerstaaten der Levante [1099-1291]; 11.-13. Jahrhundert); Handel und Kultur (Übersetzungen aus dem Arabischen [Gerhard von Cremona, Moses Maimonides, Alfons der Weise]; 11.-13. Jahrhundert); osmanische Eroberungen (Konstantinopel 1453, Balkan) und christliche Kreuzzüge, Handel und Kultur (christliche "Sichtung des Koran" [Rámon Lull, Johannes von Segovia, Nikolaus von Kues], Ibn Khaldun), Abschluss der "Reconquista" in Spanien (Granada 1492) (14.-15./16. Jahrhundert). [Buhlmann, 01.2013]

Flink, Klaus (2003), Ahrweiler unter dem Krumstab der Fürstäbte von Prüm und Erzbischöfe von Köln. Quellen und Untersuchungen zur Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der vierten kurkölnischen Mithauptstadt, Kleve 2003, 317 S., Schwarzweißabbildungen, 1 Faltkarte, ausführlicher Quellenanhang, € 12,-. Die (spätere) Stadt Ahrweiler war im frühen Mittelalter Teil der Villikation Ahrweiler des Benediktinerklosters Prüm in der Eifel. Der Prümer Besitz in Ahrweiler ging letztlich wohl auf Königsgut zurück (Ahrweiler Königsgutkomplex). Vor dem Hintergrund mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Zeugnisse wird der Umfang der Prümer Villikation in und um Ahrweiler deutlich: Herren-/Fronhof mit dem Hofgericht (als Oberhof aller Ahrweiler Hofgerichte) bei der Pfarrkirche St. Laurentius, die Villikationshöfe Staffeler Turm, Gymnicher Hof, Kolventurm, Fischenicher Hof, Paffenraths Hof und Forster Hof, die ehemaligen Prümer Besitzungen Blankenheimer Hof und Klosterrather Hof, die Rechte des Klosters Prüm (Prümer Weistümer [1430, 1511, 1549], Bannmühlen, Waldwirtschaft [Viehmast]). Innerhalb der Stadt Ahrweiler waren besitzmäßig noch vertreten: die Essener Frauengemeinschaft mit dem zentral gelegenen Stiftshof Hiersch (wohl ebenfalls als Teil des ehemaliges Ahrweiler Königsgutes), die Kölner Kirche St. Gereon mit dem Klosterrather Hof, das Kloster Steinfeld mit dem Steinfelder Hof, das Maastrichter Reichsstift St. Servatius mit Besitz, die Kölner Abtei St. Pantaleon mit Besitz, die Grafen von Blankenheim mit dem Blankenheimer Hof. Prümer (Orts-) Vögte in Ahrweiler waren die Grafen von Hochstaden. Ab 1228 wird für Ahrweiler der Stadtwerdungsprozess erkennbar, 1247 erfolgte die Are-Hochstadener Schenkung Ahrweilers an den Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden (1238-1261); Ahrweiler wurde zu einer der vier kurkölnischen Hauptstädte (neben Andernach, Bonn, Neuss), privilegiert durch die Erzbischöfe (Bestätigung der Rechte, Freiheiten, Gewohnheiten der Ahrweiler Bürger von 1248, 1280, 1284; wirtschaftliche und Marktprivilegien von 1335, 1387(?), 1452, 1598). Die Stadtherrschaft der Erzbischöfe von Köln in Ahrweiler gründete dabei wesentlich auf die Zurückdrängung der Rechte des Prümer Abtes (1247), mithin auf die Hochgerichtsbarkeit der Prüm-Ahrweiler Vogtei (Hochgerichtsweistümer von 1395, 1511). Unter Erzbischof Philipp von Daun (1508-1515) führten "bürgerliche Unruhen" zu Wahl-, Polizei- und Stadtordnungen, u.a. zum Schöffenweistum von 1511, die in die wichtige Stadtordnung vom 21. September 1516 einflossen, der wiederum in der frühen Neuzeit erzbischöfliche Rechts-, Gerichts- und Polizeiordnungen (etwa von 1613) folgten. Sozial stand dem spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Ahrweiler eine städtische Führungsschicht vor, zu der die adlige Ahrweiler Ritterschaft und Ministerialität gehörte (Herren von Ahrweiler [12./13. Jahrhundert], erzbischöfliches Schenkenamt und Burg Altenahr, Ministerialenfamilien auf Prümer Adelslehen [Von dem Forst, Fischenich, Kolve, Blankart]), wenn Letztere auch einen kaum wahrnehmbaren Anteil an Stadtverwaltung (Schöffengericht, Rat) und städtischer Politik hatte. Für die städtische Ober- und Mittelschicht stehen die Gilde (karitative Einrichtung, 1361 erstmals bezeugt), die Bruderschaften (Priester- [1249], Winzer- [v.1372], Krämer-Bruderschaft [v.1431]) und die Zünfte (der Fleischhauer [Gewerbeordnung von 1431], Schmiede [Zunfbrief von 1549], Schneider [1560], Bäcker [14. Jahrhundert, 1491, Zunfbrief von 1633], Gerber [ca.1292, 1602, 1614, Zunftbriefbestätigung von 1739], Faßbender [14. Jahrhundert, 1617, Zunftbriefbestätigung von 1732]). Daneben wird zum Jahr 1335 erstmals eine Ahrweiler Judenschaft genannt (Juden in Ahrweiler mindestens seit Ende des 13. Jahrhunderts), 1292 ist der Ahrweiler Markt bezeugt. Im spätmittelalterlichen Ahrweiler spielte der (gerade auch jüdische) Fleischhandel eine große Rolle (Spannungen zwischen Bürger- und Judenschaft). [Buhlmann, 12.2013]

Flöer, Michael (1999), Altêr uuîn in niuuen belgin. Studien zur Oxforder lateinisch-althochdeutschen Tatianabschrift (= StAhd 36), Göttingen 1999 > S Studien zum Althochdeutschen

Flügge, Wilhelm (1887-1891), Chronik der Stadt Werden: [Bd.1:], Düsseldorf 1887, Nachdruck Essen-Werden 1989, Erg.H.1, [Essen-] Werden 1889, Erg.H.2, [Essen-] Werden 1891 > W Werden

Flurschütz da Cruz, Andreas (2011), Die Unterwerfung Philipps von Köln 1188 und ihre Hintergründe, in: AHVN 214 (2011), S.35-58. Der Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg (1167-1191) war zunächst und insbesondere hinsichtlich der Italienpolitik ein entschiedener Parteigänger des Stauferkaisers Friedrich I. Barbarossa (1152-1190). Maßgeblich beteiligt am Sturz des Sachsenherzogs Heinrichs des Löwen (1142/56-1180), erhielt Philipp das Herzogtum Westfalen (1180), womit sich die territorialpolitischen Interessen des Erzbischofs (Kölner Lehnhof) nochmals erweiterten. Wohl weniger wegen der Machtpolitik Philipps und Friedrichs im Nordwesten des deutschen Reiches als aus persönlichen Gründen (Misstrauen des Kaisers gegenüber den Fürsten und dem Erzbischof) verschlechterte sich in den 1180er-Jahren zunehmend das Verhältnis zwischen Erzbischof und Kaiser (Mainzer Pfingstfest 1184, päpstliche Legationstätigkeit Philipps 1186, geplanter Feldzug des Kaisers gegen England und Aufrüstung der Stadt Köln 1187). Bemühungen um Deeskalation des Konflikts führten dann im Vorfeld des Dritten Kreuzzugs (1189-1190/92) auf dem Mainzer "Hoftag Jesu Christi" von 1188 zur Unterwerfung Philipps, der aber keine Einbußen seiner Macht erfuhr, zumal mit König Heinrich VI. (1190-1197) Konsens bestand. [Buhlmann, 03.2012]

FMSt = Frühmittelalterliche Studien

Focillon, Henri (1952), Das Jahr Tausend. Grundzüge einer Kulturgeschichte des Mittelalters, hg. v. Gottfried Kerscher, Darmstadt 2012, 248 S., € 29,90. Das Jahr Tausend ("L'An Mil") steht für das Jahrtausend mittelalterlicher Geschichte, es ist ein Anknüpfungspunkt der longue durée mittelalterlicher Geschichte, Kunstgeschichte und Kulturgeschichte (prozessuale Geschichte und "Quantensprünge"). An der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert standen sich im christlichen Europa ein romanisch-okzidentaler und ein germanisch-zentraleuropäischer Kulturraum gegenüber. Ausfluss des christlichen Glaubens war u.a. das (kollektiv?-) eschatologische Phänomen der Angst vor dem Jahr 1000, während sich jedoch zeitgleich kulturell und politisch ein nachkarolingisches okzidentales Europa formte. Die vom burgundischen Kloster Cluny ausgehenden Reformimpulse und monastische Gelehrsamkeit leisteten zur Formung der europäischen Staatenwelt in Nord-, Ost-, Mittel-, West- und Südeuropa ihren Beitrag. Der Gelehrte und Papst Gerbert von Aurillac (†1003) und Kaiser Otto III. (983-1002) stehen dann für die Entwicklungen dieser Jahrtausendwende. Vgl. dazu den Kommentar (I.) zu und die Übersetzung (II.) von Focillons "L'An Mil" in diesem Buch. [Buhlmann, 11.2012]

Foerster, Thomas (2004), Die Eroberung der Burg Hohengeroldseck 1486, in: ZGO 152 (2004), S.165-187. Territoriale Streitigkeiten in der Ortenau und der Übergang des Hohengeroldsecker Diebold II. (1466-1499) von der pfalzgräflichen "Erbdienstschaft" zum habsburgischen Herzog Sigmund von Tirol (1439-1490/96) führten zur sog. Pfälzer Fehde des Jahres 1486. Pfalzgraf Philipp der Aufrichtige (1476-1508) und seine zahlreichen Parteigänger schickten nicht weniger als 63 Fehdebriefe an den nach Ulm ausgewichenen Diebold, Truppen des Pfalzgrafen begannen am 31. Juli mit der Belagerung der Burg. Bis zu 8009 Mann sollen auf pfalzgräflicher Seite zusammengezogen worden sein; ihnen standen 124 Verteidiger gegenüber. Die Burg wurde mit den herangeführten Geschützen "Böse Else", "Narr", "Steinbock" u.a. sturmreif geschossen und am 4. September erobert. Vergeblich hoffte Diebold während und nach der Belagerung auf habsburgische Unterstützung. Die Geroldsecker Herrschaft blieb bis 1534 in pfalzgräflicher Hand. [Buhlmann, 09.2006]

FOLG = Forschungen zur oberrheinischen Geschichte

Fontes Christiani (FC). Zweisprachige Neuausgabe christlicher Quellentexte aus Altertum und Mittelalter, Folge 1-4, vermitteln theologische Reflexion und kirchliche Lebenspraxis aus den ersten anderthalb Jahrtausenden des Christentums.
Folge 1: FC 3 (1990): Ambrosius, De sacramentis. De mysteriis. Über die Sakramente. Über die Mysterien. Lateinisch-Deutsch, übers. v. Josef Schmitz, Freiburg-Basel-Wien 1990, 279 S., € 13,-, Bischof von Mailand (374-397) und Kirchenlehrer, stellt in den zwei vor 397 auf Latein niedergeschriebenen katechetischen Texten die Sakramente in Zusammenhang von Taufe und Taufeucharistie vor. > Lateinische Literatur > A Ambrosius. FC 4 (1991): Origenes, In Lucam homiliae. Homilien zum Lukasevangelium. Lateinisch-Griechisch-Deutsch, übers. v. Hermann-Josef Sieben, 2 Tlbde., Freiburg-Basel-Wien 1991, 536 S., € 15,-, verfasste um 233/34 auf Griechisch Homilien zum Lukasevangelium, von denen 39 in einer lateinischen Übersetzung des Kirchenvaters Hieronymus (†420) von wahrscheinlich um 392 überliefert sind. > Lateinische Literatur > O Origenes. FC 6 (1992): Johannes Chrysostomos, Catecheses baptismales. Taufkatechesen. Griechisch-Deutsch, übers. v. Reiner Kaczynski, 2 Tlbde., Freiburg-Basel-Wien 1992, 520 S., € 19,50, beinhaltet 12 griechische, 387, 388 und 389/97 gehaltene Taufkatechesen des antiochenischen Presbyters Johannes Chrysostomos (*ca.349-†407; ca.372-378 Mönch und Asket, 380/81-386 Diakon, 386-397 Presbyter, 397-404 Bischof von Konstantinopel, 404 Absetzung und Verbannung); die Katechesen sind homilitische Lehrschriften für Katechumenen: Johannes Chrysostomus predigte in Antiochia in der österlichen Fastenzeit, in der Kar- und Osterwoche über Taufvorbereitung, österliches Tauffest, Eucharistie (als Mysterien, Sakramente) und christliches Leben nach der Taufe. FC 10 (1992): Bruno, Guigo, Antelm, Epistulae Cartusianae. Frühe Kartäuserbriefe. Lateinisch-Deutsch, übers. v. Gisbert Greshake, Freiburg-Basel-Wien 1992, 211 S., € 8,50, beleuchtet die Anfänge der Kartäusermönche/-eremiten anhand der Briefe Brunos von Köln (†1101), Giugos (I. von Kastel, †1136) und Antelms (†1178). > Lateinische Literatur > A Antelm, B Bruno von Köln, C Chronica Magistri, G Guigo. FC 12 (1993): Basilius von Cäsarea, De spiritu sancto. Über den heiligen Geist. Griechisch-Deutsch, übers. v. Hermann-Josef Sieben, Freiburg-Basel-Wien 1993, 368 S., € 11,-, Bischof im kappadokischen Cäsarea (370-379), verfasste 374/75 auf Griechisch sein Werk "Über den heiligen Geist", in dem er gegen nichtorthodoxe-häretische Interpretationen des Bibeltextes über den heiligen Geist für Gottvater und -sohn als einer Wesenheit und einen mit diesen beiden Hypostasen Gottes gleichgestellten heiligen Geist plädierte (Verehrung des heiligen Geistes, heiliger Geist als Gabe Gottes in Gott); die Schrift entfaltete beim 1. ökomenischen Konzil von Konstantinopel (381) ihre Wirksamkeit, ihre Rezeption ist zeitlich bis zum Humanismus und darüber hinaus zu verfolgen. > Lateinische Literatur > B Basilius von Cäsarea.
Folge 2: FC 27 (1997): Hugo von St. Viktor, Didascalicon. De studio legendi. Studienbuch. Lateinisch-Deutsch, übers. v. Thilo Offergeld, Freiburg-Basel-Wien 1997, 455 S., DM 70,-, gibt einen Einblick in Bildung, Forschung und Lehre, in die scientiae ("Wissenschaften"), aber auch in Handlungswissen, in die artes ("Künste"). Hugo (†1141), vielleicht aus Ostsachsen stammend, Theologe, Philosoph und Lehrer am Stift St. Viktor in Paris, teilte im Didascalicon die Wissenschaften ein in Logik, Theorik, Mechanik und Praktik. Den Unterbau der solcherart zusammengesetzten menschlichen sapientia ("Weisheit") bildete für Hugo die Philosophie. Neben den theoretischen sapientia-Elementen der artes liberales, der Theologie usw. berücksichtigte er besonders auch die Elemente der Praxis, u.a. Technik, Medizin, Ökonomik und Recht. > Lateinische Literatur > H Hugo von St. Viktor. FC 28 (1997): Gregor der Große, Homiliae in evangelia. Evangelienhomilien. Lateinisch-Deutsch, übers. v. Michael Fiedrowicz, 2 Tlbde., Freiburg-Basel-Wien 1997, 903 S., € 39,-, Papst (590-604) im Rom zwischen oströmischer Herrschaft und Langobarden, hielt wahrscheinlich 590/92 eine Reihe von Predigten zu den Evangelien und veröffentlichte die insgesamt 40 lateinischen Evangelienhomilien über Weltende und -gericht, die spirituelle Orientierung des Menschen an Gott und den Nächsten sowie die Abkehr des Menschen vom Weltlichen vor 593/94 in zwei Büchern, die er dem Bischof Secundinus von Taormina widmete. > Lateinische Literatur > G Gregor der Große. FC 33,1-4 (1999): Rupert von Deutz, De divinis officiis. Der Gottesdienst der Kirche. Lateinisch-Deutsch, hg. v. Helmut u. Ilse Deutz, 4 Tlbde., Freiburg-Basel-Wien 1999, zus. 4x XX, 1641 S., DM 274,- > Lateinische Literatur > R Rupert von Deutz.
Folge 3: FC 40 (2015): Tertullian, Apologeticum. Verteidigung des christlichen Glaubens. Lateinisch-Deutsch, übers. v. Tobias Georges, Freiburg i.Br. 2015, 335 S., € 40,- > Lateinische Literatur > T Tertullian. FC 42 (2002): Tertullian, De praescriptione haereticorum. Vom prinzipiellen Einspruch gegen die Häretiker. Lateinisch-Deutsch, übers. v. Dietrich Schleyer, Turnhout 2002, 363 S., € 14,90 > Lateinische Literatur > T Tertullian. FC 68 (2017): Eusebius/Hieronymus, Liber locorum et nominum. Onomastikon der biblischen Ortsnamen: Lateinisch-Deutsch, übers. v. Georg Röwekamp, Freiburg i.Br. 2017, 457 S., € 47,- > Lateinische Literatur > H Hieronymus.
Folge 4: FC 75 (2007): Tertullian, Adversus Iudaeos. Gegen die Juden. Lateinisch-Deutsch, übers. v. Regina Hauses, Turnhout 2007, 387 S., € 12,90 > Lateinische Literatur > T Tertullian. [Buhlmann, 01.2003, 06.-07.2012, 03.2016, 07.2017]

FKRGR = Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht

Foster, Paul (2011), Die apokryphen Evangelien. Eine kleine Einführung (= RUB 18702), Stuttgart 2011, 206 S., € 5,80. Zwischen entstehendem orthodoxem Christentum, Judenchristlichkeit, Judenfeindlichkeit und Gnosis (als kosmologische Christologie) angesiedelt, repräsentieren die apokryphen ("verborgenen", nichtkanonischen) Evangelien zumeist des 2. und 3. Jahrhunderts die verschiedenartigsten Strömungen und Richtungen des frühen Christentums. Die zum großen Teil auf ägyptischen Papyri u.a. als Codex überlieferten Evangelien (im Sinne von "frohe Botschaft") sind von unterschiedlicher Zeitstellung und heißen: Thomas-Evangelium, Philippus-Evangelium, Evangelium der Wahrheit, Ägypter-Evangelium, Kindheitsevangelium des Thomas, Protevangelium des Jakobus, Petrus-Evangelium, Evangelium des Papyrus Egerton 2, Hebräer-Evangelium, Nazaräer-Evangelium, Ebioniten-Evangelium, Judas-Evangelium, Evangelium der Maria Magdalena, die beiden Letzteren als Offenbarungsevangelien. [Buhlmann, 02.2012]

Fox, Robin Lane (1974), Alexander der Große. Eroberer der Welt (= Heyne Biographien 41), München 1977 > A Alexander der Große

FRA = Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen

Fraesdorff, David (2005), Der barbarische Norden. Vorstellungen und Fremdheitskategorien bei Rimbert, Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen und Helmold von Bosau (= Orbis mediaevalis 5), Berlin 2005, 415 S., € 39,90. Im frühen und hohen Mittelalter des Franken-, Ostfranken- und deutschen Reichs fing der "Norden" (Norden: arktos, septentrio, Nordnordosten: aquilo, boreas; antike und mittelalterliche Vorstellungen) als Nord- bzw./und Osteuropa an der Elbe (Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen; Antike: am Rhein) an und wurde u.a. in Rimberts Vita Anskarii sowie der Geschichtsschreibung Thietmars von Merseburg (Chronik), Adams von Bremen (Hamburgische Kirchengeschichte) und Helmolds von Bosau (Slawenchronik) mit verschiedenen Fremdheitsvorstellungen belegt. Den Fremdheitskategorien der mittelalterlichen Historiografen, die alle aus dem Raum westlich und östlich der Elbe stammten, entsprachen die religiöse Fremdheit (Gegensatz "Christentum (christianitas) - Heidentum", Fremder als paganus), ethnische Fremdheit (slawische libertas), politische Fremdheit ("Kriegergesellschaften") und kulturelle Fremdheit (Fremder als barbarus, naturales boni) der geschilderten Bewohner des "barbarischen Nordens". Die weitgehend einheitliche Sichtweise vom 9. bis 12. Jahrhundert resultierte dabei auch aus der Anschauung des "Nordens" als christlichen Missionsbezirk am nordöstlichen Rand der christianitas. Die früh- und hochmittelalterlichen Vorstellungen vom "Norden" wirkten auch in den folgenden Jahrhunderten bis in die Neuzeit nach. [Buhlmann, 08.2014]

Frahm, Eckart (2013), Geschichte des alten Mesopotamien (= RUB 19108), Stuttgart 2013, 296 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, Zeittafel, € 8,-. Eingebettet in gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen wird als altorientalische Geschichte des Landes an Euphrat und Tigris das Folgende erkennbar: Homo erectus- und Funde von Neandertalern kennzeichnen die Altsteinzeit im Alten Orient, Sesshaftwerdung und "neolithische Revolution" den Übergang zur akeramischen und keramischen Jungsteinzeit (Kebarisch [18000-12000 v.Chr.], Natufien/Zarzisch [12000-10200], Miéfatien/Nemrikien [10200-7000], Proto-Hassuna [7000-6500]). Dörfer (und Häuser), organisierte Dörfer stehen am Ende des keramischen Neolithikums und lassen gesellschaftlich, wirtschaftliche und religiöse Strukturen (chiefdom, big man, altorientalische Religionen) (Hassuna [6500-6000] und Halaf [6000-5300], Obeid [6500-4300]), Samarra [6200-5700]). In der Uruk- und Gaurazeit (4300-3100 v.Chr.) begann der Übergang zu hochorganisierten städtischen Gemeinwesen (Adab, Eridu, Nippur, Ur, Uruk; Herrschaft, Verwaltung und Hierarchisierung [en, Erfindung der Schrift], Großbauten [Tempel, Stadtmauer]). Die Krise der Späturukzeit mündete ein in die Djemdet Nasr- (3100-2900 v.Chr.) und frühdynastische Zeit (2900-2340 v.Chr.); die Städte des südlichen Mesopotamien mit ihren umgebenden Territorien (sumerische Stadtstaaten) regierten Königsdynastien (lugal, en, ensi), bedeutende Könige waren Mesilim von Kisch, Eanatum von Lagasch und Lugalzagesi von Umma/Uruk, der das "Land Sumer" wohl weitgehend unter seiner Herrschaft vereinigte. Auf Lugalzagesi folgte die mesopotamische Herrschaft Sargons unter Einbeziehung der sumerischen Stadtstaaten und die semitische zentralisierende Staatenbildung der Akkadzeit (2340-2172/66 v.Chr.), die unter König Naramsin ihren politisch-militärischen Höhepunkt erreichte. Das Ende Akkadzeit markierte die Herrschaft der Gutäer (2210-2110 v.Chr.), die wiederum durch Utuhengal von Uruk beendet wurde; es beginnt die Ur III-Zeit (2110-2003 v.Chr.) unter den Herrschern Urnammu, Schulgi, Amarsin, Schusin und Ibbisin sowie in Lagasch u.a. unter Gudea. Die Einnahme und Zerstörung Urs durch Elamiter leitete dann zur Isin- (Ischbi-Erra; 2019-1933 v.Chr.), Larsa- (1933-1763 v.Chr.) und altbabylonischen Zeit (1792-1595 v.Chr.) über. Bedeutendster König dieser Epochen war Hammurabi von Babylon (Gesetzeskodex); die altbabylonische Zeit endete mit der Eroberung Babylons durch die Hethiter (1595 v.Chr.). In der nachfolgenden mittelbabylonischen Kassitenzeit (1580-1155 v.Chr.) war Mesopotamien (Babylonien, Assyrien) Teil eines komplexen Staatensystems von Ägypten über Mittani bis zum Hethiterreich. Mittelassyrische (1400-1000 v.Chr.) und Isin II-Zeit (1157-1026 v.Chr.) stehen für den Aufstieg Assyriens unter den Königen Assuruballit, Salmanassar I. oder Tukultininurta I. bzw. für das Königtum in Isin u.a. des Nebukadnezar I. Das 1. Jahrtausend v.Chr. sah dann in der neuassyrischen Zeit (1000-609 v.Chr.) den Aufstieg Assyriens zum Großreich vom Persischen Golf bis zum Mittelmeer und nach Ägypten (Eroberungen der Könige Salmanassar III., Tiglatpilesar III., Sanherib, Sargon II., Assurbanipal; Kontrolle Babylons, Verwaltungsorganisation des Reiches). Das neuassyrische Reich ging unter im Krieg gegen das neubabylonische Reich (626-539 v.Chr.) und die Meder (612/09 v.Chr.). Die neubabylonische Dynastie u.a. unter Nebukadnezar II. steht für die spätbabylonische Zeit (Stadt Babylon mit Tempeln, Zikkurat, Euphratbrücke, Stadtmauer), die mit der Einnahme Babylons durch den Perserkönig Kyros II. ihr Ende fand (539 v.Chr.). Fortan war Mesopotamien eine Provinz im persischen Großreich (Achämenidenzeit [539-331 v.Chr.]). Kulturelle Äußerungen des Alten Orients finden sich indes noch in Hellenismus und den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Vgl. Jursa, Michael (2004), Die Babylonier. Geschichte, Gesellschaft, Kultur (= BSR 2349), München 2004, 128 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 7,90; Selz, Gebhard J. (2005), Sumerer und Akkader. Geschichte, Gesellschaft, Kultur (= BSR 2374), München 2005, 126 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 7,90. [Buhlmann, 09.2004, 08.2005, 03.2014]

Frank, Beatrice (1989), Untersuchungen zum Catalogus testium veritatis des Matthias Flacius Illyricus, Diss. Tübingen 1989, 217 S. Schwarzweißabbildungen > Lateinische Literatur > F Flacius Illyricus

Franke, Thomas (1987), Studien zur Geschichte der Fuldaer Äbte im 11. und frühen 12. Jahrhundert, in: AfD 33 (1987), S.55-238 > F Fulda

Franziskus von Assisi, Gründer des Franziskanerordens, Heiliger: Vor dem Hintergrund gesellschaftlichen, sozialen und politischen Wandels im Italien des 12. und 13. Jahrhunderts wurde Giovanni Francesco Bernardone, der spätere Franziskus von Assisi, 1181/82 als Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro Bernardone in Assisi geboren. Erziehung und Schulausbildung Giovannis (Lesen, Schreiben, Rechnen) waren auf eine kaufmännische Karriere ausgerichtet; daneben übte das adlige Rittertum Assisis einen bedeutenden Einfluss auf den jungen Mann aus. In der Schlacht von Collestrada (1202) geriet Giovanni in Gefangenschaft und wurde nach wohl einem Jahr vom Vater durch Zahlung von Lösegeld befreit. Haft und anschließende Krankheiten stellten sicher einen Wendepunkt im Leben Giovannis dar, der auf dem Weg in den Krieg des Papstanhängers Walter von Brienne gegen die Staufer eine Traumerscheinung hatte und wieder in seine Heimatstadt zurück (1205). Eine Wallfahrt nach Rom, gepaart mit einer zweiten Vision (Aufforderung Gottes, "sein Haus wieder aufzubauen") in der Kirche S. Damiano (1206), führte bei Franziskus zum vollständigen Wechsel der Lebensweise, zum Zerwürfnis mit dem Vater und zu einem asketischen Leben in der Nachfolge Jesu, in Demut und Buße (Bettelei, Unterstützung Aussätziger, Erneuerung von Kirchen in Assisi; 1206/08). Konflikte mit der städtischen Oberschicht blieben nicht aus, doch wuchs auch die Anhängerschaft des Franziskus (Bernhard von Quintavalle, Petrus Cathani), die radikale franziskanische vita apostolica verbreitete sich auch im Umfeld Assisis (Missionsreisen in die Toskana und die Mark Ancona 1208; Ausweichen ins Rietital 1209). U.a. unterstützt von Bischof Guido von Assisi, kam es im Mai 1209 zu einem Treffen mit Papst Innozenz III. (1198-1216) und zur vorläufigen Approbation der fraternitas um Franziskus. In der Folge nahm die Bewegung der fratres minores ("Minderen Brüder") einen weiteren Aufschwung in personeller und geografischer Hinsicht (Missionsreisen u.a. nach Umbrien). Kontakte zwischen Franziskus und der Adligen Klara di Favarone (1210) führten zur Entstehung der franziskanischen Frauenbewegung um Klara (1211). Franziskus war anwesend auf dem 4. Laterankonzil (1215), die Institutionalisierung seiner Gemeinschaft zu einem Mönchsorden schritt weiter voran (Ordensregel, Ordensprovinzen), begünstigt etwa durch ein Privileg Papst Honorius' III. (1216-1227) von 1218. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, in islamischen Gebieten zu predigen (1212, 1214), gelang es Franziskus, während des 5. Kreuzzugs (1217-1221) und der Belagerung des ägyptischen Damiette ein letztlich erfolgloses Religionsgespräch mit Sultan al Kamil I. (1218-1238) zu führen (1219); das Martyrium blieb ihm in diesem Zusammenhang versagt. Nach Italien zurückgekehrt, sah sich Franziskus der weiter fortschreitenden Institutionalisierung und Expansion des Ordens gegenüber (Protektor Hugolin von Ostia, Ämterwesen, Aufweichung der forma minorum und Franziskus als Vorbild). Franziskus beteiligte sich trotz seines Rückzugs aus der Ordensleitung (1220) an der Formulierung der "Nicht-bullierten Ordensregel" ("Mattenkapitel" 1221) sowie an deren (kirchenrechtlich verbindliche) Überarbeitung zur "Bullierten Regel", die vom Papst bestätigt wurde (1223; zentrale Organisationsform [Papst, Generalminister, Generalkapitel, Ordensprovinzen, Kustodien, Kleriker und Laien]). Die letzten Lebensjahre des Franziskus waren geprägt von Krankheit, von Gebet und Meditation, von Naturerkenntnis und Gottesschau; auf dem Berg La Verna kam es im Sommer 1224 zu einer weiteren Vision und zur verheimlichten Stigmatisierung. Dabei trat die Kluft zwischen dem Ordensgründer und dem Orden als Institution immer deutlicher in Erscheinung. Franziskus' Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend (fehlgeschlagene Augenoperation 1225, fehlgeschlagene medizinische Therapien, Blutsturz 1226), während der Heilige durch Visionen Heilsgewissheit erlangte (Dankesdichtungen, Sonnengesang). Über Cortona und Bagnaia, wo er sein Testament verfasste, kehrte Franziskus nach Assisi und Portiunkula zurück, wo er am 3. Oktober 1226 starb. Der Leichnam des schon am 16. Juli 1228 heilig gesprochenen Franziskus (Heiligenvita des Thomas von Celano) fand seine Ruhestätte in der Grabeskirche (Unterkirche) S. Francesco in Assisi (Translation 1230).
Biografien zu Franziskus von Assisi sind: Feld, Helmut (1998), Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Darmstadt 1994, XIV, 539 S., DM 64,-; Feld, Helmut (2001), Franziskus von Assisi (= BSR 2170), München 2001, 114 S., DM 14,80. [Buhlmann, 12.2014]

Franziskus von Assisi, Sämtliche Schriften. Lateinisch/Deutsch, hg. v. Dieter Berg (2014) (= RUB 19044), Stuttgart 2014, 279 S., Zeittafel, € 9,80 > Lateinische Literatur > F Franziskanerorden, Franziskus von Assisi [Buhlmann, 12.2014]

Franzl, Johann (1986), Rudolf I. Der erste Habsburger auf dem deutschen Thron, Graz-Wien-Köln 1986 > R Rudolf I. von Habsburg

Französische Revolution (1789): I. Die Französische Revolution ist ein "Gründungsereignis" der modernen Welt des 19. bis 21. Jahrhunderts, Ausfluss der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts, Indikator für den "politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel" in Europa vom Ancien Régime des "Absolutismus" zum modernen Europa, ablesbar an "neuen politischen Ausdrucksformen" (Menschen- und Bürgerrechte, Demokratie), ablesbar aber auch am Entgleisen der Revolution (Gewalt, Politik der Terreur). II. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts befand sich das Ancien Régime im französischen Königreich in einer Krise (Wirtschafts- und Finanzkrisen, soziale Unzufriedenheit, System der "Feudalität" der Grundherren, Dynamik von Wirtschaft und Kapitalismus), erkennbar u.a. - und über die Ständegrenzen (Adel, Klerus, Dritter Stand) hinweg - am wirtschaftlichen und publizistischen Gegensatz zwischen "Privilegierten und Etablierten" einerseits und den wirtschaftlich Zukurzgekommenen andererseits. Auch kulturelle Ursprünge der Französischen Revolution lassen sich nachweisen in Form von Aufklärung, Kirchenkritik, Rationalismus und Wissenschaft (politische Literatur, philosophische Texte, politische Clubs und Sozietäten [Salons, Freimaurer, Lesekabinette]). Daneben stand die Reformunfähigkeit der französische Monarchie mit ihrer monarchisch-ständischen Herrschaft gerade unter König Ludwig XVI. (1774-1793) (vergebliche Anläufe zur Reform der Steuern, Missernte von 1788 und deren Folgen, Wahlen zu den Generalständen [1789; gestuftes Wahlrecht; Pré-Revolution], Unruhen in Paris wegen der Lebensmittelkrise [1789]). III. Was folgte, waren: 1) die Einberufung der Generalstände in Versailles (Ende April 1789), deren Dritter Stand sich im Rahmen einer Verfassungsrevolution zu einer Nationalversammlung formierte (17. Juni), die wiederum Zulauf von Personen des Ersten und Zweites Standes bekam und schließlich vom Herrscher sanktioniert wurde (27. Juni); 2) die Volksrevolution (Munizipalrevolution) gerade in Paris, d.h. die Revolution auf den Straßen und Plätze, der menu peuple ("Sturm auf die Bastille" 14. Juli, Volkserhebungen im ganzen Königreich); 3) die Grande Peur auftsändischer Bauern als antifeudale Revolution gegen Grundherrn, grundherrschaftliche Abgaben und Kapitalismus (Sommer 1789). Die drei Revolutionen sollten in der Folge zusammenspielen, wie die Abschaffung der Feudalrechte und Privilegien der ersten beiden Stände durch die Nationalversammmlung (4. August), die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in der Nationalversammlung (26. August), der erzwungene Umzug des Königs und der Umzug der Nationalversammlung nach Paris (5./6. Oktober) zeigen. Die Nationalversammlung wurde - trotz des Widerstands des Königs - zu einer gesetzgebenden Institution, die sich mit der "Rekonstruktion" Frankreichs befasste (Verstaatlichung von Kirchengütern [2. November 1789], Departementsverfassung [22. Dezember; Zentralisierung der Verwaltung] mit sich selbstverwaltende Gemeinden, Französisch als Nationalsprache, volle Staatsbürgerschaft für Protestanten und Juden, Ablösung der Feudalleistungen durch Geldzahlungen [3. Mai 1790], Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten [Dezimalsystem], Abschaffung des Adels [19. Juni], Föderationsfest [14. Juli], Vereinheitlichung des Gerichtswesens und Abschaffung der Feudalgerichte [16. August 1790], Abschaffung von feudalen Korporationen und der Zünfte [2. März 1791], Abschaffung von Arbeitervereinigungen [14. Juni 1791]). Das Königtum wurde der neuen Verfassung einer "bürgerlich-individualistischen Gesellschaft" untergeordnet (König als Verfassungsorgan, Erblichkeit der Königswürde, Absetzbarkeit des Königs), die Verfassung selbst war Ausfluss von Beratungen innerhalb der Nationalversammlung im Herbst 1791 und wurde am 3. September verabschiedet. In den Beratungen der Nationalversammlung und zur Verfassung und im gefundenen Verfassungskompromiss gewannen politische Positionen und Parteiungen an Relevanz; politische Klubs wie die Amis de la Constitution (Jakobiner), die Aristocrates, die Constitutionells oder die Monarchiens entstanden, während noch immer die Exekutive beim König und seinen Ministern lag (Mittlerrolle des Marquis de Lafayette als Führer der Nationalgarde, des Grafen Honoré Mirabeau [1790/91]). Der König fand sich indes in der neuen Verfassung nicht wieder, die politischen Clubs gingen zunehmend gegeneinander auf Konfrontationskurs, wie das Beispiel der Jakobiner unter Maximilien de Robespierre und der volksnahen Cordeliers unter Jean-Paul Marat und Georges Danton zeigt (Politisierung der Volksrevolution). Dem "glücklichen Jahr" der Revolution (1790) folgten somit Zwiespalt und die Spaltung des Dritten Standes (Revolutionsbefürworter und -gegner, Monarchisten und Antimonarchisten [antimonarchische Kundgebung und deren blutige Niederschlagung am 17. Juli 1791]). Darüber konnte auch die beschlossene Verfassung einer parlamentarischen Monarchie nioht hinwegtäuschen, zumal der missglückte Fluchtversuch der Königsfamilie (20./21. Juni 1791) und die Annexion des päpstlichen Avignon (September 1791) außenpolitische Probleme schufen (Deklaration von Pillnitz [27. August 1791]). Die Wahl des neuen französischen Parlaments, das die Nationalversammlung ablöste, erfolgte auf der Grundlage der Verfassung, das Parlament trat am 1. Oktober 1791 in Paris erstmals zusammen. Jedoch scheiterte das Parlament, weniger an den innerparlamentarischen Auseinandersetzungen zwischen den durchaus mit der Politik vertrauten Abgeordneten (Feuillants, Jakobiner, Unabhängige, "Girondisten" [links -> rechts]) als durch den Druck von außen (Volksbewegung, Pariser Commune). Zur Radikalisierung der Revolution trugen zudem innen- und außenpolitische Schwierigkeiten bei (Denunziationen, Kirchenkonflikt, Niederlagen der französischen Armee, militärischer Notstand [11. Juli 1792]). Die Pariser Commune insurrectionelle (9. August) errang durch den Sturm auf die Tuilerien (10. August) sowie die Bildung eines Generalrates als Gegenparlament und eines provisorischen Exekutivrates unter der Führung des Justizministers Danton die Macht in Frankreich, gefolgt von den Septembermorden an 1130 Gefangenen in den Pariser Gefängnissen (2./6. September). Der im September gewählte Konvent ersetzte das Parlament (Auflösung der Legislative [20. September]; Jakobiner [Montagnards], Plaine/Marais, Girondisten, Brissots [links -> rechts]). Beim Zusammentreten des Konvents stimmte dieser für die Abschaffung des Königtums und die Schaffung einer Republik (21. September; Jahr I der Republik [22. September]). Die Revolution radikalisierte sich indes weiter, ablesbar an den heftigen Konflikten um die Verfassung der Republik zwischen Montagnards und Cordeliers auf der einen und Girondisten auf der anderen Seite, während die Revolutionstruppen bei Valmy, in Savoyen und bei Jemappes siegten und z.B. Mainz eroberten (September/Dezember 1792). Der Prozess gegen den König endete mit der Hinrichtung des Herrschers (21. Januar 1793), die Ausweitung des revolutionären Krieges beinhaltete auf mächtige Verwerfungen im Innern Frankreichs (gegenrevolutionärer Aufstand in der Vendée [März], Föderalistenrevolte [Juli]), während die Instrumentalisierung der Pariser Volksmassen durch Robespierre zur Einrichtung des Comité de salut public (Wohlfahrtsausschuss) unter Danton (6. April) und letztlich zum Sturz der Girondisten führte ("Dritte Revolution", Sansculotten [April-Oktober]). Der Wohlfahrtsausschuss hatte indes zunehmend mit innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Robespierre, der die Führung im Ausschuss übernommmen hatte (27. Juli), regierte die Republik außerhalb der Gesetze in einer "Schreckensherrschaft" (Terreur [Juli/August-Juli 1794], Revolutionstribunal [9. März 1793], Gesetz gegen Verdächtige [17. September], "Revolutionsregierung" [4. Dezember], Prairialgesetz [10. Juni 1794]), der Rumpfkonvent beteiligte sich an den erforderlichen "Notstandsmaßnahmen", die Terreur wurde legalisiert und ideologisch gerechtfertigt, eine Revolutionsdiktatur (der "Tugend") unter Robespierre errichtet, der auch Weggenossen des Diktators wie Jacque René Hébert und der Hébertisten (24. März 1794) sowie Georges Danton und der Dantonisten (5. April) zum Opfer fielen (Große Terreur [Juni/Juli]). Die Terreur endete im Wesentlichen mit dem Sturz und der Hinrichtung Robespierres und seiner Anhänger (27./28. Juli) durch die Guillotine, jenem Mordinstrument (Fallbeil), das als "Symbol der Revolution" ("Sichel der Gleichheit") (Zehn-) Tausende Revolutionsgegner und -anhänger zu Tode befördert hatte. IV. Die unmittelbaren Folgen des Revolutionsgeschehens in Paris und Frankreich ("politische Kultur der Revolution") waren: 1) die Errichtung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, die das Alltagsleben unmittelbar beeinflusste (Kalenderrechnung, Maße und Gewichte, Geld [Assignaten]) und demokratische Grundlagen schuf (Wahlrecht, Sektionsversammlungen, politische Öffentlichkeit, Frauenbewegung, politische Klubs, direkte Demokratie); 2) eine mit der Revolution verbunde "Medienrevolution" (Presse und Zeitungswesen, Flugblätter und Bilderbögen [Tableaux historiques de la Révolution Francaise]); 3) die Revolution als Selbstdarstellung (Feiern und Feste, Eidesleistung, Propagierung des revolutionären Wertesystems). V. Mit der Hinrichtung Robespierres mäßigte sich die Revolution, die Verfassungsordnung geriet durch die nun herrschenden Thermidorianer in ruhigere Fahrwasser, die Republik feierte außenpolitische Erfolge (Sieg bei Fleurus [26. Juni 1794], [Wieder-] Eroberung der linksrheinischen Gebiete [September/Oktober], "Weiße Terreur" gegen Jakobiner und Sansculotten [September/Oktober], Eroberung der Niederlande [Januar 1795; Batavische Republik]). Der Rückkehr der Girondisten in den Konvent (8. Dezember 1794) und der (vermeintlichen) Stärkung der Repräsentativverfassung folgten Aufstände der Sansculotten (April, Mai [Prairialaufstand] 1795) und der Royalisten (Oktober), die Abschaffung des Revolutionstribunals (31. Mai) bei Errichtung eines Direktoriums (23. September/31. Oktober). Verbunden war das Jahr 1795 mit dem Aufstieg Napoleon Bonapartes als erfolgreicher General der Revolutionstruppen, der schließlich im Staatsstreich vom 18. Brumaire (9. November 1799) das Direktorium entmachtete, die Herrschaft über Frankreich übernahm und die Revolution auf diese Weise "abwickelte" ("Beendigung und Bewahrung" der Revolution [15. Dezember 1799]) (zitierte Begriffe meist aus: Thamer, Französische Revolution).
Zur Französischen Revolution s.: Flathe, Th[eodor], Prutz, Hans ([1910]), Die Französische Revolution, Essen o.J. [1997], 447 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, DM 24,80; Furet, Francois, Richet, Denis (1968), Die Französische Revolution (= BS), München [1980], 663 S., Abbildungen, DM 39,80; Thamer, Hans-Ulrich (2004), Die Französische Revolution (= BSR 2347), München 42013, 123 S., € 8,95; Voss, Jürgen (Hg.) (1983), Deutschland und die Französische Revolution (= Francia, Beih.12), München 1983, XV, 338 S., DM 98,-. [Buhlmann, 1982, 03.2017]

Fraschetti, Augusto (2015), Caesar. Eine Biographie (= RUB 18872), Stuttgart 2015 > C Caesar

Fraser, Julius T. (1991), Die Zeit. Auf den Spuren eines vertrauten und doch fremden Phänomens (= dtv 30023), München 21992 > Z Zeit

Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. Reihe A: Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, ist eine umfangreiche Buchreihe, die relevante, meist lateinische Geschichtsquellen aus dem Mittelalter (Geschichtsschreibung, Lebensbeschreibungen, Urkunden, Briefe, Quellen zur Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte) mit deutscher Übersetzung und Anmerkungen enthält. U.a. sind erschienen:
FSGA A 5 (1955): Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte. Tl.1: Die Reichsannalen. Einhard, Leben Karls des Großen. Zwei "Leben" Ludwigs. Nithard, Geschichten, hg. von Reinhold Rau, Darmstadt 1955, Nachdruck Berlin o.J., 484 S., DM 67,- > Lateinische Literatur > A Astronomus, E Einhard, N Nithard, R Reichsannalen, T Thegan; FSGA A 18b (2007): Quellen zur Geschichte der Welfen und die Chronik Burchards von Ursberg, hg. v. Matthias Becher (2007), Darmstadt 2007, 328 S., € 69,90 > Lateinische Literatur > A Annales Welfici, B Burchard von Ursberg, G Genealogia Welforum, H Historia Welforum; FSGA A 23 (2005): Heiligenleben zur deutsch-slawischen Geschichte. Adalbert von Prag und Otto von Bamberg, hg. v. Lorenz Weinrich (2005), Darmstadt 2005, VIII, 496 S., € 69,90 > Lateinische Literatur > B Brun von Querfurt, E Ebo von Michelsberg, H Herbord von Michelsberg, V Vita Adalberti, V Vita Ottonis; FSGA A 32 (1977): Quellen zur deutschen Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bis 1250, hg. v. Lorenz Weinrich, Darmstadt 1977, XXV, 550 S., DM 98,-; FSGA A 44 (2005): Aeneas Silvius de Piccolomini, Historia Austrialis. Österreichische Geschichte, hg. v. Jürgen Sarnowsky (2005), Darmstadt 2005, 544 S., € 20,- > Lateinische Literatur > P Piccolomini, Enea Silvio; FSGA A 48 (2014): Die Chronik der Polen des Magisters Vincentius, hg. v. Eduard Mühle, Darmstadt 2014, 424 S., € 49,95 > Lateinische Literatur > V Vincentius. [Buhlmann, 05.1980, 12.1994, 01.2014, 01.2015]

Freller, Thomas (2007), Adlige auf Tour. Die Erfindung der Bildungsreise, Ostfildern 2007, 231 S., € 8,-. Fremdes stieß auch in der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Kultur des christlichen Europa auf Interesse und Abenteuerlust. Waren es im Mittelalter noch überwiegend Pilgerreisen, so wandelten sich im Zeitalter des Humanismus und der Gegenreformation die Reisemotive in Richtung Bildung und Frömmigkeit (Bernhard von Hirschfeld 1517/18: Ägäis, Heiliges Land; Hans Johann von Hürnheim: 1569/70: Kreta, Zypern, Heiliges Land; Hans Ludwig von Lichtenstein u.a. 1586-1589: Malta, Konstantinopel, Palästina, Ägypten, Österreich, Böhmen; Karl Ferdinand von Rechberg 1587: Palästina; Georg Albrecht von Erbach 1616-1618: Frankreich, Malta, Tunis [Gefangenschaft], Italien; Friedrich Eckher von Käpfling u.a. 1625/26: Ägypten, Palästina, Syrien). Das 17./18. Jahrhundert ist die Zeit der adligen Bildungsreisen (Kavalierstour, Grand Tour) zum Erwerb eines breit gefächerten Bildungskanons ("adlige Gelehrsamkeit" [nobilitas erudita]: Zivil- [Recht, Geschichte, Genealogie, Mathematik, Architektur] und Militärwissenschaften [Militär-, Festungswesen]) in Ländern West-, Nord-, Ost- und Südeuropas (Ahasver von Lehndorff u.a. 1656-1665: Dänemark, Niederlande, England, Frankreich, Italien, Malta, Ägäis, Spanien; Christian August von Holstein-Norberg u.a. 1658-1661: Deutschland, Niederlande, Frankreich, Italien [Rom]); Ferdinand Albrecht I. von Braunschweig-Lüneburg 1658-1663: Frankreich, Italien, 1665/66: Baltikum ["Wunderbare Begebnüsse" 1678], 1683: Niederlande; Hans Adam von Schöning 1660-1664: Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, England, Ungarn; Siegfried Innocenz von Lüttichau 1671-1673: Österreich, Italien, Frankreich; Otto Friedrich von der Gröben 1673-1680: Italien, Malta, Kreta, Heiliges Land, Zypern, Ägypten, Frankreich, England, Niederlande [preußische Afrikaexpedition, Fort "Großfriedrichsburg" 1682-1684; Krieg in Griechenland 1686; "Guinesische Reise-Beschreibung" 1694]). In der Epoche des Absolutismus, in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts klang der Typus der adligen Bildungsreise aus. Stattdessen kamen - geschuldet einem neuen Bildungsideal und neuen Bildungsvoraussetzungen - neue Formen des (adligen, großbürgerlichen) Reisens auf; den (persönlich-subjektiven) Erlebnisreisen der "Galanterie" und auf der Suche nach der klassischen Antike (Karl Albrecht [Karl VII.] von Bayern 1715/16: Italien; Wilhelmine von Bayreuth u.a. 1754/55: Frankreich, Italien; Johann Hermann von Riedesel 1766/67: Italien, Malta, 1768/69: Griechenland [Athen], Konstantinopel, Ägypten ["Reise durch Sicilien und Großgriechenland" 1771]) folgten im 19. Jahrhundert - bedingt durch die gesellschaftlichen Veränderungen im Anschluss von Aufklärung und Französischer Revolution - die Reisen aus romantisch-exotischen Motiven (Lisa(beth) von der Recke 1804-1806: Italien ["Tagebuch einer Reise durch einen Theil Deutschlands und durch Italien in den Jahren 1804 bis 1806" 1815/17; Wilhelm von Nassau 1822: Österreich, Italien; Hermann Ludwig Heinrich von Pückler Muskau [und Machbuba] 1837-1839: Algerien, Tunesien, Griechenland, Ägypten, Syrien, Konstantinopel, Ungarn). [Buhlmann, 05.2012]

Fremer, Torsten (2002), Äbtissin Theophanu und das Stift Essen. Geschichte und Individualität in ottonisch-salischer Zeit, Bottrop-Essen 2002, 198 S., € 19,-. Zu den bedeutenden Äbtissinnen der Essener und Gerresheimer Frauengemeinschaft aus dem Mittelalter gehört Theophanu (1039-1058), die Enkelin Kaiser Ottos II. (973-983). Aus dem 11. Jahrhundert ist dabei aus der Essener Frauengemeinschaft ein eindrucksvolles mittelalterliches Schriftstück im Original überliefert. Es handelt sich um das sog. Testament der Äbtissin Theophanu. Diese einzigartige Geschichtsquelle sieht Theophanu an der Spitze zweier Frauengemeinschaften, eingebunden in ein Geflecht von Kirchen und geistlichen Institutionen, in Gottesdienst und Gebetsgedenken. Leben und Testament der Theophanu geben von daher nicht zuletzt Einblick in die Geschichte der Äbtissin u.a. als Bauherrin und Stifterin und in die Geschichte der mit ihr verbundenen Frauengemeinschaften im 11. Jahrhundert. Vgl. noch: Buhlmann, Michael (2007), Das Testament der Essener Äbtissin Theophanu. Hildegard von Bingen in Werden? (= BGW 6), Essen 2007; Buhlmann, Michael (2008), Die Gerresheimer Äbtissin Theophanu (= BGG 2), Essen 2008, 24 S., € 2,50; Eger, Anni (1954), Herrscherinnen über Essen: Theophanu (Regierungszeit: 1039-1056), in: MaH 7 (1954), S.50-55, Fremer, Torsten (2002), Die Essener Äbtissin Theophanu. Individualität und Selbstdarstellung im Mittelalter, in: EB 114 (2002), S.11-35. [Buhlmann, 04.2007, 09.2008, 09.2012, 06.2016]

Fremer, Torsten (2002), Die Essener Äbtissin Theophanu. Individualität und Selbstdarstellung im Mittelalter, in: EB 114 (2002), S.11-35 > F Fremer, Äbtissin Theophanu

Frenken, Ansgar (2015), Das Konstanzer Konzil, Stuttgart 2015, 309 S., € 32,99. I. Das spätmittelalterliche Konstanz war das Umfeld, als 1414 das Konzil von Konstanz zusammentrat (Generalversammlungen im Münster, Konklave im Kaufhaus [Konzilshaus]). 600 bis 700 Geistliche, darunter 300 Bischöfe, und ebenso viele weltliche Große und Gesandte berieten unter der Leitung des römisch-deutschen Königs und Kirchenvogts Sigismund (1411-1437) in Konstanz über: 1) die Einheit der Kirche (causa unionis): das Konzil beanspruchte die Entscheidung im Papstschisma (Dekret Haec sancta synodus, 6. April 1415), so dass es zum Rücktritt bzw. zur Absetzung der drei Päpste im Großen Papstschisma (1378-1417) kam und am 11. November 1417 mit Martin V. (1417-1431) ein neuer Papst gewählt wurde; 2) die Einheit im Glauben (causa fidei): das Konzil verbot und verurteilte die Lehren des Böhmen Jan Hus, der als Ketzer verbrannt wurde (6. Juli 1415); 3) die Reform der Kirche (causa reformationis) hinsichtlich Benefizienverteilung und Abgaben an die Kurie bei Forderung der periodischen Abhaltung weiterer Konzilien (Dekret Frequens, 17. Oktober 1417). Am 22. April 1418 kam die Kirchenversammlung zu ihrem Ende. Sie fand ab 1431 in der Basler Synode seine Fortsetzung. Die kirchlichen Versammlungen in Pisa, Konstanz und Basel gelten dann als Höhepunkte des (spätmittelalterlichen) Konziliarismus. II. Die heutige historisch-theologische Bewertung des Konstanzer Konzils (Constantiense) in der Kirchengeschichte dreht sich um theologisch-ekklesiologische Fragestellungen (Großes Papstschisma [1378-1417], Dekrete Haec sancta [1415], Frequens [1417], Ekklesiologie und Konziliarismus, Absetzung bzw. Rücktritte der Päpste [1415-1417], Constantiense als ökumenisches Konzil, Nachwirkungen), um Person und Lehre des Jan Hus (†1415), die Debatten zum Tyrannenmord, die causa reformationis und um das Konzil als "polyvalentes Ereignis" (symbolische Kommunikation, Kommunikation und Ideen, Konzil als politischer Kongress). [Buhlmann, 02.2015]

Frenz, Barbara (2000), Gleichheitsdenken in deutschen Städten des 12. bis 15. Jahrhunderts (= Städteforschung A 52), Köln-Weimar-Wien 2000, IX, 273 S., DM 68,-. Gleichheit wird in den Quellen (Urkunden, Stadtrechte, Eidesformeln) deutscher Städte im späteren Mittelalter formuliert u.a. mit den Begriffen "arm und reich", "glich" oder "Bürger und Gemeinde" und zielte daher nicht auf die soziale, sondern auf die rechtliche Gleichstellung der Stadtbürger, die z.B. von den städtischen Amtsträgern gleich zu behandeln waren. Gleichheit war eng verbunden mit dem politischen Interessenausgleich zwischen städtischen Gruppen wie Patriziat und Zünften. Als solches war das Gleichheitsdenken Ausfluss des städtischen Friedensgebots und diente der Herstellung eines sozial-gesellschaftlichen Konsenses innerhalb der Städte bei Steuergerechtigkeit, sozialem Wohlverhalten der Bürger untereinander auch in ihren Wirtschaftsbeziehungen, bei Genossenschaft und Konfliktschlichtung. Theoretisch fand das (mittelalterliche, städtische) Gleichheitsdenken bei Eike von Repgow (Sachsenspiegel, Gleichheit der Menschen vor Gott), Albertus Magnus (Aristoteles, Gleichheit als soziales Ordnungskonzept) und spätmittelalterlichen Gelehrten (Gleichbehandlung und Gleichstellung der Bürger in der städtischen Politik) eine Grundlage. [Buhlmann, 05.2011]

Frenz, Lothar, Riesenkraken und Tigerwölfe. Auf den Spuren der Kryptozoologie (= rororo science 61625), Reinbek 2003, 252 S., Schwarzweißabbildungen, € 8,90. Die Kryptozoologie des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt sich mit neu zu entdeckenden, (scheinbar?) ausgestorbenen oder legendenumwobenen Tieren. Dies gilt zunächst für das Umfeld des Menschen als Gattung homo sapiens sapiens selbst (Bigfoot, Yeti, Neandertaler, "Minnesota"-Mensch, Affenmenschenm, Tiermenschen, Waldschrate u.a.; südamerikanische Menschenaffen, Orang-Pendek), dann für scheinbar ausgestorbene, vielleicht doch noch existierende Tierarten (tasmanischer Tiger, Riesengürteltier, Riesenfaultier, Königsgepard/Onza, Dodo), für wieder- oder neu aufgefundene Tierarten (Quastenflosser, Brückenechse, Lurche, Kröten, Huia, Moa, Tiere im Urwald von Vietnam und Laos). Legendenhaft ausgeschmückt wurden schon seit jeher die Geschichten um Seeungeheuer (Nessy) und "Riesenkraken" (Riesenkalmar Architheutis, Riesenoktopus, an die Meeresküste geschwemmte Klumpen von tierischem Protein [Wale?, Haie?]). [Buhlmann, 11.2016]

Frenzel, Herbert A., Frenzel, Elisabeth (1962), Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte, 2 Bde., Bd.I: Von den Anfängen bis zur Romantik (= dtv 28), München 31966, DM 2,-, Bd.II: Vom Biedermeier bis zur Gegenwart (= dtv 54), München 21964, DM 2,-, zus. 766 S., enthält in chronologischer Reihung regestenartig die wichtigsten historischen Daten zu Werken und Autoren deutscher Literaturgeschichte vom Mittelalter bis zur Moderne. [Buhlmann, 03.2015]

Freudenstadt, Stadt im Schwarzwald: Eine gemessen an den Entwicklungen im hohen und späten Mittelalter späte Stadtgründung stellt Freudenstadt im Nordostschwarzwald dar. Der Ort ist eine Planstadt der Spätrenaissance und des württembergischen Herzogs Friedrich I. (1593-1608). Wie bei einem Mühlebrett liegen um einen riesigen (Markt-) Platz drei Häuserreihen im Geviert, wobei die innerste Arkaden zum Platz hin erhielt. Mit dem Bau der Stadt begonnen wurde am 22. März 1599, mit dem der Kirche, die heute als Winkelhakenbau den Marktplatz an einer Ecke abschließt, am 2. Mai 1601. Damals erhielt die entstehende Stadt die Bezeichnung "Freudenstadt". Durch evangelische Zuwanderer aus habsburgischen Ländern besaß der Ort bald 2000 Einwohner. Im Freudenstadt benachbarten Christophstal gab es Bergbau und Hütten- und Hammerwerke, Christophstaler hieß die gemeinsame württembergisch-badische Silbermünze des 17. Jahrhunderts. Einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung ergab sich aus dem Ausbau Freudenstadts zu einer Festung (ca.1670). Die württembergische Oberamtsstadt wurde in der Folge immer wieder Ziel militärischer Auseinandersetzungen. Gewerbe und Handel schufen im 18. und 19. Jahrhundert einen geringen Wohlstand, doch wanderten zu dieser Zeit auch viele Freudenstädter aus, etwa Herrnhuter nach Nordamerika (1752) oder in der Massenauswanderung des Jahres 1854. Überbevölkerung und Hungersnöte gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts betrafen dabei die ärmeren (Schwarzwald-) Regionen sowohl in Württemberg als auch in Baden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die wirtschaftliche Situation, als Freudenstadt Anschluss an den Fremdenverkehr im Schwarzwald fand. Aus dem Ort wurde eine Kurstadt, und das blieb - trotz der großen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg (1945) - bis heute so.
Zur Geschichte Freudenstadts s.: Adler, Renate Karoline u.a. (1990), Planstadt - Kurstadt - Freudenstadt. Chronik einer Tourismusstadt (1599-1999), Karlsruhe 1999, 400 S., Abbildungen, Pläne, Karten, DM 39,-. [Buhlmann, 10.2007]

Frey, Linda, Frey, Marsha (Hg.) (1995), The Treaties of the War of the Spanish Succession. An Historical und Critical Dictionary, Westport-London 1995 > S Schnettger, Spanischer Erbfolgekrieg

Frickel, Josef (1988), Das Dunkel um Hippolyt von Rom. Ein Lösungsversuch: Die Schriften Elenchos und Contra Noëtum (= Grazer Theologische Studien, Bd.13), Graz 1988 > H Hippolyt

Fried, Johannes (2001), Papst Leo III. besucht Karl den Großen in Paderborn oder Einhards Schweigen, in: HZ 272 (2001), S.281-326 > K Karl der Große

Fried, Johannes (2013), Karl der Große. Gewalt und Glaube. Eine Biographie, München 2013 > K Karl der Große

Fried, Johannes, Rader, Olaf B. (Hg.) (2011), Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends, München 2011, 560 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 29,80. Orte: I. Jerusalem war für das christliche Mittelalter das Zentrum der Welt, das Zentrum des Heiligen Landes (Grabeskirche) und der christlichen biblisch-neutestamentlichen Heilsgeschichte, das himmlische Jerusalem (Endzeitvorstellungen), Zielpunkt der Kreuzzüge und der Jerusalempilger, Mittelpunkt von Kartendarstellungen (mappae mundi); es stand aber ebenso im Mittelpunkt islamischer Frömmigkeit (al-Aqsa-Moschee, Felsendom), wenn auch verstärkt erst im Zusammenhang mit der aufkommenden politischen Propaganda des Dschihads im 12. Jahrhundert (Peter Thorau, Der Nabel der Welt - Jerusalem im Spannungsfeld von Christentum und Islam). II. Das mittelalterliche Burgund steht für das frühmittelalterliche Burgunderreich (ca.450-532/34), das welfische Herzogtum und Königreich Burgund (10./11. Jahrhundert) und dessen Einbeziehung in den Herrschaftsbereich des deutschen Königs (1033) sowie für den Machtbereich der spätmittelalterlichen Herzöge von Burgund zwischen Frankreich und römisch-deutschem Reich (14./15. Jahrhundert; burgundischer Hof) und den Habsburgern bzw. den französischen Königen als deren Nachfolger (1477/93) (Hermann Kamp, Burgund). III. Aachen war der Residenzort des fränkisch-karolingischen Königs und Kaisers Karl des Großen (768-814), Krönungsort der ostfränkisch-deutschen Könige (ab 936; Geschichte und Mythos, Marienkirche), "heilige Hauptstadt" des römisch-deutschen Reiches (caput et sedes regni, regia sedes, 966, 1166) nicht zuletzt auf Grund der Heiligsprechung Karls des Großen (1165; Aachener Karlsverehrung) (Max Kerner, Aachen und der Kult Karls des Großen). IV. Hagiografischer Erinnerung zufolge war das nordwestspanische Santiago de Compostela Ort des Grabes des christlichen Apostels Jakobus des Älteren ("Grabentdeckung" und Translatio 9. Jahrhundert, Anfang), wurde folglich zum Ziel von Pilgerströmen (nicht nur) im Mittelalter (Jakobuswege) und zum Erinnerungsort iberischer (Reconquista) und europäischer Bedeutung (memoria, Pilgerliteratur, Pilgerfahrten [Jakobusmuschel]) (Klaus Herbers, Santiago de Compostela). V. Die Vertreibung der aschkenasischen Juden aus deutschen (Reichs-) Städten (z.B. Regensburg 1519) im späten Mittelalter hatte auch Auswirkungen auf die Synagogen (Abriss, Zweckentfremdung) und die jüdischen Friedhöfe (Leichenfledderung, Zerstörung und Versetzung der Grabsteine [und damit Zerstörung jüdischen Andenkens]) (Alfred Haverkamp, Jüdische Friedhöfe in Aschkenas). Bauten: VI. Die römische Antike überlebte im Mittelalter auch in der Form antiker Mauern, die in mittelalterliches Mauerwerk eingebunden ("aufgehoben") waren und umgenutzt wurden (Materialentnahme, Einbauten, Vermauerung), die aber auch auf Grund ihrer guten handwerklichen Qualität (Quadersteine [lapis quadrata], Steinschnitt, Material, Metallklammern) als Antik-Fremdes (Mythos, Magie, Märchen) erkannt wurden (Arnold Esch, Antike Mauer im Mittelalter). VII. Mittelalterliche Kathedralen als Bischofs- (Dom) und Festtagskirchen verbreiteten sich wie die Architektur der Gotik ab dem 12. Jahrhundert von Frankreich aus; Kathedralen war steingewordene memoria, die im Wesentlichen, was die Architektur betrifft, unangetastet blieben (nur partielle Umgestaltungen, Bewertung der gotischen Kathedrale in früher Neuzeit und Moderne [z.B. Romantik]) (Robert Suckale, Die Kathedrale). VIII. Burgen als mittelalterliche Befestigungsanlagen und Herrschaftszentren (Herrschaftszeichen) (burg als "Berg, Anhöhe", "befestigte Anhöhe") traten ab dem hohen Mittelalter verstärkt in Erscheinung (Rittertum, Burgenregal und Landesherrschaft, incastellamento und Siedlungswandel), zeichneten sich durch besondere Bauformen und Architekturen aus (Ringwall, Motte, Steinburg [Bergfried, Donjon, Palas, Ringmauer, Eingangstor, Vorburg, Wirtschaftsgebäude; Buckelquader]) und wirkten - u.a. romantisch verklärt - noch bis in die Moderne nach (Burgen Hohenzollern, Neuschwanstein) (Olaf B. Rader, Die Burg). IX. Die römische Peterskirche des Mittelalters als fünfschiffige Basilika aus der Zeit Kaiser Konstantins (ca.320) mit einer Vielzahl von Erweiterungen war Erinnerungsort, Pilgerstätte zum Grab des Apostelfürsten Petrus, bevor sie in der Renaissance dem (ablassfinanzierten) Kuppelbau von Neu-St. Peter weichen musste, Sinnbild u.a. päpstlicher Hybris (im Zeitalter der Reformation), aber auch der architektonischen Ohnmacht bei der Erbauung dieses "Heils- und Unheilsbaus" (Kuppel, Langhaus, PLatz) (Volker Reinhardt, Auslöschung und Neuschöpfung der Erinnerungen - Sankt Peter). Bedrohungen: X. Das Weltende spielte in verschiedenen menschlichen Religionen eine Rolle; besonders aber in der christlichen Religion des Mittelalters wurde das Weltende als Ende von Zeit und Welt, als Zeit des Antichrist, der Wiederkehr Christi und des Weltgerichts auch als Bedrohung empfunden (mittelalterliche Chronistik [Beda, Otto von Freising], Fegefeuer, Theologie; Apokalypse, Jahr 1000, römisch-deutsches Reich als sacrum imperium, Joachim von Fiore [†1202], staufischer Endkaiser, Wissenschaft und Astrologie) (Christian Jostmann, Das Weltende). XI. Eine Zäsur in der europäischen Geschichte des Spätmittelalters stellt (nach der Justinianischen Pest [540/41]) zweifelsohne das Auftreten der Pest ("Schwarzer Tod") dar (Pandemie 1347/52, Endemien bis ins 18. Jahrhundert); massive Bevölkerungsverluste und gesellschaftlich-soziale Einschnitte kennzeichneten das Eindringen der Pest (Erinnerungsgeschichte der Pest [Pestsäulen, Pestheilige, Pestassoziationen usw.]) (Neithard Bulst, Die Pest). XII. Eine Bedrohung anderer Art stellten im 8. bis 11. Jahrhundert (Wikingerzeit) die skandinavischen Wikinger für die frühmittelalterlichen Reiche u.a. der Franken und Angelsachsen dar; dank ihrer Schiffe (Gokstad-Schiff, Schiffe von Roskilde) waren die Handelsunternehmungen, die Raub- und Eroberungszüge der Wikinger erfolgreich, es folgten normannische Besiedlung und Herrschaftsbildung (Daniel Föller, Die Wikinger und ihre Schiffe). XIII. In der christlichen Religion des Mittelalters symbolisierte die Tötung des Drachens den erfolgreichen Kampf von Gut gegen Böse (Drachenkämpfe des Erzengels Michael, des heiligen Georg [Freskenfolge im südböhmischen Schloss Neuhaus 1338, St. Georgsgruppe in der Stockholmer Nikolaikirche 1489], Herzog Heinrichs des Löwen [Wandmalerei in Karden 15. Jahrhundert, Ende]; Georgsorden, Drachenorden [spätes Mittelalter]) (Oliver Auge, Caroline Hoppe, Gut gegen Böse - Der Drachenkampf). Personen: XIV. Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) war ein römisch-deutscher Herrscher aus der Stauferdynastie des hohen Mittelalters und wurde nach seinem Tod auf dem Dritten Kreuzzug (1189/92) zu einer Person vielfältiger Erinnerung, die zudem mit seinem Enkel, Kaiser Friedrich II. (1198/1212-1250), verknüpft waren (Endkaiser, Antichrist), bis ab beginnendem 16. Jahrhundert Friedrich I. wieder in den Erinnerungsmittelpunkt rückte (Kyffhäusersage, deutsche Romantik, deutsches Kaiserreich [Barbarossa-Denkmal auf dem Kyffhäuser 1896], "Unternehmen Barbarossa" [1941]; Nationalmythos) (Knut Görich, Friedrich Barbarossa - Vom erlösten Kaiser zum Kaiser als nationaler Erlösergestalt). XV. Der florentinisch-toskanische Dichter Dante Alighieri (*1265-†1321) ist hauptsächlich durch seine "Göttlichen Komödie" (1307/20) bekannt, doch wurde auch der emblematische Kopf des Dichterfürsten zu einem Erinnerungsort und Symbol über Italien hinaus (italienischer, deutscher, Weltdante) bis in die Moderne (Dantedenkmäler, Übersetzungen, Musik und Film) (Johannes Helmrath, Dante). XVI. Der mittelhochdeutsche Dichter Walther von der Vogelweide (*ca.1170-†ca.1230) war ein politischer Hofdichter (deutscher Thronstreit 1198-1208), ein Mahner, ein Visionär (spätmittelalterliche Liederhandschriften), über dessen Person jenseits seiner Dichtung und seiner (vermeintlichen) Selbstaussagen kaum etwas bekannt ist, einer verstärkten (nationalen, romantischen) Rezeption Walthers seit dem 19. Jahrhundert zum Trotz (Haiko Wandhoff, Walther von der Vogelweide). XVII. Die Vitalienbrüder (Vitailleurs) störten als "Piraten" (Kaperfahrer als Fehdehelfer, Frieden von Skanör und Falsterbo 1395) den hansischen Handel im Spätmittelalter; u.a. wurde eine Gruppe dieser Piraten vor Helgoland besiegt, nach Hamburg verbracht und dort hingerichtet (1402). Dieses Ereignis war der Beginn des Mythos um den Piratenanführer (Nikolaus, Klaus) Störtebeker, dessen Person in der spätmittelalterlichen und gerade frühneuzeitlichen Überlieferung legendenhaft ausgeschmückt wurde. Trotzdem lässt sich ein historischer Störtebeker als aus Mecklenburg stammender Kaperfahrer und Fehdehelfer an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert ausmachen (1394/1400, 1405/13) (Gregor Rohmann, Klaus Störtebeker und die Vitalienbrüder). XVIII. Unterschiedliche Bewertung fand der Stauferherrscher und sizilische König Friedrich II. (1198/1212-1250) im Verlauf der der Stauferzeit nachfolgenden Jahrhunderte in Deutschland und Italien: von der Verklärung des Herrschers bis zu dessen Verdammung (Sehnsuchtskaiser, Endkaiser, Person Friedrichs als stupor mundi), im spätmittelalterlichen politischen "Tagesgeschäft" in Italien zwischen Ghibellinen und Guelfen, bei Nationenbildung Italiens im 19. Jahrhundert, als Kaiser der Kyffhäusersage in Deutschland (Olaf B. Rader, Der geteilte Kaiser - Friedrich II. in Deutschalnd und Italien). XIX. Die Verklärung des französischen Nationalheiligen Jeanne d'Arc (†1431), des Bauernmädchens (pucelle/puella), das als Visionärin den Hundertjährigen Krieg (1337-1453) zu Gunsten des französischen Königtums mitentschied (Orléans 1429, Reimser Königskrönung 1429), begann schon bald nach ihrer Verbrennung als Hexe: Heilige oder Hexe, Jungfrau von Orléans, Märtyerin und Anhängerin des Königtums, Nationalheldin (gegen Deutschland), Figur in zahlreichen Portraits in der Malerei, Denkmalfigur, literarische (Roman-) Figur, Frau des Jahrtausends, (Heribert Müller, Jeanne d'Arc). Texte: XX. Die angebliche Schenkung Roms und Westhälfte des römischen Reichs an Papst Silvester I. (314-335) durch den römischen Kaiser Kontstantin I. (306-337) nahm ihren Anfang in der Silvesterlegende und (in Zusammenhang mit den pseudoisodorischen Fälschungen) in dem Constitutum Constantini aus der Zeit vor der Mitte des 9. Jahrhunderts (verortbar im Frankenreich [Klöster St. Denis und Corbie, Äbte Hilduin und Wala?]), wurde in der Zeit des Reformpapsttums gegen das östliche Christentum (Kirchenschisma 1053/54) und das westliche Kaisertum (Investiturstreit 1075-1122) instrumentalisiert und in Form gegossen (Kirchenrecht, Decretum Gratiani), half die Herrschaft der Päpste über Rom und den Kirchenstaat zu begründen (Papst Innozenz III.; Bildinszenierungen im Lateran und in der Silvesterkapelle von Santi Quattro Coronati), war im späten Mittelalter - sofern diskutiert - ein Symbol päpstlicher "Weltmonarchie", für ein Gegeneinander von Kaisertum und Papsttum (päpstliche plenitudo potestatis; Dante, Wilhelm von Ockham; eidliche Bestätigung der Donatio durch die Kaiser Heinrich VII. und Karl IV.), wurde schließlich als Fälschung entlarvt (Basler Konzil, Nikolaus von Kues, Lorenzo Valla, Reginald Pecocke), diente in der frühen Neuzeit den Reformatoren in ihrer antipäpstlichen Propaganda und den Päpsten für deren "überkaiserlichen Anspruch" (Johannes Fried, Die konstantinische Schenkung). XXI. Die Krise des englischen Königtums unter König Johann Ohneland (1199-1216) u.a. nach dem Verlust (des Großteils) der angevinischen Festlandsbesitzungen und erhöhten Steueranforderungen von Seiten des Herrschers (bei erhöhter Effizienz der königlichen Verwaltung) führte zu dem in Runnymede am 15. Juni 1215 ausgestellten Schriftstück der Magna Charta, einem in der Form einer Königsurkunde ausgehandelten Kompromiss zwischen Krone und Baronen, der erst in der Fassung von 1225 den Bürgerkrieg im Königreich beendete (Freiheit der Kirche, politische Mitsprache der Barone bei feudalrechtlich-herrscherlichen Gewohnheiten, Gerichtsbarkeit, Freiheit des "freien Mannes") (Hanna Vollrath, Magna Charta). XXII. Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. (1346-1378) von 1356 (keiserliches rechtbuch) zur deutschen Königswahl der Kurfürsten sowie die drei Ordonanzen des französischen Königs Karl V. (1364-1380) zur Sohnesnachfolge im Königtum vor dem Hintergrund englischer Thronansprüche im Hundertjährigen Krieg repräsentieren die durchaus gegensätzlichen Positionen von Wahl- und Erbkönigtum sowie konsensualer Herrschaft des deutschen Königs und sakraler Dynastie der französischen Herrscherdynastie der Kapetinger-Valois (Bernd Schneidmüller, Monarchische Ordnungen - Die Goldene Bulle von 1356 und die französischen Ordonanzen von 1374). XXIII. Die Gestaltung mittelalterlicher Handschriften durch Illustrationen (Buchmalerei) lässt sich anhand der illumimierten Grandes Chroniques de France (Darstellung der Abfolge von französischen Königen) gut beobachten; Illuminationen in Handschriften werden so zu Erinnerungsorten einer Geschichte des französischen Königtums (visualisierte Geschichtsdarstellung) (Andrea von Hülsen-Esch, Buchmalerei). Ideen: XXIV. Der "heilige Ort" dient(e) (auch) im mittelalterlichen Christentum als Verbindung der Gläubigen zu Gott, christlich-neutestamentlicher "Ortlosigkeit" zum Trotz (Heiligengräber, Kirchenbau, Heiliges Land) (Arnold Angenendt, Christliche Ortlosigkeit). XXV. Die christliche Bezeichnung "Meerstern" als Ehrentitel der Gottesmutter Maria rührt von hebräisch mir iam = stilla maris > lateinisch stella maris = "Meerstern" her (Hieronymus [*ca.347-†419/20]), verbreitete sich im frühen Mittelalter (Isidor von Sevilla [†636], Etymologien; Beda Venerabilis [†735]), wurde in der scholastischen Theologie zur Marienmetapher und blieb auch in der frühen Neuzeit im katholischen Christentum weit verbreitet (Klaus Schreiner "Meerstern ich grüße dich" - Bedeutung und Funktion eines Mariensymbols). XXVI. Die Entwicklung der Optik im europäischen Mittelalter (arabisch-islamische Einflüsse; Petrus Hispanus als Papst Johannes XXI. [1276-1277], Roger Bacon, Witelos Perspectiva, John Peckham [als sich mit theoretischer Optik befassender Gelehrtenkreis in Viterbo]) beinhaltete auch die Kenntnis des "Beryllus" ("Lesestein" als konvex geschliffener Halbedelstein, "lichter Spiegel", Vergrößerungsglas; erwähnt in: Jüngerer Titurel [ca.1270], Manessische Liederhandschrift [ca.1300]), schließlich die Erfindung der Brille wohl an einem unbekannten (italienischen?) Ort (Pisa?) um 1286 (Pisaner Dominikanermönche Alessandro della Spina, Giordano da Pisa; Herstellung von Brillenlinsen in Venedig [ca.1300], Autorisierung der Herstellung von Brillengläsern in Venedig [1301], Herstellung und Handel mit Brillen) (Oliver Jungen, Die Erfindung der Brille. Oder: Verschärfte Konkurrenz in Norditalien). XXVII. Die (geschichtliche, literarische) Figur Rolands, des "Paladins" Kaiser Karls des Großen, wurde in Mittelalter und Neuzeit in Deutschland und Frankreich (verschieden) rezipiert (Rolandslied, Rolandsstatuen, Schulbücher, [Schokoladen-] Werbung) (Bernhard Jussen, Roland). XXVIII. Die Legende um die Liebesgeschichte des christlichen Königs Alfons VIII. von Kastilien (1158-1214) und der Jüdin Fermosa von Toledo ist nicht historisch, sondern eine Erfindung des Lorenzo de Sepúlveda (1551); sie steht dennoch für das Mit- und Gegeneinander der Religionen auf mittelalterlichen iberischen Halbinsel und deren moderne Rezeption (Barbara Schlieben, Die Jüdin von Toledo). Institutionen: XXIX. Die Entstehung des Rittertums im Hochmittelalter (miles, chevalier, ritter, knight) machte die Ritter zu über ein Gewaltmonopol verfügende Krieger und zum Zentrum ritterlicher Kultur (Hof, Minne, Turnier, Literatur), verpflichtete sie auch als milites Christi zu "Ritterlichkeit" und christlichem Handeln. Die Umbrüche in Spätmittelalter und früher Neuzeit überstand das Rittertum nur bedingt (Verlust des Gewaltmonopols, reichsunmittelbare Ritterschaft), ab dem 19. Jahrhundert fand sich das Rittertum in der Rolle als wichtiger Bestandteil eines verklärt-romantischen Mittelalters (Ritterlichkeit, Burgenromantik) (Thomas Zotz, Der Ritter). XXX. Die memoriale christliche Religion der Spätantike und des Mittelalters verlangte einerseits nach dem einem Mönchtum, das die neutestamentliche Radikalität des Lebens Jesu Christi umsetzte (Mönche als "unblutige Märtyrer", geistliche Mönchsgemeinchaft statt Familie von Blutsverwandten, [sexuelle, materielle] Askese und Weltverneinung [abrennuntaitio]), andererseits griff das Mönchtum als Institution auch immer über auf die Welt (Benedikt von Nursia, Cluny, Bernhard von Clairvaux, Forderungen nach der vita perfecta von Mann und Frau) (Hubertus Lutterbach, Das Mönchtum - zwischen Weltverneinung und Weltgestaltung). XXXI. Der Aufstieg des spätantik-mittelalterlichen Papsttums fand vor dem Hintergrund von Rom als Zentrum der römischen Welt, der Apostel Petrus und Paulus als römische Märtyrer und der politischen Öffnung der römischen Bischöfe hin zum Frankenreich statt (westliches Kaisertum). Das hochmittelalterliche Reformpapsttum sah sich an der Spitze der westlichen Christenheit (Investiturstreit, Kreuzzüge, Päpste Gregor VII. [1073-1085], Innozenz III. [1198-1216] und Bonifaz VIII. [1294-1303]), Konflikte zwischen Papsttum und Kaisertum oder zwischen spätmittelalterlichen Konzilien und Päpsten mit eingeschlossen (Harald Müller, Das Papsttum). XXXII. Im Hochmittelalter enstanden in Transformation des frühmittelalterlichen Bildungssystems der artes liberales der Kloster- und Kathedralschulen die ersten Universitäten als Genossenschaft (universitas) der Lehrenden und Lernenden, als studium (generale), gegliedert nach Fächern (vier Fakultäten) und nationes, rechtlich privilegiert durch die damaligen Herrscher. Korporation, Egoismus, "nationale" oder europäische Ursprünge der Universitäten werden in den Jahrhunderten von früher Neuzeit und Moderne bis heute diskutiert (Frank Rexroth, Die Universität). XXXIII. Der gegen Ende des 12. Jahrhunderts sich ausbildende Deutsche Orden bietet eine facettenreiche Geschichte, die geografisch ein Gebiet vom Heiligen Land über Süd- und Mitteleuropa bis nach Preußen abdeckt. Goldene Bulle von Rimini (1226?) und Kruschwitzer Vertrag (1234) z.B. werfen Fragen nach der historischen Einordnung des Ordens auf, ebenso die Christianiserung Preußens durch den Orden, die Schlacht bei Tannenberg (1410; Mythos "Tannenberg"), die Marienburg als Residenz des Deutschen Ordens (1309-1466) oder die Reformation ("Staatsstreich") Preußens (1525) - Fragen, die z.B. deutsche oder polnische Historiker unterschiedlich beantworten (Arne Karsten, Der Untergang des Deutschen Ordens - Vom Erlöschen eines Erinnerungsortes). [Buhlmann, 07.2017]

Friedrich I. Barbarossa, deutscher König und Kaiser: I. Leben: Der Neffe König Konrads III. (1138-1152), zugehörig zur Dynastie der staufischen Herrscher, wurde am 20./23. Dezember 1122 geboren; der Vater war Herzog Friedrich II. von Schwaben, die Mutter die Welfin Judith. Aus den frühen Jahren Friedrichs sind lediglich bekannt: seine Teilnahme an einem Buhurt vor der Burg Wolfratshausen, die Fehde gegen Herzog Konrad von Zähringen (1122-1152) und der Überfall auf Zürich (1146), die Teilnahme am Zweiten Kreuzzug (1147-1149). Friedrich (III.) folgte 1147 seinem Vater im Herzogtum nach (1147-1152). Um diese Zeit heiratete er auch seine erste Frau Adela von Vohburg, von der er sich allerdings schon im März 1153 wieder trennte. Die zweite Ehe ging Friedrich im Juni 1156 mit Beatrix von Burgund ein. Aus dieser Ehe stammten auch die späteren Könige Heinrich VI. (1190-1197) und Philipp von Schwaben (1198-1208). Am 4. März 1152 - nach dem Tod Konrads - wurde Friedrich anscheinend ohne großen welfischen Widerstand in Frankfurt zum König gewählt und am 9. März in Aachen gekrönt. Friedrichs erste politische Maßnahmen bestanden darin, einen Ausgleich mit den Welfen, d.h. mit Heinrich dem Löwen und Welf VI., zu finden. Friedrich ließ Heinrich freie Hand in Sachsen und den angrenzenden Gebieten und schuf damit eine zwei Jahrzehnte dauernde Zusammenarbeit zwischen dem König und dem mächtigen Herzog. Letzterer konnte zudem das bayerische Herzogtum mit Einverständnis Friedrichs in Besitz nehmen (1155); der Babenberger Heinrich Jasomirgott verzichtete auf Bayern und erhielt die durch das Privilegium minus vom 17. September 1156 zum bevorrechteten Herzogtum aufgewertete Ostmark (Österreich). Der 1. Italienzug Barbarossas begann im Oktober 1154. Mailand, gegen das Lodi und Como Klage geführt hatten, verfiel der Reichsacht, das mit Mailand verbündete Tortona wurde zerstört (April 1155). Unruhen in Rom konnten von Friedrich I. beseitigt werden; der König wurde am 18. Juni 1155 von Papst Hadrian IV. (1154-1159) zum Kaiser gekrönt. Nach einem burgundischen Zwischenspiel (Heirat mit Beatrix 1156; Hoftag zu Besançon 1157) brach Friedrich im Juni 1158 zum 2. Italienzug (1158-1162) auf. Der Hoftag auf den Roncalischen Feldern (1158) formulierte die gegenüber den oberitalienischen Städten nutzbaren Regalien, deren Realisierung einen enormen fiskalischen Gewinn für den König gebracht und die Städte in ihrer Autonomie eingeschränkt hätte. Bei der Durchsetzung seiner Ansprüche stieß Barbarossa daher auf Widerstand: Crema wurde zerstört (1160), Mailand kapitulierte im März 1162, die anderen gegnerischen Städte unterwarfen sich. Parallel dazu war nach dem Tod Hadrians IV. ein Papstschisma zwischen Alexander III. (1159-1181) und Viktor (IV.) (1159-1164) entstanden; Friedrich schlug sich dabei auf die Seite Viktors, dem nach dessen Tod noch drei andere Gegenpäpste und die Würzburger Eide von 1165 folgten, so dass das Schisma erst 1177 beendet wurde. Der 4. Italienzug Friedrichs (1166-1168) hatte dann die Beseitigung ebendieses Schismas - im Sinne des Kaisers - zum Ziel. Alexander III. floh nach seiner Niederlage bei Tusculum (1167) aus Rom, der Gegenpapst Paschalis III. (1164-1168) wurde inthronisiert. Eine Seuche im Heer (Tod des Erzkanzlers Rainald von Dassel) zwang den Kaiser aber zum Rückzug aus Rom und Italien; die Lombardei, vereinigt im Lombardischen Städtebund (1167), rebellierte gegen Barbarossa. Der Kampf gegen Alexander III. war fürs Erste verloren, die Herrschaft in Italien aufs Höchste gefährdet. Die Zäsur der Jahre 1167/68 bedeutete, dass sich Friedrich zunächst wieder den deutschen Verhältnissen zuwandte. Hier konnte der Kaiser geschickt die staufische Machtposition festigen und erweitern; beim Territorialausbau und bei der Städtepolitik stützte sich Friedrich hauptsächlich auf die Ministerialen. Durch Reaktivierung lehnsrechtlicher Strukturen erzielte er auch eine gewisse Einbindung der geistlichen und weltlichen Fürsten in das staufische Herrschaftssystem. Ab 1174 war Friedrich auf seinem 5. Italienzug (1174-1178) wieder in der Lombardei. Der Vorfrieden von Montebello (17. April 1175) beendete allerdings die Kämpfe nicht, die im Oktober 1175 erneut aufflammten und Friedrich - u.a. bedingt durch die Weigerung Heinrichs des Löwen in Chiavenna, den Staufer mit Truppen zu unterstützen - in eine prekäre Situation brachten; am 29. Mai 1176 erlitt das deutsche Heer bei Legnano eine Niederlage. Im daraufhin geschlossenen Vorvertrag von Anagni (November 1176) erkannte Friedrich Alexander III. als Papst an. Am 24. Juli 1177 folgten der Frieden von Venedig und das Ende des Papstschismas sowie ein Waffenstillstand mit den lombardischen Städten, schließlich am 25. Juni 1183 der Frieden von Konstanz. Nach Deutschland über Burgund (burgundische Königskrönung, 26. Juli 1178) zurückgekehrt, entzog Friedrich - eingedenk des Zerwürfnisses von Chiavenna - Heinrich dem Löwen seine Unterstützung. Die rücksichtlose Machtpolitik des Welfen führte darüber hinaus zur Ächtung Heinrichs (Juni 1179) und zur Aberkennung der welfischen Herzogtümer Bayern und Sachsen (Januar 1180). Im November 1181 unterwarf sich Heinrich, erhielt vom Staufer seinen Allodialbesitz um Braunschweig und Lüneburg und musste sich ins Exil nach England begeben. Das bayerische Herzogtum ging an Otto I. von Wittelsbach (1180-1183), Sachsen an den Askanier Bernhard III. (1180-1212), Westfalen - zum Herzogtum erhoben - an den Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg (1167-1191) (Gelnhäuser Urkunde, 13. April 1180). Für das letzte Regierungsjahrzehnt Friedrichs seien noch das Mainzer Hoffest von 1184, die Heirat Heinrichs VI. mit Konstanze von Sizilien (1186), die Unterdrückung der von Erzbischof Philipp von Heinsberg angeführten Opposition gegen den Kaiser (März 1188) und Friedrichs Teilnahme an dem 3. Kreuzzug (1189-1192) angeführt. Dabei wurde der Kreuzzug wegen der Eroberung Jerusalems durch Saladin (1187) notwendig. Aber der Kaiser erreichte nicht mehr das Heilige Land; auf dem Zug durch Kleinasien ertrank er am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph. Seine fleischlichen Überreste wurden in Antiochia, das Herz und die Eingeweide in Tarsus, die Gebeine in Tyros begraben. II. Hof und Herrschaft: Im Rahmen einer Reiseherrschaft (ambulante Herrschaftsausübung) besuchten König, Hof und Gefolge Pfalzen, Höfe und Städte im römisch-deutschen Reich (Unterbringung auch in Zelten, Bereitstellung von Verpflegung). Dabei wechselte die personelle Zusammensetzung des Hofes, der sich als das Königtum repräsentierendes "Machttheater", als Zentrum politischer Entscheidungen, als "Maklersitz" für Rang, Geld und Moden, als "Verbrauchs- und Vergnügungszentrum" darstellte. Der Zugang zum König war eingeschränkt, Bitten wurden durch Fürsprecher vermittelt, die Kommunikation und Interaktion am Hof berücksichtigte die Treue (fides) des Bittenden und die Ehre des Reiches (honor imperii), wie sie in den Urkunden des Herrschers entgegentreten. Der Hof als Austauschzentrum von Bildung, Wissen und Ideen vermittelte nicht nur dem König geistliche lateinische Gelehrsamkeit und volkssprachliche höfische Literatur. Friedrich Barbarossa selbst war wohl ein guter Redner in Deutsch; später sprach er auch gut in Latein. Der Herrscher formulierte gegenüber den Untergebenen scherzhaft bis pointiert, kehrte eine sprachliche Überlegenheit heraus. Dem Sprechen entsprachen auf einer anderen Ebene der Kommunikation die gezeigten oder verborgenen Emotionen des Königs, Trauer und Zorn oder Gelassenheit und Heiterkeit.
Biografien zu Friedrich I. Barbarossa sind: Görich, Knut (2011), Friedrich Barbarossa. Eine Biographie, München 2011, 782 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 29,95; Laudage, Johannes (2009), Friedrich Barbarossa (1152-1190). Eine Biographie, Regensburg 2009, 383 S., € 34,90; Opll, Ferdinand (1990), Friedrich Barbarossa (= GMR), Darmstadt 1990, XII, 344 S., DM 49,-. Weiter sind einschlägig: Görich, Knut (2001), Die Ehre Friedrich Barbarossas. Kommunikation, Konflikt und politisches Handeln im 12. Jahrhundert (= Symbolische Kommunikation in der Vormoderne), Darmstadt 2001, VIII, 638 S., DM 98,-; Haverkamp, Alfred (Hg.) (1992), Friedrich Barbarossa. Handlungsspielräume und Wirkungsweisen des staufischen Kaisers (= VuF 40), Sigmaringen 1992, 708 S., DM 108,-; Laudage, Johannes (1997), Alexander III. und Friedrich Barbarossa (= RI, Beih.16), Köln-Weimar-Wien 1997, 324 S., DM 98,-; Opll, Ferdinand (1978), Das Itinerar Kaiser Friedrich Barbarossas (1152-1190) (= RI, Beih.1), Wien-Köln-Graz 1978, XLII, 253 S., DM 92,-. An Quellen und Regesten zu Friedrich I. Barbarossa sind schließlich zu nennen: Die Urkunden Friedrichs I., hg. v. Heinrich Appelt u.a. (1975-1990) (= MGH. Diplomata. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd.10,1-5): Tl.1: 1152-1158, München 1975, XIV, 566 S., DM 190,-, Tl.2: 1158-1167, München 1979, VIII, 770 S., DM 274,-, Tl.3: 1168-1180, München 1985, VIII, 584 S., DM 240,-, Tl.4: 1181-1190, München 1990, VIII, 780 S., DM 280,-, Tl.5: Einleitung, Verzeichnisse, München 1990, 283 S., DM 120,-; Die Regesten des Kaiserreiches unter Friedrich I. 1152 (1122)-1190, bearb. v. Ferdinand Opll (1980-2001) (= RI IV,2,1-3): Tl.1: 1152 (1122)-1158, Köln-Wien 1980, XII, 182 S., DM N.N., Tl.2: 1158-1168, Köln-Wien 1991, XIV, 305 S., DM 68,-, Tl.3: 1168-1180, Wien-Köln-Weimar 2001, XV, 269 S., € 40,-; Bischof Otto von Freising und Rahewin, Die Taten Friedrichs (= Chronica) (1965/74), hg. v. Franz-Josef Schmale (= FSGA A 17), Darmstadt 21974, XI, 760 S., DM 79,-; Italienische Quellen über die Taten Kaiser Friedrichs I. in Italien und der Brief über den Kreuzzug Kaiser Friedrichs I. Ottos Morenas und seiner Fortsetzer Buch über die Taten Kaiser Friedrichs. Eines unbekannten Mailänder Bürgers Erzählung über die Unterdrückung und Unterwerfung der Lombardei. Aus Oberts Genueser Annalen. Aus der Chronik des Erzbischofs Romoald von Salerno. Brief über den Kreuzzug Kaiser Friedrichs I. (1986), übers. v. Franz-Josef Schmale (= FSGA A 17a), Darmstadt 1986, 422 S., DM 48,-. [Buhlmann, 06.1995, 05.2011, 07.2013]

Friedrich II. (von Hohenstaufen), deutscher König und Kaiser: Der Sohn des staufischen Kaisers Heinrich VI. (1190-1197) und der Konstanze von Sizilien war am 26. Dezember 1194 auf dem Marktplatz im mittelitalienischen Jesi geboren worden. Nach dem Tod des Vaters (1197) wurde er - unter Verzicht auf das deutsche Königtum - am 17. Mai 1198 in Palermo zum König von Sizilien gekrönt. Noch im selben Jahr starb Friedrichs Mutter Konstanze, und Sizilien versank wahrend der Kämpfe zwischen päpstlichen und deutschen Truppen in Anarchie. Papst Innozenz III. (1198-1216) übte dabei über den noch unmündigen puer Apuliae ("Junge aus Apulien") Friedrich eine Vormundschaft aus, die mit der Volljährigkeit Friedrichs im Jahre 1208 endete. Die Herrschaft im sizilischen Königreich konnte der junge König schon bald stabilisieren, zumal der Vorstoß des 1210 nach Süditalien eingedrungenen Kaisers Otto IV. (1198-1215/18) durch die auf päpstliche Veranlassung durchgeführte Wahl Friedrichs zum deutschen König im Herbst 1211 abgewehrt werden konnte. Otto musste sich nach Deutschland begeben, Friedrich erreichte Konstanz ein paar Stunden vor dem Welfen. Schon bald strömten dem Staufer die Anhänger zu; am 5. Dezember 1212 ist Friedrich in Frankfurt nochmals zum deutschen König gewählt, am 9. Dezember in Mainz gekrönt worden. Die Niederlage bei Bouvines (27. Juli 1214) bedeutete dann das Ende der Machtansprüche Ottos. Friedrich ließ sich am regulären Krönungsort Aachen krönen (25. Juli 1215) und wurde nun allgemein als König anerkannt. Im April 1220 ließ er - entgegen früheren Versprechen gegenüber dem Papst - seinen Sohn Heinrich (VII.) zum deutschen König wählen; der Zustimmung der geistlichen Fürsten ging dabei die Confoederatio cum principibus ecclesiastica ("Übereinkunft mit den geistlichen Fürsten") voraus. Heinrich wurde in Deutschland zurückgelassen, während sein Vater nach Italien aufbrach. In Rom wurde Friedrich am 22. November 1220 von Papst Honorius III. (1216-1227) zum Kaiser gekrönt. Das gute Einvernehmen zwischen Papst und Kaiser zeigte sich dabei in Friedrichs Bekräftigung der staatsrechtlichen Trennung Siziliens vom Reich und der kaiserlichen Gesetzgebung gegen die Ketzer. Friedrich zog nach Sizilien weiter, wo er - beginnend mit einem in Capua verkündeten Landfrieden (Dezember 1220) - die Konsolidierung und Zentralisierung des sizilischen Königreichs vorantrieb. Das Jahr 1226 sah den Kaiser dann in Oberitalien; die Geltendmachung von Regalien führte aber zur Erneuerung des Lombardischen Bundes gegen den Herrscher. Auch das Verhältnis zwischen Honorius III. und dem Staufer hatte sich verschlechtert, zumal der Kaiser den versprochenen Kreuzzug immer wieder verschob. Als schließlich im September 1227 das Kreuzfahrerheer von Unteritalien aus aufbrach, musste der Kaiser auf Grund einer Seuche im Heer umkehren und damit den Kreuzzug abbrechen. Friedrich wurde deshalb vom neuen Papst Gregor IX. (1227-1241) gebannt, verfolgte aber auch als Gebannter das Ziel, Jerusalem für die Christenheit (und für sich) zu erwerben. So brach der Kaiser im Frühjahr 1228 über Zypern ins Heilige Land auf. Dort erreichte er vom Aijubiden-Sultan al-Kamil (1218-1238) die Abtretung Jerusalems und krönte sich am 18. März 1229 in der Grabeskirche selbst zum König. Nach seiner Rückkehr nach Süditalien vertrieb Friedrich die dort eingedrungenen päpstlichen Truppen und einigte sich im Frieden von San Germano (1230) mit Gregor IX. u.a. auf die Lösung vom Bann. Die Wiederherstellung der staufischen Herrschaft in Sizilien fand dabei in den Konstitutionen von Melfi (1231) ihren Ausdruck. Der politische Gegensatz zwischen seinem 1228 regierungsfähig gewordenen Sohn Heinrich (VII.) und den deutschen Fürsten in Deutschland machte nun das Eingreifen des Kaisers erforderlich. Im vergangenen Jahrzehnt hatte Friedrich II. nur punktuell auf sein Reich nördlich der Alpen einwirken können (Goldene Bulle von Rimini für den Deutschen Orden in Preußen, März 1226; Reichsfreiheit für Lübeck, Juni 1226). Mit dem Statutum in favorem principum ("Statut zu Gunsten der Fürsten", 1. Mai 1231, 1232) bestätigten er und sein Sohn wesentliche landeshoheitliche Rechte der Fürsten. Heinrich wollte sich mit dieser Vereinbarung nicht abfinden und rebellierte Ende 1234 offen gegen den Vater. Dieser begab sich - zum ersten Mal nach fast fünfzehn Jahren - nach Deutschland und konnte Heinrich unterwerfen und absetzen. Der Mainzer Reichslandfrieden (15. August 1235) diente der Friedenssicherung, ebenso das von Friedrich eingerichtete Hofgericht. Schließlich setzte der Kaiser die Wahl seines jüngeren Sohnes Konrad (IV.) zum König durch (Februar 1237). In Oberitalien flammten die Kämpfe gegen den Lombardischen Städtebund wieder auf. Friedrichs Sieg bei Cortenuova (27./28. November 1237) und die anschließende Ablehnung des Mailänder Friedensangebots führten aber zu einer Verhärtung der Fronten. Gregor IX. bannte Friedrich zum zweiten Mal (20. März 1239), der Endkampf zwischen Kaisertum und Papsttum hatte begonnen. Die von Gregor betriebene Absetzung des Staufers konnte erst sein Nachfolger Innozenz IV. (1243-1254) auf dem Konzil zu Lyon - wenn auch nicht unumstritten - durchsetzen (17. Juli 1245). Die Ereignisse überschlugen sich, als mit den Gegenkönigen Heinrich Raspe (1246-1247) und Wilhelm von Holland (1247-1256) auch Teile Deutschlands der staufischen Herrschaft entglitten und Friedrich in Oberitalien in die Defensive geriet. Immerhin standen nach dem Aussterben der Babenberger (1246) Österreich und Kärnten unter kaiserlicher Kontrolle, und auch in Oberitalien begann sich spätestens 1250 das Blatt zu Gunsten Friedrichs zu wenden. Doch starb der Kaiser am 13. Dezember 1250 in Castel Fiorentino bei Lucera und wurde im Dom zu Palermo begraben. Mit Friedrich verbunden sind die nicht überzubewertende kulturelle Ausstrahlung seines Hofes und das Interesse des Kaisers an der Wissenschaft; Friedrich selbst verfasste mit dem sog. Falkenbuch ein Lehrbuch der Falkenjagd und Vogelkunde.
Biografien u.ä. zu Kaiser Friedrich II. sind: Abulafia, David (1994), Friedrich II. von Hohenstaufen. Herrscher zwischen den Kulturen (= Goldmann Tb 12853), München 1994, 473 S., DM 18,90; Fleckenstein, Josef (Hg.) (1974), Probleme um Friedrich II. (= VuF 16), Sigmaringen 1974, 383 S., DM 43,-; Houben, Herbert (2008), Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Herrscher, Mythos, Mensch (= Urban Tb 618), Stuttgart 2008, 262 S., € 16,90; Masson, Georgina (1976), Das Staunen der Welt: Friedrich II. von Hohenstaufen (= Bastei 61006), Bergisch-Gladbach 1976, 385 S., DM 5,80, Rader, Olaf B. (2010), Friedrich II. Der Sizilianer auf dem Kaiserthron. Eine Biographie, München 2010, 592 S., Schwarzweißabbildungen, Karte, Stammtafel, Zeittafel, € 22,90; Rotter, Ekkehart (2000), Friedrich II. von Hohenstaufen (= dtv 31040), München 2000, 159 S., DM 16,50; Schirrmacher, Wilhelm (1859/65), Kaiser Friedrich der Zweite, 4 Bde., Göttingen 1859-1865, zus. DM 240,-; Stürner, Wolfgang (1992/2000), Friedrich II. (= GMR): Tl.1: Die Königsherrschaft in Sizilien und Deutschland 1194-1220, Darmstadt 1992, VII, 292 S., DM 46,-, Tl.2: Der Kaiser 1220-1250, Darmstadt 2000, XIV, 659 S., DM 78,-; An Quellen und Regesten zum Stauferherrscher sind zu nennen: Die Urkunden Friedrichs II., bearb. v. Walter Koch (2002-2010) (= MGH. Diplomata. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd.14,1-3): Tl.1: 1198-1212, Hannover 2002, 16, LVI, 522 S., € 98,-, Tl.2: 1212-1217, Hannover 2007, XII, 717 S., € 120,-, Tl.3: 1218-1220, Hannover 2010, 16, XCI, 869 S., € 150,-; Die Regesten des Kaiserreiches unter Philipp, Otto IV., Friedrich II., Heinrich (VII.), Conrad IV., Heinrich Raspe, Wilhelm und Richard 1198-1272 (1881-1983) (= RI V,1-6): Bd.V,1 (= Abt.1-2): Kaiser und Könige, hg. v. Julius Ficker, 1881/82, Nachdruck Hildesheim 1971, Bd.V,2 (= Abt.3-4): Päpste und Reichssachen, hg. v. Julius Ficker, Eduard Winkelmann, 1892, Nachdruck Hildesheim 1971, Bd.V,3 (= Abt.5): Einleitung und Register, hg. v. Julius Ficker, Eduard Winkelmann, bearb. v. Franz Wilhelm, 1901, Nachdruck Hildesheim 1971, zus. CLX, 2424 S., zus. DM 380,-, Bd.V,4 (= Abt.6): Nachträge und Ergänzungen, bearb. v. Paul Zinsmaier, Köln-Wien 1983, XII, 403 S., DM 94,-. sowie: Eickels, Klaus von, Brüsch, Tanja (Hg.), Kaiser Friedrich II. Leben und Persönlichkeit in Quellen des Mittelalters (2000), Darmstadt 2000, 482 S., DM 39,90; Heinisch, Klaus J. (Hg.) (1968), Kaiser Friedrich II. in Briefen und Berichten seiner Zeit, Darmstadt 1968, VIII, 678 S., DM 30,-; Heinisch, Klaus J. (Hg.) (1968), Kaiser Friedrich II. in Briefen und Berichten seiner Zeit (= dtv dokumente 2901), München 21977, 375 S., DM 9,80. [Buhlmann, 06.2011, 09.2013]

(Duisburg-) Friemersheim, Besitzkomplex des Klosters Werden a.d. Ruhr: Der Besitz des Klosters Werden in Friemersheim, ein Königsgutkomplex, wie ihn das Capitulare de villis (ca.795) beschreibt, wurde 809/14 von Kaiser Karl dem Großen (768-814) dem Werdener Klosterleiter Hildigrim I. (809-827) geschenkt und war in Mittelalter und früher Neuzeit - zahlreichen Veränderungen in Organisation und Besitz unterworfen - ein wichtiger Teil der klösterlichen Grundherrschaft. Die Hofverbände gruppierten sich um die Fronhöfe Asterlagen, Borg und Friemersheim; der Friemersheimer Besitz blieb dem Kloster bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erhalten.
An Literatur zum (frühmittelalterlichen, mittelalterlichen) Friemersheim findet sich: Buhlmann, Michael (2013), Besitz des Klosters Werden in Friemersheim (= BGW 14), Essen 2013, 51 S., € 3,-; Kastner, Dieter (1979), Zur Lage des Hofes Karls des Großen in Friemersheim, in: DF 27 (1979), S.1-20; Wisplinghoff, Erich (1961), Der Raum von Friemersheim. Untersuchungen zu seiner Geschichte im frühen Mittelalter, (= Schriftenreihe der Stadt Rheinhausen 2), [Duisburg-] Rheinhausen 1961, 29 S., DM 1,50. [Buhlmann, 01.1996, 12.2013]

FSGA = Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. Reihe A: Mittelalter, Reihe B: Neuzeit

Frisch, Gisela u.a. (2007), St. Andreas in Fulda-Neuenberg, Petersberg 2007 > F Fulda

Fromm, Erich, Sigmund Freud. Seine Persönlichkeit und Wirkung (= Ullstein Materialien = Ullstein Buch 35094), Frankfurt a.M.-Berlin-Wien 1981, 123 S., DM 5,80. Sigmund Freud (*1856-†1939), der jüdische Psychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker, der Erfinder der Psychoanalyse, zeichnet sich - auch psychoanalytisch gesehen - aus durch Wahrheitssuche und intellektuellem Mut, durch ein besonderes Verhältnis zu seiner Mutter und zu Frauen, durch komplexe und nicht unkomplizierte Beziehungen zu Freunden, Männern und dem Vater, durch spezifische religiöse und politische Überzeugungen (historische Persönlichkeiten als Idole [Moses, Hannibal], Sozialismus, Psychoanalyse und Politik, Freud als Weltverbesserer). [Buhlmann, 09.2016]

Früh, Martin (2014), Nae wysunghe der manschap. Das Lehnsgericht der Reichsabtei Werden im 15. und 16. Jahrhundert, in: AHVN 217 (2014), S.19-62. Das Emsländer Lehngut Brahe des Benediktinerklosters Werden a.d. Ruhr stand nach dem Tod des Vaters der Gräfin Theda von Ostfriesland nicht mehr zur Verfügung, obwohl auch Töchter beim Fehlen von männlichen Erben Werdener Dienstleutegüter zu Lehen nehmen konnten. Dem stimmte auch der Werdener Abt Konrad von Gleichen (1452-1474) unter Bezugnahme auf das Lehnsgericht (mangericht, mankamer, kameren gericht) der Reichsabtei Werden zu (1473). Doch erst 1480/81 kamen die Dinge in Fluss, als ein Beauftragter nach Werden zu Abt Dietrich Hagedorn (1477-1484) kam und hier seine Informatio, eine Sammlung von Tatbeständen betreffend das Brahmer Lehngut, vorstellte. Es begann damit vor dem Werdener Lehnsgericht ein Verfahren, das mit der Ladung des Beklagten innerhalb einer bestimmten Frist eingeleitet wurde. Im Gericht up der abdien to Werden, up der abdien groissen saedel, up dem sael des abts (Abtsaula) traten in Erscheinung: der Abt als Lehnsherr, der Marschall der Abtei als Lehnsrichter (iudex vasallorum), die (drei bis 32 und mehr, häufig acht bis zwölf) Urteiler als Männer aus der Lehnsmannschaft des Klosters (manschop, manschap; meist aus Niederadel bzw. Werdener "Stiftsadel"), die streitenden Parteien (Kläger, Beklagter). Das Gerichtsurteil erfolgte vielfach weniger nach den Vorgaben geschriebenen Rechts (Sachsenspiegel), vielfach zu Gunsten des Vasallen und zu Ungunsten des Abtes. Auch hinsichtlich des Braher Lehnguts kam es zu keiner Entscheidung zu Gunsten der Gräfin Theda; vielmehr wurde auf eine außerordentliche Einigung verwiesen im ZUge einer Schiedsgerichtsbarkeit. Das Werdener Lehnsgericht verfolgte gerade nach der Einführung der Bursfelder Reform im Kloster (1474) intensiv Lehnsverstöße (Entfremdungen von Lehen, Weigerung der Lehnsmutung usw.); die schriftliche Verwaltung innerhalb der Mönchsgemeinschaft begünstigte die Verfolgung von Vergehen. Doch war - wie gesehen - ein Erfolg dieser Vorgehensweise nae wysunghe der manschap nicht garantiert. Im späten 16. Jahrhundert nahm die Bedeutung des Werdener Lehnsgerichts ab. Lehnsverwaltung und -kontrolle kamen in die Hände einer "herrschaftlichen Behörde" mit ihren "gelehrten Richtern". > W Werden [Buhlmann, 01.2017]

Früh, Martin (2016), Manne van leene oder ministeriales sancti Ludgheri? Die Lehnsmannschaft der Reichsabtei Werden als Funktionsstand am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühneuzeit, in: AHVN 219 (2016), S.31-41. Der ostfriesische Graf und Junker Uko wurde am 14. Januar 1483 vom Abt des Klosters Werden, Dietrich Hagedorn (1477-1484), mit dem emsländischen Hof Brahe belehnt als eyn dienstman (Mannschaftleistung und Lehnseid Ukos). Die Belehnung stand im Zusammenhang mit Rechtsstreitigkeiten um das Gut, das auch von einem Rudolf von Langen beansprucht wurde. Der Fall um den Hof Brahe steht dann exemplarisch für die Einteilung der Klosterlehen in Mann- und Dienstmanngüter bzw. für die an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhunderte ausklingende Einteilung der Klostervasallität in mannen und denstmannen (ministeriales), die eine ständische Rechtsqualität beinhaltete. Dagegen setzt sich um diese Zeit in Werden (und am Niederrhein) die uniformierende Bezeichnung der Werdener Vasallen als manne van leene durch, die an die Stelle der ministeriales sancti Ludgheri trat und die Werdener Lehnsmannschaft (manschop) unter deynstmanssrecht und Lehnsgericht (als ursprüngliches Ministerialengericht) meinte. Die Vasallität des Werdener Klosters war mit 581 ausgegebenen Lehen (1519; darunter wohl auch Mehrfachbelehnungen) beträchtlich, die Lehnsmannschaft unterstand dem Lehnsgericht. Das gerade am Ende des 15. Jahrhunderts in der Folge der Bursfelder Reform (1474) wieder wichtig werdende Lehnsgericht setzte sich aus Urteilern von innerhalb und außerhalb des Werdener Stiftsgebiets zusammen (Vasallen als Zeugen und Urteiler im Gericht, iudex vasallorum [Werdener Erbmarschall] als Vorsitzender, Gericht als Mannkammer, als manschap). Die Werdener Lehnsmannschaft war am Beginn der Neuzeit somit eine "funktional einheitliche, aber gesellschaftlich differenzierte Gruppe", die nicht territorial verankert, indes personal durch das Rechtsinstitut von Lehnsherrschaft und Lehnsmannschaft vom Werdener Abt abhängig war. Das Lehnsgericht war daher mehr als ein Gütergericht, es war eine "institutionell-sozial-kommunikative Klammer" für die Werdener Lehnsmannschaft als "Funktionsstand". > W Werden [Buhlmann, 05.2017]

Fruscione, Daniela (2003), Das Asyl bei den germanischen Stämmen im frühen Mittelalter (= Konflikt, Verbrechen und Sanktion in der Gesellschaft Alteuropas. Fallstudien 6), Köln-Wien-Weimar 2003, XXXIV, 222 S., € 9,50. Die Asylbestimmungen (Asyl in der antiken Welt Israels, Griechenlands und Roms) im römischen Recht wie dem Codex Theodosianus oder dem Codex Justinianus bezogen sich auf das von den römischen Kaisern dekretierte Kirchenasyl und allgemeiner den Schutz der christlich-römischen Reichskirche und ihrer Bischöfe (caritas, misericordia der kirchlichen Amtsträger gegenüber den Armen) unter der Beibehaltung staatlichen Einflusses (staatliches Gewaltmonopol, Asylverletzung als crimen maiestatis). Demgegenüber erscheint das auf römischen Grundlagen basierende Kirchenasyl in den kirchlichen Konzilien, den Gesetzgebungen der Könige und den leges der germanischen Stämme der Völkerwanderungszeit (Ostgoten, Westgoten, Langobarden, merowingerzeitliche Franken, Alemannen, Bayern) und der Jahrhunderte des frühen Mittelalters (karolingerzeitliche Franken, Angelsachsen, Friesen, Sachsen) auch von heidnisch-germanischen Einflüssen geprägt. Asyl bedeutete dabei den unmittelbaren Schutz des Verbrechers (zunächst) vor Strafverfolgung ("Zeitgewinn"), aber auch die Möglichkeit von dessen Auslieferung unter bestimmten Voraussetzungen wie etwa dem Verzicht auf Rache bzw. dem Versprechen des Geschädigten, den Verbrecher nicht zu töten. Die Rolle der Kirche im Asyl war daher eine vermittelnde, u.a. entsprechend dem Bußtaxensystem der leges. Die christlich-religiösen Vorstellungen und Voraussetzungen im Rahmen des Rechtsinstituts des Asyls betonten die Heiligkeit der Kirchen (reverentia loci, Verletzung des Asyls, Wegführung eines Flüchtlings als nefas) und von deren Schutzheiligen und Reliquien (Wunderglaube, tabuistische praesentia divina im Kirchenraum, im Heiligtum, am Altar). Die christlichen Vorstellungen vom Asyl können damit z.T. als Fortsetzung heidnischer Vorstellungen interpretiert werden, wie die Entwicklung des frühmittelalterlichen Kirchenasyls auch aus dem Schutz des Flüchtlings an heidnischen Heiligtümern zeigt oder das germanisch-altenglische friđ für "Schutz, Asyl" (sächsisch fridhuwih für "Tempel" [Heliand]). In fränkisch-karolingischer Zeit wird ein größerer Einfluss des Herrschers auf das Asyl bemerkbar (Kontrollmöglichkeiten, [rechtliche] Einschränkungen beim Asyl), eine Entwicklung, die auch für das Asyl in den angelsächsischen Königreichen galt. [Buhlmann, 03.2016]

Fuchs, Karin (2008), Zeichen und Wunder bei Guibert de Nogent. Kommunikation, Deutungen und Funktionalisierungen von Wundererzählungen im 12. Jahrhundert (= PHS 84), München 2008, 310 S., Schwarzweißabbildungen, € 14,80. Der gelehrte Mönch und Abt Guibert von Nogent (ca.1104-1124/25) ist durch eine Reihe von lateinischen Werken bekannt ("Autobiografie", exegetische und spirituelle Schriften, Marienschriften, Reliquientraktat, Kreuzzugschronik, Wundererzählungen). Ausgehend von den zahlreichen Wundererzählungen in den Monodiae, im Reliquientraktat oder in der Kreuzzugschronik, können bestimmte Aspekte der Wundererzählungen in den Texten Guiberts erkannt werden: die konzeptuale Deutung von Wundern (Wunderbegriff des Augustinus, Wunderexegese, institutionelle Verankerung [Synoden und Bischöfe und deren Heiligen- und Wunderdiskussion, bischöfliche Kontrolle der Kultausübung]); Herkunft der Wundererzählungen (Zeugenschaft, mündliche oder schriftliche Überlieferung); Funktion von Wundererzählungen (Wunder als exempla, Wunder und Wunderdeutung); intertextuelle Bezüge von Wundererzählungen (Texte Guiberts, Hagiografie, Marienwunder, Saint-Médarder Wunderbücher). > Lateinische Literatur > G Guibert de Nogent [Buhlmann, 11.2014]

Führer durch die Museen, Galerien und Denkmäler Italiens, hg. v. Ministerio della Pubblica Istruzione: Nr.1 (1963): Calza, G., Becatti, G., Ostia, Rom 31963 > R Rom; Nr.67 (1962): Moretti, Giuseppe (1962), Die Ara Pacis Augustae, Rom 1962 > R Rom. [Buhlmann, 11.2014]

Fündling, Jörg (2008), Marc Aurel (= Besondere Wissenschaftliche Reihe 2008), Darmstadt 2008 > G Gestalten der Antike

Fündling, Jörg (2010), Sulla (= GdA), Darmstadt 2010 > G Gestalten der Antike

Fürstenberg, Grafen, Fürsten von, Adelsfamilie mit spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Territorien auf der Baar und im benachbarten Schwarzwald. I. Die Grafen von Fürstenberg gehen auf die von Urach zurück, die beim Aus-sterben der Zähringer (1218) deren rechtsrheinischen Besitz (zu einem großen Teil) erbten. Graf Egino (V.) (†1236/37) nannte sich nach der Zähringerstadt Freiburg, seine Söhne Konrad und Heinrich begründeten durch Erbteilung (v.1245?) die Familien der Grafen von Freiburg und von Fürstenberg, wobei die Fürstenberger ihren Besitzschwerpunkt auf der Baar und im Kinzigtal hatten. Graf Heinrich I. (v.1245-1284) erlangte die Baargrafschaft (1283), die Fürstenberger mussten aber u.a. Villingen an die Habsburger abtreten (1326). Seit Anfang des 14. Jahrhunderts gab es die Linien Baar und Haslach (bis 1386), neue Erbteilungen führten im 15. Jahrhundert zur Geisinger und Kinzigtaler Linie. Der Aufstieg der Fürstenberger begann mit der Erbeinigung von 1491 an der Wende zum 16. Jahrhundert, ein in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts bestehendes Fürstentum Fürstenberg wurde 1806 mediatisiert. II. Nach dem Aussterben der Zähringerherzöge (1218) kam die Stadt Villingen an die staufischen Herrscher, Villingen wurde zu einem dem Königtum unterstellten Ort, bis nach dem Tod Kaiser Friedrichs II. (1212-1250) sich Graf Heinrich I. von Fürstenberg (1236/37-1284) als Villinger Stadtherr durchsetzte und auf Grund zweier Privilegien König Rudolfs I. von Habsburg (1273-1291) im Jahr 1283 die Landgrafschaft Baar und Villingen als Reichslehen erhielt. Villingen stand danach unter fürstenbergischer Herrschaft bis zum sog. Haslacher Anschlag und dem Übergang Villingens an die Habsburger im Jahr 1326. Das 13. und beginnende 14. Jahrhundert ist zudem die Zeit der weiteren Ausbildung der Villinger Bürgergemeinde unter Rat und Bürgermeister bei Behauptung zunehmender Autonomie gegenüber den fürstenbergischen Stadtherren. > V Villingen III. Die spätmittelalterlich-frühneuzeitliche(n) Landesherrschaft(en) der Grafen von Fürstenberg waren nicht zuletzt infolge von Erbteilungen (1559) territorial zersplittert (Landgrafschaft Baar, Grafschaft Heiligenberg und Nebenlande, Kinzigtal und Nebenlande), so dass eine frühneuzeitliche Modernisierung von Gerichtsbarkeit, Haushalt und Finanzen (Finanzkrise nach 1559), Verwaltung und Beamtenschaft (aus Adel und Bürgertum, regional verankert oder auswärtig) innerhalb der fürstenbergischen Landschaften als Untertanenverbänden (1484/91: "Landschaft") nur sehr bedingt zum Tragen kam ("persönliches Regiment" der Grafen; Kinzigtaler "Beamtenordnung" [1568/88] und Anfänge einer Ausbildung von Behörden; Ablösung der alten Gerichtsordnung und gelehrte Juristen). Die Herrschaft(en) der Fürstenberger verblieben daher noch im "Vorstaatlichen" (fehlende Trennung von Öffentlichem und Privatem). Verankert waren die fürstenbergischen Territorien dennoch im frühneuzeitlichen römisch-deutschen Reich als Reichsstand.
Quellenmäßig ist zur fürstenbergischen Geschichte zuvorderst zu verweisen auf: Fürstenbergisches Urkundenbuch, hg. v.d. Fürstlichen Archive in Donaueschingen: Tl.I: Quellen zur Geschichte der Grafen von Achalm, Urach und Fürstenberg bis zum Jahre 1299, bearb. v. Sigmund Riezler, Tübingen 1877, XVIII, 403 S., Stammtafeln; Tl.II: Quellen zur Geschichte der Grafen von Fürstenberg vom Jahre 1300-1399, bearb. v. Sigmund Riezler, Tübingen 1877, 459 S., Siegeldabbildungen; Tl.III: Quellen zur Geschichte der Grafen von Fürstenberg vom Jahre 1400-1479, bearb. v. Sigmund Riezler, Tübingen 1878, 531 S., Stammtafel; Tl.IV: Quellen zur Geschichte der Grafen von Fürstenberg vom Jahre 1480-1509, bearb. v. Sigmund Riezler, Tübingen 1879, 583 S.; Tl.V: Quellen zur Geschichte der Fürstenbergischen Lande in Schwaben vom Jahre 700-1359, Tübingen 1885, IV, 563 S., Siegeltafeln; Tl.VI: Quellen zur Geschichte der Fürstenbergischen Lande in Schwaben vom Jahre 1360-1469, Tübingen 1889, 532 S., Siegeltafeln; Tl.VII: Quellen zur Geschichte der Fürstenbergischen Lande in Schwaben vom Jahre 1470-1509, Tübingen 1891, 528 S., Siegeltafeln. An Darstellungen zur fürstenbergischen Geschichte sind zu nennen: Asch, Ronald (1986), Verwaltung und Beamtentum. Die gräflich fürstenbergischen Territorien vom Ausgang des Mittelalters bis zum schwedischen Krieg 1490-1632 (= VKGLBW B 106), Stuttgart 1986, XXIX, 416 S., Amtleuteverzeichnis, Karten, € 4,-; Die Fürstenberger. 800 Jahre Herrschaft und Kultur in Mitteleuropa, hg. v. Erwein H. Eltz u. Arno Strohmeyer (1994) (= Ausstellungskatalog), Korneuburg 1994, 398 S., Abbildungen, Karten, € 22,-. Stievermann, Dieter (1980), Die fürstenbergische Klosterpolitik bis ins Reformationszeitalter. Ein Beitrag zum herrschaftlichen Vogteiverständnis und zum landesherrlichen Kirchenregiment, in: SVGBaar 33 (1980), S.85-99. [Buhlmann, 10.2007, 02.2017]

Fulda, Benediktinerkloster: Das Kloster im mittelhessischen Fulda, eine am benediktinischen Mönchtum orientierte Gemeinschaft von Mönchen, war eine Gründung des angelsächsischen Missionars, Kirchenreformers und Bischofs Winfrid-Bonifatius (†754). Die Gründung erfolgte im Jahr 744 mit dem Einzug von Mönchen unter Abt Sturmi (744-779); Bonifatius hatte zuvor eine Besitzurkunde des fränkischen Hausmeiers Karlmann (741-747) erhalten, Papst Zacharias (741-752) stattete das Kloster 751 mit einem Exemtionsprivileg aus. Fulda wurde zur Grablege des Bonifatius (754), zum Zentrum der Bonifatiusverehrung, und entwickelte sich in der Zeit des karolingischen Frankenreichs rasch zu einem bedeutenden Großkloster und einer wichtigen Bildungseinrichtung (Klosterschule). Unter seinen Äbten sticht Hrabanus Maurus (822-842), der praeceptor Germaniae ("Lehrer Germaniens"), hervor. Zudem waren die Beziehungen zu den karolingischen Königen von besonderer Bedeutung, wie das Immunitätsprivileg König Karls des Großen (768-814) aus dem Jahr 774 zeigt und - daraus resultierend - die Mönchsgemeinschaft als Königs- und Reichskloster. Ab der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts erlebte Fulda auch in der Folge des Zerfalls des fränkischen Gesamtreichs unruhige Zeiten. Unter den ottonischen und salischen Königen des 10. und 11. Jahrhunderts war die Abtei mit ihrem "Königsdienst" (servitium regis) fest eingebunden in die Reichskirche der Herrscher. Auf Grund ihres sehr umfangreichen, grundherrschaftlich organisierten Grundbesitzes und der daraus erwachsenden wirtschaftlichen Stärke wurde sie auch zu militärischen Unternehmungen der Könige herangezogen, etwa für den Feldzug Kaiser Ottos II. (973-983) nach Süditalien (981; Niederlage von Cotrone 982) oder für den König Heinrichs III. (1039-1056) gegen Böhmen (1040). Gleichsam als Gegenbewegung zu den politisch-militärischen Pflichten des Klosters innerhalb der Reichskirche griffen unter den Äbten Poppo (1013-1018) und besonders Richard (1018-1039) Reformmaßnahmen (des lothringischen Klosters Gorze), die u.a. zur Gründung der Fulda benachbarten Propstei Neuenberg führten (1021/25). Streitigkeiten mit den Würzburger Bischöfen, in deren Diözese das Kloster Fulda lag, und mit den Mainzer Erzbischöfen um Zehntrechte in Thüringen, der Goslarer Sesselstreit (1063) sowie die Kämpfe in Sachsen während des Investiturstreits (1075-1122) schädigten das Kloster nicht nur wirtschaftlich, sondern lassen auch einen Zerfall des monastischen Lebens erahnen. Auch nach dem Wormser Konkordat (1122) blieb Fulda Reichsabtei, seine Reichsäbte standen im Dienst der staufischen Könige und Kaiser, während der wirtschaftliche Niedergang anhielt und der Einfluss von Adel und Klostervogt auf die Mönchsgemeinschaft stieg. Das 13. Jahrhundert brachte nunmehr die Ausbildung eines Fuldaer Territoriums bei reichsfürstlicher Stellung des Abtes und eine damit verbundene Regionalisierung der klösterlichen Interessen. Dem entsprach auch die 1294 durch die römische Kurie verfügte (endgültige) Trennung von Fuldaer Abts- und Konventsgut, wobei das Konventsgut sich noch in Pfründen aufteilen und somit einer stiftischen Lebensweise der Mönche (als Stiftsherren) im Spätmittelalter Vorschub leisten sollte. Hinzu kamen die durchaus weltlichen Kämpfe und Fehden gegen benachbarte adlige Landesherren, u.a. die Grafen von Ziegenhain als den Klostervögten (bis 1344), oder die eigene Ministerialität. Auch die Bedeutung der Stadt Fulda, erwachsen aus einer Marktsiedlung des 10. und 11. Jahrhunderts (Markt-, Münz- und Zollrecht Kaiser Heinrichs II. [1002-1024] für Fulda 1019), nahm zu und damit der Gegensatz zwischen Bürgergemeinde und Abt als Stadtherrn (Bürgeraufstände von 1327 und 1331) bei Ausbildung von Ratsverfassung und Zunftwesen. Das Kloster Fulda schloss sich - nach wenig erfolgreichen Reformmaßnahmen im 14. Jahrhundert - zu Beginn des 15. Jahrhunderts unter Abt Johann I. von Merlau (1395-1440) der von Kastl ausgehenden benediktinischen Reformbewegung an (1406/10), doch auch diese führte zu keinen bleibenden Veränderungen im Kloster. Abt Johann II. von Henneberg (1472-1513) festigte die Landesherrschaft der Fuldaer Äbte, während Reformen bei den Fuldaer Nebenklöstern griffen, indes nicht so sehr am Hauptkloster. Auch in der frühen Neuzeit, nach dem zwischenzeitlichen Eindringen der Reformation in Fulda und nach dem Bauernkrieg (1524/25), stand für das nur noch von wenigen Mönchen besiedelte Kloster die Klosterreform auf der Tagesordnung (Constitutio von 1542, Reformordnung von 1552). Die Klosterreform verband sich in Fulda im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts mit der Gegenreformation (Trienter Reform); Fürstabt Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg (1623-1632) stellte die monastisch-benediktinische Lebensweise in Fulda zunächst wieder her (1626), bis - im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) - Fulda von hessischen Truppen besetzt wurde und der nur wenige Jahre alte Mönchskonvent sich auflöste. Immerhin gelang dessen Neukonstituierung unter Abt Joachim von Gravenegg (1644-1671); der benediktinische Mönchskonvent sollte sich bis zur Aufhebung des Klosters im Jahr 1802 zufrieden stellend entwickeln. Neben den Mönchen gehörten dem Fuldaer Konvent noch die Mitglieder des adligen Stiftskapitels an, das mit der Erhebung Fuldas zum Bistum (1752) zum Kapitel eines Hochstifts wurde. Der Bistumserhebung waren langwierige Bemühungen vorausgegangen, dem Fürstabt faktisch die geistliche Jurisdiktion im Fuldaer Stift (Territorium) gegen die Ansprüche der Bistümer Würzburg und Mainz zu sichern. Nach der Säkularisation von Kloster und Stift Fulda (1802/03) lebte das Bistum Fulda wieder auf (1821/29). Zum Benediktinerkloster Fulda gehörten auch die in der Nähe des Hauptklosters gelegenen Nebenklöster oder Propsteien. Zu nennen sind hier: das Kloster Frauenberg, das von Abt Ratgar gegründet (809) und um die Mitte des 11. Jahrhunderts erneuert wurde; das Kloster Johannesberg, errichtet unter Abt Hrabanus Maurus (836/42); die Propstei Michaelsberg, die auf die 822 geweihte Michaelskapelle auf dem Mönchsfriedhof zurückging und 1092 als Nebenkloster eingerichtet wurde; das Nebenkloster Neuenberg oder Andreasberg von 1021/25.
Quellen und Darstellungen zur Geschichts Fuldas sind: Franke, Thomas (1987), Studien zur Geschichte der Fuldaer Äbte im 11. und frühen 12. Jahrhundert, in: AfD 33 (1987), S.55-238; Frisch, Gisela u.a. (2007), St. Andreas in Fulda-Neuenberg, Petersberg 2007, 31 S., € 4,50; Heinemeyer, Walter, Jäger, Berthold (Hg.) (1995), Fulda in seiner Geschichte. Landschaft, Reichsabtei, Stadt (= VHKH 57), Fulda 1995, 543 S., DM 72,- (u.a. mit den historischen Beiträgen: Ulrich Hussong, Die Reichsabtei Fulda im frühen und hohen Mittelalter ...; Petra Kehl, Heiligenverehrung in der Reichsabtei Fulda; Berthold Jäger, Grundzüge der fuldischen Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte vom Ausgang des Mittelalters bis zur Bistumserhebung 1752; Uwe Zuber, Krise, Umbruch und Neuordnung. Fulda von 1752 bis 1830; Hermann Kratz, Die Beziehungen zwischen Stadt und Reichsabtei im Mittelalter; Ursula Braasch-Schwersmann, Die Stadt Fulda vom Mittelalter bis in die Gründerzeit ...; Werner Kathrein, Zwischen Reform und Reformation. Zur Geschichte der Fuldaer Stadtpfarrei im 16. Jahrhundert); Stasch, Gregor Karl [o.J.], Die Andreaskirche zu Fulda-Neuenberg, Fulda [o.J.], 33 S., € 2,-. > B Bonifatius [Buhlmann, 05.2012]

Furet, Francois, Richet, Denis (1968), Die Französische Revolution (= BS), München [1980] > F Französische Revolution

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