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Rezensionen (Geschichte)
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P&M = Patristica et Mediaevalia

Pabst, Bernhard (1994), Atomtheorien des lateinischen Mittelalters, Darmstadt 1994, VIII, 373 S., DM 68,-. Der römische Schriftsteller Lukrez (†55 v.Chr.) hatte mit seiner Dichtung De rerum natura ("Über die Natur der Dinge") eine "Welt aus Atomen" beschrieben, die neben der antiken Atomistik allgemein und trotz der damit verbundenen Leugnung Gottes auch das Mittelalter beeinflussen sollte. Isidor von Sevilla (†636) und Beda Venerabilis (†735) erwähnen in ihren Schriften zwar die Atomlehre, doch war in der Folgezeit der Atombegriff eher mit den kleinsten Elementen in Ordnungssystemen wie Zeit (Augenblick), Zahl (Eins) oder Text (Buchstabe) verbunden. Eine physikalische Atomtheorie entwickelte sich wieder in Anschluss an die Aristotelesrezeption des hohen Mittelalters. "Mathematischer Atomismus" beschäftigte sich mit Kontinuitäten und Teilbarkeiten (qualitätslose Atome als kleinste Teilchen), die Frage der Existenz eines Vakuums "zwischen den Atomen" wurde diskutiert. Eine Weiterentwicklung der Atomistik erfolgte dann erst in der frühen Neuzeit. [Buhlmann, 10.2008]

Pabst, Angela (2003), Die athenische Demokratie (= BSR 2308), München 2003 > A Athenische Demokratie

Padova, Thomas de (2013), Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit (= Piper 30628), München 2015, 349 S., Schwarzweißabbildungen, Zeittafeln, € 10,99. Der Engländer Isaac Newton (*1642/43-†1727), Mathematiker, Physiker, Verfasser der Principia über die (Himmels-) Mechanik sowie der Opticks (1704), Abgeordneter im englischen Unterhaus m Gefolge der Glorious Revolution (1688/89), Präsident der Londoner Royal Society (1707) und Aufseher bzw. Direktor der Londoner Münzanstalt (1696), und der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz (*1646-†1716), Erfinder von mechanische Rechenmaschinen (1672/76; Bitcodierung von Zahlen 1679), Hofbibliothekar im Herzogtum Hannover (1677), Präsident der Berliner Sozietät der Wissenschaften (1700) und Verfasser der Neuen Abhandlungen über den menschlichen Verstand (1705), der Théodicée (1710) und der Monadologie (1712/14), stehen für den Aufbruch der (experimentellen Natur-) Wissenschaft(en) im 17. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund von massiven Entwicklungen im Bereich mechanischer Uhren (Pendeluhr, Federuhr [Unruhe], Minuten- und Sekundenzeiger, wahre Sonnenzeit, wahre mechanische Zeit und Zeitgleichung, Längengradbestimmung in der Seefahrt), aber auch vor dem Hintergrund des Streites um die Entdeckung der Differenzial- und Integralrechnung (mathematischer Briefwechsel zwischen Newton und Leibniz 1676, Prioritätsstreit 1711/12) nahmen Newton und Leibniz unterschiedliche Positionen in Bezug auf die Charakterisierung von Zeit ein. Wie insbesondere aus dem Briefwechsel zwischen Leibniz und dem Newtonanhänger Samuel Clarke (1715) hervorgeht, präferierte Newton die Setzung eines absoluten Raumes mit einer ebenso absoluten Zeit (objektives Zeitmaß), während Leibniz die Zeit kausal (aufeinanderfolgend), relational, beobachtbar und daher gedanklich verstand (Kausalstruktur der Welt) und damit abhängig vom Geschehen in der Welt (Raum, Zeit, Materie). Im 18. und 19. Jahrhundert setzte sich in der physikalischen Wissenschaft die newtonsche Idee des absoluten Raums und der absoluten Zeit durch. Die kausale Zeittheorie Leibniz' bildet aber eine Grundlage für die Betrachtung der Raumzeit in der Relativitätstheorie Albert Einsteins (Ursache und Wirkung, "Relativität der Gleichzeitigkeit", Lichtgeschwindigkeit und räumliche Entfernung), die absolute Zeit Newtons ist u.a. die Zeit der Quantenphysik, beide Zeitauffassungen stellen somit unterschiedliche Wahrnehmungen auf die Welt dar. Hinzu kommt die Betrachtungsweise der Zeit als soziale Zeit, als zeitlicher Bezugsrahmen für menschliche Gesellschaften mit ihren (Erinnerungs-) Kulturen (Zeitstandards, Zeitmentalitäten). [Buhlmann, 07.2015]

Pagenstecher, Wolfgang (1947), Burggrafen- und Schöffensiegel von Kaiserswerth, in: DJb 44 (1947), S.117-154 > K Kaiserswerth

Pagels, Elaine (2013), Apokalypse. Das letzte Buch der Bibel wird entschlüsselt, München 2013, 219 S., € 19,95. Johannes von Patmos, später angeblich identifiziert als Verfasser des Johannesevangeliums und als Jünger von Jesus Christus, schrieb um das Jahr 90 n.Chr. - als Jude in jüdischer Tradition und als Anhänger des Messias Jesus Christus - unter dem Eindruck der Zerstörung Jerusalems durch die Römer (70 n.Chr.) die Offenbarung (Apokalypse) des Johannes über das Weltende und das Reich Gottes (römisches Reich als "Babylon", römischer Kaiser als "Tier"). Die Johannes-Offenbarung reiht sich damit ein in eine Reihe von (apokryphen) Offenbarungen (Nag-Hammadi-Codex: Zostrianus, Petrusapokalypse, Salathiel-Esra, Johannesapokryphon, Jakobusbrief, Dialog des Erlösers, Allogenes, Philippusevangelium), die den Gläubigen zu dessen spiritueller Identifizierung mit Gott und Christus auffordern. Die Offenbarungen, auch gerade die des Johannes, spielten vom 2. bis beginnenden 4. Jahrhundert in der Zeit der Christenverfolgungen im römischen Reich eine wichtige Rolle; die Verfolgungen (der Heidenchristen) wurden als Bestätigung für die Richtigkeit der Johannes-Offenbarung genommmen; prophetische Bewegungen wie die der Montanisten in Kleinasien (160er-Jahre) nutzten die Johannes-Offenbarung, während kirchliche Amtsträger sie teils als Häresie verdammten, teils (Justin der Philosoph, Irenäus von Lyon) als echt prophetisch ansahen. Der Kirchenlehrer Tertullian (†ca.230) forderte in seinen Schriften die Trennung von Politik und Religion, doch brachte die konstantinische Wende (312; Kaiser Konstantin, 306-337) ein Zusammengehen von Kaiser, Reich und Christentum mit einer von daher staatstragenden katholischen Amtskirche. Die Johannes-Offenbarung erfuhr daraufhin eine inhaltliche Umdeutung ("Feinde Gottes" als christliche Häretiker und Anhänger des Antichrists). Die Amtskirche setzte sich gegenüber spirituellen Bewegungen durch wie Bischof Athanasius von Alexandrien (†373) gegenüber dem ägyptischen Mönchtum (Antonius der Einsiedler, Pachomius); die Kirche schob sich (vollends) zwischen den Gläubigen und Gott. Athanasius war es auch, der für Ägypten die apokryphen Offenbarungen als häretisch verbot, hingegen die Johannes-Offenbarung in den Kanon der neutestamentlichen Schriften aufnahm (Osterfestbrief von 367 <-> Bücherkanon des Bischofs Kyrill von Jerusalem [ca.350], kleinasiatischer Bücherkanon [363] ohne die Offenbarung). [Buhlmann, 03.2013]

Paravacini, Werner (1994), Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters (= EdG 32), München 1994 > A Adel

Patrologia Latina (PL) ist die 217 Druckbände und vier Registerbände umfassende Reihe der von Jacques Paul Migne (*1800-†1875) zwischen 1844 und 1855 herausgegebenen Texte lateinischer Schriften, Urkunden u.a. kirchlicher Schriftsteller und Amtspersonen von den antik-patristischen Anfängen bis zu Papst Innozenz III. (1198-1216).
U.a. sind damals erschienen oder später nachgedruckt worden: Bd.1-2 (1844): Quintus Septimius Florens Tertullianus, Opera omnia, hg. v. Jacques Paul Migne, 2 Bde., Paris 1866, DM 120,- > T Tertullian; Bd.59 (1847): Sanctorum Gelasii I papae, Aviti, Faustini necnon Joannis diaconi, Juliani Pomerii et duorum anonymorum opera omnia, hg. v. Jacques Paul Migne, Paris 1847, Nachdruck Turnhout 1997, € 29,-; Bd.106 (1851): Gregorii IV, Sergii II pontificum Romanorum, Jonae, Freculphi, Frotharii Aurelianensis, Lexoviensis et Tullensis episcoporum opera omnia, hg. v. Jacques Paul Migne, Paris 1851, Nachdruck Turnhout 1997, € 49,-; Bd.117 (1852): Haymonis Halberstatensis episcopi opera omnia, hg. v. Jacques Paul Migne, Paris 1852, Nachdruck Turnhout 1995, € 39,-; Bd.123 (1852): Usuardi martyrologium ..., sancti Adonis opera, hg. v. Jacques Paul Migne, Paris 1852, Nachdruck Turnhout 1983, € 29,-; Bd.174 (1854): Venerabili Godefridi abbatis Admontensis Opera omnia, hg. v. Bernard Pez, Paris 1854, Nachdruck Turnhout 1997, € 49,-; Bd.209 (1855): Martini Legionensis, Wilhelmi abbatis sancti Thomae de Paraclito opera omnia, hg. v. Jacques Paul Migne, Paris 1855, Nachdruck Turnhout 1982, € 26,-; Bd.214 (1855): Innocentii III Romani pontificis opera omnia, Tl.1, hg. v. Stephan Baluzius, Paris 1855, Nachdruck Turnhout 1986, € 41,-. [Buhlmann, 03.2016, 02.2017]

Patschovsky, Alexander (1993), Das Rechtsverhältnis der Juden zum deutschen König. Ein europäischer Vergleich, in: ZRG GA 110 (1993), S.331-371 > J Juden im Mittelalter

Patzold, Steffen (2012), Das Lehnswesen (= BSR 2745), München 2012, 128 S., 1 Übersicht, € 8,95. Die Anfänge eines angeblich "europäischen Lehnswesens" mit feudo-vasallitischer Grundlage sind nicht in der frühkarolingischen Zeit des 8. Jahrhunderts (Karl Martell und die Säkularisation von Kirchengut, vassi u.a.) zu suchen, sondern allgemein in frühmittelalterlichen Leiheformen (Prekarie als Landleihe u.a.) zu finden, die erst an der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert in wohl meist wirtschaftlich fortgeschrittenen Regionen wie Oberitalien, Flandern oder Südfrankreich/Katalonien durchaus zu Formen von Lehnswesen führten (Valvassorengesetz Kaiser Konrads II. von 1037), während im normannischen England des Hochmittelalters das Lehnswesen neben einer starken königlichen Zentralgewalt stand. Gerade die juristische Einordnung des Lehnswesens in Oberitalien (Libri feodorum des 11. und 12. Jahrhunderts) sollte unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) die lehnsrechtliche Ausgestaltung von (Königs-) Herrschaft in Deutschland nördlich der Alpen stark beeinflussen (Privilegium minus von 1156, Kaisertum als beneficium des Papstes 1157, Gelnhäuser Urkunde von 1180). Aus den hochmittelalterlichen Anfängen entwickelte sich im deutschen Reich des Spätmittelalters ein vielschichtiges, flexibel zu nutzendes Lehnswesen (verschiedene Arten von Lehen vom Mann- bis zum Geldlehen), das z.B. in den Landesherrschaften herrschaftsverdichtend wirkte und auch personale Bindungen über Herrschaften hinweg zuließ ("Vasallitätspolitik" der deutschen Herrscher). Lehnbücher des späten Mittelalters oder die lehnsrechtlichen Theorien von Juristen des 16. Jahrhunderts stehen dann am Ende eines unterschiedlich gearteten und unterschiedlich interpretierbaren mittelalterlichen Lehnswesens. Daher sind auch die verschiedenen historisch belegten Formen von Lehen und Lehnswesen nur bedingt bis entfernt vergleichbar mit der Theorie des "klassischen Lehnswesens", die auf bestimmten personalen (Vasallität [Vasall: Mann, Mannschaft/hominium, Treue, consilium et auxilium; Herr: Treue, Schutz, Schirm) und dinglichen Beziehungen (Lehen [Herr: Verleihung/Investitur; Vasall: Nutzung]; Betonung der dinglichen Komponente) fußt. [Buhlmann, 03.2012]

Patzold, Steffen (2013), Ich und Karl der Große. Das Leben des Höflings Einhard, Stuttgart 2013, 407 S., Farbtafeln, Pläne, Karte, Zeittafel, Stammtafel, € 26,95. Einhard (*ca.770-†ca.840), wohl aus nur mittelmäßig begüterter ostfränkischer Familie aus dem Maingau stammend (Vater Einhard?, Mutter Engilfrit?), wurde auf Grund seiner körperlichen Schmächtigkeit von den Eltern ins Kloster Fulda gebracht zur Erziehung in der äußeren Klosterschule. Einhard erhielt in den 770er/780er-Jahren eine umfangreiche lateinische Ausbildung, zeichnete sich wohl auch schon früh durch seine überragende Intelligenz aus. Für das Kloster Fulda war er als Urkundenschreiber tätig (Urkunde betreffend eine Schenkung Einhards und Engilfrits an das Kloster Fulda). Vor dem Hintergrund der Maßnahmen des Frankenherrschers Karl des Großen (768-814) zur Bildungsreform in Frankenreich (Admonitio generalis 789) gelangte Einhard an den Aachener Hof des Königs (n.791 bzw. 794?), wo er als (junger) Höfling ("Nardulus", "Nardus") inmitten von Konkurrenz und Intrigen (Hofgedicht des Theodulf 796) bestehen musste. Einhard war einer der Ratgeber Karls, bewandert in lateinischer Dichtkunst und den bildenden Künsten (Architektur?; "Beseleel") und war auch in diplomatischen Missionen unterwegs (Überbringung der Divisio regnorum an Papst Leo III. [795-816] 806). Unter Karls Sohn und Nachfolger Ludwig den Frommen (814-840; Einhards Eintreten für Ludwig in der Nachfolgefrage) blieb Einhard am Aachener Hof und wurde zudem engster Ratgeber des Ludwig-Sohns Lothar (I., 817-855); Ludwig beschenkte ihn (und Einhards Ehefrau Emma) mit grundherrschaftlichen Besitz in Michelstadt (im Odenwald; Schenkung des Besitzes [mit Kirchen] an das Kloster Lorsch 819) und Mulinheim (Seligenstadt im Maingau [mit Kirche]) (815) und machte ihn zum (Laien-) Abt von St. Peter (bei Gent, 815; Immunität und Königsschutz 815, wirtschaftlicher Ausbau des Kloster), St. Bavo (in Gent, 816; Besitzinventar?), St. Servatius (in Maastricht; Klerikergemeinschaft, Reliquienbeschaffung in der 820er-Jahren und [verloren gegangenes] Kreuzreliquiar), Saint-Cloud (in Paris; Kloster) und St. Peter (in Fritzlar) (Benefizien als Lebensunterhalt, Einhard-Eintrag im St. Galler Verbrüderungsbuch). Einhard unterstützte den Kaiser bei dessen Reformmaßnahmen (Aachener Synoden 816, 817; Ordinatio imperii 817; Kapitulariengesetzgebung). Einhard gelang der Erwerb der Körperreliquien der römischen Heiligenmärtyrer Marcellinus und Petrus, die zunächst in die (bis 827) neu errichtete (Einhards-) Basilika in Michelstadt, schließlich aber in das Kirchenhaus in Mulinheim (Bau der Einhardsbasilika ab 829?) kamen (827/28 [Diebstahl der Reliquien, Auseinandersetzungen mit Hilduin]; Einhards Gründung des Mulinheimer Klosters, Einhards Schrift Translatio ss. Marcellini et Petri 830). In den 820er-/830er-Jahre entfremdete sich Einhard immer mehr dem Aachener Hof Kaiser Ludwigs. Seine Vita Karoli Magni ("Leben Kaiser Karls des Großen"), wohl 829 verfasst, diente dazu, die für Einhard unvermeidliche Trennung vom Hof zu befördern. Doch noch 830 war er für den Kaiser im Einsatz (Mahnbrief an Kaiser Lothar I.), wohl ab dem Sommer 830 hielt er sich meistens in Mulinheim auf, unterbrochen nur durch sporadische Reisetätigkeiten zu seinen Klöstern und an den kaiserlichen Hof. Im Dezember 835 starb Einhards Ehefrau Emma, die Schrift De adoranda cruce (836) verschaffte dem Witwer immerhin einen gewissen Trost, vielleicht auch Kaiser Ludwig, der Einhard Juni/Juli 836 in Mulinheim besuchte. Überliefert ist zum Jahr 837 ein Brief Einhards an Ludwig betreffend die Erscheinung des (Halleyschen) Kometen. Zum Jahr 839 wird der gelehrte Höfling letztmalig in einer Urkunde des Klosters St. Bavo erwähnt. Am 14. März wahrscheinlich 840 ist Einhard verstorben und in Mulinheim neben seiner Frau beigesetzt worden; die Grabinschrift verfasste Hrabanus Maurus (†856). > Lateinische Literatur > E Einhard [Buhlmann, 12.2013]

Paulus, Nikolaus (1922/23), Geschichte des Ablasses im Mittelalter, Bd.I-II: Vom Ursprung bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, 2 Bde., 1922, Nachdruck Darmstadt 22000, LXXXVII, 430 S., VII, 392 S., Bd.III: Geschichte des Ablasses am Ausgang des Mittelalters, 1923, Nachdruck Darmstadt 22000, XV, 605 S., DM 49,90. Ablass ist die zeitliche Verminderung der kirchlichen Bußen im Diesseits und der (zeitlichen) Sündenstrafen im Jenseits. Dabei hatte der Ablassgedanke bis zu spätem Mittelalter und früher Neuzeit schon eine lange Tradition und Transformation hinter sich. Entstanden aus der kirchlich-kanonischen Bußpraxis des frühen und hohen Mittelalters - der Übergang von der öffentlichen zur privaten Buße mit der nach der Beichte erteilten Absolution spielt hier eine Rolle -, entwickelte sich ab dem 11. Jahrhundert im Umfeld von Sünde, Schuld und Strafe, von Reue, Vergebung und Absolution der Ablass als Nachlass der Buß- und Sündenstrafen auf Grund der von Bußpriestern, Bischöfen und Päpsten vermittelten kirchlichen Schlüsselgewalt (Binde- und Lösegewalt); die die Strafe verursachende Sündenschuld wurde dagegen durch Reue, Beichte und Absolution vergeben, der Sünder gelangte dadurch in den Stand der Gnade, die der Ablass voraussetzte; die Schuld schließlich war durch die Sünden des Sünders angehäuft. Im Verlauf des späteren Mittelalters entfaltete sich variantenreich eine vielfältige Ablasspraxis, in der neben vollkommenen Ablässen wie dem Kreuzzugsablass, dem Ablass für ein Jubeljahr oder dem für verdiente Personen eng begrenzte, zeitlich zwischen 40 Tagen und einem Jahr reichende Ablässe standen. Grundlage zur Gewinnung des Ablasses durch den Gläubigen waren die (Ablass-) Werke der Frömmigkeit, d.h. Kirchenbesuch und Almosen, Reliquienverehrung, Unterstützung von Kirchenbau und -ausschmückung, Unterstützung der Kreuzzüge, Unterstützung von wohltätigen Einrichtungen; dies alles erfolgte durch Teilnahme, Arbeit oder Geld. Dem überirdisch wirkenden Ablass als Zeugnis des christlichen Glaubens und der Jenseitsverantwortung der mittelalterlichen Christenheit entsprach seine zunehmende Verwendung für die Verstorbenen im Fegefeuer. Ablass bedeutete die "Nachlassung aller Sünden" und ersetzte die infolge der (lässlichen, schweren) Sünden auferlegten (kanonischen) Bußen; im Diesseits geschuldete Bußen wurden dabei - so die kanonisch gewordene Theorie des Ablasses - durch den sich aus den Verdiensten Christi und der Heiligen speisenden Kirchenschatz abgegolten; für nicht gebüßte oder abgelassene Sünden hatte der Gläubige die Strafe im Fegefeuer abzubüßen. Die überbordende Ablasspraxis des Spätmittelalters mit ihren zahlreichen Auswüchsen (Aufhebung von Ablässen, Ablasszwang, Verhalten der Kollektoren, Ablässe mit kirchlichen oder weltlichen Vergünstigungen) sollte dann im Zeitalter der Reformation auf Widerspruch stoßen, während der Ablass auf katholischer Seite z.B. beim Konzil von Trient weiter Zustimmung fand. [Buhlmann, 09.2013]

Pauly, Michel (2011), Geschichte Luxemburgs (= BSR 2732), München 2011, 128 S., 2 Karten, € 8,95. Auf dem heutigen Luxemburger Staatsgebiet sind alt- (-11500 v.Chr.), mittel- (11500-5200 v.Chr.) und jungsteinzeitliche (5200-2000 v.Chr.) Funde von homo erectus, sapiens neanderthalenis und sapiens sapiens, einsetzend vor 350000 Jahren, nachgewiesen (Gutland: altsteinzeitliche Einzelfunde; Reuland: mittelsteinzeitliche Bestattung; Schengen: Bandkeramik [5200-4900 v.Chr.]; Waldbillig: Rössener Kultur [4900-4300 v.Chr.]; Altwies: Glockenbecherkultur [2450-2000 v.Chr.]). Eisenzeitlich ist die Kultur der keltischen Treverer (oppidum Titelberg, Gräber von Küntzig und Göblingen [1. Jahrhundert v.Chr.]). Seit der Einbeziehung Galliens in das römische Reich (58/51 v.Chr.) war der sich nun romanisierende Luxemburger Raum Teil der römischen civitas Treverorum mit ihren Straßenverbindungen, Kleinstädten, Handwerkersiedlungen, Marktorten und Gutshöfen (vicus Dalheim, villae rusticae im Gutland; Echternach: villa; Igel: Grabmal [3. Jahrhundert n.Chr., 1. Hälfte]). Die ab 260/75 einsetzenden Germaneneinfälle mündeten in das spätantik-christliche römische Reich, in germanischer "Landnahme" (romanisch-germanische Sprachgrenze) und (relativem) "Kulturbruch" (der Merowingerzeit) zwischen Antike und Mittelalter. Die frühmittelalterliche Christianisierung des Luxemburger Raums lässt sich in Beziehung setzen zum angelsächsischen Missionar Willibrord (†739), der 697/98 die Abtei Echternach gründete (Schenkung der Irmina von Oeren; Äbte Adelbert [739-777] und Beonrad [777-797]; Willibrordvita [ca.796]; Skriptorium und Handschriften des 8. bis 11. Jahrhunderts). Der politische Zerfall des karolingischen Frankenreichs (ab 840) machte den Luxemburger Raum zum Teil Lotharingiens (regnum, Herzogtum), schließlich (ab 925) zum Teil des ostfränkisch-deutschen Reich. Die Luxemburger Grafen in der Grenzregion zwischen entstehendem Frankreich und deutschen Reich leiteten sich von Siegfried (963-998), dem Grafen im Mosel- und Bidgau aus dem Haus der lothringischen Ardennerherzöge, her (963/87 Burg Luxemburg [St. Maximianer Grundherrschaft Weimerskirch]; 964 Burg Saarburg; Kirchenvogteien über St. Maximian und Echternach). Unter den Ardennergrafen entwickelte sich der Ort Luxemburg zu einem wirtschaftlichem (Markt) und kirchlichem (1083 Benediktinerkloster) Zentrum (1175 Luxemburger burgenses; 1225 Luxemburg als burgus, opidum). Mit dem Aussterben der Ardennergrafen beim Tod Konrads II. von Luxemburg (1130-1136) gelangte die Grafschaft an Graf Heinrich IV. (I.) von Namur (1136-1196). Dynastisch-politische Streitigkeiten um Namur und Luxemburg, in die sich auch der staufische König Heinrich VI. und der Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg einschalteten, führten dazu, dass Theobald von Bar (1196-1214) sich in Luxemburg durchsetzen konnte (Vertrag von Dinant 1199). Nach Theobalds Tod heiratete dessen Frau Ermesinde Walram III. von Limburg (1214-1216) und übte bis zu ihrem Tod eine auf Vormundschaft und Mitherrschaft basierende Regentschaft aus (1216-1247). Ermesindes Sohn Heinrich V. (1235/36/47-1281) verfügte über die Grafschaft Luxemburg und die Nebenländer La Roche, Durbuy und Arlon. Stadtrechte und Freiheiten, Kennzeichen für die territoriale Entwicklung der Luxemburger Landesherrschaft im 13. Jahrhundert, erlangten die Orte Echternach (1236), Luxemburg (1244), das neu gegründte Grevenmacher (1252), Bitburg (1262) und Arlon (v.1268). Erbfolgestreitigkeiten um das Herzogtum Limburg endeten 1288 mit der Schlacht bei Worringen, in der Graf Heinrich VI. (1281-1288) den Tod fand. Heinrichs Sohn Heinrich VII. (1288-1313) verband sich durch Heirat mit dem siegreichen Haus Brabant, als deutscher König (1308-1313) führte er einen Romzug (1312 Kaiserkrönung) durch und einen Heerzug gegen den König von Neapel, auf dem er starb. Zuvor (1310) hatte der König seinen Sohn Johann (1310/13-1346) mit dem Königreich Böhmen belehnt; aus dem Luxemburger Grafenhaus wurde damit eine Dynastie europäischen Ranges, zumal Heinrichs VII. Bruder Balduin Erzbischof von Trier (1307-1354) war. Johanns Sohn Karl (IV., 1347-1378) war wiederum ein Luxemburger auf dem deutschen Königsthron, der seinem Halbbruder Wenzel I. (1353-1383) das 1354 zum Herzogtum erhobene Luxemburg überließ. Wenzel setzte die Erwerbs- und Konsolidierungspolitik seines Vaters fort (1337/64 Erwerb der Grafschaft Chiny; 1340 Schobermesse; 1378 Erwerb der Herrschaft Schönecken). Mit dem Tod Wenzels I. fiel Luxemburg an Wenzel II. (1383-1388), den Sohn Kaiser Karls IV. und deutschen König (1378-1400/19), der 1388 das Herzogtum an seinen Vetter Jobst von Mähren (1388-1411) verpfändete. Die Zeit der Pfandherrschaften über Luxemburg brachte es mit sich, dass sich gegen die Herrschaft der Elisabeth von Görlitz (1411-1441) und ihrer Ehemänner der deutsche König Sigismund von Luxemburg (1411-1437) nicht durchsetzen konnte. Stattdessen geriet das Herzogtum zunehmend unter Einfluss des burgundischen "Zwischenreichs", zumal das Luxemburger Haus mit Sigismund im Mannesstamm ausgestorben war. Herzog Philipp der Gute (1419-1467) gelang mit dem Erwerb der Pfandrechte die Inbesitznahme Luxemburgs (1443/62), der - besonders unter Herzog Karl dem Kühnen (1467-1477) - eine Zentralisierung von Herrschaft gegen die Interessen der Stände(versammlung) folgte (1477 Diedenhofener Ordonanzen). Mit dem Tod Karls des Kühnen (1477) fiel u.a. das Luxemburger Herzogtum an die Habsburger. Luxemburg befand sich in der frühen Neuzeit politisch zwischen dem Königreich Frankreich und der Habsburgermonarchie (1544 Frieden von Crecy), einbezogen in die spanische Niederlande und die habsburgische Verwaltung mit ihren Provinzgouverneuren (1531/1623 luxemburgisches Gewohnheitsrecht; 1594 Recht zur Steuererhebung der Luxemburger Stände). Die Reformation drang in das Luxemburger Herzogtum nicht ein; stattdessen verbreiteten sich im 16. und 17. Jahrhundert Hexenwahn und -verfolgung (1692 letzter Hexenprozess). Die kriegerischen Konflikte des 17. und 18. Jahrhunderts führten zu französischen Besetzungen von Festung und Herzogtum Luxemburg (französische Belagerung und Eroberung von 1684; französische Besetzung Luxemburgs während des Spanischen Erbfolgekriegs 1701-1714). Nach dem Frieden von Rastatt (1714) fiel das Herzogtum an die österreichischen Habsburger (Reformen unter Maria Therasia, Josephinismus). Mit der Französischen Revolution (1789) und der Besetzung durch Frankreich (1792; 1794/95 Belagerung und Kapitulation der Festung Luxemburg) wurde aus dem Herzogtum im Wesentlichen das Département des Forêts innerhalb der französischen Republik und der Monarchie Napoleons (Säkularisationen, Kriegsdienst). Der Wiener Kongress (1815) ließ das Großherzogtum Luxemburg unter dem König der Vereinigten Niederlande Wilhelm I. von Oranien-Nassau (1815-1840) als Teil des Deutschen Bundes entstehen. Mit dem Londoner Vertrag (1839) wurde die Abtrennung des Westteils des Großherzogtums an Belgien allgemein anerkannt. Der Revolution von 1848 folgte eine Phase der Restauration, 1867 die politische Krise um die Festung Luxemburg. Das Großherzogtum wurde 1871 nicht Teil des deutschen Reiches, war mit diesem aber wirtschaftlich (industrielle Revolution, Stahlindustrie) aufs Engste verbunden. Seit 1890 gab es die niederländisch-luxemburgische Personalunion nicht mehr. Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurde Luxemburg von deutschen Truppen besetzt, 1919 blieb der Staat eine Monarchie (1920/21 Wirtschaftskrise; 1929 Weltwirtschaftkrise). Auch im Zweiten Weltkrieg wurde das Großherzogtum deutsch besetzt (Eindeutschungsmaßnahmen, nationalsozialistischer Terror), der Wiederaufbau der Nachkriegszeit (wirtschaftliche Diversifizierung, Luxemburg als Finanzplatz, Wohlfahrtsstaat) ging einher mit dem europäischen Integrationsprozess (1951 EGKS ["Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl"]; 1957 EWG; 1992 Maastrichter Vertrag; Großregion Luxemburg - Lorraine - Saarland - Rheinland-Pfalz - Wallonien). [Buhlmann, 04.2012]

Penning, Wolf D. (2008), Vom Pagen am kurfürstlichen Hof zum Komtur des Deutschen Ordens. Zur Jugend- und Familiengeschichte Caspar Antons von Belderbusch, in: AHVN 211 (2008), S.103-155, behandelt Kindheit, Jugend und Erziehung des Caspar Anton von der Heyden gen. Belderbusch (*1721-†1784). 1741/42 war Caspar Anton Page am kurkölnischen Hof, begleitete den Kölner Erzbischof Clemens August von Bayern (1723-1761) zu Kaiserwahlen und Kaiserkrönungen (1741/42, 1745, 1751/52), trat 1748 in den Deutschen Orden ein, dessen Komtur in Ramersdorf er mit erzbischöflicher Protektion schon 1749 wurde. Penning, Wolf D. (2012), Kurkölnischer Hofkammerpräsident und Koadjutor des Landkomturs. Der Aufstieg Caspar Antons von Belderbusch am Hofe Clemens August und im Deutschen Orden von 1751-1761, in: AHVN 215 (2012), S.17-71, beleuchtet die weitere Karriere Caspar Antons am Hof des Kölner Erzbischofs und Hochmeisters des Deutschen Ordens Clemens August; Caspar Anton wurde 1752 Komtur der Deutschordenskommende Ordingen (innerhalb der Deutschordensballei Altenbiesen), war 1755/56 auf der Italienreise des Erzbischofs und Kurfürsten für die Reisekasse zuständig (Reisekostenabrechnung von 1756), wurde 1756 Mitglied der erzstiftischen Ritterkurie, - im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) und in Jahren desolater Finanzen im Erzbistum Köln - Hofkammerpräsident und Geheimer Rat, zudem Oberbaukommissar und Intendant des Bonner Hoftheaters, war 1757 kurzfristig Gesandter des Kurfürsten am französischen Hof, wurde im selben Jahr Komtur von Aachen und Koadjutor des Landkomturs der Ballei Altenbiesen; der Tod seines kurfürstlichen Gönners am 6. Februar 1761 hatte dann entscheidenden Einfluss auf die weitere Karriere Belderbuschs. Caspar Anton von Belderbusch starb dann am 2. Januar 1784; Penning, Wolf D. (2009), Pour enrichir sa famille (I). Das Testament des Landkomturs des Deutschen Ordens und kurkölnischen Staatsministers Caspar Anton von Belderbusch von 1781, in: AHVN 212 (2009), S.267-314 und Penning, Wolf D. (2011), Pour enrichir sa famille (II). Der Nachlass des Landkomturs des Deutschen Ordens und kurkölnischen Ersten Staatsministers Caspar Anton von Belderbusch (1722-1784), in: AHVN 214 (2011), S.99-167, beleuchten das Testament Caspar Antons und die Erbschaftsangelegenheiten nach dem Tod des kurkölnischen Staatsministers. Gemäß Penning, Wolf D. (2011), Eine unglückliche Eingabe an den Kurfürsten. Johann von Beethoven und der kurkölnische Erste Staatsminister Caspar Anton von Belderbusch. Eine kriminalistische Spurensuche, in: AHVN 214 (2011), S.169-185, versuchte Johann von Beethoven (†1792), Mitglied der kurfüsrtlichen Hofkapelle und Vater des berühmten Komponisten Ludwig von Beethoven, aus dem Tod des Caspar Anton von Belderbusch als "Trittbrettfahrer" mit überzogenen Forderungen und Täuschungen (Fälschung einer Unterschrift) Gewinn zu ziehen, was jedoch gründlich misslang. [Buhlmann, 06.2013]

Penning, Wolf D. (2013), ... daß hierin verschiedne Mißbräuch und fremden sogar in die Augen fallende unanständige Unordnungen eingeschlichen ... Zum Zustand des höfischen Zeremoniells sowie zur Nutzung des Neuen Appartements und weiterer Räumlichkeiten in der Bonner Residenz unter dem Kölner Kurfürsten Maximilian Friedrich, in: AHVN 216 (2013), S.155-190. Unter dem Kölner Kurfürsten Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels (1761-1784) war Freiherr Joseph Clemens von der Vorst zu Lombeck und Lüftelberg Obristhofmarschall (1766) bzw. Obristkämmerer (1770). In diesen Funktionen kümmerte sich von der Vorst auch um das Hofzeremoniell am Hof des Kurfürsten (Promemoria über den Zugang zur kurfürstlichen Tafel 1770, Entwurf einer "Erneuerten Kammerordnung" 1770, Verordnung über den Hoftheaterbesuch 1771, [Schreiben an den Kölner Kurfürsten Maximilian Franz (1784-1801) von 1784]). (Nicht nur) im Zeitalter von "Absolutismus" und Barock spielte das Hofzeremoniell als Regelwerk am landesherrlichen Hof des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten eine wichtige Rolle bei der repräsentativen Darstellung von Herrschaft und Macht im architektonischen Rahmen des Bonner Residenzschlosses (Neues Appartement, hinteres Kabinett, Große Galerie, Speisesäle). Jedoch wurden Hofzeremoniell und Etikette nach Einschätzung des konservativen von der Vorst nur unzureichend befolgt. Während der Regierung Maximilian Friedrichs wurde die Zahl der Kämmerer und Titularkämmerer stark verringert (1783: 127), Ausfluss von Sparmaßnahmen und des mehr das Private Betonende des Kurfürsten (Neues Appartement als Rückzugsmöglichkeit). [Buhlmann, 05.2014]

Penning, Wolf D. (2014), Caroline von Satzenhoven - Äbtissin von Vilich (1728-1785) und Lebensgefährtin des Landkomturs und kurkölnischen Ministers Caspar Anton von Belderbusch. Dokumente und Materialien zu einer Biographie, in: AHVN 217 (2014), S.149-191, Stammtafel. Johanna Caroline Gräfin von Satzenhofen (*1728-†1785) gehörte der (ursprünglich) bayerischen Adelsfamilie der Satzenhofen im Umfeld der Kölner Kurfürsten und Erzbischöfe an. Auf Grund einer "ersten Bitte" (Preces) des wittelbachischen römisch-deutschen Kaisers Kaiser Karl VII. (1742-1745) erhielt Caroline 1747 eine Präbende am Frauenstift Nottuln, einer "Versorgungsanstalt des Adels". 1762 wurde sie Äbtissin im Damenstift Vilich. Nicht zuletzt war Caroline die langjährige Lebensgefährtin und Geliebte des kurkölnischen Ersten Ministers Caspar Anton von Belderbusch (1772-1784), was ihr jedenfalls eine "schlechte Presse" eintrug (Schmähschriften 1784). Sie beteiligte sich an der Umgestaltung des Schlosses Miel durch Belderbusch (1767/85) und sah sich nach dem Tod Belderbuschs veranlasst, selbst ein Testament zu verfassen (1784). Ein knappes Jahr später starb Caroline (1785). Porträts und Bildnisse (1772/84) zeigen sie zusammen mit dem Ersten Minister, aber auch als Villicher Äbtissin. [Buhlmann, 01.2017]

Penth, Sabine (2010), Die Reise nach Jerusalem. Pilgerfahrten ins Heilige Land (= Geschichte erzählt), Darmstadt 2010, 142 S., € 14,90. Betrachtet wird der Zeitraum von der Antike der römischen Kaiserzeit bzw. Spätantike bis zum Beginn der frühen Neuzeit. Die Wallfahrten ins Heilige Land reichen zurück bis in die 2. Hälfte des 2. und das 3. Jahrhundert, als christliche Bischöfe (Melito von Sardes, Alexander von Kappadokien), Geistliche (Pionius von Smyrna) und "Kirchenväter" (Clemens von Alexandrien, Origines) aus kirchlich-theologischem Interesse heraus Palästina besuchten. Erst die konstantinische Wende und vielleicht auch die Reise der Kaiserin Helena ins Heilige Land (angebliche Auffindung des Kreuzes Christi) beförderten seit dem 4. Jahrhundert die Wallfahrten zu den heiligen Stätten (Jerusalem, Bethlehem, Nazareth u.a.) aus Gründen der Frömmigkeit und der christlichen Verehrung (Heil und Reliquien) (Pilger von Bordeaux 333, Nonne Egeria 381/84, Paula und Hieronymus 385/86). In oströmisch-frühbyzantinischer Zeit kam es noch zu einer Ausweitung des Pilgerwesens (Kaiserin Eudokia 438/39/60, Pilger von Piacenza ca.570). Mit der islamischen Eroberung Palästinas änderten sich die bis dahin geltenden politischen Rahmenbedingungen; trotzdem blieben Wallfahrten ins Heilige Land möglich (Bischof Arkulf ca.680, Willibald von Eichstätt 723, Mönch Bernhard ca.870) und erlebten im 10. und 11. Jahrhundert einen erneuten Aufschwung (Bischof Gunther von Bamberg 1065). Das Zeitalter der Kreuzzüge (1095/96-1291) war geprägt durch die "Wallfahrt in Waffen", die neben die unbewaffnete Wallfahrt trat (Saewulf von Malmesbury 1102, Wilbrand von Oldenburg 1211/12, Burchard von Monte Sion ca.1283). Die Mamlukenzeit in Ägypten und der Levante während des 14. und 15. Jahrhunderts befördete die Reisen ins Heilige Land weiter (Felix Fabri 1480/83, Bernhard von Breydenbach 1483, Konrad Grünemberg 1486/87, Pietro Casola 1494). Hinzu kamen nun die spätmittelalterlichen Bildungsreisen von Adligen und Fürsten (Pfalzgraf Ottheinrich 1521). Die osmanische Eroberung Syriens, Palästinas und Ägyptens (1516/17) sowie die Reformation in Europa entzogen am Ende des Mittelalters der Wallfahrt ins Heilige Land wesentliche Grundlagen. Die Reise nach Jerusalem hatte indes auch in der frühen Neuzeit eine wenn auch geringe Bedeutung. Dabei waren die Palästinareisen seit dem hohen Mittelalter meist Seereisen (von italienischen Handelsstätten bzw. von Venedig aus, "Pauschalreisen" des 15. Jahrhunderts, Besuch der heiligen Stätten in Palästina und Ägypten) und Pilgerfahrten (insbesondere von Mönchen und Nonnen) nicht unumstritten (Kritik an Wallfahrten durch Hieronymus, Gregor von Nyssa, Bernhard von Clairvaux). [Buhlmann, 04.2011]

Perdue, Theda, Green, Michael D. (2013), Die Indianer Nordamerikas (= RUB 19026), Stuttgart 2013, 200 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 6,60. I. Die Ureinwohner des nordamerikanischen Kontinents waren Nachfahren von wohl während der Eiszeit über die Beringstraße über Alaska nach Amerika gelangten Gruppen von menschlichen Jägern und Sammlern (vor 25000/11000 Jahren). Fassbar wird menschliche Existenz in Amerika - neben archäologischen Überresten in Monte Verde (Chile, vor 14500 Jahren) und in Paisley (Oregon, vor 14300 Jahren) - erstmals in den Speerspitzen der paläoindianischen Clovis-Kultur (Clovis in New Mexico, Jagd auf Bison und Mammut, vor 13300 Jahren). Die mit dem Ende der Eiszeit (vor 12900 Jahren) einsetzenden nicht nur klimatischen und geografischen Veränderungen ließen Jäger- und Sammlergruppen der großen nordamerikanischen Ebenen (Bisonjagd) und westlich und östlich davon entstehen (Jagdplätze der Nach-Clovis-Zeit, Bevölkerungswachstum). Dauerhaftere Bindungen menschlicher Gruppen an bestimmte Orte sind für die Zeit vor 6500 Jahren feststellbar. Im nordamerikanischen Südwesten breitete sich vor 3500/2000 Jahren durch Übernahme von Mais-, Bohnen- und Kürbisanbau aus Mexiko Ackerbau aus (Wohnbauten, Lagerhäuser und Dörfer, Keramik [Sesshaftigkeit]); als Ackerbaukulturen sind in Südarizona zwischen 900 und 1500 n.Chr. die Hohokam-Kultur (Bewässerungssysteme), in Utah-Colorado-New Mexico-Arizona die Anaszi-Kultur bis zum 15. Jahrhundert n.Chr. zu nennen. Im Osten Nordamerikas gelang an Ohio, Tennessee, Ilinois und Mississippi vor 3500 Jahren der Übergang zum Ackerbau; die Erdbauten und Grabhügel (Mounds) der bis um 400 n.Chr. bestehenden Hopewell-Kultur im südlichen Ohio verweisen auf eine hohe politische Organisation, auf Wirtschaft und Handel; im Südosten Nordamerikas entstand um 800/1000 n.Chr. die hierarchisch organisierte (Erdhügel), bäuerliche Mississippi-Kultur, die bis ins 16. Jahrhundert Bestand gehabt hatte. Alle Indianerkulturen beruhten auf Geschlechtertrennung (Patri- und/bzw. Matrilinearität) und auf einer starken Betonung von (auch fiktiven) wechselseitigen Verwandtschaftsverhältnissen, die die politischen Regeln der Innen- und Außenbziehungen von Stämmen bestimmten. Der politischen Zersplitterung der wahrscheinlich 5 bis 8 Millionen Bewohner Nordamerikas entsprach die Vielzahl von 400 indianischen Sprachen (Ende des 15./Anfang des 16. Jahrhunderts n.Chr.). II. Mit der "Entdeckung Amerikas" (1492) und der "Indianer" traten als Krankheiten (Pocken) und Gewalt verbreitende Invasoren und Kolonialmächte Spanien, England und Frankreich im nordamerikanischen Raum in Erscheinung. Die Spanier setzten sich in Florida (Gründung St. Augustines 1565) und New Mexico (1598) fest (spanisches Missionssystem), die Engänder an der nordamerikanischen Ostküste in Jamestown (1609), Plymouth (1620) und Boston (1629), die Franzosen kontrollierten einen Raum von Quebec (1608) bis Louisiana (Gründung von New Orleans 1718). Spätestens im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) setzten sich die Engländer gegenüber den Franzosen durch; die Siedlungs- und Handelsaktivitäten (Felle, Pelze, Waffen, indianischer Sklavenhandel) der englischen Kolonisten drängten indianische Stämme (Pequot-Mohegan, Mohawk, Irokesen, Powhatan, Shawnee, Miami, Potawotani, Chickasaw, Creek, Yamasee) trotz deren anhaltendem Widerstand (Powhaten-Kriege 1608/14, 1622/46, Pequot-Krieg 1636/38, Bacon's Rebellion 1676, Tecumseh-Krieg 1812/14) aus Neuengland, Virginia, den Carolinas und Georgia heraus. Die erfolgreiche Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika (1776) verschärfte die Situation der indigenen Völker noch, die Indianerpolitik der USA wurde von der Abtretung von indianischem Land und der Umsiedlung und Vertreibung von Indianern bestimmt (Zivilisierungsprogramm [Regierungsbeamte, Missionare; Beginn des 19. Jahrhunderts], Landkauf und Landabtretung [1830er-Jahre], Vertreibung der Indianer [1830/50]). Die indianischen Stämme im Westen, in den Plains (Iowa, Ponca, Omaha, Sioux, Wichita, Comanche, Ute, Apachen, Shoshone, Cheyenne, Navajo, Pueblo-Indianer) profitierten zunächst durch den Handel und die damit verbundene Verbreitung der von Europäern nach Nordamerika gebrachten Pferde (Bisonjagd mit Pferden, Handel mit Büffelfellen [19. Jahrhundert]), gerieten jedoch infolge des Kaufs des französischen Louisiana-Territoriums durch die USA (1803), des Krieges zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten (1846-1848) und des "Goldrauschs" in Kalifornien (1848) zunehmend in Gegensatz zu den vordringenden US-amerikanischen Siedlern (Apachen-Kriege 1860/90, Navajo-Krieg 1864/68, "Großer Sioux-Krieg" 1874/77, Massaker am Wounded Knee 1890). III. Nach dem Ende der Epoche der Indianerkriege (1890) wurde die weitgehend in Reservate abgedrängte indigene Bevölkerung Nordamerikas zunächst zum Opfer der US-amerikanischen Assimilierungs- (Schulen und Internate, handwerkliche Ausbildung) und Landzuteilungspolitik (Parzellierung und Zuteilung von Land). Erst ab den 1930er-Jahren setzte in den USA ein (auch kulturpolitischer) Wandel hin zu politischer Souveränität und wirtschaftlicher Autonomie der Indianer ein (Indian Reorganisation Act 1934, indianische Soldaten im Zweiter Weltkrieg [1940-1945], Eingliederung Alaskas in die USA 1959, Rohstoffvorkommen in Indianerreservaten, Stammessouveränität und Wirtschaftsentwicklung in den Reservaten [Tabak- und Benzinverkauf, Glücksspiel], Rücksschritten wie der Terminationspolitk (1950er-Jahre) zum Trotz. IV. Die Selbstbehauptung der Indianer fand neben Politik und Wirtschaft auch in der Betonung ihrer kulturellen Souveränität ihren Ausdruck (europäische Klischees ["Wildheit", "Primitivität", James Fenimore Coopers Roman "Der letzte Mohikaner", Western] und europäische Wissenschaft [Anthropologie] gegen die Vielfalt indianischer Kultur(en) [Sprachen, kulturelle Traditionen, Journalismus und Belletristik, Kunst, Bildungswesen]). [Buhlmann, 09.2013]

Pernoud, Régine (1976), Königin der Troubadoure. Eleonore von Aquitanien (= dtv 1461), München 91991 > T Turner, Eleonore von Aquitanien

Pernoud, Régine (1988), Die Heiligen im Mittelalter. Frauen und Männer, die ein Jahrtausend prägten, Bergisch-Gladbach 1988 > H Heilige des Christentums

Pernoud, Régine (1996), Hildegard von Bingen. Ihre Welt - ihr Wirken - ihre Visionen (= Herder Tb 4592), Freiburg i.Br.-Basel-Wien 1999 > H Hildegard von Bingen

Person-Weber, Gerlinde (2001), Der Liber decimationis des Bistums Konstanz. Studien, Edition und Kommentar (= FOLG 56), Freiburg i.Br.-München 2001, 519 S., DM 56,-. Nach langer Sedisvakanz (1268/71) wurde der Lütticher Archidiakon Tedaldo Visconti zum Papst (Gregor X., 1271/72-1275) gewählt. Als "Kreuzzugspapst" mit Erfahrungen in Outremer, den (Resten der) Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land (terra sancta), entwickelte Gregor X. Pläne zur Wiedergewinnung der Heiligen Stätten der Christenheit. Das 2. Konzil von Lyon (1274) sollte diesbezüglich Weichenstellungen geben (subsidium terre sancte als "Papstzehnt", Kreuzzugskonstitution Zelus fidei, unio Grecorum). Nach dem Konzil beschäftigte das Kreuzzugsunternehmen den Papst weiter (Kreuzzugsgelübde, Werbung). Der "Papstzehnt" reiht sich ein in eine Abfolge von Kreuzzugssteuern ab dem Jahr 1166 (England 1166; England, Frankreich 1185; Saladinszehnt 1188; Steuer Papst Innozenz' III. 1199). Er sollte über sechs Jahre zweimal im Jahr (Weihnachten, Geburtsfest Johannes' des Täufers) von geistlichen Personen und Würdenträgern gezahlt werden, wobei die Ritterorden davon befreit waren und sich die Zisterienser durch Ablösegeld davon befreiten. Es gab eine Steuerfreigrenze, Stiftungen und Schenkungen wurden nicht angerechnet, ebenso Ausgaben zur Erbringung des Einkommens. Die Höhe der Einkünfte - einschließlich z.B. landwirtschaftlicher Erlöse und pfarreilicher Gebühren - musste von den Geistlichen beeidet werden, bei verliehenen geistlichen Gütern hatte der Leihenehmer für den Zehnten aufzukommen. Auch residierende Geistliche und deren Vikare bzw. Kapläne wurden bei der Steuer berücksichtigt. Zur Begleichung des Zehnts waren mitunter auch Kirchengüter zu verpfänden. Im Falle von Steuervergehen sah der Papst nach Prüfung die Exkommunikation des Steuerbetrügers vor. Die Steuern als Gelder wurden auf der Ebene der Diözese von collectores eingesammelt; hier kam der schriftlichen Rechenschaftslegung eine wichtige Rolle zu. Die eingesammelten Gelder wurden bis zu deren Abruf in Säcken und Truhen deponiert. Der "Papstzehnt" von 1274/75 hat in den Bistümern Deutschlands Spuren hinterlassen (Mainzer Kirchenprovinz: Augsburg, Bamberg, Chur, Eichstätt, Halberstadt, Hildesheim, Mainz, Paderborn, Speyer, Straßburg, Verden, Worms, Würzburg; Basel u.a.; aber auch Verweigerung des Kreuzzugszehnten bei einigen Bistümern). Aus dem Bistum Konstanz ist dann der Liber decimationis (1274/75; Erzbischöfliches Archiv Freiburg, Codex Ha 56) überliefert, der - nach Dekanaten, Pfarreien, Klöstern und Stiften geordnet - detailliert Auskunft gibt über die von Geistlichen, Kirchen, Klöstern und Stiften an die Kollektoren Propst Heinrich von St. Stephan (Konstanz) und Domdekan Walko (Konstanz) abzuführenden Steuern (Geldboten, Schreiber). Der unter dem Konstanzer Bischof Rudolf II. von Habsburg-Laufenburg (1274-1293) angelegte Liber decimationis ist nicht original überliefert, sondern ist eine Abschrift von zwei (Haupt-) Schreibern des 14. Jahrhunderts. Der vordere Teil des Pergamentcodex umfasst den Liber decimationis (fol.1r-97v), weiter einen Liber quartarum (fol.98r-108v) und einen Liber bannalium (fol.109v-115r) mit einem Index Capitulorum Ruralium (fol.117v). Der Codex stellt also eine Einkünfteverzeichnis des Konstanzer Bischofs dar, die Folioblätter sind eingebunden zwischen zwei mit Leder bezogenen Holzdeckeln. [Buhlmann, 09.2016]

Peters, Leo (2011), Tod und Beisetzung der Amtmanns- und Marschallsgattin Henrica Freifrau von Spiering in Sinzig 1627, in: AHVN 214 (2011), S.77-198, behandelt die dreitägigen Beisetzungsfeierlichkeiten (Vorbereitungen [Einbalsamierung der Toten u.a.], Seelenmessen, Trauergäste, Beileidsbekundungen u.a.) für die verstorbene Ehefrau des herzoglich-jülich-bergischen Marschalls und Diplomaten Franz Freiherr von Spiering (*1582-†1649). [Buhlmann, 06.2012]

Peters, Leo (2013), Unbekannte Quellen zur Armierung der Festung Jülich im 16. und 17. Jahrhundert. Der Vollzug von Artikel 88 des Pyrenäenfriedens von 1659, in: AHVN 216 (2013), S.95-153. Die frühneuzeitliche Festung Jülich, infolge der Belagerung und Eroberung im Jahr 1610 zunächst in der Verfügung des brandenburgischen Kurfürsten und des Pfalzgrafen von Neuburg, 1622 durch spanische Truppen erobert, im Zuge des Pyrenäenfriedens (1659) im Besitz des Herzogs von Pfalz-Neuburg und Jülich-Berg, wies zu allen Zeiten eine starke Armierung auf (Waffen, Geschütze, Munition; Entnahme von Bewaffnung und Munition durch die Spanier 1671/72), erkennbar u.a. an den Inventaren (1612 [Münchener Inventar], 1622, 1660) und der Aufteilung der Armierung zwischen Spanien und Jülich-Berg (1671/72). [Buhlmann, 05.2014]

Peters, Wolfgang (2011), Zu den Schreiben Papst Alexanders II. und Papst Gregors VII. an die Erzbischöfe Anno II. und Hildolf von Köln, in: AHVN 214 (2011), S.19-34. Das von den ezzonischen Pfalzgrafen gestiftete Benediktinerkloster Brauweiler hatte die verwitwete polnische Königin Richeza (†1063) mit dem praedium Klotten (a.d. Mosel) begabt, doch übereignete nach dem Tod Richezas Erzbischof Anno II. von Köln (1056-1075) das Gut dem Kölner Stift St. Maria ad gradus, was Proteste der Brauweiler Mönche hervorrief. Die Vita Wolfhelmi abbatis Brunwilarensis des Brauweiler Mönchs Konrad vom beginnenden 12. Jahrhundert überliefert einige Etappen des Streits zwischen Brauweiler und den Kölner Erzbischöfen und ein gefälschtes Schreiben Papst Gregors VII. (1073-1085) an Erzbischof Hildebold (1076-1078) von 1077, das die Rückerstattung des Moselguts an das Kloster verfügte. Das Schreiben weist Parallelen zu einem Schreiben Papst Alexanders II. (1061-1073) an Erzbischof Anno II. von 1067 auf. Der Papst sprach sich darin für die Beibehaltung des benediktinischen Doppelklosters Stablo-Malmedy aus, nachdem dieses 1065 durch Entscheidung König Heinrichs IV. (1056-1106) an die Kölner Kirche gelangt und eine Abtrennung Malmedys von Stablo verfügt worden war. Abt Theodericus und Mönche des Klosters Stablo bemühten sich - wie der Triumphus sancti Remacli de Malmundariensi coenobio darlegt - um die Wiederherstellung des Doppelklosters und hatten damit beim Lütticher Hoftag König Heinrichs von 1071 Erfolg. Der nach 1071 verfasste Triumphus hingegen übernahm und veränderte Teile eines echten Briefes Papst Alexanders II. und wurde damit zur Vorlage des angeblichen Papstschreibens Gregors VII., das Konrad von Brauweiler in die Vita Wolfhelmi platzierte. [Buhlmann, 03.2012]

Petersohn, Jürgen (1975), St.Denis - Westminster - Aachen. Die Karls-Translatio von 1165 und ihre Vorbilder, in: DA 31 (1975), S.420-454 > A Aachen

Petersohn, Jürgen (Hg.) (1999), Die Prüfeninger Vita Bischof Ottos I. von Bamberg nach der Fassung des Großen Österreichischen Legendars (= MGH SSrG US 71), Hannover 1999, 174 S., DM 42,- > Lateinische Literatur > O Vita Ottonis episcopi Bambergensis

Petrikovits, Harald von (1983), Die römischen Provinzen am Rhein und an der oberen und mittleren Donau im 5. Jahrhundert n. Chr. Ein Vergleich (= Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse, Jahrgang 1983. Bericht 3), Heidelberg 1983, 42 S., DM 20,-. I. Die römischen Provinzen an Rhein und Donau waren: Pannonia I/II, Valeria, Savia, Noricum Ripense, Noricum Mediterraneum, Raetia I/II, Maxima Sequanorum, Germania I/II. Die Untersuchungsmethode ergibt sich im Sinne der römischen Archäologie durch den Vergleich größerer Räume und Kulturräume in ihrer Entstehung, Veränderung und Verbreitung als "Einheit und Vielfalt". II. Siedlungsgeschichte: a) Norische Provinzen. Geschichte: Rugier, Juthungen, Alemannen bedrohen insbesondere die Uferprovinz im 5. Jahrhundert; Odoakar; Ostgoten. Besiedlung: Ufernorikum (römische Besiedlung hielt sich weitgehend); Binnennorikum (östlicher Teil um 467 vom Eindringen der Ostgoten betroffen, Alemanneneinfälle). b) Raetien. Geschichte: Trotz Alemanneneinfällen ist das Gebiet bis um die Mitte des 5. Jahrhunderts nicht aufgegeben worden. Besiedlung: Ab der Mitte des 5. Jahrhunderts durch Alemannen; Augusta Vindelicum; Regensburg; Chur. c) Maxima Sequanorum. Geschichte: Wohl kaum Alemanneneinfälle bis ca.450. Burgundischer Einfluss. Besiedlung: Kontinuierliche Belegung von Grabfeldern, besonders um den Genfer See, lassen eine weitgehend romanische Bevölkerung auch für das 5. Jahrhundert vermuten. d) Germania I: Besiedlung: Bis in das 5. Jahrhundert hinein bestanden wohl die Städte Mainz und Straßburg als größere Orte. Speyer ist untergegangen, Worms vielleicht auch. An der Mosel haben die Siedlungen im Allgemeinen Bestand gehabt (römisch-romanische Bevölkerunq). Auch einiqe Festungsorte dürften den Germaneneinfall im Jahr 406 zunächst überstanden haben (z.B.: Koblenz, Boppard, Andernach). Im 5. Jahrhundert wird die römische Provinz jedenfalls in zunehmendem Maße von Franken und Alemannen besiedelt, die Romanen auf weniger fruchtbare Böden zurückgedrängt. e) Germania II: Geschichte: Im 5. Jahrhundert erfolgte der Einbruch und die Landnahme der Franken im niederrheinischen Raum, zumeist von Norden her. Besiedlung: Köln, Tongern, vielleicht auch Nimwegen überdauerten die fränkische Invasion, aber auch das Limeskastell Gelduba sowie die Zülpich und Jülich sowie Aachen. III. Ergebnisse: Es ist zunaechst die Unterschiedlichkeit festzustellen, mit der die Provinzen dem römischen Reich durch germanische Einfaelle und die Landnahme politisch verloren gingen. Die Rheinpovinzen wurden fränkisch und alemannisch, Churrätien blieb überwiegend romanisch, Flachlandrätien wurde alemannisch. In Noricum blieb ein romanischer Siedlungsbestand bis in das 6. Jahrhundert vorhanden. Damit ist die germanisch-romanische Besiedlung der römischen Provinzen stark sowohl vom geografischen als auch bevölkerungsgeschichtlichen Moment geprägt. IV. Geschichte der Gefäßkeramik: Gefäße, wie die Terra sigillata-Gefäße, sind zur Erfassung von ethnischen Faktaron im 5. Jahrhundert ungeeignet. Dies ergibt sich aus dem damaligen Handel und der überethnische Verbreitung eines Stils. V. Die halbrunde Priesterbank: Sie ist ein Phänomen des frühchristlichen Kirchenbaus des 5. Jahrhunderts und bezeichnet eine halbrunde Bank hinter dem Altar. Verbreitung fand dieses Phänomen im Raum von Pannonien bis Churrätien, während es im Rheingebiet nicht anzutreffen ist. Dies ist möglicherweise eine Folge der spätantiken Diözesengrenzen als Grenzen der Kirchenorganisation der christlichen Religion. VI. Zusammenfassung: Die Provinzen an Rhein und Donau können zu folgenden Gruppen zusammengefasst werden: Besiedlung: Pannonia I/II - Pannonia Savie - Noricum Ripense - Noricum Mediterraneum, Raetia I - Maxima Sequanorum - Germania I, Germania II (südlicher Teil) - Germania II (nördlicher Teil); Gefäße: Pannonia I/II, Raetia II - Raetia II, Maxima Sequanorum - Germania I/II; Priesterbank: Noricum, Raetia II - Raetia II, Germania I/II. [Buhlmann, 06.1988]

Pfisterer, Ulrich (1982), St. Peter und Paul in Hirsau. Elemente einer Deutung, in: Der Landkreis Calw 1992, S.121-136 > H Hirsau

Pfisterer, Ulrich (2013), Die Sixtinische Kapelle (= BSR 2562), München 2013, 128 S., Schwarzweißabbildungen, Farbtafeln, Pläne, Karte, € 8,95. Nach dem Großen Papstschisma (1378-1417) und dem Konstanzer Konzil (1414-1418) wurde der Vatikanpalast (nördlich von [Alt-] St. Peter) zur Residenz des Papstes. Damit rückte zunehmend die capella magna des Palastes (neben der capella parva und der sala regia) in den Mittelpunkt päpstlicher Liturgie und Selbstverständisses. Die capella magna, aus der sich ab den 1470er-Jahren die Sixtinische Kapelle entwickeln sollte, war als kubischer Backsteinbau mit Flachdecke und Holzboden vielleicht unter Papst Innozenz III. (1198-1216) entstanden. Als päpstliche Kapelle symbolisierte das Gotteshaus schon jeher den päpstlichen Hof der maiestas pontificia, doch erst unter Papst Sixtus IV. (1471-1484) begannen Umbau und Umgestaltung des 40,5 m langen, 13,11 bis 13,78 m breiten und nunmehr 20,73 m hohen Gebäudes (Backsteinverblendung, Tonnenwölbung, Erdgeschossräume, Erweiterung der Sakristei; Einfluss des Heiligen Jahres 1475 auf die Baumaßnahmen (?)). Die Palastkapelle wurde 1481 durch die durch Piermatteo d'Amelia erfolgte Ausmalung der Kapellendecke (als blauer Himmel mit goldenen Sternen) sowie 1481/83 durch die durch die Maler Sandro Botticelli, Domenico Ghirlandajo, Pietro Perugino und Cosimo Rosselli angebrachten Fresken (Moseszyklus links des Altars, Christuszyklus rechts des Altars [typologisch-heilsgeschichtliche Gegenüberstellung von Altem und Neuem Testament], darunter die Schlüsselübergabe an Petrus; Fresken der ersten 30 Päpste) vollends aufgewertet. Dabei blieb es aber nicht. Unter Papst Julius II. (1503-1513) erfolgte 1508/12 die beeindruckende (Neu-) Ausmalung der Decke durch Michelangelo (Genesisszenen, flankiert von Propheten und Sibyllen sowie den Vorfahren Christi). Julius' Nachfolger, der Medici-Papst Leo X. (1513-1521), ließ ab 1515 durch Raffael und in Brüssel zehn Teppiche für die Kapellenwände unterhalb der Fresken anfertigen (Petruszyklus links des Altars, Pauluszyklus rechts des Altars). Schließlich fand unter dem Medici-Papst Clemens VII. (1523-1534) und unter Paul III. Farnese (1534-1549) 1534/41 durch Michelangelo die Neugestaltung der Altarwand der Sixtinischen Kapelle statt (Jüngstes Gericht). Die Umbauten der päpstlichen zur Sixtinischen Kapelle sind dann in den Rahmen von päpstlicher Repräsentation und Machtanspruch (päpstliche Schlüsselgewalt, ecclesia militans, ecclesia triumphans [Heilsgeschichte, Paradies, Himmlisches Jerusalem]) zu stellen und verliefen zudem vor dem Hintergrund des römisch-italienischen Kunstbetriebs der Renaissance (Architektur, Skulptur, Malerei; Vorlagen und Innovationen; Künstlerkonkurrenz und -"selbstvermarktung"). Die Jahrhunderte der frühen Neuzeit, der Neuzeit und der Moderne sollten das Gesamtkunstwerk der Sixtinischen Kapelle immer wieder (kunstgeschichtlich) neu einschätzen und bewerten. [Buhlmann, 09.2013]

PGRK = Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde

PhB = Philosophische Bibliothek

Philipp von Schwaben, deutscher König: Der frühe Tod des Stauferkaisers Heinrichs VI. (1190-1197) und die Unmündigkeit seines Sohnes Friedrich II. führten zur Doppelwahl des Jahres 1198. Am 6./8. März 1198 war in Frankfurt Philipp von Schwaben, der jüngere Bruder Heinrichs VI. und nunmehrige Führer der staufischen Partei in Deutschland, zum König gewählt worden; am 8. September 1198 wurde er in Mainz zum römischen König gekrönt. Zu diesem Zeitpunkt war Philipp der rechtmäßige Krönungsort Aachen durch den von der welfischen Partei zum König erhobenen Otto IV. (1198-1215/18) versperrt. Philipp von Schwaben war 1176/77 als Sohn Kaiser Friedrich Barbarossas (1152-1190) und der Beatrix von Burgund geboren worden. Zunächst für die geistliche Laufbahn bestimmt - Philipp war 1189 Propst des Aachener Marienstifts, 1193 Elekt des Bistums Würzburg -, wurde er 1193 wieder Laie, heiratete am 2./3. April 1195 in Bari die byzantinische Kaisertochter Irene und übernahm 1196 das Herzogtum Schwaben. Aus der Ehe mit Irene hatte Philipp u.a. die Töchter Maria, Beatrix, Kunigunde und Beatrix-Isabella. Im Thronstreit zwischen Philipp und Otto gelang es dem von Papst Innozenz III. (1198-1216) gebannten Stauferkönig, sich im Bündnis mit König Philipp II. August von Frankreich (1180-1223) gegen den Welfen weitgehend durchzusetzen (Übergang des Kölner Erzbischofs Adolf I. [1193-1205, 1212-1216] zu Philipp 1204; Aachener Königskrönung Philipps, 6. Januar 1205; Einigung mit dem Papst 1207/08; in Aussicht gestellter Thronverzicht Ottos 1208). Jedoch wurde Philipp von Schwaben am 21. Juni 1208 in Bamberg ermordet; Grund war eine Privatrache des Wittelsbacher Pfalzgrafen Otto (1189-1209). Der Tote wurde zunächst im Bamberger Dom bestattet, 1213 in den Dom zu Speyer überführt.
Zu Philipp von Schwaben sei verwiesen auf die folgenden Quellen und Darstellungen: Csendes, Peter (2003), Philipp von Schwaben. Ein Staufer im Kampf um die Macht (= GMR), Darmstadt 2003, X, 240 S., € 24,90; Schütte, Bernd (2002), König Philipp von Schwaben. Itinerar - Urkundenvergabe - Hof (= MGH. Schriften, Bd.51), Hannover 2002, XXXVII, 594 S., € 70,-; Die Urkunden Philipps von Schwaben, bearb. v. Andrea Rzihacek u. Renate Spreitzer (2014) (= MGH. Diplomata. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd.12), Wiesbaden 2014, CXI, 774+16 S., Abbildungen, € 140,-; Winkelmann, Eduard (1873/78), Philipp von Schwaben und Otto IV. von Braunschweig (= Jahrbücher der deutschen Geschichte, des deutschen Reiches): Bd.I: Philipp von Schwaben 1197-1208, 1873, Nachdruck Darmstadt 31968 > O Otto IV. [Buhlmann, 07.2003, 09.2016]

PHS = Pariser Historische Studien

Plassmann, Alheydis (2008), Die Normannen. Erobern - Herrschen - Integrieren (= Urban Tb 616), Stuttgart 2008 > N Normannen

Plassmann, Max (2013), Die Abgrenzung von geistlicher und weltlicher Gerichtsbarkeit und die Qualität der Reichsstandschaft der Stadt Köln, in: AHVN 216 (2013), S.41-56. Der Erwerb der Reichsfreiheit (Reichsunmittelbarkeit, Reichsstandschaft) durch die Stadt Köln auf Grund des Privilegs Kaiser Friedrichs III. (1440-1493) vom 19. September 1475 (und der dem Privleg voraufgegangenen Königs- und Kaiserurkunden) brachte für die größte Stadt Deutschlands nur eine verminderte Reichsstadtschaft in dem Sinne, dass die Stadt der Hochgerichtsbarkeit des ehemaligen Stadtherrn, des Kölner Erzbischofs, entbehrte. So kam es - beginnend mit dem Großen Schied von 1258 - immer wieder zu Streitigkeiten um die geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit in Köln (Versuch der Einschränkung geistlicher Gerichtsbarkeit 1406, 1409; geistliche statt weltliche Gerichtsbarkeit im 15. Jahrhundert [erzbischöflicher Offizial]; Konkordat zwischen Stadt und Erzbischof 1506; Kölner Gerichtsordnung 1570; erzbischöfliches Nuntiaturgericht 1584 und städtischer Widerstand; Verhandlungen 1609/10; Reichskammergerichtsurteile des 18. Jahrhunderts [Hochgerichtsbarkeit als städtische Gewohnheit]). Die der Stadt Köln fehlende Hochgerichtsbarkeit stellte dann einerseits die Kölner Reichsstandschaft immer wieder infrage und eröffnete andererseits dem Kölner Erzbischof und Kurfürsten des Kölner Erzstifts Einflussmöglichkeiten in der Stadt. Städtische Ratsherrschaft und weltliche Gerichtsbarkeit blieben mithin beschränkt auf den Bereich innerhalb der Stadtmauer und außerhalb der innerstädtischen Immunitäten der geistlichen Kommunitäten. So kam es in den Jahrhunderten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit in Köln immer wieder zum Ausgleich und zur Angleichung zwischen den Rechtssphären weltlicher und geistlicher Gerichtsbarkeit. [Buhlmann, 05.2014]

Plinius Secundus, Gaius, Epistulae - Briefe. Lateinisch/Deutsch, übers. v. Heribert Philips: Liber I - 1. Buch (= RUB 6979), 1987, Nachdruck Stuttgart 2006, 96 S., € 2,60, Liber II - 2. Buch (= RUB 6980), 1988, Nachdruck Stuttgart 2001, 96 S., € 2,60, Liber III - 3. Buch (= RUB 6981), 1989, Nachdruck Stuttgart 2006, 96 S., € 2,60, Liber IV - 4. Buch (= RUB 6982), 1990, Nachdruck Stuttgart 2006, 96 S., € 2,60, Liber V - 5. Buch (= RUB 6983), 1990, Nachdruck Stuttgart 2000, 94 S., € 2,60, Liber VI - 6. Buch (= RUB 6984), 1993, Nachdruck Stuttgart 2005, 109 S., € 3,-, Liber VII - 7. Buch (= RUB 6985), Stuttgart 1994, 104 S., € 2,10, Liber VIII - 8. Buch (= RUB 6986), Stuttgart 1995, 104 S., € 2,10, Liber IX - 9. Buch (= RUB 6987), Stuttgart 1996, 110 S., € 2,60, Liber X - 10. Buch, übers. v. Marion Giebel (= RUB 6988), 1985, Stuttgart 2005, 160 S., € 3,60 > Lateinische Literatur > P Plinius Secundus

Poeschel, Sabine (2014), Starke Männer - schöne Frauen. Die Geschichte des Aktes (= Besondere Wissenschaftliche Reihe 2014), Darmstadt 2014, 160 S., Farbabbildungen, ca. € 12,-. Die Geschichte des Aktes im europäischen Kulturraum beginnt nach Anfängen in der Steinzeit (Venus von Willendorf [ca.25000 v.Chr.]) mit den Kouros-Plastiken (Apoll von Piombino [ca.480 v.Chr.]) und dem harmonischen Ideal des nackten Männer- und Frauenkörpers der griechischen und römischen Antike (Aphrodite von Knidos [ca.340 v.Chr.], Laokoon-Gruppe [ca.140 v.Chr.], Venus von Milo [ca.130 v.Chr.]). Im europäischen Mittelalter standen Nacktheit und Akt im Gegensatz zur christlichen Religion (Sündenfall, Laster; Körper Christi am Kreuz; liegende Eva von Autun [ca.1140], Pisanello: Luxuria [ca.1426]), doch wurde Nacktheit als künstlerisches Thema wieder verstärkt ab der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts aufgegriffen (Nivola Pisano: Herkules [ca.1260], Jan van Eyck: Adam, Eva (1432), Niederrheinischer Meister: Liebeszauber [ca.1470/80]). Die Renaissance griff den antiken Akt wieder auf (Donatello: David [ca.1444], Sandro Botticelli: Geburt der Venus [ca.1483], Pietro Peugino: Sebastian [ca.1495], Michelangelo: David [1501/04], Lucas Cranach d.Ä.: Selbstmord der Lucrezia [1524]), poetische und erotische Akte der Hochrenaissance (Corregio: Jupiter und Io [1531/32], Tizian: Venus von Urbino [1538], Kurtisanenbilder) mündeten ein in die obessesive Körperlichkeit des Manierismus (Michelangelo: Jüngstes Gericht [1535/41], Giambologna: Raub der Sabinerin [1581/82], Bartholomäus Spranger: Bacchus und Ceres [ca.1590], Gabrielle d'Estrées mit einer ihrer Schwestern [c.1594]). Das Barockzeitalter gestaltete den Akt in Plastik und Malerei dynamisch, natur- und lebensnah (Caravaggio: Amor [1603], Peter Paul Rubens: Raub der Töchter des Leukippos [ca.1618], Gian Lorenzo Bernini: Apoll und Daphne [1622/25], Rembrandt: Danae [1636], Velázquez: Venus mit dem Spiegel [1650]), im Rokoko diente die antike Mythologie mit ihren religiösen und allegorisch-moralischen Konnotationen als Schablone für erotisch-pornografische Darstellungen (Sebastian Ricci: Bacchus und Ariadne [ca.1710], Sebastian Ricci: Venus [1725], Francois Boucher: Diana [1742], Francois Boucher: Triumph der Venus [1740]). Im Zuge von Aufklärung und der Erkenntnis der Erlernbarkeit von Kunst (etwa in Akademien) brach die bildende Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts mit der bisherigen Tradition ("akademische Akte", Entmythologisierung, Goya: Nackte Maja [ca.1795], Manet: Olympia [1863], Courbet: Badende [1868]). Der moderne Akt des 19. und 20. Jahrhunderts lebt u.a. vom Sexuellen und Tabubruch in Plastik, Malerei und Fotografie (Courbet: Schlaf [1868], Cézanne: Badende [1874], Franz von Stuck: Die Sünde [1893], Picasso: Les Demoiselles d'Avignon [1907], Klimt: Danae [1908], Kirchner: Badende [1910], Schiele: Liegender weiblicher Akt [1914], Tamara de Lempicka: Andromeda [1927/28], Man Rey: Meret Oppenheim [1933], Bettina Rheims: 1er juillet II [1991]). [Buhlmann, 02.2014]

Poettgen, Jörg (2012), "Zwischen Rhein und Maas". Kurfürst Clemens August und der Lütticher Glockengießer Martin Legros - eine kulturgeographische Studie, in: AHVN 215 (2012), S.97-115. Der Glockenbau der Klöster wurde im Verlauf des hohen Mittelalters durch den Glockenbau städtischer Glockengießer (Köln [11./12. Jahrhundert], Aachen [Bannglocke des Jakobus de Croiselles 1261]). Vor dem Hintergrund der Verbesserung des Glockengusses (Glockenklang, sog. gotische Rippe) orientierten sich die Gießer in Aachen (neue Aachener Werkstatt, Glockengießer Gregor I/II von Trier, Johann I von Trier) im 16. und 17. Jahrhundert am Bistum Lüttich; in dieses Umfeld sind auch die lothringischen Wandergießer (Johannes Bourlet, Edmund Fabri) zu stellen; nach 1730 gab es in Aachen keine Glockengießerei mehr. Der Glockengießer Martin Legros (*1714-†1784) arbeitete für Auftraggeber im Bistum Lüttich (Abtei Malmedy 1743 u.a.) und im Kölner Erzbistum (Kurköln, Erzbischof und Kurfürst Clemens August von Bayern [1723-1761]; Bonner Cassiusstift 1756, Neusser Quirinusstift 1764, Kölner Kommunitäten St. Pantaleon 1764, St. Kunibert 1771, St. Severin 1773, St. Gereon 1779). Dabei hatte sich Legros mit den Kölner Glockengießer rechtliche auseinanderzusetzen (Urteil des kaiserlichen Reichshofrats 1771) und erwarb 1771 das Kölner Bürgerrecht. Weit über 200 Glocken hat Legros gegossen, davon 23 für Kölner Kirchen (äußere Glockengestaltung [Friese, Inschriften], Klang z.B. des Bonner Vierergeläuts). [Buhlmann, 06.2013]

Pokorny, Rudolf (2010), Augiensia. Ein neuaufgefundenes Konvolut von Urkundenabschriften aus dem Handarchiv der Reichenauer Fälscher des 12. Jahrhunderts (= MGH. Studien und Texte, Bd.48), Hannover 2010, XI, 178 S., € 20,-. Aus der ehemaligen Bibliothek des Augsburger Humanisten Konrad Peutinger (*1465-†1547) ist ein Konvulut von Abschriften Reichenauer Urkunden (16 Königs-, 9 Papst-, 5 Abtsurkunden, 3 übrige Schriftstücke) überliefert, das teilweise (7 Urkunden bzw. Briefe) bisher unbekannte Schriftstücke oder die lateinischen originalen Entsprechungen einiger von dem Reichenauer Chronisten Gallus Öhem (†1522) ins Deutsche übersetzter Urkunden enthält. Zu nennen sind aus der Abschriftenserie - zu einem großen Teil ge- oder verfälscht -: eine dritte Reichenauer "Gründungsurkunde" des Hausmeiers Karl Martell (724), Constitutio de expeditione Romana König Karls des Großen (790), Schenkung der königlichen villa Ulm (813), Urkunden der Kaiser Ludwig des Frommen (829), Karl III. (881), Arnulf (887), eine Bestätigungsurkunde König Ludwigs des Kindes über den Anfall des Klosters Schienen an die Reichenau (902), eine Urkunde König Heinrichs IV. (1065), ein Brief Kaiser Friedrichs I. an den Reichenauer Abt (1162); Urkunden bzw. Briefe der Päpste Johannes XIX. (1031), Leo IX. (1049/51), Vester (1088/95?), Innozenz II. (1140/43), Eugen III. (1148), Hadrian IV. (1158); sacra pax der Insel Reichenau (1118-1140/43?), Wormser Konkordat (1122); Urkunden der Reichenauer Äbte Bern (1008, 1047?), Ekkehard II. (1075), Udalrich II. (1094/95? oder ca.1104?), Konrad von Zimmern (1237/52). In Beziehung zu setzen sind die aufgefundenen Urkunden nicht zuletzt zu den Reichenauer Fälschern: "Poppo C" (10. Jahrhundert), N.N. (11. Jahrhundert, Mitte), "zweiter Fälscher" (12. Jahrhundert, 1. Viertel), Udalrich (von Dapfen?; bezeugt 1142-1165). Vielleicht war das im 16. Jahrhundert abgeschriebene Urkundenkonvolut ursprünglich das "Handarchiv" des Reichenauer Fälschers Udalrich. > R Reichenau [Buhlmann, 07.2011]

Polybios: Der antik-griechische Politiker und Geschichtsschreiber Polybios (*ca.200-†ca.118 v.Chr.) bestimmte schon in jungen Jahren die Politik des Achäischen Bundes in Griechenland und gegenüber Rom mit und wurde im Jahr 168 v.Chr. zusammen mit 1000 anderen Führungspersönlichkeiten des Achäischen Bundes nach Italien und Rom deportiert, wo er u.a. Anschluss an den Scipionenkreis fand und und sich nach seiner Rückkehr auf die Peleponnes (150 v.Chr.) als Parteigänger der Römer erwies. Polybios war auf Seiten Roms Augenzeuge des Dritten Punischen Krieges (149-146 v.Chr.), musste die Zerstörung Korinths durch die Römer hinnehmen (146 v.Chr.), bereiste den westlichen Mittelmeerraum und war im Gefolge des Scipio Aemilianus während der Endphase des bellum Numantinum (134/33 v.Chr.). Als Historiograf verfasste Polybios auf Griechisch eine Reihe von (meist nicht oder nur fragmentarisch) erhaltenen Werken: eine Biografie des achäischen Politikers Philopoimen (n.182 v.Chr., fragmentarisch erhalten), die Militärschrift Taktika (v.168 v.Chr., nicht erhalten), eine Schrift "Über die Bewohnbarkeit der Tropen" (nicht erhalten), die Schrift "Über den numantischen Krieg" (n.133 v.Chr., nicht erhalten), das aus 39 bzw. 40 Büchern bestehende Hauptwerk der "Historien". Letztere sind eine Universalgeschichte des (westlichen, östlichen) Mittelmeerraums und verfolgen die Geschichte Roms zur alleinigen Großmacht am Mittelmeer (bis 167 bzw. 144 v.Chr.) (Buch 1-2: Vorspann [272/64-219 v.Chr.], Buch 3-5 [220/19-216 v.Chr.], Buch 6 [Mischverfassung des römischen Staates], Buch 7-11 [215-206 v.Chr.], Buch 12 [Methodik/Theorie einer pragmatischen Geschichtsschreibung: Quellen und historische Autopsie; (rationale) Ursachen, (irrationale) Tyche und Teleologie; Nutzen der Geschichte; Kritik an Historiografen], Buch 13-29 [205-168 v.Chr.], Buch 30-39/40 [167-144 v.Chr.]. Eine einführende neuere Biografie zu Polybios bietet: Dreyer, Boris (2011), Polybios. Leben und Werk im Banne Roms, Darmstadt 2011, 194 S., € 14,90. Spezielle Untersuchungen zu Polybios sind zu finden in: Stiewe, Klaus, Holzberg, Niklas (1982), Polybios (= WdF 347), Darmstadt 1982, XX, 448 S., DM 99,-. Die "Historien" des Polybios liegen vor als: Polybios, Geschichte. Gesamtausgabe in 2 Bden., übers. v. Hans Drexler (1961/63) (= BdAW GR), Bd.I: Erstes bis Zehntes Buch, Zürich-Stuttgart 1961, DM 20,-, Bd.II: Elftes bis Neununddreißigstes Buch, Fragmente, Zürich-Stuttgart 1963, DM 88,-, zus. XIV, 1615 S. [Buhlmann, 07.2012]

Pompeji, italisch-römische Stadt in Unteritalien, Kampanien: Pompeji, eine Stadt oskischen Ursprungs, gelegen am Vesuv, zurückreichend ins 8. Jahrhundert v.Chr., geriet ab dem 6./5. Jahrhundert v.Chr. unter griechischen bzw. etruskischen Einfluss, im 4. Jahrhundert unter samnitischen. Seit ca.80 v.Chr. römische Kolonie, wurde die Stadt im Jahr 62 n.Chr. durch ein Erdbeben heimgesucht, im Jahr 79 n.Chr. durch einen Vesuvausbruch zerstört. Erhalten blieb damit fast vollständig die städtische Infrastruktur aus der frühen römischen Kaiserzeit: Forum mit Tempeln und öffentlichen Bauten, Forum triangulare mit den zwei Theatern, Amphitheater und Palestra, Thermenanlagen (Stabianer Thermen, Forumsthermen, Zentralthermen), Häuser, städtische Straßen und Stadtviertel (Casa del Fauno u.a.), Nekropolen und Gräberstraße (Via de Sepolcri).
Vgl. Maiuri, Amedeo, Pompeji (= Führer durch die Museen, Galerien und Denkmäler Italiens, Nr.3), Rom 91963, 178 S., Pläne, Schwarzweißabbildungen, L 700. > Lateinische Literatur > P Pompeji [Buhlmann, 11.2014]

Popplow, Markus (2010), Technik im Mittelalter (= BSR 2482), München 2010, 128 S., Schwarzweißabbildungen, € 8,95. I. Technisch war das Mittelalter insofern, als dass es Werkzeuge und Techniken der zeitlich voraufgegangenen Antike weiter benutzte bzw. innovativ fortentwickelte, dass es aber auch neue Techniken schuf. Es wurde dabei aus der Antike nur das übernommen, was im Rahmen der frühmittelalterlichen Gesellschaft auch wirklich Verwendung finden konnte, während die grundlegenden Innovationen im "Herbst des (späten) Mittelalters" in den ersten beiden Jahrhunderten der frühen Neuzeit nur mehr verfeinert, indes nicht entscheidend weiterentwickelt wurden. II. Orte von Technik waren die Klöster gerade des Früh- und Hochmittelalters, die Werkstätten des spätmittelalterlichen Handwerks, die Herrschaftszentren von Fürsten, die Haushalte, aber auch die Schlachtfelder (Entwicklung von Kriegsgerät). Dabei hatten mittelalterliche Gesellschaften nur in einem eingeschränkten Maße Zugriff auf natürliche Ressourcen wie Energie, agrarische Produkte oder Bodenschätze, wobei wegen unzureichender Transportmöglichkeiten von Rohmaterialien oder Produkten Technik vielfach dem lokalen oder regionalen Raum verhaftet blieb. Mittelalterliche Erfinder bleiben meist unbekannt, während Technik in Klöstern, Werkstätten, Dombauhütten, Zünften oder Universitäten institutionell verankert war und dadurch von Generation zu Generation weitergegeben werden konnte. Dem Handlungswissen (und damit den praktischen Formen von Wissensvermittlung) kam hier eine besondere Rolle zu. Schriftliche Formen der Wissens- und Technikvermittlung traten demgegenüber zurück; erst aus dem späteren Mittelalter sind Bauzeichnungen bekannt - das berühmte Bauhüttenbuch des Villard de Honnecourt (13. Jahrhundert, 1. Drittel) gehört hierher - oder Zeichnungen von technischen Gerätschaften, aber auch Modelle von Gebäuden und Maschinen. Nicht zuletzt die repräsantativen Maschinenbücher von Ingenieuren und Praktikern stehen für das (theoretische) Bildungswissen des Spätmittelalters, das auch die damalige Technik mit einbezog, während umgekehrt Bildung zunehmend als eine Wissens- und Kulturtechnik verstanden wurde. Mittelalterliche Gelehrte stellten daher Technik und Handwerk zu den aus der Antike überkommenen, weiter oben angesprochenen artes liberales; ars (kunst) kennzeichnete dabei den Wissensbestand einer Wissenschaftsdisziplin. Hugo von St. Viktor (†1141) teilte in seinem Didascalicon die Wissenschaften unter Berücksichtigung auch der "mechanischen Künste" (artes mechanicae) neu ein in Logik, Theorik, Mechanik und Praktik. Den Unterbau der solcherart zusammengesetzten menschlichen sapientia ("Weisheit") bildete für Hugo die Philosophie. Neben den theoretischen sapientia-Elementen der artes liberales, der Theologie usw. berücksichtigte er besonders auch die Elemente der Praxis, u.a. Technik, Medizin, Ökonomik, Recht oder Schauspiel. Im Verlauf des hohen Mittelalters wurden die Wissenschaften zudem ihrem religiösen Umfeld entkleidet, sie zielten auf den Menschen, nicht mehr auf Gotteserkenntnis. Von der Hinwendung zu praktischen Tätigkeiten profitierte dann auch die mittelalterliche Technik. Vor dem Hintergrund von ars und artes mechanicae - die artes mechanicae standen auch für die städtischen Handwerke - entwickelten sich die technischen Begriffe zur Bezeichung von Gerätschaften, Werkzeugen und Maschinen (instrumentum, artificium, ingenium, machina); der Begriff des Ingenieurs (ingeniator, incignerius) kam in den romanischen Sprachen seit etwa 1100 auf, der Ausdruck inventio verengte sich im Spätmittelalter zu "Erfindung", Erfindung nämlich von technischen Neuerungen durch einen "Erfinder" (inventor). III. Mittelalterliche Technik und technischer Fortschritt offenbaren sich innerhalb von vielen Bereichen. Der Transport von Menschen und Waren an Land mit Ochsen und (Pack-) Pferden, Karren und Fuhrwerken blieb schwierig, alleine auf Grund von schlechten Straßen oder fehlenden Brücken. Zu Wasser kam man - gerade was Massentransporte anbetraf - besser voran. Auch wurden künstliche Wasserstraßen (Kanäle, Schleusen) gebaut wie der fossa Carolina (ca.800), der Stegnitzkanal zwischen Nord- und Ostsee (ca.1400) oder die Kanäle im spätmittelalterlichen Oberitalien. Die Schiffe waren wikingische Handels- und Kriegsschiffe, Koggen der Hanse Norddeutschlands oder Galeeren und Karacken des Mittelmeerraums. Werften, insbesondere die Großwerften in Venedig und Genua, stellten die Schiffe her; Hafenanlagen wurden zum Be- und Entladen genutzt (Kais, Hafenkräne). Die spätmittelalterlichen Handelswege zu Wasser und zu Land ermöglichten dann den Transport von Rindern, Fleisch, Fisch, Salz und Getreide. IV. In der Militärtechnik entwickelte sich eine "Spirale der Aufrüstung", erkennbar u.a. an der Ausstattung des hochmittelalterlichen Ritters oder an dem Technikwandel infolge der Erfindung des Schießpulvers. Die Waffentechnik umfasste als Hieb- und Stichwaffen Schwert, Lanze, Dolch, Axt und Pike, als Fernwaffen Pfeil und Bogen sowie die Armbrust. Schutz boten Schild, Kettenhemd und Ritterrüstung. Die Ausrüstung des für den "ritterlichen" Kampf so wichtigen Pferdes bestand aus Sattel, Steigbügel und Zaumzeug. Beim Belagerungsgerät kamen Rammböcke, Schutzhütten (Unterminieren von Mauern und Türmen), Steinschleudern (Gegengewichtsschleudern) und Katapulte zum Einsatz, seit dem 14. Jahrhundert auch Kanonen (Stein-, Eisenkugeln). Letzterem entsprach eine (beginnende) Neugestaltung der Verteidungswerke; statt hochmittelalterlicher Stadtmauern dominierten zunehmend Bastionen, Erdwälle und Wassergräben. V. Technische Innovationsprozesse gab es auch und besonders im durch Zünfte geprägten städtischen Handwerk mit seiner gewerblichen Produktion. Schon seit dem Frühmittelalter trat das Kunsthandwerk (Handschriftenherstellung, Holz-, Elfenbeinbearbeitung, Schmuck, Bronzeguss) diesbezüglich hervor; am Ende des Mittelalters ermöglichte neues Arbeitsgerät (Dreh-, Hobelbank, Schraubstock) neue Produktionstechniken. Im Textilgewerbe, dem frühmittelalterlichen opus textile, gab es Innovationen beim Spinnen (Spinnrad), Weben (Webstuhl) und Walken (Walkmühle). Bei der Glasherstellung sind seit dem Hochmittelalter Glashütten bezeugt; hergestellt wurden Hohl- und Flachglas sowie farbiges Glas von Spitzenprodukten aus dem venezianischen Murano bis zum einfachen "Waldglas"; Glasmalerei verzierte die Scheiben der Gotteshäuser, im späten Mittelalter besaßen auch Adels- und Bürgerhäuser Fensterscheiben. Dazustellen können wir die Erfindung der Brille im Italien des späten 13. Jahrhunderts; im 15. Jahrhundert war die Brille (mit Brillengestell, gegen Weit- und Kurz-sichtigkeit) zumindest in Italien weit verbreitet (venezianische Brillen-produktion). Die Erfindung des Buchdrucks (bewegliche Lettern [Metallguss: Stempel, Siegel; als Vorläufertechnologie], Druckerpresse, Druckerschwärze) durch Johannes Gutenberg (†1468) um die Mitte des 15. Jahrhunderts leitete das Ende der handgeschriebenen Bücher ein. Damals hatte schon längst das Papier das Pergament als Beschreibstoff verdrängt. Es erschienen bis um 1500 rund 25000 Druckwerke mit einer geschätzten Auflage von 20 Millionen Stück. VI. Auch in der Landwirtschaft gab es technischen Fortschritt, der z.B. mit der Einführung der Dreifelderwirtschaft ("Vergetriedung") und des sog. schweren Pfluges (Pflugschar, Streichbrett) verbunden war. Aus der Antike übernommene Techniken betrafen einfache Werkzeuge wie Spaten, Haken oder Sichel, aber auch komplexere Gerätschaften wie Ölpresse, Weinkelter oder Getreidemühle. Darüber hinaus sollte die alltägliche Technik, die z.B. beim Essen und Trinken (Tonwaren [Becher, Schalen], Besteck [Löffel, Messer, kaum Gabel]) oder beim Wohnen (Räume, Herd und Kamin, Möbel) zum Tragen kam, nicht vergessen werden. VII. Die Mühle als durch Muskelkraft, Wasser oder Wind (Energiegewinnung) angetriebene Maschine sollte in der Entwicklung mittelalterlicher Technik eine Schlüsselrolle einnehmen. Ausgangspunkt waren die Getreidemühlen, die seit Spätantike und Frühmittelalter immer größere Verbreitung fanden (grundherrschaftliche Mühlen) und im späten Mittelalter als Vertikal- oder Horizontalmühlen, als Schiffsmühlen oder hängende Mühlen in Erscheinung traten. Mit den Wassermühlen verbunden war ein mitunter aufwändiger Wasserbau zur Zuflussoptimierung (Stauteiche, Wehren, Zuleitungen). Eine Nutzung von Mühlen über das Getreidemahlen hinaus ergab sich erst seit dem Hochmittelalter. Das Spätmittelalter nutzte die Mühlen mit ihren Nocken- und Kurbelwellen als Motor für eine Vielzahl mechanisierter Prozesse etwa zur Herstellung von Seidenzwirn, zum Walken, zum Gerben (Lohmühle), zur Herstellung von Schießpulver (Pulvermühle), zur Herstellung von Papier oder als Wasserhebeanlagen (Pumpen). Das Papier trat, erfunden in China, übernommen aus dem arabischen Raum, seit der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert in Sizilien und Spanien in Erscheinung, bis es sich in Italien (spätes 13. Jahrhundert) und in Deutschland (spätes 14. Jahrhundert) als Beschreibstoff verbreitete. Die Vielfalt der Mühlen war dann Ausdruck einer zunehmenden Mechanisierung der mittelalterlichen Technik, die sich auch in einem entstehenden Patentwesen (Deutschland, Oberitalien) niederschlug. VIII. Der mittelalterliche Bergbau benötigte zur Gewinnung von Bodenschätzen eine ausgefeilte Technologie. Das galt für das Frühmittelalter mit seinem kleinflächigen Rasenerzabbau und der Verarbeitung von Erz und Eisen in der Schmiede; das galt aber erst recht für die großen Bergbauunternehmen des Spätmittelalters, als der Bedarf an Eisen um ein Mehrfaches angestiegen war. In den unterirdischen Bergwerken wurde in Handarbeit mit Schlegel, Eisen, Brechstange, Meißel und Schaufel gearbeitet, der Materialtransport erfolgte u.a. mit Karren auf Holzschienen, das Erz wurde mit Winden nach oben gezogen oder mit einem Lastenaufzug transportiert. Oben angekommen, zerkleinerte man das Erz in Pochwerken oder Erzmühlen. Schmelzöfen sorgten für die Verhüttung des Erzes überwiegend unter Verwendung von Holzkohle (Köhlerei), aus der Rohluppe wurde durch mehrfaches Durchschmieden das Roheisen. Silber gewann man mit dem Siegerverfahren aus Kupfer mit einem Silberanteil (15. Jahrhundert, 2. Hälfte). Zudem wurden andere Metalle wie Blei oder Gold abgebaut. Der Bergbau hinterließ Schäden an der Umwelt, wie damals zuweilen beanstandet wurde. Ein verstärkter Raubbau am Wald ist teilweise bei der Salzgewinnung aus Solequellen und durch Salzbergbau (Sieden und Trocknen des Salzes) zu beobachten (Lüneburger Saline, Lüneburger Heide in Spätmittelalter und früher Neuzeit). IX. Mittelalterliche Architektur reicht von den einfachen Holzhütten frühmittelalterlicher Bauern über die Burgen des Adels und die Holz-, Stein- und Fachwerkhäuser der spätmittelalterlichen Städte bis zum Kirchenbau der Romanik oder Gotik. Gerade bei den gotischen Kathedralen ging es um Proportion und Baustatik (geometrische Grundlagen, standardisierte Bauelemente, Spitzbögen, Rippengewölbe), auch musste ein zeitlich mitunter über Generationen reichender Kirchenbau logistisch und organisatorisch geplant werden (Bauherr, Architekt, Bauhütte). Dabei war man bei der Bearbeitung von Holz, Stein und Metall weitgehend auf die traditionelle Handarbeit verwiesen; die Schubkarre tritt im 13. Jahrhundert in Erscheinung, spätmittelalterlich war der Einsatz von Sägewerken, verbesserte Gerätschaften dienten dem Heben des Baumaterials. Als Höhepunkt mittelalterlichen Kirchenbaus mag dann die Kuppel des Doms von Florenz gelten. X. Ausfluss der spätmittelalterlichen "Mechanisierung" war nicht zuletzt die mechanische Räderuhr, die seit dem späten 13. Jahrhundert rasch Verbreitung fand und die bis dahin verwendeten Sonnen-, Wasser-, Sand- und Kerzenuhren zunehmend verdrängte. Die Räderuhr beruhte auf dem Zusammenspiel von Kronrad, Spindelhemmung und fallenden Gewichten. Prestigeträchtig war für die Städte seit dem 14. Jahrhundert die Anbringung von Turmuhren, die die Stunden (später auch Minuten) gleichmäßig anzeigten; astronomische Uhren berücksichtigen zudem astronomische Daten, verfügten auch vielfach über Figurenspiele und andere automatische Abläufe. Bald folgten auch kleinere Uhren; federbetriebene Taschenuhren gab es seit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. XI. Der technische Fortschritt im Mittelalter hatte viele Wurzeln, die bisher nur unzureichend durch die historische Forschung ermittelt wurden. Dass wirtschaftlich-utilaristische sowie (auf ein zergliedertes Europa zurückgehende) politische Faktoren eine wichtige Rolle spielten, ist klar. Umstritten ist aber, inwieweit ein durch das Christentum begründetes Arbeitsethos "technische" Mentalitäten schuf; auch behinderte das abendländische Christentum den technischen Fortschritt nicht. Andererseits sucht man ausführliche mittelalterliche Reflexionen über die damalige Technik (Technikverständnis) vergebens. [Buhlmann, 04.2014]

Porter, Joshua R. (2007), Die Bibel, Köln 2007 > B Bibel

Potthoff, Ludwig (1953), Rellinghausen im Wandel der Zeit, Essen 1953 > R Rellinghausen

Prange, Melanie (Bearb.) (2012), Der Konstanzer Domschatz. Quellentexte zu einem verlorenen Schatzensemble des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (= VKGLBW A 56), Stuttgart 2012, LXXII, 149 S., € 22,- > Lateinische Literatur > O Otto von Rheineck

Preiser, Hermann (1975), Die Herren von Kürneck (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Villingen, Bd.1), Villingen-Schwenningen 1975, 211 S., DM N.N. Die Herren von Kirneck treten erstmals in einer Urkunde des Zähringerherzogs Berthold IV. (1152-1186) aus dem Jahr 1185 in Erscheinung; ein Hugo von Kirneck (Churnecco), offensichtlich vom Namen her in Beziehung zum Schwarzwälder Kirnachtal (zwischen [Villingen-Schwenningen-] Villingen und St. Georgen im Schwarzwald) stehend, war damals Vogt der (Villingen-Schwenningen-) Schwenninger Kirche. Als Gefolgsleute (Ministeriale?) der Zähringer hatten die Kirnecker Aufgaben um Villingen und in der zähringischen Baargrafschaft zu erfüllen. Die unmittelbar an der Kirnach, am nördlichen Talhang gelegene Stammburg Kirneck war der Herrschaftsmittelpunkt der Kirnecker, soweit dies das Kirnachtal betraf. Im Verlauf der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts waren einige Herren von Kirneck Dienstleute der Grafen von Fürstenberg geworden, die Kirnecker engagierten sich politisch und besitzrechtlich auf der Baar und am Bodensee. Der versuchte Ausbau ihrer Machtstellung im Kirnachtal scheiterte allerdings am Widerstand der Stadt Villingen; es gelang auf Grund eines Vergleichs vom April 1285 lediglich der Erwerb eines um den Honbach gelegenen Gebiets als Villinger Schenkung; Kirnecker sind schon seit 1225 als Bürger der Stadt bezeugt. Wahrscheinlich wegen finanzieller Engpässe verkauften die Kirnecker schon 1292 diesen Besitz an das Kloster St. Georgen. Am Ende des 13. Jahrhunderts bzw. im 14. Jahrhundert erscheinen die Kirnecker in eine Freiburger, eine Rottweiler und eine Kirnachtaler Linie geteilt. Bei Letzterer ist für das 14. Jahrhundert von schlechter werdenden wirtschaftlichen Bedingungen ("Adelskrise") u.a. infolge von Erbteilungen und wenig erfolgreichen Fehden auszugehen, zumal der Kirnecker Einfluss in Schwenningen an die Rottweiler Linie und die Herren von Falkenstein verloren ging (1349). Weitere Güterverkäufe u.a. an die Mönchsgemeinschaft St. Georgen und an die Zisterze Tennenbach sollten daher im Verlauf des 14. Jahrhunderts folgen. Zuletzt ging - nach einem Öffnungsvertrag mit der Stadt Villingen (1358) - die Burg Kirneck an die mit den Kirneckern verwandten Familien der Herren von Randegg und Neuneck über. 1373 erwarb das Kloster St. Georgen unter Abt Eberhard I. Kanzler (1368-1382) die Burg mit den dazugehörenden Rechten, verkaufte diese aber 1383 an die Stadt Villingen. Die Kirnecker Linie in Rottweil hatte u.a. in Dunningen und der dortigen Burg einen wichtigen Stützpunkt, Kirnecker sind in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Villingen nachweisbar, ein Hans und ein Ludwig von Kirneck nahmen in badischen Diensten an der Schlacht von Seckenheim (1462) teil und gerieten in Gefangenschaft. Die letzten nachweisbaren Kirnecker waren Mönche in Alpirsbach (1449/71), Gengenbach bzw. St. Blasien (1491), Maursmünster (Abt Dietrich von Kirneck 1486-1512 [†1517]) und St. Georgen (Balthasar von Kirneck [†1516] im Anniversar von Amtenhausen). [Buhlmann, 10.2011]

Prem, Hanns J. (1996), Die Azteken. Geschichte, Kultur, Religion (= BSR 2035), München 1996 > A Azteken

Press, Volker (1978), Korbinian von Prielmair (1643-1707). Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen sozialen Aufstiegs im barocken Bayern, Ottenhofen 1978, Sonderdruck, Schwarzweißtafeln, 31 S. Korbinian von Prielmair (*1643-†1707), Enkel eines leibeigenen Bauern, Sohn eines Erdinger Bürgers und Tagelöhners, verdankte den geistlichen Orden der Bartholomäer und Jesuiten (Münchner Wilhelmsgymnasium) seine Ausbildung. Beziehungen zu den reichsritterschaftlich-schwäbischen Grafen von Rechberg sowie jesuitische Protektion ermöglichten den weiteren Aufstieg des begabten Prielmairs, der nach Absolvierung des Gymnasiums - vor dem Hintergrund der zunehmenden Bürokratisierung im bayerischen Herzogtum - in die Kanzlei des bayerischen Kurfürsten Ferdinand Maria (1651-1679) eintrat (1662). Es folgten Heirat (1663) und - unter der Protektion des bayerischen Vizekanzlers Kaspar von Schmid - die Stellung als (geheimer) Kammersekretär. Nach dem Tod des Herzogs (1679) entstand zwischen Prielmair und dem jungen Herzog Max[imilian II.] Emanuel (1679-1726) ein Vertrauensverhältnis, das auch den Sturz des Kanzlers von Schmid (1683) überstand. Prielmairs Einfluss war groß auf die Politik des Kurfürsten gegenüber Frankreich und der Habsburgermonarchie (Belagerung Wiens 1683, Türkenkriege, Pfälzer Krieg 1689/97). 1687 wurde er Leiter des inneren Archivs, ab 1689 stand er dem Geheimen Kanzlei vor und reiste nun in diplomatischen Angelegenheiten u.a. zur Wahl Kaiser Josefs I. nach Augsburg (1690) oder als Vertreter Bayerns zum Haager Friedenskongress (1690/92), verbunden mit der Ernennung zum wirklichen Geheimen Rat und zum Konferenzrat (1692), oder als kurbayerischer Hofkammerdirektor zum Friedenskongress von Rijswijk (1697). Gnadenerweise Max Emanuels betrafen die Verleihung der Edelmannsfreiheit (1685) und von Wappenbrief und Adelsdiplom sowie Güterschenkungen (Poinger Urbarshof 1686; Güter Dobl und Rohr als Mannlehen 1693, Pflegamt Griesbach 1694, Rechtsstreitigkeiten um den Dobler und Rohrer Besitz [1693-1726]; Besitz Hienheim). Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) wurde Prielmair zum Direktor der Kriegskanzlei ernannt (1702). Nach der Niederlage Bayerns (1704) folgte der gesundheitlich angeschlagene Prielmair dem Kurfürsten ins Exil. Am 20. Juli 1707 starb der "bedeutende bayerische Staatsmann" im hennegauischen Schloss Marimond. [Buhlmann, 04.2015]

Press, Volker (1988), Ein Epochenjahr der württembergischen Geschichte. Restitution und Reformation 1534, in: ZWLG 47 (1988), S.203-234, Sonderdruck. Das politische Zusammengehen zwischen dem württembergischen Grafen Eberhard V. im Bart (1450-1496) und dem habsburgischen König Maximilian I. (1493-1516) kulminierte bekanntlich in der Teilnahme Württembergs am Schwäbischen Bund (1488) und der Erhebung der Grafschaft zum Herzogtum (1495). Eberhards Nachfolger Herzog Ulrich (1498/1502-1550) profilierte sich dagegen als "Renaissancefürst" gegen Untertanen und württembergische Ehrbarkeit (Aufstand des "Armen Konrad", Tübinger Vertrag 1514). Mit Ulrichs Vertreibung (1519/1520) war dann der Weg frei für die habsburgische Herrschaft über Württemberg (1520/34) unter Ferdinand I., dem Bruder Kaiser Karls V. (1519-1556). Ulrich behauptete sich noch auf dem Hohentwiel, in Reichenweier und Mömpelgard und fand in den Schweizer Eidgenossen und im Landgrafen Philipp von Hessen Bundesgenossen; 1534 gelang mit dem Sieg bei Lauffen (13. Mai 1534) die Rückgewinnung Württembergs. Der Kaadener Vertrag (29. Juli 1534) band Württemberg in die Reichsverfassung und die konfessionellen Begegebenheiten ein. So war es für Ulrich möglich, mit Einführung der lutherischen (obrigkeitlichen Fürsten-) Reformation einen Glaubenswechsel in Württemberg zu vollziehen (1534). Mit der Reformation verbunden war die Aufhebung der württembergischen bzw. von Württemberg beschirmten Klöster (herzoglicher Zugriff auf Kirchen- und Klosterbesitz). 1536 wurde Württemberg zudem Teil des Schmalkaldischen Bundes, dessen Niederlage Ulrich indes überstand (1546/47). 1550 folgte auf den Herzog sein Sohn Christoph (1550-1567). [Buhlmann, 04.2015]

Press, Volker (1991), "Des deutschen Adels Spital". Der Deutsche Orden zwischen Kaiser und Reich, in: Arnold, Udo (Hg.), Der Deutsche Orden in Tirol. Die Ballei an der Etsch und im Gebirge (= QSGDO 43), Marburg 1991, S.1-42, Sonderdruck. Der 1190 im Heiligen Land entstandene Deutsche Orden verfügte neben Preußen als Ordensterritorium in Spätmittelalter und früher Neuzeit über umfangreichen Besitz im römisch-deutschen Reich. Neben dem Hochmeister war der Deutschmeister für den deutschen Ordensbesitz (Deutschmeistertum, Balleien, Komtureien) zuständig, der in den entstehenden Fürstenstaaten landständisch integriert bzw. reichsunmittelbar wurde. Der preußische Ordensstaat und der Deutsche Orden im Reich gingen dabei zunehmend unterschiedliche Wege, zumal nach den Niederlagen des Deutschen Ordens gegen Polen und dem Wegfall der Heidenmission. Die Schaffung eines weltlichen preußischen Herzogtums (1525) auch im Zuge der Reformation ließ den Deutschen Orden unter dem Deutschmeister im frühneuzeitlichen Alten Reich zurück. Der Abschied von "Heidenkampfideal" und der Wegfall Preußens beförderte mit die Entwicklung des Deutschen Ordens hin zum "Des deutschen Adels Spital" als katholischer "überterritorialer Adelsverband", angesiedelt innerhalb der frühneuzeitlichen Reichsverfassung zwischen Reichsritterschaft und Kaiser, teils als militärische, überwiegend als Versorgungseinrichtung sich anlehnend an die Habsburgermonarchie des Hauses Österreich. So überlebte der Deutsche Orden die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. [Buhlmann, 04.2015]

Press, Volker (1992), Franken und das Reich in der Frühen Neuzeit, in: JfL 52 (1992), S.329-347, Sonderdruck. I. Für das Spätmittelalter ist Franken, der spätere Fränkische Reichskreis, als königsnah einzustufen. Die zollerschen Burggrafen von Nürnberg erhielten 1415 das brandenburgische Kurfürstentum von König Sigismund (1410-1437). Das Bistum Würzburg versuchte immer wieder, wenn auch weitgehend erfolglos, eine politische Oberhoheit in Franken aufzubauen ("Goldene Herzogsfreiheit" 1168), das Bistum Bamberg engagierte sich eher auf territorialpolitischer Ebene, das Bistum Eichstätt beeinflußte Franken nur peripher. Daneben gab es eine Anzahl "fränkischer" Grafenfamilien, allen voran die Grafen von Hohenlohe, aber auch die Grafen von Castell, Henneberg-Schleusingen, Heideck, Oettingen, Rieneck, Seinsheim-Schwarzenberg und Wertheim; deren Macht blieb in Konkurrenz zu den Bistümern allerdings eher beschränkt. Politisch und insbesondere wirtschaftlich behaupten konnte sich die Reichsstadt Nürnberg, das auch die Politik der anderen Reichsstädte Schweinfurt, Weißenburg und Windsheim dominierte, während Rothenburg o.d. Tauber weitgehend selbstständig agierte. Die zollerschen Markgrafentümer Brandenburg-Ansbach und -Kulmbach bildeten zusammen mit den Bistümern Bamberg und Würzburg sowie der Reichsstadt Nürnberg am Ende des Mittelalters die "Pentarchie" im "territorial unfertigen" Franken. Der bayerische Einfluss auf Franken kam mit dem Landshuter Erbfolgekrieg (1503/05) zu seinem Ende. II. Die Ausbildung des Fränkischen Reichskreises an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert festigte Franken auf Dauer auch territorial, wenn auch anfangs die Landfriedensexekution des Kreises wenig griff (adliges Fehdewesen). Unter Kaiser Maximilian I. (1493-1519) ist wieder ein stärkerer Einfluss des Königtums in Franken zu beobachten (Aufenthalte in der Reichsstadt Nürnberg). Die Reformation behauptete sich erfolgreich in den zollerschen Markgrafentümern und den Reichsstädten; sie gefährdete zeitweise sogar die Existenz der zwei fränkischen Bistümer. Dem fränkischen Eingreifen Kaiser Karls V. (1519-1556) zu Gunsten des alten Glaubens (Schmalkaldischer Krieg 1546/47, Interim) folgte der "Markgrafenkrieg" (1552/53) des Kulmbacher Markgrafen Albrecht Alkibiades (1541-1557), der mit dessen Niederlage bei Sievershausen endete (1553). Ausgburger Religionsfriede und Reichsexekutionsordnung (1555) stabilisierten Franken und den Fränkischen Reichskreis politisch und konfessionell weiter; das evangelische Nürnberg schloss sich sogar dem kaiserlich-katholischen Landsberger Bund (1557/98) an. Katholische Konsolidierung fand ihren Ausdruck in der zunehmenden Konfessionalisierung und Territorialisierung des Bistums Würzburg unter Bischof Julius Echter von Mespelbrunn (1572-1617), der letztlich in der Errichtung eines "Bischofsreiches" von Würzburg und Bamberg über Fulda bis nach Mainz scheiterte. Im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges (1618-1547) wurden die beiden Markgrafentümer Mitglied der protestantischen Union (1608), während sich die Bistümer Würzburg und Bamberg der katholischen Liga anschlossen (1609). Die politisch-konfessionelle Spaltung Frankens sollte sich bis zum Beginn des Krieges noch verschärfen; trotzdem gelang es für die ersten Kriegsjahre, Franken aus dem Krieg weitgehend herauszuhalten. Erst das Übergewicht des habsburgischen Kaisers, der evangelische Leipziger Bund (1631) und das schwedische Eingreifen in den Krieg (1632) führte schließlich zu einer zeitweisen Protestantisierung Frankens unter schwedischem Einfluss (Heilbronner Bund 1633, Bistümer Würzburg und Bamberg als schwedische Lehen). Die schwedische Niederlage bei Nördlingen (1634) und der Prager Friede (1635) beendeten das schwedische Abenteuer in Franken; der Fränkische Reichskreis geriet wieder unter kaiserlich-katholische Vorherrschaft, wie sie vom Würzburger Bischof Johann Philipp von Schönborn (1642-1673) repräsentiert wurde. Der Westfälische Frieden (1648) mit seiner "Verrechtlichung des Reichsverbandes" stärkte nochmals die Rolle des Fränkischen Reichskreises als übergeordneter politischer Instanz bei mitunter ausgeprägten Beziehungen zum Kaiser (Übertritte zum katholischen Glauben bei Reichsritter- und Grafenfamilien). U.a. unter den Würzburger Bischöfen Lothar Franz von Schönborn (1693-1729) und Friedrich Karl von Schönborn (1729-1746) blieb Franken politisch mit dem habsburgischen Kaiser verbunden, was sich z.B. im Spanischen Erbfolgekrieg gegen Frankreich (1701-1714) zeigte. Das Eindringen des Königreichs Preußen nach Franken betraf zunächst die zollerschen Territorien Ansbach und Bayreuth (Schönberger Vertrag 1703 und dessen Aufhebung 1722), dann allgemein im römisch-deutschen Reich die politisch-konfessionelle Polarität zwischen Preußen und Habsburg (Österreichischer Erbfolgekrieg 1740-1748), wobei Franken politisch umkämpft war (Spannungen zwischen Ansbach und Bayreuth). Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) blieb daher auch Franken von massiven preußischen Einfällen nicht verschont, während der Bamberg und Würzburger Bischof Adam Friedrich Graf Seinsheim (1755/57-1779) auf kaiserlicher Seite stand (Neutralitätserklärung Bamberg-Würzburgs 1762). Das Aussterben des Hauses Bayreuth vereinigte die Fürstentümer Ansbach und Bayreuth (1769), die zollerschen Besitzungen in Franken gelangten 1791 an Preußen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Europa indes im Sog der Französischen Revolution. Preußen verlor spätestens im Frieden von Pressburg (1805) seine fränkischen Besitzungen, während Würzburg zeitweise an das Großherzogtum Toskana kam, um schließlich mit ganz Franken bayerisch zu werden (1807/10). [Buhlmann, 04.2015]

Press, Volker (1995), Weil der Stadt. Reichsstadt im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, in: ZWLG 54 (1995), S.11-32. Um das Jahr 1160 war der Ort Weil im Besitz des Benediktinerklosters Hirsau, im Jahr 1241/42 wird Weil in der bekannten Reichssteuerliste genannt, war damals also schon eine königliche Stadt. Ein Siegel der Bürgergemeinde ist zum Jahr 1272 bezeugt, König Rudolf I. von Habsburg (1273-1291) gelang mit seiner "Revindikationspolitik" die Anbindung Weils an das Königtum. Im 14. und 15. Jahrhundert bezeugen Privilegien der Könige Karl IV. (1346-1378), Wenzel (1378-1400, Ruprecht (1400-1410), Sigismunds (1410-1437) und Friedrichs III. (1440-1493) die Reichsunmittelbarkeit der Reichsstadt (bei auftretenden Verpfändungen; Niederlage der schwäbischen Städte bei Döffingen 1388). Diese hatte sich indes gegen Übergriffe der Grafen bzw. Herzöge von Württemberg zu wehren, die - als Vögte des Klosters Hirsau - auch Rechte gegenüber Weil der Stadt geltend machen konnten. Die Reformation verstärkte den Einfluss Württembergs auf die Stadt über das Weiler Kirchenwesen (Aufhebung des Klosters Hirsau 1534, Hirsauer Pfründen in Weil der Stadt). Im Verlauf des 16. Jahrhunderts trat die evangelische Konfession in der Reichsstadt immer stärker in Erscheinung, kaiserliche Eingriffe, die auf die Wiederherstellung eines katholischen Rates zielten (1593/94, 1597, 1601), verschärften die Spannungen zwischen den Konfessionen, aber auch die zwischen der Reichsstadt und Württemberg (Wirtschaftsblockade 1608). Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) setzte sich die kaiserlich-katholische Position in Weil der Stadt endgültig durch (Kommission von 1635, Kapuziner 1640, "ausschließliche Katholizität"), einhergehend mit der Verfestigung des sich selbst ergänzenden Rats als frühneuzeitliche Obrigkeit (u.a. gegen den "Ehrsamen Ausschuss"). Schulden und finanzielle Probleme (Stadtbrand von 1648, Folgelasten des Dreißigjährigen Krieges) waren auch die Folge der schlechten wirtschaftlichen Situation der Reichsstadt im 17. und 18. Jahrhundert ("Bürgerlärm" von 1669/74, Weiler Zeughandelskompanie ca.1690/1732); hinzu kamen Belastungen aus den Reichskriegen gegen Frankreich (französische Besetzung Weils 1692 u.a.). Ab 1776 geriet die Reichsstadt zudem in eine Verfassungskrise, im Jahr 1802 wurde Weil der Stadt württembergisch. [Buhlmann, 04.2015]

Pretsch, Hermann Josef (1986), Die Kontakte des Benediktiner-Doppelklosters in Zwiefalten mit Hildegard von Bingen und Abt Bertholds Konflikt mit seinem Konvent, in: AmrhKG 38 (1986), S.147-173 > Z Zwiefalten

Preuß, Horst Dietrich, Berger, Klaus (1980), Bibelkunde des Alten und Neuen Testaments: Erster Teil: Altes Testament (= UTB 887), Heidelberg-Wiesbaden 41989, Zweiter Teil: Neues Testament (= UTB 972), Heidelberg-Wiesbaden 41991 > B Bibel

Preysing, Konrad (1914), Der Leserkreis der Philosophumena Hippolyts, in: ZKTh 38 (1914), S.421-445 > H Hippolyt

Preysing, Konrad (1918), Hippolyts Ausscheiden aus der Kirche, in: ZKTh 42 (1918), S.177-186 > H Hippolyt

Preysing, Konrad (1919), Existenz und Inhalt des Bußedikts Kallists, in: ZKTh 43 (1919), S.358-362 > H Hippolyt

Priesner, Claus (2011), Geschichte der Alchemie (= BSR 2718), München 2011, 128 S., € 8,95. Entstanden auf der Grundlage von antik-äygptischem Tempelhandwerk und Götterglauben, von griechischer Philosophie (u.a. Pythagoras), Mysterienkulten und Gnosis, bildeten sich alchemistisches Denken und ars hermetica als mystisch-magisch-symbolhafte Natur- und Selbsterfahrung zwischen dem 1. Jahrhundert v.Chr. und dem 3. Jahrhundert n.Chr. aus (Hermes Trismegistos, Zosimos von Panopolis). Im Mittelpunkt der Alchemie stand das opus magnum, die Umwandlung unedler Metalle in Gold durch den Adepten mit Hilfe des Steins der Weisen. Im islamischen Mittelalter gewann die al-kimiya weiter an Bedeutung (Khaild ibn Yazid, Ibn an-Nadim, Jabir ibn Hayyan [Geber]). Der beginnende "Rationalismus" des hohen Mittelalters führte auch im christlichen Abendland zur Anwendung alchemistischer und damit experimenteller Verfahren und Methoden zur Entschlüsselung der Natur. Alchemie war seit dem späten Mittelalter also eine experimentelle Naturphilosophie, die die von Gott geschaffene Natur nachempfinden und übertreffen wollte. In der Renaissance fanden u.a. Buchstaben- und Zahlenmagie (jüdische und christliche Kabbala) und Alchemie zusammen (Agrippa von Nettesheim, Theophrastus Bombastus von Hohenheim [Paracelsus]), das Barock war die Zeit der (angeblichen) Goldmacher im Dienste von Fürsten, das Zeitalter der Aufklärung, der Vernunft und der Utopien ließ den (fiktiven) alchemistisch-religiösen Geheimorden der Gold- und Rosenkreuzer (Adam Haselmeyer, Samuel Richter) entstehen. Teile der Alchemie näherten sich seit dem 17./18. Jahrhundert dem an, aus dem die Chemie als Naturwissenschaft sich ausbilden sollte (Phlogistontheorie, Darstellung chemischer Verbindungen, Entdeckung des Sauerstoffs; Johann Rudolph Glauber, Johann Joachim Becher, Carl Wilhelm Scheele, Antoine Laurent de Lavoisier), die Alchemie wurde zunehmend an den Rand gedrängt und verschwand im 19./20. Jahrhundert weitgehend ("Faust" von Johann Wolfgang Goethe; "Höhere Chemie", Theosophie, Naturphilosophie, "Seelenalchemie" des Carl Gustav Jung). [Buhlmann, 06.2012]

Priesner, Claus (2015), Chemie. Eine illustrierte Geschichte (= Besondere Wissenschaftliche Reihe), Darmstadt 2015, 224 S., Farbabbildungen, ca. € 12,-. Chemie begleitet Menschen und Menschheit durch deren gesamte Geschichte. Angefangen vom Feuer der Altsteinzeit über den Einsatz von Keramik seit der Alt-/Jungsteinzeit (Steingut, Steinzeug, Porzellan), der Herstellung von Glas und der Verwendung von Metallen (Edelmetalle, Bronze, Eisen, Messing) seit den frühen Kulturen, spielen chemische Reaktionen auch bei der Ernährung der Menschen eine wichtige Rolle (Salz, Brot, Bier und Wein [alkoholische Gärung]), ebenso bei Kleidung (Leder) und Körperpflege (Kosmetik). Die Alchemie der Antike, des (arabischen) Mittelalters und der frühen Neuzeit basierte auf Weltanschauung (Makrokosmos, Mikrokosmos; Astrologie; Rosenkreuzertum) und Elementelehre (Alchemie und Heilkunde [Paracelsus]; Goldherstellung [Johann Friedrich Böttger]; Elementenlehre und Phlogiston [Johann Joachim Becher, Georg Ernst Stahl]. Das Zeitalter der Aufklärung brachte die Abkehr von der Alchemie (Luft und Wasser, Atomismus [Joseph Priestley, Robert Boyle, Carl Wilhelm Scheele, Antoine Laurent Lavoisier, John Dalton]). Das 19. Jahrhundert wurde so zur Grundlage der modernen Chemie (Periodensystem der Elemente [Dmitri Iwanowitsch Mendelejew, Lothar Meyer]), in der zunehmend die organische Chemie eine Rolle spielte (Kohlenstoffverbindungen [Friedrich Wöhler, Justus von Liebig, August Kekulé]). Bis ins endende 18. bzw. beginnende 19. Jahrhundert reichen die Anfänge der chemischen Industrie zurück (Soda- und Chlorkalkherstellung [Nicolas Leblanc, Henry Deacon]); von Frankreich aus verbreiteten sich Chemiefabriken in ganz Europa (Sodafabrikation im Solvay-Kreisprozess [Ernest Solvay]; Schwefelsäureherstellung [Vitriolöl, Oleum] und Bleikammerverfahren [Friedrich Wilhelm Curtius, Matthieu Elie Matthes, John Roebuck]; Chilesalpeter, Thomasmehl und Kunstdünger [Carl Sprengel, Sidney Gilchrist Thomas]; Ammoniakgewinnung, Frank-Caro- und Haber-Bosch-Verfahren [Nikodem Caro, Fritz Haber]; Nitroglycerin [Alfred Nobel]; Koks, Gas, Beleuchtung, Kohleverflüssigung mit Bergius-Pier- bzw. Fischer-Tropsch-Verfahren [Wilhelm August Lampadius, Friedrich Bergius, Franz Fischer, Hans Tropsch]; Farben [Anilin, Indigo] [Carl Duisberg und die IG Farben]). Das 20. und beginnende 21. Jahrhundert prägen auch Kunststoffe (als organische Makromoleküle/Polymere wie Methylkautschuk, Buna, Polystyrol, Polyvinylchlorid, Nylon, Polyurethane, Polyamide oder Teflon [Hermann Staudinger, Martin Heidegger, Otto Bayer, Roy Plunkett]) und Heilmittel (Aspirin [Hermann Kolbe, Felix Hoffmann]; Sulfonamide [Paul Ehrlich, Fritz Mietsch, Josef Klarer]; Penicillin [Alexander Fleming]; Vitamine und Hormone; "Pille" [Adolf Butenandt, Carl Djerassi, Luis Ernesto Miramontes Cárdenas]). Die Zukunft der Chemie wird sich - wie die Vergangenheit - am Grad der damit verbundenen Umweltzerstörung und der Ausbeutung von Natur und Menschen messen lassen müssen. [Buhlmann, 12.2015]

Prummel, Wietske (1983), Excavations at Dorestad 2: Early Medieval Dorestad. An Archaeozoological Study (= Nederlandse Oudheden 11), Amersfort 1983 > D Dorestad

Ptak, Roderich (2007), Die maritime Seidenstraße. Küstenräume, Seefahrt und Handel in vorkolonialer Zeit, München 2007, 368 S., € 24,90. Der Handelsraum der maritimen Seidenstraße vor dem 15./16. Jahrhundert umfasste die Meere zwischen China bzw. Japan und Arabien bzw. Ostafrika (Japanisches Meer, Gelbes Meer, Ostchinesisches Meer, Südchinesisches Meer, Golf von Siam, ostindonesische Meere, Straße von Malakka, Andramanisches Meer, Golf von Bengalen, Arabisches Meer, Persischer Golf, Golf von Aden und Rotes Meer, westlicher Indischer Ozean). Die Anfänge von lokaler Schifffahrt und Küstenhandel liegen dabei auch in vorgeschichtlicher Zeit (Han-China, Partherreich, griechisch-römische Antike), zunächst (bis Christi Geburt) voneinander weitgehend isolierte Zonen wuchsen in der Folgezeit (bis ca. 600 n.Chr.) zusammen (Ausbreitung des Buddhismus, indische Kultureinflüsse in Südostasien; Han- und Wei-China, Korea, Sassaniden). Dabei entstand (ca. 600-950/1000) im östlichen Handelsraum eine zunehmende "Kompartmentalisierung" (Handel in Segmenten der maritimen Seidenstraße), während arabische Händler bis ins Südchinesische Meer vordrangen (islamische Einflüsse, größere Kenntnis bei Handelrouten und Navigationstechniken; Tang-China, Srivijaya, arabisches Kalifat). Das Zusammenwachsen des Handelssystems der maritimen Seidenstraße erreichte in den folgenden Jahrhunderten (ca. 950/1000-1350) seinen Höhepunkt, u.a. durch den zeitweisen Ausfall der Landroute von Ost nach West (Seidenstraße), die Ausweitung der maritimen Siedenstraße an den Enden (Japan, Madagaskar) sowie wirtschaftstechnische Verbesserungen (buddhistischer, konfuzianischer Einfluss auf Japan, Seekriege der Mongolen; Song- und Yuan-China, Srivijaya, Cholas, Ajjubiden, Mamluken). Die darauf folgenden "Wendezeiten" (ca.1350-1500) waren geprägt von einer Regionalisierung des maritimen Handelssystems zwischen Ost und West (ca. 1350-1400), von der staatlichen Seefahrt Ming-Chinas (ca. 1405-1435) sowie einer erneuten Fragmentierung der Handelsrouten (ca. 1435-1500) (Ming-China, Sri Lanka, Gujaratis, Mamluken, Osmanen). Dabei stieg der Umfang der gehandelten Güter nochmals. Gehandelt wurden (fast durch alle Zeiträume) auf arabischen Daus und chinesischen Dschunken meist Luxuswaren wie Seide, Gewürze, besondere Holzsorten, exotische Tiere, Metalle einschließlich Silber und Gold, Perlen und Edelsteine, aber auch Massenwaren wie Reis oder Zucker, daneben (chinesische) Keramik. Das Auftreten der Europäer (Portugiesen und Spanier, später auch Engländer und Niederländer, um und nach 1500) brachte die Einbeziehung der Schifffahrtsrouten um das Kap der Guten Hoffnung und durch den Pazifik eine Ausweitung des Handelsraums bei qualitativen Änderungen des Handelssystems (Estado da India Portugals, Kolonialreich Spaniens, christliche Einflüsse). [Buhlmann, 01.2012]

Pye, Michael (2014), The Edge of the World. How the North Sea Made Us Who We Are, St. Ives 2015, 394 S., Farbtafeln, Karten, € 14,83. Im mittelalterlichen Europa spielten die Nordsee und die das Meer umgebenden Länder insofern eine Rolle, als die mittelalterlichen Gesellschaften um die Nordsee entscheidende Impulse zur Kultur des Mittelalters lieferten. Zu nennen sind diesbezüglich: die Christianisierung Irlands, Kontinentaleuropas und der britischen Insel sowie die Entstehung von Buchhandel und -kultur, der friesische Handel zwischen Britannien und dem Festland, die Wikingerzeit und die normannische Besiedlung (frühes Mittelalter), die Entwicklung von Recht und römischem Recht, die Entwicklung der Mode, die Entwicklung von Wissenschaft (und Experiment) (hohes, spätes Mittelalter), der Handel der Hanse, die Liebe und die Ehe, die Pest, die Stadtkultur (spätes Mittelalter). [Buhlmann, 11.2015]

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