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Rezensionen (Geschichte)
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Jackman, Donald C. (1990), The Konradiner. A Study in Genealogical Methodology (= Ius commune, Bd.47), Frankfurt a.M. 1990 > K Konradiner

Jacobi, Klaus (Hg.) (1979), Nikolaus von Kues. Einführung in sein philosophisches Denken (= Kolleg Philosophie), Freiburg-München 1979 > N Nikolaus von Kues

Jacobus de Voragine: Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine, übers. von Richard Benz ([1955]), Heidelberg 101984, XL, 1027 S., DM 48,- > Lateinische Literatur > J Jacobus de Voragine

Jacobus de Voragine, Legenda aurea. Lateinisch/Deutsch, übers. u. hg. v. Rainer Nickel (1988) (= RUB 8464), Stuttgart 1988, 280 S., DM 9,- > Lateinische Literatur > J Jacobus de Voragine

Jäckle, Reinhard (2008), Pendelschläge. Über die Geschichte des Schwarzwälder Unternehmens Gebr. Staiger in St. Georgen und die dort stattgefundene Entwicklung der Quarz-Uhr in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erinnerungen, St. Georgen [im Schwarzwald] 2008 > S St. Georgen im Schwarzwald

Jaeger, Michael (2021), Goethes "Faust". Das Drama der Moderne (= BSR 2903), München 2021 > G Goethe, Johann Wolfgang

Jänichen, Hans (1968), Zur Genealogie der älteren Grafen von Veringen, in: ZWLG 27 (1968), S.1-33. I. Methodischer Teil: Die Erforschung der Genealogie hochmittelalterlicher Adelsgeschlechter ist wichtig für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters. Genealogische Forschungen müssen die gegenüber dem Frühmittelalter veränderten sozialen Strukturen des hochmittelalterlichen "Adelshauses" (Definition "Geschlecht") berücksichtigen, wobei Methoden (Untersuchungen zu den Klöstern Hirsau und St. Georgen) und Geschichtsquellen (Verbrüderungs- und Gedenkbücher) heranzuziehen sind. - II. Historischer Teil: Die seit dem Anfang des 11. Jahrhunderts bezeugten Grafen von Altshausen - Graf Manegold (1077, †1104) stiftete zusammen mit seiner Schwester Irmgard das Kloster Isny (1096) - starben mit Graf Wolfrad (1110, 1116) in männlicher Abfolge aus. Nur unter Schwierigkeiten konnten Wolfrad von Treffen (-Altshausen) (†ca.1181) und sein Bruder Markward von Veringen (†v.1167/68) die schwäbischen Positionen der Altshauser Grafen übernehmen. Die beiden Brüder waren die Enkel des Kärntner Herzogs Liutold von Eppenstein (1076-1090), der eine nicht anerkannte Ehe wahrscheinlich mit der Altshauserin Irmgard einging. Der Sohn aus dieser Ehe war ein Graf Ulrich (†v.1121), der wiederum eine namentlich unbekannte Enkelin des Grafen Ulrich von Bregenz (1043) heiratete und im Magdeburger Umfeld des Magdeburger Erzbischofs Adelgoz (1107-1119, mit seiner Abstammung von den Herren von Steußlingen) und des Salzburger Bischofs Konrad I. (1106-1147) zu verorten ist. Aus der Ehe Ulrichs gingen dann Wolfrad von Treffen und Markward von Veringen hervor. Im Umkreis der Bregenzer (und Veringer) Grafen treten dann noch die Grafen von Zeil und die von Pfullendorf, die Herren von (Singen-) Twiel und die von Steußlingen in Erscheinung, der Name des ersten Veringers Markward kommt bei den Adelsfamilien der Nellenburger, Rohrdorfer, Otterswanger u.a. vor. [Buhlmann, 08.2011]

Jänichen, Hans (1976/78), Die Grafen von Urach, ín AlemJb 1976/78, S.1-15. Die Uracher Grafen treten erstmals im 11. Jahrhundert in Erscheinung, eine Geschichtsquelle aus dem bedeutenden benediktinischen Reform- und Schwarzwaldkloster Hirsau bezeichnet das Ermstal (von Dettingen bis Neckartenzlingen) als "Swiggerstal" und ordnet diese Landschaft der "Grafschaft des Grafen Egino" zu (ca.1100). Hier gab es aber neben den Urachern auch andere Adelsfamilien, die Herrschaft ausübten; als Herrschaftsmittelpunkte stellen sich damals dar: Urach mit dem Runden Berg, einer Burganlage u.a. des 7./8. Jahrhunderts, Seeburg mit seinen verkehrstechnisch günstigen Albaufstiegen, Dettingen als Zentralort des pagus Swiggertal, Wittlingen sowie Metzingen vielleicht mit dem Burgberg Florian (Staufen). Ortsnamenkundlich gesehen, reichen die -ingen-Namen von der Ermsmündung bis nach Dettingen und - neben Reihengräberfriedhöfen u.a. in Urach - ins 5./6. Jahrhundert zurück, die weiter ermsaufwärts um Urach platzierten -hausen-Namen ins 7./8. Jahrhundert. Der Ortsname "Urach" (Aurich) selbst könnte durch Namensübertragung an die Erms gelangt sein, womit wahrscheinlich wäre, dass die Grafen von Urach ursprünglich nicht aus dem Ermstal kamen. Man hat ihre Familie bis in die Karolingerzeit auf das Adelsgeschlecht der Unruochinger zurückführen wollen, aber auch eine Herkunft aus dem fränkischen Saalegebiet wäre möglich. Hier schenkte ein Graf Egino mit seiner Ehefrau im Jahr 832 u.a. den Ort Urach (Aura(ch)), der 1007 zur Ausstattung des neu gegründeten Bamberger Bistums gehörte, dessen Burg um 1020 in bischöflicher Hand war und 1108 in das Kloster Aura umgewandelt wurde. Ein gewisser Kardinal Kuno von Praeneste (†1122) war an der Gründung dieses Klosters an prominenter Stelle beteiligt, die Benediktinermönche kamen aus Hirsau. Die Mönchsgemeinschaft im Schwarzwald stand aber damals unter der Leitung Abt Gebhards (1091-1105), des Bruders des Uracher Grafen Egino II., und auch für Kuno hat die historische Forschung dessen Verwandtschaft mit den Uracher Grafen zu belegen versucht. Diese noch zu Beginn des 12. Jahrhunderts bezeugten Beziehungen der Grafen von Urach mit Aura a.d. Saale machen es also wahrscheinlich, dass die Uracher aus Franken und dem Würzburg-Bamberger Raum gekommen waren und von dort verdrängt wurden. Egino I. (1030/40), der erste im Ermstal ansässige Graf von Urach, begann um 1040 mit dem Achalmer Burgenbau. Um 1060 teilte man die Uracher Herrschaft mit dem Mittelpunkt Dettingen unter die Nachkommen Eginos I. einerseits und Eginos Bruder Rudolf andererseits auf. Rudolf wurde zum Begründer der Achalmer Linie, während Egino II. um 1060 die Burg Hohenurach errichtete. Fest steht also die Verwandtschaft der Uracher mit den Grafen von Achalm. Unter den Mitgliedern der Uracher Grafenfamilie gab es im 12. Jahrhundert zwei Bischöfe, nämlich den schon erwähnten Hirsauer Abt Gebhard als Bischof von Speyer (1105-1107) und dessen gleichnamigen Neffen als Straßburger Bischof (1131-1141). Graf Egino IV. von Urach (1180-1230) heiratete vor 1181 die Zähringerin Agnes. Zentrale Persönlichkeiten in der Uracher Grafenfamilie waren dann die Söhne Eginos IV., Graf Egino V. von Urach und Freiburg (1230-1236/37) und dessen Bruder Konrad von Urach (†1227). Letzterer war Abt des bedeutenden Zisterzienserklosters Clairvaux (ab 1213/14), Abt von Citeaux und oberster Repräsentant des Zisterzienserordens (ab 1217) und Kardinalbischof von Porto und Santa Rufina (ab 1219). Als päpstlicher Legat war Konrad in Frankreich (1220-1223; Albigenserkreuzzug, Klosterrefom) und Deutschland (1224-1226; Kreuzzugwerbung, kirchliche Konflikte) tätig; er vermittelte in politischen Angelegenheiten des Stauferkaisers Friedrich II. und auch in Angelegenheiten seiner Familie (Ausgleich zwischen König Heinrich (VII.) und Graf Egino V.) (1224). [Buhlmann, 11.2007]

Jäschke, Kurt-Ulrich (1970), Die älteste Halberstädter Bischofschronik (= MdtF 62/I = Untersuchungen zu mitteldeutschen Geschichtsquellen des hohen Mittelalters, Tl.I), Köln-Wien 1970, VII, 238 S., € 13,-. Der Halberstädter Bischofssitz verfügte im 10. Jahrhundert über eine Domschule, die bekannte Persönlichkeiten wie die Bischöfe Switger von Münster (993/94-1011) oder Meinwerk von Paderborn (1009-1036) hervorbrachte. Halberstädter Historiografie ist wohl erstmals mit Bischof Haimo (840-853) in Verbindung zu bringen (Epitome historiae sacrae), eine Vita Liutbirgae über die sächsische Einsiedlerin stammt aus der Zeit Bischofs Hildigrim des Jüngeren (853-886). Nur erschlossen werden kann eine älteste Halberstädter Bischofschronik (H) von 992/96 (981 Aufhebung des Bistums Merseburg, 992 Halberstädter Domweihe, 996 Tod Bischofs Hildiwards [968-996]), die die fränkischen Einhardsannalen, weiter für die liudgeridischen Bischöfe Halberstadts die Vita Liudgeri secunda, schließlich die Sachsengeschichte Widukinds von Corvey verwendete. Die älteste Halberstädter Bischofschronik war in inhaltlicher und formaler Hinsicht wegweisend und vorbildhaft für die ostsächsische Geschichtsschreibung ab dem 11. Jahrhundert: für die Annales Quedlinburgenses, die Chronik Thietmars von Merseburg und - über Zwischenstufen (RH1: Redaktion 1 [ca.1050]; RH2: Redaktion 2 [n.1113]; RH3: Redaktion 3 von (H) [ca.1138/52]) - den Annalisto Saxo sowie die Gesta episcoporum Halberstadensium (GH) (n.1209). Die Annales Quedlinburgenses und die Chronik Thietmars von Merseburg waren dabei wieder Vorlage für die Gesta episcoporum Halberstadensium. [Buhlmann, 07.2005]

Jahn, Martin (1952), Die Abgrenzung von Kulturgruppen und Völkern in der Vorgeschichte (= Berichte über die Verhandlungen der sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, phil.-hist. Klasse, Bd.99, H.3), Berlin 1952 > V Vorgeschichte

Jahn, Robert (1938), Der Hoftag König Ottos I. bei Steele im Mai 938, in: EB 56 (1938), S.7-90 > S Steele

Jahn, Stefanie (2007), Der Troia-Mythos. Rezeption und Transformation in epischen Geschichtsdarstellungen der Antike (= Europäische Geschichtsdarstellungen, Bd.15), Köln-Weimar-Wien 2007, 230 S., € 4,-. I. Der Begriff "Mythos" kann u.a. als "fiktionale Geschichte", als "Pseudogeschichte" mit eventuell historischem Kern definiert werden. Damit hängt zusammen, dass der Mythos mit seiner "mythischen Vergangenheit" historisch-aitiologisch menschliche Gesellschaften einer Gegenwart, in der der Mythos rezipiert wird, (konstitutiv) begründen und definieren hilft und somit eine "kollektive Identität" miterzeugt. Mythen änderen sich daher mit der Zeit (Variabilität) je nachdem, welche Fragen eine Gesellschaft an den Mythos stellt, wie Mythos und Gesellschaft verglichen und "parallelisiert" werden. "Pseudohistorische" Mythen werden somit in der griechisch-römischen Antike als historisch-faktisch geschehen interpretiert, dabei vielfach Beziehungen zwischen der "mythischen Vergangenheit" und der gesellschaftlichen Gegenwart hergestellt; im Zuge einer "Verhältnisgleichheit" (Bedeutungsübertragung, Parallelität, Ähnlichkeit) werden Mythos und Gegenwart "analog"-exemplarisch gegenübergestellt, der Mythos wird u.U. allegorisch, symbolisch, typologisch gedeutet. Dies alles gilt auch für die antike Rezeption des Troia-Mythos in den überlieferten griechischen und römisch-historischen Epen. II. Die Verschriftlichung des Troia-Mythos geschah durch Homer (8. Jahrhundert v.Chr., 2. Hälfte) in den homerischen Epen (Ilias, Odyssee). Homer konzipierte um den als historisches Geschehen vorausgesetzten Trojanischen Krieg ein heroisch-"mykenisches" Zeitalter mit Anknüpfungen an die Gegenwart des Dichters (Heroenkult, Poseidonprophetie über Aeneas, Griechen ["Panhellenen"] und Barbaren [Ilias: Schiffskatalog der Achaier], Geschehen vor Troja und um Achill als Beispiel für die "Adelskrise" des homerischen Zeitalters, Wertehaltung und Adelsethik). Auch der von Homer behandelte Troia-Mythos bzw. die homerischen Epen wirkten dann identitätsstiftend auf das antike "Griechentum" (Fiktion einer gemeinsamen Abstammung, homerische Epen als Grundlage kultureller Identität, homerische Epen als Wissensquelle und Grundlage griechischer Bildung, Griechen und Perserkriege [Europa und Asien, Griechen und Barbaren]). III. Die historische Epik der römischen Republik knüpfte an die Person des Aeneas in den Homerischen Epen an. Berichtet wird in der griechischen Überlieferung ab dem 6. Jahrhundert v.Chr. vom Auftreten des Aeneas auf Chalkidike (Gründung einer Stadt Aineia), in Thessalien, in Epirus, auf Sizilien (trojanische Wurzeln der Bewohnerschaft von Eryx und Segesta); der sizilische Dichter Stesichoros von Himera (7./6. Jahrhundert v.Chr.) soll von einer Landung des Aeneas in Italien gesprochen haben; der Historiograph Hellanikos von Lesbos (5. Jahrhundert v.Chr.) bringt erstmals Aeneas (neben Odysseus) mit der Gründung Roms in Verbindung. Romulus, der Gründer Roms, sollte im 3. Jahrhundert v.Chr. - etwa bei Eratosthenes - als Enkel des Aeneas fungieren. Der auf diese Weise sich verdichtende römische Troia-Mythos ermöglichte sowohl die "Ansippung" Roms (Herakleides Ponticus [4. Jahrhundert v.Chr.]: Rom als griechische Stadt, gleich hohes Alter römischer Kultur, Gleichwertigkeit zu den Griechen) an die als auch eine Distanzierung (ethnische Abgrenzung, politische Unabhängigkeit) von der griechisch-hellenistischen Kultur. Dabei spielten die im 3. und 2. Jahrhundert v.Chr. innerhalb der römischen Republik stattfindenden Auseinandersetzungen um das Verhältnis zur griechischen Kultur eine Rolle; der Annäherung an die griechische Kultur sollte wahrscheinlich mit der Betonung einer eigenen, d.h. trojanischen Ursprungsgeschichte identitätsstiftend begegnet werden. Der römische Troia-Mythos wurde von den Römern aber politisch genutzt (politische Beziehungen zu den hellenistischen Monarchien und Poleis, politische Relevanz des römischen Troia-Mythos; Abfall Segestas von Karthago im 1. Punischen Krieg, politische Unterstützung Arcanias durch die Römer, römische Beziehungen zu Ilion und Lampsakos). Die Beschäftigung mit dem in den homerischen Epen rezipierten Troja-Mythos schlug sich auch in der römischen Epik nieder. Am Anfang steht die Odusia des Livius Andronicus (3. Jahrhundert v.Chr., Mitte), eine Nacherzählung der Odyssee Homers auf römisch-kultureller Grundlage. Das Irrfahrtsmotiv der Odyssee fand auch Verwendung im historischen Epos Bellum Poenicum des Gnaeus Naevius (3. Jahrhundert v.Chr., Ende), das - soweit die fragmentarische Überlieferung des Epos es zulässt - einen römischen Aeneas-Mythos als mythischen Exkurs beinhaltet (Schicksal des Aeneas und seiner Gefolgsleute vom Ende Trojas über die Irrfahrt, Sizilien und Kampanien bis zur Ankunft in Latium); der Troia-Mythos dient Naevius dem Aufzeigen von politischen Feind- und Freundschaften zwischen den Römern und auswärtigen Mächten während der ersten beiden punischen Kriege sowie der "Stärkung römischer Identität". Die lateinisch verfassten Annales des Quintus Ennius (*239-†169 v.Chr.) - von der 18 Bücher umfassenden Darstellung römischer Geschichte als epische Gesamtdarstellung in Hexametern sind nur Fragmente erhalten - setzt mit dem Troiamythos und der Sage um Aeneas ein, die in der Gründung der Stadt Rom innerhalb einer Geschichte um die Familie des Aeneas (Aeneas und Venus, Tochter, Enkel Romulus) einmündet; auch hier ist der Mythos identitätsstiftend, wirkt aber auch gemäß dem Geschichtskonzept des Ennius auf die spätere römische Geschichte ein (Pyrrhos von Epiros als Nachkomme des Achill, römische Hilfe für Lampsakos). Schließlich ist es die Aeneis des Publius Vergilius Maro (*70-†19 v.Chr.), der in seiner Dichtung auf einen weiter ausgeformten Troia- bwz. Aeneas-Mythos zurückgreifen kann, zumal im 1. Jahrhundert v.Chr. die römische Nobilität aus Prestigegründen ihre Familien verstärkt auf ein mythische Abstammung (Troia-Mythos) zurückführten (Gaius Julius Caesar: gens Iulia und die Stammmutter Venus). Vergil schrieb zudem vor dem Hintergrund des Endes der römischen Republik und der politischen "Restauration" des Kaisers Augustus und hatte daher eine besondere "Weltsicht", die literarisch (Eklogen, Georgica) Fiktionales mit Realem verband (Bukolik). Demgemäß verband der Dichter auch in der Aeneis das dort im Vordergrund stehende Mythische um Aeneas mit dem Historischen, Zukünftigen seiner Gegenwart. Es entstand das Geschichtskonzept eines von den Göttern geplanten Weltgeschehens, an dessen Ende das den Weltfrieden bringende römische Reich zurzeit des Augustus steht. Diese römische Sichtweise auf Troia-Mythos (in der Redaktion des Vergil: Flucht des Aeneas aus Troja, Irrfahrten [Karthago und Dido], Leichenspiele für Anchises, Kämpfe in Latium) und Geschichte (aus Vergils Geschichtskonzept resultierende Gegenwartsbezüge des Aeneas-Mythos) gestaltete der Dichter u.a. über Aitiologien und Genealogien (gens Iulia), über exempla maiorum (Vorfahren als Vorbilder), nicht zuletzt über die Beschreibung des Schildes des Kriegers Aeneas (Schild geschmückt mit Szenen aus der zukünftigen römischen Geschichte; Aeneas als im wörtlichen Sinn Träger der römischen Geschichte). IV. Die Aeneis des Vergil - mit ihrer geschichtlichen Gesamtperspektive - sollte als historisches Epos die römischen Vorgängerepen eines Naevius oder Ennius literarisch verdrängen und wurde selbst in der Folgezeit reichhaltig rezipiert. Ausfluss der Aeneis-Rezeption waren: ein Aufgreifen von literarischen Motiven aus der Aeneis etwa durch Properz oder Ovid, eine Beeinflussung der römisch-antiken Sagen- und Mythentradition durch die Aeneis, die Aeneis als eine ideologische Grundlage des römischen Kaisertums (Weltfrieden, kaiserliche Förderung Iliums), die Aeneis als ein identitätsstiftender Faktor für das kaiserzeitliche Römertum, die mittelalterliche Rezeption des Troia-Mythos und auf die Trojaner zurückgehende Genealogien mittelalterlicher Völker und Fürstenfamilien, die moderne "exemplarische Rezeption" des Troia-Mythos etwa durch Gerhart Hauptmann (Atriden-Tetralogie) oder Christa Wolf ("Kassandra"). [Buhlmann, 07.2020]

Jahrbücher des deutschen Reiches, der deutschen Geschichte, hg. v.d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, stellen quellennah und in zeitlicher Anordnung die biografisch-dynastische Geschichte der fränkisch-ostfränkisch-deutschen Herrscher, Könige und Kaiser, dar: Abel, Sigurd, Simson, Bernhard (1883-1888), Jahrbücher des fränkischen Reiches unter Karl dem Großen: Bd.I: 768-798, 21888, Nachdruck Berlin 1969, Bd.II: 799-814, 1883, Nachdruck Berlin 1969 > K Karl der Große; Simson, Bernhard (1874/76), Jahrbücher des fränkischen Reiches unter Ludwig dem Frommen: Bd.I: Bd.I: 814-830, 1874, Nachdruck Berlin 1969, Bd.II: 831-840, 1876, Nachdruck Berlin 1969 > L Ludwig der Fromme; Köpke, Rudolf, Dümmler, Ernst (1876), Kaiser Otto der Große, 1876, Nachdruck Darmstadt 1962 > O Otto I.; Uhlirz, Karl (1902), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Otto II. und Otto III., Bd.I: Otto II. 973-98, 1902, Nachdruck Berlin 1967 > O Otto II.; Hirsch, Siegfried (1862/75), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich II.: Bd.I: 1002-1006, 1862, Nachdruck Berlin 1975, Bd.II: 1007-1014, 1864, Nachdruck Berlin 1975, Bd.III: 1014-1024, 1875, Nachdruck Berlin 1975 > H Heinrich II.; Steindorff, Ernst (1874/81), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich III., 2 Bde. in 1 Bd., Leipzig 1874, 1881 > H Heinrich III.; Meyer von Knonau, Gerold (1890-1909), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V.: Bd.I: 1056-1069, 1890, Nachdruck Berlin 1964, Bd.II: 1070-1077, 1894, Nachdruck Berlin 1964, Bd.III: 1077-1084, 1900, Nachdruck Berlin 1965, Bd.IV: 1085-1096, 1903, Nachdruck Berlin 1965, Bd.V: 1097-1106, 1904, Nachdruck Berlin 1965, XIV, 516 S., Bd.VI: 1106-1116, 1907, Nachdruck Berlin 1965, Bd.VII: 1116-1125, 1909, Nachdruck Berlin 1965 > H Heinrich IV., Heinrich V.; Bernhardi, Wilhelm (1879), Lothar von Supplinburg, 1879, Nachdruck Berlin 1975 > L Lothar von Supplinburg; Bernhardi, Wilhelm (1883), Konrad III., 1883, Nachdruck Berlin 1975 > K Konrad III.; Toeche, Theodor (1867), Kaiser Heinrich VI. (= Jahrbücher des deutschen Reiches, der deutschen Geschichte), 1867, Nachdruck Darmstadt 1965 > H Heinrich VI.; Winkelmann, Eduard (1873/78), Philipp von Schwaben und Otto IV. von Braunschweig (= Jahrbücher der deutschen Geschichte, des deutschen Reiches): Bd.I: Philipp von Schwaben 1197-1208, 1873, Nachdruck Darmstadt 31968, Bd.II: Kaiser Otto IV. von Braunschweig 1208-1218, 1878, Nachdruck Darmstadt 31968 > O Otto IV., > P Philipp von Schwaben; Thorau, Peter (1998), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter König Heinrich (VII.): Tl.I: König Heinrich (VII.), das Reich und die Territorien. Untersuchungen zur Phase der Minderjährigkeit und der "Regentschaften" Erzbischof Engelberts I. von Köln und Herzog Ludwigs I. von Bayern (1211) 1220-1228, Berlin 1998 > H Heinrich (VII.). [Buhlmann, 10.2013, 12.2013, 09.2016]

Jakobi-Mirwald, Christine (2004), Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung (= RUB 18315), Stuttgart 2004, 316 S., € 8,80. Das Buch stand im Zentrum mittelalterlicher Schriftlichkeit und Bildung, sofern Letztere mit Schriftlichkeit zu tun hatte. Das mittelalterliche Buch ist der Codex (wohl von lateinisch caudex, "Holzblock"; vgl. "Buch" und der Baum "Buche"). Anders als die in der Antike so verbreitete Papyrusrolle (Rotulus) besteht der in der späteren Antike (seit dem 1. Jahrhundert) auftretende Codex aus Pergamentblättern, die von Buchdeckeln geschützt und über den Buchrücken zusammengebunden wurden. Dabei war die Herstellung des Grundstoffes Pergament ein aufwändiger Vorgang, musste doch die Haut von Schaf, Ziege oder Kalb gegerbt, gebeizt, abgeschabt, aufgespannt, getrocknet und gekalkt werden, wobei die Haar- und die Fleischseite des Pergaments mitunter eine unterschiedliche Qualität aufwiesen. Die Kostbarkeit des Pergaments - man bedenke, dass ein Codex die Haut von einigen Dutzend Kälbern oder Schafen benötigte - führte zu einem sparsamen Umgang mit dem robusten Beschreibstoff und zu dessen Wiederverwendung, wenn Bücher nicht mehr benötigt wurden (Palimpseste). Ab dem 15. Jahrhundert wurde das Pergament ausgedienter Handschriften von Buchbindern für Buchdeckel und -rücken benutzt (Makulatur). Damals hatte schon längst das Papier das Pergament als Beschreibstoff verdrängt. Nicht zuletzt spielte hier die Papierherstellung (Südwestdeutschland: Papiermühlen in Ravensburg 1393, in Gengenbach, Giengen, Offenburg und Reutlingen am Ende des 15. Jahrhunderts) eine wichtige Rolle. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg (†1468) um die Mitte des 15. Jahrhunderts leitete dann das Ende der handgeschriebenen Bücher ein (Südwestdeutschland: erste Druckerei in Ulm 1473). Zur Beschreibung und Bemalung von Pergament oder Papier mussten Tinte und Farben zunächst hergestellt werden; Tinte etwa wurde aus Ruß und Schlehdorn gewonnen, die rote Farbe ist Mennige (rotes Bleioxyd, minium, wovon sich das Wort "Miniatur" ableitet), für Gelb fanden Ocker oder Auripigmentum (gelbes Arsinsulfid) Verwendung, Grünspan lieferte ein mattes Grün, pulversiertes Lapislazuli, ein sehr teures Pigment, Ultramarinblau, Bleiweiß Weiß, Ruß oder verkohlte Knochen schließlich Schwarz. Bindemittel wie Eiklar lassen hauchdünnes Blattgold am Pergament heften. Geschrieben wurde mit den Kielfedern von Gans oder Schwan, gemalt mit Pinseln. Das Schreiben mit der Feder führte dazu, dass die Buchstaben des lateinischen Alphabets aus dickeren und dünneren Bögen und Schäften zusammengesetzt waren (Haar- und Schattenstriche). Als Großbuch-staben wurden Lettern der lateinischen Capitalis, einer kalligrafischen Majuskelschrift, verwendet, die römische Inschriften-Capitalis besaß "Füßchen" (Serifen); Kleinbuchstaben waren die karolingischen Minuskeln (um 800) und deren gotische bzw. kursive und halbkursive Ableger (Textura, Bastarda; 12. Jahrhundert); die humanistische Minuskel, die Antiqua (15. Jahrhundert), war die Buchschrift im gedruckten Buch (Majuskel im Zwei-, Minuskel im Vierlinienschema [Ober-, Unterlängen]). Im Verlauf des frühen Mittelalters bildete sich das Schema der Worttrennung (Abstand zwischen Worten) aus, die Interpunktion mit ihren Satzzeichen und Großbuchstaben halfen, den Text in Sinnabschnitte zu untergliedern, Worttrennungszeichen traten ab dem 11. Jahrhundert, der i-Punkt ab ca. 1100 in Erscheinung. Dies alles verbesserte die Lesbarkeit einer Handschrift und veränderte somit das Lesen selbst. Der Text wurde auf das liniierte Pergament (ein- oder mehrspaltig) geschrieben, wobei man die meist in Rot auszuführenden Überschriften, Auszeichnungen und Anfangsbuchstaben berücksichtigte (Rubrizierung; von lateinisch rubrum für "rot") und Platz für den später anzubringenden Buchschmuck (Initialen, Verzierungen, Illustrationen) ließ. Der Satzspiegel ergab sich u.a. aus der Anzahl der Zeilen und Spalten pro Seite, aus dem Seitenrand und dem Zeilenabstand (Vorgaben der Zeilen und der Textbegrenzung durch Liniierung). Ein rechteckiges Pergamentstück ließ Raum für vier Seiten, je zwei Seiten bildeten ein meist hochrechteckiges Folium: die (rechts liegende) Vorderseite und die Rückseite eines Blattes (recto für Vorder-, verso für Rückseite; folio als Ablativ zu folium). Zusammengefasst wurden die Doppelblätter (Bifolien) zu Lagen, die übliche, aus vier Doppelblättern bestehende Lage heißt Quaternio (entsprechend Binio: 2, Ternio: 3, Quinternio: 5 usw.). Die Faltung des Pergaments (einmal: Folio-, zwei-mal: Quart-, dreimal: Oktavformat usw.) bestimmte zudem die Größe der Seiten und des Buchs. Lagen und Doppelblätter wurden durchgezählt (Foliierung als Blättzählung, Paginierung als Seitenzählung). Die Buchdeckel bestanden meist aus Holz, die Lagen wurden aneinander genäht, die Bünde an den Deckeln befestigt, der Buchblock geschnitten, Deckel und Rücken außen mit Leder oder Pergament überzogen, die Innenseiten der Deckel mit Spiegelblättern versehen. Buchschließen verschlossen das Buch. [Buhlmann, 01.2007]

Jakobs, Hermann (1961), Die Hirsauer. Ihre Ausbreitung und Rechtsstellung im Zeitalter des Investiturstreits (= Bonner Historische Abhandlungen, Bd.4), Köln-Graz 1961 > H Hirsau

Jakobs, Hermann (1968), Der Adel in der Klosterreform von St. Blasien (= KHA 16), Köln-Graz 1968 > S St. Blasien

Jakobs, Hermann (1989), Die Verdener Abt-Bischöfe der Gründungszeit, das Andreas-Patrozinium ihres Domklosters und das Bardowickproblem, in: JbnsKG 87 (1989), S.109-125. [Nach der Errichtung des Missionsbistums Verden a.d. Aller u.a. durch Einbeziehung des Missionszentrums Bardowick (814/15)] sind Missionsbischöfe bezeugt, die gleichzeitig Äbte des Klosters Amorbach gewesen waren und sich von daher nur zeitweise in Sachsen aufhalten konnten: Spatto (ca.815/16), Tancho (n.815/16-v.829), Harud (v.829-829). Die als Scoti, also Iroschotten bezeichneten Abtbischöfe entfalteten indes wohl keine allzu große missionarische Wirkung innerhalb ihres Verdener Missionssprengels. Letzterer umfasste - nach sich bis 847/48 erstreckenden Arrondierungsmaßnahmen - die Siedlungslandschaften des Sturmigaus (mit Verden), von Waldsati, des Bardengaus (mit Bardowick), von Moswedi, Drewani und Osterwalde. Der Bischofssitz Verden verfügte damit über eine "extreme Randlage" an der Westgrenze seiner Diözese. Das Stift Ramelsloh im Bardengau war Eigenkloster des Erzbischofs von Bremen. Als weitere Bischöfe des Bistums Verden sind zu nennen: Helmgaud (829-n.838), Waldgar (839/47-849/67), Erlulf (v.868-[873]), Wigbert (n.873-908). [Buhlmann, 08.2013]

Jakobs, Hermann (1992), Eine Urkunde und ein Jahrhundert. Zur Bedeutung des Hirsauer Formulars, in: ZGO 140 (1992), S.39-59 > H Hirsau

Jakobs, Hermann (1995/96), Die rechtliche Stellung St. Blasiens bis zur Berufung der Zähringer in die Vogtei (1125), in: AlemJb 1995/96, S.9-38 > S St. Blasien

Jakobs, P. (1893/94), Geschichte der Pfarreien im Gebiete des ehemaligen Stiftes Werden a.d. Ruhr, 2 Tle., Düsseldorf 1893-1894 > W Werden

Jakobs, P. (1901), Werdener Reichskammergerichts-Klagen, in: WB 8 (1901), S.23-151 > W Werden

James, Peter, Thorpe, Nick (1999), Halley, Hünen, Hinkelsteine. Die großen Rätsel der Menschheit (= dtv 62114), München 2002 > F Fiktion und Geschichte

Jandl, Ernst, österreichischer Schriftsteller: Ernst Jandl (*1925-†2000) ist bekannt insbesondere für seine Laut- und Bildgedichte, die als experimentelle Texte in den 1950/60/70er-Jahren vielfach auf Widerstand der Literarurkritik stießen. Erst spät konnte sich Jandl, der im Hauptberuf immer als Deutschlehrer tätig gewesen war, als Dichter und Vortragender seiner Gedichte einen Namen machen. Ehrungen für Jandl als einen Pionier experimenteller, visueller und politischer deutscher Lyrik sollten ab 1969 folgen. Neben den Gedichten schrieb Jandl auch Hörspiele und zwei Theaterstücke. S.: Jandl, Ernst (1966), Laut und Luise (= SL 38), Darmstadt 1971, 208 S., DM 9,80; Jandl, Ernst (1973), Dingfest (= SL 121), Darmstadt 1973, 194 S., DM 8,80. [Buhlmann, 1975, 08.2019]

Jandl, Ralf (2018), Sebastian Lotzer - Vordenker der Bauern im Bauernkrieg. Horber Kürschnergeselle erstellt die Memminger zwölf Artikel, in: Schwarzwälder Hausschatz 2018, S.130f. Der Horber Kürschnergeselle Sebastian Lotzer (*ca.1490-†n.1525) wurde als "Laientheologe" im Vorfeld und während des Bauernkriegs im deutschen Südwesten (1524/25) zu einem "politischen Schriftsteller", der fünf reformatorische Schriften verfasste (1523/25), u.a. die "Memminger Artikel" als Beschwerde- und Bittschrift der Bauern im Memminger Territorium (1525) sowie Memminger "Zwölf Artikel" (1525). Nach der Unterdrückung des Aufstands der Bauern hielt sich Lotzer auf der Flucht zeitweise in St. Gallen auf; danach verlieren sich seine Spuren. [Buhlmann, 11.2020]

Janka, Markus (2021), Vergils Aeneis. Dichter, Werk und Wirkung (= BSR 2884), München 2021, 128 S., Struktogramme, € 19,95. I. Publius Vergilius Maro (*70-†19 v.Chr.), geboren in Mantua, gestorben in Brundisium, einer der bedeutendsten römischen Lyriker und Epiker, ist durch eine Anzahl überlieferter wichtiger lateinischer Werke - u.a. das römische "Nationalepos" Aeneis - bekannt, im Einzelnen: Eclogae/Bucolica (kurz vor 40 v.Chr.), Georgica (37/36/30/29 v.Chr.), Aeneis (29/19 v.Chr.). II. Vergil dichtete die Aeneis als römisches "Nationalepos" in Hexametern und 12 Büchern, von denen die ersten sechs die Irrfahrten des Helden Aeneas von Troja über Karthago nach Latium ("Odysseeteil") schildern, die zweiten sechs über die Kämpfe in Latium berichten ("Iliasteil"). Aeneas folgt seiner durch die Götter gegebenen Aufgabe, parallel zum Geschehen bei den Menschen wird das Handeln der Götter dargestellt. Im Einzelnen handelt es sich bei der Aeneis um ein "neu-homerischen Gesang", in homerischer Tradition stehend (Anfangsverse) und daher die Epen Ilias und Odyssee auf- und umgreifend. Die Hauptperson Aenaes versieht Vergil mit dem grundlegenden römischen Tugendbegriff pietas (als "Bravheit"), ähnlich wie Homer Achill Gewalt und Odysseus Wendigkeit zuordnet; weiter parallelisiert Vergil die Irrfahrt des Aenaes (im realgeografischen Rahmen) mit der (imaginär-mythischen) des Odysseus, die Kämpfe des Aeneas in Italien mit der Rückkehr des Odysseus nach Ithaka und dem Trojanischen Krieg der Ilias. Auch ist die Aeneis ein "hellenistisches Kunststück" in Fortsetzung hellenistischer Hofdichtung wie dem Argonautenepos des Apollonios von Rhodos (*ca.300-†ca.240 v.Chr.). Die Aeneis galt schon in der Antike als das Hauptwerk innerhalb Vergils Werktrias Bucolica - Georgica - Aeneis; Vergil nahm im Rahmen seiner "poetologischen Programmatik" und seinen sich verändernden Ansätzen epischen Dichtens gewisse Aspekte seiner Dichtungen Bucolica, Georgica in die Aeneis auf (z.B. arma als Werkzeuge der Bauern [Georgica] und Waffen der Krieger [Aeneis]), während er - im Unterschied zu Bucolica, Georgica - die Aeneis zu einer (auch ironisierenden) Herrscherpanegyrik auf Kaiser Augustus nutzte (Parallelen zwischen Dichter Vergil und Kaiser Augustus als victor, Aeneis als "hyperbolische Prophetie", als Darstellung der Kontinuität von Troja auf Rom [Julius (Caesar) <-> Julus, Ascanius/Julus -> Romulus, Westen und Osten], als "augusteisches Gedicht" [Rom als Weltreich]). Die zwölf Bücher der Aeneis stehen für zwölf Heldengesänge, die das Werk als "episches Gebäude" konstituieren. Buch I handelt von Aeneas (dem Sohn der Göttin Venus) und seinen Gefährten, die aus Troja fliehen, durch das Eingreifen der Götter (Rolle der Götterversammlung) in einem Sturm an die Küste Libyens verschlagen wurden und dort auf die Königin Dido der neu gegründeten Stadt Karthago treffen (Szenen des Kriegs um Troja an den Wänden des Junotempels, Aeneas und Dido). Buch II beinhaltet die (Binnen-) Erzählung des Aeneas über den Untergang Trojas (Warnung und Tod des Laokoon, trojanisches Pferd, Eroberung Trojas [Ilias, Iliupersis], Flucht des Aeneas und seiner Familie nach Westen), ebenso Buch III über die Irrfahrt der Flüchtenden (Ägäis: Thrakien, Delos, Kreta; Adria: Harpyien, Actium, Buthrotum; Sizilien: [Skylla und Charybdis], Kyklopen und Achaemenides, Drepanum, Tod des Anchises). [In Kapitel 5.3 der Publikation fehlt die Nummerierung zu den Abschnitten 2) und 3).] Buch IV handelt von Dido und Aeneas (Didos Liebe), bis Aeneas auf Mahnung des Gottes Merkur Karthago mit seinen Gefährten verlässt (heimliche Abreise, Selbstverbrennung Didos). Buch V erzählt von Rückkehr der Aeneaden ins sizilische Drepanaum und den Leichenspielen für Anchises, der dort gestorben war. Es folgen die Gründung von Acesta (Segesta) durch Aeneas und die Abreise der Aeneaden. In Buch VI erreicht Aeneas mit seinem Gefolge Italien und Cumae; hier erfährt er von der Seheren Sibylla die Zukunft. Aeneas und Sibylla betreten die Unterwelt, der Sohn trifft auf den Vater Anchises (Seelenwanderung [Platon, Pythagoras, Lukrez]), der wiederum auf die Römer als Nachkommen der Trojaner, auf eine Friedensordnung als "welthistorische Mission" Roms sowie auf die nähere Zukunft, die Aeneas zu bestehen hat, hinweist. In Buch VII erreicht Aeneas Latium als "verheißenes Land" und nimmt friedlichen Kontakt zu König Latinus auf. Der freundlichen Aufnahme der Aeneaden stehen aber die Intrigen der Göttin Juno entgegen, die Kriegsfurie Allecto verbreitet Kriegsraserei und Krieg, in dessen Folge sich in Buch VIII die Kriegspartei des Rutulerfürsten Turnus formiert und Aeneas bei Euander, dem Beherrscher des urrömischen Palatin (Pallenteum), Unterstützung findet (Erzählungen des Euander: Kulturentwicklung Latiums [goldenes Zeitalter des Saturn], Ur-Rom). Aeneas erhält von der Göttin Venus Waffen und Schild (bebildert mit Szenen aus der römischen [Kriegs-] Geschichte). Buch IX handelt vom Krieg, von der Belagerung der von Trojanern in Latium neugegründeten Stadt durch Turnus und dessen Krieger; die Trojaner Nisus und Euryalus, die Aeneas informieren wollen, sterben den Heldentod; Turnus kann in die von Askanius/Julus, dem Sohn des Aeneas, verteidigte Stadt eindringen, muss aber wieder zurückweichen. Buch X führt den Krieg weiter. Aeneas bekämpft mit den von ihm gewonnenen Verbündeten Turnus und Mezentius in einer Schlacht; Pallas der Sohn des Euander, wird im Zweikampf mit Turnus getötet, Aeneas versucht ihn zu rächen, doch Juno entführt Turnus vom Kampfplatz, Aeneas tötet Mezentius und dessen Sohn im Zweikampf. In Buch XI verlagert sich nach einem Waffenstillstand das Krieggeschehen zur Stadt des Latinus. Die Aeneaden kämpfen gegen die Latiner und die "Amazonen" Camillas; Camilla wird getötet, der latinische Widerstand bricht zusammen, Turnus greift ein, die einbrechende Dunkelheit beendet die Kämpfe. Buch XII schildert den Endkampf zwischen Aeneas und Turnus; im Zweikampf mit dem zuvor verwundeten, aber durch eine Wunderpflanze wieder schnell genesenen Aeneas wird Turnus getötet (Tod des Turnus als Vergeltung des Aeneas für Pallas). Vorausgegangen waren eine vertragliche Übereinkunft zwischen den Kriegsparteien, der Bruch des Vertrags, Unruhen in der Stadt des Latinus. Mit dem Tod des Turnus endet die Aeneis. III. Vergils Aeneis ist schon während seiner Enstehung und erst recht danach in mannigfaltiger diskutiert und rezipiert worden. Dies gilt erst recht für die Moderne und das 20./21. Jahrhundert (Verfilmungen, Kurzfassungen, neue Wege der Deutung), so dass durch die Aeneis ein imperium sine fine vermittelt werden konnte. > V Vergil; > Lateinische Literatur > V Vergil [Buhlmann, 09.2021]

Janke, Klaus, Niehues, Stefan, Echt abgedreht. Die Jugend der 90er Jahre (= BSR 1091), München 41996 > D Deutsche Geschichte, 1949-heute

Jankrift, Kay Peter (2004), Das Mittelalter. Ein Jahrtausend in 12 Kapiteln, Ostfildern 2004 > M Mittelalter

Jankuhn, Herbert (1977), Einführung in die Siedlungsarchäologie, Berlin-New York 1977 > A Archäologie

Jansen, Jan C., Osterhammel, Jürgen (2013), Dekolonisation. Das Ende der Imperien (= BSR 2785), München 2013, 144 S., € 8,95. Der geschichtliche Prozess der Dekolonisation betraf im 20. Jahrhundert, vornehmlich zwischen 1945 und 1975, die global-interkontinentalen Kolonialreiche und Imperien der europäischen Mächte Großbritannien (British Empire), Frankreich, Niederlande, Belgien, Portugal und Spanien sowie Japans, während Deutschland mit dem Ersten Weltkrieg (1914-1918), Japan mit dem Zweiten (1939-1945) seine Kolonien verlor. Dekolonisation meint damit einen vielfach gewaltsam verlaufenden Übergang abhängiger Kolonien in souveräne Staaten (1913: 163 Kolonien, 1965: 68, 1995: 33) vor dem Hintergrund der zwei Weltkriege, von Nationalismus, Imperialismus, Spätkolonialismus, Ost-West-Konflikt (Kalter Krieg) und wirtschaftlichem Wandel. Dekolonisation fand statt in den spätkolonialen Gesellschaften in den Kolonien (Beherrschungs-, Siedlungs- oder Stützpunktkolonie, Weltmarktanbindung, koloniale Gesellschaft, [direkte, indirekte] Kolonialherrschaft, antikoloniale Bewegungen) und in den Metropolen, war ein Vorgang der Loslösung der Kolonien vom Kolonialreich (Zeitpunkt, Politik und Strategien, Einflüsse) und zeitigte unterschiedliche politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Folgen in den ehemaligen Kolonien (Unabhängigkeit, Bindung an die ehemalige Metropole, wirtschaftliche Abhängigkeiten). Im Einzelnen betraf Dekolonisation Länder und Regionen in Asien (Philippinen 1946; Indien/Pakistan 1947 [Hindus, Muslime]; Ceylon, Birma 1948; Indonesien 1945/49/50 [niederländische "Polizeiaktionen", Sukarno]; Vietnam 1945/54 [Indochinakrieg, geteiltes Vietnam, Ho Chi Minh]; Malaya 1957; Goa 1961; Singapur 1965; Hongkong 1997), im Nahen Osten und Nordafrika (Ägypten 1922/36 [informal empire]; Irak 1932); Syrien/Libanon 1945/46; Jordanien/Transjordanien 1946; Palästina 1947/48 [UNO, Staat Israel]; Sudan 1956; Suezkanal 1954/56 [Suez-Krise]; Tunesien 1956; Marokko 1956; Zypern 1960; Algerien 1962 [Algerienkrieg]; Aden 1967), im restlichen Afrika (Südafrika 1910/90er-Jahre [Dominion, Ende der Apartheid]; Nigeria 1960; Kongo 1960 [belgische Kolonialmacht, Mobutu-Regime]; Sierra Leone 1961; Tanganjika 1961; Uganda 1962; Kenia 1963 [Kenyatta]; Njassaland/Malawi, Sambia 1964/65 [Central African Federation]; Gambia 1965; Rhodesien 1965 [Siedlerregime]; Mauritius 1968; Angola, Guinea-Bissau, Mosambik 1974/75 [portugiesische Dekolonisationskriege und Salazar-Regime]; Westsahara 1975 [Mauretanien, Marokko]; Namibia 1990 [Südafrika]), in der Karibik und im Pazifik (Jamaika, Trinidad und Tobago, Barbados, Guyana 1962/66; französische "Überseedepartements" Guadeloupe, Martinique, Guyana, Réunion; Puerto Rico). In den ehemaligen kolonialen Metropolen und Kolonien wurde in unterschiedlicher Weise Dekolonisation zu einem Teil der geschichtlichen Erinnerungskultur. [Buhlmann, 11.2013]

Janson, Horst W. (1960), Malerei unserer Welt. Von der Höhlenmalerei bis zur Moderne (= dumont Tb 2), Köln 1973 > K Kunst

Janson, Tore (2006), Latein. Die Erfolgsgeschichte einer Sprache, Hamburg 2006 > L Latein

Janssen, Walter (1968), Die germanische Siedlung von Essen-Hinsel, in: EB 83 (1968), S.7-55. Die germanische Siedlung in (Essen-) Hinsel, am nördlichen Ruhrufer gelegen, soll in das 2. bis 4. Jahrhundert datieren. Gruben, Grundrisse von mindestens zwölf Bauten, ein Rennfeuerofen, Eisenschlacken und ein Brandgrab, einheimisch-germanische und römische Keramik, römische Münzen, Fragmente von Handmühlen, eine Venus-Terrakotte machen das Fundspektrum des germanischen "Eisenverhüttungsplatzes" aus. Münzen und Keramik deuten auf Handelsbeziehungen zwischen Römern und Germanen während der römischen Kaiserzeit hin. Vgl. Schumacher, Erich (1970), Ein germanischer Eisenverhüttungsplatz in Essen-Überruhr, in: EB 85 (1970), S.6-12. [Buhlmann, 10.2003]

Jarnut, Jörg (1972), Prosopographische und sozialgeschichtliche Studien zum Langobardenreich in Italien (568-774) (= BHF 38), Bonn 1972, 427 S., DM 48,-. I. Gesamtverzeichnis der aus dem Langobardenreich namentlich bekannten Personen, Methodik und Aufbau der Prosopographie nach: Namen (standardisiert, alphabetisch); Quellen; (Ausstellungsort der Urkunde); Jahr der Erwähnung; Verwandschaftsverhältnisse zu anderen Personen des Verzeichnisses; soziale Stellung und Herkunft; Identität von Personen gleichen Namens (mögliche, wahrscheinliche Identität). Tabellen: A. Neustrien, Austrien, Emilia, Toskana (Namen gesichert: 1511, unsicher: 134), B. Spoleto (401, 10), C. Register der Amts- und Berufsbezeichnungen im Langobardenreich. II. Prosopographie der Träger höherer Ämter im Langobardenreich. Abgehandelt werden folgende Ämter: duces, comites, Gastalde, sculdahis, Hof- und Zentralämter. Im Einzelnen ergibt sich: A. Neustrien, Austrien, Emilia, Toskana (Nr.I-CXXXVI), B. Spoleto (Nr.I-LXI), C. Amtsträger aus unsicheren Quellen (Nr.I-XVI), D. Register der Amtsträger aus den einzelnen Dukaten, Comitaten und Gastaldaten. III. Namengebung bei ethnischen Gruppen und in sozialen Schichten des Langobardenreichs. Untersucht wird die Namengebung (langobardisch/romanisch) von Vätern auf ihre Kinder. Dabei wird unterschieden: a) zwischen sozialen Gruppen: A. König, höhere Amtsträger, B. Geistliche, C. Unfreie, Halbfreie u.ä., D. Übrige; b) zwischen den Regionen des Langabardenreiches: (a) Neustrien, (b) Austrien, (c) Emilia, (d) Toskana, (e) Spoleto; c) zwischen zeitlichen Feriodisierungen: (1) 568-680, (2) 681-744, (3) 745-774. IV. Ergebnisse: Bei Langobarden und Romanen tritt dann in unterschiedlicher Weise geografisch und zeitlich Namenwechsel oder Namenkonstanz in Erscheinung. Es folgt: Getrenntes Nebeneinanderleben von Langobarden und Romanen während der Periode 1, danach Tendenzen zur Annäherung beider Völker. Doch bleibt die Heterogenität der langobardischen Gesellschaft bis zur Eroberung durch die Franken (773/74) erhalten. [Buhlmann, 04.1988]

Jarnut, Jörg, Köb, Ansgar, Wemhoff, Matthias (Hg.) (2009), Bischöfliches Bauen im 11. Jahrhundert. Archäologisch-historisches Forum (= MS 18), München 2009, 230 S., Schwarzweißabbildungen, Farbtafeln, € 9,95. I. Die gotische Einwölbung (15. Jahrhundert) der frühromanischen Bischofsbasilika von Aosta isolierte die 1031/50/60 angefertigten Wandmalereien des Obergadenbereichs des ursprünglichen Gotteshauses. Erhalten blieb so eine reichhaltige Ausmalung, die Biblisches (Buch Exodus: ägyptische Plagen, Evangelien: Lazarus) sowie die Vita des heiligen Eustachius nacherzählt und darüber eine Abfolge von Bildern (als Brustbilder unter Abschlussfriesen in "perspektivischen" Konsolen) mit den Vorfahren von Jesus Christus auf der Nord- und den Bildern von Geistlichen auf der Südseite der Kathedrale platzierte. Ob diese Geistlichen, die teilweise benannt sind, (Weih-?) Bischöfe, Kanoniker (von Aosta?) oder andere Geistliche darstellen, ist auch aufgrund der gemalten Bekleidung unklar (Hans Peter Autenrieth, Beate Autenrieth, Wen repräsentiert die Reihe geistlicher Würdenträger in den Wandmalerein der Kathedrale von Aosta?). II. Bischöfe als Auftraggeber (Bauherren) von (Kathedral-, Pfarr-) Kirchen und Burgen treten auch in der Lombardei im 11. Jahrhundert in Erscheinung: die Bischöfe Warmund von Ivrea, Burchard von Aosta, der Erzbischof Heribert von Mailand sowie die Bischofskirchen in Acqui, Cuneo, Modena und Turin sind diesbezüglich zu nennen (Carlo Tosco, La committenza vescovile nell'XI secolo nel romanico lombardo). III. Schriftliche Geschichtsquellen (Quellenarmut des frühen und hohen Mittelalters, Glaubwürdigkeit der Überlieferung: Weihenachrichten, Nachrichten über Reliquien, Stifterinschriften, Nennung des Bauherrn, [Nennung der Kirche]), naturwissenschaftliche Methoden (C14-, Thermolumineszenz-Methode, Dendrochronologie) und eine Interpretation mittels typologischee Reihen (Architekturelemente: Doppelbogen [Blendbogen] zwischen Lisenen [ab 980/90]) stehen für die Datierung mittelalterlicher Bauwerke zur Verfügung (Jens Reiche, Anmerkungen zur Datierung früh- und hochmittelalterlicher Architektur, am Besipiel der italienischen Kirchenbauten zwischen 870 und 1030). IV. Das burgundische Reformkloster Cluny beeinflusste in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts auch den norditalienischen Raum, der von Abt Hugo I. (1049-1109) programmatisch monastisch-cluniazenisch erschlossen wurde. Ungefähr 28 Priorate entstanden mit Unterstützung der politisch Mächtigen (Grafen von Pombia, Bergamo, Martinengo, Capitane von Carcano, Besate, Ticengo u.a.), zu denen Cluny gute Beziehungen unterhielt (Kirchenerwerb durch Kauf, Schenkungen, testamentarische Verfügungen). Dies geschah durchaus im Gegensatz zu den Bistümern und Bischöfen (Priorate außerhalb der Amtsgewalt der Bischöfe), bis Papst Urban II. (1088-1099) die Rechte der (reformorientierten) Bischöfe stärkte. Die Priorate waren Teil der Cluniacensis ecclesia, des auf Cluny zentrierten "Klosterverbands" ("Kirchesystem", Kongregation), das über Schenkungen und Gebetsgedächtnis (memoria) die drei "sozialen Stände" der chierici, milites, rustici miteinander verband. Dabei ging Cluny insofern erfolgreich vor, als es sich den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, architektonischen und künstlerischen Gegebenheiten vor Ort anpasste (Giancarlo Andenna, Der cluniazensische Einfluss in Norditalien). V. Unter dem Vorbild des leeren Grabes Christi in der Jerusalemer Grabeskirche (Arculf-Plan, ca.680) entstanden in Konstanz und Bologna Heilige Gräber: in Konstanz unter Bischof Konrad (934-975) in der Mauritiusrotunde (Heiliges Grab um ca.950, Konradsviten des 12. Jahrhunderts, bauliche Umgestaltung im 13. Jahrhundert, Heiliges Grab von ca.1260), in Bologna angeblich unter dem ersten Bischof Petronius (432, 449) in einem achtseitigen Zentralbau (mit Empore und zwölf das Heilige Grab umgebende Stützen) im Kirchenkomplex Santo Stefano (Kloster nachweisbar ab 9. Jahrhundert, Heiliges Grab von 1141 zusammen mit dem Grab des Petronius) (Xenia Stolzenburg, Bestattungen ad sanctissimum - Die Heiligen Gräber von Konstanz und Bologna im Zusammenhang mit Bischofsgräbern). VII. Als Ausfluss eines (um das Jahr 1000 einsetzenden [Rodulfus Glaber]) "Bau- und Erneuerungseifers" (im Investiturstreit [1075-1122] durchaus kritisch gesehen) sind für Westfalen im 10. und 11. Jahrhundert manche Bauaktivitäten nachweisbar: der Neubau der Mindener Bischofskirche unter Bischof Ebergis (927-950; Weihe 952, Brand des Doms Pfingsten 1062 [König Heinrich IV. in Minden]) und die weitere Ausgestaltung des Bischofssitzes (Benediktinerinnenkloster 993, Stift St. Martin v.1029, Benediktinerkloster St. Mauritius 1042); das Paderborner Kirchen- und Residenzensemble des Bischofs Meinwerk (1009-1036) (Pfalz 1013, Weihe des Domneubaus 1015, Benediktinerkloster Abdinghof 1022/23/31, Altarweihe der Busdorfkirche als Grabeskirche 1036 [vollendet 1068], Brand der Paderborner civitas 1058, Baumaßnahmen am Dom und dessen Neuweihe 1068, Wiederaufbau der Abdinghofkirche 1078); das Kirchenensemble der Osnabrücker Bischöfe Thietmar (1003-1023) (Kanonikerstift 1011) und Benno II. (1068-1088) ([ungenutztes] Gertrudenkloster [St. Michael] v.1073 [besiedelt 1142], Benediktinerkloster Iburg n.1080); das Kirchenensemble in Münster (Frauenstift Überwasser 1040, Kollegiatstift St. Mauritz 1064/1118, Brand von Überwasser 1071, Wiederaufbau des Stifts 1085/88, Baumaßnahmen am Dom und Domweihe 1090 bzw. Altarweihe 1091). Erkennbar an den Bischöfen Meinwerk von Paderborn und Benno II. von Osnabrück, ging es bei den Kirchenbauten und Baumaßnahmen um eine Rangerhöhung von Bischofssitz und Bischof (bischöfliche Grablege), um das Kirchenensemble als (zu realisierendes) Kirchenkreuz (apotropäische Wirkung des Kreuzes, Schutzfunktion der heiligen Kirchenpatrone), um die Balance zwischen Reichsdienst (Königtum und ottonisch-salische Reichskirche, Bischofssitze als Aufenthaltsorte des Königs [Pfalzen], Abwesenheit der bischöflichen Bauherren) und Bischofssitz (königliche Schenkungen, gute wirtschaftliche Voraussetzungen) (Manfred Balzer, Westfälische Bischöfe des 10. und 11. Jahrhunderts als Bauherren und Architekten). VIII. (Simone Heimann, Die Ausbildung hochmittelalterlicher Bischöfe zu Architekten - Überlegungen am Beispiel Bischof Bennos II. von Osnabrück). IX. Bischof Meinwerk von Paderborn (1009-1036) gestaltete während seiner Amtszeit seinen Bischofssitz weiter aus. Dies betraf neben den Kirchengebäuden (Dom) auch die ottonische Pfalzanlage als Residenz des Königs (Königspalast) bei dessen ambulanter Herrschaftsausübung. Dem Dom nördlich vorgelagert, gehen Pfalz und Bistum auf den fränkischen König Karl den Großen (768-814) zurück, Pfalz und Dom bildeten den Dombereich oder die Domburg. Umbauten und Erweiterungen im Dombereich hat es schon unter den Bischofen Badurad (815-862) und Rethar (983-1009) gegeben; Bischof Meinwerk gestaltete dem Dombereich neu durch die Wiederherstellung des Doms, den Neubau der Königspfalz (Verschiebung der Aula [eingeschossige aula regia, Ikenbergkapelle, Wohntrakt, Bartholomäuskapelle] nach Norden, Schaffung eines Raums zwischen Pfalz und Dom), den Neubau eines Bischofspalastes (domus episcopalis) südwestlich des Doms, die Erneuerung des Domklosters. Die Neugestaltung der Königspfalz machte aus Paderborn z.B. unter den Kaisern Heinrich II. (1002-1024) und Heinrich III. (1024-1039) einen bevorzugten Aufenthaltsort der deutschen Herrscher. Jenseits von Pfalz und Dom schloss sich schon im endenden 8. und im 9. Jahrhundert eine locker bebaute, agrarische Besiedlung (Gewerbesiedlung, Dorf Aspethera) an, die sich im 10. und 11. Jahrhundert auf andere Areale bei dichterer Bebauung ausdehnen sollte (polyzentrisches Paderborn). Es entstand eine Gewerbesiedlung westlich der Domburg, im Osten das von Meinwerk 1036 gegründete Busdorfstift mit seiner nördlich gelegenen Gewerbesiedlung. Verwendet wurden hierzu und für die Bauten auf der Domburg Steine aus dem Steinbruch Kötterhagen unmittelbar südlich des Dombereichs. Ministerialensitze sind seit dem 13. Jahrhundert, Domherrenkurien vielleicht seit der Zeit um 1100 archäologisch nachweisbar. Um 1100 bzw. in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde die Bischofsstadt Paderborn befestigt (1. Phase: Stadtgraben [Aufschüttung des Steinbruchs], 2. Phase Stadtmauer); die Stadtbefestigung reichte über das bisherige Siedlungsareal weit hinaus, was in Teilen eine Neuparzellierung erforderlich machte. Die Besiedlung weitete sich aus (z.B. auch im den Bereich des Steinbruchs), das Gebiet entlang des Hellwegs (Schildern) zwischen westlicher Gewerbesiedlung (Markt) und Domburg erfuhr eine Aufwertung, der von der Stadtbefestigung umgebene städtische Bereich (66 Hektar groß) brauchte im Mittelalter nicht mehr erweitert zu werden (Sveva Gai, Zur Bautätigkeit Bischof Meinwerks von Paderborn (1009-1036). Die ottonisch-salische Pfalzanlage; Sven Spiong, Von der bischöflichen Residenz zur mittelalterlichen Stadt - die Stadtgenese Paderborns im Spiegel der archäologischen Ausgrabungen). X. Die Christianisierung des Lütticher Raums (4. Jahrhundert), das in römischer Zeit entstehende Bistum Tongern der civitas Tungrorum (Bischof Servatius [ca.342-359]), der Wechsel des Bischofssitzes nach Maastricht, die Wiederbesiedlung Lüttichs (6. Jahrhundert), Lüttich als Ort des Martyriums des Bischofs Lambertus (†ca.705), der Wechsel des Bischofssitzes von Maastrich nach Lüttich (ca.800) bilden die Voraussetzungen für das mittelalterliche Bistum Lüttich, das im 10./11. Jahrhundert im Rahmen der ottonisch-salischen Reichskirche (königliche Zuweisung von Grafschaften 985/87) unter einer Reihe von Bischöfen (Heraklius [959-971], Notker [972-1008] u.a.) seine kirchliche und städtische Ausgestaltung erfuhr: Neubau der Kathedrale St. Lambert und der Taufkirche, Kirchen Sainte-Croix und Saint-Denis, Stiftsgründungen von Saint-Jean und Saint-Barthémely, Klostergründung von Saint-Jacques, Stadtmauer unter Einschluss des Marktes, (teilweise) rechtwinkliges Straßensystem, Flussregulierung der Maas (Maasinsel). Gerade Bischof Notker wird bei seinem kirchlichen Bauten und Baumaßnahmen wohl ein Konzept verfolgt haben, das an das Kirchenensemble in Jerusalem um die Grabeskirche mit dem Heiligen Grab erinnern sollte; die Kirchenpatrozinien orientierten sich an denen in Rom, die Kirche Saint-Jean an die Oktogon-Marienkapelle der Aachener Pfalz (Friederike Dhein, Lüttich. Inszenierung einer Bischofsstadt an der Wende zum 11. Jahrhundert). [Buhlmann, 04.2020]

Jarnut, Jörg, Nonn, Ulrich, Richter, Michael (Hg.) (1994), Karl Martell in seiner Zeit (= Beihefte der Francia, Bd.37), Sigmaringen 1994 > K Karl Martell

Jarvis, Scott, Pavlenko, Aneta (2008), Crosslinguistic Influence in Language and Cognition, New York 2008 > S Sprachen

Jaspert, Nikolas (2019), Die Reconquista. Christen und Muslime auf der Iberischen Halbinsel 711-1492 (= BSR 2876), München 2019, 128 S., Karten, € 9,95. I. Die islamische Eroberung Nordafrikas (Fall des oströmischen Karthago 698) führte zu muslimischen Raubzügen ins Westgotenreich und schließlich im Jahr 711 zur Überquerung der Meerenge zwischen Nordafrika und der iberischen Halbinsel durch arabisch-berberische Krieger unter Tariq ibn Ziyad (Gibraltar). Nach Niederlage und Tod des westgotischen Königs Roderich (710-711) in der Schlacht am Guadalete (Roderich-Legende) stand den muslimischen Eroberern die iberische Halbinsel offen, und es sollte sich in den folgenden Jahrzehnten unter Integration der westgotischen Gesellschaft die arabisch-islamisch dominierte Kultur von Andalusien (al-Andalus <- "Wandalen"?) ausbilden. Mit dem Sturz des Omaijadenkalifats von Damaskus (661-750) durch die Abbasiden und der Flucht des Omaijadenprinzen Abd-al-Rahman nach Spanien entstand das Emirat von Cordoba unter den Herrschern Abd-al-Rahman I. (756-788), Hischam I. (788-796), al-Hakam I. (796-822), Abd-al-Rahman II. (822-852), Muhammad I. (852-886), al-Mundhir (886-888), Abd Allah (888-912) und Abd-al-Rahman III. (912-961), der sich den Kalifentitel zulegte (929). Das Emirat bzw. Kalifat umfasste große Teile der iberischen Halbinsel mit Ausnahme von Staaten christlicher Herrscher im Norden und Nordwesten wie Asturien, Asturien-León-Kastilien, Pamplona, Aragón oder die spanisch-fränkische Mark (fränkische Eroberung Barcelonas 801). Das Emirat von Cordoba war dabei immer wieder von zentrifugalen Kräften bedroht (drei nördliche Marken, Banu [Clans]; Aufstände 852/912), aber auch von außen (Wikingereinfälle 844, 858, 859, 966, 971; Emirat als Seemacht und Einbeziehung der Balearen, Stützpunkt in Fraxinetum [887], Plünderung des Klosters St. Gallen [954]; omaijadische Politik gegenüber dem Maghreb). Die Kalifen al-Hakam II. (961-976) und Hischam II. (976-1009) hatten nur noch ein formelle Stellung unter den eigentlichen Machthabern (hadschib) al-Mansur (981-1002), Abd al-Malik (1002-1008) und Abd al-Rahman (1008-1009). Das Kalifat ging dann ab 1009 unter in "Bürgerkriegen" (fitna). In die Zeit des Emirats bzw. Kalifats von Cordoba fallen die Anfänge dessen, was (die historische Forschung) (asturischer) "Neogotismus" (als Wiederherstellung des Westgotenreichs), insbesondere "Reconquista" (als historisch schillernder "Reizbegriff") nennt. Siege christlicher Herrscher über muslimische Heere reichen dabei bis in die Zeit unmittelbar nach der arabischen Eroberung der iberischen Halbinsel zurück (Sieg des aquitanischen Herzogs Eudo [†735] 721, Sieg des christlichen Heerführers Pelayo bei Covadongo 722), während das Königreich Asturien im 9. und 10. Jahrhundert eine erfolgreiche Expansionspolitik in die Meseta betrieb (Eroberung von León [853/56], Porto [868], Zamora [893], Simanca [899], Toro [900] u.a.), in deren Folge aus dem aus der asturischen Herrschaft das Königreich León wurde. Dabei zeichnete sich das Verhältnis zwischen den christlichen Staaten auf bzw. am Rande der iberischen Halbinsel durch "Konkurrenz und Kooperation" aus. In das 10. und 11. Jahrhundert fällt der politische Aufstieg des Königreichs Navarra u.a. unter König Sancho III. dem Großen (1000-1035) (Einbeziehung Riojas, Nájeras, Calahorras, Grafschaft Aragon). Nach Sanchos Tod bildete sich ein selbstständiges Königreich Aragon heraus; eine wichtige Rolle spielte auch die (fränkische [Grenz-]) Grafschaft Barcelona. Dem militärisch-politischen Gegeneinander dieser Zeit (8.-11. Jahrhundert) auf der einen Seite entsprach die Koexistenz von Muslimen und Christen auf der anderen, z.B. im Rahmen von Diplomatie und "interreligiöser Heiratspolitik" zwischen den Herrschern (Abd-al-Rahman III. als Enkel, al-Hakam II. als Sohn einer Christin). II. An die Stelle des Kalifats traten politisch die lokal-regionale Herrschaftsbereiche abdeckenden Taifenreiche in Sevilla (Abbadiden, 1023-1091), Cordoba (Dschauhariden, 1031-1070; -> Sevilla), Malaga (Hammudiden, 1016-1057; -> Granada), Granada (Siriden, 1012-1090), Badajoz (Aftasiden, 1022-1094), Valencia (Amiriden, 981-1065; -> Toledo), Toledo (Dhu n-Nun, 1016-1085/92; -> Valencia), Murcia und Almeria (1012-1090; -> Sevilla), Niebla (Yahya, 1023-1053; -> Sevilla), Silves (-1063; -> Sevilla), Denia und die Balearen (1009-1076; -> Saragossa) und Saragossa (Tudschib, 1017-1039; Hudiden, 1039-1110). Die innen- und außenpolitische Schwäche der Taifenreiche machte sich zum einen gegenüber den christlichen Königreichen im Norden bemerkbar (christliche Eroberung von Toledo [1085], Valencia [1094], Saragossa [1118]; El Cid), zum anderen an gesellschaftlich-religiösen Entwicklungen innerhalb der Reiche, die schließlich zum Machtverlust der herrschenden Dynastien und zum malakitisch-orthodoxen Islam der Almoraviden führten. Die um die Mitte des 11. Jahrhunderts aufgekommene Berberdynastie der Almoraviden herrschte über Marokko und Westalgerien; Yusuf ibn Taschufin (1061/86-1106) konnte auch Andalusien (als "koloniale" Nebenherrschaft) seinem Machtbereich eingliedern (1086/1091-105; Schlacht bei az-Zallaqa 1086). Im Zuge eines rigid-orthodoxen Islam verschlechterte sich dort teilweise das Miteinander von Muslimen, Christen (Mozarabern) und Juden und führte ebenso teilweise zu Abgrenzungen, die der "toleranten Heterodoxie" an den Höfen der Taifenherrscher entgegengesetzt waren (islamische Religion, malikitisches Rechtswesen). Handel, Gewerbe und Landwirtschaft blieben in Andalusien auch weiterhin produktiv. Die Almoravidendynastie ging nach dem Tod Ali ibn Yusufs (1106-1143) unter (almohadische Eroberung von Fes [1146] und Marrakesch [1147]). Das Verhältnis der Taifenreiche zu den benachbarten christlichen Herrschaften war geprägt von (christlicher) Eroberung (Einnahme von Toledo 1085), christlich-muslimischen Bündnissen und muslimischen Tributzahlungen (parias) (1031-1085). Ab dem 11. Jahrhundert wurden - vor dem Hintergrund der christlichen Königreichen und den Taifenherrschaften bzw. dem Reich der Almoraviden - die christlichen Eroberungen - folgt man kirchlichen Geschichtsquellen der damaligen Zeit - "religiös aufgeladen" zum Gegensatz zwischen Christentum und Islam (kirchliche restauratio [Bistum Calahorra 1046, Kathedralneuweihe von Palencia 1059] und dilatatio christianitatis; päpstlich-kirchliche Einflussnahme und "Proto-Kreuzzug" gegen Barbastro 1064; Militarisierung des heiligen Jakobus von Santiago de Compostella [11./12. Jahrhundert]; Pseudo-Turpin [12. Jahrhundert, Anfang]) bis hin zu einer Parallelisierung von "Reconquista" (als Glaubenskrieg?) und Kreuzzug (Kirchweihurkunde für Huesca 1097, Rolle des Papsttums [11./12. Jahrhundert]; iberische Halbinsel als Heiliges Land?). Jedoch spricht die "Pragmatik" der christlich-muslimischen Auseinandersetzungen des hohen Mittelalters dagegen, dass eine religiöse Deutung der Kämpfe bei den Kriegern und Kämpfern wirklich ausschlaggebend gewesen war (Rolle des Cid [†1099] u.a.). Zwar unterstützten auswärtige Ritter und auch Kreuzfahrer militärische Operationen auf der iberischen Halbinsel (christliche Plünderung Mallorcas 1114; Eroberung von Lissabon [1147], Tortosa [1148], Silves [1189]; Schlacht bei Las Navas de Tolosa [1212]), doch war das interreligiöse Verhältnis eher politisch von Kampf und Koexistenz geprägt (1085-1199). III. Mit dem Zerfall der Almoravidendynastie einher ging eine Periode des Übergangs, in der kurzlebige "zweite Taifenreiche" entstanden. Nutznießer des untergehenden Almoravidenreiches (1143/47) waren indes die streng islamischen Almohaden, die unter Abdalmumin (1130-1163) den ganzen Mahgreb beherrschen sollten und unter Abu Yaqub Yusuf (1163-1184) und Abu Yusuf Yaqub al-Mansur (1184-1199) auch Andalusien ihrem Reich eingliederten (Almohaden in Andalusien ab 1150; Schlacht von Alarcos 1195). Die Niederlage in der Schlacht von Las Navas de Tolosa gegen ein christliches Heer (1212) bedeutete den Anfang vom Ende der almohadischen Herrschaft in Andalusien (1225); in Nordafrika folgte den Almohaden spätestens 1269 die Meriniden. Während die frühen Almohadenherrscher also durchaus ihr andalusisches Reich gegen die christlichen Herrschaftsräume behaupten konnten, setzte mit dem 13. Jahrhundert die "Zeit der großen christlichen Eroberungen" ein (1199-1260), die zu einer starken Ausdehnung der Königreiche Aragón, León-Kastilien und Portugal im Süden der iberischen Halbinsel führten (christliche Eroberung der Balearen [1229/32], von Cordoba [1236], Valencia [1238], Murcia [1243], Cartagena [1244], Sevilla [1248], Cadiz [1265] u.a.). Im Zuge dieser christlichen Eroberungen (Eroberungszeit 1086/1251) war daher der islamische Machtbereich auf der iberischen Halbinsel stark geschrumpft. Behaupten konnte sich die 1232 begründete muslimisch-andalusische Dynastie der Nasriden im Reich von Granada, deren Herrscher Muhammad al-Ahmar I. (1232-1273), Muhammad II. (1273-1302), Muhammad III. (1302-1309), Nasr (1309-1314), Ismail I. (1314-1325), Muhammad IV. (1325-1333), Yusuf I. (1333-1354), Muhammad V. (1354-1359, 1362-1391) usw. einen mitunter von schweren inneren Unruhen (Aufstände, Thronkämpfe, Verschwörungen des 15. Jahrhunderts; Nasriden und der Adel des Königreichs, Anarchie) erschütterten Herrschaftsbereich regierten, doch sich auch gegen die christlichen Herrschaftsgebiete durchaus offensiv behaupten konnten (Schaukelpolitik). Im Königreich Granada erlebte das muslimische Andalusien auch eine kulturelle Blütezeit, ablesbar z.B. am Wesirat des Literaten Lisan al-Din Muhammad ibn al-Khatib oder an der Baugeschichte der Alhambra als befestigte Residenz der Herrscher. Ablesbar sind die christlich-muslimischen Beziehungen auf der iberischen Halbinsel des Spätmittelalters auch an den Grenzen zwischen den Machtbereichen der Königreiche Kastilien-León und Granada; die Grenzen (marca, tagr, frontera) waren zeitweise umkämpft (Grenzkriege und Beutezüge), überwiegend aber auch eine "Zone des Austauschs" als auch interreligiöse Übergangszone zwischen christlicher und islamischer Herrschaft abseits interreligiöser Gewalt; auch kam dem Gefangenenloskauf eine wichtige Bedeutung zu. Jenseits der Grenzen lebten Muslime unter christlicher, Christen unter muslimischer Herrschaft, doch nahm die Anzahl muslimischer Untertanen in den christlichen Königreichen auf die Dauer (stark) ab (Abgrenzung zwischen den verschiedenen Volksgruppen, Emigration und Immigration). Dagegen traten Monarchie und Adel als (pragmatische) Akteure innerhalb der und Träger der "Reconquista" zunehmend in Erscheinung. Sie wurden unterstützt durch die Kirche (Papsttum, Bischöfe) und die auf der iberischen Halbinsel entstehenden Ritterorden (als "genossenschaftliche Laienbruderschaften"; Orden von Calatrava 1158/87, Alcántaraorden ca.1167/76, "Brüder von Cáceres" als Santiagoorden 1170/75, Orden von Avís 1176/1220er-Jahre). Die christlich-muslimischen Auseinandersetzungen der "Reconquista" erforderten nicht zuletzt die Bereitstellung von Festungen und Kriegern, mit den Mitteln der Diplomatie konnten Seitenwechsel eingeleitet und Verträge geschlossen werden (Verträge von Tudilén [1151], Cazola [1179], Almizra [1244], Tordesillas [1494]). IV. Die Vereinigung der spanischen Königreiche Kastilien und Aragón (1469) läuteten die Endphase des von den Christen im Norden von den nordafrikanischen Meriniden im Süden bedrängten Königreichs ein. Mit der Übergabe des von spanischen Truppen ab 1490 belagerten Granada durch Sultan Muhammad XI. Boabdil (1482-1483, 1487-1492) (2. Januar 1492) endete die Epoche muslimischer Herrschaft auf der iberischen Halbinsel. Die in Spanien verbleibende muslimische Bevölkerung wurde in der Folgezeit religiös (Konversion), rechtlich und sozial schlechter gestellt (Capitulaciones de Granada 1492, Konversionsedkt 1526, Congregaciòn 1526; elches, Mudéjares, Moriscos), floh oder wurde schließlich zwangsausgesiedelt (1609/12). Dem "Abschluss" der "Reconquista" auf der iberischen Halbinsel standen historisch gesehen die spanischen Eroberungen auf dem "neuen" Kontinent Amerika zur Seite (1481-1550), so dass Letztere (neben anderem) in der Erinnerungsgeschichte als "Fortleben der 'Reconquista'-Ideologie" verstanden werden können ("atlantische Dimension der Reconquista"). [Buhlmann, 05.2021]

Jaurant, Danielle (1995), Rudolfs "Weltchronik" als offene Form. Überlieferungsstruktur und Wirkungsgeschichte (= BG 34), Tübingen-Basel 1995, 407 S., € 8,-. I. Methodik: Statt für unterschiedliche Überlieferungen eines mittelalterlichen Textes einen "Archetyp" etwa in "Normalmittelhochdeutsch" zu (er)finden, bemüht sich die heutige germanistische Philologie mit Hilfe textologischer Erkenntnisse (Gleichrangigkeit der Überlieferungen, Überlieferungsgeschichte, historisches Umfeld der jeweiligen Überlieferung [Autor, Publikum, Bedingungen des Schreibens]), sog. (autornahe) "Leithandschriften" zu ermitteln. II. Analyse: Die "Weltchronik" des volkssprachlichen Dichters Rudolf von Ems (um 1220/55), gewidmet dem staufischen König Konrad IV. (1237-1254), bietet in über 33000 Versen eine Zusammenschau biblischer und paganer Geschichte (ban und nebinganc) u.a. im Sinne staufischer Königspropaganda. Gemäß der Analyse von 23 Handschriften erweist sich die "Weltchronik" durch Ergänzungen (insbesondere aus der "Christherrechronik") und Auslassungen als "offene Form", die man den jeweiligen Gegebenheiten der mittelalterlichen Zeitläufe anpasste. Damit ergeben sich Zusammenhänge mit der volkssprachlichen Weltchronistik allgemein, mit den Historienbibeln und Werken wie der Weltchronik des Heinrich von München. Die "offene Form" der "Weltchronik" stellt dabei eine besondere, komplexe Form von Text-, Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte dar. [Buhlmann, 08.2011]

Jaynes, Julian (1993), Der Ursprung des Bewußtseins (= rororo 9529), Reinbek 1993 > G Gassen, Gehirn

JbnsKG = Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte

JbwdtLG = Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte

Je

Jedin, Hubert (1959), Kleine Konziliengeschichte. Die zwanzig Ökumenischen Konzilien im Rahmen der Kirchengeschichte (= Herder Tb 51), Freiburg i.Br.-Basel-Wien 1959 > S Schatz, Allgemeine Konzilien

Jenisch, Bertram (1999), Die Entstehung der Stadt Villingen. Archäologische Zeugnisse und Quellenüberlieferung (= FBAMBW 22), Stuttgart 1999 > V Villingen

Jenks, Stuart (1992), England, die Hanse und Preußen. Handel und Diplomatie 1377-1474 (= QDHG 38,1-3), Tl.II: Diplomatie, Tl.III: Anhänge, Köln-Wien 1992, zus. XXII, VI, VI, 1265 S., DM 196,-. Das Verhältnis zwischen der deutschen Hanse und dem englischen Königreiche schwankte im ausgehenden 14. und im 15. Jahrhundert zwischen Handel, Krieg und Diplomatie (frühe Privilegien für Kölner Kaufleute und deutsche Hansen [ca.1170?, 1260], carta mercatoria König Edwards I. [1303], anglo-hansische Konflikte [1370er-Jahre], Privilegienstreit [1377/80], Zollstreit [1382/88], Vertrag von Marienburg [1388], Subsidienstreit [-1399], veränderte englische Preußenpolitik [1399/1409], Poundage-Streit [1410/31] und anglo-hansische Krise [1431/34], Vertrag von London [1437], Streitigkeiten um den Londoner Vertrag, Kaperung der Baienflotte [1449/50], Krieg Lübecks gegen England [1450/53], Privilegienstreit [1461/67], Kölner Sonderweg [1468], Seekrieg [1469/74], Frieden von Utrecht [1474]). Dabei waren die Handelsbeziehungen für beide Handelspartner wichtig, für die Hanse indes wichtiger (Außenhandelsumsätze der Hanse im Englandhandel). Einen Großteil des englischen Hansehandels machte der Handel mit Tuche aus (hansische Zollprivilegien, englischer Tuchausfuhren über Hansekaufleute). Herausragend für den hansischen Englandhandel war der Vertrag von London (22. März 1437), der eine gesonderte Gerichtsbarkeit der Hansekaufleute, Schutz der Hansen und die Befreiung von Handelssubsidien (Tunnage, Poundage) vorsah. Folge des Vertrags war eine Ausweitung des hansischen Englandhandels, wobei insbesondere der Kölner Englandhandel eine Rolle spielte (englische Tuche und englisches Zinn <-> rheinische Fertig- und Industriewaren; negative Kölner Handelsbilanz). U.a. führte die Ausweitung des Handels der Hanse mit England dazu, dass sich einzelne Hansestädte auf bestimmte Regionen (Zollbezirke) in England konzentrierten, wo sie mit unterschiedlichem Erfolg operierten. Folge davon war, dass einer gemeinsame hansischen Politik gegenüber England immer mehr die Grundlage fehlte (Krieg Lübecks gegen England [1450/53], Kölner Sonderweg [1468]). Innerhalb der Hanse verschoben sich die (handels-) politischen Gewichte, sicher einer der Gründe für die schon seit 1420 einsetzende Schwächung der Hanse, die in deren Niedergang in der frühen Neuzeit einmündete. Immerhin konnte die Hanse im Frieden von Utrecht (1474) nochmals ihre Vorstellungen vom Handel zwischen Norddeutschland/Preußen und England durchsetzen (englische Kaufleute in der Ostsee und Nichtreziprozität des Preußen- und Ostseehandels). [Buhlmann, 12.2016]

Jens, Hermann (1958), Mythologisches Lexikon. Gestalten der griechischen, römischen und nordischen Mythologie (= Goldmann Tb 490), München 1958 > M Mythos und Geschichte

Jensen, Wilhelm (1901), Der Schwarzwald, 31901, Nachdruck Augsburg 1997 > S Schwarzwald

Jesus Christus, Religionsstifter: I. Synoptisch erzählen die Evangelien des biblischen Neuen Testaments, entstanden zwischen etwa 70 n.Chr. (Markusevangelium) und dem Anfang des 2. Jahrhunderts (Johannesevangelium) vom Leben Jesu (*um Christi Geburt-†30? n.Chr.): Jesu Geburt, Jesu Taufe durch Johannes dem Täufer, Jesus als jüdischer Wanderprediger ("Jünger", Wunder, "Bergpredigt", religiös-politische Spannungen im Judentum). Die neutestamentlichen Evangelien (des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) berichten ausführlich über die sog. Karwoche (Pessachwoche) vom Einzug des jüdischen Wanderpredigers Jesus in Jerusalem (Palmsonntag), über das "letzte Abendmahl" (Gründonnerstag), den Prozess gegen Jesus vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus, der Kreuzigung und den Tod Jesu (Karfreitag) bis hin zu dessen Wiederauferstehung (Ostersonntag). Diese Überwindung des Todes bei Vergebung der Sünden der Gläubigen ist die zentrale Aussage christlichen Glaubens. Aus der Rezeption der (Heils-) Geschichte Jesu durch die Gläubigen entstand das Christentum. Dabei ist der historische Jesus von Nazaret von dem Jesus Christus des Christentums zu unterscheiden. II. Die Verehrung des als Mensch und Gott angesehenen Jesus Christus (Sohn Gottes, Christus ["Gesalbter"], Messias, Menschensohn, Kyrios ["Herr"] usw.) als zentrale "Person" des Christentums äußert sich in der Überlieferung des biblischen Neuen Testaments, in den zahlreichen Texten der sich durch die historischen Epochen entwickelnden christlichen Kirche, aber auch in den nach Glaubensvorstellungen mit Jesus verbundenen Reliquien (Heiliges Kreuz, Christuslanze, Grabtücher usw.).
Zur Person Jesu Christi s.: Roloff, Jürgen (2000), Jesus (= BSR 2142), München 2000, 126 S., DM 14,80. Zu Jesus Christus und dem christlichen (katholischen, protestantischen) Glauben s.: Finckh, Ulrich (2011), Gottes Adoptivsohn. Theologische Skizzen für kritische Leser, Stuttgart 2011, 97 S., € 14,-; Ratzinger, Joseph [Benedikt XVI.] (2007), Jesus von Nazareth, Tl.1: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung (= Herder Spektrum 6033), Freiburg i.Br.-Basel-Wien 2007, 448 S., € 4,95. Zur Christusverehrung und -rezeption s.: Bulst, Werner (1978), Das Grabtuch von Turin. Zugang zum historischen Jesus? Der neue Stand der Forschung, Karlsruhe 1978, 160 S., Schwarzweißabbildungen, Schwarzweißtafeln, DM N.N.; Läufer, Josef (2010), Die Grabtücher Jesu. Der göttliche Bildbericht über Leiden, Tod und Auferstehung Jesu, Furtwangen 2010, 52 S., Farbabbildungen, € N.N.; Schaber, Johannes (Hg.) (2001), Christus in Kunst, Kultur und neuen Medien (= Ottobeurer Konzerte, H.1), Leutesdorf 2001, 133 S., € 5,-. [Buhlmann, 06.2000, 06.2020, 09.-10.2021]

JfL = Jahrbuch für fränkische Landesforschung

Jg. = Jahrgang

Jo

Jöckle, Clemens (2002), Der heilige Georg. Legende, Verehrung und Darstellungen, Kehl 2002 > G Georg (Heiliger)

Johanek, Peter (1978), Zur Geschichte der Reichskanzlei unter Friedrich Barbarossa, in: MIÖG 86 (1978), S.28-45 > F Friedrich I. Barbarossa

Johannes de Muris, mittelalterlicher Mathematiker, Astronom und Kalenderreformer: I. Geboren um 1300 in der Normandie, lehrte Johannes de Muris ab 1321 an der Sorbonne in Paris, wo er vermutlich um 1350 auch starb. Er wurde dabei zu einem der einflussreichsten Musiktheoretiker des Spätmittelalters. Seine Hauptwerke waren die Musica practica und die Musica speculativa. Hinzu kamen mathematische Schriften wie das Quadripartitum numerorum von 1343 und seine Schrift über die Kalenderreform von 1317. II. Werke Johannes' sind: Musica practica, Musica speculativa secundum Boethium (1323) (Musik); Canones tabule tabularum (1321), Quadripartitum numerorum (1343), Arithmetica speculativa (ca.1343), Figura inveniendi sinus kardagrum (Mathematik); Epistola super reformatione antiqui kalendarii (1317) (Zeitrechnung).
An Werken des Johannes de Muris sei genannt: Gack-Scheiding, Christine (Hg.) (1995), Johannes de Muris Epistola super reformatione antiqui kalendarii. Ein Beitrag zur Kalenderreform im 14. Jahrhundert (= MGH. Studien und Texte, Bd.11), Hannover 1995, XXVI, 164 S., € 20,-. [Buhlmann, 07.2004]

Johannes von Salisbury, John of Salisbury: The Metalogicon. A Twelfth-Century Defense of the Verbal and Logical Arts of the Trivium, übers. v. Daniel D. McGarry, Berkeley-Los Angeles 1962, XXVII, 305 S. > Lateinische Literatur > J Johannes von Salisbury

Johnson, B[rian] (1978), Streng geheim. Wissenschaft und Technik im Zweiten Weltkrieg, Augsburg o.J. [1995?] > Z Zweiter Weltkrieg

Johnston, Andrew James (2013), Robin Hood. Geschichte einer Legende (= BSR 2767), München 2013, 128 S., € 8.95. Hinter der Legende um Robin Hood steht keine historische Persönlichkeit des hohen oder späten Mittelalters. Vielmehr könnte sich die Legende von dem mittelalterlich-englischen "Robehood" für "Räuber, Bandit" ableiten. Legendarisch und literarisch fassbar wird dann Robin Hood erstmals (1377) in der religiösen Dichtung Piers Plowman des William Langland. Seit dem 2. Viertel des 15. Jahrhunderts sind Robin-Hood-play-games als (religiöse) Spiele an Pfingsten erkennbar; die Robin-Hood-Gestalt stand hierbei für das Gegeneinander von Kultur (Stadt) und Natur (Wald, Robin Hood als "wilder, grüner Mann"). Robin-Hood-Balladen (Robin Hood and the Monk, Robin Hood and the Potter, Robin Hood and Guy of Guisborne) reichen wohl bis in die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück und entstanden noch im 18. Jahrhundert neu; hier fungierte die Robin-Hood-Gestalt im demokratisch geprägten, homoerotischen Ambiente von männlichen Gefolgsleuten, Bogenschützen und sommerlichen Wald (gelegen zwischen Barnsdale und Nottingham [Sherwood Forrest]) in der Rolle des yeoman (als Freier mit Grundbesitz, Dienstmann, [bewaffneter] Gefolgsmann; soziale Aufstiegsmöglichkeiten im England des 14. und 15. Jahrhunderts). Die Balladen wahrscheinlich voraussetzend und benutzend, entstand wohl nach 1460 A Gest of Robyn Hode (gedruckt 1506/10); diese "Geschichte von Robin Hood" enthält verschiedene (teilweise nur unzulänglich miteinander verbundene) Handlungsstränge, sie bereitet den sozialen Aufstieg des "Räubers" (gentrification) im Literarischen vor, schildert das Zusammentreffen Robin Hoods mit dem englischen König und die Ermordung des Helden infolge von Verrat. In der frühen Neuzeit wurde aus (den vielen) Robin Hood(s) u.a. der Earle of Huntingten des Londoner Theaters der Shakespeare-Zeit (Bühnenstück Anthony Mundays 1598), während in der Legende als weibliches Element die Maid Marian in Erscheinung trat, als Folge u.a. der englischen Reformation die Robin-Hood-play-games verschwanden und spätmittelalterlich-frühneuzeitliche (schottische, englische) Geschichtsschreiber (Andrew of Wyntoun ca.1420, Walter Bower ca.1440, John Mayor 1521 [Historia Majoris Britanniae] Robin Hood als historische Gestalt ins englische Hoch- und Spätmittelalter versetzten (John Mayor: Robin Hood zur Zeit von König Richard Löwenherz [1189-1199], als Verteidiger des rechtmäßigen Königtums, als Unterstützer der Armen, als "Rächer der Enterbten"). Im 1819 erschienen Roman Ivanhoe des schottischen Autors Sir Walter Scott tritt Robin Hood (als Locksley) in einer Handlung, die vom Gegensatz zwischen Angelsachsen und Normannen (Norman Yoke) mit bestimmt ist. Auch Spielfilme und TV-Serien des 20. und 21. Jahrhunderts beschäftigten sich in unterschiedlicher Herangehensweise an die Legende mit der Gestalt des Robin Hood (Robin Hood 1922, The Adventures of Robin Hood 1938, Robin and Marian 1976, Robin of Sherwood 1984-1986, Robin Hood - Prince of Thieves 1991, Robin Hood 2010). [Buhlmann, 05.2013]

Jonas, Hans (1979), Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation (= st 1085), Frankfurt a.M. 1984 > T Technik, Technikgeschichte

Jones, Charles W. (1934), Polemius Silvius, Bede, and the Names of the Months, in: Speculum 9 (1934), S.50-56 > B Beda Venerabilis

Jooß, Rainer (1971), Kloster Komburg im Mittelalter. Studien zur Verfassungs-, Besitz- und Sozialgeschichte einer fränkischen Benediktinerabtei (= FWF 4), Sigmaringen 21987, 165 S., € 7,95. I. Entstanden ist das Benediktinerkloster (Groß-) Komburg (bei Schwäbisch-Hall) aus einer Stiftung der Grafen Burkhart, Rugger und Heinrich von Komburg-Rothenburg, die ihren Stammsitz 1078 in eine geistliche Gemeinschaft umwandelten. Die Mönche kamen zunächst aus Brauweiler, dann (1086/88) aus Hirsau, so dass Komburg ein Reformkloster der Hirsauer Klosterreform wurde. Der wirtschaftlichen und geistig-religiösen Aufwärtsentwicklung bis zum Ende der Stauferzeit folgten im 14. Jahrhundert wirtschaftliche Probleme und innere Streitigkeiten. Nach einer kurzen Phase wirtschaftlicher Stabilität an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert kehrten in den darauffolgenden Jahrzehnten die Probleme wieder zurück, zumal die Mönche aus Haller Patriziat und Niederadel der Umgebung immer mehr eine stiftische Lebensweise pflegten. Von daher war die 1488 erfolgte Umwandlung Komburgs in ein Ritterstift nur folgerichtig, trotz des Widerstands der Stadt Hall und des Benediktinerordens. In der frühen Neuzeit entfaltete sich unter Propst Erasmus Neustetter (1551-1594) und im 18. Jahrhundert eine reiche Bautätigkeit; die Kloster- bzw. Stiftsanlage gleicht auch heute einer Burg mit der Barockkirche als Mittelpunkt, die wiederum Romanisches wie einen Radleuchter enthält. 1802 ist das Stift aufgehoben worden und wurde württembergisch. II. Das (Groß-) Komburg benachbarte Kleinkomburg mit der romanischen Ägidiuskirche als Mittelpunkt wurde 1118 vielleicht als Frauenkloster gegründet, war aber 1248 eine Propstei von Großkomburg. Im 17. Jahrhundert siedelten hier Kapuzinermönche, 1803 wurde das Kloster aufgelöst und war im 19. Jahrhundert zeitweise Sitz von Franziskanerinnen. [Buhlmann, 07.2006]

Jordan, Harald (2001), Der Märchenerzähler vom Lichtenstein. Wilhelm Hauuf - ein schwäbischer Dichter. Zum 200 Geburtstag und 175. Todestag, in: Schwarzwälder Hausschatz 2002, Oberndorf [2001], S.54ff > H Hauff, Wilhelm

Jordan, Karl (1970), Heinrich der Löwe und das Schisma unter Alexander III., in: MIÖG 78 (1970), S.224-235 > H Heinrich der Löwe

Jordan, Karl (1979), Heinrich der Löwe. Eine Biographie, München 1979 > H Heinrich der Löwe

Jordan, Karl (1981), Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe, in: BlldtLG 117 (1981), S.61-71 > H Heinrich der Löwe

Jorga, Nicolae (1908/13), Geschichte des osmanischen Reiches, 5 Bde., Darmstadt 1997 > O Osmanische Geschichte

Josephus, Flavius, jüdischer Historiker: Flavius Josephus (*37-†n.93 n.Chr.), Sohn eines jüdischen Priesters, Mitglied bei den Pharisäern, Sadduzäern und Essenern, seit seiner Romreise (63) in Beziehung stehend zur römischen Oberschicht, im jüdischen Aufstand (66-70) jüdischer Feldherr, gefangen genommen durch den späteren Kaiser Vespasian (67), römischer Freigelassener des Vespasian (69; Flavius Josephus), zurückkehrend nach Judäa, pharisäischer Priester, Gelehrter und Historiograf in seinem letzten Lebensabschnitt, ist durch seine aus der römischen Antike überlieferten Werke bekannt: a) Die "Jüdischen Altertümer" (Antiquitates Judaicae), auf Griechisch in 20 Büchern verfasst und um das Jahr 94 n.Chr. veröffentlicht, behandeln die jüdische Geschichte und Chronologie von den Anfängen (Schöpfung der Welt) bis zum Jahr 66 n.Chr., fußend auf dem Alten Testament, auf biblischen Apokryphen und dem Midrasch, fußend auch auf nichtjüdischen Geschichtsschreibern wie Nikolaus von Damaskus, Poseidonios oder Strabon; sie beschreiben insbesondere (außerbiblische) jüdische Geschichte vom 6. Jahrhundert v.Chr. bis ins 1. Jahrhundert n.Chr. und biten zum Bücherkanon des Neuen Testaments eine parallele Geschichtsschreibung (Flavius Josephus, Jüdische Alterthümer, übers. v. Heinrich Clementz, Halle 1899, Nachdruck Wiesbaden o.J., 646, 724 S., DM 39,80; Flavius Josephus, Jüdische Alterthümer, übers. v. Heinrich Clementz, Halle 1899, Nachdruck Wiesbaden 22006, 1024 S., € 14,95). b) Der auf Griechisch geschriebene, in 7 Bücher unterteilte "Jüdische Krieg" (De bello Judaico) befasst sich mit dem jüdischen Aufstand gegen Rom (66-70/73 n.Chr.) (Flavius Josephus, De Bello Judaico. Der jüdische Krieg, hg. v. Otto Michel u. Otto Bauernfeind (1959/69), 3 Bde. in 4 Tlbd., Bd.I: Einleitung, Buch 1-3, Darmstadt 1959, XXXVI, 464 S., Bd.II,1: Buch 4-5, Darmstadt 1963, XII, 274 S., Bd.II,2: Buch 6-7, Darmstadt 1969, 287 S., Bd.III: Ergänzungen und Register, Darmstadt 1969, XXVII, 149 S., Karte, insges. DM 90,-; Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg, übers. v. H.M. Endres (= Goldmann KL 110), München o.J., 601 S., DM 12,-). c) "Autobiografie". d) "Über die Makkabäer". e) "Gegen Apion".
Zu Flavius Josephus s. noch: Schlatter, Adolf, Kleinere Schriften zu Flavius Josephus, hg. v. Karl Heinrich Rengstorf (1970), Gütersloh N.N., Nachdruck Darmstadt 1970, X, 276 S., DM 29,80. [Buhlmann, 1978, 05.2016]

Jostmann, Christian (2019), Magellan (oder: Die erste Umseglung der Erde), München 2019, 336 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, Abbildung einer Nao, € 24,95. Ferdinand Magellan, geboren vor 1485, entstammte der nordportugiesischen, seit dem 13. Jahrhundert nachweisbaren Ritterfamilie Magalhaes. Als Fidalgo genoss Magellan eine entsprechende Ausbildung (Kriegshandwerk, höfische Umgangsformen, Pagendienst). Im Dienst des portugiesischen Königs Manuel I. (1495-1521) verbrachte er seine "Lehrjahre" als Krieger/Ritter und/oder Kaufmann in Ostafrika und Indien (1505/13?), wo er an der Einnahme von Mombassa (1505), vielleicht an der Seeschlacht von Kannur (1506), an der Seeschlacht von Diu (1509) und an der Eroberung von Malakka (1511) beteiligt war, Spätestens 1513 wieder in Portugal, nahm Magellan noch im selben Jahr an einer Militärexpedition gegen das marokkanische Azemmour teil (Knieverletzung), um danach in Portugal und Marokko weiter in militärischen Diensten des Königs zu bleiben (1513/16). Zudem widmete er sich Handelsgeschäften im portugiesischen Gewürzhandel (gewonnener Prozess gegen einen Kaufmann wegen eines in Indien abgeschlossenenen Handelsgeschäftes 1513/16). Aus seinen Handelsaktivitäten resultierte sich auch der Wunsch Magellans, die jenseits Malakkas gelegenen Gewürzinseln der Molukken zu erreichen. Der Realsisierung dieses Ziels dienten Verhandlungen und Vertrag ("Kapitulation") mit dem spanisch-habsburgischen König Karl I. (1516-1556) (1517/18), wonach die Molukken von der spanischen Hälfte des im Vertrag von Tordesillas (1494) geteilten Erdglobus zu erreichen seien. Nach langwierigen Vorbereitungen (Investitionen durch die spanische Krone und den Kaufmann Cristóbal de Haro [wahrscheinlich als Vertreter auch für andere Investitoren, u.a. wohl die Fugger]) brach Magellan als Generalkapitän und Expeditionsleiter daher mit einer voll ausgerüsteten (Schiffsausstattung, Mannschaft [Spanier, Portugiesen], Proviant, Bewaffnung, Waren) Flotte aus fünf Schiffen (Naos Trinidad [Flaggschiff], San Antonio, Concepción, Victoria, Santiago) am 20. September 1519 vom spanischen Hafen Sanlúcar de Barrameda zu den Kanarischen Inseln (26. September) und von da weiter nach Westen zur südamerikanischen Küste auf. Die Flotte erreichte bei dem, was die erste Weltumseglung werden sollte, die Bucht von Rio de Janeiro (13. Dezember), den Rio de la Plata (10. Januar 1520) und das patagonische Puerto San Julián (31. März), wo die Flotte überwinterte (Meuterei [1.-7.4.], Schiffbruch der Santiago auf einer Erkundungsfahrt [22.5.]). Die um die Santiago reduzierte Flotte brach am 24. August weiter nach Süden auf, immer auf der Suche nach einer Durchfahrt durch den amerikanischen Kontinent. Am 21. Oktober wurde das "Kap der Jungfrauen" erreicht, danach u.a. durch Erkundigungen der Schiffe Concepción und San Antonio die Magellanstraße und damit der Weg in den Pazifik entdeckt. Doch meuterte die Besatzung der San Antonio, das Schiff kehrte nach Spanien zurück. Die Durchquerung der gefundenen Passage erfolgte nur mit den drei verbliebenen Schiffen; am 28. November wurde der Pazifische Ozean erreicht. Es folgte die langwierige Durchquerung der Südsee und Polynesiens, ohne dass die Seefahrer auf eine bewohnte Insel trafen. Erst am 6. März 1521 wurden die Marianen (Guam?) erreicht, am 16. März die Philippineninsel Homonhon. Eine schwierige Gemengelage von spanischen Machtansprüchen, christlicher Missionierung und der Suche nach einheimischen Verbündeten verleitete Magellan dazu die der Philippineninsel Cebu benachbarte Insel Mactan anzugreifen; der Angriff schlug fehl, Magellan wurde getötet (27. März 1521). Ohne die Führung Magellans und unter Aufgabe der Concepción segelten die übrig gebliebenen zwei Schiffe weiter und kamen - nach einem Zwischenaufenthalt auf Borneo - am 8. November zur Gewürzinsel Tidore. Hier tauschten die Seefahrer erfolgreich die mitgeführten Waren gegen Gewürze, die Victoria verließ am 21. Dezember die Molukkeninsel und durchquerte von Timore (25. Januar 1522) in westlicher Richtung den Indischen Ozean und damit portugiesisches Gebiet. Die Trinidad verblieb noch einige Monate wegen notwendiger Reparaturen auf Tidore und wollte nach Osten Richtung Südamerika segeln, was aber misslang; die überlebenden Besatzungsmitglieder gerieten in portugiesische Gefangenschaft. Unterdessen umrundete die Victoria und ihre Besatzung das Kap der Guten Hoffnung (19. Mai) und erreichte die zu Portugal gehörenden Kapverdischen Inseln am 9. Juli, um von dort zu fliehen und schließlich den Ausgangshafen Sanlúcar de Barrameda zu erreichen. Dies geschah am 6. September 1522, so dass die (so nicht gewollte) Weltumseglung der Victoria insgesamt drei Jahre weniger zwei Wochen gedauert hatte. Mit den Einnahmen aus den verhandelten Gewürzen konnten zwar die Anfangsinvesetitionen der Expedition gedeckt werden, nicht aber die Heuern und Gewinnanteile der wenigen überlebenden Seefahrer. Der Ablauf der Weltumseglung wurde hauptsächlich beschrieben vom Italiener Antonio Pigafetta (†n.1524), der seinen authentischen Bericht kurz danach (ca.1524) niederschrieb. [Buhlmann, 05.2019]

Jouvet, Michel (1994), Die Nachtseite des Bewußtseins. Warum wir träumen (= rororo 9621), Reinbek 1994 > G Gassen, Gehirn

Joyce, James, irischer Schriftsteller: James Joyce (*1882-†1941), aus einer verarmenden irischen Familie stammend, erhielt seine schulische Ausbildung u.a. am University College in Dublin (1882-1904); es folgten Aufenthalte als Lehrer bzw. Schriftsteller in Triest und Pola (1904-1915), Zürich und Triest (1915-1920), Paris und Zürich (1920-1941). Joyce war als Schriftsteller ein wichtiger Repräsentant der literarischen Moderne. An Werken von ihm sind zu nennen: The Holy Office (1904), Chamber Music (1907), Dubliners (1914), A Portrait of the Artist as a Young Man (1916), Ulysses (1922), Collected Poems (1936), Finnegans Wake (1939), Stephen Hero (1944). Vgl.: Joyce, James (1914), Dublin. Novellen (= Fischer Tb 414), Frankfurt a.M.-Hamburg 21962, 200 S., DM 4,80; Joyce, James (1916), A Portrait of the Artist as a Young Man, London-Toronto-Sydney-New York 1982, 229 S., £ 1,50; Joyce, James, Werke. Frankfurter Ausgabe: Bd.3.1-3.2: Ulysses, übers. v. Hans Wollschläger (1975), 2 Bde., Frankfurt a.M. 21976, zus. 1017 S., DM N.N. [Buhlmann, 02.2021]

Ju

Juden im Mittelalter in Mitteleuropa, im fränkisch-deutschen Reich: Die Geschichte des Judentums ist seit der Antike (Alter Orient, Hellenismus, römisches Kaiserreich) geprägt durch die Diaspora, d.h. auch durch die Einbindung der religiös-monotheistischen jüdischen Kultur in andere Gesellschaften bei Abgrenzung und partieller Integration. Während in der ausgehenden Antike Israel/Palästina und östlicher Mittelmeerraum der Bezugsrahmen jüdischer Kultur waren, verlagerte sich jüdisches Leben im beginnenden Mittelalter zunehmend nach Europa. Jüdische Händler und Kaufleute sind erstmals im Gebiet des Frankenreichs und Mitteleuropas im 9. und 10. Jahrhundert belegt. Eine Kontinuität des mittelalterlichen, mitteleuropäischen Judentums zu dem der Antike und Spätantike hat es nicht gegeben. Vielmehr liegen die Ursprünge des mittelalterlichen Judentums in der jüdischen Einwanderung nach Mitteleuropa aus Südfrankreich und Italien. Während des gesamten Mittelalters blieben die Juden in Europa als Bevölkerungsgruppe eine Minderheit, die europäischen Juden machten nur einen kleinen Teil der Juden insgesamt aus (orientalische Juden unter islamischer Herrschaft, sephardische Juden Spaniens), die Juden Mitteleuropas bildeten die sog. aschkenasische Kultur aus, die bis zum späten Mittelalter auch Teile Osteuropas umfassen sollte. Im Bereich von karolingischem Frankenreich und ostfränkisch-deutschem Reich treten einzelne jüdische Kaufleute erstmals an der Aachener Pfalz König Karls des Großen in Erscheinung (ab 797), weiter im Salzburger Formelbuch (798/821), im Raffelstettener Zollweistum (903/05), in Magdeburg (965), Regensburg (981), Köln und Worms (ca.1012) sowie Speyer (ca.1084). Eine Nähe zu den Haupthandelsrouten und zum Königtum ist also gegeben. Für das frühe Mittelalter ist mithin davon auszugehen, dass nur kleine Gruppen von Juden im ostfränkisch-deutschen Reich lebten. Das 11. Jahrhundert sah mit der beginnenden Ausprägung einer städtischen Gesellschaft jüdische Ansiedlungen in Handels- und Bischofsstädten. Jüdische Kaufleute waren an Fern- und Nahhandel, an Messen und Märkten beteiligt, schlossen sich zu Händlergruppen zusammen und halfen sich untereinander mit Geldkapital aus, belieferten mit verschiedensten Waren (Luxusgüter [des Fernhandels; Pelze, Seide, Gewürze, Medikamente], Güter des täglichen Bedarfs [Lebensmittel, Metalle, Kleidung, Vieh], jüdischer [?] Sklavenhandel) Angehörige verschiedener Bevölkerungsschichten. Grundlage für den jüdischen Erfolg war dabei das hochmittelalterliche Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum mit seinen positiven Veränderungen bei Handel, Gewerbe und Geldwirtschaft. Im Hochmittelalter sind Juden in der Finanzverwaltung z.B. von Königen (Münzmeister), als Ärzte, in Ingenieurberufen (Bergbau, Brückenbau) und im Geldverleih bezeugt. Letzterer erlangte eine besondere Bedeutung im Zusammenhang mit dem biblisch begründeten Zinsverbot der christlichen Kirche. Über die wirtschaftlich gut gestellten Juden in Handel und Geldverleih ("Aristokratie" des Reichtums und der Gelehrsamkeit) dürfen aber die abhängigen Juden der Unterschicht nicht vergessen werden, die als kleine Gewerbetreibende (Handel, Handwerk), als Dienstboten und Knechte und/oder im Umfeld von jüdischer Religion (Herstellung von koscheren Speisen, Synagogendienst, Dienst im rituellen Bad) und jüdischer Gemeinde (Gemeindediener) ihr Auskommen fanden. Dabei einte die Juden in der mitteleuropäischen Diaspora die jüdische Religion (Thora, Synagoge, Rabbis); diese war auch Grundlage jüdischer Gelehrsamkeit (Magie, Kabbala). Alles in allem stellt sich damit nicht nur die Binnenstruktur jüdischer Gemeinden im Mittelalter als vielgestaltig dar. Zu einem massiven Bruch im Verhältnis von Juden und Christen kam es zur Zeit der Kreuzzüge, zumal des Ersten Kreuzzugs (1096/99), als die durch den Kreuzzugsaufruf aufgeheizte Stimmung eines "christlichen Fundamentalismus" zu Judenpogromen insbesondere im Rheinland führte. Betroffen waren die Judengemeinden der rheinischen Bischofsstädte, allen voran Köln und die SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz. Gerade Letztere besaßen eine gewisse kulturell-religiöse Vorrangstellung im aschkenasischen Judentum. Während Kaiser Heinrich IV. noch zuvor die Speyerer und Wormser Juden privilegiert hatte (ca.1090) und die Juden allgemein in seinem Reichslandfrieden unter kaiserlichen Schutz stellen sollte (1103), kämpften im Vorfeld des Kreuzzugs nun rheinische Judengemeinden um ihr Überleben (Ermordung, Selbstmord, Zwangstaufe). Die Pogrome zeigten die prekäre "Randlage" von Juden zwischen Duldung, Vertreibung und Tötung innerhalb der mittelalterlichen christlichen Gesellschaft auf, galten die Anhänger des jüdischen Glaubens doch - u.a. nach dem lateinischen Kirchenlehrer Augustinus (†430) - als lebendige Zeugen für die Richtigkeit der neutestamentlichen Überlieferung vom Kreuzestod Jesu Christi, andererseits als nicht zum Christentum bekehrbare, "verstockte Gottesmörder", als die Verursacher des Todes Christi. Doch nicht nur dieser Zwiespalt christlicher Theologie, sondern auch die religiöse und gesellschaftliche Fremdheit (Ausgrenzung, "Sündenbock"-Funktion) und schließlich wirtschaftliche Faktoren (Verschuldung der Gläubiger) und auch Vorurteile gelten in der historischen Forschung als Gründe für die Judenverfolgungen. In der auf die Pogrome folgenden Zeit ist dennoch von einem weiteren Wachsen der jüdischen Gemeinden im deutschen Reich auszugehen. Lebten vielleicht dort im 10. Jahrhundert an die 5000 Juden, so waren es vor den genannten Pogromen an die 25.000, während die Zahl der Orte, an denen sich Juden ansiedelten, massiv im Verlauf des hohen Mittelalters auf bis zu 1000 anstieg bei vielleicht 100.000 jüdischen Einwohnern (ca.1300). An einzelnen Orten wie den SchUM-Städten konnte der jüdische Bevölkerungsanteil zwischen 10 und 20 Prozent betragen. Im 12. Jahrhundert hielt die Privilegierung der Juden in den Landfrieden der deutschen Könige und Kaiser an. Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) war es, der im Rahmen seiner Regalienpolitik wahrscheinlich auch erstmals ein Judenregal für sich programmatisch beanspruchte. So stellte er in einem nur unvollständig überlieferten Privileg für die Regensburger Juden wahrscheinlich vom September 1182 heraus, dass alle Juden "durch besonderes Vorrecht unserer [kaiserlichen] Würde zur kaiserlichen Kammer gehören". Mit der "Kammer" des Herrschers (camera, fiscus, corona) blieben die Juden auch weiterhin verbunden. So spricht ein Diplom Kaiser Friedrichs II. (1212-1250) vom Juli 1236 von den Juden als "unseren Kammerknechten in Deutschland", als universi Alemannie servi camere. Die Zugehörigkeit aller deutschen Juden zur "kaiserlichen Kammer" sollte sich zumindest dem Namen nach zur "Kammerknechtschaft" im Rahmen des Judenschutzes (als Schutzherrschaft des Königs; tutio, tutela, defensio) steigern; die Juden waren keine Rechtssubjekte mehr, sondern Rechtsobjekte, über die (finanziell) verfügt werden konnte. Das solcherart definierte Judenregal war spätestens in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts zu einer einträglichen Einnahmequelle für die deutschen Herrscher geworden. Und so sehen wir im Reichssteuerverzeichnis von 1241 die Einnahmen aus den Judengemeinden getrennt veranschlagt von den Steuern der königlichen Städte, zu denen die Judengemeinden gehörten. Dabei machten die von den Juden zu zahlenden Steuern einen beträchtlichen Anteil am gesamten Steueraufkommen der Reichssteuerliste aus, rund 13 Prozent der Gesamteinnahmen, durchschnittlich rund 16,5 Prozent der Einnahmen des Herrschers von den königlichen Städten. Bei der Umlage der geforderten Geldleistungen wurde offensichtlich wenig Rücksicht auf die Juden genommen. Inwieweit Judenschutz und Judenregal aber tatsächlich beim deutschen König lagen, lässt sich auf Grund der Reichssteuerliste nicht wirklich feststellen. Denn es wurden hier ja nur die Juden auf Reichsgut besteuert; in den sich ausbildenden fürstlichen Territorien der damaligen Zeit sah es aber ganz anders aus. Die Herrscher konnten hier kaum ihre alleinige, auf Kammerknechtschaft basierende Verfügungsgewalt über die Juden zur Geltung bringen. Vielmehr verlief die Entwicklung von Judenschutz und Kammerknechtschaft in nachstaufisch-spätmittelalterlicher Zeit dem "Programm" der staufischen Herrscher entgegengesetzt. Zunächst muss die Rede sein von der Kammerknechtschaft, die sich von einer eher theoretisch erfassbaren Rechtsgröße, einem Vorrecht (praerogativa) für die Juden, zu einem praktisch anwendbaren Unterdrückungsmechanismus ("Zwangsinstitut") im Rahmen spätmittelalterlicher Leibeigenschaft steigerte. Wenn König Rudolf I. von Habsburg (1273-1291) den jüdischen Gelehrten und Rabbi Meir von Rothenburg festnehmen ließ, weil er sich unerlaubt nach Palästina begeben wollte (1286), wenn König Ludwig der Bayer (1314-1347) eine Streichung der Schulden des Nürnberger Burggrafen bei den dortigen jüdischen Kreditgebern verfügte (1343), wenn Kaiser Karl IV. (1346/47-1378) sein Einverständnis zur Vertreibung und Ermordung der Nürnberger Juden gab (1347), dann brachte dies alles klar zum Ausdruck die absolute Verfügbarkeit über die Juden und deren Besitz bzw. das Eigentumsrecht des Herrschers an den Juden (dominium, proprietas). Dies war neben anderem (angebliche Ritualmorde, angebliche Hostienschändungen der Juden u.a.) der Nährboden für viele spätmittelalterliche Judenverfolgungen (mittelrheinische Verfolgungswelle 1287/89, "Rindfleisch"-Verfolgungen 1298, "Armleder"-"Judenschläger"-Verfolgungen 1336/38, Wiener Gesera 1420/21), für die Auslöschung vieler Judengemeinden im Zuge der verheerenden Pestpandemie ("Schwarzer Tod") in Europa in den Jahren 1348/51, für die Vielzahl der Judenvertreibungen aus Territorien (Kurpfalz 1390/91, Erzstift Trier 1418/19, Bayern 1450/59, Erzstift Mainz 1470/79) und den Judenvierteln und Ghettos der meisten Reichsstädte; am Ende des Mittelalters gab es nur noch Juden in wenigen Reichsstädten wie Frankfurt oder Friedberg. Dabei betraf die aus der Kammerknechtschaft folgende absolute Verfügbarkeit über die Juden nur diejenigen, auf die der deutsche Herrscher im Spätmittelalter Zugriff hatte. Vielerorts war aber das Judenregal einträglich von den Königen an Landesherren, Adelsfamilien oder Städte (als neue Regalieninhaber) vergeben worden. Stattdessen gab es neue Judensteuern von Seiten der Könige, etwa den 1342 eingeführten "Goldenen Opferpfennig", die jeden Juden, ob männlich oder weiblich, ab einem Alter von zwölf Jahren betraf, oder die teilweise exorbitant hohen Vermögenssteuern König Sigismunds (1410-1437) und seiner Nachfolger ("Dritter Pfennig" 1414, 1433; "Bullengeld" 1418). Aber auch die Profiteure von Judenregal und Judensteuern kamen in finanzielle Verlegenheit, etwa wenn die Zwangstaufe von Juden zu Steuerminderungen führte oder wenn auf Grund der immer geringer werdenden Erträge bei den Judensteuern Kaiser Maximilian I. (1493-1519) die Zustimmung zu Judenvertreibungen gab, natürlich gegen Entschädigungen an den Herrscher. Die frühe Neuzeit sah die endgültige "Territorialisierung" des Judenschutzes in den Händen der Landesherren (Judenordnungen); im 17. Jahrhundert war die Kammerknechtschaft des Königs über die Juden faktisch erloschen.
Zur jüdischen Geschichte im europäischen Mittelalter s.: Battenberg, Friedrich (1987), Des Kaisers Kammerknechte. Gedanken zur rechtlich-sozialen Situation der Juden in Spätmittelalter und früher Neuzeit, in: HZ 245 (1987), S.545-599; Gasparaitis, Siegfried (1997), Kammerknechtschaft. Zum Wandel des rechtlich-sozialen Status der Juden im Hochmittelalter, Seminararbeit, Seminar "Formen und Funktionen persönlicher Unfreiheit im europäischen Mittelalter" (Prof. Dr. Rolf Köhn, Universität Essen, Fachbereich 1, Fach Geschichte, SS 1997), 28 S.; Haverkamp, Alfred (Hg.) (1999), Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge (= VuF 47), Sigmaringen 1999, XX, 371 S., Abbildungen, DM 96,- (u.a. mit den Beiträgen: Eva Haverkamp, "Persecutio" und "Gezerah" in Trier während des Ersten Kreuzzugs; Rudolf Hiestand, Juden und Christen in der Kreuzzugspropaganda und bei den Kreuzzugspredigern; Friedrich Lotter, "Tod oder Taufe". Das Problem der Zwangstaufen während des Ersten Kreuzzugs; Michael Toch, Wirtschaft und Verfolgung: die Bedeutung der Ökonomie für die Kreuzzugspogrome des 11. und 12. Jahrhunderts. Mit einem Anhang zum Sklavenhandel der Juden); Heberer, Pia, Reuter, Ursula (Hg.) (2013), Die SchUM-Gemeinden Speyer - Worms - Mainz. Auf dem Weg zum Welterbe, Regensburg 2013, 480 S., Abbildungen, Karten, € 49,95 (u.a. mit den Beiträgen: Rainer Josef Barzen, Die SchUM-Gemeinden und ihre Rechtssatzungen. Geschichte und Wirkungsgeschichte; Michael Brocke, Der jüdische Friedhof in Worms - 1059 bis 1519. Beobachtungen an einem singulären Ort; Markus J. Wenninger, Die Entwicklung jüdischer Reichssteuern im 15. Jahrhundert und ihr Zusammenhang mit den Judenvertreibungen dieser Zeit); Patschovsky, Alexander (1993), Das Rechtsverhältnis der Juden zum deutschen König. Ein europäischer Vergleich, in: ZRG GA 110 (1993), S.331-371; Stobbe, O. (1887), Die Judenprivilegien Heinrichs IV. für Speier und Worms, in: ZGJD 3 (1887), S.205-215; Toch, Michael (1998), Die Juden im mittelalterlichen Reich (= EdG 44), München 1998, X, 185 S., DM 29,80. [Buhlmann, 10.2015]

Juden in der frühen Neuzeit in Mitteleuropa, im deutschen Reich: I. Die Vertreibungen sephardischer und aschkenasischer Juden am Ende des Mittelalters prägten die Geschichte dieser religiösen Randgruppe in der frühen Neuzeit. Sephardische Juden von der iberischen Halbinsel siedelten sich in den Niederlanden und Nordwestdeutschland an; im Westen Europas gab es an der Wende vom Mittelalter zur frühen Neuzeit kaum noch eine jüdische Bevölkerung, während sie sich im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches auf einen Siedlungsgürtel vom Mittelrhein (SchUM-Städte) über Südhessen (Frankfurt a.M., Friedberg) und Thüringen bis hin nach Böhmen (Prag), Mähren und Österreich konzentrierte. Entlang des Rheins ist unter anderem im Elsass und im Kurfürstentum Köln eine jüdische Bevölkerung auszumachen. Dabei lebten die Juden meist auf dem Land oder in Kleinstädten, die urbane Welt blieb ihnen in der frühen Neuzeit meist verschlossen, während das jüdische Leben im Mittelalter vielfach noch städtisch geprägt gewesen war. In den deutschen Territorien sicherten dabei Schutzbriefe der Territorialherren, Fürsten und Städte den Aufenthalt jüdischer Familien vor Ort; landesherrliche Judenordnungen konnten die Aufenthaltsregelungen noch ergänzen. Wie im Mittelalter war das jüdische Berufsleben meist auf (Klein-, Hausier-) Handel und Geldverleih beschränkt; Handwerk und Landbesitz waren den Juden verwehrt. Diesen Beschränkungen jüdischen Lebens entsprach ein Mindestmaß an Rechtssicherheit, das der jüdischen Bevölkerung durch Schutzbriefe und Judenordnungen oder durch die Reichsgerichtsbarkeit ([Wetzlarer] Reichskammergericht) zugestanden wurde. Das schloss teilweise Vertreibungen und Verfolgungen (u.a. aus Prag [1543/62], Berlin [1571], Hildesheim [1595], Wien [1670/71] oder Böhmen und Mähren [1744/45]), aber auch politisch gewollte Ansiedlungen (z.B. in Mannheim [1652], Edikt des preußischen Kurfürsten [1671]) und Privilegierungen (Speyrer Judenprivileg Kaiser Karls V. [1544], preußisches Generalprivileg [1750], josephinische Toleranzpatente [1781/84]) nicht aus. Die (lokale) Autonomie der jüdischen (aschkenasischen, sephardischen) Gemeinden in religiöser und rechtlicher Hinsicht blieb in Fortsetzung der mittelalterlichen Verhältnisse weitgehend gewahrt. Dasselbe galt für die jüdische Gemeindeorganisation unter einem Gemeindevorstand (parnassim), der etwa durch Verantwortliche für die Finanzen (gabbaim) oder die Gemeindefürsprecher (schtadlanim) unterstützt wurde. Gemeindestatuten (takkanot) regelten das Leben vor Ort. Die (Gemeinde-) Synagoge war als Versammlungs- und Gebetsraum der ideell-topografische Mittelpunkt der Gemeinde; in ihr wurden im Verlauf des jüdischen Jahres auch die hohen Feiertage wie Neujahr, Versöohnungstag oder Laubhüttenfest gefeiert. Gemeinderabbiner, falls vorhanden, waren für die Einhaltung der Religionsgesetze und für die Rechtspflege innerhalb der jüdischen Gemeinde zuständig. Nicht alle jüdischen Siedlungen verfügten einen eigenen Friedhof. Daneben gab es trotz und wegen der geografischen Zerstreutheit und der geringen Größe jüdischer Siedlungen auch regionale Zusammenschlüsse von Gemeinden (Landesjudenschaften in den Territorien, jüdische Landtage; zeitweiliges Reichsrabbinat [16. Jahrhundert]). In den Territorien und auf Reichsebene spielten zudem "Hofjuden" als Fürsprecher und deren politische Einflussnahme zu Gunsten der jüdischen Bevölkerung eine Rolle. U.a. aus den über das Reich verstreuten jüdischen Siedlungen erwuchs das mitteleuropäische Judentum der frühen Neuzeit. Bildung (Talmudschulen und -studienm, Buchdruck) und geistig-religiöse Strömungen (Kabbala, Sabbatianismus [17. Jahrhundert, 2. Hälfte], Frankismus [18. Jahrhundert], Eybeschütz-Emden-Debatte [ab 1750], Profanwissenschaften) vermittelten Rabbiner und Gelehrte (Amsterdamer Gelehrtendynastie der Löwenstein [ab 1740]). Im durch Religion und Kultur geprägten Alltagsleben spielte im aschkenasischen Judentum das (West-) Jiddische bei Kenntnis anderer Sprachen eine wichtige Rolle in Kommunikation und Verständigung. Auch erleichterte es das Zusammenleben, wenn in den einzelnen Ansiedlungen jüdische Familien etwa im Eruw (als Wohnbezirk um Synagoge und Mikwe [Ritualbad]) beieinander wohnen konnten (Judengasse, "Judenhäuser"). Das Gemeindeleben basierte auf Ehe und Familie, auch in der jüdischen Gemeinde gab es die sozialen Abstufungen zwischen Ober- und Unterschicht. Der überwiegenden Verankerung des frühneuzeitlichen Judentums im ländlichen und kleinstädtischen Milieu entsprach, dass Juden meist im Handel, Viehhandel, Hausierhandel sowie als Geldverleiher vielfach für die bäuerliche Bevölkerung tätig waren. Auch kamen Juden in zunftfreien Handwerken unter, z.B. als Buchdrucker, Glaser, Medailleure. Daneben gab es jüdische Ärzte und "Hof-, Finanz-" und "Münzjuden" im unmittelbaren Umfeld von Fürsten und Landesherren. Das 18. Jahrhundert sah die Haskala als jüdische Aufklärung und - damit zusammenhängend - eine gewisse Anpassung jüdischen Lebens an die christliche Umwelt. Dieser Akkulturationsprozess von Teilen des Judentums fand in der "aufgeklärten Toleranz" von Christen sein Gegenstück. II. Die Verhältnisse im Heiligen Römischen Reich lassen sich mit Variationen übertragen auf die anderen Länder des fruhneuzeitlichen Mitteleuropa: Dänemark, Habsburgermonarchie, Niederlande, Polen, Schweden.
Vgl.: Litt, Stefan (2009), Geschichte der Juden Mitteleuropas 1500-1800 (= Geschichte kompakt), Darmstadt 2009, 136 S., € 2,20. [Buhlmann, 04.2021]

Judson, Pieter M. (2016), Habsburg. Geschichte eines Imperiums (= BSR 6398), München 2020, 667, Schwarzweißabbildungen, Karten, € 18,-. I. Durch die "Pragmatische Sanktion" (1713) sicherte Karl VI. den Habsburgern und dem "Haus Österreich" dessen Fortbestand auch in weiblicher Nachfolge, ein Umstand, dem es Karls Tochter Maria Theresia (1740-1780) verdankte, die Habsburgerdynastie als Haus Habsburg-Lothringen weiterzuführen. Allerdings führte der zunehmende, letztlich auch auf das Reichsganze einwirkende Dualismus zwischen Habsburg und dem Königreich Preußen u.a. zum Verlust Schlesiens (Erster Schlesischer Krieg 1740-1742, Zweiter Schlesischer Krieg 1744-1745) während des Österreichischen Erbfolgekriegs (1740-1748) und mit dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763). Französische Revolution und (napoleonische) Koalitionskriege brachten das Ende des römisch-deutschen Reiches (1806); es entstand das Kaisertum der habsburgischen Donaumonarchie, die nach dem Wiener Kongress (1814/15) teilweise im Deutschen Bund (1815-1866) eingebunden war und als eine der Großmächte Europas die Politik auf dem Kontinent mitbestimmte. Dies galt gegenüber dem Osmanischen Reich und auf dem Balkan (Besetzung Bosnien-Herzegowinas 1878) ebenso wie in Italien (Verlust der italienischen Besitzungen 1866) oder im Deutschen Bund (Deutsch-dänischer Krieg 1864). Die Spannungen zwischen Preußen und der Habsburgermonarchie (als Gesamtheit der habsburgischen Herrschaftsgebiete) entluden sich dann im Deutschen Krieg (1866), der mit der Niederlage Österreichs und seiner Verbündeten (Frieden von Nikolsburg und Prag 1866) sowie der Selbstauflösung des Deutschen Bundes (1866) endete und Österreich endgültig politisch aus Mitteleuropa verdrängte. Die österreichisch-habsburgischen Kaiser des "langen" 19. Jahrhunderts - Franz I. (1804-1835), Ferdinand I. (1835-1848), Franz Joseph I. (1848-1916) und Karl I. (1916-1918) - standen auch als ungarische Könige der (k. u. k.-) Doppelmonarchie Österreich-Ungarn (österreichisch-ungarischer Ausgleich 1867) vor. Mit dem Deutschland und Österreich-Ungarn verheerenden Ausgang des Ersten Weltkriegs (1914-1918) ging die Donaumonarchie unter, was das Ende der politischen Machtstellung der Habsburger bedeutete (1918). II. Im Alltag wurde der habsburgische Vielvölkerstaat, das Haus Habsburg, die Donaumonarchie, Österreich-Ungarn, von den im Imperium vereinten Bevölkerungen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Religion durchaus als "unser Reich" wahrgenommen. Dem Imperium gelang weitgehend die Integration unterschiedlicher Völker (als Untertanen, Staatsbürger?) unter seiner Herrschaft, da es sich - den Herausforderungen der Zeit entsprechend - immer wieder neu (er)fand, so im und nach dem Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons (Restauration, Wirtschaftswachstum, nationale Eigenständigkeiten [Ungarn]), während und nach den Revolutionen von 1848/49 (liberales Reich und Kaisertum, österreichisch-ungarischer Ausgleich 1867), im bürgerlichen Zeitalter der Industrialisierung ("Kulturkämpfe", Föderalismus und "Kulturalismus", Liberalismus, Wandel, Modernisierung und Massengesellschaft, Patrotismus). Mit den im Ersten Weltkrieg aufgekommenen radikalen Nations- und Staatsbildungen ("von unten") innerhalb der Habsburgermonarchie ging aber Österreich-Ungarn zuletzt doch unter.
Zu dieser Epoche habsburgisch-österreichischer Geschichte vgl.: Palmer, Alan (1972), Metternich. Der Staatsmann Europas. Eine Biographie, Düsseldorf 1977, 486 S., Schwarzweißtafeln, DM 38,-; Vallotton, Henry (1968), Maria Theresia. Die Frau, die ein Weltreich regierte. Biographie, München 1978, 320 S., Schwarzweißtafeln, DM 32,-; Vallotton, Henry (1968), Maria Theresia. Die Frau, die ein Weltreich regierte (= Fischer Tb 5028), Frankfurt a.M. 1981, 319 S., Abbildungen, DM 2,-. [Buhlmann, 08.2020, 05.2021]

Jüdische Geschichte, 10. Jahrhundert v.Chr.-3. Jahrhundert n.Chr., Antike: I. Die antik-jüdische Geschichte schöpft sich aus dem Alten und Neuen Testament der jüdisch-christlichen Bibel, die aber gemäß der Unterteilung in (zeitgenössischen) Primär- und Sekundärquellen geschichtlich interpretiert werden müssen und - wenn möglich - durch altorientalische (assyrische, babylonische, persische), griechisch (-hellenistische) und römische Geschichtsquellen (Flavius Josephus) sowie die Ergebnisse archäologischer Forschung zu ergänzen sind. Die jüdische Geschichte erstreckt sich auf ein Israel genanntes Gebiet in den Gebirgsregionen Palästinas zwischen Mittelmeer und Jordan(tal). II. Für die mittlere und späte Bronzezeit lässt sich in Palästina ein "kanaanitisches Stadtstaatensystem" unter der Vorherrschaft des ägyptischen Neuen Reiches (1550-1069 v.Chr.) ausmachen (Thutmosis III., Armanazeit, Ramses II.). Die politische Korrespondenz der Pharaos Amenophis IV. (1377-1358 v.Chr.) nennt "Hebräer" (?), die Siegesstele des Pharaos Merenptah (1213-1203 v.Chr.) "Israel". "Seevölkersturm" (12. Jahrhundert v.Chr., Anfang) und Niedergang der kanaanitischen Kleinstaaten (12. Jahrhundert v.Chr.) führten ab dem eisenzeitlichen 11. Jahrhundert v.Chr. zu einer stärkeren Besiedlung des palästinensischen Berglands ("Protoisraeliten"? mit kanaanitischer Kultur, "Stämme"). Die biblischen Erzählungen eines israelitischen (Gesamt-) Königreichs unter den König David und Salomo können nur insofern bedingt herangezogen werden, als dass für das 10. und noch 9. Jahrhundert von einer "segmentären Dorfgesellschaft" und "Häuptlingstümern" ausgegangen werden kann; Letztere bestimmten die geringe "Staatlichkeit" der Herrschaftsbildung Davids (10. Jahrhundert v.Chr., 1. Hälfte; Jerusalem als Residenz) und Salomos (10. Jahrhundert v.Chr., Mitte; erster Jhwh-Tempel?) über das palästinensische Bergland. Das mithin wenig gefestigte israelitische "Königreich" zerbrach im letzten Drittel des 10. Jahrhunderts v.Chr. ("Reichsteilung"); es entstanden unter zunehmender staatlicher Konsolidierung die Königreiche Israel und Juda, wobei Israel zunächst die bedeutsamere Staatenbildung war. III. Unter den Königen Omri (882-871 v.Chr.) und Ahab (871-852 v.Chr.) aus der Omridendynastie wurde Israel zu einer Regionalmacht in der südlichen Levante mit Samaria als Hauptstadt, der zeitweisen Abhängigkeit des Südreichs Juda vom Nordreich und einem Ausgreifen des Nordreichs auf Regionen östlich des Jordan (Aramäer von Damaskus, Moabiter). Mit dem Ausftieg des Neuassyrischen Reiches (1. Jahrtausend-612 v.Chr.) begann die Phase sich steigernder Abhängigkeit Israels von den assyrischen Königen ab König Jehu (845-818 v.Chr.) und unter den weiteren Herrschern aus der Jehu-Dynastie. Zahlreich waren die Kriege Israels gegen die Aramäer (9. Jahrhundert v.Chr., 2. Hälfte-8. Jahrhundert v.Chr., Anfang). Unter König Jerobeam II. (787-747 v.Chr.) hatte das Reich nochmals eine Blütezeit. Seit König Menachem (747-738) war Israel Vasall Assyriens (Tributzahlungen); ein Aufstand Israels und anderer Königreiche brach im "syrisch-ephraimitischen" Krieg zusammen (734/33 v.Chr.). König Hosea (732-722 v.Chr.) war der letzte israelitische Herrscher, ein Herrscher über einen Rumpfstaat, der mit der Eroberung Samarias durch den Assyrerkönig Sargon II. (722-705 v.Chr.; Salmanassar V. [?, 727-722 v.Chr.]) zu seinem Ende kam (722 v.Chr.; Deportationen?). Israel wurde zur assyrischen Provinz Samerina/Samaria. IV. Im Südreich Juda regierten durch die Jahrhunderte Könige aus dem "Haus David". Juda war von einem Kriegszug des Pharaos Scheschonq I. (ca.945-924) betroffen (920er-Jahre) und stand teilweise in Abhängigkeit von Israel bzw. von den Aramäern (9./8. Jahrhundert v.Chr.). Noch vor dem Ende des Nordreichs war der judäische König Ahab (741-725 v.Chr.) ein Vasall des assyrische Reiches geworden, sein Sohn Hiskia (725-697 v.Chr.) konnte unter diesen Bedingungen gleichwohl die Macht seines Königtums stärken; die Residenzstadt Jerusalem mit dem Tempel wurde erweitert und ausgebaut, die Verwaltung gestärkt. Nach dem Tod des Assyrerkönigs Sargon (705 v.Chr.) scheiterte ein Aufstand Hiskias und seiner Verbündeten (705/01 v.Chr.); der neue Assyrerkönig Sanherib (705-681 v.Chr.) belagerte Jerusalem und erpresste Tributzahlungen (701 v.Chr.). Trotzdem erlebte das Königreich Juda in der Folgezeit einen weiteren wirtschaftlichen und politischen Aufschwung (7. Jahrhundert v.Chr.), der sich auch in kulturell-religiösen Einflüssen Assurs bemerkbar machte (judäische Jhwh-Verehrung). Der Zusammenbruch der assyrischen (Ober-) Herrschaft in Palästina und das Ende des Neuassyrischen Reiches (612 v.Chr.) brachten den Wechsel Judas unter die Oberherrschaft der ägyptischen Pharaonen (König Josia [640-609 v.Chr.], josianische Reformen des Tempelkults; Pharao Necho II. [610-594 v.Chr.]). Schließlich stand das Südreich zwischen Ägypten und dem Neubabylonischen Reich Nebukadnezars (605-562 v.Chr.), der Jerusalem belagerte (597 v.Chr.; Deportationen, Tempelschatz als Tribut), den judäischen König Zedekia (597-587 v.Chr.) einsetzte und schließlich nach erneuter Belagerung Jerusalem (und andere Orte in Juda) zerstörte (589/87 v.Chr.; Deportationen). (Benjamin-) Juda wurde zur Provinz im Neubabylonischen Reich; der Teil der Judäer, der deportiert wurde, richtete sich im babylonischen Exil ein. In der Provinz Benjamin-Juda lag der wirtschaftliche und politische Schwerpunkt im Gebiet Benjamin (6./5. Jahrhundert v.Chr.; Hauptort Mizpa), die Provinz unterstand einem Statthalter (Landreform; Aufstand gegen Gedalja 582 v.Chr.; Prophet Jeremia), die Einflussnahme der babylonischen Könige war gering, es bestand eine Doppelverwaltung unter dem Statthalter bzw. in einem sich entwickelnden benjaminitisch-judäischen Gemeinwesen, das sich Gesetze und eine geschichtliche Überlieferung gab (6. Jahrhundert v.Chr., 2. Hälfte; Abfassung des Pentateuch [Bundesbuch, Gerichtsbarkeit]). V. Mit dem Ende des Neubabylonischen Reiches (539 v.Chr.) begann die persische Zeit der Provinz Jehud (Benjamin-Juda) bei Beibehaltung der Verwaltungsdoppelstruktur mit der Rückkehr von babylonischen Exulanten nach Juda (unter dem persischen Großkönig Dareios I. [521-486 v.Chr.]), dem Jerusalemer Tempelbau (zweiter Jhwh-Tempel) sowie der Entwicklung zu einem Tempelstaat. Das judäische Gemeinwesen definierte sich bei Volksversammlung, Ältestenrat und Priesterschaft (Hohepriester) auf der Grundlage des damals entstandenen Gesetzbuchs des Deuteronomium (Ämtergesetze, Priestergesetz, Heiligtumsgesetze). Bis in die 420er-Jahre v.Chr. übte Nehemia die Statthalterschaft über die judäische Provinz aus (Sozialreformen Nehemias, Jerusalemer Stadtmauer?), daneben existierte die persische Provinz Samaria, die wirtschaftlich und politisch Juda beeinflusste. Im 4. Jahrhundert v.Chr. erlebte der Jerusalemer Tempelstaat eine Blütezeit, als der Perserkönig Artaxerxes II. (404-359 v.Chr.) den Jhwh-Tempel privilegerte ("Artaxerxes-Edikt" als Befreiung von Steuern und Abgaben [4. Jahrhundert v.Chr., Ende?]); Tempel, Tempelpriester und -bedienstete unter dem Hohenpriester waren Teil einer "Bürger-Tempel-Gemeinde", die zudem als laikales Element über einen Ältestenrat (Gerusie [später als Synhedrion]) verfügte. VI. Mit der Eroberung Syrien-Palästinas (Koilesyrien) durch den makedonischen König Alexander den Großen (336-323 v.Chr.) trat der judäische Tempelstaat in die Epoche des Hellenismus ein (332 v.Chr.; niedergeschlagener Aufstand in Samaria). Verfassung und Verwaltung des Tempelstaats blieben im Wesentlichen unverändert, nach den Diadochenkriegen (323/01 v.Chr.) kam Judäa unter ägyptisch-ptolemäischer Herrschaft, die aber in der Folge der fünf Syrischen Kriege gegen das Seleukidenreich (274-271, 260-253, 246-242, 221/19-217, 202-198/94 v.Chr.) immer wieder gefährdet war (proptolemäische, proseleukidische Strömungen im Tempelstaat [Tobiadenclan, Oniaden]; Hellenisierung Judäas; seleukidische Eroberung im Fünften Syrischen Krieg). Unter dem Seleukidenherrscher Antiochios III. dem Großen (223-187 v.Chr.) blieb der Tempelstaat als solcher zunächst erhalten (Teilautonomie, Hohepriester als Ethnarch). Unter König Antiochos IV. Epiphanes (175-164 v.Chr.) eskalierten im Zusammenhang mit dem Scheitern der Eroberung Ägyptens durch den Herrscher (Sieg bei Pelusium 170 v.Chr., römisches Eingreifen 169 v.Chr.) innerjudäische Spannungen (Hellenisierung, Reformer <-> Tempelstaat, Traditionalisten), die die Selekeudenherrschaft in Frage stellten und zur Unterwerfung des Tempelstaats durch den seleukidischen General Apollonios führten (167 v.Chr.; "Religionsverfolgung" und Zwangshellenisierung Judäas?). Letzteres provozierte im (durch Thronkämpfe geschwächten) Seleukidenreich den Makkabäeraufstand (167-139/38 v.Chr.) unter Judas, Jonathan und Simon Makkabäus; Simons Sohn Johannes Hyrkanos I. (135-104 v.Chr.) gelang die Begründung der Hasmonäerdynastie und -herrschaft über Judäa, die in der Folgezeit erweitert und ausgestaltet werden konnte (politische Eigenständigkeit Judäas, hasmonäische Expansion [Samaria, Galiläa, Kontrolle von Städten am Mittelmeer, Einbeziehung von Landschäften östlich des Jordan]; Königstitel des Alexander Jannaios [103-76 v.Chr.]). Dabei beeinträchtigten innere und dynastische Spannungen die Hasmonäerherrschaft (Sadduzäer, Pharisäer, Essener als aufkommende religiös-politische Gruppen; Regentin Salome Alexandra [76-67 v.Chr.], Aristobulos II. [67-63 v.Chr.]). VII. Die römische Neuordnung des östlichen Mittelmeerraums unter Pompeius (63 v.Chr.) beseitigte das hasmonäische Königtum und das erbliche Hohepriestertum bei nur loser Angliederung des auf Judäa reduzierten Tempelstaats als römisches Klientelfürstentum (Aufstände von Hasmonäern gegen Rom [57, 56 v.Chr.], Partherinvasion [40/37 v.Chr.]). Unter römischer Kontrolle konnte sich der Idumäer Herodes der Große (40/37-4 v.Chr.) bei Beseitigung letzter hasmonäischer Herrschaftsansprüche als Tetrarch und König in Judäa durchsetzen. Als römischer Klientelkönig betrieb Herodes unter erfolgreicher Ausschaltung seiner politischen Gegner (Schreckensherrschaft) eine Politik der Romanisierung bei Einschränkung jüdischer Kultur und der Macht des Hohepriesters (Kaiserverehrung, Bautätigkeiten [Caesarea Maritima, Jerusalemer Tempel und Tempelbezirk]). Die Herodessöhne Archelaos (4 v.Chr-6 n.Chr.), Philippos (4 v.Chr.-34 n.Chr.) und Herodes Antipas (4 v.Chr.-39 n.Chr.) herrschten nur noch über Teile des Reiches ihres Vaters (römische Provinz mit Judäa, Samaria und Idumäa unter Statthaltern [Volkszählung 6 n.Chr., Pontius Pilatus 26-36 n.Chr.], Tetrarchie des Antipas [Galiläa, Peräa], Tetrarchie des Philippus [Gebiete östlich des Jordan]). Gravierende wirtschaftliche Fehlentwicklungen riefen damals politische Widerstands- und religiöse Erneuerungsbewegungen hervor (Jesus Christus, Christen u.a.). Der römische Kaiser Caligula (37-41 n.Chr.) griff mehrfach in die labilen politisch-religiösen Zustände in Palästina ein (Einsetzung des Herodesenkels Herodes Agrippa I. [37/39-44 n.Chr.], Absetzung des Herodes Antipas 39 n.Chr., Caligulakrise 39/41 n.Chr.). Herodes Agrippa II. (50-70 n.Chr.) regierte in Teilgebieten Palästinas, während sich in der römischen Provinz die wirtschaftlichen und religiösen Spannungen in innerjüdischen Konflikten (Zeloten) und im jüdischen Aufstand gegen die römische Herrschaft (66-70/73 n.Chr.) entluden (römische Belagerung und Eroberung Jerusalems 69/70 n.Chr. [Zerstörung des Jhwh-Tempels], Eroberung der Bergfestung Masada 73 n.Chr.; römischer Titusbogen). Nach dem Aufstand wurde eine kaiserliche Provinz Judäa gegründet, eine römische Legion erhielt Jerusalem als Standplatz. Die durch die Tempelzerstörung stattfindende Aufwertung jüdischer Laiengelehrsamkeit führte zum Aufstieg der jüdischen Rabbiner (rabbinische "Lehrhäuser" in Jabne [70/135 n.Chr.] und Uscha [135/70 n.Chr.; Sanhedrin]; rabbinisches Patriarchat). Jüdische Unruhen gab es weiterhin zurzeit des Partherkrieges Kaiser Trajans (98-117) (Eingliederung des Nabatäerreiches und römische Provinz Arabia 106, römische Besetzung Armeniens und Mesopotamiens 114/17 n.Chr.), schließlich endete der aus sozialen und religiösen Verwerfungen entstandene Bar Kochba-Aufstand unter Simon ben Kosiba mit der Niederschlagung durch die römische Besetzungsmacht (132/35), einhergehend mit der Neugründung Jerusalems als römische Aelia Capitolina (mit Jupiterheiligtum) und der vereinigten Provinz Syria-Palestina. Die Juden waren nun vollständig der römischen Herrschaft unterworfen und erhielten mit der Constitutio Antoniniana (212) das römische Bürgerrecht.
Zur antik-jüdischen Geschichte s.: Alt, Albrecht (1970), Zur Geschichte des Volkes Israel, München 21979, XVI, 477 S., DM 16,80; Beek, Martinus Adrianus (1961), Geschichte Israels. Von Abraham bis Bar Kochba (= Urban Tb 47), Stuttgart 21966, 184 S., Abbildungen, DM 2,-; > B Bibel; Clauss, Manfred (1999), Das alte Israel. Geschichte, Gesellschaft, Kultur (= BSR 2073), München 1999, 125 S., Abbildungen, Karten, DM 14,80; Fohrer, Georg (1982), Geschichte Israels (= UTB 708), Heidelberg 31982, 291 S., Karten, DM 23,80; Fritz, Volkmar (1990), Die Stadt im alten Israel (= Beck's Archäologische Bibliothek), München 1990, 177 S., Abbildungen, Karten, DM 38,-; Keller, Werner (1955), Und die Bibel hat doch recht. Forscher beweisen die historische Wahrheit, Düsseldorf 121960, 444 S., Schwarzweißabbildungen, -tafeln, Karten, DM N.N.; Keller, Werner (1989), Und die Bibel hat doch recht. Forscher beweisen die historische Wahrheit, Köln o.J. [2000], 320 S., Schwarzweiß- und Farbabbildungen, Karten, DM N.N.; Meyer, Eduard (1906), Die Israeliten und ihre Nachbarstämme. Alttestamentliche Untersuchungen, Nachdruck Darmstadt 1967, XVI, 576 S., DM 19,50; Oswald, Wolfgang, Tilly, Michael (2016), Geschichte Israels. Von den Anfängen bis zum 3. Jahrhundert n.Chr. (= Geschichte kompakt), Darmstadt 2016, 167 S., Karten, € 14,95; Schipper, Bernd U. (2018), Geschichte Israels in der Antike (= BSR 2887), München 2018 > S Schipper, Israel. [Buhlmann, 08.2017, 12.2018]

Jürgensmeier, Friedhelm (Hg.) (1997), Das Bistum Worms. Von der Römerzeit bis zur Auflösung 1801 (= BMKG 5), Würzburg 1997, 301 S., Abbildungen, Karten, DM 48,-. I. Das (keltisch-) römische Borbetomagus bzw. die civitas Vangionum bildeten den durch das Ende des römischen Reiches vielfach gebochenen Ursprung des mittelalterlichen Worms. Ein Wormser Bistum wird erst in der Karolingerzeit vollends erkennbar, römische Ursprünge im 4. Jahrhundert und seine Existenz in der Merowingerzeit sind anzunehmen. Eine Einbindung des Bistums in die ottonisch-salische Reichskirche erfolgte verstärkt im 10. Jahrhundert, mit Burchard I. (1000-1025) erfassen wir einen bedeutenden Wormser Bischof am Ausgang der ottonisch-sächsischen Zeit (Domneubau von 1018, Decretum, Wormser Hofrecht). In salisch-staufischer Zeit entwickelte sich die Stadt Worms (Bürgergemeinde 1074) zu einem bedeutenden Ort innerhalb Deutschlands, wie am hier geschlossenen Wormser Konkordat (1122) zwischen Papsttum und Königtum erkennbar wird. Neben der bischöflichen Residenz bestand die königliche Pfalz, der romanische Dom stammt aus der Zeit zwischen 1125/30 und 1181. Im 12. Jahrhundert teilten sich Bischof und König die Stadtherrschaft, die Entwicklung eines Rates der Bürgergemeinde kam an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert zum Abschluss. Im späten Mittelalter blieben die Einwirkungsmöglichkeiten der Bischöfe auf Worms begrenzt, zumal auch das deutsche Königtum und die rheinischen Pfalzgrafen Herrschaftsrechte in Worms besaßen. Als Reichsstadt (freie Stadt) waren dabei die Wormser Bindungen an das Königtum besonders eng, zahlreiche Hof- und Reichstage sowie Synoden sind für Worms bezeugt, u.a. der wichtige Wormser Reichstag König Maximilians I. von 1495, dem im 16. Jahrhundert weitere folgten. Im Investiturstreit erfuhr das Wormser Bistum eine Schwächeperiode, erst unter Bischof Burchard II. (1115/20-1149) konnte diese überwunden werden. Um 1120 erlangten die Staufer die Wormser Hochstiftvogtei, ab der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts waren Bischöfe und Könige auf reichspolitischer Ebene eng miteinander verbunden. Im späten Mittelalter konnte gegen die rheinische Pfalzgrafschaft nur ein enges Hochstiftterritorium ausgebildet werden, Residenzstadt der Bischöfe war Ladenburg. Spätestens ab dem 12. Jahrhundert war das Bistum aufgeteilt in vier Archidiakonate, im Jahr 1496 zählte es zehn Dekanate und 255 Pfarreien. II. In der frühen Neuzeit war das Wormser Hochstiftterritorium integraler Bestandteil des römisch-deutschen Reiches. Territorialherr war der durch das Domkapitel gewählte (meist auswärtige) Bischof, das Domkapitel übernahm zunehmend Verwaltungsaufgaben in der Wormser Diözese. Der Besetzung des linksrheinischen Teils von Wormser Bistum und Hochstift durch französische Truppen im Gefolge der Französischen Revolution (1797) schloss sich die Auflösung des Bistums an (1801), das rechtsrheinische Wormser Gebiet wurde hessisch, schließlich auch bayerisch. Zum Mainzer Dom vgl. noch: Englert, Siegfried (1990), Der Dom zu Worms, Worms 1990, 47 S., Abbildungen, Pläne, DM 6,-; Hotz, Walter (1981), Der Dom zu Worms, Darmstadt 1981, XI, 158 S., Abbildungen, Pläne, DM 22,50, zur von Bischof Burchard I. ab 1002 errichteten Wormser Stiftskirche St. Paulus: Spille, Irene (1993), St. Paul, Worms (= Schnell (& Steiner), (Kleine) Kunstführer, Nr.609), Regensburg 31993, 23 S., Abbildungen, Pläne, DM 4,-, zu einem in Worms stattgefundenen spätkarolingischen Konzil: Hartmann, Wilfried (1977), Das Konzil von Worms 868. Überlieferung und Bedeutung (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Philosophisch-historische Klasse, Dritte Folge, Nr.105), Göttingen 1977, 140 S., € 15,-. [Buhlmann, 09.2009, 12.2015]

Jugoslawische Geschichte: I. Um 1900 lebten ingesamt rund 12 Millionen Slowenen, Kroaten, Bosnier, Serben, Montenegriner und Makedonen in südslawischen Ländern, die zum Teil zur Donaumonarchie Österreich-Ungarn (Dalmatien, Istrien, Krain, Steiermark; Kroatien-Slawonien; Bosnien-Herzegowina) gehörten oder als Königreiche (Serbien, Montenegro) organisiert waren, vielfach vordem Teile des osmanischen Reiches waren. Eine weitgehend gemeinsame Sprache (mit unterschiedlichen Dialekten; Stokavische als serbisch-kroatische Standardsprache und als Identitätsmerkmal) verband die Südslawen auch kulturell miteinander, ebenso wirkte die orthodoxe Kirche verbindend (Milletverfassung im osmanischen Reich), wenn auch die Südslawen unterschiedlichen Religionen (Christentum: Katholizismus [Kroaten], Orthodoxie [Serben]; Islam [Bosnien-Herzegowina]) anhingen (Volksreligiösität und Synkretismus). Ein massives Bevölkerungswachstum führte damals zu gesellschaftlichen Umbrüchen (Familienstruktur, ökonomischer Wandel, mäßige Industrialisierung und Marktwirtschaft, Agrarreformen, verhaltene Urbanisierung, Auswanderung), wenn auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen gegenüber dem westlichen Europa rückständig blieben. U.a. aus dieser Rückständigkeit erwuchs auf der schmalen Grundlage einer bürgerlichen Elite und vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung des Ausscheidens des südslawischen Raums aus dem osmanischen Reich (Erster Serbischer Aufstand [1803/13], Zweiter Serbischer Aufstand [1815/17], serbische Autonomie [1830]; Wiener Abkommen zur serbokroatischen Schriftsprache [1850]; Orientalische Krise [1875/78] und Berliner Kongress [1878]; habsburgische Besetzung Bosnien-Herzegowinas [1878], Wegfall der Militärgrenze [1881], "südslawische Frage" und Habsburgermonarchie; Unabhängigkeit Serbiens [1878]) eine südslawisch-national Bewegung (1878/1903), die sich in der Folge (1903/12) (auch auf andere Bevölkerungsschichten) ausweitete und radikalisierte (südslawisches "Pulverfass"; südslawischer Nationalismus und Öffentlichkeit, Presse, Vereinwesen, politische Parteien und Beziehungen zur Religion). Gerade die Annexion Bosnien-Herzegowinas durch die Habsburgermonarchie (Annexions-, Balkankrise 1908) beförderte nationalistische Tendenzen. Hinzu kam der wachsende Einfluss des russischen Zarenreiches auf dem Balkan (Balkanbund 1912: Bulgarien, Griechenland, Montenegro, Serbien), der auch gegen die Habsburger gerichtet war. Der 1. Balkankrieg des Balkenbundes (1912-1913) war indes gegen das osmanische Reich gerichtet ("ethnische Säuberungen"), das im Frieden von London (1913) den Großteil seiner europäischen Besitzungen an die Verbündeten verlor (Gründung Albaniens als Fürstentum 1913). Streitigkeiten um die neu erworbenen Gebiete (Makedonien) führten alsbald zum Zerfall des Balkanbundes und zum 2. Balkankrieg (1913), in dem sich Bulgarien auf der einen und Serbien und Griechenland auf der anderen Seite gegenüberstanden. Im Frieden von Bukarest (1913) ging der Krieg für Bulgarien verloren. Serbien als Verbündeter Russlands war aber der Gewinner der Balkankriege und bedrohte durch sein Setzen auf die nationale Karte und seine Expansionsbestrebungen den Zusammemhalt der Donaumonarchie. Hinzu kam die durch Balkankriege erfolgte Militarisierung der Region, die die Frontstellung zwischen Habsburgermonarchie und Serbien noch verstärkte. Das durch einen Serben in Sarajevo begangene Attentat auf den österreichischen Thronfolger (24. Juni 1914) und die "Julikrise" mündeten dann ein in den Ersten Weltkrieg (1914-1918), in dem sich Serbien zunächst behauptete, um schließlich von Truppen der Habsburger, Deutschen und Bulgaren besetzt zu werden (1915; serbischer Marsch zur Küste, Ausplünderung Serbiens). Die Frontlinie des Stellungskriegs zwischen den kämpfenden Kriegsparteien sollte schließlich in Makedonien verlaufen (Salonik-Linie), um gegen Endes Krieges von der serbischen Armee schließlich durchbrochen zu werden (September 1918). II. Der Erste Weltkrieg hatte nationalistische Tendenzen bei den Südslawen weiter befördert, der Zusammenbruch der Habsburgermonarchie am Ende des Krieges machte den ("keineswegs zwangsläufigen") Weg nach Jugoslawien als südslawischem Staat letztendlich frei (serbische Exilregierung aud Korfu, "Jugoslawischer Ausschuss" in London, "Jugoslawischer Klub" im Habsburgerreich [1917] -> Loslösung der Südslawen aus der Habsburgermonarchie, Vereinigung Montenegros mit Serbien [1918] -> Proklamation des "Königreichs von Serben, Kroaten und Slowenen" [1. Dezember 1918]). Im Rahmen der Versailler Friedensverhandlungen nach dem Weltkrieg fand das jugoslawische Königreich (Erstes Jugoslawien) durch die Großmächte Aberkennung, freilich unter Verzicht auf einige an Italien gelangende Gebiete (Triest, Istrien; Fiume [als Freistaat des Dichters Gabriel D'Annunzio 1919/24]) bei Kompromissen hinsichtlich der Grenzen zu Österreich und Bulgarien bzw. bei Abtretung der Vojvodina durch Ungarn (Vertrag von Rapallo 1920). Dabei sollte auch Jugoslawien Rechte von ethnischen Minderheiten respektieren; trotzdem sollten die beschlossenen Grenzziehungen und die im Königreich versammelten Nationalitäten schon bald zu politischen Schwierigkeiten führen. Zunächst galt es aber, eine Organisationsform des Königreichs zu finden, bei der sich ein von den Serben befürworteter starker Zentralismus (Unitarismus; Hauptstadt Belgrad) mit demokratischem (Männer-) Verhältniswahlrecht und Parlament gegen föderalistische Strukturen durchsetzte (verfassungsgebende Versammlung 1920, zentralistischte Verfassung [Vidovdan-Verfassung] 1921). "Staatsvölker" des Vielvölkerstaats Jugoslawien waren immer noch die Serben, Kroaten und Slowenen; Montenegriner, bosnische Muslime und Makedonier blieben weiterhin politisch am Rand. Die "kroatische Frage" gegen den serbischen Zentralismus beflügelte in den 1920er-Jahren eine kroatische Nationalpolitik (eines Stjepan Radic), die immer wieder zu politischen Streitigkeiten innerhalb Jugoslawiens Anlass gab; die kroatische Nationalpolitik war nicht zuletzt auch Spiegelbild einer unterschiedlichen Taktung von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Wandel und Fortschritt in den verschiedenen Regionen des Staates, waren doch gerade die 1920er-Jahre von Tradition und Wandel geprägt (Inflationskonjunktur und wirtschaftliche Modernisierung; Bevölkerung und Familie, Mann und Frau; Armut, Landwirtschaft und Industrialisierung; sozialstaatliche Anfänge; Kultur und [westliche] Massenkultur; Religion, konfessionelle Milieus und säkularer Staat). Die Krise der jugoslawischen Demokratie (1927/28) in der Folge der "kroatischen Frage" führte (Anfang 1929) zur Auflösung des Parlaments und Außerkraftsetzung der Verfassung durch den jugoslawischen König Alexander (1921-1934) und zur Errichtung einer "Königsdiktatur", die in den Folgejahre auf nationale Geschlossenheit und eine "Jugoslawisierung" des Vielvölkerstaats drängte (nationale Frage). Doch scheiterte Alexander letztlich damit und auch mit der Einführung einer Scheindemokratie (1931). Hinzu kamen die negativen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise (1930/35), die das noch stark agrarisch geprägte Jugoslawien besonders betraf. Alexanders Ermordung (1934) sowie die Ministerpräsidentschaft Milan Stojadinovics (1935/39) beendeten das autoritäre Regime des Königs; Jugoslawien wurde politisch pluralistischer (Zentralismus und Selbstverwaltung, nationale Ideologie und Gleichberechtigung der jugoslawischen Völker), auch gab es eine wirtschaftliche Modernisierung ("Neue Ökonomische Politik": Investionsprogramme, Förderung der Schwerindustrie und der Rüstung, staatliche Außenhandelsmonopole). Im Gegensatz zu manchen europäischen Industrienationen fiel der Faschismus in den 1930er-Jahren in Jugoslawien als politische Ideologie wenig ins Gewicht (kroatische Ustascha, serbische Zbor), während die seit 1921 verbotene Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ; unter Josip Broz [Tito] als Generalsekretär [ab 1937]) über eine zunehmend breitere Anhängerschaft verfügte. Außenpolitisch geriet nicht zuletzt auf Grund der enger werdenden wirtschaftlichen Verflechtungen Jugoslawien in eine stärkere Abhängigkeit vom nationalsozialitischen Deutschland ("Anschluss" Österreichs [1938], Ende der Tschechoslowakei [1938/39], slowakischer Staat [1939]; Achse Deutschland-Italien). 1939 gelang der serbisch-kroatische Ausgleich (Sporazum) in der "kroatischen Frage" (kroatische Autonomie in der Banovina Hravtska). Dieser stand jedoch unter den Vorzeichen des Zweiten Weltkriegs (1939-1945), in dem Jugoslawien einen neutralen Kurs verfolgte (unblutiger Staatstreich serbischer Generäle 1941), jedoch bald - in der Folge der Unterstützung der italienischen Truppen auf dem Balkan - ins Visier Deutschlands und des deutschen Diktators Adolf Hitler geriet; im Unternehmen "Strafgericht" wurde von der deutschen Luftwaffe die "offene Stadt" Belgrad bombardiert (April 1941). Jugoslawien kapitulierte alsbald (17. April 1941) und wurde im Rahmen einer "neuen (Un-) Ordnung auf dem Balkan" in einen unabhängigen kroatischen Staat (Ustascha) und ein deutsch besetztes Serbien aufgeteilt (kroatische Gebietseinbußen gegenüber Italien, Gebietsgewinne Ungarns und Albaniens). Die deutsche Herrschaft über den Balkan war eine des Unrechts; sie dividierte im Namen des Faschismus Volksgruppen auseinander ("Volksdeutsche" und Banater Schwaben, Kroaten, Slowenen, Serben), beantwortete Übergriffe auf die Besatzer mit "Sühne-" und "Strafaktionen" und beteiligte sich an der Deportation von Juden und Roma. Eine Mittelstellung zwischen Besatzern und Besetzten nahmen die serbischen Tschetniks ein, während die jugoslawischen Kommunisten unter Tito als Partisanen einen Volksbefreiungskrieg gegen die deutschen und italienischen Okkupanten begannen (Republik von Uzice [1941], Republik Bihac [1942], "Operation Weiß" [1943], Kapitulation Italiens [1943] und Ausweitung des von Tito geführten Aufstands, Erklärung zu einem sozialistischen Nachkriegsjugoslawien [1943], "Operation Rösselsprung" [1944]). In der Endphase des totalen Kriegs mit seinen Gewaltausbrüchen und "ethnischen Säuberungen" setzte sich die kommunistische Armee Titos vollends durch (Eroberung Belgrads [1944], Abkommen von Vis mit dem jugoslawischen König [1944], deutsche Verteidigung Kroatiens und deutscher Rückzug [1945], Massaker von Bleiburg [1945], Besetzung Istriens und Triests [1945]). III. Das Ende des Zweiten Weltkriegs sah den kommunistischen Terror gegen innerjugoslawische Gegner ("Säuberungen") und schließlich den Aufbau und die Durchsetzung einer kommunistischen Volksdemokratie (1945/48; Interimsregierung unter Beteiligung auch bürgerlicher Minister [1945], Anerkennung des "Demokratischen Föderativen Jugoslawien" durch die Großmächte, verfassungsgebende Versammlung [1945], wirtschaftlicher Wiederaufbau, Propagierung des Sozialismus, kommunistisches Einparteiensystem). Als Vielvölkerstaat war (das Zweite) Jugoslawien föderal in die Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien (u.a. mit Kosovo, Montenegro, Vojvodina), Mazedonien gegliedert; dies geschah u.a. durch die Einbeziehung Dalmatiens und Istriens (Italien; Triestkrise und Anschluss Istriens [1945/47]). Im Nachkriegsjugoslawien war der kommunistische Führer Tito der starke Mann; sein Bruch mit der Sowjetunion unter dem Diktator Stalin (1948; "Moskauer Erklärung" [1955]) sollten Jugoslawien zu einem außen- (Blockfreiheit, Jugoslawien als Puffer zwischen West und Ost) und innenpolitisch eigenständigem jugoslawischen (Titos) Sozialismus (1948/64) führen (sozialistisch-jugoslawischer Patriotismus [Jugoslawismus] als ideologischer Gegenentwurf zum sowjetischen Kommunismus, Selbstverwaltung[ssystem] und wirtschaftliche Freiräume, Wirtschaftswunder und sozialistische Modernisierung [<-> Bauernaufstand von Cazin 1948], politische Liberalität [KPJ, Kunst, kulturelle Öffnung, Tourismus, Reisemöglichkeiten für Jugoslawen]; "Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien" [1963]). Es entstand in den 1960er-Jahren eine durchaus erfolgreiche "sozialistische Marktwirtschaft" im Übergang zu einer Industriegesellschaft, während der sozialistische Kurs auch durchaus Reformen (1964/68; Dezentralisierung, Liberalismus, Studentenbewegung) und Modernisierungen (1967/71; nationale Frage und [muslimische] Minderheiten [Muslime in Bosnien, Albaner im Kosovo; politischer Islam], ethnische Politisierung und Sprachenfrage [Sprachennationalismus]) beinhaltete (gesellschaftlicher Wandel, gesellschaftliche Differenzierung). Dem "kroatischen Frühling" (1971) begegnete Tito als "kommunistischer König" indes mit autoritären Gegenmaßnahmen, die sich auch niederschlugen in der Verfassung von 1974 (Dezentralisierung statt Demokratisierung, Bundespolitik als Politik der Teilrepubliken, Tito als Präsident auf Lebenszeit [charismatische Führung, Popularität]). Jedoch unterlag auch Jugoslawien in 1970er-Jahren einer wirtschaftlichen Rezession (Ölkrise u.a.), die aus diesem Jahrzehnt einen politischen und wirtschaftlichen Wendepunkt in der Geschichte dieses Staates machen sollte. Kurz vor und nach dem Tod Titos (1980) verschlimmerte sich die Wirtschaftskrise (Schuldenkrise [restriktive Geld-, Finanzpolitik], Inflation, schrumpfende Wirtschaft), die die Legitimation des Jugoslawismus Titos zunehmend in Frage stellte (Krise des politischen Systems, kommunistischer Oligarchismus). Daraus resultierten Reformdiskussionen (Verfassung, kommunistisches Einparteiensystem, Marktwirtschaft, Selbstverwaltung), aber auch Teilrepubliken und Ethnien betreffende Unruhen (Kosovo-Aufstand [1981], serbische Nationalisten), die sich allgemein zu Nationalisierungstendenzen (bei Kroaten, Serben, Slowenen u.a.) auswuchsen und den Untergang des kommunistischen Regimes in Jugoslawien sowie des Vielvölkerstaats Jugoslawien herbeiführen sollten. IV. Die wirtschaftliche Krise der 1980er-Jahre sowie eine zunehmende soziale Ungleichheit beförderten eine geistig-mentale Umorientierung in Richtung Religion und Nationalismus; u.a. ethnische Unterschiede mündeten somit ein in Distanz, die das Gefüge des Vielvölkerstaates vielfach zerrüttete, zumal die kommunistische Ära Titos mit ihrem Fortschrittsgedanken zunehmend kritisch hinterfragt wurde (Werteverluste). Die Jahre zwischen 1989 und 1991 brachten daher den Staatsverfall Jugoslawiens und die Desintegration des Vielvölkerstaates. Die Teilrepubliken dividierten sich durch ihre nationale Politik - etwa die des Slobodan Milosovic in Serbien oder die des Franjo Tudjman in Kroatien - soweit auseinanderdividiert, das etwa der Kommunismus für Jugoslawien keine Klammer mehr bot. Hinzu kam der allgemeine politische Wandel in Osteuropa der Jahre 1989/90, der das Ende von Kommunismus und West-Ost-Gegensatz sah. Die in Jugoslawien eingeleitete Phase der Demokratisierung und der Mehrparteiendemokratie (1990) führten zu einem Übergewicht von nationalen Parteien in den jeweils einzelnen Teilrepubliken, was wiederum z.B. in Ostbosnien (Srebrenica) eine Verschärfung ethnischer Spannungen verursachte. Die Teilrepubliken Slowenien und Kroatien sowie der Kosovo bereiteten ihre Unabhängigkeit vor (Jugoslawien als Konföderation unabhängiger Staaten [1990]); die "serbische Frage", wonach alle Serben in einem Staat vereinigt werden sollten, betraf auch Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens und Kroatiens (25. Juni 1991) und der anschließende zehntägige "Kleine Krieg" gegen die jugoslawisch-serbische Volksarmee brachten faktisch für Slowenien die Unabhängigkeit, während die Kämpfe zwischen Kroaten und Serben in Kroatien (Angriff auf Dubrovnik, "Serbische Republik Krajina" [1991]) in den jugoslawischen Nachfolgekrieg (1991-1995) einmündeten. Neben Kroatien war von Letzterem auch Bosnien-Herzegowina betroffen (serbische Eroberung bosnischen Territoriums [1991/92], kroatischer Staat Herceg Bosna [1991/92], "Serbische Republik Bosnien-Herzegowina" [1992], serbische Belagerung Sarajevos [1992/95], "ethnische Säuberungen"). Der Granatenangriff auf einen Markt in Sarajevo (6. Februar 1994) und später das Massaker von Srebrenica (Juli 1995; UN-Schutzzone Srebrenica) ließ indes die internationale Staatengemeinschaft an konkrete Maßnahmen zur Eindämmung des Krieges in (Ex-) Jugoslawien denken (NATO-Luftangriffe auf serbische Stellungen); das Friedensabkommen von Dayton (21. November 1995) beendete den Krieg, nachdem - etwa nach kroatischen Eroberung des Pseudostaats Karjina (1995) - auch Serbien zum Einlenken bereit war. Kroatien blieb nach dem Krieg in seinen historischen Grenzen erhalten, aus Bosnien-Herzegowina wurde ebenfalls in den Vorkriegsgrenzen ein Staat mit einer kroatisch-muslimischen ("Föderation Bosnien-Herzegowina") und einer serbischen Teilrepublik (Republika Srpska). Ruhe war aber mit dem Friedensabkommen von Dayton auf dem Balkan noch nicht eingekehrt. In der (autonomen) Region Kosovo innerhalb Serbiens bzw. (Rest-) Jugoslawiens kam es ab 1997 zu Unruhen, serbische Repressalien führten zum Einstaz der NATO gegen Serbien (Operation Allied Force [1999]), aus dem Kosovo wurde ein UNO-Protektorat, um sich schließlich für selbstständig zu erklären (2008). Im Jahr 2006 trennte sich Montenegro durch Volksabstimmung von Serbien, womit der ehemalige Vielvölkerstaat Jugoslawien vollends in seine föderalen Bestandteile zergliedert wurde. Auch die Republik (Nord-) Makedonien spaltete sich schon früh von Jugoslawien ab (1991), um schließlich erst 2018 Anerkennung durch das benachbarte Griechenland zu finden (Streit um den Staatsnamen). Statt ethnischer Pluralität in einem südslawischen Staat, wie in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg propagiert, waren durch den Untergang Jugoslawiens "ethnische Nationen" südslawischer Teilvölker entstanden, die auf der Grundlage der unvollendeten Friedensordnung von Dayton schon teilweise in Europa bzw. die NATO und die Europäische Union integriert sind (Kroatien, Slowenien) bzw. noch auf diese Art der außenpolitischen Integration warten (Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro als EU-Beitrittskandidaten). Nach dem jugoslawischen Nachfolgkrieg erleben die Staaten auf ehemaligem jugoslawischen Territorium im Großen und Ganzen jedenfalls einen wirtschaftlichen Aufschwung und einen gesellschaftlichen Wandel, mit dem eine intensivere Demokratisierung verbunden ist (nach: Calic, Geschichte Jugoslawiens).
Zur Geschichte Jugoslawiens s.: Calic, Marie-Janine (2010), Geschichte Jugoslawiens (= C.H. Beck Paperback 6330), München 2018 > C Calic, Geschichte Jugoslawiens; Scholl-Latour, Peter (1994), Im Fadenkreuz der Mächte. Gespenster am Balkan, München 1994, 384 S., Farbtafeln, Karten, DM 44,-. [Buhlmann, 03.2019, 04.2021]

Jukes, Geoffrey (1968), Stalingrad. Die Wende im Zweiten Weltkrieg (= Moewig Dokumentation 4317), München 1982 > Z Zweiter Weltkrieg

Jukes, Geoffrey (1982), Die Schlacht der 6000 Panzer. Kursk und Orel 1943 (= Moewig Dokumentation 4324), München 1982 > Z Zweiter Weltkrieg

Jukes, Geoffrey (1984), Panzer vor Moskau (= Moewig Dokumentation 4343), München 1984 > Z Zweiter Weltkrieg

Julian, spätrömischer Kaiser: Julian, aus einem Nebenzweig der Famile Kaiser Konstantins I. des Großen (306-337) stammend, um 331/32 geboren, überlebte zusammen mit seinem Bruder Gallus (†354) das durch Soldaten (im Auftrag des Kaisers Constantius' II. [337-361]?) in Konstantinopel verübte Massaker an seiner Familie (337; eventuelle Machtansprüche des Dalmatius und des Hannibalianus). Danach lebte der Junge in Nikomedia, wo er vom dortigen arianischen Bischof Eusebius und dem Heiden Mardonios erzogen wurde. Später (345) musste er auf Befehl Constantius' II. nach Kappadokien auf das kaiserliche Gut Fundus Macelli umziehen, wo er unter Anleitung des arianischen Bischofs Georg von Kappadokien biblisch-exegetische, aber auch heidnisch-philosophische Schriften studierte. Sich im Wesentlichen nur der antiken Buchkultur verpflichtet, gelangte er über einen kurzen Aufenthalt in Konstantinopel nach Nikomedia zurück (347). Dort konnte Julian seine philosophischen und rhetorischen Studien ausweiten, weil der Redner Libanios eine Schule in Nikomedia eröffnete; außerdem verschaffte die Erhebung von Julians älterem Bruder Gallus zum Caesar (351) dem jungen Mann mehr Bewegungsfreiheit, so dass Besuche bei Rhetoren und Philosophen möglich wurden. Zudem erwies sich Julian in seiner Zeit in Nikomedia als eifriger Besucher von christlichen Gottesdiensten; innerhalb der kirchlichen Hierarchie erlangte er das Amt eines Lektors. Dennoch entschied er sich unter dem Einfluss des Libanios zum Abfall vom christlichen Glauben (Apostasie; Julian Apostata) (351). Nach dem Bruch zwischen dem augustus Constantius und seinem Caesar Gallus sowie der Hinrichtung des Letzteren (354) sah sich Julian in der Gefahr, ebenfalls umgebracht zu werden (Ehrenhaft in Mailand). Umso überraschter war er, dass er - augenscheinlich denkbar ungeeignet für ein politisches Amt - von Constantius zum Caesar ernannt wurde und das römische Kaisertum im Westteil des Reichs vertreten sollte. Sein Wirkungsraum als Caesar war zunächst Gallien, wo er mit der gegen die Alemannen gewonnenen Schlacht von Straßburg (357) und mit dem erfolgreichen Krieg gegen die salischen Franken (deren Ansiedlung in Toxandrien) und die Chamaven die Germanengefahr für die gallischen Provinzen fürs Erste beseitigte; Julian konnte zudem in der Frage der Salzgewinnung in Schwäbisch Hall zwischen Alemannen und Burgundern vermitteln. Die von Kaiser Constantius geforderte Entsendung von Truppen Julians an die Ostfront des römischen Reichs führte indes zur Meuterei und Erhebung/Usurpation Julians zum augustus. Es folgte nach einem alemannischen Zwischenspiel bei Augst (Deportation des Alemannenkönigs Vadomar nach Spanien) Julians Kriegszug gegen Constantius, der den Verrat des Usurpators offenkundig machte und zwischen Naissus und Konstantinopel ins Stocken geriet (361). Der Tod des Constantius und die Designation Julians als Nachfolger (361) beendete indes den Bürgerkrieg, bevor er angefangen hatte. Julian wurde nun allgemein im römischen Reich als Kaiser anerkannt. Seine ersten Regierungsmaßnahmen betrafen die Verfolgung seiner innenpolitischen Gegner, die Reduzierung der Beamtenschaft am kaiserlichen Hof, die Rückgabe von Gütern an die Städte, die Beschränkung der Nutzung der Staatspost (cursus publicus) für christliche Kleriker. Daneben gab es eine "emanzipative" Ehegesetzgebung und die öffentliche Hinwendung des Kaisers zum Heidentum, wie das berühmte Philosophen- ("Schul-") Gesetz (362), die zunehmende Benachteilung von Christen im Staat bzw. in der staatlichen Verwaltung oder die Propagierung einer heidnischen Religionsphilosophie durch Julian zeigte. Auch geriet der Aufenthalt Julians in Antiochia (362) zum Fiasko (Brand von Daphne). Schließlich stockte der Perserfeldzug Julans (363) nach einigen Anfangserfolgen (zwei Heeressäulen entlang Euphrat und Tigris, Vordringen bis nach Babylon) vor Ktesiphon, der Hauptstadt des Perserreichs; der versuchte Angriff auf den Großkönig Schapur II. (†379) scheiterte, stattdessen geriet das Heer Julians nach der von diesem befohlenen Verbrennung der Transportschiffe in immer größere Schwierigkeiten (persische Taktik der verbrannten Erde, Überfälle von Kataphraktenreitern). Der Tod Julians durch eine persische Reiterlanze (26. Juni 363) beendete die kurze Regierungszeit des Kaisers. Sein Nachfolger Jovian (363-364) schloss mit den Persern einen für die Römer ungünstigen Friedensvertrag (363). Das Nachwirken Julians blieb auf die "geistige Renaissance" von antiker Philosophie und Heidentum insbesondere bei den Heiden innerhalb der römischen Oberschicht (römische Senatorenschaft u.a.) beschränkt; auch durch Julian war die Philosophie ein wichtiger Bestandteil antiker Kultur und floss mit ein in christliche Kultur und christlichen Glauben (nach: König, Ingemar (2007), Die Spätantike (= Geschichte kompakt), Darmstadt 2007).
Vgl. Bidez, Joseph (1940), Kaiser Julian. Der Untergang der heidnischen Welt (= rde 26), Hamburg 1956, 243 S., DM 1,50; Browning, Robert (1977), Julian, der abtrünnige Kaiser, München 1977, 358 S., Karten, DM 34,-. [Buhlmann, 1977, 06.2018]

Julien, Catherine (1998), Die Inka. Geschichte, Kultur, Religion (= BSR 2075), München 1998 > I Inka

Julien, Elise (2014), Der Erste Weltkrieg (= Kontroversen um die Geschichte), Darmstadt 2014 > E Erster Weltkrieg

Jung, Kurt M. (1979), Weltgeschichte in einem Griff. Von der Urzeit bis zur Gegenwart. Vergleichende Zeittafeln, Berlin 1979 > W Weltgeschichte

  Jungmann, Dieter (2013), Die Neuwerkkirche in Goslar (= DKV-Kunstführer Nr.618), Berlin 22013, € 2,50. I. Volkmar (1173, 1191), königlicher Vogt in Goslar, und seine Ehefrau Helena stifteten 1186 unmittelbar an der nördlichen Stadtmauer (ein oratorium und) die erste Frauengemeinschaft in Goslar. Das umfangreiche Gründungsgut bestand aus Grundbesitz in und um Goslar, die Nonnen kamen aus dem Zisterzienserinnenkloster Ichtershausen, das Stift war den Heiligen Maria, Johannes dem Evangelisten und Bartholomäus geweiht. Die Schutzurkunde Kaiser Friedrichs I. (1152-1190) verlieh der geistlichen Kommunität Abgabenfreiheit, Immunität und Vogtei (freie Vogtwahl) und wurde 1225 nochmals erneuert. Als Vögte traten die Grafen von Wohldenberg in Erscheinung, die im Jahr 1290 auf die Vogtei zu Gunsten der Stadt Goslar verzichteten. Die ausgedehnten Güter des Stifts weckten Begehrlichkeiten von Landesherren und Stadt Goslar (Aufgabe des Goslarer Grundbesitzes n.1290). Nach innen stellte sich die Frauengemeinschaft als durch Äbtissin und Propst geleitete Kommunität von Benediktinerinnen (bzw. Zisterzienserinnen) dar. Fehlende Regeltreue führte zur Absetzung des Propstes Heinrich Minneke, der als Ketzer verbrannt wurde (1222/24), und zu gravierenden Missständen im 15. Jahrhundert (Visitation 1475 und anschließende Reform). Die Kommunität überstand die Reformation, der Konvent wurde in der Folge der schwedischen Besetzung Goslar vertrieben (1631), um 1667 als evangelisches Frauenstift wiederzuerstehen. Die Klosterstatuten von 1740 und ein Vergleich mit der Stadt Goslar vor dem Reichskammergericht (1767) prägten die letzten Jahrzehnte der Frauengemeinschaft, die im Jahr 1802 aufgehoben und durch eine Versorgungsanstalt für Beamtentöchter ersetzt wurde. Das 20. Jahrhundert sah die Neuwerkkirche u.a. als "Weihestätte des deutschen Volkes" (nationalsozialistische Zeit), als evangelische Gemeindekirche und "Versorgungsanstalt Neuwerk" (Aufhebung des Konvents 1969). II. Die noch heute bestehende Neuwerkkirche aus dem endenden 12. und dem 13. Jahrhundert ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querhaus, Chor und Nebenchören als Apsiden, einem Portal auf der Nordseite sowie einem Westwerk mit zwei oktogonalen Türmen. Mittel- und Seitenschiffe sind kreuzgewölbt. Es sind zwei Bauperioden auszumachen. Die Turmglocken stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Im Kircheninneren finden sich: (beringte) Ösen der Dienste der Mittelschiffsgurte, romanische Wandgemälde (ca.1230/40; Maria als Himmelskönigin mit Christus Pantokrator, Erzengel, biblische Propheten [Hauptapsis], Könige und Königinnen Israels, Apostel [Arkaden]), Kanzel und Altar des (ehemaligen) Lettners (ca.1230/40), Stuckrelief mit segnendem Christus (13. Jahrhundert), Pietà (ca.1450), Pietà (1476), Sakramentshäuschen (1484), Stiftergrab im nördlichen Querhaus (15. Jahrhundert, Ende), Grabsteine (16. Jahrhundert), Lindenholzkruzifix (16. Jahrhundert), Glasmalereien (17. Jahrhundert), Altarkreuz (1719), Orgel (1972; Brüstung der Orgelempore aus Steinen des ehemaligen Lettners). Zu erwähnen ist darüber hinaus das berühmte Goslarer Evangeliar (ca.1240). Vgl. noch: Cordes, Gerhard (Hg., Bearb.) (1968), Ein Neuwerker Kopialbuch aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts (= Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar, H.25), Goslar 1968, 273 S., Schwarzweißabbildungen, € 2,-, mit (sprachwissenschaftlicher) Einleitung zum und Edition des Kopialbuchs in niederdeutscher Sprache, umfassend (127 ins Niederdeutsche übersetzte, lateinische) Urkunden der Neuwerker Frauengemeinschaft von 1186 bis 1365 (mit Nachträgen). [Buhlmann, 09.2016]

Jursa, Michael (2004), Die Babylonier. Geschichte, Gesellschaft, Kultur (= BSR 2349), München 2004 > F Frahm, Mesopotamien

Jussen, Bernhard (2014), Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur (= BSR 2799), München 2014, 128 S., Schwarzweißabbildungen, € 8,95. I. Am Anfang fränkischer Geschichte stehen Migrationsbewegungen von Personen und Personengruppen aus den "Mangelgesellschaften" östlich des Niederrheins in das den "Barbaren" attraktiv erscheinende römische Weltreich. Nachgefragt von römischen Seiten wurden insbesondere die "Experten" im Kriegshandwerk. Die fränkischen Gruppen, die kaum über größere politische Organisationsformen verfügten, integrierten sich dabei schnell in das sich mental verändernde römische Reich (Verlust römischer Identität). Von den imperialen-postimperialen Veränderungen des 4. bis 6. Jahrhunderts n.Chr. (Reich und "Barbaren", Interventionen und Immigration, Integrationsgefälle zum Rand des Imperium Romanum hin) war besonders der nordgallische Raum betroffen. Das postimperiale Machtvakuum in Gallien (5. Jahrhundert) führte zur "Erfindung" eines neuen Herrschaftssystems der galloromanischen Aristokratie; katholische Kirche und merowingische Könige (König Chlodwig [†511], Taufe Chlodwigs) ergänzten sich darin, der Frankenkönig war kein Eroberer, es gab keine Abgrenzungen zwischen den ethnischen Gruppen im entstehenden Frankenreich. II. Das Frankenreich der karolingischen Könige beginnt mit einem Umsturz (751), den der karolingische Hausmeier Pippin der Jüngere (741/51-768) erfolgreich gegen den letzten Merowingerkönig Childerich III. (743-751) unternahm und in der karolingerzeitlichen Historiografie eine entsprechende positve Wertung fand. Dem Kaisertum Karls des Großen (768-814), der Reichseinheit unter Karl und Ludwig dem Frommen (814-840) folgte der politische Zerfall des Karonlingerreichs und die Loslösung des Königtums von der karolingischen Dynastie (9. Jahrhundert, 2. Hälfte) bei Ausbildung von ost- (911/19) und westfränkischem Reich (987). III. Das Franken"reich" war kein Staat und kein Reich, sondern die (sakrale) Herrschaft von (Priester-) Königen (z.B. ohne Lehnswesen). Politisches Handeln fand im Relgiösen statt, innerhalb der ecclesia ("Kirche", Christenheit, Synoden, Könige und Bischöfe). Die Gesellschaft im Frankenreich ("christliches Volk") war eine "büßende Gesellschaft" (gottesdienstliches Regieren, Bußorganisation, Kirche und Gebet), war in Personengruppen organisiert (face-to-face-Kommunikation, Rituale [Gabentausch, Scham und Schuld, Tabus, Übergangsriten). Sozial spielte die Ehe eine zentrale Rolle (schwache Verwandtschaft, Heiratsverbote), auch beim "Umbau der Gedächtniskultur" für die Toten (kirchlich institutionalisierte memoria). Das Wirtschaftsystem basierte zu großen Teilen auf "Vergetreidung" (neue Kulturpflanzen, Wendepflug, Dreifelderwirtschaft, Wassermühle) und Grundherrschaft (Großgrundbesitz, Hörigkeit und Verschwinden der Sklaverei, Ehe und Kernfamilie). IV. Die christlich-fränkische Gesellschaft war eine "Buchgesellschaft" (Buchkodex), die karolingische Renaissance eröffnete der Buchkultur neue Grundlagen (Admonitio generalis 789; Abschreiben und Korrigieren, karolingische Schreibschrift, Kodifizierung des Lateinischen). Auch die Kunst sollte sich vom Politischen und Religiösen befreien (Intellektuelle am Hof Karls des Großen und Libri Carolini). [Buhlmann, 05.2014]

Justinian I., oströmischer Kaiser: Justinian (*481/82-†565) folgte, im Jahr 525 zum Caesar erhoben, im Jahr 527 seinem Onkel Justin I. (518-527) als Herrscher über das oströmische Reich nach. Die ersten Regierungsjahre (527-532) waren von einer Konsolidierung der Herrschaft Justinians geprägt (526-532 Perserkrieg, 529 1. Codex Iustinianus und kaiserliche Weltordnung, 529/30 1. Samariteraufstand, 532 Nika-Aufstand, 532 "Ewiger Friede" mit dem Perserreich, 532/33 Religionspolitik zwischen Chalkedoniern und Miaphysiten). In einer Phase der Expansion (532-536) dehnte sich das oströmische Reich in den westlichen Mittelmeerraum aus (533/34 Vandalenkrieg, 535-ca.562 Gotenkrieg, 551 Festsetzung auf der iberischen Halbinsel), die kaiserliche "Fürsorge und Kontrolle" für die bzw. der Untertanen erreichte einen Höhepunkt (533 Institutionen, Digesten, 534 2. Codex Iustinianus), das Kaisertum manifestierte sich im christlichen Glauben (536 Konzil von Konstantinopel) und den herrscherlichen Kirchenbauten (537 Hagia Sophia in Konstantinopel). Es folgten Jahre des Abschwungs (536-542) - Naturkatastrophen (536/37 Vulkanausbruch? und Verdunklung des Himmels) und Justinianische Pest (542) sind hier zu nennen -, außenpoltisch gab es Rückschläge gegenüber Persern (540-561/62 Perserkriege, unterbrochen von Waffenstillständen) und Ostgoten (546/47/50 "Kampf um Rom"). Das Jahrzehnt nach 542 (542-553) war weiter gekennzeichnet durch die Kriege an der Ostgrenze des Reiches, in Italien oder auf dem Balkan; es gab von Seiten Justinians Reformneuansätze, das Ringen um die Einheit der christlichen Kirche(n [Beginn der Ausbildung orientalischer Kirchen]) ging weiter (544/45 Drei-Kapitel-Streit, 553 5. Ökumenisches Konzil von Konstantinopel); eine Zäsur stellte der Tod der Kaiserin Theodora (†548), der Ehefrau Justinians, dar. Die letzte Phase im Leben des Kaisers (553-565) offenbart dann dessen Scheitern gerade in der Religions- und Kirchenpolitik, während doch das oströmische Kaisertum (auch in der "heiligen" Person des Kaisers) für den Gesamtanspruch eines nunmehr politischen Christentums in der oströmischen Gesellschaft stand und damit für (mit dem damaligen Mitteln so nicht durchführbares) System von Repression und Kontrolle (, das etliche Teile des Reiches wie Ägypten, Nordafrika, Syrien oder Kleinasien nicht erreichen sollte). Justinian I. starb in der Nacht vom 14. zum 15. November 565; sein Nachfolger wurde Justin II. (565-578), ein Neffe des verstorbenen Herrschers.
Biografien zu Kaiser Justinian I. sind: Browning, Robert (1981), Justinian und Theodora. Herrscher in Byzanz (= Sammlung Lübbe), Bergisch Gladbach 1988, 270 S., Schwarzweiß-, Farbabbildungen, Karten, DM 58,-; Cesaretti, Paolo (2004), Theodora, Herrscherin von Byzanz, Darmstadt 2004, 449 S., Abbildungen, € 22,-; Leppin, Hartmut (2011), Justinian. Das christliche Experiment, Stuttgart 2011, 448 S., € 24,90; Meier, Mischa (2004), Justinian. Herrschaft, Reich und Religion (= BSR 2332), München 2004, 128 S., € 7,90. [Buhlmann, 03.2004, 12.2005, 02.2012]

Justiz in alter Zeit, hg. v. Mittelalterlichem Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber (1984) (= Schriftenreihe des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber, Bd. VIc), Nachdruck Rothenburg o.d. Tauber 1989 > S Schuster, Verbrecher, Opfer, Heilige

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