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Rezensionen (Geschichte)
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Gansfort, Karl-Heinz, Die bauliche Entwicklung der Kaiserpfalz in Düsseldorf-Kaiserswerth (= Heimatkundliches in und um Kaiserswerth, Nr.14), Düsseldorf-Kaiserswerth 1984 > H Heimatkundliches in und um Kaiserswerth

Ganzhorn, Gerhard, Die Entstehung und die Quellen des Hohenlohischen Landrechts aus dem Jahre 1738 (= VOHWF 11), Schwäbisch Hall 1997 > V > Veröffentlichungen zur Ortsgeschichte und Heimatkunde in Württembergisch Franken

Garnier, Claudia, Kamp, Hermann (Hg.) (2010), Spielregeln der Mächtigen. Mittelalterliche Politik zwischen Gewohnheit und Konvention, Darmstadt 2010, 309 S., € 34,90. I. Politische Entscheidungen im fränkisch-ostfränkisch-deutschen Reich hauptsächlich des frühen und hohen Mittelalters beruhten meist auf einem Konsens zwischen dem König und den politisch Mächtigen (Adel, Große, Fürsten), wobei sich die Politik nach (ungeschriebenen, gewohnheitsmäßigen, nur vage vorstellbaren) Regeln und Verfahren (Verfahrenform, Verfahrensnorm), nach den Spielregeln von Macht und Mächtigen richtete. Rechtsnormen, soziale Verhaltensnormen und Konventionen, Konfliktaustrag und Unterwerfungsritual gehörten hierzu; die von der politischen Führungsschicht benutzte ritualisierte Politik war Ausdruck des Strebens der Teilnehmer nach Rang und Ehre (Symbolik, symbolische Kommunikation), während Gewalt zum Ausdruck dieser Politik wurde ("ungezügelte Gewaltbereitschaft", Fehden) und Gruppenbindungen (amicitia, consanguinitas, coniuratio; Gruppe und Herrschaft) die mittelalterliche Politik bestimmten (Hermann Kamp, Die Macht der Spielregeln in der mittelalterlichen Politik; Hagen Keller, Gruppenbindungen, Spielregeln, Rituale). II. Dabei gab es eine "geregelte, ritualiserte" Konfliktführung schon in der Zeit der merowingischen Frankenkönige (Gregor von Tours: Tours in den bella civilia, Bedeutung der amicitia, Unterwerfung und Gnade; König Chilperich, Merowech und Bischof Praetextatus von Rouen, misslungenes Ritual und Recht) (Hans-Werner Goetz, Spielregeln, politisch Rituale und symbolische Kommunikation in der Merowingerzeit). III. Politische Verbindlichkeit versus Regelverstöße machten die Krise des deutschen Reiches unter König Heinrich IV. (1056-1106) aus, hielt sich der Herrscher nicht unbedingt an die ungeschriebenen Regeln (transpersonales Königtum), wobei auch die Feinde des Königs Regelverstöße begingen (Verbindlichkeit der Regeln) (Philippe Buc, Die Krise des Reiches unter Heinrich IV. mit und ohne Spielregeln). IV. Der Historiograf Richer von Saint-Remi beschreibt in seinen Historiae eine Disputation zwischen Gerbert von Aurillac und Othric von Magdeburg (980, Ende oder 981, Anfang), wobei es ihm weniger um die diskutierten Themen ging als um Gerbert als verdienten Sieger und Favoriten in einer vom Herrscher Otto II. (973-983) inszenierten (theoretischen) Diskussion (Wettstreit, Agon) (C. Stephen Jaeger, Gerbert versus Othric. Spielregeln einer akademischen Disputatio im 10. Jahrhundert). V. Herrschaftssymbolik stellt u.a. der weinende König (11. Jahrhundert) oder der weinende Papst (13. Jahrhundert) dar (Stefan Weinfurter, Der Papst weint. Argument und rituelle Emotion von Innocenz III. bis Innocenz IV.). VI. Die wachsende Schriftlichkeit im spätmittelalterlichen Europa änderte auch im norwegischen Königreich ab dem 12./13. Jahrhundert die politischen Spielregeln, wobei durch schriftliche Fixierung von Gewohnheitsmäßigem eine größere Verbindlichkeit der Spielregeln (Definition und Abgrenzung von Rechten und Pflichten) zu beobachten ist (Regeln zwischen König und Großen, Gottesgnadentum, öffentliche Meinung) (Sverre Bagge, Die Spielregeln ändern. Norwegische Politik im 12. und 13. Jahrhundert). VII. Der Friedenskuss (osculum pacis) entstammte der religiös-kirchlichen Welt, wurde aber im Hochmittelalter auch in die Politik übernommen, um den Bestand von (schriftlichen) Friedensvereinbarungen durch dieses Ritual symbolisch zusätzlich abzusichern (Klaus Schreiner, Osculum pacis. Bedeutungen und Geltungsgründe einer symbolischen Handlung). VIII. Die Literatur des Mittelalters beleuchtet vielfach auch Absprachen, die politischen Ritualen vorausgehen (Sichtbarmachung von Verborgenem, Unsichtbarmachung von Sichtbarem: Liebe und Heirat [Minnerede], Sexualität und Herrschaft [Herzog Friedrich II. von Österreich u.a.) (Horst Wenzel, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Zum theatralischen Charakter von Spielregeln). IX. Die imaginäre Reise des als Venus verkleideten Ritters Ulrich durch Italien, Österreich und Böhmen ist Frauendienst und Minne an Ulrichs Dame, ist gleichzeitig die Schilderung einer "ritterlichen Parallelwelt" jenseits von zorn und Religiösität; die Parallelwelt um den als Frau maskierten Ritter gehorcht eigenen Gesetzen und Spielregeln in Abgrenzung zur "wirklichen" Welt (Jan-Dirk Müller, Ulrich von Liechtenstein: Die Regeln des Spiels). X. Missbrauch von Spielregeln und Betrug lassen sich bei den Protagonisten im Prosa-Lancelot erkennen (Vertrauen, Misstrauen, Verrat, Betrug; Freundschaft zwischen Galahot und Lancelot) (Werner Röcke, Regeln des Vertrauens. Reduktion von Kontingenz und Stabilisierung des Verhaltens im 'Prosa-Lancelot'). XI. Dem vermeintlichen Weltherrschaftsgedanken zum Trotz war der römisch-deutsche Kaiser nur einer unter den europäisch-christlichen Monarchen des Spätmittelalters. Anspruch und Wirklichkeit (politische Praxis) klafften auseinander, die Rolle des Kaisertums war mit der des Papsttums eng verknüpft. Ritualisiertes Verhalten zeigen endlich die aufkommenden kaiserlichen Dichterkrönungen als herrscherlicher Hulderweis (mit König Karl IV. einsetzend) (Bernd Schneidmüller, Kaiser sein im spätmittelalterlichen Europa. Spielregeln zwischen Weltherrschaft und Gewöhnlichkeit). XII. Der Wandel in der politischen Ordnung bedingte immer auch ein Wandel der politischen Spielregeln, feststellbar u.a. am Herrscherlob für Kaiser Karl den Großen (768-814; Herrscher und göttliche Weltordnung) und für Kaiser Friedrich II. (1212-1250; Herrscher und weltliche Ordnung) (Dieter Mertens, Dichter und Herrscher. Rituale der Zuordnung). [Buhlmann, 01.2017]

Gasparaitis, Siegfried (1997), Kammerknechtschaft. Zum Wandel des rechtlich-sozialen Status der Juden im Hochmittelalter, Seminararbeit, Seminar "Formen und Funktionen persönlicher Unfreiheit im europäischen Mittelalter" (Prof. Dr. Rolf Köhn, Universität Essen, Fachbereich 1, Fach Geschichte, SS 1997) > J Juden im Mittelalter

Gassen, Hans Günter (2008), Das Gehirn (= Besondere Wissenschaftliche Reihe), Darmstadt 2008, 160 S., Farbabbildungen, € ca.10,-. Das Gehirn macht den Menschen zum Menschen und ist damit unabdingbare Voraussetzung menschlicher Geschichte. Die "historische" Entwicklung des menschlichen Gehirns war ein biologisch-evolutionärer Vorgang und ist untrennbar mit der Entwicklung der Primaten (Austrolopithicenen, Homo erectus, Neandertaler, Homo sapiens) verbunden. Umgang mit dem Feuer, Werkzeug Kultur und Sprache stehen für die kulturelle Entwicklung der Menschheit. Ausfluss von Kultur ist nicht zuletzt Medizin und Hirnforschung von den antiken Gesellschaften (Leib und Seele, Säftelehre [Galen]) über die Gehirnanatomie der Renaissance bis zur modernen Hirnforschung der Gegenwart (vergleichende Gehirnanatomie [Thomas Willis], Gehirnstruktur [Grosshirn, Zwischenhirn, Hirnstamm, Mittelhirn, Kleinhirn, limbisches System], neuronale Vernetzung). Dabei impliziert die Existenz des menschlichen Gehirns mit seiner Gedächtnisleistung und der Verarbeitung von Sinneseindrücken die kulturellen Äußerungen menschlicher Gesellschaften wie Sprache und Schrift, kulturelles Gedaechtnis oder Ethik (freier Wille des Menschen). Vgl. dazu noch: Lurija, Alexander R. (1992), Das Gehirn in Aktion. Einführung in die Neuropsychologie (= rororo 9322), Reinbek 1992, 386 S., Abbildungen, DM 19,90; Ornstein, Robert, Thompson, Robert F. (1986), Unser Gehirn: das lebendige Labyrinth (= rororo 9571), Reinbek 1993, 251 S., Abbildungen, DM 16,80, sowie damit zusammenhängend: Meier-Seethaler, Carola (1997), Gefühl und Urteilskraft. Ein Plädoyer für die emotionale Vernunft (= BSR 1229), München 1997, 455 S., DM 29,80, u.a. basierend auf den "Meilensteien der historischen Spur" der Philosophen Blaise Pascal (*1623-†1662; "Logik des Herzens"), Anton Ashton Cooper von Shaftesbury (*1671-†1713; "moralischer Sinn"), Jean-Jacques Rosseau (*1712-†1778), Johann Gottfried Herder (*1744-†1803), Friedrich David Ernst Schleiermacher (*1768-†1834), Carl Gustav Carus (*1789-†1869; Gefühl und Romantik), Wilhelm Dilthey (*1833-†1911; "Verstehen"), Sigmund Freud (*1856-†1939; Gefühl und Verstand), Georg Simmel (*1858-†1918; sexistische Emotionalität), Max Weber (*1864-†1920; "Wertemotionalität"), Max Scheler (*1874-†1928; "emotionales Apriori"), Karl Jaspers (*1883-†1969; "Unbedingtes"), Susanne K. Langer (*1895-†1985; emotionale Vernunft). [Buhlmann, 1992, 06.2015, 01.2017]

GB = Germania Benedictina

GdA = Gestalten der Antike

Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte: Nicht unmittelbar zur deutschen Geschichte gehören die Vorgeschichte in Mitteleuropa, eingeteilt in die Stein- (bis 2000 v.Chr.), Bronze- (2000-800 v.Chr.) und (vorrömische) Eisenzeit (800 v.Chr - 1. Jahrhundert v.Chr.), sowie die Frühgeschichte, zu der die Zeit der Kelten und Germanen sowie die römische Kaiserzeit (1. Jahrhundert v.Chr.-5. Jahrhundert n.Chr.) zählen. Das Mittelalter umfasst das Jahrtausend zwischen 500 und 1500, wobei die Zeitgrenzen nur als ungefähr, die Übergänge von der Antike und Vorgeschichte bzw. hin zur Neuzeit als fließend zu verstehen sind; es wird traditionell unterteilt in ein frühes, hohes und spätes Mittelalter. Das frühe Mittelalter (ca.500-1050) ist dabei die Epoche des fränkischen Großreichs der Merowinger und Karolinger, des Reichsverfalls im 9. und der Bildung u.a. des deutschen Reiches im 10. und 11. Jahrhundert. Das hohe Mittelalter (ca.1050-1250) schließt die Umbruchszeit des 11./12. Jahrhun-dert mit ein; es ist die Zeit des Investiturstreits und der Entstehung der mittelalterlichen Stadt. Früheres Mittelalter heißt die Zeit vom 6. bis 12., späteres die vom 12. bis 15. Jahrhundert. Eine andere Zeiteinteilung orientiert sich an den ostfränkisch-deutschen Königsdynastien der Karolinger (751/843-911), Ottonen (919-1024), Salier (1024-1125) und Staufer (1138-1254). Das Ende des staufischen Königtums und das daran anschließende Interregnum (1256-1273) stehen am Beginn des späten Mittelalters (ca.1250-1500), der Zeit der Territorien, Städte und der wirtschaftlichen Intensivierung. Die frühe Neuzeit datieren wir vom 16. bis 18. Jahrhundert, die neuere und neueste Geschichte einschließlich der Zeitgeschichte ins 19. und 20. Jahrhundert. Den Anfang der frühen Neuzeit markieren Reformation und Konfessionalisierung, das 17. und 18. Jahrhundert ist das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung, das Ende des "alten Europa" bilden Französische Revolution (1789) und die damit verbundene massive politische und soziale Umgestaltung auch Deutschlands. Für das 19. Jahrhundert nennen wir den Deutschen Bund und das Deutsche Kaiserreich sowie die Vor- und Hochindustrialisierung, für das 20. Demokratie und Diktatur in Deutschland, die beiden Weltkriege und die beiden deutschen Staaten Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik.
Die einzelnen Bände des Handbuchs der deutschen Geschichte in einer Taschenbuchauflage der 1970er-Jahre (und damit in einer veralteten, eher ereignisgeschichtlich orientierten Darstellung) sind: Bd.1 (1973): Wahle, Ernst, Ur- und Frühgeschichte im mitteleuropäischen Raum (= dtv 4201), München 21975, 166 S., DM 5,80; Bd.2 (1973): Löwe, Heinz, Deutschland im fränkischen Reich (= dtv 4202), München 1973, 235 S., DM 6,80; Bd.3 (1973): Fleckenstein, Josef, Bulst, Marie Luise, Begründung und Aufstieg des deutschen Reiches (= dtv 4203), München 21975, 200 S., DM 6,80; Bd.4 (1973): Jordan, Karl, Investiturstreit und frühe Stauferzeit (= dtv 4204), München 21975, 206 S., DM 6,80; Bd.5 (1973): Grundmann, Herbert, Wahlkönigtum, Territorialpolitik und Ostbewegung im 13. und 14. Jahrhundert (= dtv 4205), München 21975, 338 S., DM 8,80; Bd.6 (1973): Baethgen, Friedrich, Schisma und Konzilszeit. Reichsreform und Habsburgs Aufstieg (= dtv 4206), München 21976, 164 S., DM 5,80; Bd.7 (1973): Bosl, Karl, Staat, Gesellschaft, Wirtschaft im deutschen Mittelalter (= dtv 4207), München 21976, 259 S., DM 6,80; Bd.8 (1973): Fuchs, Walther Peter, Das Zeitalter der Reformation (= dtv 4208), München 21976, 222 S., DM 6,80; Bd.9 (1973): Zeeden, Ernst Walter, Das Zeitalter der Glaubenskämpfe (= dtv 4209), München 21976, 230 S., DM 6,80; Bd.10 (1974): Braubach, Max, Vom Westfälischen Frieden bis zur Französischen Revolution (= dtv 4210), München 21976, 232 S., DM 6,80; Bd.11 (1974): Oestreich, Gerhard, Verfassungsgeschichte vom Ende des Mittelalters bis zum Ende des alten Reiches (= dtv 4211), München 21976, 190 S., DM 6,80; Bd.12 (1974): Treue, Wilhelm, Wirtschaft, Gesellschaft und Technik vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (= dtv 4212), München 31980, 210 S., DM 6,80; Bd.13 (1974): Uhlhorn, Friedrich, Schlesinger, Walter, Die deutschen Territorien (= dtv 4213), München 21977, 398 S., DM 9,80; Bd.14 (1974): Braubach, Max, Von der Französischen Revolution bis zum Wiener Kongreß (= dtv 4214), München 21976, 177 S., DM 6,80; Bd.15 (1975): Schieder, Theodor, Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich (= dtv 4215), München 41979, 226 S., DM 7,80; Bd.16 (1975): Born, Karl Erich, Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg (= dtv 4216), München 41979, 278 S., DM 8,80; Bd.17 (1975): Treue, Wilhelm, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik Deutschlands im 19. Jahrhundert (= dtv 4217), München 31978, 201 S., DM 9,80; Bd.18 (1980): Erdmann, Karl Dietrich, Der Erste Weltkrieg (= dtv 4218), München 1980, 255 S., DM 9,80; Bd.19 (1980): Erdmann, Karl Dietrich, Die Weimarer Republik (= dtv 4219), München 1980, 330 S., DM 9,80; Bd.20 (1980): Erdmann, Karl Dietrich, Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933-1939 (= dtv 4220), München 1980, 291 S., DM 9,80; Bd.21 (1980): Erdmann, Karl Dietrich, Der Zweite Weltkrieg (= dtv 4221), München 1980, 191 S., DM 7,80; Bd.22 (1980): Erdmann, Karl Dietrich, Das Ende des Reiches und die Neubildung deutscher Staaten (= dtv 4222), München 1980, 442 S., DM 12,80. [Buhlmann, 1978-1981, 09.2011]

Geisingen, Ort, Stadt auf der Baar, in Baden-Württemberg: An vor- und frühgeschichtlichtlichen Bodendenkmälern sind die Wallanlagen in den Geisinger Bergen zu nennen. Im Bereich der Geisinger Gemarkung sind noch jungsteinzeitliche und bronzezeitliche Funde aufzuführen, zur Hallstattzeit (8.-5. Jahrhundert v.Chr.) gehört ein Urnengräberfeld; Bronzefunde verweisen in die Latènezeit (4.-1. Jahrhundert v.Chr.), römische Münzen in die ersten Jahrhunderte n.Chr. Für die Alemannen- bzw. Merowingerzeit (6.-7./8. Jahrhundert) lässt sich in der Ortsmitte von Geisingen ein alemannisches Reihengräberfeld ausmachen, weiter östlich davon wohl ein weiteres Gräberfeld (Frauengrab). Der Friedhof in Geisingen wird dann in Verbindung zu einer alemannischen Siedlung Geisingen gestanden haben, die in Urkunden des Klosters St. Gallen zu 764 und 828/29 belegt ist (patronymischer ingen-Ortsname). Gegen Ende des 11. Jahrhunderts sind erstmals die Herren von Geisingen als Ortsadel bezeugt. Spätestens seit 1138 nannten sich die Edelherren nach ihrer (wohl zu Anfang des 12. Jahrhunderts entstandenen) Burg auf dem Geisingen benachbarten Wartenberg ("Alte Burg", "Neue Burg"). Die (Hauptlinie der) Wartenberger konnten, unterstützt von den Grafen von Sulz, im hohen Mittelalter im Gebiet von Ostbaar und Schär eine bedeutende machtpolitische Stellung erringen, auch im Gegensatz zu den Herzögen von Zähringen und den Grafen von Fürstenberg (12./13. Jahrhundert); wartenbergische Besitzungen, Lehen (u.a. des Klosters Reichenau) und Dienstleute sind an verschiedenen Orten in der Ostbaar und natürlich in Geisingen nachweisbar. Geisingen erreichte mit der wartenbergischen Stadtgründung (13. Jahrhundert, 2. Hälfte [Stadtsiegel von 1324, erste Erwähnung als Stadt 1329]; neben dem bestehenden Dorf Geisingen?) eine neue Qualität; die befestigte Stadt (Stadtmauer) besaß auch einen Markt. Durch Heirat gelangte 1318/21 die wartenbergische Herrschaft in der Ostbaar an die Grafen von Fürstenberg, die seit 1283 über die Landgrafschaft Baar verfügten. Geisingen besaß in der Landesherrschaft der Fürstenberger ebenfalls wichtige zentralörtliche Funktionen, u.a. als Markt, Münzstätte, Verwaltungszentrum und Residenzort. Gegen Ende des Mittelalters, im Jahr 1487 wurde die Stadt von einer Brandkatastrophe heimgesucht, der Wiederaufbau erweiterte das Stadtgebiet erheblich. Die spätmittelalterliche Stadtverfassung sah den Schultheißen als Beauftragten des wartenbergischen bzw. fürstenbergischen Stadtherrn, das Stadtgericht sowie eine ständisch gegliederte Einwohnerschaft (Handel, Handwerk) mit Ministerialenfamilien an der Spitze. Die Geisinger Kirche gehörte zunächst zur "Urpfarrei" des Ortes Kirchen, bis im Jahr 1356 eine eigene Pfarrei entstand. Geisingen gehörte, unbeeinflusst von protestantischen Reformation, auch in der frühen Neuzeit zum Territorium bzw. Fürstentum der Fürstenberger. Textilfabriken entstanden in der Stadt in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seit 1806 gehörte Geisingen zum Großherzogtum Baden. Geisingen machte die geschichtlichen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts mit (Industrialisierung; Deutscher Bund, Kaiserreich, Weimarer Republik, Bundesrepublik Deutschland und Bundesland Baden-Württemberg; Eingemeindungen von 1972/74).
Zu Geisingen s.: Buhlmann, Michael (2014), Das Kloster St. Gallen, die Baar und Geisingen im frühen Mittelalter (= VA 72), Essen 2014, 60 S., € 4,-; Vetter, August (1964), Geisingen - Eine Stadtgründung der Edelfreien von Wartenberg (= Schriften des Kreises Donaueschingen, Bd.25), hg. v.d. Stadt Geisingen, Konstanz 1964, 434 S., Schwarzweißtafeln, DM 18,-. [Buhlmann, 07.2014, 08.2014]

Geldner, Ferdinand (1973), Tatsachen und Probleme der Vor- und Frühgeschichte des Hochstifts Bamberg, Bamberg 1973 > B Bamberg, Bistum

Geldsetzer, Sabine (2003), Frauen auf Kreuzzügen 1096-1291, Darmstadt 2003, 304 S., € 29,90. I. Sozialgeschichte der Frauen auf Kreuzzügen: Behandelt werden Frauen im Umfeld der mittelalterlichen (Nahost-) Kreuzzüge und der Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land (1. Kreuzzug 1096/99 bis zum Fall von Akkon 1291): Frauen, die ein Kreuzzugsgelübde ablegten (es einlösten oder nicht; crucesignatae); Frauen, die sich an den Kreuzzügen beteiligten. Kirchlicherseite gab es keine Verbote zur Teilnahme von Frauen an Kreuzzügen, wenn auch - gerade bei den späteren Kreuzzügen - auf die Kampffähigkeit der Teilnehmer abgehoben wurde (Regulierung der Teilnahme von Frauen [verheiratete Frauen, Wäscherinnen], Ablösung der Kreuzfahrtgelübde von Frauen [Ablass und Kreuzzugsfinanzierung]). Motive zur Kreuzzugsteilnahme von Frauen waren - neben religiösen Gründen (?) und Abenteuerlust (?) -, dass Frauen in der Kreuzzugs- und Pilgertradition von (adligen) Familien standen, dass sie sich aber auch familiären Bindungen (Heirat oder Wiederverheiratung) oder rechtlichen Streitigkeiten entziehen konnten, dass sie schließlich aus dynastischen Interessen (Geburt eines Thronfolgers, Liebe) - auch als Schwangere oder Mütter - an Kreuzzügen teilnahmen. Dabei setzten sich die Frauen auf den Kreuzzugsreisen (zu Land oder zur See; Reiserouten) Strapazen und Risiken aus (Märsche und Seefahren, Unterkünfte und Heerlager); Krankheiten, Verletzungen, Verwundungen, eine Gefangennahme oder der Tod (infolge von Kampfhandlungen) drohten; Schwangerschaften und Geburten waren eine zusätzliche Gefahrenquelle, viele Neugeborene eines Kreuzzuges überlebten nicht (feindliche Übergriffe, Hunger) bzw. wurden auf Grund prekärer Umstände ausgesetzt oder liegen gelassen (z.B. Anatolien 1097); Rettung boten die Hospitäler im Heiligen Land. Auf den Kreuzzügen waren Frauen Teil einer auch hierarchisch gegliederten Gemeinschaft; je nach sozialer Stellung (Unterschicht, Adel) waren Frauen mehr oder weniger gefährdet, Frauen der Unterschicht arbeiteten als Dienerinnen und Wäscherinnen (lotrices) (Essenszubereitung, Dienst bei hochrangigen Frauen, Kinderbetreuung [Ammen]), doch auch Diebstahl oder Plünderung kamen bei ihnen vor. Frauen waren sexuellen Übergriffen ausgesetzt, zudem gab es in den Kreuzfahrerheeren Huren (meretrices, meretrices publicae) und Bordelle (prostibula) (Ausweisungen von Huren in krisenhaften Situationen des Kreuzzugs). Daneben übten Frauen auch militärische Funktionen aus, etwa als Befehlshaberinnen (z.B. Margarethe von Provence als Ehefrau König Ludwigs des Heiligen in Damiette 1250), als Kombattanten (?), Wachleute, Munitionäre, als Betreuerinnnen von Verwundeten und Kranken (?, Heilkundige?), als Spione, zur Unterstützung der Kämpfenden mit Wort und Gebet. II. Kurzbiografien von crucesignatae, an Kreuzzügen beteiligten Frauen, Pilgerinnen, während Kreuzzügen geborenen Kindern. [Buhlmann, 02.2013]

Gelfert, Hans-Dieter (2000), Shakespeare (= BSR 2055), München 22014, 128 S., € 8,95. Die Zeit des englischen Dichters William Shakespeare (*1564-†1616) war das elisabethanische Zeitalter der englischen Könige Elisabeth I. (1558-1603) und Jakob I. (1603-1625). Vor dem Hintergrund eines "elisabethanischen Weltbilds" (englisches Spätmittelalter und dessen Einflüsse auf die englische Renaissance) und einer entstehenden englischen Theaterkultur (The Theatre James Burbages in London 1576) war Shakespeare ein erfolgreicher Schauspieler und Dramatiker, der mit seinem Geburtsort Stratford-upon-Avon vielfältig verbunden blieb und sich dort auch zur Ruhe setzte. Aus seinen Werken wird Shakespeares Weltsicht erkennbar, seine Ordnungsvorstellungen: menschliche Emotionen ("Menschheitsprobleme") wie Vernunft und/gegen Leidenschaft gerade auch im Verhältnis von Mann und Frau; soziale Beziehungen wie Ehrvorstellungen, Gerechtigkeit und Gnade; Natur, Glauben und Skepsis; Tragik. An Werken Shakespeares sind zu nennen: a) Versepen: Venus and Adonis (1593), The Rape of Lucrece (1594); b) Sonette: Shakespeares Sonettes (1609); c) Historiendramen: King Henry VI. (Trilogie, 1592), King Richard III. (1593), King Richard II. (1595), King John (1596), King Henry IV. (zweiteilig, v.1600-1600), King Henry V. (v.1600), King Henry VIII. (1612); d) Komödien: The Comedy of Errors (1593/94), A Midsummer Night's Dream (1595), Much Ado About Nothing (1598), As You Like It (1599/1600); e) Problemstücke (problem plays [mit unklarer Zuordnung]): Troilus and Cressida (1602), Measure For Measure (1603), Timon of Athens (1605); f) Tragödien: Titus Andronicus (1592), Romeo and Juliet (1595), Julius Caesar (1599), Hamlet (1600/01), Othello (1603/04), King Lear (1605), Macbeth (1606), Antony and Cleopatra (1606), Coriolanus (1607); g) Romanzen: Pericles. Prince of Tyre (1607), Cymbeline (1610), The Tempest (1611). Gerade die dramatischen Werke Shakespeares stehen dann für die englische Frühaufklärung ("Horizontalität" von Vernunft und Leidenschaft), sie machen Shakespeares Größe als ("erster realistischer") Dichter ("der Neuzeit") aus, der dennoch bei seinen Stücken vielfach auf ältere Vorlagen zurückgriff, hingegen tief in die Psyche der Protagonisten seiner Stücke einzudringen vermochte.
An Werken Shakespeares seien vor dem Hintergrund von Literatur als Geschichtsquelle genannt: Shakespeare, William (1595), Romeo und Julia. Ein Trauerspiel in fünf Akten, übers. v. August Wilhelm Schlegel (= Hamburger Lesehefte 128), Husum o.J. [1968], 95 S., DM N.N.; Shakespeare, William (1595), Ein Sommernachtstraum, übers. v. August Wilhelm Schlegel (= RUB 73), 1972, Nachruck Stuttgart 2010, 72 S., € 2,-; Shakespeare, William (1606/23), Macbeth. Tragödie, übers. v. Dorothea Tieck (= RUB 17), Stuttgart 1974, 80 S., DM 2,10. [Buhlmann, 03.2014, 11.2015, 12.2016]

Gemeinhardt, Peter (2010), Die Heiligen. Von den frühchristlichen Märtyrern bis zur Gegenwart (= BSR 2498), München 2010 > H Heilige des Christentums

Gemeinhardt, Peter (2013), Antonius, der erste Mönch. Leben - Lehre - Legende, München 2013, 240 S., Schwarzweißabbildungen, Karte, € 19,95. I. Die Gestalt des Antonius (*251-†356), des Mönchs und Eremiten, wird in der griechischen Vita Antonii des alexandinischen Bischofs Athanasius, den Apophthegmata Patrum und den Antoniusbriefen sichtbar. Der Kopte Antonius, der klassischen antiken (weltlichen) Bildung abhold und dennoch geistlich-biblisch gebildet, wandte sich schon früh der christlichen Askese zu (Verkauf des Vermögens, Versorgung der Schwester). Einer Verschärfung seiner Askese entsprach es dann, dass sich der verhinderte Märtyrer Antonius - abseits städtischer und dörflicher Zivilisation - in die Wüste begab und am mittelägyptischen Berg Pispir ("äußerer Berg") zwanzig Jahre lang genügsam und einsam sich der Dämonen und des Teufels erwehrte, um danach am Berg Kolzim (St. Antonius, "inner Berg") am Roten Meer zu leben. Dabei war er nicht gänzlich von der Welt abgeschnitten, wie die teilweise Versorgung mit Lebensmitteln, die Gespräche mit anderen Eremiten (abbas Antonius und dessen vorbildliches Leben und Lehre [weltliches und geistliches Leben]) oder die Wundertaten des Antonius zeigen. Im arianischen Streit um die Natur Christi nahm Antonius den athanasischen Standpunkt ein; (je nach Standpunkt nicht eindeutig dem Eremiten zuordbare) Briefe des Antonius zeigen darüber hinaus dessen Kommunikationsnetzwerk und dessen Verortung auch in der alexandrinischen Theologie (Origines) an. Ein "heiliger" Tod (356) vollendete das Leben des Antonius; die Grablege auf dem Kolzim sollte nach Antonius' Wunsch verborgen bleiben (angebliche Entdeckung 561, Antoniusreliquien des 11. Jahrhunderts). II. Die Vita Antonii des Athanasius machte den Eremiten, dessen Leben und Lehre - gerade auch durch Übersetzungen der Vita ins Lateinische - im ganzen römischen Reich bekannt. Von dort aus entfaltete Antonius im westeuropäischen und byzantinischen Mittelalter seine Wirkung als Heiliger und (ein) Begründer des Mönchtums. Heiligenlegenden (Legenda aurea des Jacobus de Voragine) berichteten von seinem Leben, es entwickelte sich in der Malerei (bis ins 20. Jahrhundert) eine Ikonographie des Heiligen (Bart, Buch, Segensgeste; Antonius und die Dämonen). In der Reformation war Antonius nicht unumstritten (Martin Luther, Philipp Melanchthon). [Buhlmann, 06.2014]

Genz, Henning, Wie die Zeit in die Welt kam. Die Entstehung einer Illusion aus Ordnung und Chaos (= rororo 60731), Reinbek 1999, Reinbek 22002 > U Universum

Genz, Henning (2003), Elementarteilchen (= Fischer kompakt Nr.15354), Frankfurt a.M. 2003 > U Universum

Geografie, historische Geografie ist (als Teil der Geografie) eine Hilfswissenschaft der historischen Forschung, die sich mit Naturräumen und mit durch Menschen besiedelten Gebieten und deren historischer Veränderung beschäftigt, resultierend u.a. daraus, dass Geschichte sich in Raum und Zeit abspielt. Historische Geografie gliedert sich in die Geografie des Naturraums, in die Geografie der in historischen Prozessen durch Menschen geformten Kulturlandschaft und in die politische Geografie der Herrschaftsräume, Staaten und Grenzen. Ausfluss der historischen Geografie sind dann: Ergebnisse der geografischen Erforschung einzelner Landschaften, geografisch-historische Ortsverzeichnisse, (geografische, historische) Kartenwerke (Atlanten).
An Literatur zur Geografie und historischen Geografie insbesondere der Moderne und der Zeitgeschichte seien genannt: Der große DBG-Atlas, hg. v. L[uigi] Visintin u. Wilhelm Goldmann, Berlin-Darmstadt-Wien 1961, 161 S., Farbkarten, Register, DM N.N.; Diercke Satellitenbild-Atlas Deutschland, bearb. v. Ferdinand Mayer (1981) (= dtv 3416), München 21983, 131 S. Farbkarten, DM 12,80; Diercke Weltatlas, begründet durch C[arl] Diercke, fortgeführt durch R[ichard] Dehmel (1957), Braunschweig 1481969, 168 S., 56 S. Register, Farbkarten, DM 24,80; Diercke Weltwirtschaftsatlas: Bd.1: Barthel, Fritz u.a. (1981), Rohstoffe, Agrarprodukte (= dtv 3411), München 1981, 226 S., Abbildungen, Karten, DM 14,80, Bd.2: Dambroth, Manfred u.a. (1982), Wirtschaftsregionen der Erde (= dtv 3412), München 1982, 216 S., Abbildungen, Karten, DM 14,80; Leser, H., Haas, H.-D. u.a. (1984), Diercke Wörterbuch der Allgemeinen Geographie, Bd.1: A-M (= dtv 3417), München 1984, 422 S., Abbildungen, Karten, DM 14,80, Bd.2: N-Z (= dtv 3418), München 1984, 421 S., Abbildungen, Karten, DM 14,80. Besonderen Wert haben auch die > W Wissenschaftlichen Länderkunden. > Kompendium Mittelalter > Wissenschaft/Hilfswissenschaft: (Historische) Geografie. [Buhlmann, 04.2017]

Georg, christlicher Märtyrer, Heiliger: Die christliche Religion ist ohne die Verehrung von Heiligen nicht denkbar. Um Georg, den angeblich am 23. April 303 verstorbenen Märtyrer der diokletianischen Christenverfolgung ranken sich so eine Vielzahl von Legenden, von denen einige - wie die vom Drachenkampf - erst im Verlauf des Mittelalters entstanden sind. Georg soll aus Kappadokien stammen und stand im Militärdienst des römischen Reiches und seiner Kaiser. Wie bekannt, hatte damals dieses, das Mittelmeer umspannende Weltreich gerade die Krisen des 3. nachchristlichen Jahrhunderts überwunden. Unter Kaiser Diokletian (284-305) und seinen bis zu drei Mitregenten trat eine politische, wirtschaftliche und nicht zuletzt militärische Konsolidierung ein, die Grundlage spätantiker Geschichte und Kultur werden sollte. Das Reich war im Wandel, am besten sichtbar am Vordringen der christlichen Religion in alle Bereiche römisch-griechischen Lebens. Schon längst hatte der Glauben an Christus unter den römischen Legionären Verbreitung gefunden. Der Kappadokier Georg war Soldat und Christ wie viele andere auch; ja sogar eine ganze Legion - die thebäische - soll späterer legendenhafter Ausschmückung zufolge christlich gewesen sein. Doch gehörte das Christentum zu keiner der von Kaisern und Staat anerkannten Religionen. Der Christenverfolgung unter Diokletian und seinen Mitkaisern (303-311) soll denn auch Georg aus Kappadokien zum Opfer gefallen sein: Georg wurde in der Stadt Lydda (Diospolis, heute: Lod) in Palästina (oder Diospolis in Nikomedien) angeklagt, gefoltert und schließlich enthauptet. Wie immer die Geschichtlichkeit dieser Ursprungslegende vom Soldatenheiligen Georg interpretiert werden mag - gerade im Mittelalter erfuhren die Taten und Leiden des (Erz-) Märtyrers vielfach Abwandlungen und Ergänzungen. Die älteste, noch als apokryph (nicht anerkannt) angesehene Georgslegende stammt aus dem östlich-byzantinischen Christentum des Vorderen Orients und Konstantinopels. Doch fand schon im 6. Jahrhundert die Verehrung des heiligen Märtyrers Georg Eingang ins westliche Christentum des merowingischen Frankenreichs. Ab dem 9. Jahrhundert sind dann im Westen lateinische Georgslegenden überliefert; eine althochdeutsche Fassung stammt wohl ursprünglich vom Ende des 9. Jahrhunderts und findet sich in einer Abschrift des beginnenden 11. Jahrhunderts in der Heidelberger Handschrift von Werken des Mönches Otfrid von Weißenburg (*ca.800-†nach 870), des ersten namentlich bekannten deutschsprachigen (Evangelien-) Dichters. Weitere Variationen und Bearbeitungen des Lebens und Leidens des Märtyrers folgten. Bis ins 12. Jahrhundert waren der Drachenkampf und die Errettung der Prinzessin in die Georgslegende mit einbezogen, und die um 1263/67 verfasste lateinische Legenda aurea des Jacobus de Voragine (*1228/30-†1298), eine umfangreiche Sammlung von Heiligenviten, berichtet ausführlich über den heiligen Georg. Im frühen Mittelalter erscheinen die Klöster Prüm und Reichenau als Mittelpunkte der Georgsverehrung. Ob ein dem 10. oder 11. Jahrhundert angehörendes alemannisches Georgslied, das in der Abschrift eines Wisolf überliefert ist, seinen Ursprung im Bodenseekloster hat, ist allerdings ungewiss. Um die Mitte des 11. Jahrhunderts verfasste der Historiograf Hermann von Reichenau (†1054) eine Historia sancti Georgii ("Geschichte des heiligen Georg"), eine lateinische Dichtung, die verloren gegangen ist. Das von Wisolf aufgeschriebene Georgslied berichtet von der Bekehrung, der Verurteilung, dem Martyrium und den Wundern des kappadokischen Erzmärtyrers und Soldatenheiligen Georg (als Wundertäter [Strophe I-IV], Märtyrer [Strophe V-VII] und Bekenner [Strophe VIII-X]), dessen Fest am 23. April gefeiert wurde (und wird). Das althochdeutsche Georgslied fußt auf den im 9. Jahrhundert aufkommenden lateinischen Fassungen, die die älteste griechische Georgslegende aus dem 5. Jahrhundert verarbeiteten. Vielleicht reicht das Georgslied bis zum Ende des 9. Jahrhunderts zurück, vielleicht ging der Verschriftlichung des Liedes eine längere mündliche Überlieferung voraus, vielleicht existierte aber auch eine schriftliche Vorlage. Das Georgslied besteht aus an die 60 Versen in zehn überlieferten Strophen, die der Abschreiber des 11. Jahrhunderts aber nur unzulänglich orthografisch wiedergegeben hat. Alemannische und fränkische Dialektmerkmale sind vorhanden, manches weist ins Rhein- und Mittelfränkische. Die zehn Strophen, in binnengereimten Langzeilen und mit drei unterschiedlichen Refrains versehen, besitzen verschiedene Länge und wurden sehr wahrscheinlich mit einer Melodie vorgetragen. Dabei wurde wohl wie bei einer Antiphon, einem Wechselgesang, der fortlaufende Strophentext von einem Einzelsänger oder einem Chor vorgetragen, während ein antwortender Chor den Refraintext vorsang.
Zum heiligen Georg s.: Buhlmann, Michael (2001), Wie der heilige Georg nach St. Georgen kam (= VA 1), St. Georgen 2001, 39 S., € 3,50; Buhlmann, Michael (2005), In honore sancti Georgii martyris. Beiträge zur Georgsverehrung in Antike und Mittelalter (= VA 16), St. Georgen 2005, 44 S., € 4,-; Buhlmann, Michael (2013), San Giorgio in Velabro - heiliger Georg - St. Georgen im Schwarzwald (= VA 65), Essen 2013, 44 S., € 4,-; zum althochdeutschen Georgslied vgl. noch: Haubrichs, Wolfgang (1979), Georgslied und Georgslegende im frühen Mittelalter. Text und Rekonstruktion (= Theorie - Kritik - Geschichte, Bd.13), Königstein i.T. 1979, 577 S., DM 112,-. [Buhlmann, 12.2001]

Gerbert von Aurillac, Papst und Mathematiker: Gerbert von Aurillac, geboren um 950 in Aquitanien, gestorben 1003 in Rom, ist zweifellos eine der interessantesten Gestalten des ausgehenden 10. Jahrhunderts. Seine Ausbildung erhielt er u.a. im nordspanischen Katalonien und in Reims. 981 wurde er Abt im italienischen Kloster Bobbio und schließlich 991 Erzbischof von Reims. Seit 997 war Gerbert persönlicher Lehrer und politischer Berater des deutschen Königs Otto III. (983-1002), der ihn 998 zum Erzbischof von Ravenna und 999 zum Papst (999-1003) machte. Als Silvester II. krönte Gerbert Otto noch im selben Jahr zum Kaiser und unterstützte ihn auch sonst in dessen Politik einer renovatio des Römischen Reiches. Den politisch-kirchlichen Ambitionen gleichwertig ist die wissenschaftliche Tätigkeit Gerberts. Seine rhetorischen Fähigkeiten wurden gerühmt, ebenso seine Kenntnisse besonders in der Mathematik und Astronomie. Verbunden sind mit ihm die Verwendung von Abakus und Astrolabium. So erweist sich Gerbert als Repräsentant seiner Zeit, sowohl der politisch-kirchlichen Entwicklungen als auch des frühmittelalterlichen Bildungskanons.
Eine Biografie zu Gerbert bietet: Riché, Pierre (1987), Gerbert d'Aurillac. Le Pape de l'An Mil, Paris 1987, 332 S., FF N.N. Einzelne Fragestellungen zu Gerbert haben zum Inhalt: Bergmann, Werner (1985), Innovationen im Quadrivium des 10. und 11. Jahrhunderts. Studien zur Einführung von Astrolab und Abakus im lateinischen Mittelalter (= Sudhoffs Archiv, Beiheft 26), Stuttgart 1985, 256 S., DM 74,-; Eichengrün, Fritz (1928), Gerbert (Silvester II.) als Persönlichkeit (= BKGMR 35), Leipzig-Berlin 1928, III, 76 S., RM 4,-; Lindgren, Uta (1976), Gerbert von Aurillac und das Quadrivium. Untersuchungen zur Bildung im Zeitalter der Ottonen (= Sudhoffs Archiv, Beih. 18), Wiesbaden 1976, 124 S., DM 44,-; Uhlirz, Mathilde (1957), Untersuchungen über Inhalt und Datierung der Briefe Gerberts von Aurillac, Papst Sylvesters II. (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd.2), Göttingen 1957, 206 S., DM 36,-. Die Briefe Gerberts von Aurillac sind ediert bzw. übersetzt in: Weigle, Fritz (Hg.) (1966), Die Briefsammlung Gerberts von Reims (= MGH. Epistolae. Die Briefe der deutschen Kaiserzeit, Bd.2), 1966, Nachdruck München 1988, 285 S., DM 45,-; Lattin, Harriet Pratt (Hg.) (1961), The letters of Gerbert with his papal privileges as Sylvester II, New York 1961, 412 S., $ 20,-. [Buhlmann, 03.-07.1992]

Gerchow, Jan (Hg.) (1995), Die Mauer der Stadt. Essen vor der Industrie 1244 bis 1865 (= Ausstellungskatalog), Bottrop-Essen 1995 > E Essen im Mittelalter

Gerchow, Jan (Hg.) (1999), Das Jahrtausend der Mönche. KlosterWelt - Werden 799-1803 (= Ausstellungskatalog), Essen-Köln 1999 > W Werden

Gerhards, Albert, Kranemann, Benedikt (2006), Einführung in die Liturgiewissenschaft (= Einführung. Theologie), Darmstadt 22008 , 256 S., € 5,- > Kompendium Mittelalter > Liturgiewissenschaft [Buhlmann, 03.2015]

Gerlach, Stefan (2010), Scandalum magnum! Zur 'Rechtmäßigkeit' des Stiftergrabs im Kapitelsaal des Klosters Bebenhausen, in: ZWLG 69 (2010), S.171-184. Im Kapitelsaal des Klosters Bebenhausen wurden über Generationen Mitglieder der Stifterfamilie der Pfalzgrafen von Tübingen beerdigt, angefangen beim Gründer des Zisterzienserklosters Pfalzgraf Rudolf I. von Tübingen (1182-1219). Dies ließen auch die Ordensregeln des Zisterzienserordens (Beschluss des Generalkapitels 1217) insoweit zu, als dass im Falle eines Begräbnisses die Erlaubnis des Ortsgeistlichen einzuholen war, der auch für die entgangene Bestattung zu entschädigen war. Im Falle der Beisetzung Rudolfs I. von Tübingen (1219) war dies aber nicht geschehen, so dass der Bebenhausener Abt (Bruno?, Berthold I.?) noch im Jahr 1219 von der Ordensleitung eine Rüge und Strafe (sechs Tage in levi culpa und Ruhenlassen der Abtsbefugnisse für 40 Tage) erhielt. Gegen das Klosterbegräbnis an sich hatte die Ordensleitung also nichts einzuwenden. [Buhlmann, 08.2014]

Germanen: Mit Germanen werden ab dem 1. vorchristlichen Jahrhundert nach antiken Schriftquellen im Wesentlichen rechtsrheinische, von Kelten und Galliern unterschiedene Stämme bezeichnet. Ob der Germanenbegriff (lateinisch Germani) mit einem zu 222 v.Chr. erwähnten gleichnamigen gallischen Stamm in Oberitalien zu tun hat, ist unklar. Die Geschichte der Germanen ist geprägt von den Auseinandersetzungen mit dem römischen Reich (113-101 v.Chr. Kimbern und Teutonen, 58-51 Gallischer Krieg, 16 Sieg über die Sugambrer, 12 v.Chr.-9 n.Chr. Feldzüge in Germanien, Schlacht im Teutoburger Wald, 13-16 Feldzüge in Germanien, 69-70 Bataveraufstand, Provinzen Nieder- und Obergermanien, 83/84 Chattenfeldzug, agri decumates und obergermanisch-rätischer Limes, 92 Feldzug gegen Quaden und Markomannen, 166-180 Markomannenkriege). Ab dem 3. Jahrhundert n.Chr. werden germanische Stammesverbände in den Geschichtsquellen fassbar. Alemannen, Franken, Goten, Sachsen bedrohen das römische Reich (ab 238 Goteneinfälle, ab 257/58 Frankeneinfälle, germanische Einfälle am Rhein, 357 Schlacht bei Straßburg, 358 Salier in Toxandrien, 378 Schlacht bei Adrianopel, 406 Übergang von Vandalen und Burgundern bei Mainz auf römisches Gebiet, 410 Plünderung Roms, 455 Plünderung Roms). Die Zeit der "Völkerwanderung" ließ die germanischen Königreiche der Burgunder, Franken, West- und Ostgoten, Vandalen und Langobarden auf dem Boden des (ehemaligen) weströmischen Reiches entstehen (406, 443 Burgunderreiche, 418 Tolosanisches Reich der Westgoten, 429/39 Vandalenreich, 493 Ostgotenreich, 5./6. Jahrhundert Angelsachsen, 568 Langobardenreich). Die "Germanenzeit" endet mit der "Wikingerzeit" der Nordgermanen (8.-11. Jahrhundert).
Einen mehr ereignisgeschichtlich orientierten Überblick (z.B. mit nur sehr allgemeinen Hinweisen auf Verfassung, Ethnogenese und Königtum germanischer Stämme und Stammesverbände) bringt: Ausbüttel, Frank M. (2010), Die Germanen (= Geschichte kompakt), Darmstadt 2010, 134 S., € 9,90. Bleckmann, Bruno (2009), Die Germanen. Von Ariovist bis zu den Wikingern, München 2009, 359 S., € 24,90, definiert in seinem umfangreichen Überblick über die Germanen in der Geschichte u.a. die Germanen vorzugsweise über die germanischen Sprachen, betont die Verankerung der Germanen in der alteuropäischen Kultur (Jastorf-Kultur u.a.), die Rolle des Königtums besonders bei den Germanen der "Völkerwanderungszeit" und die Rolle (nicht nur) der Germanen bei der Transformation der römischen Mittelmeerwelt in die Welt des (Früh-) Mittelalters. [Buhlmann, 08.2011, 09.2011]

Germania Benedictina, hg. v.d. bayerischen Benediktinerakademie München i.Verb. m.d. Abt-Herwegen-Institut Maria Laach u.a., ist eine Reihe von Bänden über Geschichte und Kultur der deutschen und österreichischen Benediktinerklöster (Männerklöster, Frauenklöster, Priorate, Propsteien, Gymnasien) in Mittelalter und Neuzeit. Jeder Teilband bearbeitet einen bestimmten geografischen Raum (Bundesland bzw. Gruppe von Bundesländern in Deutschland), einem Überblick über die Geschichte des benediktinischen Mönchtums folgen in alphabetischer Anordnung Beiträge zu den einzelnen geistlichen Gemeinschaften (Namen, Topografie, Klosterpatrone, Geschichte, Wirtschaftsbeziehungen, abhängige Gemeinschaften und Kirchen, Bibliothek und Gebäude, Liste der Klosterleiter, Literatur, Archivalien, Handschriften, Ansichten und Pläne, Wappen und Siegel). Im Einzelnen sind bisher u.a. erschienen: Bd.1 (1999): Die Reformverbände und Kongregationen der Benediktiner im deutschen Sprachraum, bearb. v. Ulrich Faust, Franz Quarthal, St. Ottilien 1999, 916 S., DM 108,-; Bd.2 (1970): Die Benediktinerklöster in Bayern, bearb. v. Josef Hemmerle, Ottobeuren 1970, 415 S.; Bd.3 (2000-2002): Die benediktinischen Mönchs- und Nonnenklöster in Österreich und Südtirol, bearb. v. Ulrich Faust, Waltraud Krassnig: Tl.1: Admont - Göttweig, St. Ottilien 2000, 843 S., € 50,-, Tl.2: Gries bei Bozen - Mondsee, St. Ottilien 2001, 923 S., € 50,-, Tl.3: Ober(n)burg - Wieting, St. Ottilien 2002, 1032 S., € 60,- ; Bd.4 (2011): Die Mönchs- und Nonnenklöster der Zisterzienser in Hessen und Thüringen, bearb. v. Friedhelm Jürgensmeier, Regina E. Schwerdtfeger, 2 Tle., St. Ottilien 2011, 1768 S., € 128,-; Bd.5 (1975/87): Die Benediktinerklöster in Baden-Württemberg, bearb. v. Franz Quarthal, St. Ottilien 21987, 845 S., € 50,-; Bd.6 (1979): Die Benediktinerklöster in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg, bearb. v. Ulrich Faust, St. Ottilien 1979, 608 S., DM 98,-; Bd.7 (2004): Die benediktinischen Mönchs- und Nonnenklöster in Hessen, bearb. v. Friedhelm Jürgensmeier, St. Ottilien 2004, 1104 S., € 70,-; Bd.8 (1980): Die Benediktinerklöster in Nordrhein-Westfalen, bearb. v. Rhaban Haacke, St. Ottilien 1980, 671 S., € 50,-; Bd.9 (1999): Die Männer- und Frauenklöster der Benediktiner in Rheinland-Pfalz und Saarland, bearb. v. Friedhelm Jürgensmeier, St. Ottilien 1999, 1196 S., € 70,-; Bd.11 (1984): Die Frauenklöster in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg, bearb. v. Ulrich Faust, St. Ottilien 1984, 628 S., DM 98,-; Bd.12 (1994): Die Männer- und Frauenklöster der Zisterzienser in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg, bearb. v. Ulrich Faust, St. Ottilien 1994, 912 S., DM 98,-. [Buhlmann, 05.2011]

Gerresheim, Frauengemeinschaft: Begonnen hatte die Frauengemeinschaft (Düsseldorf-) Gerresheim als eine Stiftung des fränkischen Adligen Gerrich gegen Ende des 9. Jahrhunderts, dann kamen der Überfall der Ungarn auf Gerresheim (wahrscheinlich 919) und der Übergang der eigenkirchlichen Einrichtung an den Kölner Erzbischof (922), schließlich die mühsame Zeit der Konsolidierung und des Wiederaufbaus, die mit der Weihe einer neuen Kirche (970) und der Bestätigung des Gerresheimer Zolls (977) durch Kaiser Otto II. (973-983) ihren vorläufigen Abschluss fand. Im 11. Jahrhundert war die Kommunität zeitweise (?) - unter Äbtissin Theophanu (1039-1058) - mit der Frauengemeinschaft in Essen verbunden gewesen. Auch Verbindungen Gerresheims zur Frauengemeinschaft St. Ursula vor den Toren Kölns hat es bis zum hohen Mittelalter gegeben; die Kölner Einrichtung war ja nach der Flucht der Gerresheimer Sanktimonialen infolge der Ungarnkatastrophe entstanden. Für das 12. Jahrhundert findet sich mit Heizzecha eine Äbtissin, die als Leiterin von St. Hippolyt und St. Ursula beim Kölner Erzbischof Beschwerde wegen der Übergriffe der Gerresheimer Vögte führte (1107). Die Gerresheimer Äbtissin Hadwig von Wied (ab 1150) war Leiterin der Essener Frauengemeinschaft (1150-vor 1176?) und gründete an der von ihrem Bruder, dem Kölner Erzbischof Arnold II. (1151-1156), gestifteten Kapelle von Schwarzrheindorf eine Frauenkommunität. Das hohe Mittelalter sah eine wirtschaftlich und religiös stabile Gemeinschaft, wie sie sich in dem auf Veranlassung von Äbtissin Guda (1212-1232) niedergeschriebenen Urbar niederschlägt. Ob der berühmte Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach (*1180-†1240) in seinen Wundergeschichten Gerresheim erwähnt, ist zweifelhaft. Aus der Zeit um 1030/40 stammt ein ottonisches Evangeliar, der "Hidda-Codex", aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts ein liturgischer Ordo. Im 13. Jahrhundert geriet das von den bergischen Grafen bevogtete Frauenstift zunehmend in Abhängigkeit dieser weltlichen Territorialherren, Frauengemeinschaft und Grundherrschaft Gerresheim wurden zu einem Bestandteil der bergischen Landesherrschaft. Parallel dazu entwickelte sich aus Gerresheimer Markt und Zollstelle eine Kaufleute- und Handwerkersiedlung, die 1368 zur (bergischen Land-) Stadt erhoben wurde und zunehmend das Stift an den Rand drängte. Die Gerresheimer Geschichte des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden frühen Neuzeit ist daher überwiegend eine städtische, wie der Bau der Stadtmauer (15. Jahrhundert, 1. Drittel), der städtische Katharinenkonvent (vor 1450), der Quadenhof als Offenhaus des Herzogs von Jülich-Berg (1459) oder die städtische Polizeiordnung von 1561 zeigen. Mindestens seit dem späteren Mittelalter war das Gerresheimer Stift eine Gemeinschaft, in der nur hochadlige Frauen ihre Heimat fanden. Im Zusammenhang mit dem Übertritt des Kölner Erzbischofs Gebhard Truchseß von Waldburg (1577-1583) zum evangelischen Glauben (1582), der Heirat Gebhards mit der Gerresheimer Stiftsfrau Agnes von Mansfeld und dem Truchsessischen Krieg zogen aber die obdachlos gewordenen Sanktimonialen des Neusser Stifts St. Quirin mit Unterstützung des bergischen Landesherrn und gegen den Widerstand der Gerresheimer Stiftsinsassen in Gerresheim ein (1585). Aus dem Gerresheimer hochadligen Institut entstand damit eine Gemeinschaft, die auch für Frauen aus dem niederen Adel offen war. Über die Verhältnisse im Stift während des 17. und 18. Jahrhunderts ist wenig bekannt. Die Frauengemeinschaft in Gerresheim ist 1803 aufgehoben worden, bis 1828 bestand an ihrer Stelle eine Versorgungsanstalt für Beamtentöchter, die ehemalige Stiftskirche wurde Kirche der Pfarrei Gerresheim.
Gerresheimer Geschichte und Geschichtsquellen vornehmlich des Mittelalters und der frühen Neuzeit behandeln: Below, Georg (1893), Zur Geschichte von Gerresheim im 16. Jahrhundert, in: DJb 7 (1893), S.201-206; Boesken, Clemens-Peter (1996), Hexenprozeß. Gerresheim 1737/38: Die letzte Hexenverbrennung im Rheinland, Düsseldorf 1996, 86 S., DM 19,80; Dresen, Arnold (1928), Memorien des Stiftes Gerresheim, in: DJb 34 (1928), S.155-179; Dresen, Arnold (1929), Die Feier der Hochfeste in der Stiftskirche zu Gerresheim, in: AHVN 115 (1929), S.205-219; Dresen, Arnold (1929), Grab und Kapelle des seligen Gerrikus in Gerresheim, in: Bergisch-Jülichsche Geschichtsblätter 6 (1929), S.9f; Dresen, Arnold (1933), Die Säkularisation des Stiftes Gerresheim und ihre Auswirkungen, in: AHVN 123 (1933), S.98-135; Harless, Woldemar (1869), Urkunden des Stiftes und der Stadt Gerresheim, in: ZBGV 6 (1869), S.77-95; Harless, Woldemar (1884), Die Erkundigung über die Gerichtsverfassung im Herzogtum Berg vom Jahre 1555, in: ZBGV 20 (1884), S.117-202; Kessel, Johann Hubert (1877), Der selige Gerrich (Stifter der Abtei Gerresheim). Ein Beitrag zur Gründungsgeschichte des Christenthums im Bergischen Lande, Düsseldorf 1877, VIII, 231 S.; Schaumburg, E. von (1879), Zur Geschichte des Stiftes Gerresheim, in: ZBGV 15 (1879), S.29-69; Schubert, Hannelore (1959), Die ersten Kirchen in Gerresheim, in: DJb 49 (1959), S.143-175; Schubert, Hans (1912), Kleine Beiträge zur Geschichte der Stadt Gerresheim im Mittelalter, in: DJb 24 (1912), S.119-146; Weidenhaupt, Hugo (1954), Das Kanonissenstift Gerresheim 870-1400, in: DJb 46 (1954), S.1-120; Weidenhaupt, Hugo (Hg.) (1970), Gerresheim 870-1970. Beiträge zur Orts- und Kunstgeschichte, Düsseldorf 1970, 224 S., DM 14,-; Weidenhaupt, Hugo (Bearb.) (1994), Gerresheim (= RS 59), Köln-Bonn 1994, 20 S., 5 Taf., DM 38,-. [Buhlmann, 09.1995, 09.2003, 07.2008-12.2008, 04.-05.2010, 09.2010, 03.2011, 06.2012]

Gerstner, Ruth (1941), Die Geschichte der lothringischen und rheinischen Pfalzgrafschaft (von den Anfängen bis zur Ausbildung des Kurterritoriums Pfalz) (= RA 40), Bonn 1941 > E Ezzonen

Geschichten aus der Werdener Geschichte, hg. v. Historischen Verein Werden, Kulturgemeinde Essen-Werden/-Heidhausen, Werdener Bürger- und Heimatverein, ist eine Schriftenreihe mit Beiträgen zur Werdener Geschichte (Vorgeschichte, Mittelalter, frühe Neuzeit, Neuzeit; Archäologie, Kloster, Stadt, Wirtschaft und Gesellschaft). Bisher sind u.a. erschienen: Bd.9 (2011), (Essen-) Werden 2011, 215 S., Abbildungen, Stammtafeln, Pläne, Karten, € 15,- (mit den Beiträgen: Herbert Schmitz, Leben und Sterben bedeutender Werdener Äbte. "... unser Stiffts-Vatter ist todt...". Eine Huldigungsfeier und ungewöhnliche Trauerreden; Siegfried Rhein, Josef Breuer - ein großer Werdener; Klaus Höffgen, Das Geheimnis der Werdener Knappschaftsfahne; Detlef Hopp, Wurde ein unbekannter Teilabschnitt der mittelalterlichen Abteimauer am Werdener Markt entdeckt?; Peter Bankmann, Johann Everhard Dingerkus (1725-1817). Ein Kanzleidirektor in stürmischer Zeit; Klaus Höffgen, Het is een dach der vroelicheit ... Ein "Werdener Liederbuch" um das Jahr 1500; Klaus Höffgen, Unter beiderlei Gestalt ... "Kirchenstreit" zwischen den Konfessionen wegen Peter Ulner; Franz-Josef Schmitt, Das Bensenhaus in der Hufergasse (oder: Romanisches Haus, die nächste ...); Siegfried Rhein, Benedict und andere Werdener Pharmazeuten; Horst Schindowski, Die Evangelisch-Landeskirchliche Gemeinschaft; Cordula Brand, Ausgrabungen an der Basilika und am Kastell. Archäologie in Werden). > W Werden [Buhlmann, 06.2012]

Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, 2. Gesamtausgabe, hg. v. G.H. Pertz, J. Grimm, L. von Ranke, K. Ritter, K. Lachmann, W. Wattenbach, O. Holder-Egger, M. Tangl, fortgesetzt v. Karl Brandi, ist eine Reihe von Übersetzungen lateinischer Geschichtsquellen des "deutschen Mittelalters". Erschienen ist u.a.: Bd.95: Das Register Innocenz' III. über die Reichsfrage 1198-1209, übers. v. Georgine Tangl (1923), Leipzig 1923, XXXV, 256 S., RM 8,- > Lateinische Literatur > I Innozenz III. [Buhlmann, 09.2013]

Gestalten der Antike, hg. v. Manfred Clauss, ist eine Reihe von Biografien zu Frauen und Männern der antiken Geschichte (alter Orient, griechisches, römisches Altertum). Der Quellenlage entsprechend beschränkt sich die Auswahl auf Personen vorzugsweise der griechischen Klassik und des Hellenimus sowie der römischen Republik und Kaiserzeit. Hervorzuheben sind Biografien zu nicht so bekannten Persönlichkeiten wie etwa Alkibiades, Septimius Severus oder Sulla. Jede Biografie enthält einen umfangreichen Anmerkungsapparat, ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Namenregister (Personen, Orte), z.T. eine Zeittafel, Stammtafeln oder Karten.
Mit der späten römischen Republik (133-30 v.Chr.) befassen sich: Fündling, Jörg (2010), Sulla, Darmstadt 2010, 207 S., € 24,90 (Sulla: *138-†78 v.Chr., Mitglied der Patrizierfamilie der Cornelii Rufini, 107 Quästor, 105 Krieg gegen Jugurtha, 104-101 Krieg gegen Kimbern und Teutonen, 97? Prätor, 96-94/93? Prokonsul in Kilikien, 91-88 Bundesgenossenkrieg, 88 Eroberung Roms, 88/87-84 1. Mithridatischer Krieg, 83-82 Bürgerkrieg, 82-81 Diktator, 80 Konsul, 79 Rückzug aus der Politik, 78 Tod); Bringmann, Klaus (2010), Cicero, Darmstadt 2010, 336 S., € 29,90 (Cicero: *106-†43 v.Chr., Schule und Ausbildung, 89 Militärdienst u.a. unter Sulla, ab 81/80 Gerichtsredner, 79-77 Bildungsreise nach Griechenland, 75 Quästor, 70 Prozess gegen Verres, 69 Ädil, 66 Prätor, 63 Konsul, Verschwörung des Catilina, 58/57 Exil, 55/51 staatstheoretische Schriften, 53 Augur, 51/50 Prokonsul in Kilikien, 47 Begnadigung durch Caesar, 44/43 Philippische Reden gegen Marcus Antonius, 43 Ermordung); Halfmann, Helmut (2011), Marcus Antonius, Darmstadt 2011, 256 S., € 24,90 (Marcus Antonius: *83?-†30 v.Chr.: vor 57 Bildungsreise nach Griechenland, 57 Unterfeldherr in Syrien, 54 Caesars Legat in Gallien, 52? Quästor, 50 Augur, Volkstribun, 49-45 Bürgerkrieg, Krieg gegen Pompeius und die Pompeianer, 48 magister equitum, 45 Prätor?, 44 Konsul, Ermordung Caesars, 44/43 Mutinesischer Krieg, 43 Triumvirat, Ermordung Ciceros, 42 Schlacht bei Philippi, Teilung des römischen Machtbereichs, 41 Antonius und Kleopatra, 41/40 Perusinischer Krieg, 40 Vertrag von Misenum, Ehe mit Octavia, 39/36 Neuordnung des Ostens, 36 Partherfeldzug, 34 Unterwerfung Armeniens, 31 Schlacht bei Actium, 30 Selbstmord); Will, Wolfgang (2009), Caesar, Darmstadt 2009 (Caesar: *100-†44 v.Chr., Mitglied der Patrizierfamilie der Julier, 73 pontifex, 69? Quästor, 65 Ädil, 63 pontifex maximus, 62 Prätor, 61 Proprätor in Spanien, 60 Triumvirat, 59 Konsul, 58-51 Gallischer Krieg, 49-45 Bürgerkrieg, 48 Schlacht bei Pharsalos, Alexandrinischer Krieg, 46 Diktator, Schlacht bei Thapsus, 44 Ermordung) > C Caesar.
Gestalten der römischen Kaiserzeit haben zum Inhalt: Fündling, Jörg (2008), Marc Aurel (= Besondere Wissenschaftliche Reihe 2008), Darmstadt 2008, 240 S., Zeittafel, Stammbaum, € 10,- (Marc Aurel: aus der spanischen Senatoren- und Konsulnfamilie der Anii, *121-†180 n.Chr., Kindheit und asketisch-philosophisch-stoische Erziehung, 127/28, 136 Auszeichnungen durch Kaiser Hadrian [117-138], 136 Mündigkeit, 138 Nachfolge- und Adoptionsordnung Hadrians, 138-161 Kaiser Antoninus Pius, 139-161 Cäsar Marc Aurel, 145 Heirat mit Faustina, ab 147 Geburt von Töchtern und Söhnen, 161-180 Kaiser Marc Aurel, 161-169 (Mit-) Augustus Lucius Verus, 161-166 Partherkrieg, 165/67-189 "Antoninische Pest", 166/67 Langobarden- und Obiereinbruch in die Donauprovinzen, 169 Tod des Lucius Verus, 170?-175 Markomannenkrieg, 171/73 Maureneinfälle, 172 Unruhen in Ägypten, 173-175 Quadenkrieg, 175 Usurpation des Avidius Cassius, 176 Tod Faustinas, 177-192 (Mit-) Augustus Commodus, 177 Maureneinfälle, 178-180 Markomannen- und Quadenkrieg, 180 Tod).
Zum Vergleich seien hier noch ältere Biografien zu Gestalten aus der Antike herangezogen: Bengtson, Hermann (1977), Marcus Antonius. Triumvir und Herrscher des Orients, München 1977, 327 S., DM 29,80; Birley, Anthony (1968), Mark Aurel. Kaiser und Philosoph (= BSR 160), München 21977, 467 S., DM 19,80; Dahlheim, Werner (1987), Julius Caesar. Die Ehre des Kriegers und der Untergang der römischen Republik (= SP 5218), München 1987 > C Caesar; Meier, Christian (1986), Caesar (= dtv 10524), München 1986 > C Caesar. [Buhlmann, 07.2011]

Geuenich, Dieter (1982), Zur Landnahme der Alemannen, in: FMSt 16 (1982), S.25-44 > A Alemannen

Geuenich, Dieter (1997), Geschichte der Alemannen (= Urban Tb 575), Stuttgart-Berlin-Köln 1997 > A Alemannen

Geuenich, Dieter (2001/02), Mönche und Konvent von St. Gallen in der Karolingerzeit, in: AlemJb 2001/02, S.39-62 > S St. Gallen

Gförer, A.Fr. (1859/61), Pabst Gregorius VII. und sein Zeitalter, 7 Bde. + Registerbd., Schaffhausen 1859-1861, 1864 > G Gregor VII.

GHV = Villingen im Wandel der Zeit. Geschichts- und Heimatverein Villingen

Giese, Martina (2002), Die sogenannten Annales Ottenburani, in: DA 58 (2002), S.69-121 > O > Ottobeuren

Giese, Wolfgang (2008), Heinrich I. Begründer der ottonischen Herrschaft (= GMR), Darmstadt 2008, 246 S., € 24,90. Kurz vor seinem Tode hat wahrscheinlich der ostfränkische König Konrad I. (911-918) seinen Widersacher Heinrich von Sachsen als seinen Nachfolger designiert (918). Heinrich - um 876 als Sohn Ottos des Erlauchten (†912) und der Babenbergerin Hadwig geboren - war dabei der Garant dafür, dass das durch die sich verselbständigenden "Stammesherzogtümer" in Mitleidenschaft gezogene ostfränkische Reich nicht völlig auseinanderbrach. Nach seiner von Franken und Sachsen vollzogenen Wahl im Mai 919 schlug Heinrich, der Erste der ottonischen Herrscher, nämlich eine Politik ein, die auf Integration der Mittelgewalten mit Hilfe vertraglicher sowie lehns- und amtsrechtlicher Beziehungen abzielte und die Herzöge in den Rahmen politischer Freundschaften (amicitia) einband. Das zeigt sich besonders an Heinrichs Verhalten gegenüber dem etwa gleichzeitig zum König erhobenen Arnulf von Bayern (907/19-937) und dessen regnum Bavariae. Heinrich gelang es nach zwei wenig erfolgreichen Feldzügen, mit Arnulf ein Übereinkommen zu erzielen, das diesem die Verfügung über Kirche und Reichsgut in Bayern und außenpolitischen Spielraum beließ (921). Die Huldigung des Schwabenherzogs Burchard I. (917-926) konnte Heinrich schon vorher entgegennehmen (919). Damit waren die Herzöge in das Reich Heinrichs einbezogen, und der König konnte nun auch außenpolitisch Wirksamkeit entfalten. Der Bonner Vertrag (7. November 921) verschaffte Heinrich Anerkennung durch den westfränkischen Karolinger Karl den Einfältigen; Lothringen blieb zunächst westfränkisch, doch führte ein Aufstand gegen Karl (922) schon bald zu Verwicklungen auch in Lothringen und zur Eingliederung des Landes als Herzogtum in das ostfränkisch-deutsche Reich (925). Auf der Wormser Reichsversammlung (926) kam es zu einem Freundschaftsvertrag mit König Rudolf II. von Hochburgund (912-937) (Abtretung Basels) und zum Beschluss von Abwehrmaßnahmen gegen die bis dahin fast alljährlich das Reich heimsuchenden Ungarn (Burgenbau in Sachsen); ein neunjähriger Waffenstillstand mit den Ungarn gegen eine jährliche Tributzahlung war zuvor ausgehandelt worden. Auf dem Hoftag zu Quedlinburg designierte Heinrich seinen Sohn Otto (I.) zum Nachfolger (929). Somit schien das Reich auch nach einem eventuellen Tod Heinrichs gesichert. 932 kündigte Heinrich die Tributzahlungen an die Ungarn und nahm dabei ihren Einfall nach Sachsen in Kauf, der aber mit dem Sieg des königlichen Heeres bei Riade (15. März 933) abgewehrt wurde. Eine Aufwertung der Stellung Heinrichs war auch das "Dreikönigstreffen" in Ivois Anfang Juni 935, wo - unter impliziter Anerkennung der Zugehörigkeit Lothringens zum Ostreich - zwischen Heinrich I., Rudolf II. von Hochburgund und Rudolf von Westfranken (923-936) ein Freundschaftsbündnis zustande kam. Am 2. Juli 936 ist Heinrich in Memleben gestorben, nicht ohne vorher seine Nachfolgeregelung bekräftigt zu haben. Bestattet wurde der König in der Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg. Heinrich hinterließ seinen Thronfolger Otto, den ältesten Sohn aus seiner 909 geschlossenen Ehe mit Mathilde, sowie dessen Geschwister Gerberga, Hadwig, Heinrich und Brun. Aus erster Ehe mit Hatheburg stammte der älteste Sohn Thankmar; die Ehe zwischen Heinrich und Hatheburg wurde um 906 geschlossen, 908/09 getrennt. Trotz der Vielzahl seiner männlichen Nachkommen hatte Heinrich sich also für die Individualsukzession seines Sohnes Otto entschieden und damit gegen die karolingische Teilungspraxis. Unterstützt wurde er dabei zweifelsohne von den Herzögen, deren Teilhabe an der Herrschaft durch eine Teilung geschmälert worden wäre. Die Individualsukzession ist aber auch Ausdruck der königlichen Autorität und einer zunehmenden Geschlossenheit des Reiches. Die Unteilbarkeit des (deutschen) Reiches sollte für die nachfolgende Zeit verbindlich bleiben. [Buhlmann, 02.2009]

Ginzel, Friedrich Karl (1906/14), Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Das Zeitrechnungswesen der Völker, 3 Bde., Leipzig 1906-1914 > C > Chronologie

Glanz und Untergang des Alten Mexiko. Die Azteken und ihre Vorläufer (1986) (= Ausstellungskatalog), 2 Bde., Mainz 1986 > A Azteken

Glaser, Hubert (Hg.) (1980), Krone und Verfassung. König Max I. Joseph und der neue Staat. Beiträge zur Bayerischen Geschichte und Kunst 1799-1825, München 1980, 500 S., Schwarzweiß- und Farbtafeln; [Katalog der Ausstellung], [zus. DM 128,-]. I. Mit dem Aussterben der wittelbachischen Hauptlinie beim Tod des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph (1777) gelangte gemäß den wittelbachischen Hausverträgen (Hausunion 1724, Hausverträge 1761, 1774) das Kurfürstentum Bayern an den wittelbachisch-pfälzischen Verwandten Karl Theodor (1742/77-1799). Nachfolger Karl Theodors wurde dessen Bruder Max[imilian] III. Joseph (*1756-†1825), Graf von Rappoltstein (1778) und Herzog von Pfalz-Zweibrücken (1795) (Hans Rall, Die Hausverträge der Wittelsbacher: Grundlagen der Erbfälle von 1777 und 1799; Hans Ammerich, Jugend und Erziehung Max' I. Joseph). II. Vor dem Hintergrund von Französischer Revolution (1789) und napoleonischer Ära (Koalitionskriege) entstand ein "neues Bayern", das sich nicht nur durch den Reichsdeputationshauptschluss (1803) territorial vergrößerte (Säkularisation der Bistümer Augsburg, Bamberg, Eichstätt, Freising, Passau, Salzburg, Würzburg, von Klöstern wie Banz; Mediatisierung von [schwäbischen] Reichsstädten), sondern auch in enger Anlehnung an den französischen Kaiser Napoleon im Rahmen von Rheinbund (1806) und Ende des Alten Reiches (1806) große Teile des fränkischen Kreises aneignen konnte, schließlich zum Königreich erhoben wurde (1806). Das "neue Bayern" wurde u.a. mit der bsi 1813 dauernden politisch-militärischen Gefolgschaft König Max' I. Joseph im Fahrwasser der napoleonischen Unternehmungen erkauft (Russlandfeldzug 1812, Völkerschlacht bei Leipzig 1813, Auflösung des Rheinbundes, Frankreichfeldzug 1814). Max rettete sein vergrößertes Königreich Bayern durch Verträge mit Österreich (Abtretung Tirols, Vorarlbergs, des Innviertels u.a. gegen Besitz in Franken und Schwaben) und im Wiener Kongress (1814/15). Gleichzeitig gelang die Modernisierung und Zentralisierung des bayerischen Staates bis hin zur Verfassung des Königreichs Bayern (1818) (Reichsritterschaft und Adel, Beschränkung gemeindlicher Selbstverwaltung, Schaffung von Zentral- und Mittelbehörden in Justiz und Verwaltung [Bürokratisierung], Entlassung des Ministers Montgelas 1816) (Eberhard Weis, Das neue Bayern - Max I. Joseph, Montgelas und die Entstehung und Ausgestaltung des Königreichs 1799 bis 1825; Walter Demel, Die Entwicklung der Gestzgebung in Bayern unter Max I. Joseph; Rudolf Endres, Die Eingliederung Frankens in den neuen bayerischen Staat; Wilhelm Forster, Die Säkularisation und das Benediktinerkloster Banz; Friedrich Blendinger, Die Mediatisierung der schwäbischen Reichsstädte; Friedrich Kobler, "Charta magna Bavariae"; Roger Dufraisse, Napoleon und Bayern; Dugué Mac Carthy, Strategie und Logistik Napoleons im bayerischen Feldzug von 1809; Ernst Aichner, Das bayerische Heer in den Napoleonischen Kriegen; Meinrad Pizzinini, Die bayerische Herrschaft in Tirol; Rainer Braun, Die Bayern in Rußland 1812; Peter Jaeckel, Schlacht und Schlachtenbild). III. Vielfältig waren die Wandlungen in der sich ausgestaltenden modernen bayerischen Wirtschafts- und Sozialordnung (staatliche Wirtschaftspolitik [Staatsfinanzen, Steuern, Zollpolitik], erster ordentlicher Staatshaushalt 1819/20; Säkularisation und Enteignungen; Bauernbefreiung und kleine Landwirtschaften; Gewerbepolitik, Gewerbegesetz 1825, Gewerbefreiheit) (Wolfgang Zorn, Die wirtschaftliche Entwicklung Bayerns unter Max I. Joseph 1799-1825; Dietmar Stutzer, Unterbäuerliche gemischte Sozialgruppen Bayerns um 1800 und ihre Arbeits- und Sozialverhältnisse im Spiegel der Statistik; Klaus Guth, Hausweberei im Fichtelgebirge (1810-1825); Günther Kapfhammer, Hütkinder in Bayern als wirtschaftlich-soziales Problem; Gerda Möhler, Zentrallandwirtschaftsfest und Landwirtschaftlicher Verein. Ein Beitrag zur "Landeskultur" unter Maximilian I. Joseph; Gislind M. Ritz, Riegelhaube und Kropfkette; Nina Gockerell, Die Bayern in der Reiseliteratur um 1800). IV. Das "neue Bayern" spiegelte sich nicht zuletzt wider in den geistigen Strömungen der damaligen Zeit (Aufklärung, katholische Erneuerung, Geheimbund der Illuminaten, Presse und Zensur, Bildung und Wissenschaft [Universitäten, Akademien]) (Georg Schwaiger, Die kirchlich-religiöse Entwicklung in Bayern zwuischen Aufklärung und katholischer Erneuerung; Ludwig Hammermayer, Illuminaten in Bayern. Zu Geschichte, Fortwirken und Legende des Geheimbundes; Wilhelm Fichtel, Aufklärung und Zensur; Laetitia Böhm, Bildung und Wissenschaft in Bayern im Zeitalter Maximilian Josephs. Die Erneuerung des Universitäts- und Akademiewesens zwischen fürstlichem Absolutismus, französischem Reformgeist und deutscher Romantik). V. Schließlich spielte im zentralisierten Bayern der Hof des Königs eine wichtige Rolle (Residenzen und Schlösser, Hofkunst, Kunstsammlungen; bürgerliche Kunst; Literatur; Musik) (Hermann Bauer, Kunstanschauung und Kunstpflege in Bayern von Karl Theodor bis Ludwig I.; Berthold Roland, Johann Christian von Mannlich und die Kunstsammlungen des Hauses Wittelsbach; Wilhelm Weber, Die Rotunde auf Schloß Karlsberg; Hans Ottomeyer, Die Ausstattung der Residenzen König Max Josephs von Bayern (1799-1825); Oswald Hederer, Karl von Fischers Nationaltheater in München; Siegfried Wichmann, Die peintes de batailles unter König Max I. Joseph und Ludwig I. von Bayern; Ulrike von Hase-Schmundt, Das bürgerliche und höfische Porträt in Bayern im 1. Viertel des 19. Jahrhunderts; Barbara Hardtwig, König Max Joseph als Kunstsammler und Mäzen; Raimund Wünsche, Kronprinz Ludwig als Antikensammler; Hans Pörnbacher, Das literarische Leben in Bayern von der späten Aufklärung bis zum Biedermeier; Robert Münster, Das Musikleben in der Max-Joseph-Zeit). VI. Die neue konstitutionelle bayerische Monarchie endete nach gut hundert Jahren mit der Revolution von 1918/19 im Gefolge des Ersten Weltkriegs (1914-1918) (Golo Mann, Gedanken zum Ende der Monarchie in Bayern). [Buhlmann, 04.2017]

Glunk, Manfred (1968), Die karolingischen Königsgüter in der Baar. Ein Beitrag zur Geschichte der Baar im 8. und 9. Jahrhundert, in: SVGBaar 27 (1968), S.1-33 > B > Baar

Glunk, Manfred (1989), Grundzüge einer Verwaltungsstruktur auf der Baar im Zeitalter der Karolinger (8. und 9. Jahrhundert n.Chr.), in: Almanach Schwarzwald-Baar-Kreis 13 (1989), S.128-132 > B > Baar

GMR = Gestalten des Mittelalters und der Renaissance

Gnosis: Gnosis ist eine religiös-philosophische Weltanschauung (Lehrsystem) vor dem Hintergrund der sich entwickelnden christlichen Religion im römischen Reich des 2. bis 4. Jahrhunderts n.Chr. Gnosis ist quellenmäßig erfahrbar in der Literatur der frühen kirchlichen Schriftsteller (Irenäus von Lyon, Tertullian von Karthago, Hippolyt von Rom, Epiphanius von Salamis, Klemens von Alexandrien, Origines von Alexandrien) in Originalquellen koptischer, mandäischer, manachäischer Provenienz (Codex Beronlinensis Gnosticus [1896], Bibliothek von Nag Hammadi [ab 1945], Codex Tchacos [1978/2006]). Beeinflusst vom Mittel- und Neuplatonismus, stellt sich die Gnosis dar anfänglich als ([vor-] gnostische) Lehre des (neutestamentlichen) Simon Magus und der Simonianer (Phasen ca.45-90/ca.90-130/ca.130-200 n.Chr.), gemäß Hippolyt, des Valentin (ca.140-160 n.Chr.) sowie des Basilides (ca.120-160 n.Chr.), als Hochgnosis der Valentinianer (Irenäus, Klemens, Hippolyt, Tractatus Tripartitus) und der "Sethianer" (Apokryphon des Johannes). Gemäß den Schriften der Hochgnosis kann das gnostische Lehr-/Glaubens-/Erkenntnissystem wie folgt dargestellt werden: 1) jenseitiger Gott/Urgrund/Vater als Ursache des Seins, 2) Hervorbringung von Geist/Nus/Christus, 3) Individuation/Selbst-sein-Wollen/Überhebung als Fall einer göttlichen Instanz/eines Äons und Bruch zwischen Sein und Nichtsein, 4) Aufhebung des Falls durch Schaffung der endlichen Welt vermittelst eines Demiurgen, 5) Errettung/Erlösung des Menschen (mit Pneuma) in der Welt durch offenbarende Erkenntnis/Gnosis (als Kenntnis der Zusammenhänge zwischen Gott, Welt und Mensch). Es bestehen Abgrenzungen der (Hoch-) Gnosis zur Hermetik (Corpus Hermeticum [1. Jahrhundert v.Chr.-4. Jahrhundert n.Chr.]) und zu den philosophischen Mysterientheologien eines Plutarch von Chaironeia und Marcion von Sinope. Der "Sitz im Leben" der Gnosis in der damaligen Gesellschaft ist kaum erkennbar, wurde aber wohl von Lehre und Lehrern (Gemeindebildung von Gnostikern?), von praktischer Ethik und von Kultausübung (Rituale, Sakramente) bestimmt. Weiterentwicklungen der Gnosis sind dann bei den Erkenntnissystemen der Valentinianer und "Sethianer" erkennbar, eine Fortentwicklung stellt die platonisierende Gnosis dar ("Gegen die Gnostiker" Plotins), eine in Vielem veränderte "Gnosis" bietet der Manichäismus des erfolgreichen Religions- und Kirchengründers Mani (*216-†277) (Schriften des Mani, Buchreligion als Voraussetzungen einer vernunftgesteuerten Sichtweise auf den Mythos von Gott, Welt und Mensch).
Vgl. an Quellen zur Gnosis: Die Gnosis: Bd.1: Zeugnisse der Kirchenväter, hg. v. Ernst Haenchen u.a. (1979), 21979, Nachdruck Zürich 1995, 493 S., Bd.2: Koptische und mandäische Quellen, hg. v. Martin Krause u.a. (1971), 1971, Nachdruck Zürich 1995, 499 S., Bd.3: Der Manichäismus, hg. v. Alexander Böhlig (1980), 1980, Nachdruck Zürich 1979, 462 S., zus. DM 198,-, an weiterer Literatur zur Gnosis: Aland, Barbara (2014), Die Gnosis (= RUB 19210), Stuttgart 2014, 248 S., € 7,80; Markschies, Christoph (2001), Die Gnosis (= BSR 2173), München 2001, 127 S., DM 14,80. [Buhlmann, 12.2001, 08.2014]

Göldel, Caroline (1997), Servitium regis und Tafelgüterverzeichnis. Untersuchung zur Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte des deutschen Königtums im 12. Jahrhundert (= Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte, Bd.16), Sigmaringen 1997, 249 S., Karte, DM 39,-. I. Servitium regis: Reichsgut waren die Besitzungen (und Rechte) des (fränkisch-ostfränkisch-deutschen) Königs, die er zum Zweck der Herrschaftsausübung einsetzen konnte. Daneben verfügte der Herrscher auch über das Hausgut, also über Besitz der Adelsfamilie, der er selbst angehörte. Da eine Abgrenzung von Reichsgut und Hausgut auch im Mittelalter schwierig war, vermengten sich im Verlauf der Jahrhunderte des frühen und hohen Mittelalters immer wieder diese für den König nutzbaren Besitzgruppen. Auch veränderten sich im Laufe der Zeit die Besitzgrundlagen des Königtums geografisch; das Reichs- bzw. Hausgut der karolingischen Herrscher lag im austrasisch-lothringischen Raum der spätmerowingisch-karolingischen Epoche, das der ottonischen Könige im sächsisch-thüringischen Gebiet des 10. und 11. Jahrhunderts, das der salischen und staufischen Könige und Kaiser im Mittelrheingebiet, in Südwestdeutschland oder im Elsass des hohen Mittelalters. Dabei traten immer wieder "Königslandschaften" in Erscheinung, d.h. Räume und Gebiete mit verdichtetem Reichsbesitz, die damit dem Königtum besondere machtpolitische Einwirkungsmöglichkeiten boten. Für die Zeit der ottonisch-salischen Reichskirche im Rahmen des entstehenden deutschen Reiches (10./11. Jahrhundert) ist von einer weit stärkeren Inanspruchnahme der Bistümer und Reichsabteien auszugehen, als es in der Karolingerzeit der Fall gewesen war. Allgemein übertrugen die Herrscher damals Besitz und Rechte an die Reichskirchen und erwarteten im Gegenzug die Mithilfe der Kirchen im Zuge des Königsdienstes (servitium regis). Dieser Umverteilung von Besitz und Rechten entsprachen die größeren Einwirkungsmöglichkeiten des Königs bei der Besetzung (Investitur) der wichtigsten Positionen innerhalb der Reichskirche. Im Gegenzug dazu hatten Bistümer und Klöster Abgaben und Dienste für Königtum und Reich zu erbringen. Das servitium regis umfasste im Wesentlichen: Gebetsgedenken für Herrscher und Herrscherfamilie, Abgaben und Dienste für die Verpflegung des Königs (Königsgastung) und für das Heerwesen, Beteiligung an königlichen Hoftagen und an Heerzügen. Für das 12. Jahrhundert nach dem Investiturstreit (1075-1122) wird dann eine lehnrechtliche Auffassung des servitium regis zwischen Königtum und Reichskirche erkennbar; Bistümer und Reichsabteien leisten im Rahmen ihrer Möglichkeiten das servitium regis, die Abteien meist in Form von Geldabgaben, die ihnen auch erlassen werden konnten ([gefälschte] Befreiungprivilegien, Reichsunmittelbarkeit der Klöster). Das servitium regis unterlag spätestens unter Kaiser Heinrich V. (1106-1125) einer Monetarisierung, was auf die damalige Modernität königlicher Herrschaft und Verwaltung hinweist. II. Tafelgüterverzeichnis: Ein Abschnitt in einer hochmittelalterlichen Sammelhandschrift der Aachener Marienkirche (ca.1165/74) führt auf die "Höfe, die zur Tafel des römischen Königs gehören", d.h. deren Erträge dem reisenden König und seinem Gefolge (Königshof) im Rahmen der Königsgastung als Leistungen zukamen (1165/66, nach der Öffnung des Grabes Kaiser Karls des Großen in Aachen [1165]). Die Höfe u.a. in Sachsen, "Frankien" und der Lombardei waren der mensa ("Tafel") Kaiser Friedrichs I. (1152-1190) zugeordnet, der als deutscher Herrscher und als Kanoniker an der Aachener Marienkirche (Königskanonikat) über die im Verzeichnis aufgeführten servitia regalia (Servitien, Königsdienst) verfügte. Nutznießer der im Tafelgüterverzeichnis aufgeführten Erträge war wohl auch der Propst der Aachener Marienkirche, Otto von Andechs.
Zum Tafelgüterverzeichnis s. noch: Dannenbauer, Heinrich (1953), Das Verzeichnis der Tafelgüter des Römischen Königs. Ein Stück des Testamentes Kaiser Friedrichs I., in: ZWLG 12 (1953), S.1-72, zu "Königsdienst" und Königsgastung (servitium regis): Heusinger, Bruno (1922), Servitium regis in der deutschen Kaiserzeit. Untersuchungen über die wirtschaftlichen Verhältnisse des deutschen Königtums 900-1250, Berlin-Leipzig 1922, 159 S. [Buhlmann, 10.2015]

Goenner, Hubert (1997), Einsteins Relativitätstheorien. Raum, Zeit, Masse, Gravitation (= BSR 2069), München 1997 > G Goenner, Albert Einstein

Goenner, Hubert (2015), Albert Einstein (= BSR 2839), München 2015, 128 S., € 8,95. Albert Einstein (*14. März 1879 in Ulm, †18. April 1955 in Princeton) entstammte einem jüdischen Elternhaus, war Privatmensch, Gelehrter, politisch engagiert sowie Idol und "Genie". Neben zwei Ehen Einsteins (mit Mileva Maric [1902-1919] und Elsa Löwenthal [1919-1936]) und mehreren Kindern sind eine Anzahl von Liebesaffären zu beachten, Einsteins Hobbies waren das Violinspiel und - obwohl Nichtschwimmer - das Segeln. Einstein war von der Staatsbürgerschaft her Württemberger, Schweizer, Preuße und US-Amerikaner, politisch Pazifist und Sozialist mit einer Nähe zur zionistischen Bewegung. Nach Schule und Schweizer Matura (1896) studierte Einstein am Polytechnikum in Zürich (Diplom [1900]), fand eine Anstellung am Berner Patentamt (1902) und veröffentlichte alsbald Arbeiten zur theoretischen Physik (photoelektrischer Effekt [1905], Doktorarbeit zu Moleküldimensionen [1905], Brownsche Molekularbewegung [1905], "Elektrodynamik bewegter Körper", Trägheit von Körpern [Spezielle Relativitätstheorie, 1905]); die Habilitation erfolgte 1908 an der Berner Universität, seit 1909 war Einstein Professor für theoretische Physik an der Universität Zürich, ab 1911 in Prag, ab 1912 wieder in Zürich. Zwischen 1914 und 1932 forschte Einstein an der Universität Berlin (Allgemeine Relativitätstheorie, Einstein-de-Haas-Effekt [1915/16]); Beobachtungen bei der Sonnenfinsternis vom 29. Mai 1919 (Lichtablenkung) bestätigten die Physik Einsteins; es folgten die Verleihung des Physik-Nobelpreises (1921/22), weitere Ehrungen (Potsdamer Einsteinturm [1920/24], (Caputher Einsteinhaus [1929])) und ausgedehnte Vortragsreisen des nunmehr berühmten Gelehrten (u.a. nach Japan und in die USA). Die nationalsozialistische "Machtergreifung" in Deutschland (1933) machte aus Einstein einen Verfolgten (Ausbürgerung [1933/34]), der seine letzten Lebensjahre in den USA und ab 1933 als Professor in Princeton (Emeritierung [1946]) verbrachte. Einstein entfernte sich mit seinen Forschungen zur "einheitlichen Feldtheorie" zunehmend von der aktuellen Quantenphysik und -mechanik (Auseinandersetzungen mit Niels Bohr [1930, Einstein-Podolsky-Rosen-Experiment]). In der Frage der US-amerikanischen Entwicklung der Atombombe nahm Einstein zuletzt (1945/46) eine kritische Haltung ein, er setzte sich für Rüstungskontrolle (1947/48) und Weltfrieden (1955) ein und behielt auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1945) seine kritische Distanz zu Deutschland. Vgl. noch: Born, Max (1920), Die Relativitätstheorie Einsteins (= Heidelberger Tb 1), Berlin-Heidelberg-New York 51969, XII, 328 S., DM 10,80; Bührke, Thomas (2015), Einsteins Jahrhundertwerk. Die Geschichte einer Formel (= dtv 34898), München 22016, 294 S., Abbildungen, € 12,90; Goenner, Hubert (1997), Einsteins Relativitätstheorien. Raum, Zeit, Masse, Gravitation (= BSR 2069), München 1997, 128 S., Abbildungen, DM 14,80. [Buhlmann, 1998, 06.2015, 11.2016]

Görich, Knut (2001), Die Ehre Friedrich Barbarossas. Kommunikation, Konflikt und politisches Handeln im 12. Jahrhundert (= Symbolische Kommunikation in der Vormoderne), Darmstadt 2001 > F Friedrich I. Barbarossa

Görich, Knut (2011), Friedrich Barbarossa. Eine Biographie, München 2011 > F Friedrich I. Barbarossa

Görke, Winfried (2011), Datum und Kalender. Von der Antike bis zur Gegenwart, Heidelberg 2011, X, 165 S., € 19,95. Vorgestellt werden Sonnenkalender (gregorianischer Sonnenkalender [ISO-Jahr]; zyklische Sonnenkalender: der Maya [lange Zählung, Haab, Tzolkin], der Azteken [kurze Zählung], ägyptisch, armenisch [Wandeljahr], alexandrinisch, koptisch, äthiopisch [julianisch], julianisch; astronomische Sonnenkalender: des Iran, in Indien [Bahai], französischer Revolutionskalender), weiter Mondkalender (islamische Kalender: Hidschra [Epoche 15, 16]; alter chinesischer Kalender [Lunisolarkalender ab dem 17. Jahrhundert]; indische Kalender [Saka, alter Mondkalender]). In Anpassung eines Mond- an einen Sonnenkalender oder umgekehrt entstanden die zyklischen Lunisolarkalender des Nahen Ostens und Europas (Mondkalender: babylonisch, jüdisch, julianisch, gregorianisch; Lunisolarkalender: jüdisch, julianisch, gregorianisch). Schnittstelle zwischen Mond- und Sonnenkalender beim julianischen und gregorianischen Lunisolarkalender ist dann die Osterrechnung (julianisch: computus, Goldene Zahl, Epakten des Dionysius Exiguus [†ca.540] und des Beda Venerabilis [†735], saltus lunae -> Fehler von drei Tagen in 400 Jahren beim Sonnenkalender, von einem Tag in 300 Jahren beim Mondkalender; gregorianisch: Epakten des Aloysius Lillius [†1576; Epaktenkorrektur], gregorianische Kalenderreform 1582 -> mathematisch-astronomische Beziehungen, Gleichzeitigkeit zwischen julianischem und gregorianischem Ostersonntag, christliches Oster- und jüdisches Passahfest). Der gregorianische Kalender wird dann für die nächsten Jahrtausende weitgehend mit den astronomischen Gegebenheiten übereinstimmen (Fehler beim Sonnenkalender in 3300 Jahren bei einem Tag, Fehler beim Mondkalender in 30000 Jahren bei einem Tag), Sonnen- und Mondfinsternisse folgen dabei dem Saros- und Inexzyklus. Eine Umgestaltung des weltweit benutzten gregorianischen Kalenders (Dezimalminuten und -stunden, Monatslängen, Wochentage und feststehende Feiertage, Schalttagregelung) steht nicht an. > InternetKalenderrechnung [Buhlmann, 02.2013]

Gössmann, Elisabeth, "Die Päpstin Johanna". Der Skandal eines weiblichen Papstes. Eine Rezeptionsgeschichte (= AtV 8040), Berlin 1998, 414 S., DM 19,90. Im 13. Jahrhundert kam die Legende der Päpstin Johanna (Agnes [von Mainz]; angeblich regierend 845/47) auf und fand als durchaus glaubhafte Alternative zu den männlichen Päpsten Eingang in Papstgeschichte (Liber pontificalis) und Topografie der Stadt Rom (Inschrift einer Reliefstatue, Verlegung der Via papalis). Vgl. dazu den (verfilmten) Roman von: Cross, Donna W. (1998), Die Päpstin (= av 1400), Berlin 572007, 574 S., € 12,95. [Buhlmann, 1998?, 08.2015]

Goetting, Hans (1954), Papsturkundenfälschungen für die Abteien Werden und Helmstedt, in: MIÖG 62 (1954), S.425-446 > W Werden

Goetz, Hans-Werner (1984), Herrschaft und Recht in der frühmittelalterlichen Grundherrschaft, in: HJb 104 (1984), S.392-410 > G Grundherrschaft

Goetz, Hans-Werner (1987), Herrschaft und Raum in der frühmittelalterlichen Grundherrschaft, in: AHVN 190 (1987), S.7-33 > G Grundherrschaft

Goetz, Hans-Werner (Hg.) (2006), Konrad I. Auf dem Weg zum "Deutschen Reich"?, Bochum 2006 > K Konrad I.

Goez, Elke (2009), Papsttum und Kaisertum im Mittelalter (= Geschichte kompakt), Darmstadt 2009, 136 S., € 9,90. I. In den Anfängen des Christentums erfolgte der Aufstieg des römischen Bischofs innerhalb der sich ausbildenden christlichen Großkirche zum römischen Papst (Zeit der Christenverfolgungen [1./3. Jahrhundert n.Chr.], päpstlicher Primatsanspruch [3./4. Jahrhundert]). Besonders die geglaubte Verankerung der römischen Kirche im Apostel Petrus (als "Fels der Kirche"; Matthäus-Evangelium) bzw. in den Aposteln Petrus und Paulus (christliche Kulte um Petrus und Paulus) machte aus Rom die Vorbild gebende cathedra bzw. sedes apostolica. In der Spätantike traten Papsttum und römisches Kaisertum nach der Konstantinischen Wende (Kaiser Konstantin, 306-337) in enge Beziehung (Silvesterlegende, angebliche Konstantinische Schenkung; allgemeine Kirchenkonzilien [Nicäa 325, Konstantinopel 381, Ephesos 431, Chalkedon 451]; Bischof Ambrosius von Mailand, Augustinus' De civitate dei). Papst Leo I. der Große (440-461) begriff sich als Stellvertreter Petri, vielleicht auch als Inhaber der plenitudo potestatis, der vollen kirchlichen Amtsgewalt (Ausbildung kirchlicher Strukturen, gallische Bistümer und Rom). Papst Gelasius I. (492-496) formulierte in einem Brief an Kaiser Anastasios (491-518) die Zweigewaltenlehre vom Verhältnis priesterlicher und weltlicher Gewalt (494). Am Ende der Antike stehen Laurentianisches Papstschisma (498-508; Synode von 502 [prima sedes a nemine iudicatur], der Mönchspapst Gregor I. der Große (590-614) (Langobarden in Italien, Angelsachsenmission, Papsttitel [servus servorum dei] und päpstliches Selbstverständnis), die Entfremdung des Papsttums vom oströmisch-byzantinischen Reich (7./8. Jahrhundert). II. Die sich vom oströmischen Kaiser emanzipierenden Päpste fanden neue Verbündete in fränkisch-karolingischen Königen (Pippin, 751-768; Karl der Große 768-814); die Pippinsche Schenkung (756), veranlasst im Zusammenhang mit dem Übergang des fränkischen Königtums auf die Karolinger (751) und grundgelegt durch den Sieg der Franken über die Langobarden (754), sowie die Kaiserkrönung des patricius Romanorum Karl des Großen durch Papst Leo III. (795-816) gehören hierher (Zweikaiserproblem). Das Papsttum war fortan eng mit den Geschehnissen im Frankenreich verbunden. König Ludwig der Fromme (814-840) und dessen Sohn Lothar I. (817-855) wurden ohne Beteiligung des Papstes zu Kaisern gekrönt (813, 817; romfreies Kaisertum; translatio imperii). Mit der zweiten Kaiserkrönung Lothars I. durch den Papst (823) blieben fränkisches Königtum und Papsttum auch weiterhin verbunden (Pactum Hludovicianum 816, Constitutio Romana 825), während die Könige von nun an die Kaiserkrone aus der Hand des Papstes empfingen. III. Unter den "italienischen Königen" war das Kaisertum nur noch regional begrenzt und erlosch beim Tod König Berengars I. (924). Das Papsttum geriet in die Verfügung römischer Adelsgruppen, die Kaiserkrönung des ostfränkischen Königs Otto I. des Großen (936-973) im Jahr 962 (Ordo ad regem benedicendum, Pontificale Romano-Germanicum) eröffnete ihm indes wieder eine überregionale Geltung (Privilegium Ottonianum 962, Errichtung des Magdeburger Erzbistums 962/67). Das Mitkaisertum Ottos II. (973-983) von 967 leitete eine Phase des romzentrierten westlichen Kaisertums ein (Theophanu und Otto II; Kaisertitel: Romanorum imperator augustus; Westbindung des Papsttums bei Verschlechterung der Beziehungen zu Byzanz; Süditalienpolitik und Schlacht bei Cotrone 982), die in der Renovatio imperii Romanorum König Ottos III. (983-1002) ihre Fortsetzung fand ("deutscher" Papst Gregor V., Kaiserkrönung 996, Gerbert von Aurillac als Papst Silvester II., Romkonzeption Ottos, Gnesenreise 1000). Ottos III. Nacholger Heinrich II. (1002-1024) wurde erst 1014 Kaiser und griff eigenmächtig in den damaligen filioque-Streit ein. IV. In der Zeit der salischen Kaiser und Könige stand das Papsttum zunächst politisch im Schatten des Kaisertums Konrads II. (1024-1039) und Heinrichs III. (1039-1056) (universale, romzentrierte Kaiseridee Konrads II.; Synode Heinrichs III. in Sutri 1046; christliche Königsideologie, Reformpapsttum und "deutsche" Päpste Clemens II., Leo IX. und Viktor II.; Kirchenschisma mit Byzanz 1054). Die lange Phase der Regentschaft(en) am Anfang der Regierungszeit König Heinrichs IV. (1056-1106) ließ das Reformpapstum selbstständiger handeln (Papstwahldekret 1059; Lateransynode gegen Nikolaitismus und Simonie 1059; Papstschisma 1061; Papst Gregor VII. [1073-1085]; Dictatus papae 1075 [?]). Die Zeit des Investiturstreits (1075-1122) sah einen sich verschärfenden Konflikt zwischen deutschem Königtum und Papsttum um Ziele der Reformkirche, Bischofsbesetzung und sich entwickelnder hierarchischer Papstkirche (Wormser Synode 1076, Exkommunikation Heinrichs IV. 1076; Gang nach Canossa 1077; päpstliche und kaiserliche Publizistik; Kaiserkrönung Heinrichs IV. 1084; Erster Kreuzzug 1096-1099; Geheimabkommen und "Pravileg" 1111), bis es im Wormser Konkordat (1122; temporalia und spiritualia, Bischofswahlen) zu einer Einigung zwischen Papst und Kaiser Heinrich V. (1106-1125) kam. V. In der aufkommenden Stauferzeit kam es - ausgehend vom Wormser Konkordat - zu einer weiteren Feudalisierung reichskirchlicher Temporalien (1133), die sich ab König Konrad III. (1138-1152) entwickelnde staufische Herrschaftskonzeption rückte zunehmend die honor imperii und das Gottesgnadentum des (von den Fürsten zu wählenden) Königs in den Vordergrund, wobei - unter Rückgriff auf die Gelasianische Zweigewaltenlehre - seit König Friedrich I. (1152-1190) die Unabhängigkeit des deutschen Königtums von den Päpsten bei Kaiserkrönung durch die Päpste betont wurde (Konstanzer Vertrag 1152; Kaiserkrönung Friedrichs I. 1155; Hoftag von Besancon 1157; alexandrinisches Papstschisma 1159-1177 und kaiserliche Gegenpäste; Frieden von Venedig 1177; Dritter Kreuzzug 1189-1192). Das Mit- und Gegeneinander von Kaisertum und Papsttum hielt auch unter den Königen Heinrich VI. (1190-1197) und Friedrich II. (1198/1212-1250) an (Eroberung des Königreichs Sizilien 1194/95; Unio regni ad imperium und Erbreichsplan Heinrichs VI.; deutscher Thronstreit 1198-1208, Papst Innozenz III. [1198-1216] und Dekretale Venerabilem [päpstliches Approbationsrecht]; Italienpolitik Friedrichs II.; Kreuzzug Friedrichs II. 1228/29; Konstitutionen von Melfi 1231; Exkommunikation des Kaisers 1239; Konzil von Lyon und Absetzung des Kaiser 1245; "Endkampf" zwischen Kaisertum und Papsttum; Tod Friedrichs II. 1250). VI. Das Interregnum (1245/56-1273) sah ein Auseinanderdriften zwischen Deutschland und (Reichs-) Italien, von dem auch das Papsttum betroffen war, da es zwischen 1220 und 1312 keine Kaiserkrönungen mehr stattfanden. Neue Mächte traten in Erscheinung, päpstlichen Ansprüchen wie denen unter Papst Bonifaz VIII. (1294-1303) (Bulle Unam sanctam 1302) zum Trotz. Die "babylonische Gefangenschaft" der Päpste in Avignon (1309-1378) führte zu päpstlichen Vorbehalten gegenüber der Kaiserkrönung des deutschen Herrschers Heinrich VII. (1308-1313) (Romzug 1310/13; Kaiserkrönung 1312; Tod Heinrichs VII. 1313). Die Doppelwahl deutscher Könige von 1314 entfachte letztmalig im Mittelalter einen Konflikt zwischen dem Papsttum und König Ludwig dem Bayern (1314-1347) (päpstlicher Prozess gegen Ludwig 1323; Exkommunikation Ludwigs 1324; Kaiserkrönung 1327; Absetzung Papst Johannes XXII. 1328; päsptliche und kaiserliche Publizistik; Kurverein von Rhense 1338; Ludwigs Dekret Licet iuris 1338). Die Goldene Bulle (1356) Kaiser Karls IV. (1346-1378) gab dem römisch-deutschen Reich eine "Verfassung" zur Wahl des Königs, von der der Papst ausgeschlossen war, wiewohl sich die Papstkirche von den Gläubigen in Deutschland immer mehr entfremdete. VII. Die Rückkehr des Papsttums von Avignon nach Rom (1378) eröffnete das "Große Papstschisma" (1378-1417), das erst der römisch-deutsche König Sigismund (1410-1437) auf dem Konzil von Konstanz (1414-1418) beenden konnte (Sigismund als protector ecclesie; Konzilsdekrete Haec sanctae [1414] und Frequens [1415]; Neuwahl eines Papstes 1417). Dem Konstanzer Konzil folgte das von Basel (1431-1449), das indes im Gegensatz zum Papsttum geriet (Verlegung des Konzils nach Ferrara 1437, Basler Rumpfkonzil; Felix V. als Gegenpapst; Wiener Konkordat 1448; Kaiserkrönung Friedrichs III. [1440-1493] in Rom 1452). Am Ende des Mittelalters war das Kaisertum seiner politischen Macht weitgehend beraubt, wirkte aber als "symbolisches Kapital" zur "imperialen Legitimation" weiter fort (universelles Kaisertum, ideologische Wirkmächtigkeit). [Buhlmann, 02.2017]

Goez, Elke (2012), Mathilde von Canossa, Darmstadt 2012, 238 S., Schwarzweißabbildungen, 1 Karte, € 24,90. I. Mathilde von Canossa steht am Ende der für die oberitalienische Geschichte (und darüber hinaus) so bedeutenden Adelsfamilie der sog. Canusiner (benannt nach Canossa). Im politischen Chaos der 1. Hälfte bzw. des 2. Viertels des 10. Jahrhunderts wird ein Siegfried von Lucca fassbar, der der Ahnherr der Canusiner war. Siegfried gelang es wohl - den vagen Aussagen der Vita Mathildis des Donizo (*ca.1070/72-†n.1136) zufolge -, im Gefolge König Hugos von der Provence (926-948) eine Herrschaft um Parma und bis zum Apennin aufzubauen. Von seinen drei Söhnen Siegfried, Adalbert-Atto und Gerhard war Adalbert (958, †988) der erfolgreichste. Er baute die Burg Canossa aus, dehnte seine Herrschaft entlang des Po aus und knüpfte erfolgreich Kontakte zum ostfränkischen König (und Kaiser) Otto I. (936-973), dessen Italienpolitik er unterstützte. Vor 962 wurde Adalbert Graf von Reggio und Modena, vor 977 Graf von Mantua; der herrschaftlichen Durchdringung des Raums zwischen Po und Apennin dienten Gründungen geistlicher Gemeinschaften (Canossa, St. Genesius), ebenso die Kontrolle wichtiger Straßen (Via Francigena). Adalbert wurde so zum prudentissimus marchio der Cronica sancti Genesii. Die Nähe zum deutschen König (Otto III. [984-1002], Heinrich II. [1002-1024]), aber auch zum Papst ermöglichte Adalberts Sohn Thedald (†1015) weiteren Herrschaftszugewinn (Pozölle, Grafschaft Ferrara [1003/09?]). Unter Thedalds Sohn, Markgraf Bonifaz (1015-1053), erreichte die canusinische Machtstellung einen vorläufigen Höhepunkt. Kaiser Konrad II. (1024-1039) machte Bonifaz zum Markgrafen der Toskana (1027), der sich entwickelnde stato canossiano festigte sich nicht nur durch Bonifaz' Kirchen- und Klosterpolitik, sondern auch durch dessen Heirat mit der Herzogstochter Beatrix von Oberlothringen (Mantua 1037/38?). Charakter und Machtbewusstsein des Markgrafen führten dabei zu politischen Unstimmigkeiten mit Kaiser Heinrich III. (1039-1056) und zur Ermordung des Bonifaz (1053). Beatrix erbte den stato canossiano, heiratete gegen den Widerstand des Kaisers Herzog Gottfried den Bärtigen von Oberlothringen (1044-1047, 1065-1069) und musste sich dem deutschen Herrscher letztlich unterwerfen (1055). II. Beatrix und Mathilde von Canossa, Tochter des Bonifaz und der Beatrix, geboren wohl 1046, gerieten in Gefangenschaft, kamen aber nach dem Tod des Kaisers wieder frei (1056). Gottfrieds Sohn, Gottfried der Bucklige (1069-1076), heiratete noch vor dem Tod seines Vaters Mathilde; die aus politischen Gründen geschlossene Ehe war unglücklich, ebenso später (1088) die zweite Ehe Mathildes mit dem viel jüngeren Herzog Welf V. (†1120). Gottfried der Bucklige stand zudem auf Seiten König Heinrichs IV. (1056-1106) im sich entwickelnden Investiturstreit (1075-1122), während Beatrix und Mathilde Anhängerinnen des Reformpapstes Gregor VII. (1073-1085) waren; er wurde 1076 ermordet. In der Folgezeit waren Mutter und Tochter Vermittlerinnen zwischen Papsttum und deutschen Königtum. Nach dem Tod ihrer Mutter (1076) waren Mathildes Aktivitäten zunächst auf die Sicherung der Herrschaft in Ober- und Mittelitalien sowie in Lothringen gerichtet. Der eskalierende Konflikt zwischen König und Papst mündete - unter diplomatischer Beteiligung Mathildes - im "Gang" Heinrichs IV. "nach Canossa" (25.-27. Januar 1077), in den 1080er-Jahren verstärkte sich der Druck des deutschen Königs auf die Partei der Kirchenreformer in Italien und ebenso auf die canusinische Herrschaft Mathildes (zweite Bannung Heinrichs IV. 1080, Gegenpapst Clemens III. [Wibert von Ravenna, 1080-1100], Kleinkrieg gegen Mathilde, Kaiserkrönung Heinrichs IV. 1084, Flucht Gregors VII. aus Rom 1084, Tod des Papstes 1085). Nur mit Mühe konnte Mathilde ihre Besitzungen zurückerobern (bis 1086), die zu Beginn der 1090er-Jahre wiederum durch den Kaiser gefährdet waren, bis Niederlagen und der Aufstand des Heinrich-Sohnes Konrad (1093) den deutschen Herrscher in Norditalien für mehrere Jahre isolierten. Aber auch in Zeiten der Krise entfaltete Mathilde eine adlige Hofkultur (Anselm von Lucca, Bücher und Autoren, Vita Mathildis Donizos als Familiengeschichtsschreibung im Rahmen adliger Repräsentation). Freilich musste sie als comitissa, marchionissa und ducatrix den stato canossiano auf neue Grundlagen stellen (Emanzipation der Lehnsleute und der Städte, dei gratia-Formel der modernen Gerichtsurkunden, Konsensualität von Herrschaft, Adoption des Grafen Guido Guerra 1099). Kontakte zum Papsttum liefen unter Urban II. (1088-1099) und Paschalis II. (1099-1118) über Kardinallegaten, 1102 erneuerte Mathilde die (angebliche?) Schenkung ihrer Allodialgüter an den päpstlichen Stuhl. Die letzten Jahre Mathildes - und der canusinischen Herrschaft - waren erfüllt mit Schenkungen an geistliche Institutionen (Schenkungen an das Reformkloster Vallombrosa 1103, Domneubau in Modena [v.1106], Kloster Polirone als Erbe und Begräbnisstätte der Mathilde). Kontakte zu König Heinrich V. (1106-1125) u.a. im Zusammenhang mit dessen Romzug und Kaiserkrönung (1111) mündeten ein im Zusammentreffen von Bianello und der faktischen Nachfolge des Kaisers im stato canossiano. Am 24. Juli 1115 starb Mathilde und wurde in Polirone begraben. Mythen und Legenden rankten sich der Folge um die Markgräfin; im Jahr 1630 wurde ihr Leichnam nach Rom und in der Petersdom (1635/44) überführt.
Zu den von Mathilde von Canossa ausgestellten (Schenkungs-, Gerichts-) Urkunden vgl. Die Urkunden und Briefe der Markgräfin Mathilde von Tuszien, hg. v. Elke u. Werner Goez (1998) (= MGH. Laienfürsten- und Dynastenurkunden der Kaiserzeit, Bd.2), Hannover 1998, XLIII, 666 S., DM 180,-. [Buhlmann, 06.2013]

Goez, Werner (2000), Kirchenreform und Investiturstreit (910-1122) (= Urban Tb 462), Stuttgart-Berlin-Köln 2000 > I Investiturstreit

Gorys, Erhard (1981), Kleines Handbuch der Archäologie (= dtv 3244), München 21983 > A Archäologie

Gouguenheim, Sylvain (2008/11), Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes, Darmstadt 2011, 265 S., € 24,90, beschreibt durchaus pauschalisierend und vereinfachend die Entwicklung christlich-europäischer (Wissens-) Kultur aus dem Erbe der Griechen bis zum hohen Mittelalter (12. Jahrhundert). Ein differenzierteres historisches Szenario lässt hingegen das Folgende erkennen: Gedankengut aus der griechischen Antike und Philosophie floss mit der Christianisierung des (spätantiken) römischen Reichs zunächst in die sich ausformende christliche Religion mit ein. Für das frühe lateinische Mittelalter sind - beginnend bei Boethius und Cassiodor - dann immer wieder europäische (direkte) Kontakte zum oströmisch-byzantinischen Kulturraum belegt (Sizilien, Süditalien und Rom; karolingische Hofkultur, karolingische und ottonische Renaissance; Simeon von Reichenau [10. Jahrhundert, Anfang], Gunzo von Reichenau, Simeon von Trier [†1035]; Aufkommen der Scholastik im 12./13. Jahrhundert; griechisch-lateinische Aristotelesübersetzungen u.a. des Jakob von Venedig [†1140/50, auf dem Mont Saint-Michel?]). Daneben sind arabisch-islamische Kultureinflüsse auf das lateinische Europa nicht zu verkennen (Spanien und Toledo, Süditalien und Normannenreich), kriegerischen Ereignissen wie den Kreuzzügen zum Trotz (Mit- und Gegeneinander der Kulturen). Dabei nutzten Christentum und Islam das griechisch-antike Wissen über Philosophie, Mathematik oder Medizin durchaus selektiv (Übersetzungstätigkeit auch syrischer Christen auch ins Altsyrische und Arabische im 7. bis 10. Jahrhundert, christlich-lateinische Übersetzungen des Hochmittelalters, arabisch-islamische Übersetzungen des 13. Jahrhunderts). Für das christlich-katholische Europa war die Rezeption von Werken des Aristoteles allerdings nur eine Facette des "Wissensaufstiegs" im späteren Mittelalter (Scholastik, Universitäten, Erfindungen und Entdeckungen; von Europa sich ausbreitende "abendländische Wissensgesellschaft" des Spätmittelalters und der Neuzeit). [Buhlmann, 01.2012]

Graevenitz, Christel Maria von (2003), Die Landfriedenspolitik Rudolfs von Habsburg (1273-1291) am Niederrhein und in Westfalen (= RA 146), Köln-Weimar-Wien 2003, 334 S., € 9,-. Die Regierungszeit König Rudolfs I. von Habsburg (1273-1291) stand unter dem Programm der pax et iustitia (pax et concordia); insofern kam der Landfriedenspolitik in Anschluss an den Mainzer Reichslandfrieden Kaiser Friedrichs II. (1212-1250) von 1235 und an den Rheinischen Städtebund von 1255/56 besondere Bedeutung zu. U.a. vermöge der Reichssprüche als Herrschaftsinstrument des Königs (Rechtsgewohnheit -> Gesetz) gelang es Rudolf, regionale Landfrieden u.a. im Niederrheinland und in Westfalen zu errichten bzw. zu unterstützen. Die (zum Teil befristeten) niederrheinischen Landfrieden betrafen: Friedensbündnis zwischen dem Kölner Erzbischof und der Reichsstadt Aachen (zwischen Rhein und Maas; 1275, 1278), Landfriedenseinung zwischen dem Kölner Erzbistum, Brabant, Geldern und Kleve (1279), den rheinischen Provinziallandfrieden von 1281 ([nicht überlieferter] Reichsspruch Rudolfs I. [Definition lantfride, als Einung zwischen Städten und Herren -> Landfriedenseinung] -> "Landfriedensjahr" 1281, deutsche Fassung des Mainzer Reichslandfriedens [14. Dezember 1281, Zoll- und Münzregal, ungerechte Zölle], Landfriedensorganisation). Flankiert wurde die Maßnahmen des Königs in Bezug auf die Landfrieden von der parallelen Einführung von Landvogteien als königliche Herrschafts- und Friedensbezirke unter der Leitung von Landvögten, die auch für den Landfrieden zuständig waren (Neustrukturierung der Reichsordnung, Revindikationen, Unterstützung des Landfriedens, Landvögte als Stellvertreter des Königs [lehnsrechtlich übertragenes Amt und landrechtliche Organisation]; Herzog Johann von Brabant als Landvogt zwischen Rhein und Maas [ab 1279 bzw. 1281/82], Graf Eberhard von der Mark als Landvogt zwischen Rhein und Weser [ab 1282] <-> westfälischer Dukat des Kölner Erzbischofs). Erst spät, im Jahr 1298, gelang es Graf Eberhard II. von der Mark (1277-1308), mit Hilfe des ("ewigen") Wernerbundes (Bund aus westfälischen Städten um Soest, Dortmund, Lippstadt 1253/64) einen westfälischen Landfriedensbund unter Einschluss des Kölner Erzbischofs und des Bischofs von Münster zustandezubringen. Die Friedensordnungen König Rudolfs mündeten im auf Würzburger Synode und Hoftag beschlossenen Reichslandfrieden vom 24. März 1287 (Landfriedensordnung als regionale Friedensorganisation, integriert in den Mainzer Reichslandfrieden; unbegrenzte Geltung des Friedens). 1288 erfolgte die Bildung (Erneuerung) eines niederrheinisch-westfälischen Landfriedensbundes (für zehn Jahre; Schlacht bei Worringen als Landfriedensexekution). Die Friedensordnung am Niederrhein und in Westfalen blieb auch unter König Adolf von Nassau (1292-1298) erhalten. Der niederrheinisch-westfälische Landfriedensbund von 1301 unter König Albrecht I. (1298-1308) stand - beim Gegeneinander zwischen König und rheinischen Kurfürsten - im Gegensatz zum "herzoglichen" Friedensbund des Kölner Erzbischofs Heinrich von Virneburg (1306-1332) in Westfalen. Kontinuitäten in der Landfriedensordnung sind auch unter den Herrschern Heinrich VII. (1308-1314) und Ludwig dem Bayern (1314-1347; Bacharacher Landfriede von 1317) feststellbar. Der Reichsspruch König Rudolfs I. von 1281 floss auch in die Bestimmungen der Goldenen Bulle von 1356 ein, ohne dass Kaiser Karl IV. (1347-1378) an die rudolfinische Landfriedensordnung anknüpfte. Letztere lebte weiter u.a. im fränkischen Landfrieden von 1358, in der "Reichseinung" König Wenzels (1378-1400) von 1383 und schließlich in den Kreisordnungen von 1512 und 1521/22 (Einteilung des Reiches in Reichskreise; Reichsreform). [Buhlmann, 03.2013]

Graml, Hermann, Europa zwischen den Kriegen (= dtv 4005), München 51982 > D dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts

Graßnick, Ulrike (2004), Ratgeber des Königs. Fürstenspiegel und Herrscherideal im spätmittelalterlichen England (= EK 15), Köln-Weimar-Wien 2004, XII, 471 S., € 14,90. Mittelenglische Fürstenspiegel, meist basierend auf dem (lateinischen, französischen) Fürstenspiegel De regimine principum (ca.1277/9) des Aegidius Romanus, stammen von John Trevisa (*1340er-†1402; The Governance of Kings and Princes), Thomas Hoccleves (*1366/67-† 1426; The Regiment of Princes), John Lydgates (*ca.1371-†1449?; The Secrees of old Philisoffres), Gilbert Hays (*1399/1400-†n.1470; The Buke of the Gouernaunce of Princis), George Ashby (*1390-†1474; Active Policy of a Prince), John Gower (*ca.1330-†1408; Confessio Amantis, Buch VII) und Geoffrey Chaucer (*ca.1340-†1400; Canterbury Tales: The Tale of Melibee). Die Fürstenspiegel (specula, Spiegelliteratur, "pragmatische Schriftlichkeit") vermitteln auf unterschiedliche Weise in Handlungsanleitungen Modelle herrscherlichen Handelns, indem sie den Fürsten reflektieren als (Tugenden und Laster, Krankheit und Gesundheit unterliegende) Person, die eingebunden ist in Ehe und Familie (Kinder und Thronfolger, königliche Haushaltung und Ökonomie) sowie in Politik (Distinktion, Herrschaftspraxis, Ratgeber, Gesetz, Adel und Untertanen, Krieg). U.a. über exempla fließen in die Fürstenspiegel bei aller Situationsentbundenheit des Geschilderten doch auch aktuelle politische Bezüge mit ein. Dabei legen die Fürstenspiegel Wert auf die christliche Tugendlehre (christliches Tugend- und Lastermodell) und lassen sich sowohl im literarischen und politischen Umfeld der spätmittelalterlichen Gesellschaft Englands verorten. Z.B. endete die (zuletzt) nicht unumstrittene Herrschaft König Richards II. (1377-1399) mit Richards Sturz (1397/99) und der Nachfolge des Usurpators Henry Bolingbroke; Sturz und Usurpation wurden auch gerechtfertigt mit aus Fürstenspiegeln entlehnten Argumenten (articles of deposition [1399]; Epitaph Richards II. in der Westminster Abbey). [Buhlmann, 11.2014]

Gravett, Chris (2001), Atlas der Burgen. Die schönsten Burgen und Schlösser, Wien 2001, 192 S., Farbabbildungen, Pläne, Karten, € N.N. Der Atlas der Burg thematisiert beispielhaft mittelalterliche Burgen und Wehranlagen in den europäischen Ländern in Frankreich, England, Walse, Schottland, Irland, Deutschland, Belgien, Luxemburg und Niederlande, Österreich, Schweiz, Italien, Norwegen, Schweden und Dänemark, Tschechien, Polen, Ungarn, Rumänien und Slowenien sowie Russland, weiter christliche und muslimische Befestigungen im Nahen Osten zurzeit der Kreuzzüge neben indischer, chinesischer, japanischer und mittel-/südamerikanischer Befestigungstechnik, schließlich die in der frühen Neuzeit einsetzende Weiterentwicklung von Burganlagen zu Festungen, Forts und Bunkern in Europa, Nordamerika und weltweit. [Buhlmann, 03.2017]

Grebe, Anja (2007), Codex Aureus. Das Goldene Evangelienbuch von Echternach, Darmstadt 22008, 2011, Sonderausgabe, 152 S., zahlreiche Farbabbildungen, € 14,90. Der Codex Aureus, ursprünglich aus dem Kloster Echternach, kam 1801 an den Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, 1953/55 an das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Die einmalige mittelalterliche Prunkhandschrift, benannt nach ihrem mit Goldtinte niedergeschriebenen Text, entstand um 1040/50 im Kloster Echternach, im wichtigsten Skriptorium der Salierzeit, wurde für den salischen König Heinrich III. (1039-1056) angefertigt und besteht aus 136 foliogroßen (44,5 cm x 31 cm) Pergamentseiten zu 17 Lagen. Der "Echternacher Codex" ist das "Goldene Evangelienbuch", ein Evangeliar der vier neutestamentlichen Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, versehen mit einer Vorrede des Kirchenvaters Hieronymus, des Übersetzers der Vulgata, den Kanontafeln (Evangelienkonkordanzen) und der Einleitung des Carpianus zu den Kanontafeln; es fehlt ein Capitulare Evangeliorum mit den Perikopen. Die zahlreich bebilderte Handschrift enthält am Beginn eine "Majestas Domini"-Darstellung, den Evangelien sind jeweils mit einer Einleitung, dem Evangelistenbild sowie der Incipit- und Initialzierseite vorgeschaltet; am Ende eines Evangeliums steht das Explicit. In den Einleitungsteilen zu den Evangelien ist darüber hinaus in aufwändigen Bildern der "harmonisierte" Christuszyklus (in vier Teilen) zu sehen, von Verkündigung und Geburt über Kindheits- und Wunderszenen bis zu Kreuzigung, Auferstehung und Pfingstwunder. Vier Teppichseiten ergänzen das Bildrepertoire der Handschrift. Der Evangelientext besteht aus karolingischen Minuskeln in Goldschrift, die Initialen sind ornamental-figürlich ausgeführt. Geschützt sind die Pergamentseiten des Evangeliars von einem Prunkeinband, dem wohl 985/91 in Trier für König Otto III. und die Königsmutter und Regentin Theophanu angefertigten goldenen Buchdeckel, versehen auf der Vorderseite mit einer Elfenbeintafel (Kreuzigungsszene) und aufwändigen Goldreliefs (Darstellung der Stifter Otto und Theophanu, der Heiligen Maria, Petrus, Benedikt von Nursia, Willibrord, Bonifatius, Liudger); die Rückseite ist mit byzantinischer Seide bezogen. Der Nürnberger Codex Aureus ist die wohl wichtigste Handschrift aus dem Echternacher Skriptorium unter Abt Humbert (1028-1051), das wiederum die ottonische Buchmalerei fortsetzte ("Meister des Registrum Gregorii" und dessen Trierer Werkstatt). Zu erwähnen sind die weiteren Prunkhandschriften Echternacher Herstellung für König Heinrich III.: Evangelistar König Heinrichs III. (1039/43), Codex Aureus Escorialensis (1043/46), Codex Caesareus (vor 1051). > Lateinische Literatur > C Codex Aureus, Codex Caesareus, > E Evangelistar König Heinrichs III. [Buhlmann, 07.2012]

Grebe, Anja (Einl.) (2013), Homer "Ilias" und "Odyssee". Die Zeichnungen von John Flaxman (= Besondere Wissenschaftliche Reihe 2013), Darmstadt 2013, 160 S., Schwarzweißillustrationen, € ca.12,-. Der Londoner John Flaxman (*1755-†1826), mit 14 Jahren Schüler der Royal Academy School von London, Bildhauer und Zeichner, Designer für Vasen- und andere Dekore, Schöpfer von Porträtbüsten, Skulpturen und (Grab-) Denkmälern, Italienreisender (1787-1794), erster Professor für Skulptur der Royal Academy (1810), illustrierte in klassischem Stil, frieshaft und in linearer Abstraktion Homers Ilias und Odyssee mit 34 bzw. 28 Zeichnungen (1792). Flaxman stellte sich damit in eine Tradition der Illustrierung von Ilias und Odyssee seit dem späten Mittelalter. [Buhlmann, 03.2013]

Grebner, Gundula, Fried, Johannes (Hg.) (2008), Kulturtransfer und Hofgesellschaft im Mittelalter. Wissenskultur am sizilianischen und kastilischen Hof im 13. Jahrhundert (= Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel, Bd.15), Berlin 2008, 404 S., Farbtafeln, € 19,80. I. Messianische Erwartungen im (abendländischen) Judentum bestimmten die Jahre um 1240 (als jüdisches Jahr 5000) (Endzeitberechnungen, Mongolen als Gog und Magog, Einwanderung ins Heilige Land, christliche Reaktionen [Blutlüge von Fulda 1235; Ritualmordvorwürfe in Lauda, Tauberbischofsheim, Wolfhagen 1235; Talmudprozess in Paris 1240, Talmudverbrennung in Paris 1242]) (Israel Yakob Yuval, Das Jahr 1240: Das Ende eines jüdischen Millenniums). II. Ulrich Oevermann, Charismatisierung von Herrschaft und Geltungsquellen von Gerechtigkeit im Prooemium der Konstitutionen von Melfti (1231) des Kaisers Friedrichs II. - Eine objektiv hermeneutische Sequenzanalyse des Dokuments, hebt unter Verweis u.a. auf den biblischen Schöpfungsbericht und der begrifflichen Bedeutung des Wortes subiecta die durch den Text abgebildete Rechtschöpfung und Rationalisierung hervor. III. Das Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. (1198/1212-1250) behandelt Joachim Poeschke, Der Herrscher als Autor. Zu den Miniaturen im Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. (Cod. Pal. lat. 1071) (Manfred-Handschrift des Falkenbuchs mit ihren Textnähe widerspiegelnden Abbildungen außerhalb des Satzspiegels, Manfred- und Bottatius-Handschrift). IV. Geografisches Wissen am Hof bzw. in der Umgebung Kaiser Friedrichs II. wird offenkundig besonders in den Werken des Hofgelehrten Michael Scotus (†ca.1235), war indes theoretisch und geografisch nur beschränkt vorhanden (Folker Reichert, Geographisches Wissen in der Umgebung Friedrichs II.). V. Der lateinische Moamin, angefertigt am sizilischen Hof Kaiser Friedrichs II., beruht auf arabischen Vorlagen (arabische Falknerei- und Jagdliteratur [ab 8. Jahrhundert]), wahrscheinlich vermittelt über die tunesischen Hafsiden (Anna Akasoy, Zu den arabischen Vorlagen des Moamin). Um eine Moamin-Handschrift im Besitz des Kaisers, nicht etwa um ein "Zweites Falkenbuch" handelt es sich wahrscheinlich bei dem 1248 vor Parma erbeuteten Manuskript, das 1264/65 von dem Mailänder Kaufmann Guilielmus Bottatius Karl von Anjou (sizilischer König 1266-1285) angeboten wurde (Martin-Dietrich Gleißgen, Baudouin Van den Abeele, Die Frage des "Zweiten Falkenbuchs" Friedrichs II. und die lateinische Tradition des Moamin; Johannes Fried, Die Handschrift des Guilielmus Bottatius aus Mailand) > Lateinische Literatur > B Bottatius-Handschrift. Der lateinische Moamin als Abhandlung zur Falken- und Hundekunde beruht auf der Übersetzung des gelehrten magister Theodorus philosophus am Hof des Kaisers (1240/41-v.1248) und auf einer Redaktion des Herrschers selbst. Noch vor 1248 entstanden (mindestens) sechs Abschriften des Moamin (Falken- und Hundestationen des Kaisers im sizilianischen Königreich), weitere Abschriften in staufischer Tradition traten hinzu (Stefan Georges, Der staufische Anteil an der Moamin-Tradition). Der lateinische Moamin bildete dann die Grundlage für den altfranzösischen (13./14. Jahrhundert), während der kastilische Moamin (13. Jahrhundert) unabhängig davon entstand (Barbara Krause, Der altfranzösische Moamin. Überlegungen zum Verhältnis des Brüsseler und des Venezianer Manuskriptes; Barbara Schlieben, Wissen am alfonsinischen Hof - der kastilische Moamin als Beispiel für höfisches Wissen). Ebenso nutzte Albertus Magnus (†1280) eine auf den lateinischen Moamin beruhende Practica canum für seine Schrift De animalibus (ca.1260) (Martina Giese, Ut canes pulcherrimos habeas ..., die kynologische Hauptvorlage von Albertus Magnus De animalibus) > M Moamin. VI. Kaiser Friedrich II. als "fragender Herrscher", vielfach an Wissen interessiert, richtete Fragen auch an seinen Hofgelehrten Michael Scotus; die Fragen u.a. zu Erde und Himmel, Diesseits und Jenseits spiegeln sich wieder im zweiten Buch von Michael Scotus' Werk Liber Introductorius, dem Liber particularis (Gundula Grebner, Der Liber Nemroth, die Fragen Friedrichs II. an Michael Scotus und die Redaktionen des Liber particularis; Silke Ackermann, Habent sua fata libelli - Michael Scot an the transmission of knowledge betwenn the courts of Europe) > L Liber Nemroth. Das dritte Buch des Liber Introductorius, der Liber physonomie, kann als Beginn der mittelalterlichen Physiognomie gelten (Joseph Ziegler, The Beginning of Medieval Physiognomy: The Case of Michael Scotus) > M Michael Scotus. VII. Charles Burnett, Royal Patronage of the Translations from Arabic into Latin in the Iberian Peninsula, beschäftigt sich mit den aus dem spanischen Raum stammenden Übersetzung von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. VIII. Johannes Kabatek, Das Kastilische und der alfonsinische Hof: Über Texttraditionen, Sprache und Geschichte, stellt einen Zusammenhang zwischen Gesetzestexttraditionen und der kastilischen Volkssprache her. IX. Das Compendiloquium des Johannes von Wales (†1285) bietet als exemplum eine "Inszenierung des höfischen Aristoteles" und damit ein Plädoyer für den Philosophen als Hofgelehrten (Thomas Ricklin, De honore Aristotelis apud principes oder: Wie Aristoteles in die höfische Gesellschaft des 13. Jahrhunderts einzieht: Das Beispiel des Johannes von Wales) > J Johannes von Wales. [Buhlmann, 05.2014]

Gregor von Tours, Geschichtsschreiber: Gregor von Tours, geboren 538 in der Auvergne und römisch-senatorischer Abstammung, gestorben am 17. November 594 als Bischof von Tours, war wohl einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber am Anfang des Mittelalters. In seinem auf Latein verfassten Hauptwerk "Zehn Bücher Geschichte" beschrieb der "Geschichtsschreiber der Franken" aber nicht nur die fränkisch-merowingische Reichs- und Zeitgeschichte, sondern legte seinem historiografischen Werk auch das Konzept einer Universalchronistik und eine politisch-soziale Gesellschaftskonzeption zugrunde. Daneben sind auch die kleineren Schriften Gregors wie das Buch "Vom Ruhm der Märtyrer" oder die Schrift "Über den Lauf der Sterne" überliefert.
Verwiesen sei auf: Gregorii Turonensis Opera, Tl.1, hg. v. Bruno Krusch, Wilhelm Levison (1951) (= MGH. Scriptores rerum Merovingicarum, Bd.1,1), 1951, Nachdruck Hannover 1993, XLII, 641 S., DM 210,-; Gregorii Turonensis Opera, Tl.2, hg. v. Bruno Krusch, Wilhelm Levison (1937/51) (= MGH. Scriptores rerum Merovingicarum, Bd.1,2), 1937-1951, Nachdruck Hannover 1969, 408 S., DM 140,-; Gregor von Tours, Zehn Bücher Geschichten, hg. v. Rudolf Buchner (1974/77) (= FSGA A 2-3), Darmstadt 51977, 61974, LII, 381 bzw. 476 S., zus. DM 104,-; Heinzelmann, Martin (1994), Gregor von Tours (538-594), "Zehn Bücher Geschichte". Historiographie und Gesellschaftskonzept im 6. Jahrhundert, Darmstadt 1994, X, 275 S., DM 69,-. > Lateinische Literatur > G Gregor von Tours. [Buhlmann, 07.1996]

Gregor VII., Papst: Hildebrand, geboren um 1015/20 oder um 1020/25, aus Rom oder dem südlichen Tuszien stammend, erhielt seine geistlich-kanonikale Ausbildung in Rom u.a. unter Erzbischof Laurentius von Amalfi (†1049). Er begleitete - als Folge der Synode Kaiser Heinrichs III. (1039-1056) in Sutri (1046) - 1046/47 Papst Gregor VI. (1045-1046, †1047) ins Exil nach Köln. 1049 wurde er als Subdiakon zum Berater und Legaten des Reformpapstes Leo IX. (1049-1054), seit 1050 verwaltete er die römische Abtei San Paolo fuori le mura. Unter Papst Viktor II. (1055-1057) war er Kanzleileiter, unter den Päpsten Nikolaus II. (1058-1061) und Alexander II. (1061-1073) Archidiakon (Lateransynode von 1059) und Legat. Nach dem Tod Alexanders wurde Hildebrand tumultarisch zum Papst erhoben und nahm den Namen "Gregor VII." an (1073). Hildebrand - oder Gregor - setzte die Politik des Reformpapsttums (gesamtkirchliche Rolle des Papsttums, Bekämpfung von Simonie und Priesterehe) fort, das wohl im Original erhaltene Briefregister des Papstes zeigt die Vernetzung des römischen Bischofs mit europäischen Königen und Fürsten, führt zum Jahr 1075 den dictatus papae (27 Artikel über päpstliche Rechte und Vorrechte, Papstdoktrin, päpstlicher Zentralismus) auf und weist allgemein auf das gestiegene päpstliche Sendungsbewusstsein hin. Das gesamtkirchliche Handeln Gregors (z.B. auch in Hinblick auf das byzantinische Reich und das Heilige Land [Planung von Kreuzzügen]) verengte sich indes im Rahmen des sog. Investiturstreits weitgehend auf die Auseinandersetzungen mit dem deutschen König Heinrich IV. (1056-1106). Diese entzündeten sich u.a. an Streitigkeiten um das Mailänder Erzbistum (Pataria gegen Erzbischof Tedald [1075-1078]) und an den Beschlüssen der Wormser Synode deutscher Bischöfe (Januar 1076). Es folgten der durchaus spontane Entschluss Gregors, Heinrich IV. die Königsherrschaft zu entziehen und dem Kirchenbann zu unterwerfen (römische Fastensynode im Februar 1076), der berühmte Gang nach Canossa und die Lösung vom Kirchenbann (Januar 1077). Heinrich hatte danach freie Hand, gegen den Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden (1077-1080) vorzugehen, während sich der Papst zunächst als unparteiischer Schiedsrichter im Thronstreit sah. 1080 bannte Gregor Heinrich IV. indes erneut und setzte ihn ab, jedoch verfehlte der zweite Kirchenbann seine Wirkung. Nach dem Tod Rudolfs von Rheinfelden konnte Heinrich vielmehr in Italien eingreifen und bedrohte Rom (1081-1083), wo sich der König im März 1084 endlich durchsetzen konnte (Erzbischof Wibert von Ravenna als Gegenpapst Calixt (III.) [1084-1100), Kaiserkrönung Heinrichs), während Papst Gregor VII. ohnmächtig von der Engelsburg, in die er geflohen war, den Ereignissen zusah. Die mit Gregor verbündeten Normannen vertrieben den deutschen König, plünderten jedoch auch Rom, so dass der den Römern schon länger verhasste Papst ins Exil im normannischen Salerno gehen musste (Mai/Juni 1084). Dort starb er - erkrankt - am 15. Mai 1085.
Genannt seien die folgenden Biografien: Blumenthal, Uta-Renate (2001), Gregor VII. (= GMR), Darmstadt 2001, XIII, 376 S., DM 59,-; Schieffer, Rudolf (2010), Papst Gregor VII. Kirchenreform und Investiturstreit (= BSR 2492), München 2010, 112 S., € 8,95. In die Geschichte des 11. Jahrhunderts stellt Papst Gregor VII.: Gförer, A.Fr. (1859/61), Pabst Gregorius VII. und sein Zeitalter: Bd.1, Schaffhausen 1859, XVI, 670 S., 2 Karten, Bd.2, Schaffhausen 1859, XIX, 671 S., 2 Karten, Bd.3, Schaffhausen 1859, XIX, 670 S., 1 Karte, Bd.4, Schaffhausen 1859. XIX, 584 S., Bd.5, Schaffhausen 1860, XL, 939 S., 3 Karten, Bd.6, Schaffhausen 1860, XXXII, 827 S., Bd.7, Schaffhausen 1861, XXIII, 966 S., 2 Karten, [Registerbd.]: Vollständiges Namen- und Sach-Register, v. H. Ossenbeck, Schaffhausen 1864, 214 S., zus. DM 98,-. [Buhlmann, 09.2001, 07.2011, 02.2013]

Greifenberg, Dominik (2015), Die Stadtmauer als Objekt korporativer Identifikation? Zur symbolischen und soziokulturellen Bedeutung der Stadtmauer für die Kölner Kommunue im Hoch- und Spätmittelalter, in: AHVN 218 (2015), S.25-94. Der Ausbildung der Kölner Bürgergemeinde im hohen Mittelalter hatte in der Kölner Stadtmauer als Objekt der sich ausbildenden Stadt bzw. der Stadtherrschaft des Kölner Erzbischofs zunächst politische Bedeutung (Verleihung des Befestigungsrechts an die Bürger durch Kaiser Heinrich IV. 1106; Vergleich zwischen Stadtherrn und Bürgern 1180; Stadtmauer ca.1190; Brau- und Mahlsteuer für Stadtmauerbau 1212). Daneben spielte die Befestigung der Stadt Köln als politisches Symbol der Bürgergemeinde und als Ausdruck einer die Bürgerschaft (auch topografisch) umfassende und beherbergende Großarchitektur eine wichtige Rolle: als "kommunales Verwaltungsobjekt", als Befestigung der Stadt, als Grenze zwischen Stadt und Land, als Markierung des städtischen Rechtsbezirks usw. Die Stadtmauer gehörte im Spätmittelalter zur Stadt Köln (Colonia sancta) als "visualisierter Idealstadt", offenbarte sich so in den Kölner Stadtsiegeln (großes romanisches Stadtsiegel 1149 [wohl als erstes deutsches Stadtsiegel], gotisches Stadtsiegel 1268/69) und wurde als zu erinnerndes Denkmal gesehen (Grabmal Erzbischof Philipps von Heinsberg [n.1320], Denkmal an der Ulrepforte [1370er-Jahre]). Die Stadtmauer wurde somit zu einem "soziokulturellen Symbol" der Kölner Stadtgemeinde und definierte Einheit und Zusammenhalt der Bürgergemeinde mit. [Buhlmann, 05.2016]

Greiner, Karl, Greiner, Siegfried (Bearb.) (1950), Hirsau. Seine Geschichte und seine Ruinen, Pforzheim 141993 > H Hirsau

Greiner, Siegfried (1984), Wolfram Maiser von Berg. Ein tatkräftiger Hirsauer Abt im 15. Jahrhundert, in: Der Landkreis Calw 1984, S.3-18 > H Hirsau

Greiner, Siegfried (1985), Die "Hirsauer Klosterlandschaft" unter Abt Wilhelm und seinen Nachfolgern, in: Der Landkreis Calw 1985, S.1-9 > H Hirsau

Gresser, Georg (1998), Das Bistum Speyer bis zum Ende des 11. Jahrhunderts (= QAMrhKG 89), Mainz 1998, X, 267 S., € 6,-. Vielleicht nach dem spätantiken Nimitum episcopus Jesse im römischen Reich (346) tritt das frühmittelalterliche Bistum in der vaccina ("Kuhdorf") Speyer (als Vorort des linksrheinischen Speyergaus) erst 614 mit Bischold Hilderich im merowingischen Frankenreich in Erscheinung. Kontinuitäten christlicher Religion zwischen Spätantike und fränkischer Zeit sind nicht auszumachen. Bischöfliche Handlungsspielräume (Amtsübernahme, Amtserhalt, Verwaltung) orientierten sich im Franken- und ostfränkisch-deutschen Reich an der Politik der Herrscher und an regional-lokalen Gegebenheiten. So geriet das Bistum unter Bischof Dragobodo (664/66) im Zusammenhang mit dem missglückten "Staatsstreich" des karolingischen Hausmeiers Grimoald politisch ins Hintertreffen, während er durch die Gründung des Klosters Weißenburg durchaus die Christianisierung des Bistums vorantrieb. Weißenburg nahm in der Folge bis zu Bischof David (743/44, -759/69) die zentrale Stellung im Bistum ein, bis die auf den Trierer Bischof Liutwin zurückgehende Adelsfamilie der Widonen im Gefolge der Karolinger wichtige Positionen im Speyrer Bistum unter Bischof Basin (762, 780)und in Hornbach, Mettlach und Weißenburg einnehmen konnten. Doch hielt der widonische Einfluss im Bistum nicht lange an und wurde durch das karolingische Königtum wieder eingeschränkt. Der Aufstieg Speyers von der vaccina zur metropolis begann unter den Bischöfen Gebhard I. (847, 877), Gotedank (888, 895) und Einhard (903, -918) (karolingischer Dom 858, Domstift) in spätkarolingischer Zeit und setzte sich im 10. Jahrhundert fort. Vor dem Hintergrund der Machtstellung der Widonen-Salier (Herzog Konrad der Rote als Widone, dessen Sohn Herzog Otto von Worms als Salier) im Bistum gelang Bischof Reginbald I. (ca.941-949/50) die Erringung der Stadtherrschaft über Speyer (946). Das Bistum selbst war eingebunden in die ottonisch-salische Reichskirche, die Bischöfe selbst treue Parteigänger der ostfränkisch-deutschen Könige. Bischöfe und salische Könige förderten seit Reginbald II. (1033-1039) und Kaiser Konrad II. (1024-1039) Stadt und Bistum Speyer. Dombau und Saliergrablege (memoria) machten seit Kaiser Heinrich III. (1039-1056) aus Speyer die metropolis Germaniae. Zahlreiche salische Schenkungen (wie die Klöster Limburg, Klingenmünster, Kaufungen oder Lambrecht), gerade unter Kaiser Heinrich IV. (1056-1106), schufen eine territoriale Grundlage des von den Saliern bevogteten Bistums auch im Rechtsrheinischen. So konnte sich Heinrich IV. noch im Investiturstreit (1075-1122) auf die Speyrer Bischöfe Rüdiger Huzmann (1075-1090) und Johannes (1090-1104) stützen. Mit dem umstrittenen Bischof Gebhard II. (1104-1107), einem an gregorianischer Kirchenreform orientierten Mönch aus dem Schwarzwaldkloster Hirsau, endet die Zeit des Bistums Speyer als Teil der Reichskirche königlicher Prägung. [Buhlmann, 12.2014]

Grethlein, Jonas (2017), Die Odyssee. Homer und die Kunst des Erzählens, München 2017, 329 S., Schwarzweißabbildungen, Karte, € 24,95. Die "Odyssee" des altgriechischen Dichters Homer (homerische Frage) gehört zu den Werken der Weltliteratur, die bis heute wirken. Das Epos, die Heimkehrergeschichte (nostos) vom (leidenden) Odysseus, der das Schicksal einer jahrelangen Irrfahrt vom zerstörten Troja nach seiner Heimat Ithaka erträgt, gliedert sich antik in 24 Bücher und in die drei Abschnitte ("Kleinepen"): Telemachie (Unternehmungen des Telemach, Erzählungen über Odysseus), Phaiakis (Odysseus bei den Phaiaken, seine Erzählungen über die Irrfahrt [Apologe]), Rückkehr (Wiedererkennung des Odysseus, Odysseus und die Freier). Es sind mithin erzählte Geschichten (Binnenerzählungen), die vielfach die "Odyssee" ausmachen: Geschichten über, (Irrfahrt-, Lügen-) Geschichten von Odysseus, Geschichten im Rückblick (Retrospektive), von denen - meisterhaft inszeniert - für den Leser die Faszination der Erfahrungsvermittlung und -verarbeitung ausgeht, obwohl doch der Ausgang der geschilderten Geschehnisse und der "Odyssee" klar ist. Die Aufeinanderfolge der Binnenerzählungen bewirkt dabei eine "narrative Vorstrukturierung" des erzählten Mythos, dessen Held so das Wesen des Menschseins reflektiert: Der Mensch (Odysseus) ist polytropos ("verschlagen werdend", "verschlagen": polytlas, polymetis, Leid <-> List), daraus resultierend: duldend, neugierig, stark, klug usw. Die Binnenerzählungen machen aus der "Odyssee" darüber hinaus ein reflexiv-autoreferentielles Epos, das sich selbst in den Erzählungen seiner Protagonisten widerspiegelt. Sie vermitteln mithin die Erfahrungen des Menschseins, die "Odyssee" ist aber auch eingebunden in die archaische Zeitepoche der griechischen Antike mit der "großen griechischen Kolonisation" im Mittelmeerraum und der griechischen Kunst mit ihrer Vasenmalerei (Polyphemabenteuer). [Buhlmann, 05.2017]

Grevel, Wilhelm (1881), Das Gerichtswesen im Stifte Rellinghausen von der ältesten Zeit bis zu dessen Auflösung, in: EB 1 (1881), S.15-45 > R Rellinghausen

Grevel, Wilhelm (1884), Die Statuten der früheren Gilden und Ämter in der Stadt Steele und im übrigen Hochstift Essen, in: EB 8 (1884), S.85-107 > S Steele

Grevel, Wilhelm (1886), Der Reichstag zu Steele unter Kaiser Otto dem Großen, in: EB 11 (1886), S.1-49 > S Steele

Grevel, Wilhelm (1886), Die Anfänge der Stadt Steele, in: EB 11 (1886), S.51-83 > S Steele

Greven, Joseph (1929), Die Schrift des Herimannus quondam Judaeus "De conversione sua opusculum", in: AHVN 115 (1929), S.111-135. Hermann von Köln (Hermann von Scheda, Hermannus quondam Iudaeus; *1107/08, †n.1181) war jüdischer Konvertit, Prämonstratensermönch. Judas-Hermann, ein Sohn reicher jüdischer Eltern, war schon bald in die Geschäfte seiner Familie involviert. Gegen 1130 hat er Bischof Ekbert von Münster (1127-1132) in Mainz mit einem Darlehen ausgeholfen. Um diese Zeit konvertierte der Jude zum christlichen Glauben und trat als Mönch Hermann ins Prämonstratenserkloster Cappenberg ein. In Cappenberg soll Hermann die in der historischen Forschung umstrittene Autobiografie De conversione sua opusculum verfasst haben, wohl zwischen 1145 und 1150. Darin schildert der Autor - mit Hinweisen auf die Cappenberger Gründungsgeschichte - seine Bekehrung, die sich in anderer Form in der Lebensgeschichte des Grafen Gottfried von Cappenberg, der Vita Godefridi, wiederfindet. Eine gleiche Autorschaft von Opusculum und Vita wird daher teils angenommen, teils zumindest nicht ausgeschlossen. Hermann soll vor 1147, wahrscheinlich 1143 erster Propst des neu gegründeten Prämonstratenserklosters Kloster Scheda geworden sein, doch wird diese Vermutung in der neueren historischen Forschung weitgehend abgelehnt. Hermann starb irgendwann nach 1181. [Buhlmann, 03.2006]

Griep, Hans-Joachim (2005), Geschichte des Lesens. Von den Anfängen bis Gutenberg, Darmstadt 2005, 239 S., € 24,90. Nach Betrachtungen zum Lesen aus dem Himmel (Astronomie) und aus dem menschlichen Körper (Medizin) bei altorientalisch-antiken Kulturen wendet sich der Autor dem Lesen von Zeichen und Schrift zu. Entstanden aus Zeichen und Symbolen, erfolgte im Vorderen Orient am Beginn des 3. Jahrtausends v.Chr. die Phonetisierung der Schrift sowie die Ausbildung von Keilschrift (Mesopotamien) und Hieroglyphenschrift (Ägypten) bei gleichzeitiger Entwicklung der Literatur. Der Entstehung des semitisch-phönizischen (Konsonanten-) Alphabets an der Wende zum 1. Jahrtausend v.Chr. folgte dessen Übernahme und Ergänzung (Vokale) durch die griechisch-römische Kultur. Lesen und Literatur (Homer, Tragödien, Komödien, Philosophie u.a.) gehörten zum griechischen Bildungskanon, die griechische Kultur beeinflusste die römische verstärkt am dem 3./2. Jahrhundert v.Chr. Die römische Literatur (Epen, Gedichte, Rhetorik u.a.) entfaltete sich ab der mittleren Republik, ab der späten Republik entwickelte sich ein allgemeines Schulsystem, es gab private und öffentliche Bibliotheken sowie Verlage. Ein das römische Reich umfassenden Buchhandel entstand in der Kaiserzeit, ebenso entstanden die ersten Romane. Die Spätantike war die Zeit der Ausbreitung des Christentums und der christlichen Bildung (Codices als Bücher), Mönchtum und Askese leiteten zum kirchlich-lateinischen Bildungswesen des Mittelalters über. Scholastik, Universitäten, der Einfluss der Volkssprache und die höfische Kultur veränderten das mittelalterliche Bildungssystem bis zur epochalen Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg (†1464). [Buhlmann, 08.2011]

GRM = Germanisch-Romanische Monatsschrift

Großmann, Dieter (1985), HANC TEMPLI PARTEM GERNANDVS REPARAT. Zur Baugeschichte der Stiftskirche in Kaiserswerth, in: Wallraff-Richartz-Jahrbuch 46 (1985), S.367-375 > K Kaiserswerth

Grossmann, Klaus (1992), Die mittelalterliche Gerichtsverfassung und Verwaltungsorganisation in Kaiserswerth nach dem Stadtrecht aus dem 14. Jahrhundert (= Rechtsgeschichtliche Studien, Bd.2), Köln-Weimar-Wien 1992 > K Kaiserswerth

Grotefend, Hermann (1891/98), Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit, 2 Bde, Hannover 1891-1898 > C Chronologie

Grotefend, Hermann (1891), Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit, Hannover 131991 > C Chronologie

Grube, Nikolai (2012), Der Dresdner Maya-Kalender. Der vollständige Codex, Freiburg i.Br.-Basel-Wien 2012, 224 S., Farbabbildungen aller Seiten des Codex und andere Abbildungen, € 19,99. Der Dresdner Maya-Codex ist eines von nur drei Büchern der mittelamerikanischen Mayakultur, die den "Bücherholocaust" der spanischen Invasoren im 16. Jahrhundert überlebt haben. Der Dresdner Codex Sächsische Landesbibliothek/Staats- und Universitätsbibliothek Dresden Mscr. Dresden R 310 kam vielleicht mit Hernando Cortéz im 16. Jahrhundert von Mittelamerika nach Spanien und wurde 1739 in Wien für die kurfürstliche Bibliothek in Dresden erworben. Im 19. Jahrhundert wurde der Codex den Mayas zugeordnet, der Dresdner Bibliothekar und Germanist Ernst Wilhelm Förstemann konnte das Zahlensystem der Mayas anhand des Codex entschziffern; es folgte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die noch nicht abgeschlossene Entschlüsselung der mittelamerikanischen Hieroglyphenschrift. Der Dresdner Codex überstand den Zweiten Weltkrieg, ist heute ein wichtiger Bestandteil der Bibliotheksschatzkammer und wurde 2010 digitalisiert. Der Codex entstand in der nachklassischen Mayazeit, wohl im 13. Jahrhundert im nördlichen Yucatan (Maya-Stadtstaaten wie Mayapan in der Nachfolge von Chichen Itza). Er gehört in das Umfeld der schriftkundigen Maya-Priesterschaft, die als Kalenderpriester für die Ermittlung günstiger und schlechter Tage sowie für Kalenderrituale zuständig waren. Der von sechs Schreibern mit Pinseln auf Rinden des Amatebaums niedergeschriebene und bemalte Dresdner Codex ist ein Faltbuch (Leporello) und umfasst insgesamt 78 Seiten, deren Hieroglyphen teilweise durch Wasserschäden und andere Beschädigungen nicht erkennbar sind. Anhand der im Codex auftretenden Götterfiguren und der gut erkennbaren Grundlagen des Mayakalenders (Stellenwertsystem bei Zahlen, 260-tägiger Tzolk'in als Ritualkalender [Almanache, T'ol], 365-tägiger Haab als Sonnenjahr) kann folgende inhaltliche Einteilung getroffen werden: Einkleidung der Götter, Vorstellung der Götter, Wahrsagerituale, Speisung der Götter, Mondgöttin bei Krankheit und Gesundung, Tafel zum Zyklus des Planeten Venus, Tafel zu Sonnen- und Mondfinsternissen, Jahreszeitentafel, Regentabellen, Neujahrsrituale, Bauernalmanache, Tafel zum Planeten Mars. [Buhlmann, 07.2012]

Gründer, Irene, Studien zur Geschichte der Herrschaft Teck (= SSWLK 1), Stuttgart 1963 > T Teck: Herzöge von Teck

Grundherrschaft (im Mittelalter) als Teil der Agrarverfassung: Grundherrschaft heißt ein den Grundherrn, z.B. einen adligen Grundherrn oder ein Kloster, versorgendes Wirtschaftssystem, das auf Großgrundbesitz und Abgaben von und Rechten über abhängige Bauern beruht. Grundherrschaft ist damit - verkürzt und nicht unbedingt korrekt ausgedrückt - "Herrschaft über Land und Leute". Man unterscheidet - bei fließenden Übergängen - die zweigeteilte (bipartite) klassische Grundherrschaft des (frühen und) hohen Mittelalters von der spätmittelalterlichen Rentengrundherrschaft. Die zweigeteilte Grundherrschaft bestand aus eigenbewirtschaftetem Salland und gegen Abgaben und Frondienste an bäuerliche Familien ausgegebenem Leiheland. Villikationen, Hofverbände unter der Verwaltung eines villicus (Meier), hatten einen Fronhof als Zentrum, eine Anzahl von Villikationen und Einzelhöfe bildeten die Grundherrschaft. Die soziale Dynamik des hohen Mittelalters brachte den Wandel weg von der klassischen Grundherrschaft. Das Villikationssystem wurde aufgelöst, eigenbewirtschaftetes Land an Bauern verpachtet. Die Rentengrundherrschaft des späten Mittelalters lebte bis auf geringe Reste der Eigenbewirtschaftung von den Abgaben und Pachtzinsen der Bauern, die nun nicht mehr nur in grundherrschaftliche, sondern auch in dörfliche Strukturen eingebunden waren (Ortsherrschaft des Grundherrn). Zur Grundherrschaft, die sich im Allgemeinen auf Ackerbau ("Vergetreidung", Dreifelderwirtschaft) und Viehzucht stützte, gehörten Sonderkulturen wie Weinbau, Fischerei oder Bienenzucht. Die Mühle im Dorf sicherte dem Grundherrn weitere Einnahmen, ebenso das Patronat über die Dorfkirche.
Allgemein mit der Grundherrschaft beschäftigen sich: Goetz, Hans-Werner (1984), Herrschaft und Recht in der frühmittelalterlichen Grundherrschaft, in: HJb 104 (1984), S.392-410; Goetz, Hans-Werner (1987), Herrschaft und Raum in der frühmittelalterlichen Grundherrschaft, in: AHVN 190 (1987), S.7-33; Kuchenbuch, Ludolf (1991), Grundherrschaft im früheren Mittelalter (= Historisches Seminar. Neue Folge 1), Idstein 1991, 278 S., DM 29,80; Rösener, Werner (Hg.) (1989), Strukturen der Grundherrschaft im frühen Mittelalter (= MPIG 92), Göttingen 1989, 482 S., DM 98,-; Rösener, Werner (Hg.) (1995), Grundherrschaft und bäuerliche Gesellschaft im Hochmittelalter (= MPIG 115), Göttingen 1995, 460 S., € 28,-. An Quellen zur mittelalterlichen Agrarverfassung und Grundherrschaft sei hier genannt: Wopfner, Hermann (Hg.) (1928), Urkunden zur deutschen Agrargeschichte (= Ausgewählte Urkunden zur deutschen Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte, Bd.3), 1928, Nachdruck Aalen 1969, VIII, 386 S., € 20,-. [Buhlmann, 08.2002, 09.2005, 03.2012]

Grundmann, Herbert (1966), Der Brand von Deutz 1128 in der Darstellung Abt Ruperts von Deutz. Interpretation und Textausgabe, in: DA 22 (1966), S.385-471 > R Rupert von Deutz

Gruner, Wolf D. (2012), Der Deutsche Bund (1815-1866) (= BSR 2495), München 2012, 128 S., 2 Karten, 1 Schema, € 8,95. Der Deutsche Bund setzte nach der Französischer Revolution (1789), dem Ende des Heiligen Römischen Reiches (1806) und den napoleonischen Kriegen (bis 1814/15), festgelegt durch die vier alliierten Großmächte Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen auf der Konferenz von Chaumont (1814), beschlossen auf dem Wiener Kongress (1815), die föderative politische Ordnung Mitteleuropas fort, indem er neben Preußen und Österreich die kleineren deutschen (u.a. ehemaligen Rheinbund-, Mittel-) Staaten ("Drittes Deutschland") umfasste. Der Deutsche Bund war damit ein wesentliches Element der europäischen Friedensordnung, ein Staatenbund von 41 Bundesstaaten (Fürstenstaaten) unter der Führung Österreichs mit Bundesversammlung (Bundestag) und engerem Rat sowie einem aus 10 Armeekorps bestehenden Bundesheer (Bundesmatrikel). Indes scheiterte seine föderative Weiterentwicklung zum Bundesstaat bzw. zu einem deutschen Nationalstaat am Gegensatz zwischen den konstitutionellen Staaten mit Repräsentativverfassung und denen ohne (Karlsbader Beschlüsse 1819, Wiener Schlussakte 1820), an den unterschiedlichen Reaktionen auf die europäischen Revolutionen (französische Julirevolution 1830, Hambacher Fest 1832, Auflösung der Verfassung des Königreichs Hannover 1833, europäische Revolutionen 1848/49, Frankfurter Nationalversammlung 1848/49, Olmützer Punktation 1850, Dresdener Konferenzen 1850/51), am zunehmenden politischen Gegensatz zwischen den Großmächten Preußen und Österreich (Deutscher Nationalverein 1859, "Trias"-Programm der Mittelstaaten 1859/61, Scheitern der Würzburger Militärkonvention 1861, Bundesreformprojekt 1861/63). Außenpolitisch war die Abtretung des Westteils des zum Deutschen Bund gehörenden Großherzogtums Luxemburg an Belgien bedeutsam (1838/39), ebenso die durch das Königreich Frankreich verursachte "Rheinkrise" (1840; Rheinromantik) oder die Isolation Österreichs im Krimkrieg (Pariser Frieden 1856). Im Rahmen der italienischen Nationaleinigung (1859) verlor Österreich Teile seines italienischen Besitzes, der deutsch-dänische Krieg (1863/64) endete mit der Besetzung der mit dem Königreich Dänemark durch Personalunion verbundenen Herzogtümer Holstein und Schleswig, wobei Schleswig Teil des Deutschen Bundes wurde, Holstein durch Österreich, Schleswig durch Preußen verwaltet wurde (Gasteiner Konvention 1865). Nicht zuletzt die Spannungen um diese beiden Elbherzogtümer entluden sich dann im Deutschen Krieg (1866), der mit der Niederlage Österreichs und seiner Verbündeten endete (preußische Annexion des Königreichs Hannover und Kurhessens 1866, Frieden von Nikolsburg und Prag 1866, Selbstauflösung des Deutschen Bundes 1866) und Österreich endgültig politisch aus Mitteleuropa verdrängte. Norddeutscher Bund (1867) und Deutsches Kaiserreich (1870/71) sollten die großpreußische Zukunft der deutschen Nation bestimmen. Vergessen werden dürfen aber nicht die rechtlichen und wirtschaftlichen Fortschritte, die der Deutsche Bund in Bezug auf die "föderative Nation" Deutschlands gemacht hat (bayerisch-württembergischer Zollverein, preußisch-hessischer Zollverein, Mitteldeutscher Zollverein, Deutscher Zollverein 1834; Deutsches Handelsgesetzbuch; Vereinheitlichung von Straf-, Zivil-, Patent- und Urheberrecht, von Maßen und Gewichten). [Buhlmann, 04.2012]

GS = Germania Sacra

Gudmundsson, Óskar (2011), Snorri Sturluson. Homer des Nordens. Eine Biographie, Köln-Weimar-Wien 2011, 447 S., Stammtafeln, Karte, € 24,90. Der Isländer Snorri Sturluson (*1179-&dagger,1241), Sohn des Sturla Thódarson (†1183) aus Hvamm, der "bekannteste Skandinavier des Mittelalters", ein "Gigant der isländischen Literatur", war dennoch nicht nur Schriftsteller und Gelehrter, sondern auch ein Island politisch Mächtiger. 1181 wurde Snorri als Ziehsohn zu Jon Loptsson (†1197) nach Oddi, einem politischen und kulturellen Zentrum im Süden Islands, gebracht; die Erziehung machte Snorri durchaus mit der hochmittelalterlichen Bildung bekannt. Um 1199/1200 heiratete Snorri Herdis Bersadottir; die Ehe hielt bis 1206/07; es folgte die Ehe mit Hallveig Ormsdóttir; zudem hatte Snorri Nebenfrauen. Durch die Übernahme von isländischen Godentümern, durch die Verwaltung von Kirchengut und die Beziehungen zu Bischöfen, durch Herrschaft und kriegerische Gefolgschaft (Thingleute u.a.) konnte sich Snorri alsbald (bis 1216) als einer der mächtigeren Anführer auf Island etablieren. Er nahm starken Einfluss auf das politische Geschehen in West- und Südisland; Machtzentrum Snorris war zunächst der Hof Borg, dann Reykholt. Als Gode war Snorri auf dem isländischen Althing präsent, zwischen 1215 und 1218 war er erstmals Gesetzessprecher des Althings. Als einer der wenigen Mächtigen im isländischen "Freistaat" nahm Snorri an den damals üblichen innenpolitischen Machtkämpfen, auch innerfamiliären Konflikten teil (Schlachten von Midfjord 1217, Grímsey 1222, Baer 1237), an Kompromissen und Friedensschlüssen. Dabei hatte er Kontakte zum norwegischen Königreich (Norwegenreisen 1218/20, 1237/39), ohne dem norwegischen König zuviel Macht in Island einzuräumen. Spannungen zwischen Snorri Sturluson und dessen Sohn Óraekja Snorasson führten zur Entmachtung des Vaters (1235/37), der nach Norwegen floh und 1239 nach Island zurückkehrte. Am 23. September 1241 wurde - auch dies eine Folge politischer Streitigkeiten u.a. mit Norwegen - Snorri Sturluson in Reykholt erschlagen. Über den Politiker hinaus wirkte Snorri als "Homer der Nordens", der die isländische Literatur des hohen Mittelalters stark prägte. Am bekanntesten sind die Heimskringla Snorris, eine Geschichte der norwegischen Könige (bis 1177), die Olafs saga Tryggvasonar und die Snorra Edda, ein Handbuch zur Skaldendichtung zur (nord-) germanischen Mythologie. Erhalten ist zudem das Preislied Háttatal; nicht überliefert ist aber Snorris skaldisches Werk. Zur Heimskringla, der Geschichte der norwegischen Könige vom (legendären) König Halfdan dem Schwarzen über die Herrscher Olaf Trygvason (995-1000), Olaf Haraldson dem Heiligen (1015-1030) und Magnus dem Guten (1035-1047) bis zu den Königen Harald Hadrada (1047-1066), Sigurd dem Kreuzfahrer (1103-1130) und schließlich Magnus Erlingson (1163-1184) (Handlungsräume des norwegischen Königtums in Skandinavien [Norwegen, Schweden, Dänemark], England, Irland, Island, Grönland, in Osteuropa, Byzanz und im Mittelmeerraum [Sizilien, Kreuzfahrerstaaten]; Herrschaft [König, Große, Thing], Christianisierung), s. noch: Snorri Sturluson, Heimskringla or The Chronicle of the Kings of Norway, LaVergne 2006/10, 796 S., ISK 4999,-. [Buhlmann, 11.2013, 12.2013]

Günther, Hubertus (2009), Was ist Renaissance? Eine Charakteristik der Architektur zu Beginn der Neuzeit (= Besondere Wissenschaftliche Reihe), Darmstadt 2009, 304 S., zahlreiche Farbabbildungen, ca. € 15,-. In der Kunstepoche der Renaissance (15./16. Jahrhundert) waren es innerhalb der Architektur Theorie [Planung, Wissenschaft] und Praxis [Handwerk] in sich vereinigende Architekten als im Mittelpunkt des Kunstschaffens stehende Künstler, die an die Formensprache der Antike (sowie der byzantinischen Architektur [Hagia Sophia] und der "Romanik", nicht aber der "Gotik") anknüpften und funktional und repräsentativ Neues schufen. Unter Einsatz nicht zuletzt (gesetzmäßiger) formaler Gestaltungsmittel (Baukörper, Tektonik, Proportionen, Säulenanordnungen, Dekor, optische Wirkung) wurde von Italien bis Osteuropa eine Vielzahl von sakralen (Zentralbau, Basilika, Saalbau, Kreuzkuppelkirche), öffentlichen (Residenz, Verwaltungsbau, Hospital, Wehrbau und Bastion) und privaten Bauten (städtisches Wohnhaus, Landvilla) im Stil einer (theoretisch) die ganze Kultur und Gesellschaft umfassenden Renaissance errichtet. [Buhlmann, 05.2012]

Guerreau, Isabelle (2013), Klerikersiegel der Diözesen Halberstadt, Hildesheim, Paderborn und Verden im Mittelalter (um 1000-1500) (= VHKNB 259), Hannover 2013, 547 S., Schwarzweißabbildungen, Tabellen, Karten, Siegelkatalog auf CD-ROM, € 28,-. I. Jenseits der Sphragistik (Siegelkunde) als historischer Hilfswissenschaft besitzen Siegel in der Geschichte des Mittelalters ein materiellen und symbolischen Kontext, den es zu erforschen gilt. II. Siegelstempel wurden im Mittelalter von Stempelschneidern hergestellt, vielleicht im Rahmen der Goldschmiedekunst, wie die Diversarum artium schedula des Theophilus Presbyter (Roger von Helmarshausen, Ende 11., Anfang 12. Jahrhundert) möglichwerweise nahelegt. Techniken des Stempelschneidens waren: Taille-directe-Verfahren, Abgussverfahren. Die Siegel wurden in unterschiedlicher Ausführungsqualität angefertigt, sie unterlagen Moden (Bild, Verzierungen, Elemente, Umschrift, gotischer Faltenwurf der Kleidung u.a.); der Preis für ein Siegel, über den wenig bekannt ist, variierte sicher stark (Personen mit mehreren Siegeln, verschiedene Personen mit Verwendung eines Siegels u.a.); es gab seit dem 15. Jahrhundert auch spezialisierte Stempelschneider. III. Symbolisch wirkte das Siegel im Zusammenspiel von (besiegelter) Urkunde und Siegel als Echtheitszeichen der urkundlichen Beglaubigung (eines Rechtakts) (frühmittelalterliches Aufkommen der Siegel, spätmittelalterliche Besiegelungsvorschriften, Siegel und Urkundenfälschung). Die Besieglung wurde in diesem Zusammenhang zu einem symbolischen Akt (Individuum als Siegler, Siegel als Abbild [imago] des Siegelinhabers [Siegelinhaber -> menschlicher Körper -> Abbild -> Siegel]). IV. Die Entwicklung der Siegelpraxis (allgemein und) in den mittelalterlichen Diözesen Halberstadt, Hildesheim, Paderborn und Verden beginnt im 9./10. Jahrhundert mit bischöflichen Siegeln (Siegel Liuthards von Paderborn [862-887], Bleibulle Altfrids von Hildesheim [851-874, ?], Siegel Gerdags von Hildesheim [990-992], Gemmensiegel Bernwards von Hildesheim [993-1022] usw.; Bleibulle Konrads II. von Halberstadt [1201-1208]; spätmittelalterliche Siegel von bischöflichen Elekten und Gegenbischöfen). Seit dem hohen Mittelalter verbreitete sich die Praxis der Siegelverwendung im Rahmen der mittelalterlichen (Adels-) Kirche bis hin zu geistlichen Institutionen (Domkapitel, Kollegiatstifte, Männer- und Frauenstifte, niedere Geistlichkeit, Benediktiner- und Zisterzienserklöster, Kommunitäten der Augustinerchorherren und -frauen, der Prämonstratenser, der Bettelorden). V. Eine Vielfalt der äußeren und inneren Merkmale der Siegel (signum, sigillum, secretum, contrasigillum, sigillum ad causas) ist auszumachen. Zur äußeren Form der Siegel gehören als diplomatische Elemente (Sphragistik als Teil der Diplomatik): Wachsfarbe, Siegelrückseite (Rücksiegel, Fingerabdrücke, Kerben), Befestigung (aufgedrückt, anhängend [an Fäden, an Pergamentstreifen]), (runde, spitzovale, [ovale, schild-, kleeblattfömige]) Form, Siegelgröße, Siegelbild und Siegellegende, Verbindung zwischen Siegelbild und Siegellegende (Legende als Umrahmung des Bildes). Zu den inneren Siegelmerkmalen gehören: Siegellegende (Identifizierung des Siegelinhabers [persönliche Siegel], Aufbau des Legendentextes [Lesung im Uhrzeigersinn, + als Legendenbeginn, Devotionsformel dei gratia, Familienname, Amtsbezeichnung/Titulatur, Ort der geistlichen Institution], Kapitalis als Legendenschrift), Siegelbild (Ikonographie, Anordnung der Bilder, Bilder von Heiligen [Maria, Maria mit Kind, biblische Szenen, Heilige, Engel], Bild des Siegelinhabers [Gesicht, Brustbild, als Betender, als Amtsträger, im Segensgestus, mit geistlichen Attributen wie Evangelium, Stab, Lilie, Palme, Kleidung [Mitra, Amikr, Rationale, Kasel, Manipel, Albe, Dalmatik, Stola] oder Tonsur, mit heraldischen Elementen wie Schild und [kirchliches, Familien-] Wappen], sonstige Motive [sakral-liturgische Elemente wie Kelch oder Altar, Pflanzen, Tiere, Fabelwesen, Lebensbaum, sprechende Bilder, Initialen, Hausmarken), "Dekor" (als das Siegelbild umgebende Architektur [Gebäude, Bögen, Podest und Sockel, Tür, Mauer, allgemein als Hintergrund des Siegelbildes [Hintergrundverzierung]). Der Vielfalt der Siegel entspricht ihrer Entwicklung von einfach zu komplex strukturierten Siegeln bzw. Siegeltypen (Bischofssiegel u.a. als runde und spitzovale Thronsiegel [11./12. bzw. 13. Jahrhundert], als mit neuen Elementen versehene Siegel [13./14. Jahrhundert], als Siegel mit Heiligen und Wappen [14./15. Jahrhundert], Elektensiegel, Propst- und Dekansiegel, Kanonikersiegel, Siegel von einfachen Geistlichen, Äbte- und Äbtissinnensiegel, Siegel benediktinischer und zisterziensischer Klöster). VI. Während im frühen Mittelalter die Siegelverwendung selten war und sie im Hochmittelalter hauptsächlich auf die oberen Ränge der kirchlichen Hierarchie beschränkt blieb, verbreitete sich die Siegelverwendung zwischen ca. 1250 und 1320 innerhalb der gesamten Geistlichkeit, geschuldet u.a. der größeren Verbreitung von Schriftlichkeit. Die Siegel differenzierten und strukturierten sich damals von der Form her weiter aus, es stand ein großes Repertoire von Siegelelementen und -bildern zur Verfügung, die der Siegelinhaber zu seiner gesellschaftlich-kirchlichen Verortung nutzte; das Siegel war für die Person ein wichtiger Repräsentationsträger. Ab dem 14. Jahrhundert beschränkten sich die Mitglieder der niederen Geistlichkeit auf einfachere Siegeltypen - die Produktion von Siegelstempeln nahm im Allgemeinen ab -, während die Siegel der geistlichen Prälaten noch komplexer wurden, so dass einheitliche Strukturen bei den Siegeln innerhalb der Geistlichkeit kaum mehr festzustellen sind. Unabhängig von diesen Entwicklungen blieb das Siegel (auch) bei der Geistlichkeit der genannten Diözesen das wichtigste Mittel zur unrkundlichen Beglaubigung von Rechtsakten. [Buhlmann, 02.2017]

Gujer, Regula (2004), Concordia discordantium codicum manuscriptorum? Die Textentwicklung von 18 Handschriften anhand der D. 16 des Decretum Gratiani (= FKRGR 23), Köln-Weimar-Wien 2004, XI, 496 S., € 9,90. Die zweite Redaktion des Decretum, der Kirchenrechtssammlung Gratians (†n.1140) steht im Mittelpunkt der Untersuchung, die auf Grund von 18 Gratian-Handschriften des 12. Jahrhunderts einen Arbeitstext der Distinktion 16 betreffend die Canones Apostolorum sowie die ökomenischen (und einige sonstige) Konzilien und deren Kanones erstellt. Die Textüberlieferung der Distinktion beruht dabei auf zwei, sich einander ergänzenden Handschriftengruppen (italienische bzw. französisch-österreichische Überlieferungsgruppe), die für unterschiedliche Entwicklungen der Rechtssammlung (Textform, Textqualität) stehen, nicht jedoch für deren systematische Aufarbeitung. Damit reihen sich Distinktion und Decretum ein in die mittelalterlichen Rechtstexte, die besonders Veränderungen und Aktualisierungen unterworfen waren. [Buhlmann, 04.2013]

Gurjewitsch, Aaron J. (1997), Stumme Zeugen des Mittelalters. Weltbild und Kultur der einfachen Menschen, Weimar-Köln-Wien 1997, 339 S., DM 39,80; (= Fischer Tb 14169), Frankfurt a.M. 2000, 430 S., DM 28,90. I. Frühes [bzw. früheres] Mittelalter. Aus der barbarischen Welt der "Völkerwanderungszeit" entstand im christlich werdenden Europa (Christen, pagani) im Verlauf der Jahrhunderte des frühen Mittelalters das gesellschaftliche System aus Unterschicht (Bauern, rustici, pauperes) und (begüterter, politisch wirksamer) Oberschicht (potentes), theoretisch u.a. eingeordnet in eine dreigeteilte Gesellschaft aus Geistlichen, Kriegern und arbeitenden Bauern (Abbo Fleury; 10. Jahrhundert, Ende). Arm und reich, frei und unfrei waren die Dichotomien der frühmittelalterlichen Gesellschaft; hinzu kamen der Gegensatz zwischen Christen und Heiden (christliche Missionierung) und eine weitgehende Abkopplung der bäuerlichen, den Traditionen verhaftete Unterschicht von der kulturellen Entwicklung. Die christliche Kirche anerkannte dabei sehr wohl die bäuerliche Wirtschaftsleistung als wichtig für die Gesellschaft. II. 13. Jahrhundert [hohes Mittelalter]. Im hohen Mittelalter fand ein starker gesellschaftlicher Wandel statt, nicht zuletzt durch das Aufkommen des mittelalterlichen Städtewesens. Für das 13. Jahrhundert stehen die "Chronotypen" von Nibelungenlied und volkschristlichen exempla, die bäuerliche "Visionsliteratur" und die Predigten Bertholds von Regensburg. Innerhalb der christlichen Religion ging es um Sünde und Sühne, Diesseits und Jenseits, im familiären und sozialen Miteinander um Kindererziehung oder das Verhalten gegenüber Nichtchristen. III. Spätes Mittelalter [, frühe Neuzeit]. Das späte Mittelalter bietet Beispiele für volksmagische Praktiken und kirchliche Rituale, das Ende des Mittelalters steht für "Zivilisiertheit" (Individualität, Buchdruck) und Reformation, die frühe Neuzeit des 16. und 17. Jahrhunderts u.a. für die Hexenverfolgung. [Buhlmann, 05.2015]

Gut, Johannes (1995/96), Zu den reichsrechtlichen Bestrebungen des Klosters St. Blasien vom 16. bis 18. Jahrhundert. Erwerb der Reichsherrschaft Bondorf, in: AlemJb 1995/96, S.49-68 > S St. Blasien

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