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Rezensionen (Geschichte)
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H. = Heft

Haarmann, Harald (2002), Geschichte der Schrift (= BSR 2198), München 2002 > S Schriftlichkeit

Haarmann, Harald (2010), Die Indoeuropäer. Herkunft, Sprachen, Kulturen (= BSR 2706), München 2010 > H Haarmann, Indoeuropäer

Haarmann, Harald (2011), Das Rätsel der Donauzivilisation. Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas (= BSR 1999), München 2011, 286 S., zahlreiche Schwarzweißabbildungen und Karten, € 16,95. Die neolithische Donauzivilisation des 6. bis 4. Jahrtausend v.Chr., eine der ersten auf Ackerbau und Viehzucht gegründeten Zivilisationen in Europa, hatte ihre Vorläufer in der agrarischen Kultur Anatoliens (Catalhöyük), die über die bis ca. 6700 v.Chr. bestehende Landbrücke des Bosporus u.a. durch Migrationen ins festländische Griechenland (Thessalien, Argolis) ausstrahlte. Die "Schwarzmeerflut" (ca. 6700 v.Chr.), bedingt durch den Durchbruch des Mittelmeers durch den Bosporus (Sintflutmythen), unterbrach weitgehend die griechisch-kleinasiatischen Verbindungen. Nach der "Nacheiszeit" an der Wende vom 7. zum 6. Jahrtausend v.Chr. breitete sich in der anschließenden Warmzeit agrarische Zivilisation in den bis dahin mesolithisch geprägten Raum um die untere Donau aus. Es entstand dort die Donauzivilisation mit den Kulturen der Karanova- (ca. 6200 v.Chr.), Vinca- (ca. 5500 v.Chr.), Tisza- (ca. 5400 v.Chr.), Cucuteni- (ca. 5050 v.Chr.), Lengyel- (ca. 4800 v.Chr.) und Trypillya-Gruppe (ca. 4500 v.Chr.). Alle diese Kulturen entwickelten sich auf der Grundlage des "Agrarpakets" (Ackerbau, Viehhaltung und damit verbundene Lebensweise), die Donauzivilisation war eine Zivilisation von Alteuropäern ("Pelasger"; mediterraner Genotyp ab Ausklang der letzten Eiszeit ca. 12000 v.Chr.), deren altmediterrane Sprache im (Alt-) Griechischen durch die Übernahme von (Substrat-) Lehnwörtern aus den verschiedensten Bereichen (Umwelt, Religion, Wohnen, Kleidung, Gesellschaft u.a.) Widerhall findet. Die steinzeitlich-kupferzeitliche Donauzivilisation zeichnet sich dann durch Städte (Großsiedlungen mit bis zu 10000 Einwohnern) und Dörfer aus, die vielfach durch Arbeitsteilung, Handel (zu Land und zu Wasser mit Flintstein, Kupfer, Salz; ritueller Geschenketausch [Figurinen]) und Gewerbe (Textilherstellung [Webstühle], Keramikherstellung [Brennöfen, Töpferrad], Metallverarbeitung von Kupfer und Gold, Kunst [Symbolik]) miteinander verbunden waren. Einblick in die Religion (weibliche Gottheiten [Kybele], Stiersymbolik, Kulte [um Fruchtbarkeit, Wasser], Rituale [Prozessionen, Mythen, Musik und Tanz]) geben Kultstätten, Altäre, Figurinen und Gräber. Die Gesellschaft der Donauzivilisation war egalitär-matrifokal (ohne große Rangunterschiede) ausgerichtet ("Ökumenemodell"). Ausfluss von Handel und Gewerbe sowie von Religion sind die überlieferten Zahlzeichen (Zahlenmagie, Kalender, Maße und Gewichte) sowie die wohl erstmalig in einer menschlichen Kultur erfundene Schrift (Donauschrift, ca. 5500-2600 v.Chr.; Zentrum und Ränder der Donauzivilisation; Schrift auf Gefäßen, Skulpturen und Stein; Täfelchen von Tartaria; Religion und Schrift). Ab der Mitte des 5. Jahrtausends v.Chr., mit dem Ausklingen der Kupferzeit, setzte der Niedergang der Donauzivilisation ein; unter dem Einfluss von eindringenden Steppennomaden indoeuropäischer Herkunft (mit Viehhaltung) veränderte sich die Gesellschaft durch Elitenbildung (Nekropole von Varna, ca. 4600 v.Chr.; Statussymbole) ("Staatsbildungsmodell"). Beschleunigt wurde der Wandel durch die Klimaveränderungen des 4. Jahrtausends v.Chr., die "Indoeuropäisierung" der Donauzivilisation brachte damit zusammenhängend die Aufgabe von vielen Siedlungen, den Rückgang des Ackerbaus, wohl auch soziale Unruhen und Kriege sowie massive kulturelle Veränderungen in Religion und Kunst. Die Kultur der Donauzivilisation wanderte ab in den altägäischen Raum (alteuropäische Kulturdrift von Technologien, Schriftkenntnis, Kunst und religiösen Inhalten [Figurinen]). In der Kykladen- und minoischen Kultur spiegelten sich daher alteuropäische Kulturformen (Große Göttin, minoische Doppelaxt). Auch die ägäischen Schriftsysteme (Linear A, Linear B, zyprische Schriften) schöpften aus der Kenntnis der Schrift der Donauzivilisation. Nicht zuletzt die ab 2300 v.Chr. in den Balkan eindringenden "Griechen" (Mykener, "klassische Griechen") unterlagen Kultureinflüssen von der altägäischen Zivilisation her (Versmaß Hexameter, altägäische Buchstaben im griechischen Alphabet). Die minoisch-altägäische Kultur beeinflusste (über Zypern) Kleinasien und die Levante (sowie Spanien und Nordafrika) (altägäischer Schriftexport u.a.). Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Die alteuropäische Donauzivilisation trug gerade als geistige Kultur zum kulturellen Gedächtnis der nachfolgenden europäischen Zivilisationen bis heute bei. [Buhlmann, 11.2011]

Haarmann, Harald (2016), Auf den Spuren der Indoeuropäer. Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen, München 2016, 368 S., Schwarzweißabbildungen, Pläne, Karten, € 19,95. Die Urheimat der Indoeuropäer befand sich bei den neolithischen Steppennomaden nördlich bis nordöstlich des Schwarzen Meeres der südrussisch-ukrainischen Steppenlandschaft (indoeuropäische Urheimat, 11.-8. Jahrtausend v.Chr.); menschliche Bevölkerungsgruppen hatten hier den Übergang von den mesolithischen Jäger- uns Sammlerkulturen zum Viehnomadentum vollzogen, wobei kulturelle und sprachliche Konvergenzen mit den benachbarten Uraliern festzustellen sind. Ab dem 8./7. Jahrtausend v.Chr. bilden sich protoindoeuropäische (Kurgan-) Kultur und Sprache heraus; protoindoeuropäische Regionalkulturen sind: Elshan-Kultur (8./7. Jahrtausend v.Chr.), Samara-Kultur (6. Jahrtausend v.Chr.), Chvalynsk-Kultur (5. Jahrtausend v.Chr., 1. Hälfte), Srednij Stog (ca.4500-3350 v.Chr.), Jamnaja-Kultur (ca.3600-2000 v.Chr.), Usatovo-Kultur (ca.3300-2900 v.Chr.); das Protoindoeuropäische lässt als Sprache (Wörter, Namen, Begriffe; Grammatik, Sprachstil) das wirtschaftliche Umfeld der Kulturen erkennen (Hirtennomadentum, Weidewirtschaft, Pferd), weiter frühe gesellschaftliche Hierarchien (patriarchalische Herrschaftsstrukturen), den gesellschaftlichen Aufbau (Familie, Sippe, Clan), die indoeuropäische Mythologie (Hirtengott, Himmelsgötter, Weltende). Ab dem 5. Jahrtausend v.Chr. sind indoeuropäische Kontakte zu den alteuropäischen Ackerbaukulturen (Trypillya-Kultur, Varna) nachweisbar, einhergehend mit der (teilweisen) Aneignung des neolithischen "Agrarpakets" durch indeoueropäische Gruppen und wichtigen Innovationen (Goldverarbeitung, Rad und Wagen). Dabei beeinflussten - archäologisch und genetisch feststellbar - einwandernde Indoeuropäer (Kurgan-Migrationen I-III [5. Jahrtausend, 2. Hälfte; ca.4100-3800; ca.3200-2800 v.Chr.]) die alteuropäischen Kulturen (Hierarchisierung und Elitenbildung, indoeuropäische Sprachen als Superstrat, alteuropäische als Substrat). Die Wanderbewegungen führten zur Ausgliederung indoeuropäischer Sprachen (Kentum-, Satemsprachen) und Kulturen aus dem Protoindoeuropäischen (Auflösung des Protoindoeuropäischen, ab 4. Jahrtausend v.Chr.); die indoeuropäische Ausbreitung betraf nicht nur den Westen und Europa, sondern auch den Süden (indo-iranische Gruppe) und Osten (Afanasevo-Kultur [ca.3500-2500 v.Chr.], Andonovo-Kultur [ca.2300-900 v.Chr.]). Im Einzelnen können erfasst werden: hellenische Kulturen in Südosteuropa (vorgriechische Pelasger, Ägäis-Kulturen, Helladen; Hellenen, mykenische Kultur, Griechen; Griechisch; ab 3. Jahrtausend v.Chr.); italische Kulturen in Südeuropa (Etrusker, Latein, Römer; ab 2. Jahrtausend v.Chr.); altbalkanische Kulturen (Mazedonier, Thraker, Illyrer, Albaner; ab 2. Jahrtausend v.Chr.); Kulturen in Mittel- und Westeuropa (Kelten, Keltiberer, Germanen; ab 2. Jahrtausend v.Chr.); osteuropäische Kulturen (Slawen, Balten; ab 2. Jahrtausend v.Chr.); anatolische Kulturen (Hatti, Hurriter; Hethiter, Luwier, Phryger; ab 2. Jahrtausend v.Chr.); zentralasiatisch-iranische Kulturen (Arier, Mitanni, Skythen, Meder, Perser; Persisch, Zoroastrismus; ab 2. Jahrtausend v.Chr.); indische Kulturen (Draviden; Arier; Vedisch, Sanskrit, Prakrit; ab 2. Jahrtausend v.Chr.); westchinesische Tocharer (ab 2. Jahrtausend v.Chr.). An die kulturell solcherat ausgegliederten indoeuropäischen Sprachen schlossen sich ab ca.1700 v.Chr. Verschriftlichungsprozesse an (Silbenschriften: mykenisch-griechisches Linear B, griechisches Kyprisch-Syllabisch, anatolische Hieroyglyphenschrift, persische Keilschrift; Alpabetschriften: minoisch-griechisches Alphabet, persische Pehlevischrift, germanische Runenschrift, inselkeltisches Ogham, gotische Schrift, armenische Schrift). Insgesamt zeigen die indoeuropäischen (Misch-) Kulturen und Sprachen eine indoeuropäische Globalisierung an (abhängig von der Verkehrstechnik [Pferd, nomadische Mobilität], von der Waffentechnologie [Streitwagen], von der Kommunikation [Sprache, Griechisch und Latein als Leitsprachen in Hellenismus und römischer Antike]). Vgl. noch dazu: Haarmann, Harald (2010), Die Indoeuropäer. Herkunft, Sprachen, Kulturen (= BSR 2706), München 2010, 128 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 8,95. [Buhlmann, 11.2010, 06.2016]

Haber, Heinz (1968), Der offene Himmel, Stuttgart 1968 > A Astronomie

Hadwig von Wied, Äbtissin der Frauengemeinschaften Gerresheim und Essen: Die Gerresheimer und Essener Äbtissin Hadwig aus der mittel-rheinischen Adelsfamilie der Grafen von Wied (*vor 1120?-†v.1172?/1176?) war eine beaufsichtigte Frau, eingebunden in ein Geflecht von patriarchalischer Herrschaftsordnung und Patronage, eingebunden auch in die Adelskirche ihrer Zeit, innerhalb der die Sanktimoniale ihre kirchliche (Aus-) Bildung erhielt und - als Schwester des Kölner Erzbischofs Arnold II. von Wied (1151-1156) - die Vorsteherin zweier geistlicher Frauengemeinschaften am Niederrhein, die Äbtissin von Gerresheim und Essen, wurde. Hadwig war eine selbstständige Persönlichkeit auf Grund ihrer adligen Sozialisation und der erreichten kirchlichen Position. Nicht nur der Tag der Kirchweihe von Schwarzrheindorf (24. April 1151) sah sie in enger Bekanntschaft zu den staufischen Königen Konrad III. (1138-1152) und Friedrich I. Barbarossa (1152-1190), zu Bischöfen und Äbten, u.a. zu Abt Wibald von Stablo-Malmedy und Corvey (1130-1158 bzw. 1146-1158) und zum Geschichtsschreiber Bischof Otto von Freising (1138-1158). Die Urkunden, die sie als Essener Äbtissin ausstellte, lassen das Bild einer Trägerin von weltlicher Macht und Herrschaft erkennen. Nach dem Tod ihres Bruders Arnold übernahm Hadwig den Aufbau der Frauengemeinschaft in Schwarzrheindorf, wo sie ihre jüngeren Schwestern Sophia und Siburgis als Äbtissin bzw. Dechantin einsetzte (nach 1167). Noch heute zeigen die Wandgemälde der dortigen Kapelle (um 1170) die Stifter Arnold und Hadwig demütig vor dem Weltenrichter Christus. Und eine Urkunde des Kölner Erzbischofs Philipp von Heinsberg (1167-1191) spricht von Hadwig als einer "starken Frau", die "viele bedeutende und größere Mühen, die üblicherweise keine Arbeiten des weiblichen Geschlechts sind", erfolgreich bewältigte.
Zu Hadwig von Wied sei verwiesen auf: Buhlmann, Michael (2003), Die Essener Äbtissin Hadwig von Wied, in: MaH 56 (2003), S.41-78; Buhlmann, Michael (2008), Die Gerresheimer Äbtissin Hadwig von Wied (= BGG 3), Essen 2008, 36 S., € 3,-; Wirtz, Ludwig (1898), Die Essener Äbtissinnen Irmentrud und Hadwig II. von Wied, in: EB 18 (1898), S.21-41. [Buhlmann, 10.2003, 11.2003, 07.2008, 07.2016]

Häffner, Martin, Ruff, Karl Martin, Schrumpf, Ina (1997), Trossingen - Vom Alemannendorf zur Musikstadt, Trossingen 1997, 544 S., Abbildungen, DM 38,-. Trossingen, gelegen auf der Baarhochebene (660-760 m über NN) am Drosselbach, reicht bis in alemannische Zeit zurück, die Anwesenheit von Menschen im Trossinger Raum bis in die Mittel- und Jungsteinsteinzeit (ab 8000/5000 v.Chr., Fund- und Wohnplätze Schröten und Burgbühl). Keltisch-hallstattzeitlich sind Grabhügel u.a. auf dem Dachsbühl, keltisch-latènezeitlich die Viereckschanze "Waltersweite" (2./1. Jahrhundert v.Chr.). In die römische Zeit gehören Fundamentreste eines Gutshofes auf dem Burgbühl sowie Siedlungsfunde im Gewann "Bonnen"; eine aufgefundene römische Bronzemünze datiert in die Zeit des Kaisers Septimius Severus (193-211). Der merowingerzeitliche alemannische Ortsfriedhof von Trossingen oberhalb des ehemaligen Kerndorfs (Bereich Löhrstraße) besteht aus ungefähr 70 Gräbern aus dem 6. Jahrhundert. Trossingen wird in einer St. Galler Traditionsurkunde, die auf den 30. Juli im Jahr 796, 797, 799 oder 800 datiert, zum ersten Mal erwähnt; es folgt die St. Galler Urkunde vom 31. Oktober wahrscheinlich 843. Rund einhundert Jahre später ist Trossingen in einer Schenkungsurkunde des ostfränkisch-deutschen Königs Otto I. (936-973) an das Kloster Reichenau zum 1. Januar 950 belegt; in Trossingen gab es mithin Königsgut. Trossingen war Zentrum eines hoch- und spätmittelalterlichen Reichenauer Hofverbands; erstmals zum Jahr 1211 sind mit einem Heinrich (I.) die sog. (niederadligen) Meier von Trossingen bezeugt, die über Generationen hinweg - bis zum endenden 15. Jahrhundert - die Geschicke des Reichenauer Grundbesitzes in und um Trossingen bestimmten. Dabei traten die Meier durchaus unabhängig vom Reichenauer Abt auf, was sich u.a. im Erwerb von Besitz und Rechten im erweiterten Umfeld der Baar und in Rottweil zeigt. Herrschaftlichen Rückhalt fanden die Meier in zwei (heute abgegangenen) Burgen beim Dorf Trossingen sowie in den Burgen Hüribach und Neckarstein. Das Reichenauer Hofgut der Meier war der Hilpoltshof. Im späten Mittelalter waren in Trossingen zudem die Herren von Lupfen, die Herren von Blumberg, die Grafen von Geroldseck, die Schramberger Herrschaft (Hofgut der Meier als Schramberger Lehen), die Klöster Amtenhausen und Rottenmünster sowie Rottweiler Johanniterkommende und Kapellenkirche besitzmäßig und grundherrschaftlich vertreten. Die Herren von Lupfen und die von Blumberg hatten zeitweise die Vogtei über das (Unter-, Ober-) Dorf inne; 1444 gelangten die Vogtei und damit die Herrschaft an die Grafen von Württemberg. Die Trossinger Pfarrkirche (im Unterdorf Niederhofen) ist erstmals 1275 bezeugt, das Patronatsrecht lag beim Kloster Reichenau; neben der Pfarrkirche gab es im Trossinger Oberdorf (Sontheim) ein (heute nicht mehr bestehendes) Gotteshaus ("Türmle"). In der frühen Neuzeit war Trossingen Teil des württembergischen Herzogtums und machte die protestantische Reformation mit (Martin-Luther-Kirche 1742/46). Ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Musikinstrumentenindustrie (Mathias Hohner), nach 1880 das Trossinger Stadtzentrum zwischen Unter- und Ober-Trossingen. 1927 wurde Trossingen Stadt, 1971 bzw. 1975 erfolgte die Eingemeindung der Nachbarorte Schura und Talheim. Daneben ist Trossingen Standort einer Musikhochschule. Vgl. noch Buhlmann, Michael (2014), Die Klöster St. Gallen und Reichenau, das Königtum, die Baar und Trossingen im frühen Mittelalter (= VA 69), Essen 2014, 72 S., € 4,50. [Buhlmann, 02.2014]

Haff, Karl (1952), Die Wildbannverleihungen unter Kaiser Heinrich III. und IV. an die Bischöfe von Augsburg und Brixen und die Paßhut, in: ZRG GA 69 (1952), S.301-309 > D Dasler, Forst und Wildbann

Hagemann, Manuel (2007), Johann von Kleve (†1368). Der Erwerb der Grafschaft Kleve 1347 (= Libelli Rhenani, Bd.21), Köln 2007, Schwarzweißabbildungen, Stammtafeln, Karte, € N.N. Die Regierungswechsel in der Grafschaft Kleve in den Jahren 1310/11, 1347 und 1368 gefährdeten von Mal zu Mal das niederrheinische Territorium. Der Tod Graf Ottos von Kleve (1305-1310) brachte unter dynastischen Schwierigkeiten (politisches Gegenspiel der Witwe Ottos Mechthild von Virneburg, des Kölner Erzbischofs und des Grafen von der Mark) dessen Halbbruder Dietrich IX. (1310-1347) an die Macht, nach dem Tod Dietrichs sollte dessen Bruder Johann relativ problemlos die Herrschaft in der Grafschaft antreten. Dieser Johann, zu einem unbekannten Zeitpunkt geboren, war der Sohn des Klever Grafen Dietrich VIII. (1275-1305) und von dessen zweiter Ehefrau Margaretha von Kiburg (†v.1388). Für eine geistliche Karriere bestimmt, konnte er mit Hilfe seines Halbbruders Otto schon frühe eine Reihe von ertragreichen Kanonikaten erlangen, u.a. an den Domkapiteln von Köln und Mainz und am Xantener Stift. Nachdem sich Dietrich IX. in der Grafschaft Kleve politisch durchgesetzt hatte, kam es zur formellen Einigung mit seinem Bruder Johann (1318; Linn und Orsoy als Apanage des Bruders, Nachfolge Johanns beim söhnelosen Tod Dietrichs). Johann verfolgte weiterhin seine geistliche Karriere insbesondere im Erzbistum Köln (Kölner Domdekan, Neusser Archidiakon 1320, Propst von Xanten ca.1325-1327), behielt aber auch die Grafschaft Kleve im Blick (Aussöhnung mit Mechthild von Virneburg 1325). Die Ankündigung Dietrichs IX., die Grafschaft Kleve unter dessen somit nachfolgeberechtigten Töchtern aufzuteilen, führte zum vorläufigen politischen Dissens mit Johann, zumal sich Letzterer eines guten Verhältnisses zu Erzbischof Walram von Jülich (1332-1349) erfreute (Johann als erzbischöflicher Lehnsmann 1336). Als Johann das Wittum Dinslaken von Mechthild von Virneburg erwarb (1337), kam es zum offenen Bruch zwischen den Brüdern, dem indes bald die Einigung folgte. Ab 1338 beteiligte sich Johann an der Politik der Grafschaft Kleve an der Seite Dietrichs (Vermittlung der Ehe zwischen Dietrich IX. und Maria von Jülich 1338, Verlegung des Stifts Monterberg nach Kleve 1340/41, Kontakte mit Herzog Rainald III. von Geldern [1343-1361]). Unter günstigen dynastischen Bedingungen (Tod Graf Adolfs II. von der Mark 1346) trat Johann die Nachfolge seines Bruder als Klever Graf (1347-1368) an. Dabei versicherte er sich zunächst der Anerkennung und Unterstützung der klevischen Städte (Privilegienbestätigungen für Wesel, Kalkar 1347; Privilegienbestätigung für Kleve 1349; Handfesten und Stadtrechtsurkunden für Kleve, Orsoy und Huissen) sowie der klevischen Vasallen (Räte des Grafen, Stellung des Neffen Johanns Dietrich von Horn-Parwijs-Kranenburg), holte bei Kaiser Ludwig dem Bayern (1314-1347) Privilegien ein (klevische Pfandschaft Duisburg, Verlegung des Nimwegener Rheinzolls 1347; Bestätigung und Erweiterung der Privilegien durch König Karl IV. [1346-1378] 1349), anerkannte die zur Grafschaft gehörenden kölnischen Lehen gegenüber Erzbischof Walram und hatte die Auflösung des Lehnsverhältnisses zur (bis dahin lehnsabhängigen) Grafschaft Moers zu akzeptieren (ab 1347). 1348 heiratete Johann Mechthild von Geldern, die Schwester Herzog Rainalds III. Johann gelang in der Folge eine Konsolidierung seiner Herrschaft in der Grafschaft, auch gegenüber den Städten (Kleve, Wesel, Kalkar, Büderich, Grieth, Dinslaken, Sonsbeck, Huissen, Orsoy, Linn, Duisburg, Kranenburg, Emmerich, Griethausen, Uedem, Kervenheim; Bürgschaftsleistungen der Städte); der Nimwegener Zoll wurde nach Griethausen verlegt (1352/57), die Stadt Emmerich wurde vom geldrischen Herzog an Kleve verpfändet (1355); die an Kleve verpfändete Reichsstadt Duisburg fiel (als Mitgift von Johanns Schwester Agnes) an die Grafschaft Kleve zurück (ca.1361/62; Verlegung des Zolls vor dem Duisburger Wald nach Büderich 1349/52, Verpfändung des Duisburger Marktzolls 1364). Im Konflikt zwischen Rainald III. von Geldern und dessen Bruder Eduard (1361-1371) um das Herzogtum stand Johann auf der Seite Rainalds (Inbesitznahme der Reichsherrschaft Rindern durch Kleve 1350, Kampfhandlungen in Geldern ab 1354, Landfrieden 1359). Folge des Eingreifens Johanns in Geldern war die weitere Verschuldung des Grafen, die finanzielle Lage der Grafschaft bleib weiterhin angespannt. Nach innen verfolgte Johann zielstrebig und pragmatisch den Ausbau von klevischer Gerichtsverfassung und Ämterverfassung (als Verwaltungsorganisation, Drost des "Klever Landes", Amtmänner; Klever Hof des Grafen) sowie die Weiterentwicklung der gräflichen Kanzlei zu einer Behörde der Landesherrschaft (scryvecamer, Abschriftensammlungen [ab ca.1360, Klever Kopiar 1336/37], Registerführung). Johann von Kleve starb söhnelos am 13. November 1368. Die Nachfolge in der Grafschaft sicherte sich Graf Adolf (III.) von der Mark (1368/80-1394), der schon in den 1360er-Jahren durch Johann in Klever Belange eingebunden worden war (Territorium Kleve-Mark). [Johann war damit der letzte der bis ins 11. Jahrhundert zurückreichenden Klever Grafen.] [Buhlmann, 09.2016]

Hagemann, Manuel (2015), Zur Geschichte der Burg Dinslaken, in: AHVN 218 (2015), S.15-44. Ab den 1170er-Jahren belegen Geschichtsquellen eine Burg im niederrheinischen Dinslaken, weiter eine Ministerialenfamilie als Burggrafen, die allerdings 1263/66 nach Holten umsiedelte, als die Grafen von Kleve sind die Dinslakener Burg sicherten. Im Schatten der wohl schon im 12. Jahrhundert teilweise in Stein aufgeführten Burg wurde Dinslaken im Jahr 1273 Stadt erhoben. Im 14. Jahrhundert war Dinslaken - Stadt und Burg - zeitweise Apanage von Mitgliedern der Klever Grafenfamilie, ab dem Jahr 1404 die weiterhin ausgebaute Burg Verwaltungsmittelpunkt und repräsentative Schlossanlage der Klever Herzöge u.a. für die Jagd (16. Jahrhundert). In der frühen Neuzeit geriet die Burg zunehmend ins Abseits, seit dem beginnenden 20. Jahrhundert dient sie als Sitz von Kreisverwaltung bzw. Dinslakener Rathaus (Neuaufbau nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg). [Buhlmann, 05.2016]

Hagemann, Wilfried, Verliebt in Gottes Wort. Leben, Denken und Wirken von Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen, Würzburg 2008 > A Aachen

Hahn, Dorothea, Frenzel, Burkhard, Wein, Gerhard (1982), Kloster Reichenbach 1082-1982, Freudenstadt 1982 > R Reichenbach, Klosterreichenbach

Halfmann, Helmut (2011), Marcus Antonius (= GdA), Darmstadt 2011 > G Gestalten der Antike

Hall, Ewald M. (1991), Die Sprachlandschaft der Baar (und des ehemaligen Fürstentums Fürstenberg). Eine phonetisch-phonologische Untersuchung über das oberrhein-alemannisch - schwäbisch - südalemannische Interferenzgebiet, 2 Tle. (= Studien zur Dialektologie in Südwestdeutschland, Bd.4), Marburg 1991 > B > Baar

Haller, Johannes (1936), Nikolaus I. und Pseudoisidor, Stuttgart 1936, 203 S., € 9,-. Das Pontifikat Papst Nikolaus' I. (858-867) war geprägt von einer verstärkten Einflussnahme des Papsttums gegenüber Kirche und Politik in den spätkarolingisch-fränkischen Teilreichen ("Ehehändel" König Lothars II. [855-869] 863/67 und Absetzung der Erzbischöfe Theutgaud von Trier [847-863] und Gunther von Köln [850-863] 863, Einschreiten zu Gunsten des abgesetzten Bischofs Rothard von Soissons 860/65, Einschreiten zu Gunsten des vom ehemaligen Erzbischof Ebo von Reims zum Priester geweihten Wulfhad 866/67, Konflikte mit Kaiser Ludwig II. [855-875]). Zur Durchsetzung seiner Führungsrolle gegenüber der fränkischen Kirche bediente sich der Papst pseudo-isidorischen Dekretalen, die aller Wahrscheinlichkeit nach 847/52 im Zusammenhang mit der Absetzung Ebos von Reims in Reims gefälscht worden waren. Nikolaus griff ebenfalls in die Belange der griechischen Kirche ein (Nichtanerkennung des Patriarchen Photios 861/67, Versuch der Unterstellung Bulgariens unter die römische Kirche 866/67). Die Politik des Papstes wurde u.a. ab 862 von Anastasius Bibliothecarius unterstützt bzw. beeinflusst. In der Zusammenschau von Gewolltem und Geleistetem bleibt das Pontifikat Nikolaus' zwiespältig. [Buhlmann, 01.2012]

Halm, Heinz (1991), Das Reich des Mahdi. Der Aufstieg der Fatimiden, München 1991, 470 S., Schwarzweißtafeln, Karten, DM 68,-; Halm, Heinz (2003), Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten 973-1074, München 2003, 508 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 39,90; Halm, Heinz (2014), Kalifen und Assassinen. Ägypten und der Vordere Orient zur Zeit der ersten Kreuzzüge, München 2014, 431 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 34,95. Die Dynastie der fatimidischen Kalifen im islamischen Kulturbereich des 9. bis 12. Jahrhunderts fusst auf dem Siebener-Schiitentum, der ismailitischen Geheimlehre (Da'wa, Verbreitung durch Da'is, "Inseln" der Geheimlehre im Iran, am Persischen Golf, im Irak, in Nordafrika, im Jemen; Lehre: Abstammung von Mohammed/Fatima, [Wiederkehr des verborgenen Mahdi], Propaganda gegen das abbasidische Kalifat). Zu Beginn des 10. Jahrhunderts gelang den Fatimiden die Gründung eines Gegenkalifats in Ifriqiya (Nordafrika) und Sizilien (909), gestützt auf die Kutama-Berber. Dynastiegründer war al-Mahdi (909-934), der in Kairuan bzw. (ab 916) in al-Mahdiya residierte. Die Einbeziehung Ägyptens in den fatimidischen Machtbereich schlug zunächst fehl, bis 969 unter dem Kalifen al-Muizz (953-975) die Eroberung des Lands am Nil gelang (Gründung Kairos). Von Ägpyten aus übten sie Einfluss über den Hidschas und auf die heiligen Stätten Mekka und Medina aus und griffen in den palästinensisch-syrischen Raum über (Byzanz, Bagdader Kalifat, Türken). Neben den Kutama stützten sich die Herrschaft der Fatimidensultane zunehmend auf türkische Soldaten (Mamluken), in der Verwaltung traten auch Juden und Christen an prominenten Stellen in Erscheinung. Die fatimidische Politik innerhalb des Kalifats zeichnete sich weitgehend durch religiöse Toleranz gegenüber den sunnitischen Muslimen, den Juden und Christen aus (Übergriffe zur Zeit des Kalifen [und Imam] al-Hakim [996-1021], Kairoer Moschee al-Hakims, "Haus der Weisheit" [1005]). Die ersten Jahre der Regierungszeit des Kalifen al-Mustansir (1036-1094) können dann als Höhepunkt fatimidischer Herrschaft gelten (Bagdad in fatimidischer Hand 1059), während das westliche Nordafrika dem fatimidischen Einfluss entglitt (1051). Den armenischen Wesiren al-Gamali (1074-1094) und al-Afdal (1094-1121) gelang noch einmal die Stabilisierung des Fatimidenreichs, wobei Palästina an die lateinischen Kreuzfahrerstaaten verloren ging. Nach der Ermordung des Kalifen al-Amir (1101-1130) herrschte in Ägypten unter den politisch wenig einflussreichen fatimidischen (Kinder-) Kalifen zunehmend Anarchie; Ägypten sank teilweise zum "Protektorat" des christlichen Königs von Jerusalem ab (Eroberung von Askalon 1161), das Bündnis mit dem Emirat Aleppo brachte die aijubidische Inbesitznahme des Nillandes und das Ende des schiitischen Fatimidenkalifats (1171) durch den Wesir bzw. Sultan Saladin (1171-1193). Einen Seitenzweig ismailitisch-fatimidischen Bekenntnisses bildeten die Assassinen (11. Jahrhundert, 4. Viertel) mit ihrem religiösen und politischen Zentrum Alamut und einer Vielzahl von Stützpunkten (Burgen) etwa in Persien und Syrien. Ebenfalls schiitisch-fatimidischen Ursprungs waren (sind) die Drusen, deren Lehre die Gestalt des Kalifimams al-Hakim zum Ursprung hatte. [Buhlmann, 03.2014, 04.2014]

Halm, Heinz (2017), Die Assassinen. Geschichte eines islamischen Geheimbundes (= BSR 2868), München 2017, 128 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 8,95. I. Der schiitische Islam der Anhänger des ermordeten dritten Kalifen Ali (656-661) war (auch) im Mittelalter in (zahlreiche) religiöse Gruppierungen u.a. der Zwölferschiiten und der Ismailiten gespalten (firqa, firaq; Frage nach dem wahren Imam, Rolle des Mahdi als "verborgenen" Imam); hinzu kam der starke religiös-politische Gegensatz zum sunnitischen Islam. Die Anfänge der Ismailiten reichen in das 8. bzw. frühe 9. Jahrhundert zurück; (heimliche) ismailitische Missionierung (dawa; "Rufer" [dai], innere Botschaft des Koran [bâtin -> Batiniten]) bekehrte u.a. algerische Berber, die Nordafrika (Kairuan 909) besetzten und in Ägypten die Dynastie der ismailitischen Fatimiden begründeten (969/73). In Kleinasien und im Iran etablierten sich seit dem 11. Jahrhundert die türkisch-sunnitischen Seldschuken u.a. als Schutzherrn des weitgehend machtlosen Abbasidenkalifats. II. Auch das Land südlich des Kaspischen Meeres stand der ismailitischen Missionierung offen. Hier war es Hasan-e Sabbah (Hasan I., 1090-1124), der Ismailit wurde und nach der Besetzung der Burg Alamut (1090) eine ismailitische Kleinherrschaft im türkisch-sunnitischen Territorium aufbauen konnte (Eroberung weiterer Burgen, Angriffe der großseldschukischen Sultane auf die Batiniten, Batiniten um Hasan-e Sabbah als Nizari-Ismailiten [nizaritsche Doktrin], Attentate als politische Abwahrmaßnahme Hasans [Attentatsliste von Alamut]); Machtkämpfe innerhalb des Seldschukenreichs begünstigten die batinitische Herrschaftsbildung. Ebenso gelang das Eindringen der Batiniten in das politisch gespaltene Syrien, zumal die Ausbildung der Kreuzfahrerstaaten ab dem Ersten Kreuzzug (1096/99) die Region weiter destabilisierte (Batiniten in Aleppo, fatimidische Reaktionen); unter Bozorg Omid (1124-1138), dem Nachfolger Hasan-e Sabbahs, erwarben die Batiniten die ersten syrischen Burgen (Grenzfestung Bâniyâs [1126], Burgen al-Qadmûs [1132/33], al-Kahf [1135/39], Masyâf [1140/41], ar-Rusâfa u.a.). Bozorg Omid gelang die Begründung der Dynastie der "Großmeister" (Herren) von Alamut; ihm folgte sein Sohn Kiya Muhammad I. (1138-1162), der einen politischen Ausgleich mit dem letzten großseldschukischen Sultan Sandschar (1118-1157) fand. Muhammads Sohn Hasan II. (1162-1166) leitete als "Kalif" des "verborgenen" Imams mit einer Abkehr vom islamischen Gesetz (qiyâm(a) als "gesetzloser, paradiesischer Urzustand") eine die Endzeit ankündigende Zeitenwende ein, seine Sohn Muhammad II. (1166-1200) machte nach der Ermordung Hasans (1166) aus diesem einem Imam in der Nachfolge des Fatimidenkalifen Nizar; alle auf Hasan folgenden nizaritisch-ismailitische Imame waren (und sind bis heutzutage Karim Aga Khan IV.) Abkömmlinge Hasans II. III. Verkünder der qiyâma in Syrien war Raschid ad-Din Sinan (1162-1193), der als der "Alte vom Berge" bei den Kreuzfahrern bekannt war und die dortige batinitische Herrschaft festigte und erweiterte, auch gegen den ayyubidischen Sultan Saladin (1171-1193) (Beziehungen zu den Kreuzfahrerstaaten, Ende der Fatimidenkalifats [1171], batinitische Attentate auf Saladin [1174, 1176], Schlacht bei Hattin und Eroberung Jerusalems durch Saladin [1187], Ermordung Konrads von Montferrat [1192]). Die syrischen Batiniten wurden zu politischen Gefolgsleuten der Ayyubidendynastie Saladins, waren zeitweise aber auch von dem christlichen Ritterorden der Templer tributabhängig, erpressten aber umgekehrt von Muslimen und Kreuzfahrern Schutzgeld (Kaiser Friedrich II. 1226/27, König Ludwig der Heilige 1250). Nachfolger des "Alten vom Berge" in Syrien waren u.a.: Asad ad-Din, Madsch ad-Din, Tâdsch ad-Din. Die batinitische Herrschaft in Syrien wurde durch den Mongoleneinfall nach Syrien (Ende des Bagdader Abbasidenkalifats [1258], Einzug der Mongolen in Damaskus [1260]) entscheidend geschwächt und kam durch den Mamlukensultan Baibars (1260-1277) (Sieg der Mamluken über ein mongolisches Heer an der Goliathsquelle [1260]) unter dem "Alten vom Berge" Nadschm ad-Din (1262-1271) zu ihrem Ende (1271). IV. Unter dem Imam Hasan III. von Alamut (1210-1221) erfolgte eine Annäherung der Nizariten an Sunna und Scharia (Pilgerfahrt Hasans III. nach Mekka [1213], Bündnisse mit dem Kalifen von Bagdad und dem Khârezm-Schah Ala ad-Din Muhammed [1220-1220]). Das Eindringen der Mongolen in den Iran (1220) veränderte indes zunächst die politische Bühne, der letzte Khwârezm-Schah Dschalal ad-Din Mankubirti (1220-1231) konnte sich in seinem Reich behaupten, während die Beziehungen zum Herrn von Alamut Ala ad-Din Muhammad III. (1221-1255) gespannt waren. Die Ermordung des Schahs (1231) rief die Mongolen wieder auf den Plan, die Batiniten in Alamut waren von diesen politischen Entwicklungen jedoch zunächst nicht betroffen. Erst unter Imam Runkn ad-Din Khur-Schah (1255-1257) kam es zur Unterwerfung der Nizariten unter die Mongolen; u.a. wurden die Burgen Alamut (1256), Lamassar (1258) und zuletzt Gerdkuh (1270) eingenommen, der letzte Imam von Alamut auf seiner Reise zum mongolische Großkhan Möngke ermordert (1257). V. Die Anhänger der Imame von Alamut, die Nizariten, überlebten das Ende der Herrschaft Alamut; nizaritische Gemeinden gab es in Spätmittelalter und früher Neuzeit in Iran, Aserbaidschan und Indien. Um die Nizariten, u.a. als "Assassinen" ("Haschischkonsumenten" als sunnitisches Schimpfwort für "Kriminelle, Religionslose, Pöbel") bezeichnet, um den "Alten vom Berge" bildeten sich seit der Zeit der Kreuzfahrer eine Anzahl von Legenden aus (Arnold von Lübeck [1172]; Burchard von Straßburg [1175]; Jakob von Vitry [1216-1228]; Marco Polo [1298/99]; Joseph von Hammer-Purgstall, Geschichte der Assassinen [1818]; Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel [1988] u.a.). [Buhlmann, 05.2017]

Hammel-Kiesow, Rolf (2000), Die Hanse (= BSR 2131), München 2000 > H Hammel-Kiesow u.a., Hanse

Hammel-Kiesow, Rolf, Puhle, Matthias, Wittenburg, Siegfried (2009), Die Hanse, Darmstadt 22015, 216 S., Farbabbildungen, Karten, € 14,95. I. Die Landwirtschaft war die Grundlage des hochmittelalterlichen Wirtschaftens. "Vergetreidung", Übergang zur Dreifelderwirtschaft, Wandel in der landwirtschaftlichen Technik (Wende- statt Hakenpflug), die Organisationsform der Grundherrschaft mit ihrem Villikationssystem waren Voraussetzung und Ergebnis der hochmittelalterlichen Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung. Die (adlige) Oberschicht, Krieger und auch Geistlichkeit, lebte von den Erträgen der in den Grundherrschaften eingebundenen abhängigen Bauern. Daneben gab es freie Bauern und die Zwischenschicht der Ministerialen (Dienstleute) und villici ("Meier"). Kaufleute, Handwerker und Bürger waren in dieser sich im 10./11. Jahrhundert formierenden Feudalgesellschaft zunächst nur Randgrößen. Folge und Ursache des sich ausbildenden Städtewesens war ab dem hohen Mittelalter eine Intensivierung von Handel und Gewerbe. Kaufleute waren schon im frühen Mittelalter in Gilden organisiert, Handwerker in den spätmittelalterlichen Städten in Zünften als berufsständische Einrichtungen u.a. mit eigener Gerichtsbarkeit (Zunftmeister, Beteiligung von Zünften an Rat und städtischer Politik). II. Für den norddeutschen Raum wurde im späten Mittelalter die Hanse als Wirtschaftsorganisation der Kaufleute und der Städte bedeutsam. Beginnend im 12. Jahrhundert mit den Fahrtgemeinschaften von Kaufleuten ("Hansen", Gotlandfahrer), beginnend auch mit dem Aufstieg Lübecks ("Haupt der Hanse") zur erfolgreichen Handelsmetropole nicht nur des Ostseeraums, entwickelte sich im späten Mittelalter die Städtehanse als Zusammenschluss zahlreicher niederrheinisch-westfälisch-norddeutscher, niederländischer und preußisch-livländischer Städte (Dortmund, Köln, Lübeck, Magdeburg als Vororte [von Dritteln, Vierteln]), die den Schutz ihrer Kaufleute garantierten und alsbald den Wirtschaftsraum von Nord- und Ostsee beherrschten. Über die großen Hansekontore Bergen ("Deutsche Brücke"), Brügge, London ("Stalhof") und Novgorod ("Petershof") lief der Handel der Hansekaufleute mit Waren (Hering, Stockfisch, Pelze, Häute, Wachs, Bauholz, Wolle, Tuche, Leinwand, Metallwaren, Glas, Papier, Wein, Bier, Salz, Eisen, Zinn, Kupfer, Silber) zu Wasser (See- und Binnenschifffahrt [Organisation, Navigation, Häfen, Stapel, Warenlagerung]; Schiffe [Kogge, Holk]) und zu Lande (Landtransport [Transportwesen, Straßen, Geleit, Zölle]; Karren [vierrädrig, zweirädrig]). Zur Durchsetzung ihrer Interessen (Handelsprivilegien) schreckte die Hanse auch vor Kriegsführung nicht ab (Kölner Konföderation [1367/85] und Stralsunder Frieden [1370]; Englandkonflikt [1469/74] und Frieden von Utrecht [1474]). Umgekehrt war die Hanse von kriegerischen Auseinandersetzungen (Kaperkrieg der Vitalienbrüder [ab 1390]), waren viele Hansestädte als Territorialstädte von ihren Landesherren bedroht (hansische Tohopesaten und Landesherrschaften; Einbindung Braunschweigs in die Landesherrschaft 1671); nur wenige Hansestädte waren Reichs- oder freie Städte (Dortmund, Köln, Lübeck). Der Aufstieg der holländischen Kaufleute und der englischen merchant adventurers, die Entwicklung der Territorialstaaten und der Territorien sowie das Aufkommen süddeutscher Kaufleute (Fugger, Welser; europäisches Fernhandelssystem der frühen Neuzeit) führten am Ende des Mittelalters zum Niedergang der Hanse, trotz Reorganisationsbemühungen in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, der Beibehaltung der Hansekontore Antwerpen, Bergen und London und der Behauptung der Hanse im Westfälischen Frieden (1648). Der letzte Hansetag der noch nicht "abgedankten und abgeschnittenen" Städte (als politisches Beschlussgremium der Hansestädte) fand im Jahr 1669 statt, die letzten drei Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck fanden sich in einem locker organisierten Dreibund zusammen, der im Jahr 1920 endete. III. Mit der "dudeschen Hanse" verbunden war die (sich im Verlauf der Jahrhunderte immer neu definierende) Gestalt des hansischen Kaufmanns, der als Fernkaufmann ein großes Netzwerk an Handelspartnern besaß, Eigen-, Gesellschafts- und Kommissionshandel betrieb, seine Geschäfte mit einem Warensortiment oder mit speziellen Waren (Warenqualität) mit Hilfe von Buchhaltung (Handlungsbücher) und Zahlungsverkehr (Bargeld, Kredite und Wechsel) organisierte und wesentlich Gesellschaft und Kultur seiner Stadt mitbestimmte (Architektur, [religiöse] Kunst der Hansestädte, hansisches Recht). IV. An besonderen Orten für die Hanse sind dann noch zu nennen: Bergen, Braunschweig, Bremen, Danzig, Hamburg, Köln, Lübeck, Lüneburg, Münster, Reval, Riga, Soest, Thorn, Visby, Wismar, Zwolle. Vgl. noch Hammel-Kiesow, Rolf (2000), Die Hanse (= BSR 2131), München 2000, 128 S., Karten, DM 14,80. [Buhlmann, 10.2010, 06.2015]

Handbuch der (klassischen) Altertumswissenschaft, hg. v. Iwan von Müller, Robert von Pöhlmann, Walter Otto, Hermann Bengtson, Hans-Joachim Gehrke, Bernhard Zimmermann, bietet seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einen systematischen Zugang zu Bereichen der Altertumskunde/-wissenschaft zur altorientalischen, griechischen und römischen Antike. Bisher sind u.a. erschienen: I. Einleitende und Hilfsdisziplinen: Bd.I,7 (1972): Samuel, Alan E., Greek and Roman Chronology. Calendars and years in classical antiquity, München 1972, XVII, 307 S., DM 25,-; II. Griechische und lateinische Sprachwissenschaft: Bd.II,1 (1900): Brugmann, Karl, Griechische Grammatik, München 31900, XX, 772 S.; Bd.II,2 (1900): Stolz, Friedrich, Schmalz, Joseph H., Lateinische Grammatik, München 31900, X, 924 S.; III. Alter Orient, Griechische Geschichte, Römische Geschichte: Bd.III,1,3 (1933): Kulturgeschichte des Alten Orients: Abschn. 3,1: Götze, Albrecht, Kleinasien, Abschn. 3,2: Christensen, Arthur, Die Iranier, München 1933, XVIII, 309, 11 S., DM 5,-; Bd.III,4 (1896): Pöhlmann, Robert, Grundriß der griechischen Geschichte nebst Quellenkunde, München 21896, DM 28,-, München 31906, VI, 377 S., DM 30,-, > Bengtson, Griechische Geschichte; Bd.III,5 (1897): Niese, Benedictus, Grundriß der römischen Geschichte nebst Quellenkunde, München 21897, > Bengtson, Römische Geschichte; Bd.III,6 (1989): > Demandt, Spätantike; Bd.III,8 (1990): > Huß, Karthager; Bd.III,10 (2012): > Maier, Kelten; IV. Griechische Staatskunde, Heerwesen und Kriegführung der Griechen und Römer: Bd.IV,1,2 (1893): Müller, Iwan von, Bauer, Adolf, Die griechischen Privat- und Kriegsaltertümer, München 21893, IX, 502 S.; Bd. IV,2 (1887): Schiller, Hermann, Voigt, Moritz, Die römischen Staats-, Kriegs- und Privataltertümer, München 21893; V. Geschichte der Philosophie, Geschichte der Mathematik und Naturwissenschaften, Religionsgeschichte: Bd.V,1 (1894): Windelband, Wilhelm, Geschichte der alten Philosophie, nebst einem Anhang: Abriss der Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften im Altertum, v. Siegmund Günther, München 21894; Bd.V,4 (1912): Wissowa, Georg, Religion und Kultus der Römer, München 21912, XII, 612 S., DM 48,-; VII. Geschichte der griechischen Literatur: Bd.VII (1889): Christ, Wilhelm von, Geschichte der griechischen Litteratur, München 31898, € 35,-, München 41905 € 5,-; VIII. Geschichte der römischen Literatur: Bd.VIII,1 (1890): Schanz, Martin, Die römische Litteratur in der Zeit der Republik, München 21898, DM 20,-; Bd.VIII,2,1 (1899/1901): Schanz, Martin, Die römische Litteratur in der Zeit der Monarchie bis auf Hadrian: Tl.1: Die augusteische Zeit, München 31911, DM 20,-, Tl.2: Vom Tode des Augustus bis zur Regierung Hadrians, München 31913, DM 20,-; IX. Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters: Bd.IX,2,3 (1931): Manitius, Max, Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts, München 1931, 1164 S., DM 35,-; XII. Byzantinisches Handbuch (im Rahmen des Handbuchs der Altertumswissenschaft): Ostrogorsky, Georg, Geschichte des Byzantinischen Staates, München 1940, XIX, 448 S., Karten, DM 40,-. [Buhlmann, 04.2016]

Hankel, Wilhelm (1978), Caesar. Goldne Zeiten führt' ich ein. Das Wirtschaftsimperium des römischen Weltreiches, Berlin 1978 > C Caesar

Hanko, Helmut (2012), Herzog Heinrich II. Jasomirgott. Pfalzgraf bei Rhein - Herzog von Bayern - Herzog von Österreich, Darmstadt 2012, 144 S., Stammtafel, Karte, Zeittafel, € 19,90. Heinrich Jasomirgott (Jâsan elkund Harri [arabische Überlieferung, 12. Jahrhundert?], Jochsamergot [österreichische Überlieferung, 13./14. Jahrhundert], *ca.1107-†1177) war - nach seinem Halbbruder Adalbert - der älteste Sohn aus der Ehe des babenbergischen Markgrafen der Ostmark Leopold III. (1095-1136) und der Agnes, der Tochter Kaiser Heinrichs IV. (1056-1106), Bruder u.a. des Geschichtschreibers und Bischofs Otto von Freising (1138-1158) sowie des Passauer bzw. Salzburger (Erz-) Bischofs Konrad (1149-1164 bzw. 1164-1168), - über die Ehe der Agnes mit dem staufischen Herzog Friedrich I. von Schwaben (1077-1105) - Halbbruder u.a. des staufischen Königs Konrads III. (1138-1152). Heinrich war zunächst politisch aktiv am Mittelrhein (salisches Hausgut der Agnes); sein nächstjüngerer Bruder Leopold IV. (1136-1141) übernahm von daher die Markgrafschaft nach dem Tod des Vaters (1136); König Konrad übertrug im Rahmen des staufisch-welfischen Konflikts um den bayerischen und sächsischen Herzog Heinrich den Stolzen (†1139) zudem das Herzogtum Bayern an Leopold (1139). Heinrich Jasomirgott wurde 1140 - nach dem Tod Wilhelms von Ballenstedt (1129-1140) - von König Konrad III. mit der rheinischen Pfalzgrafschaft belehnt (1140-1142); nach dem Tod seines Bruders Leopold (1141) rückte Heinrich als Markgraf nach (1141-1143) und erhielt von seinem Halbbruder weiter das bayerische Herzogtum (1143-1156). Am Grenzfluss Leitha erlitt der Babenberger - trotz des raschen Entschlusses zum Angriff - eine Niederlage gegen die Ungarn (1146). An der Seite König Konrads nahm Heinrich am wenig erfolgreichen Zweiten Kreuzzug (1147-1149) teil; das Unternehmen brachte dem Herzog aber immerhin die Heirat mit der byzantinischen Prinzessin Theodora Komnena ein (1148/49). Im Zuge des staufisch-welfischen Ausgleichs zwischen König Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) und Heinrich dem Löwen (†1195) musste Heinrich Jasomirgott auf das bayerische Herzogtum verzichten, behielt indes honor et gloria (der Herzogswürde) durch die Erhöhung der österreichischen Markgrafschaft zum Herzogtum (Privilegium minus 1156 [Sonderrechte: Erblichkeit des Lehens, herzogliche Gerichtsgewalt, eingeschränkte Pflichten des Herzogs bei Hoftagen und militärischen Unternehmungen des Königs). Dabei ging - im Umfeld einer kaiserlichen und herzoglichen "Ostpolitik" gegenüber Ungarn, Böhmen, Mähren und Byzanz - der territoriale Ausbau der Markgrafschaft bzw. des Herzogtums unter dem "Markherzog" Heinrich weiter (markgräfliche Rechte [Grafschaftsrechte, (Kirchenhoheit), Marchfutter, Burgwerk], Kirchen- und Klostervogteien [Klosterneuburg, Göttweig, (Seitenstetten), (St. Emmeram), (Admont), Bistum Passau], "klassische" Rechte [Heerführung, Landfriedenswahrung, Landtage, Gerichtsbarkeit], Ministerialität und Landesausbau [Kuenringer], Beerbung von Adelsfamilien ["Poigenreich" der Grafen von Poigen-Rebgau 1188], Wien als Residenzstadt und Zentrum höfisch-ritterlicher Kultur). Als magnus imperii princeps engagierte sich Heinrich Jasomirgott auch reichspolitisch (Belagerungen Mailands [1158, 1162], Eroberung von Crema [1159]), im alexandrinischen Papstschisma (1159-1177) nahm er - u.a. mit Rücksicht auf seinen Bruder, dem Salzburger Erzbischof - eine unentschiedene Haltung ein. Zwischen 1175 und 1177 hatte sich der Herzog böhmischer, ungarischer und steirischer Übergriffe zu erwehren; er starb am 13. Januar 1177, nachdem er am 29. November des Vorjahres bei einem Reitunfall einen Oberschenkelbruch erlitten hatte. Alles in allem erscheint Heinrich Jasomirgott in seinen politischen und militärischen Handlungen im Sinne einer stark durch das Rittertum beeinflussten Lebensweise als durchsetzungsfähig und maßvoll, als um Repräsentation, honor et gloria bemüht. [Buhlmann, 06.2013]

Hantsche, Irmgard (2010), Niederländische Glaubensflüchtlinge am Niederrhein im 16. Jahrhundert und die reformierten Gemeinden in Wesel und Düren, in: AHVN 213 (2010), S.127-151, 7 Karten. Der Niederrhein des 16. Jahrhunderts steht für das Mit- und Gegeneinander der Konfessionen, für die Vertreibung der Protestanten aus den habsburgischen Niederlanden (und dem Herzogtum Geldern) und ihre Aufnahme in den niederrheinischen Städten z.B. der Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg, deren Herzog Wilhelm V. (1539-1592) sich um eine via media zwischen den Konfessionen bemühte. Niederländische Glaubensflüchtlinge gelangten so erstmals 1544 nach Wesel, in der Folgezeit erhöhte sich der Zustrom, so dass das vormals lutherische Wesel an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zu einer reformierten, calvinistischen Stadt wurde und unter der Herrschaft des brandenburgischen Kurfürsten (ab 1609) auch blieb. Auch Düren war von der Reformation erfasst worden (1530), doch wird erst in den 1570er-Jahren eine kleine evangelisch-reformierte Gemeinde sichtbar, die wahrscheinlich von Exulanten beeinflusst war und in Folge des Übergangs der Herzögtümer Jülich-Berg an Pfalz-Neuburg (1609) offiziell anerkannt wurde (1610), neben einer lutherischen Gemeinde, die noch 1609 eingerichtet worden war, und neben der großen Mehrheit der Dürener Katholiken. [Buhlmann, 03.2012]

Happ, Sabine (2002), Stadtwerdung am Mittelrhein. Die Führungsgruppen von Speyer, Worms und Koblenz bis zum Ende des 13. Jahrhunderts (= RA 144), Köln-Weimar-Wien 2002, 470 S., Tabellen, Karten, € 14,90. Die mittelrheinischen Städte Speyer, Worms und Koblenz weisen für den Zeitraum vom 11. bis zum endenden 13. Jahrhundert gleich- und verschiedenartige Entwicklungen auf. Unter der Stadtherrschaft von Bischöfen (Koblenz: Trierer Erzbischof) bildeten sich in diesem Zeitraum städtische Gemeinden aus, eine städtische Oberschicht, bestehend aus Bürgern und Ministerialen (Rittern), wird erkennbar. Für Speyer und Worms ist ein städtischer Rat (Schöffenkolleg) für die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert bezeugt, für Koblenz erst für das Ende des 13. Jahrhunderts. In Worms und Koblenz spielten die Ministerialen eine wichtige Rolle im Rat. Ausfluss der Ausbildung der Orte zur Stadt waren - einschränkend bzw. zeitversetzt für Koblenz -: das Stadtsiegel, das Recht auf städtische Verordnungen, die Verantwortung für die Stadtmauer, die Verfügung über die Allmende, eine eingeschränkte Gerichtsbarkeit unter der des Stadtherrn. Dabei erkämpften sich die Bürger und Ministerialen der Städte ihre Gemeinderechte von den bischöflichen Stadtherren (Worms: Aufstand 1073, Auseinandersetzungen des beginnenden 13. Jahrhunderts, 1. Rachtung 1233; Speyer: Auseinandersetzungen in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts; Koblenz: Auseinandersetzungen am Ende des 13. Jahrhunderts). Bürgertum und Ministerialität gingen durchaus getrennte Wege, insbesondere orientierten sich Ministeriale (ministeriales) und Ritter (milites) mindestens seit der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts neu. Eine "bürgerliche Ministerialität" hat es so nicht gegeben, wenn (vielleicht) auch wenige Bürgerfamilien des sich ausbildenden städtischen Patriziats ministerialische Abstammung besaßen (Worms). Eine Abschließung des Patriziats ist jedenfalls nicht vor dem Ende des 13. Jahrhunderts erfolgt (Aufstieg "neuer" Familien). Bürger und (erfolgreicher) Ministeriale besetzten Positionen in den geistlichen Kommunitäten der Städte (Speyer, Worms: Domstift; Koblenz: Deutschordenshaus; Klöster, Stifte), die städtischen Oberschichten waren in und im Umkreis der Städte begütert (weniger: Speyer), sie nutzten die Städte als Handelsplatz (Märkte, Nah- und Fernhandel [Wein, Tuche, Luxusgüter], jüdische Gemeinden) und als Orte für Handwerk und Gewerbe (Güterproduktion). Die Nähe von Bürgertum und Ministerialität zu kirchlich-bischöflichen Institutionen macht es wahrscheinlich, dass vielfach die führenden Bürgerfamilien durch Handelstätigkeit aus der kirchlichen familia aufgestiegen sind. [Buhlmann, 08.2015]

Hard-Friederichs, Friederun (1980), Markt, Münze und Zoll im ostfränkischen Reich bis zum Ende der Ottonen, in: BlldtLG 116 (1980), S.1-31. I. An Markt- (Ma), Münz- (Mü) und Zollorten (Zo) finden sich im karolingischen und ottonischen Ostfrankenreich links- und rechtsrheinisch: Allensbach (MaMü, 998/1000), Bardowick (MüZo, 965), Bremen (MaMüZo, 888), Chiavenna (Zo, 980), Chur ([Ma]Zo, 952, 976), Corvey (MaMüZo, 833), Deventer (Zo, 896), Diedenhofen (Zo, 900), Dinant (Zo, merowingisch), Dorestad (Zo, 896 und früher), Echternach (Mü, 992), Eichstätt (MaMüZo, 908), Gerresheim (Zo, 977), Gondreville (Zo, 865), Halberstadt (MaMüZo, 989), Helmershausen (MaMüZo, 1000), Huy (Zo, merowingisch), Kaiserslautern (MaZo, 985), Köln (MaZo, 975/89), Konstanz (MaMü, 998/1000), Kornelimünster (MaMü, 985), Lüdinghausen (MaMü, 974), Lüneburg (Zo, 956), Maastricht (MüZo, 779), Magdeburg (MaMüZo, 937/65), Metz (Ma[Zo], 948), Minden (MaMüZo, 977), Münstereifel (MaMüZo, 898), Neuss (Zo), Niedermarsberg (MaMüZo, 900), Nordhausen (MaMüZo, 962), Ranshofen (Zo, 885), Rimlingen (Zo, 865), Rommersheim (MüZo), Stein am Rhein (Ma, 995), Tauersheim (Zo, 885), Tiel (Zo, 896), Toul (Zo, 927), Trier (MüZo, 902), Verden (MaMuZo, 985), Werden (MaMü, 974), Worms ([MaMü]Zo, 858), Würzburg (MaZo, 918), Zaltbommel ([Ma]MüZo, 999), Zizers (Zo, 980), Zürich ([Ma]MuZo, 972) u.a. II. In der Karolingerzeit regelten Kapitularien (Diedenhofener Kapitular 805), Verordnungen und Gesetze (814, 819) Zoll und Zollerhebung, in karolingischer und ottonischer Zeit informieren Urkunden über Märkte und Münzstätten, besonders über die Einrichtung und Durchführung von Märkten (Marktfrieden). Markt, Münze und Zoll gelten als eine Wurzel hochmittelalterlicher Stadtentwicklung. [Buhlmann, 10.2014, 08.2015]

Harless, Woldemar (1869), Urkunden des Stiftes und der Stadt Gerresheim, in: ZBGV 6 (1869), S.77-95 > G Gerresheim

Harless, Woldemar (1884), Die Erkundigung über die Gerichtsverfassung im Herzogtum Berg vom Jahre 1555, in: ZBGV 20 (1884), S.117-202 > G Gerresheim

Harleß, W[oldemar] (1911), Zwei Denkschriften über das Verhältnis von Rellinghausen und Bifang zum Stift Essen und dessen Bergregal, mitgeteilt v. Wilh[elm] Grevel, in: EB 33 (1911), S.79-132 > R Rellinghausen

Harter, Hans (2008), Die Herzöge von Urslingen in Schiltach (= Beiträge zur Geschichte der Stadt Schiltach, Bd.5), Schiltach 2008, 106 S., zahlreiche Schwarzweiß-, auch Farbabbildungen, 1 Stammtafel, € 11,90. Die ab 1137 nachweisbare Adelsfamilie derer von Urslingen (Irslingen, bei Dietingen) stieg im Reichsdienst in Italien unter den Stauferkaisern Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) und Heinrich VI. (1190-1197) auf: Egenolf von Urslingen begründete im elsässischen Rappoltstein die Rappoltsteiner Linie, Konrad "der Schwabe" war Herzog von Spoleto (1174-1198), musste aber Italien verlassen und kehrte nach Urslingen zurück, wo mit ihm die Linie der Herzöge von Urslingen begann. Beiden Linien zeichneten sich durch ein gemeinsames Wappen (drei rote Schilde in zwei Reihen) aus. Die letzten Urslinger Herzöge im 14. und 15. Jahrhundert standen mit dem Schwarzwaldstädtchen Schiltach a.d. Kinzig in Verbindung; Schiltach war damals Mittelpunkt einer Pfarrei (1274/75), Stadt (1293) und befestigter Ort (1334, 1430), versehen mit einer Burg (1381), angeschlossen das "Lehengericht von Schiltach" mit den bäuerlichen Erblehen (vor 1381, 1491). Der mit der Herzogin Beatrix von Teck verheiratete Reinold (V; 1337, 1365) von Urslingen, verpfändete 1357 Schiltach, dessen Besitz er sich mit den letzten Herzögen Hermann II. und Hermann III. (†1363) der Oberndorfer Linie der Teck teilte. Reinold "der Deutsche" und sein Bruder Werner (†1353) waren unterdessen als Söldnerführer in Italien tätig (1337 Venedig, 1338/39 "Kompanie des heiligen Goerg", 1342/43 "Große Kompanie", 1347/49 Kämpfe um Neapel, 1348 Plünderung Anagnis, 1351 Mailand). Nach dem Tod Hermanns III. von Teck vermochte es Reinolds Sohn, Konrad (VII; 1363, 1372), Schiltach für die Urslinger bei Verzicht auf Oberndorf und Verkauf der Alpirsbacher Vogteirechte zu sichern (1371). Um diese Zeit kam es verstärkt zu Kontakten mit dem benachbarten Kloster Wittichen, einer Gründung der heiligen Liutgard (1325) (1365 Zollbefreiung für das Kloster in Schiltach; 14. Jahrhundert, 2. Hälfte Grablege [Urslinger Grabplatte]). Herzogin Anna (1382, 1424), die Tochter Konrads, heiratete in die Familie derer von Geroldseck zu Sulz ein, die Pfandrechte an Burg und Stadt Schiltach besaßen. Anna und ihr Bruder Reinold (VII; 1381, 1442) verkauften nach der Eroberung Schiltachs durch Mathis von Signau (1375/76) und der Einnahme der Stadt durch Württemberg (wohl 1380) im Jahr 1381 den Ort und die Burg an den Grafen Eberhard II. von Württemberg, der 1391 schließlich alle Rechte an Schiltach im Zuge seiner "Westpolitik" erworben hatte. Da Württemberg mit der Zahlung der Kaufsumme in Höhe von 4000 Pfund Heller in Verzug geriet, rückte Reinold (VII; 1381, †1442) 1398 pfandweise in die Stellung als Stadtherr von Schiltach wieder ein und heiratete zudem Anna von Üsenberg (ca.1399/1400), die ihm die Hälfte von Stadt und Burg Hornberg einbrachte (ca.1409). Parallel dazu beteiligte sich der "Herzog von Schiltach", wie er üblicherweise genannt wurde, an Fehden (1410/25 Gruber-Fehde, 1429/30 Fehde gegen Konstanz, 1429/34 "Geroldsecker Bruderkrieg", 1440/42 Hegaufehde u.a. zusammen mit Hans von Rechberg), stand auch zwischenzeitlich immer wieder in fürstlichen oder königlichen Diensten (1415/18 König Sigismund, 1419/20 Grafen von Württemberg u.a.) oder nahm am Konstanzer Konzil teil (1418). Die durch spätmittelalterliche "Adelskrise" und adlig-"herzogliche" Repräsentation ausgelöste drohende finanzielle Ruin seit den 1420er-Jahren begegnete Reinold mit Besitzverkäufen, so dass er am Ende seines Lebens fast nur noch die Rechte über Hornberg innehatte. Die Urslinger in Schiltach sind dann auch nachfolgenden Generationen in Erinnerung geblieben (Wappen von Schiltach [und Rappoltsweiler] als Urslinger Wappen, "Schwyzertag" in Tiengen, Fastnacht in Irslingen). [Buhlmann, 08.2012]

Harter, Hans (2010), Rotwilo im Gründungsbericht des Klosters Alpirsbach. Anmerkungen zur Geschichte Rottweils im Hochmittelalter, in: ZWLG 69 (2010), S.91-124. Rottweil als ein Vorort des schwäbischen Herzogtums wurde im staufisch-zähringischen Ausgleich von 1098, mit dem die Auseinandersetzungen des Investiturstreits (1077-1122) in Schwaben ein Ende fanden, zwischen den staufischen und zähringischen Herzögen geteilt. Der Zähringer Berthold II. (1078/92/98-1111) besaß weiterhin die Verfügung (als Reichslehen) über den Rottweiler Königshof (oppidum Rotwilere, Mittelstadt; Herzogstage Bertholds in Rottweil 1094 [Unterstellung des Klosters St. Georgen unter den Papst], 1099/1100 [conditio libertatis des Klosters Alpirsbach durch den testamenti doctor Benno von Spaichingen]; Rottweiler Diözesansynode Bischof Gebhards III. von Konstanz [1084-1110] 1092/98 [Pelagiuskirche, "geistlich-weltliche Partnerschaft" der Brüder Berthold und Gebhard]) und die bis in den Schwarzwald hineinreichende Rottweiler Reichsvogtei (Pürsch als königlicher Wildbann). Daneben waren die Zähringer durch Stützpunkte, Ministerialen und Vasallen am oberen Neckar vertreten (Gottfried de Rôtwila [1099/1100], Deißlinger Ministerialenfamilie [frühes 12. Jahrhundert], Herren von Neckarburg [?; 12. Jahrhundert, 1. Hälfte], Heinrich von Dietingen [1180/87], Liutold von Neukirch [v.1183], Grafen von Sulz [12. Jahrhundert]; Sicherung der Zugänge nach Rottweil) und beherrschten zudem die für den "Staat der Zähringer" wichtige Kinzigtalstraße durch den mittleren Schwarzwald von der Ortenau über Schiltach (Ritter von Schilteck, Willenburg) nach Rottweil. Mit dem Tod Herzog Bertholds IV. von Zähringen (1152-1186) gelangte die (lehnbare) Rottweiler Reichsvogtei an Herzog Adalbert I. von Teck (1187-n.1195), den Bruder Bertholds (dux-Titel Adalberts, Adlersiegel [als Reichssiegel] der Zähringer als Ausfluss der zähringischen Verfügung über [reichsunmittelbares] Reichsgut und Reichsrechte), was gleichbedeutend mit dem Rückzug der Zähringer aus dem Neckarraum war (Burgundpolitik Herzog Bertholds V. [1186-1218]). Die Rottweiler Altstadt (Hochmauren) erhielten im Ausgleich von 1098 die staufischen Herzöge von Schwaben; 1167 ist daher in loco qui dicitur Hohinmur ein placitum des Pfalzgrafen Hugo II. von Tübingen als Amtsträger des schwäbischen Herzogs bezeugt; für 1197 wird ein Aufenthalt des Herzogs Philipp von Schwaben (König 1198-1208) in Rottweil angenommen, dem 1205 ein weiterer Aufenthalt folgte (Streitigkeiten zwischen Kloster Maulbronn und Pfalzgraf Rudolf I. von Tübingen). Die Rottweiler Neustadt ("drittes Rottweil") könnte vielleicht 1214 bei einem Aufenthalt des Stauferkönigs Friedrich II. (1212-1250) gegründet worden sein (weiterer Aufenthalt Friedrichs II. in Rottweil 1217, Schutzurkunde für das Zisterzienserinnenkloster Rottenmünster 1227 [königliche Vogtei]). Für die Folgezeit ist eine Siedlungsverlagerung von der Alt- zur Neustadt belegbar ("Verlagerung der Altstadt"), während der Königshof der Mittelstadt erst 1358 an die spätmittelalterliche Stadt Rottweil gelangte. [Buhlmann, 03.2013]

Hartmann, Martina (2003), Aufbruch ins Mittelalter. Die Zeit der Merowinger, Darmstadt 2003 > M Merowinger

Hartmann, Martina (2012), Die Merowinger (= BSR 2746), München 2012 > M Merowinger

Hartmann, Peter Claus (2007), Das Heilige Römische Reich deutscher Nation 1486-1806 (= RUB 17045), Stuttgart 2007; 178 S., € 5,-. Das Verfassungsgefüge des frühmittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation war (in seiner zeitlichen Entwicklung) geprägt von der spätmittelalterlichen Reichsreform 1486-1512, dem Dualismus von Kaiser und Reichsständen, dem Augsburger Religionsfrieden 1555 und der Konfessionalisierung, dem Westfälischen Frieden 1648 sowie dem Reichsdeputationshauptschluss 1803. Grundlegende Teile des Reiches bildeten die Territorien (Landesherrschaften) der geistlichen und weltlichen Fürsten, die Reichsritterschaft und die Reichsstädte. Institutionell fand das Reich seine Verankerung im Kaisertum und den (den Kaiser wählenden) Kurfürsten, dem Reichslehnwesen, den Reichstagen (u.a. Immerwährender Reichstag ab 1663 in Regensburg), den Reichskreisen und den Reichsgerichten (Reichskammergericht in Speyer bzw. Wetzlar, Reichshofrat in Wien). Gesellschaftlich lässt sich eine ständische Gliederung in Adel, Geistlichkeit (unterschiedlicher Konfession), Stadt- und Landbevölkerung (mit ihren Ober-, Mittel-, Unterschichten), Minderheiten (Juden, Mennoniten, "Zigeuner") ausmachen. Landwirtschaft, Handel, Gewerbe (Manufakturwesen) und Bankwesen (Geld- und Münzwesen) bestimmten die Wirtschaft des Reiches. Die unterschiedliche (katholische, lutherische, reformierte) Konfessionalisierung bedingte in Religion, Kultur und Gesellschaft eine große Vielfalt (konfessionell bestimmte Kulturen neben der höfischen Kultur der Residenzorte, dem Bildungswesen, der Wissenschaft und der Literatur). Insgesamt besaß das Reich eine föderative Struktur, war ein lockerer Territorienverband und eine Friedengemeinschaft (u.a. auf konfessionellen Ausgleich gerichtet), eben kein Nationalstaat. Nichtsdestotrotz hatte das Reich in der frühen Neuzeit eine Vielzahl von ("innen-" und "außen-") politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen zu bestehen. Die 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts war die Zeit der habsburgischen Universalmonarchie Kaiser Karls V. (1519-1556) und der Kriege gegen Frankreich und die Türken (Belagerung Wiens 1529). Auf den Augsburger Religionsfrieden (1555) folgte der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) mit seinen großen Bevölkerungsverlusten und Verwüstungen, nach dem Westfälischen Frieden (1648) kam es zum Pfälzischen (1688-1697) und Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) gegen Frankreich, während parallel dazu die Türken zurückgedrängt wurden (Belagerung Wiens 1683). Im 18. Jahrhundert entwuchsen die Habsburgermonarchie und das Königreich Preußen dem politischen Rahmen des Reiches (Siebenjähriger Krieg 1756-1763). Im Gefolge von Französischer Revolution (1789), der Besetzung der linksrheinischen Reichsgebiete (bis 1803), von Reichsdeputationshauptschluss (1803) und Rheinbund (1806) erlosch das Reich im Jahr 1806. Das Buch führt präzise und umfassend in die deutsche Geschichte der frühen Neuzeit ein, ist gut strukturiert und bietet ein umfgangreiches Grundlagenwissen. [Buhlmann, 03.2011]

Hartmann, Wilfried (1977), Das Konzil von Worms 868. Überlieferung und Bedeutung (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Philosophisch-historische Klasse, Dritte Folge, Nr.105), Göttingen 1977 > J Jürgensmeier, Bistum Worms

Hartmann, Wilfried (1993), Der Investiturstreit (= EdG 21), München 1993 > I Investiturstreit

Hartmann, Wilfried (2002), Ludwig der Deutsche (= GMR), Darmstadt 2008, X, 294 S., € 24,-. Geboren wurde Ludwig, dem schon Zeitgenossen den Beinamen "Germanicus" gaben, als Sohn des karolngischen Kaisers Ludwig des Frommen (814-840) und der Ermengard um das Jahr 806. 814 und in der Ordinatio imperii, dem Reichseinheitsplan Ludwigs des Frommen von 817, wurde ihm Bayern als Unterkönigreich zugewiesen. Seine Königserhebung (826) und die 827 vollzogene Heirat mit der Welfin Hemma, der Schwester der Kaiserin Judith, ermöglichten bald eine selbstständigere Politik für oder gegen den Vater bzw. die Mitbrüder (Aufstand gegen Ludwig den Frommen 833/34; Aufstand Ludwigs des Deutschen 838/39). Im karolingischen Bruderkrieg (840-843) sicherte sich Ludwig der Deutsche trotz des von Kaiser Lothar I. (817/40-855) initiierten Stellinga-Aufstandes in Sachsen (841-843) die ostrheinischen Gebiete des Frankenreichs; durch die Reichsteilung von Verdun (843) wurden ihm aber auch die wichtigen linksrheinischen Hausgutkomplexe um Mainz, Worms und Speyer zugestanden. Die in Verdun vereinbarte Dreiteilung des Frankenreiches führte dabei in der Folgezeit zur Herausbildung eines ostfränkischen Reiches. Der Vertrag von Verdun regelte auch die friedlichen und gesamtherrschaftlichen Beziehungen zwischen den Brüdern. Dies hielt indes Ludwig den Deutschen nicht davon ab, Kontakte mit der westfränkischen Adelsopposition gegen König Karl den Kahlen (829/40-877) zu pflegen und auf deren Einladung nach Westfranken zu ziehen (858); die Herrschaftsübernahme scheiterte indes, und Ludwig zog sich schon im folgenden Jahr wieder nach Ostfranken zurück. Immerhin gelang 870 im Vertrag von Meersen der Erwerb des östlichen Teils von Lothringen. Erfolgreich war Ludwig der Deutsche auch bei seinen Kriegszügen im Norden und Osten seines Reiches. Hier seien die Normannenabwehr (Frieden von Paderborn 845) und die Feldzüge gegen das mährische Reich (846, 855/58) erwähnt, wobei die Mährer nach einem weiteren Feldzug (864) zumindest die fränkische Oberhoheit anerkannten. Im Innern des ostfränkischen Reiches führte u.a. die Einrichtung eigener Herrschaftsbereiche zu Konflikten zwischen dem Vater und seinen Söhnen Karlmann, Ludwig dem Jüngeren und Karl III. (856, 863), die wiederum Rückhalt bei regionalen Adelsfamilien fanden. Der Beilegung solcher Auseinandersetzungen dienten nicht zuletzt die Teilungspläne für das ostfränkische Reich (865, 872). Als Ludwig der Deutsche am 31. Januar 876 in Regensburg - neben Frankfurt sein bevorzugter Aufenthaltsort - starb und dort in St. Emmeram beerdigt wurde, traten seine drei Söhne ohne Schwierigkeiten die Nachfolge an. Vgl. noch: Hartmann, Wilfried (Hg.) (2004), Ludwig der Deutsche und seine Zeit, Darmstadt 2004, VIII, 264 S., € 39,90 (mit den Beiträgen: Wilfried Hartmann, Ludwig der Deutsche - Portrait eines wenig bekannten Königs; Thomas Zotz, Ludwig der Deutsche und seine Pfalzen. Königliche Herrschaftspraxis in der Formierungsphase des Ostfränkischen Reiches; Roman Deutinger, Hludovicus rex Baioariae. Zur Rolle Bayerns in der Politik Ludwigs des Deutschen; Eric J. Goldberg, Ludwig der Deutsche und Mähren. Eine Studie zu karolingischen Grenzkriegen im Osten; Nicholas Brousseau, Die Urkunden Ludwigs des Deutschen und Karls des Kahlen - Ein Vergleich; Boris Bigott, Die Versöhnung von 847. Ludwig der Deutsche und die Reichskirche; Ernst Tremp, Ludwig der Deutsche und das Kloster St. Gallen; Hannes Steiner, Buchproduktion und Bibliothekszuwachs im Kloster St. Gallen unter den Äbten Grimald und Hartmut; Astrid Krüger, Sancte Nazari ora pro nobis - Ludwig der Deutsche und der Lorscher Rotulus; Wolfgang Hauibrichs, Ludwig der Deutsche und die volkssprachige Literatur; Chiara Staiti, Das Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg und Ludwig der Deutsche). [Buhlmann, 11.2002, 02.2005]

Hartmann, Wilfried (Hg.) (2004), Ludwig der Deutsche und seine Zeit, Darmstadt 2004 > H Hartmann, Ludwig der Deutsche

Hawking, Stephen (1988), Eine kurze Geschichte der Zeit. Die Suche nach der Urkraft des Universums, Reinbek 1988 > U Universum

Haubrichs, Wolfgang (1979), Georgslied und Georgslegende im frühen Mittelalter. Text und Rekonstruktion (= Theorie - Kritik - Geschichte, Bd.13), Königstein i.T. 1979 > G Georg (Heiliger)

Hauck, Karl (1970), Die Ausbreitung des Glaubens in Sachsen und die Verteidigung der römischen Kirche als konkurrierende Herrscheraufgaben Karls des Großen, in: FMSt 4 (1970), S.138-172 > K Karl der Große

Hauck, Karl (1986), Karl der Große in seinem Jahrhundert, in: FMSt 9 (1975), S.202-214 > K Karl der Große

Hauck, Karl (1986), Karl als neuer Konstantin 777. Die archäologischen Entdeckungen in Paderborn in historischer Sicht, in: FMSt 20 (1986), S.513-540 > K Karl der Große

Hauke, Hermann (1973), Das Isingrim-Missale von Ottobeuren, in: SMGB 84 (1973), S.151-157 > O > Ottobeuren

Haumann, Heiko (2011), Dracula. Leben und Legende (= BSR 2715), München 2011; 128 S., Abbildungen in Schwarzweiß, Karten, € 8,95. Vlad Dracul(e)a (III., *ca.1431-†1477) war der Sohn des Fürsten Vlad II. (1431-1447) von der Walachei, der wohl als Ritter des Drachenordens Kaiser Sigismunds (1411-1437) den Beinamen "Dracul" erhielt. Als Herrscher der Walachei musste Vlad II. politisch zwischen den christlichen Reichen Ungarn, Polen und Moldau und dem Reich der türkischen Osmanen lavieren (Schlacht bei Varna 1444, Eroberung Konstantinopels 1453), Vlad Dracula war zeitweise eine Geisel des Sultans Murad II. (1431-1451), bevor er von diesem als Herrscher über die Walachei eingesetzt wurde (1448). Vlads Herrschaft festigte sich jedoch erst und mit christlicher Unterstützung ab 1456, als es dem Woiwoden auch im zeitweisen politisch-wirtschaftlichen Gegensatz zu Ungarn und den Siebenbürger Städten die Straffung der fürstlichen Zentralgewalt in der Walachei gelang. Dem Abfall vom osmanischen Reich Sultan Mehmeds II. (1451-1481) im Jahr 1460 folgten Siege über die Türken in Bulgarien und an der Donau (1461/62). Auf Grund einer politischen Intrige wurde Vlad jedoch Ende 1462 vom ungarischen König Matthias Corvinus (1458-1490) gefangen genommen, seit 1476 war er Feldherr des Königs und konnte im selben Jahr die Walachei von den Osmanen zurückgewinnen, unterlag aber 1477 seinem Widersacher Basarab Laiota. In den auf Vlad Draculas Tod folgenden Jahrzehnten wurde aus dem Woiwoden zum einen der siegreiche Feldherr gegen die Osmanen, zum anderen der Schlächter und Pfähler (Flugschriften, bildliche Darstellungen). Erst der englische Schriftsteller Bram Stoker (*1847-†1912) verknüpfte im Zuge eines gestiegenen Interesses der europäischen Öffentlichkeit am Vampirglauben während des 18. und 19. Jahrhunderts den historischen (Vlad) Dracul(e)a mit dem Vampirmythos: Dracula wurde zum Vampir, und das so erfolgreich, dass die historische Gestalt des Woiwoden im 20. und 21. Jahrhundert völlig in den Hintergrund trat (Dracula in Literatur, Film und Theater). Vgl. noch: Stoker, Bram (1897), Dracula (= Penguin Popular Classics), London 1994, 449 S., £ N.N. [Buhlmann, 05.2011]

Hauschild, Stephanie (2005), Die sinnlichen Gärten des Albertus Magnus, Ostfildern 2005, 152 S., Farbabbildungen, € 12,95. Albert von Bollstädt (?), geboren um 1193 im schwäbischen Lauingen a.d. Donau, genannt Albertus Magnus ("Albert der Große", †1280), wurde 1223 Dominikanermönch, 1242 Lehrer an der Pariser Universität, wo er 1245 das Theologiestudium mit der Erlangung des Magistergrads beendete. Im Jahr 1249 soll er - der Legende nach - König Wilhelm von Holland (1248-1256) im winterlichen Köln zu einem wundersamen Gastmahl im Garten des Dominikanerklosters eingeladen haben. Als Mönch und Diplomat vermittelte Albertus in weltlichen (Großer Schied in Köln 1258) und kirchlichen Angelegenheiten (Bistum Regensburg 1260) u.a. als päpstlicher Legat (1263-1264). Ab 1270 lebte der Dominikaner in Köln. Alberts Schrift "Über die Pflanzen", verfasst 1256/57, ist ein Kommentar zu De plantis des Nikolaus von Damaskus, geht darüber aber weit hinaus. Buch 1-5 gibt einen Überblick über die allgemeine Botanik (Leben, Eigenschaften, Fortpflanzung und Wachstum, Wild- und Kulturpflanzen), Buch 6 umfasst die spezielle Botanik (Pflanzenarten, Kräuter, Heilpflanzen), Buch 7 die Bedeutung der Pflanzen in der Landwirtschaft (Nutzpflanzen, Ackerbau, Gärten, Baumgärten, Weingärten). Buch 7 beschreibt u.a. Ziergärten, deren Pflanzen mit ihrem Duft und ihren Farben sinnlich auf die Gartenbesucher wirken. Zentral ist hier die Rasenfläche mit Brunnen, umgrenzt von Bäumen und Rasenbänken; dem Ensemble schließt sich ein Würzgarten mit Kräutern und Blumen an; der ganze Ziergarten ist umgeben von einer Mauer, einem Zaun oder einer Hecke. An Pflanzen, die den Ziergarten bevölkern, führt Albertus Magnus an: Weinraute, Gartensalbei, Veilchen, Goldlack, Akelei, Lilie, Rose, Iris, Schwertlilie, Wein, Birnbaum, Apfelbaum, Zypresse, Basilikum, Lorbeer, Granatapfel, Letztere wohl als Topfplanzen zur Überwinterung in nördlichen Breiten. Denkbar wären auch als Pflanzen für den Ziergarten: Feigenbaum, Zitrone, Bitterorange, Anis, Borretsch, Bohnenkraut, Christrose, Walderdbeere, Fenchel, Günsel, Immergrün, Lavendel, Majoran, Dost, Stockrose, Malve, Eibisch, Meerrettich, Melisse, Minze, Poleiminze, Bergminze, Mohn, Narzisse, Pfingstrose, Ringelblume, Rosmarin, Thymian, Quendel, Ysop, Goldregen, Mandelbaum, Quitte, Schwarzer Holunder. Das Pflanzenbuch des Albertus Magnus steht für das 13. Jahrhundert einzig dar und ist vergleichbar mit dem Capitulare de villis Kaiser Karls des Großen (768-814) oder dem St. Galler Klosterplan (ca.820); spätmittelalterliche Gemälde von Zier- und Paradiesgärten sowie mittelalterliche Darstellungen von Pflanzen stützen die Ausführungen des Albertus Magnus. [Buhlmann, 01.2013]

Hauser, Sigrid Gertrud, Staufische Lehnspolitik am Ende des 12. Jahrhunderts (ca.1180-1197), Tl.1: [Darstellung], Tl.2: [Anmerkungen], Diss. Tübingen 1986, zus. LXVI, 386 S. Der Entzug der in der Verfügung des welfischen Herzogs Heinrich des Löwen (†1195) stehenden Herzogtümer Bayern und Sachsen durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) nach Land- und Lehnrecht (1180) steht für das Ende der früh- bis hochmittelalterlichen Stammesherzogtümer als Bestandteile des ostfränkisch-deutschen Reiches. Die Herzogtümer wurden zergliedert (Sachsen -> Westfalen, Restsachsen), die entstehenden "mittelgroßen Territorien" standen unter der Herrschaft von Mitgliedern (principes imperii) des sich entwickelnden Reichsfürstenstandes, der lehnsrechtlich vom König abhing. Auch die Umwandlung autogener Adelsherrschaften (Allodialbesitz; Feudalisierung, Verdinglichung des Lehnswesens) in vom König abhängige Lehen gehört hierher (süddeutsches Herzogtum Welfs VI. [1171], Herzogtum Steiermark [1180], Markgrafschaft Namur [1184]). Das Verhältnis, die Bindung zwischen Königtum und (geistlichen, weltlichen) Kronvasallen wurde dank der staufischen Lehnspolitik des ausgehenden 12. Jahrhunderts unter den Kaisern Friedrich Barbarossa und Heinrich VI. (1190-1197) intensivert, wenn auch für Reichsitalien und Burgund andere Voraussetzungen galten, in Reichsitalien die Regalienpolitik im Vordergrund stand. Die staufischen Herrscher bemühten sich, die Verfügung über die ausgegebenen Lehen (gerade auch beim Mannfall) zu behalten (rheinische Pfalzgrafschaft und Heinrich von Braunschweig [1195], Böhmen, Eventualbelehnung). Sie nutzten Lehnspolitik und Lehnsrecht zur Steigerung von Macht, sichtbar etwa an der Lehnsnahme/Lehnsabhängigkeit ausländischer Könige vom Kaiser (nord-, osteuropäische Könige; englischer, zyprischer, armenischer König). Lehnsrechtliche Überlegungen spielten auch eine Rolle beim Eingreifen König Heinrichs VI. in Flandern (1180er-Jahre). [Buhlmann, 07.2016]

Hauser, Uwe, Fries, Helmut (2011), Sulzburg. St. Cyriak (= Peda Kunstführer Nr.832), Passau 2011 > S Sulzburg

Hauß, Fritz (1931), Zuchtordung der Stadt Konstanz 1531 (= Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der evangelischen Landeskirche Badens, Bd.V), Lahr 1931, 144 S., € 6,-. Im Zuge der Reformation ist unter besonderer Federführung der Reformatoren Ambrosius und Thomas Blarer, Konrad und Johannes Zwick und in Verbindung stehend mit der Reformation besonders in Basel und Zürich (Memminger Beschlüsse vom 26. Februar 1531) Anfang April 1531 die "Zuchtordung der Stadt Konstanz" entstanden und beschlossen worden, die die Konstanzer Bevölkerung strengen moralischen Regeln bei städtisch-obrigkeitlicher Kontrolle (auch der kirchlichen Institutionen, Kleiner und Großer Rat, Zuchtherren) unterwerfen sollten. Dabei reglementierte und definierte die rigide Zuchtordnung, die die urchristliche Gemeinde zum Ideal erhob: (Tl.1:) Schwören und Fluchen, Trank und Spiel, Wucher, Widertäufertum und Zauberei, Kleidung, Prostitution und Ehebruch, Ehe; (Tl.2:) Geistlichkeit, Gemeinde (Ratskontrolle), Kirchenordnung (Lehre [Erziehung], [Kinder-] Taufe, Feiertagsordnung, Abendmahl und Vorbereitungspredigt, Kirchendiener). Die Zuchtordnung stieß indes bei der Konstanzer Bevölkerung zunehmend auf Widerstand, mit dem Übergang von Konstanz an die Habsburger (1548) kam die Reformation dort ans Ende; die Zuchtordnung wurde abgeschafft (14. Oktober 1548). [Buhlmann, 01.2014]

Hauviller, Ernst (1896), Ulrich von Cluny. Ein biographischer Beitrag zur Geschichte der Cluniazenser im 11. Jahrhundert (= Kirchengeschichtliche Studien 3/3), Münster 1896 > U Ulrich von Cluny/Zell

Haverkamp, Alfred (Hg.) (1992), Friedrich Barbarossa. Handlungsspielräume und Wirkungsweisen des staufischen Kaisers (= VuF 40), Sigmaringen 1992 > F Friedrich I. Barbarossa

Haverkamp, Alfred (Hg.) (1999), Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge (= VuF 47), Sigmaringen 1999 > J Juden im Mittelalter

Heberer, Pia, Reuter, Ursula (Hg.) (2013), Die SchUM-Gemeinden Speyer - Worms - Mainz. Auf dem Weg zum Welterbe, Regensburg 2013 > J Juden im Mittelalter

Hechberger, Werner (2004), Adel, Ministerialität und Rittertum im Mittelalter (= EdG 72), München 2004 > A Adel

Hechberger, Werner, Schuller, Florian (Hg.) (2009), Staufer und Welfen. Zwei rivalisierende Dynastien im Hochmittelalter, Regensburg 2009, 277 S., Schwarzweißabbildungen, Karten, € 24,90. Staufer und Welfen - das ist das politische und familiäre Mit- und Gegeneinander zweier hochmittelalterlicher Adelsfamilien, die Herzöge, Könige und Kaiser im deutschen Reich des 12. und 13. Jahrhunderts stellten. I. Manfred Weitlauff, Das "welfische Jahrhundert" in Bayern und sein kirchengeschichtlicher Hintergrund, lässt Revue passieren die Geschichte der Welfen von deren Anfängen im and zwischen Bodensee, Donau und Lech (Welf I., II., III.) über das welfisch-bayerische Herzogtum (Welf IV., 1070) und den Investiturstreit (1075-1122), den Konflikt zwischen Staufern und Welfen (Heinrich der Stolze) bis zum bayerischen Herzog Heinrich den Löwen (1156-1180) und dessen Absetzung (1180). II. Das Ende der Königsdynastie der salischen Herrscher mit dem Tod Kaiser Heinrichs V. (1106-1125) und die Wahl König Lothars von Supplinburg (1125-1137) gegen den Stauferherzog Friedrich II. (1105-1147) brachten das deutsche Reich mit seinen erinnerten Wirklichkeiten oder wirklichen Erinnerung (Chronik und Gesta Ottos von Freising, Bericht Sugers von St. Denis, Narratio de electione Lotharii) in Unruhe (Bernd Schneidmüller, 1125 - Unruhe als politische Kraft im mittelalterlichen Reich). III. Heinrich der Löwe (†1195) schöpfte vornehmlich als sächsicher Herzog Herrschaftspotentiale aus (Hierarchisierungsmöglichkeiten, Bistumspolitik, reichsfürstliche Konflikte); gesteigerte Herrschaft ging dabei einher mit gesteigerter fürstlicher Repräsentation (Braunschweiger Hof) (Bernd Schneidmüller, Heinrich der Löwe. Innovationspotentiale eines mittelalterlichen Fürsten). IV. Rudolf Schieffer, Heinrich der Löwe, Otto von Freising und Friedrich Barbarossa am Beginn der Geschichte Münchens, beleuchtet die Schiedsurkunde von 1158, betreffend die Einigung zwischen Heinrich dem Löwen und Bischof Otto von Freising (1138-1158) über den Isarzoll, und den im Diplom erstmals auftretenden Ortsnamen Munichen. V. Um Konflikte, Konfliktlösungen und Handlungsspielräume Kaiser Friedrich I. Barbarossas (1152-1190) mit dem Papsttum (alexandrinisches Papstschisma 1159-1177, Frieden von Venedig 1177) und mit den oberitalienischen Kommunen (Reichstag von Roncalia 1158, Unterwerfung Mailands 1162, Frieden von Konstanz 1183) geht es bei Knut Görich, Konflikt und Kompromiss: Friedrich Barbarossa in Italien. VI. Der Sturz Heinrich des Löwen (1180) sah Kaiser Friedrich I. Barbarossa in der Defensive gegenüber den deutschen Fürsten, war der Kaiser doch am bis dahin bestehenden Einvernehmen mit dem Welfen weiterhin interessiert; ob das schlecht bezeugte "Zerwürfnis von Chiavenna" der Hilfeverweigerung des Löwen (1176) so überhaupt stattgefunden hat oder erst nachträglich dazu gemacht wurde, ist somit unklar (Knut Görich, Jäger des Löwen oder Getriebener der Fürsten? Friedrich Barbarossa und die Entmachtung Heinrichs des Löwen). VII. Fürstliches Mäzenatentum und adlige Repräsentation findet sich bei Kaiser Friedrich I. Barbarossa und Herzog Heinrich dem Löwen in verschiedener Ausprägung (Willibald Sauerländer, Dynastisches Mäzenatentum der Staufer und Welfen). VIII. Gerd Althoff, Kaiser Heinrich VI., legt dar, dass die dem deutschen und sizilischen Herrscher Heinrich VI. (1190-1197) in der Historiografie nachgesagte persönliche Grausamkeit und Härte vornehmlich im Königreich Sizilien den politischen Regeln der Zeit entsprach (übergroße, abschreckende Härte gegenüber denjenigen, die wiederholt in Konflikt mit dem König gerieten). IX. Die Doppelwahl von 1198 und das Gegeneinander zwischen den staufischen Königen Philipp von Schwaben (1198-1208) und Friedrich II. (1212-1250) und dem welfischen Herrscher Otto IV. (1198-1218) im deutschen Thronstreit (1198-1208/15) hatte nicht nur Auswirkungen auf das deutsche Reich, sondern beschäftigte auch Papst Innozenz III. (1198-1216) sowie die Königreiche Frankreich und England (Schlacht bei Bouvines 1214) (Peter Csendes, Die Doppelwahl von 1198 und ihre europäische Dimension). X. Den staufische König und Kaiser Friedrich II. (1198/1212-1250) in Politik und Herrschaft in Deutschland (Kaiser und Fürsten), Italien (Kommunen und Papsttum) und im Königreich Sizilien (Konstitutionen von Melfi 1231) beleuchtet Wolfgang Stürner, Kaiser Friedrich II. als Herrscher im Imperium und im Königreich Sizilien. XI. Der deutsche Thronstreit ermöglichte Papst Innozenz III. die Konsolidierung des päpstlichen Kirchenstaates (angebliche Konstantinische Schenkung, Pippinsche Schenkung, Ottonianum, Zugeständnisse Friedrichs II.) (Thomas Frenz, Das Papsttum als der lachende Dritte? Die Konsolidierung der weltlichen Herrschaft der Päpste unter Innozenz III.). XII. Wolfgang Stürner, Die Söhne Friedrichs II. und das Ende der Staufer, beschäftigt sich mit: König Heinrich (VII.) (1220-1235), König Konrad IV. (1237-1254), König Manfred (1254-1266) und Friedrichs Enkel Konradin (†1268). XIII. Von den Welfen und "Waiblingern" über das Aussterben der Staufer (1268; nicht der Welfen) geht der Blick auf die spätmittelalterliche Staufererinnerung ("falsche Friedriche"), auf die Stauferrezeption der Reformation (Friedrich I. und Alexander III.), der frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts ("Befreiungskriege", Kyffhäusersage, Dramen [Grabbe], Geschichtswissenschaft [Raumer, Höfler, Giesebrecht, Ficker, Droysen, Burckhardt]) sowie auf die Staufer- und Welfenrezeption und -tradition im 20. Jahrhundert (Nationalsozialismus [Heinrich der Löwe, staufische Weltherrschaft], Bundesrepublik Deutschland ["Verlust der Geschichte", Stuttgarter Stauferausstellung 1977) (Werner Hechberger, Bewundert - instrumentalisiert - angefeindet. Staufer und Welfen im Urteil der Nachwelt). [Buhlmann, 07.2013]

Hecht, Winfried (2008), Vor 771 n.Chr. Anfänge und Wurzeln der Stadtgeschichte, Rottweil 2008, 108 S., Karten, Abbildungen auch in Farbe, € 10,-; Hecht, Winfried (2007), Rottweil 771-ca.1340. Von "rotuvilla" zur Reichsstadt, Rottweil 2007; 124 S., Karten, Abbildungen auch in Farbe, € 10,-; Hecht, Winfried (2005), Rottweil ca.1340-1529. Im Herbst des Mittelalters, Rottweil 2005, 192 S., Karten, Abbildungen auch in Farbe, € 10,-. I. Die drei Bücher, Bd.1, 2 und 3 der Geschichte Rottweils aus der Feder von Winfried Hecht, befassen sich mit der vormittelalterlichen (Bd.1) und mittelalterlichen Zeit Rottweils: (Bd. 2:) Ersterwähnung des Ortes als "rotuvilla" (771), Rottweil als Königshof und Pfalz in karolingischer, ottonischer, salischer Zeit, Stadtgründung in staufischer Zeit, Rottweil zur Zeit der späten Staufer, reichsstädtisches Rottweil von König Rudolf I. bis Ludwig den Bayern, (Bd. 3:) Blütezeit im 14. und 15. Jahrhundert, Rottweil und die Schweizer Eidgenossenschaft, Zeit König Maximilians I., Rottweil und die Reformation. Der Autor schildert neben der Ereignis- und auf Rottweil einwirkenden "großen" politischen Geschichte besonders die soziale, wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Entwicklung des Ortes und stützt sich dabei auf die in großem Umfang vorliegenden Rottweiler Geschichtsquellen. Letzteres macht die Darstellung so lebendig. Mit der Rottweiler Geschichte liegt ein gut lesbares, höchst informatives und preiswertes, mithin ein sehr gelungenes und für die Orts- und Stadtgeschichte Weg weisendes Werk vor. II. Es ergibt sich daraus: Rottweil tritt als Arae Flaviae der römischen Antike und als Rotuvilla in einer mittelalterlichen Urkunde von 771 in Erscheinung, für die Zeit Karls des Großen (768-814) wird ein Königshof bei der Rottweiler Altstadt erkennbar, Aufenthalte spätkarolingischer und salischer Herrscher in diesem Vorort des schwäbischen Herzogtums sind bezeugt. In staufischer Zeit entwickelte sich nördlich des Königshofes eine befestigte Stadt, 1241 wird Rottweil im Reichssteuerverzeichnis genannt. Im späten Mittelalter wurde aus der königlichen Stadt eine Reichsstadt (Gerichtshoheit 1299, 1359; Privileg gegen Verpfändung 1348). 1415 erlangte sie das königliche (Rottweiler) Pürschgericht als Reichslehen, 1434 eine "Goldene Bulle" von Kaiser Sigismund (1411-1437), die alle bis dahin erworbenen Rechte bestätigte. Parallel dazu schritt die innere Entwicklung voran (Schultheiß 1230; Rat und Bürgermeister 1289). Patriziat und elf bzw. neun Zünfte waren 1316 im Großen und Kleinen Rat der Stadt vertreten, eine Verfassungsreform schuf 1378 das Gremium der Zweiundzwanziger, aus dem später das der Achtzehner wurde. An der Spitze der Stadt standen noch der Obervogt, der Pürschvogt, der Bruderschafts- und der Spitaloberpfleger. Die Repräsentanten der vornehmsten Stadtämter waren zudem Beisitzer im Rottweiler Hofgericht, das sich als höchste Instanz freiwilliger Gerichtsbarkeit in dieser Form unter König Rudolf von Habsburg ausgebildet hatte. Das Hofgericht war nach den Worten Kaiser Maximilians I. (1493-1519) das "oberste Gericht in Teutschland" (1496). Handel und Gewerbe (Metallverarbeitung und Glockenguss, Textilherstellung, Holz-, Vieh- und Getreidehandel) waren in der Kernstadt und den Vor-städten (Hochbrückvorstadt, Auvorstadt) vielfach vertreten. Zwei Jahrmärkte und städtische Kaufhäuser (ab 1285) sorgten wie die Pfleghöfe der Klöster Petershausen, St. Blasien, Gengenbach oder Alpirsbach für Handel und Warenumschlag. Die Rottweiler "Kirchenlandschaft" bestand aus der Pfarrkirche St. Pelagius in der Altstadt, Kirche der Hauptpfarrei Heiligkreuz (ab 14. Jahrhundert) war das Münster, daneben gab es eine Kapelle mit dem Kapellenturm im Rottweiler Stil (ca.1330), Niederlassungen der Johanniter (ca.1247), Dominikaner (1266) und Dominikanerinnen (v.1306) sowie die Reichsabtei Rottenmünster, ein Zisterzienserinnenkloster (1217). Spital (v.1275), Leprosenhaus (1298) und Heiligkreuz-Bruderschaft (1314) waren für Kranke und Arme zuständig. Die Stadt Rottweil betrieb ab dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts eine Politik zur Festigung und Ausweitung ihres Territoriums (Sinkinger Dorfherrschaft 1377; Rottweiler Pürsch 1415; Unterstellung Dunningens 1435). Die fehdefreudige Stadt war u.a. mit Villingen, Freiburg im Breisgau und Schaffhausen verbündet, seit 1463 und 1519 war Rottweil zugewandter Ort der Schweizer Eidgenossenschaft. 1529 konnten die Anhänger des Protestantismus aus der Stadt verdrängt werden, der Ort blieb in der frühen Neuzeit eine katholische Reichsstadt. [Buhlmann, 08.2007, 12.2008]

Hecker, Hans (Hg.) (2005), Krieg in Mittelalter und Renaissance (= SH 39), Düsseldorf 2005, € 24,50. Die durchaus nicht einheitliche Einstellung der Kirche zum Krieg im früheren Mittelalter (Heiliger Krieg, Kreuzzüge u.a.) behandelt Raymund Kottje, Tötung im Krieg als rechtliches und moralisches Problem im früheren und hohen Mittelalter (7.-12. Jh.). Das bellum iustum im früheren Mittelalter (Kirchenväter, Isidor von Sevilla, Papsttum, Karl der Große) hat zum Inhalt Josef Semmler, Bellum Iustum. Hans Hecker, Die Kriege der Kiever und Moskauer Rus'. Skizzen zu einer Typologie führt anhand der osteuropäischen Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit eine Typisierung osteuropäischer Kriege (Kriege um Hegemonie und Tribute, Eroberungskriege, Befreiungs- und Einigungskriege) an. Albrecht Noth, Der Kampf des Muslim für seine Religion (Gihad). Seine Grundlegung und seine Anforderungen in der Geschichte (bis ca.1300), beschäftigt sich mit den Kriegen zwischen Islam und Christentum in Europa (Spanien, Sizilien) und der Levante (Kreuzfahrerstaaten). Helmut Brall, Sit Abel starp durch bruoders nit. Bewertungen des Krieges in volkssprachlichen Dichtungen des Mittelalters, untersucht die Einstellung zum Krieg u.a. im Annolied, den Arthursagen, im Rolandslied, im Willehalm (Adel, Ritter- und Kriegertum, enge Beziehung zwischen höfischer Dichtung und Krieg [Kriegstaten, Heldentum], Kain und Abel [primordiale Tat des Tötens]). Die (nur zum Teil fiktive) Person des Guillaume d'Orange (Graf Wilhelm von Toulouse [790-804] o.a.?) im altfranzösischen Heldenepos des Sarazenenkämpfe grausam schildernden Wilhelmsliedes (Chansons de geste, Wilhelmsgeste) steht im Mittelpunkt des Beitrags von Peter Wunderli, Guillaume d'Orange, der Krieg und der Frieden; die Wilhelmsgeste beinhaltet aber auch die Moinage Guillaume, die Darstellung des Guillaume d'Orange als Mönch und Einsiedler. Mit der Rolle von Krieg und Frieden in den philosophischen Werken "Utopia" des Thomas Morus (*1477/78-†1535) und "Leviathan" des Thomas Hobbes (*1588-†1679) beschäftigen sich Hubertus Schulte Herbrüggen, Krieg im Nirgendwo. Bild und Funktion des Kriegs in Thomas Mores Utopia, und Lutz Geldsetzer, Bellum omnium contra omnes. [Buhlmann, 09.2012]

Heiber, Helmut, Die Republik von Weimar (= dtv 4003), München 151982 > D dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts

Heil, Dietmar (1998), Die Reichspolitik Bayerns unter der Regierung Herzog Albrechts V. (1550-1579) (= SHKBAW 61), Göttingen 1998, 685 S., DM 148,-. Herzog Albrecht V. (1550-1579), Sohn und (auf Grund der Primogenitur) einziger Nachfolger Herzog Wilhelms IV. von Nieder- und Oberbayern (1508-1550), katholisch-jesuitisch erzogen, hatte mit mäßigem Erfolg in Ingolstadt studiert (v.1544), trat ab 1545/46 als bayerischer Erbprinz in Erscheinung und nahm (wohl eher passiv) an den Regierungsgeschäften in der bayerischen Residenz Landshut teil. Nach der Regierungsübernahme (1550) agierte und regierte Albrecht indes mit politischem und - trotz einer hohen vom Vater ererbten Schuldenlast - finanziellem Geschick, so dass er die weitere territoriale Entwicklung seiner Landesherrschaft erfolgreich betreiben konnte und ihm - vor dem Hintergrund von Reformation und habsburgischem Kaisertum (Ferdinand I. [1556/58-1564], Maximilian II. [1564-1576], Rudolf II. [1576-1612]) - im bayerischen Raum bzw. Kreis und im Reich Einwirkungsmöglichkeiten offenstanden. Für die Politik des Herzogs spielten dessen Räte und Kanzler (Wiguleus Hundt, Georg Stockhammer; Simon Thaddäus Eck, Christoph Elsenheimer) eine wichtige Rolle. Im Einzelnen sind hinsichtlich der Reichspolitik Albrechts folgende Phasen festzuhalten: 1. Phase (1550-1557): "Ausklingen" der väterlichen Politik und Anlehnung Albrechts an Kurpfalz und Württemberg (Fürstenaufstand 1552, Passauer Vertrag 1552, Heidelberger Bund 1553, Markgrafenkrieg 1553/54), Anlehnung Albrechts an Habsburg-Österreich (Augsburger Religionsfrieden 1555, ständische Friedensordnung im bayerischen Kreis 1555/56, [katholischer] Landsberger Bund 1556), katholische Religionspolitik in Bayern; 2. Phase (1557-1572): Eck als bayerischer Kanzler, zunehmende Unterordnung der Reichspolitik Albrechts unter die bayerischen und katholisch-altgläubigen Interessen (katholische Reform im Herzogtum Albrechts, Versuch der Übernahme der pfälzischen Kur 1558/59), defensive Reichspolitik Ecks und zeitweise Anlehnung an Kursachsen (1560er-Jahre; Grumbach-Krise), Formierung einer katholischen Partei im Reich (ab 1565) und konfessionelle Blockbildung statt ausgleichender bayerischer Politik (niederländischer Aufstand 1566/67, westeuropäische Religionskriege 1567/69, kompromisslose Religionspolitik in Bayern 1569, weitgehend missglückte Umgestaltung des Landsberger Bundes [als Objekt katholischer Interessenpolitik] 1569, versuchter Ausgriff Albrechts auf das Kölner Erzbistum 1569/71, Speyerer Reichstag 1570), Scheitern der auswärtigen Politik Ecks (1572); 3. Phase (1572-1579): Elsenheimer als bayerischer Kanzler, zunehmende Abkehr Albrechts von der Reichspolitik (Bedeutungslosigkeit des Landsberger Bundes und des bayerischen Kreises), fehlender politischer Gestaltungswille, fehlende "konstruktive Mitgestaltung" des bayerischen Herzogs auf der Ebene des Reiches (stattdessen: Hauspolitik, Förderung der Gegenreformation, Territorialisierung Bayerns in Konkurrenz zu anderen Landesherrschaften). [Buhlmann, 02.2017]

Heilige des Christentums: Die christliche Religion ist ohne die Verehrung von Heiligen nicht denkbar. In der christlich(-katholisch)en Religion spiel(t)en die Heiligen eine überragende Rolle. Der Bogen christlicher Heiligenverehrung umfasst dabei - mit Brüchen - alle Epochen der Kirchengeschichte (Frühes Christentum - Reformation, Konzil von Trident - Aufklärung, Aufklärung - Gegenwart). Entstanden ist die Heiligenverehrung in der Frühzeit des Christentums wohl aus dem Grabkult (Petrusgrab unter St. Peter in Rom) und der Märytrerverehrung; gerade die Märtyrer galten als Fürsprecher der Christen bei Gott. Ausfluss von Heiligenkult und -verehrung war u.a. der Glaube an jene Reliquien, die man mit einem bestimmten Heiligen in Verbindung bringen konnte. Das konnten körperliche Überreste, also Haare, Fingernägel, Skelettteile u.a. sein, aber auch das Heiligengrab und Gegenstände, mit denen der Heilige in Berührung gekommen war oder die in Beziehung zu seinem Grab standen, so genannte Sekundärreliquien. Reliquientranslationen und aufwändige Reliquienpräsentationen sind von daher nicht nur für das Mittelalter belegt; auf Pilgerfahrten begaben sich Gläubige zu den Reliquien. Ikonografisch dazu gehör(t)en die Heiligendarstellungen, hagiografisch die Heiligenviten und -legenden. Innerhalb der katholischen Amtskirche bildete sich schließlich im hohen Mittelalter das Verfahren der Heiligenkanonisation an der römischen Kurie aus. Es lassen sich historische Schichten und Typen von Heiligen ausmachen: Märtyrer, Eremiten, Bekenner und Bischöfe, Ordensgründer und -mitglieder, Visionäre, Helfer und Seelsorger, Herrscher(innen), Heilige Familie.
Hinsichtlich der Heiligenverehrung im Christentum sei dann verwiesen auf: Angenendt, Arnold (1994), Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart, München 1994, 470, [16] S., DM 68,-; Beissel, Stephan (1890/92), Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland im Mittelalter (Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts. Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland während der zweiten Hälfte des Mittelalters), 1890, 1892, Nachdruck Darmstadt 1991, 334 S., DM 68,-; Dinzelbacher, Peter, Bauer, Dieter R. (Hg.) (1990), Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart, Ostfildern 1990, 379 S., Schwarzweißabbildungen, DM 64,-; Gemeinhardt, Peter (2010), Die Heiligen. Von den frühchristlichen Märtyrern bis zur Gegenwart (= BSR 2498), München 2010, 128 S., € 8,95; Meier, Esther (2010), Handbuch der Heiligen, Darmstadt 2010, 400 S., Schwarzweißabbildungen, € 19,95; Pernoud, Régine (1988), Die Heiligen im Mittelalter. Frauen und Männer, die ein Jahrtausend prägten, Bergisch-Gladbach 1988, 368 S., Farbabbildungen, DM 48,-. Reclams Lexikon der Heiligen und biblischen Gestalten, hg. v. Hiltgart L. Keller (1968), Stuttgart 71991, 655 S., DM 29,80.
Von der bildenden Kunst (Malerei, Skulptur) her betrachtet Heilige und Heiligenlegenden (biblische, außerbiblische Quellen [Apokryphen], Legenda aurea des Jacobus de Voragine: Jesus Christus, Apostel Andreas, Johannes, Jakobus, Petrus, Bartholomäus, Evangelist Markus, Märtyrer Thomas von Canterbury, Sebastian, Georg, Christopherus, Laurentius, Mauritius, Dionysius, Bischöfe und Bekenner Nikolaus, Ambrosius, Silvester, Dominikus, Hieronymus, Franziskus, Martin, Frauen Lucia, Agatha, Margareta, Maria, Maria Magdalena, Ursula, Elisabeth) Wetzel, Christoph (2011), Heiligenlegenden in der bildenden Kunst (= RUB 18704), Stuttgart 2011, 295 S., Schwarzweißabbildungen, € 9,-. [Buhlmann, 11.1991, 12.2001, 12.2010, 12.2013, 06.2014]

Heimat- und Bürgerverein Kaiserswerth. Museum Kaiserswerth. Dokumente zur Vereinsgeschichte, hg. v. Wilhelm Mayer, beschäftigt sich mit dem Geschehen beim und der Geschichte des 1949 gegründeten Heimat- und Bürgervereins Kaiserswerth und des 1984 gegründeten Museums Kaiserswerth.
Bisher sind erschienen: H.1 (2014): Mayer, Wilhelm, 65 Jahre Heimat- und Bürgerverein Kaiserswerth 1949-2014, Düsseldorf-Kaiserswerth 2014, 40 S., Schwarzweißabbildungen, € 4,-; H.2 (2014): Mayer, Wilhelm, 30 Jahre Museum des Heimat- und Bürgervereins Kaiserswerth 1984/1991-2014. Dokumentation über 30 Jahre Ausstellungen zur Geschichte Kaiserswerths und zu Künstlern des Düsseldorfer Nordens, Düsseldorf-Kaiserswerth 2014, 32 S., Farb- und Schwarzweißabbildungen, € 4,-; H.3 (2014): Mayer, Wilhelm, Veröffentlichungen und sonstige Schriften des Heimat- und Bürgervereins Kaiserswerth. Zusammenstellung der verschiedenen Schriftenreihen und sonstigen verkäuflichen Schriften zur Geschichte Kaiserswerths und zu Künstlern des Düsseldorfer Nordens, Düsseldorf-Kaiserswerth 2014, 10 S., Farb- und Schwarzweißabbildungen, € 2,-. [Buhlmann, 03.2015]

Heimatkundliches in und um Kaiserswerth ist die Schriftenreihe des Heimat- und Bürgervereins Kaiserswerth e.V. mit Veröffentlichungen großteils zur Geschichte von (Düsseldorf-) Kaiserswerth. Bisher erschienen u.a.: Nr.1 (1977): Kels, Manfred, Alte Straßen, Plätze, Häuser und Kirchen, [Düsseldorf-Kaiserswerth] 21977, 15 S., Zeittafel (nennt historische Straßen und Gewanne [Alte Landstraße, Schleifergasse, Hingbenden, Klemensbrücke] und moderne Straßen mit auf die Kaiserswerther Geschichte zurückgreifender Namengebung); Nr.6 [o.J.]: Lange, Irmgard, Caspar Ulenberg (1548-1617), [Düsseldorf-Kaiserswerth] o.J., 12 S. (beschäftigt sich mit dem Dichter und Schriftsteller Herbert Eulenberg [*1876-†1949]); Nr.8 [o.J.]: Klaemmt, Martin, Diakoniewerk Kaiserswerth, [Düsseldorf-Kaiserswerth] o.J., 14 S., Überblick (schildert Entstehung und Geschichte der Kaiserswerther Diakonie des Theodor Fliedner); Nr.9 [o.J.]: Weidenhaupt, Hugo, Kaiserswerth in der Biedermeierzeit. Die Amtszeit des Bürgermeisters Johann Joseph Rottlaender (1833-1852), [Düsseldorf-Kaiserswerth] o.J., 23 S. (behandelt, ausgehend von einer Rede des Bürgermeisters Rottlaender [1846], Lebenslauf und Leistungen Rottlaenders, Stadtbild, Finanzen, Schulwesen und Wirtschaft der preußischen Garnisonsstadt Kaiserswerth); Nr.10 (1978): Sticker, D. Anna, Kaiserswerther Schattenbilder. Die Büsten von Caspar Ulenberg, Friedrich von Spee, Theodor Fliedner, Florence Nightingale und Herbert Eulenberg im Burggarten der Kaiserpfalz, [Düsseldorf-Kaiserswerth 1978], 40 S. (enthält Kurzbiografien der in Kaiserswerth in Skulpturen verewigten Kaiserswerther Persönlichkeiten Caspar Ulenberg [*1548-†1617; katholischer Pfarrer und Reformer], Friedrich von Spee [*1591-†1635; Gegner der Hexenverfolgungen], Theodor Fliedner [*1800-†1864; evangelische Diakonie in Kaiserswerth], Florence Nightingale [*1820-†1910; Reformerin der Krankenpflege], Herbert Eulenberg [*1876-†1949; Dichter und Schriftsteller]); Nr.11 [o.J.]: Richtsteig, Georg (Bearb.), Kaiserswerther Notizen. Fragmentarische Kurzmanuskripte zur Vergangenheit unserer Stadt, [Düsseldorf-Kaiserswerth] o.J., 19 S., Schwarzweißabbildung (behandelt: Rheinzölle, Zollhaus; Walburgiskirche; Stadtgrenzen; Belagerung von 1702; Rathaus; Napoleon in Kaiserswerth 1811; Schifferfamilie Segermanns; Marienkrankenhaus; Buchhandlung des Diakoniewerks; Hochwasser; Post; Eisenbahn); Nr.12 [o.J.]: Weber, Dieter, Friedrich Barbarossa und Kaiserswerth. Eine Skizze der städtischen Entwicklung Kaiserswerths im 12. Jahrhundert, [Düsseldorf-Kaiserswerth] o.J., 19 S., Schwarzweißabbildungen (stellt die Entwicklung von Stift, Pfalz und Stadt Kaiserswerth im 12. Jahrhundert dar); Nr.13 [o.J.]: Hübner, Erika, Zur Chronik des Hauses Walter Linder. Eine familiengeschichtliche Erinnerung in Wort und Bild an das frühere Kaiserswerth, [Düsseldorf-Kaiserswerth] o.J., 15 S., Schwarzweißabbildungen (behandelt die Geschichte des Hauses und der Familie Linder [am Kaiserswerther Markt] im 20. Jahrhundert); Nr.14 (1984): Gansfort, Karl-Heinz, Die bauliche Entwicklung der Kaiserpfalz in Düsseldorf-Kaiserswerth, Düsseldorf-Kaiserswerth 1984, 39 S., Schwarzweißabbildungen (behandelt die Geschichte der Kaiserswerther Pfalz vom Mittelalter bis zur Neuzeit); Nr.15 (1989): Bauer, Bruno, Straßen- und Flurnamen in Kaiserswerth, Düsseldorf-Kaiserswerth 1989, 33 S., Schwarzweißzeichnungen (behandelt die meist neuzeitlichen Straßen- und Flurnamen in und um Kaiserswerth); Nr.16 (1992): Sauer, Walter, Der WC - Wanderclub. Heitere Geschichten, Düsseldorf-Kaiserswerth 1992, 26 S. (handelt von Kaiserswerther Freunden, lose zusammengschlossen in einem "Wanderclub" ab den 1950er-Jahren); Nr.17 (2008): Vogel, Franz-Josef, Sagenhaftes Kaiserswerth. Sagen, Legenden, Geschichte und Geschichten, Kaiserswerth 2008, 88 S., € 7,- (enthält Sagen und Legenden vom neolithischen Kaiserswerther Menhir und Suitbert über die Entführung König Heinrichs IV. bis zur heutigen Reliquienverehrung); Nr.18 (2013): Vogel, Franz-Josef, Rund um St. Suibertus. Beiträge zu Basilika und katholischer Gemeinde in Kaiserswerth, Kaiserswerth 2013, 104 S., € 7,- (u.a. mit Beiträgen aus katholischen Pfarrbriefen ab den 1970er-Jahren betreffend: Kaiserswerth im 20. Jahrhundert, katholisches Leben in Kaiserswerth, Suitbertusbasilika und Suitbertusverehrung [auch in Düsseldorf-Bilk, Duisburg-Wanheim, Heilgenhaus, Ratingen, Rheinbrohl, Verden a.d. Aller]). > K Kaiserswerth [Buhlmann, 09.2006, 01.2014, 08.2014]

Heinemann, Bartholomäus (1939), Geschichte der Stadt St. Georgen im Schwarzwald, Ndr St. Georgen o.J. > S St. Georgen im Schwarzwald

Heinemann, Lothar von (1882), Heinrich von Braunschweig, Pfalzgraf bei Rhein. Ein Beitrag zur Geschichte des staufischen Zeitalters, Gotha 1882, Nachdruck Hildesheim 2005, VIII, 351 S., € 28,-. Heinrich (der Ältere) von Braunschweig (*ca.1173/74-†1227) war der älteste Sohn des sächsisch-bayerischen Herzogs Heinrichs des Löwen (†1195) und der Mathilde von England. Nach einem Aufenthalt in der Normandie und in England im Zusammenhang mit der Exilierung seines Vaters (1182/89) kehrte er nach Sachsen zurück, wo er die den Welfen noch verbliebenen Allodialgüter und Rechte gegen Übergriffe u.a. des staufischen Königs Heinrich VI. (1190-1197) verteidigte (1189/90). Beim misslungenen Italienzug Heinrichs VI. (1191) setzte sich Heinrich nach Deutschland ab, wo er Ende 1193 Agnes, die Erbtochter des rheinischen Pfalzgrafen Konrad von Staufen (1156-1195) heiratete. Die Versöhnung mit Kaiser Heinrich VI. (1194) sicherte Heinrich von Braunschweig die Pfalzgrafschaft nach dem Tod des Schwiegervaters (1195). In der Folgezeit war der Pfalzgraf der Repräsentant welfischer Interessen in Deutschland. Als solcher nahm er an dem Kreuzzug Heinrichs VI. ins Heilige Land teil (1197/98). In Abwesenheit Heinrichs von Braunschweig war inzwischen dessen jüngerer Bruder Otto von der welfischen Partei im deutschen Thronstreit (1198-1208) zum König (Otto IV., 1198-1218) gewählt worden. Heinrich unterstützte Otto zunächst, obwohl die Pfalzgrafschaft alsbald an den Stauferkönig Philipp von Schwaben (1198-1208) fiel. Bei der Teilung des welfischen Allodialbesitzes zwischen den drei Brüdern Heinrich, Otto und Wilhelm bekam Heinrich nur einen mäßigen, zumal durch Übergriffe des dänischen Königs gefährdeten Anteil. Heinrich übernahm während der Kriegshandlungen im Thronstreit den Schutz des welfischen Besitzes und Braunschweigs (Paderborner Teilung 1202). 1203 stellte er sich auf die Seite Philipps, 1208 - nach dem Tod Philipps - schloss er sich wieder seinem Bruder an, der nun allgemein als König Anerkennung fand. Italienzug (1209/11) und Kaiserkrönung Ottos IV. (1209) sahen Heinrich von Braunschweig als Verteidiger der welfischen Stammlande und des welfischen Königtums in Deutschland. Im Kampf gegen den Stauferkönig Friedrich II. (1212-1250) stand Heinrich bis zuletzt auf der Seite seines Bruders Otto. Er übertrug die Pfalzgrafschaft an seinen gleichnamigen Sohn Heinrich (den Jüngeren) (1212-1214), der jedoch alsbald und jung starb. 1213 fiel Heinrich Teile des Erbes seines damals verstorbenen jüngeren Bruders Wilhelm von Lüneburg zu. Nach dem Tod Ottos IV. (1218) schloss sich der Welfe König Friedrich II. an (1219) und erhielt - u.a. gegen Übergabe der Reichsinsignien auf einem Goslarer Hoftag (1219) - das Reichsvikariat zwischen Weser und Elbe. Die letzten Jahre seines Lebens nutzte Heinrich zum weiteren territorialen Ausbau und zur Verwaltung der welfischen Machtstellung in Sachsen (Allodialgüter, Verdener Bistums-/Stadtvogtei [?], Erzbistum Bremen, Grafschaft Stade, Kirchenlehen). Sein Neffe Otto das Kind (1213-1252), Sohn seines Bruders Wilhelm, sollte der Erbe der welfischen Besitzungen Heinrichs werden (1223). Der nicht unumstrittene Erbfall trat mit dem Tod Heinrichs am 28. April 1227 in Braunschweig ein. Heinrich wurde im Braunschweiger Dom neben seinem Vater und seinem Bruder bestattet. Aus der Ehe mit Agnes hinterließ Heinrich die zwei Töchter Irmengard und Agnes, die mit Markgraf Hermann V. von Baden (1190-1243) bzw. Herzog Otto II. von Wittelsbach (1231-1253) verheiratet waren. [Buhlmann, 03.2016]

Heinemeyer, Karl (1981), Der Prozeß Heinrichs des Löwen, in: BlldtLG 117 (1981), S.1-60 > H Heinrich der Löwe

Heinemeyer, Walter, Jäger, Berthold (Hg.) (1995), Fulda in seiner Geschichte. Landschaft, Reichsabtei, Stadt (= VHKH 57), Fulda 1995 > F Fulda

Heinrich II., deutscher König und Kaiser: Nach dem frühen Tod Kaiser Ottos III. (983-1002) musste sich der Bayernherzog Heinrich (II.) (995-1004), der Sohn Heinrichs des Zänkers, gegen Markgraf Ekkehard I. von Meißen (985-1002) und Herzog Hermann II. von Schwaben (997-1003) durchsetzen und wurde am 7. Juni 1002 vom Mainzer Erzbischof Williges zum König gewählt und gesalbt. Heinrich war am 6. Mai 973 oder 978 vielleicht in Hildesheim geboren. 995 wurde er Herzog von Bayern. Im Frühsommer 1000 vermählte er sich mit Kunigunde, der Tochter des Grafen Siegfried von Luxemburg. Nach einem Königsumritt durch Thüringen, Sachsen, Lothringen und Schwaben war Heinrich allgemein als König anerkannt (1002). Er bemühte sich zunächst - unter Hintanstellung Italiens - um die Stabilisierung der deutschen Verhältnisse. Langjährige Kämpfe hatte er mit Herzog bzw. König Boleslaw Chrobry von Polen (992-1025) zu bestehen; der Konflikt konnte erst mit dem Frieden von Bautzen (1018) beendet werden, der u.a. die Lehnsabhängigkeit Polens vom deutschen Reich wiederherstellte. In Italien hatte sich Heinrich mit dem 1002 zum König erhobenen Markgrafen Arduin von Ivrea auseinander zu setzen. 1004 drang Heinrich zum ersten Mal nach Oberitalien vor und ließ sich in Pavia zum König erheben. Die Kaiserkrönung empfing er - zusammen mit Kunigunde - erst zehn Jahre später am 14. Februar 1014. Erst danach wurde Arduin völlig ausgeschaltet (1014/15). Ein Feldzug Heinrichs nach Apulien endete mit der Wiederherstellung der Abhängigkeit einiger langobardischer Fürstentümer (1021). Hervorzuheben ist schließlich die Kirchenpolitik des letzten ottonischen Königs. Der Sicherung der Herrschaftsgrundlagen entsprach eine offensive Besetzungspolitik bei Bistümern und Reichsabteien. Dadurch gelang es Heinrich, die ottonisch-salische Reichskirche noch stärker als bei seinen Vorgängern an das Königtum zu binden, wobei die Hofkapelle als wichtige Schaltzentrale fungierte. Auch die Gründung des Bistums Bamberg durch Heinrich II. (1007) darf nicht unerwähnt bleiben. In der Bamberger Domkirche ist der am 13. Juli 1024 verstorbene König auch begraben worden. 1146 wurde Heinrich II. heilig gesprochen, 1200 seine Frau Kunigunde.
An Literatur zu Kaiser Heinrich II. seien genannt: Hirsch, Siegfried (1862/75), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich II.: Bd.I: 1002-1006, 1862, Nachdruck Berlin 1975, XIV, 560 S., Bd.II: 1007-1014, 1864, Nachdruck Berlin 1975, VIII, 466 S., Bd.III: 1014-1024, 1875, Nachdruck Berlin 1975, X, 417 S., zus. DM 150,-; Kaiser Heinrich II. (1002-1024), hg. v. Josef Kirmeier, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter u. Evamaria Brockhoff (2002) (= Ausstellungskatalog), Stuttgart 2002, 439 S., 1 CD-ROM, € 19,90; Weinfurter, Stefan (1999), Heinrich II. (1002-1024). Herrscher am Ende der Zeiten, Regensburg 1999, 400 S., DM 68,-, an Quellen: Die Urkunden Heinrichs II. und Arduins, hg. v. Harry Bresslau, Hermann Bloch, Robertz Holtzmann u.a. (1900/03) (= MGH. Diplomata. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd.3), 1900-1903, Nachdruck München 1980, XXX, 853 S., DM 132,-. [Buhlmann, 06.2001, 09.2002, 07.2012]

Heinrich III., deutscher König und Kaiser: Die Nachfolge Kaiser Konrads II. (1024-1039) trat der einzige, am 28. Oktober 1017 geborene Sohn Heinrich III. (1039-1056) problemlos an; Heinrich war schon 1028 zum Mitkönig gekrönt worden. Im Juni 1036 heiratete er in Nimwegen Kunigunde, die Tochter des Dänenkönigs Knut des Großen (1016-1035). Doch starb Kunigunde schon zwei Jahre später, so dass sich Heinrich mit Agnes von Poitou (†1077), der Tochter des Herzogs Wilhelm V. von Aquitanien (990/95-1029), vermählte (November 1043). Unter Heinrich III. erreichte - nach allgemeiner, aber auch kritisierter Einschätzung - das deutsche Königtum seinen machtpolitischen Höhepunkt in weltlicher und kirchlicher Einflussnahme (königliche Kirchenhoheit). Im Inneren blieben die engen Bindungen der süddeutschen Herzogtümer an den König wegen ihrer Wiedervergabe an landfremde Adlige (Heinrich von Lützelburg in Bayern 1042; Welf III. in Kärnten 1047; Otto von Schweinfurt in Schwaben 1048) weiterhin bestehen. Auch fand Heinrich in der Reichskirche eine verlässliche Stütze seiner Politik. Nach außen hin konnte der König seine politisch-militärische Vormachtstellung in Ostmitteleuropa ausbauen, was letztlich zur Integration Böhmens in das deutsche Reich führten sollte. Außerdem unterstützte er die kirchliche Reformbewegung, indem er auf der Synode zu Sutri (Dezember 1046) durch Absetzung zweier der Simonie beschuldigter Päpste und durch Einsetzung des Sachsen Clemens II. (1046-1047) als kirchliches Oberhaupt die römische Kirche neu ordnete und dabei u.a. ein königliches Mitspracherecht bei der Papstwahl durchsetzte. Von Clemens II. ließ sich Heinrich Weihnachten 1046 zum Kaiser krönen. Die Kirchenreform machte weitere Fortschritte unter dem von Heinrich ebenfalls eingesetzten Papst Leo IX. (1049-1054); Papst und Kaiser sprachen sich gegen Simonie und Priesterehe und für ein von weltlichen Mächten unabhängiges Mönchtum aus; das Papsttum legte zu dieser Zeit auch die Grundlagen für eine Zentralisierung der römischen Kirche. Die letzten Jahre Heinrichs III. waren durch Rückschläge und Misserfolge gekennzeichnet. Zwar konnte der König seinen Sohn Heinrich (IV.) zum Nachfolger wählen lassen (1053), doch geschah dies nur unter fürstlichem Vorbehalt. Die Feldzüge gegen Ungarn scheiterten (1051, 1052), Papst Leo IX. geriet in Süditalien in normannische Gefangenschaft (1053). Ein 2. Italienzug Heinrichs konnte die salische Herrschaft in Nord- und Mittelitalien wiederherstellen (1055), zumal mit dem Tod der Herzöge Konrad von Bayern (1049-1053) und Welf III. von Kärnten (1047-1055) auch die süddeutsche Opposition zusammenbrach. Heinrich III. starb am 5. Oktober 1056 in der Pfalz Bodfeld am Harz. Er liegt im Dom zu Speyer begraben.
Quellen und quellennahe Werke sind: Steindorff, Ernst (1874/81), Jahrbücher des Deutschen Reichs unter Heinrich III., 2 Bde. in 1 Bd., Leipzig 1874, 1881, XII, 537 S., IX, 615 S., zus. DM 200,-; Die Urkunden Heinrichs III., hg. v. Harry Bresslau u. Paul Kehr (1936/41) (= MGH. Diplomata. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd.5), 1936-1941, Nachdruck München 1980, LXXVII, 705 S., DM 114,-. An Abhandlungen und Aufsätzen lassen sich nennen: Boshof, Egon (1963), Das Reich in der Krise. Überlegungen zum Regierungsausgang Heinrichs III., in: HZ 228 (1963), S.265-287, Sonderdruck, DM 2,-; Boshof, Egon (1978), Lothringen, Frankreich und das Reich in der Regierungszeit Heinrichs III., in: RhVjbll 42 (1978), S.63-127, Sonderdruck, DM 4,-. [Buhlmann, 10.1994, 07.2016]

Heinrich IV., deutscher König und Kaiser: Heinrich IV. (1056-1106) wurde am 11. November 1050 wohl in Goslar geboren; die Eltern waren Kaiser Heinrich III. (1039-1056) und Agnes von Poitou. Beim Tod seines Vaters übernahm für den noch unmündigen Heinrich seine Mutter - unterstützt von Papst Viktor II. (1055-1057) - die Regentschaft. Nach dem Tod Viktors verschlechterte sich aber das Verhältnis zwischen Königtum und Reformpapsttum; der Einfluss der Reichsregierung auf die römische Kirche schwand (Papstwahldekret Nikolaus' II. 1059; Papstschisma 1061). Auch in Deutschland musste die Regentin bei der Neubesetzung der süddeutschen Herzogtümer Zugeständnisse an den Adel machen (Schwaben an Rudolf von Rheinfelden 1057; Bayern an Otto von Northeim 1061; Kärnten an Berthold von Zähringen 1061). Der Machtverfall der Monarchie wurde schließlich beim sog. Kaiserswerther Staatsstreich (April 1062) augenfällig, als Erzbischof Anno II. von Köln den jungen Heinrich entführte und nun die Regentschaft ausübte, die er aber bald mit Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen (1043-1072) teilen musste. Am 29. Mai 1065 wurde Heinrich IV. mündig. Die Spannungen zwischen Fürsten und König steigerten sich nun: Die von den Großen erzwungene Entmachtung Adalberts von Hamburg-Bremen (1066) führte zu einer entscheidenden Schwächung der königlichen Herrschaft in Norddeutschland und Nordeuropa; hinzu kamen der Sturz des bayerischen Herzogs Otto von Northeim (1070) und die königliche Territorialpolitik im Harz. Letztere war Anlass zum schließlich vom König erfolgreich unterdrückten Sachsenaufstand (1073-1075). Mit der zwischen König und Papst strittigen Investitur im Mailänder Erzbistum (1070-1075) begann der sog. Investiturstreit (1075-1122). Vordergründig ging es dabei zunächst um die Einsetzung von Bischöfen im deutschen Reich einschließlich Burgund und Italien durch den König (Laieninvestitur). Doch offenbarte sich damit ein Konflikt, der die Rolle des Königs und des Papstes neu und im Bruch zur frühmittelalterlichen Weltanschauung definieren sollte und mit Stichworten wie Unterordnung des Königs unter den Papst, Entsakralisierung des König-tums und Herrschaftswandel nur unzureichend umschrieben werden kann. Stationen der ersten Phase des Investiturstreits waren: das Schreiben Papst Gregors VII. (1073-1085) zur Mailänder Investitur (1075/76), die Absageerklärung Heinrichs IV. und der deutschen Bischöfe an den Papst auf der Wormser Synode (24. Januar 1076), die damals unerhörte Absetzung und Bannung Heinrichs durch den Papst (15. Februar 1076), die Formierung einer sächsisch-süddeutschen Adelsopposition gegen den Salier (Fürstentag zu Tribur, Oktober 1076), die öffentlich geleistete Kirchenbuße Heinrichs in Canossa (Gang nach Canossa) und seine Lösung vom Bann (25./27. Januar 1077). Die Fürstenopposition gegen Heinrich IV. betrieb trotz der Ereignisse von Canossa die (Forchheimer) Wahl (15. März 1077) des (Gegen-) Königs Rudolf von Rheinfelden (1077-1080). Der Gegenschlag Heinrichs blieb mit der Absetzung der süddeutschen Herzöge nicht aus (1077); das Herzogtum Schwaben wurde 1079 mit dem Staufer Friedrich I. (1079-1105) besetzt. Der Entscheidungskampf zwischen den beiden Königen endete mit dem Tod des in der Schlacht an der Weißen Elster verwundeten Rudolf (15. Oktober 1080). An dessen Stelle trat der neue Gegenkönig Hermann von Salm (1081-1088). Inzwischen war Heinrich IV. wiederum vom Papst gebannt worden (1080), was aber kaum noch Eindruck machte. Vielmehr ging Heinrich nun in Italien gegen Gregor VII. vor. Mit der Erhebung des Gegenpapstes Clemens III. (1080), der Verdrängung Gregors aus Rom, der dort stattfindenden Verurteilung und Absetzung Gregors sowie der Kaiserkrönung (31. März 1084) war Heinrich IV. durchaus erfolgreich. Als er Mitte 1084 wieder nach Deutschland zurückkehrte, hatte aber das salische Königtum dort viel von seiner einstigen Machtstellung eingebüßt. Immerhin gelang es Heinrich IV., seinen Sohn Konrad in Aachen zum König krönen zu lassen (30. Mai 1087). Die unsicheren Verhältnisse in Italien - auch wegen des neuen Papstes Urban II. (1088-1099) - nötigten Heinrich, 1089 sich wieder um die Verhältnisse südlich der Alpen zu kümmern. Der Italienzug Heinrichs endete indes in einer Katastrophe: Heinrich selbst blieb - es hatte sich inzwischen ein Städtebund in der Lombardei gegen den Kaiser gebildet - zwischen 1089 und 1093 im östlichen Oberitalien eingeschlossen; in Deutschland setzte der Abfall von ihm massiv ein, sogar sein Sohn Konrad fiel von ihm ab (1093). Immerhin ermöglichte das Auseinanderbrechen der tuszisch-welfischen Koalition (1093) die Rückkehr des Kaisers nach Deutschland, wo es spätestens nach seiner Aussöhnung mit dem als Herzog bestätigten Welf IV. von Bayern (1096-1101) mit der Fürstenopposition zu einem Ausgleich kam. Erfolgreich war Heinrich IV. auch bei seiner Neuordnung der Thronfolge; der abtrünnige Konrad wurde für abgesetzt erklärt (1098), der jüngere Sohn Heinrich (V.) zum König gekrönt (1099). Im Jahre 1103 verkündete Heinrich IV. zudem den Mainzer Reichsfrieden. Doch auch Heinrich (V.) sollte sich gegen seinen Vater wenden (1104). Dem Sohn gelang es, den Vater gefangen zu nehmen und Anfang 1106 in Ingelheim zur Abdankung zu zwingen. Heinrich IV. konnte indes fliehen und am Niederrhein seine Anhänger sammeln. Dort ist er bei den Vorbereitungen, seine Herrschaft wiederzugewinnen, am 7. August 1106 in Lüttich gestorben. Nach mehreren Jahren fand der als Gebannter verstorbene König endlich im Dom zu Speyer seine letzte Ruhestätte.
Verwiesen sei auf die Biografie: Althoff, Gerd (2006), Heinrich IV. (= GMR), Darmstadt 2006, 335 S., € 27,90, weiter auf die Quellen und quellennahen Werke: Die Urkunden Heinrichs IV., hg. v. Dietrich von Gladiss, Alfred Gawlik (1941/78) (= MGH. Diplomata. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd.6), 1941-1978, Nachdruck Hannover 1959/78, X, 1107 S., DM 180,-; Die Regesten des Kaiserreiches unter Heinrich IV. 1056 (1050)-1125, bearb. v. Tilman Struve (1984-2010) (= RI III,2,3,1-2): Tl.1: 1056 (1050)-1065, Köln-Wien 1984, X, 164 S., DM 88,-, Tl.2: 1065-1075, Köln-Wien-Weimar 2010, VIII, 202 S., € 59,90; Meyer von Knonau, Gerold (1890-1909), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V.: Bd.I: 1056-1069, 1890, Nachdruck Berlin 1964, XXIV, 703 S., Bd.II: 1070-1077, 1894, Nachdruck Berlin 1964, XXI, 911 S., Bd.III: 1077-1084, 1900, Nachdruck Berlin 1965, XV, 656 S., Bd.IV: 1085-1096, 1903, Nachdruck Berlin 1965, XV, 558 S., Bd.V: 1097-1106, 1904, Nachdruck Berlin 1965, XIV, 516 S., (Bd.VI: 1106-1116, 1907, Nachdruck Berlin 1965, XII, 396 S., Bd.VII: 1116-1125, 1909, Nachdruck Berlin 1965, XIII, 413 S.), zus. DM 380,-. Eine Neubewertung König Heinrichs IV. versucht: Althoff, Gerd (Hg.) (2009), Heinrich IV. (= VuF 69), Ostfildern 2009, 379 S., € 54,- (mit den Beiträgen: Althoff, Gerd, Einleitung; Meier, Christel, Der rex iniquus in der lateinischen und volkssprachigen Dichtung des Mittelalters; Becher, Matthias, Luxuria, libido und adulterium. Kritik am Herrscher und seiner Gemahlin im Spiegel der zeitgenössischen Historiographie (6. bis 11. Jahrhundert); Schieffer, Rudolf, Gerold Meyer von Knonaus Bild von Heinrich IV.; Zey, Claudia, Vormünder und Berater Heinrichs IV. im Urteil der Zeitgenossen; Körntgen, Ludger, "Sakrales Königtum" und "Entsakralisierung" in der Polemik im Heinrich IV.; Struve, Tilman, Der "gute" Kaiser Heinrich IV. Heinrich IV. im Lichte der Verteidiger des salischen Herrschaftssystems; Garnier, Claudia, Der bittende Herrscher - der gebetene Herrscher. Zur Instrumentalisierung der Bitte im endenden 11. Jahrhundert; Patzold, Steffen, Die Lust des Herrschers. Zur Bedeutung und Verbreitung eines politischen Vorwurfs zur Zeit Heinrichs IV.; Althoff, Gerd, Noch einmal zu den Vorwürfen gegen Heinrich IV. Genese, Themen, Einsatzfelder; Seibert, Hubertus, Geld, Gehorsam, Gerechtigkeit, Gebet. Heinrich IV. und die Mönche; Weinfurter, Stefan, Das Ende Heinrichs IV. und die neue Legitimation des Königtums; Kamp, Hermann, Die Vorwürfe gegen Heinrich IV. - eine Zusammenfassung). [Buhlmann, 05.2011, 08.2012]

Heinrich V., deutscher König und Kaiser: Im Jahr 1086 wurde Heinrich als Sohn von Heinrich IV. und dessen Ehefrau Bertha geboren. Ab 1098/99 war er Mitkönig seines Vaters, ab 1101 mündig. Ende 1104 rebellierte er gegen Heinrich IV., Anfang 1106 trat er seine selbstständige Regierung an und wurde nach dem Tod des Vaters allgemein als König anerkannt. Verhandlungen mit Papst Paschalis II. (1099-1118) - auf der Grundlage der Unterscheidung zwischen spiritualia und temporalia ("geistliche Befugnisse" und "weltliche Rechte") - führten zunächst zu einem radikalen Lösungsversuch in der Investiturfrage (1111), aber auch zur Kaiserkrönung des Saliers (13. April 1111). Schließlich einigten sich Kaiser und Papst Calixt II. (1119-1124) im Wormser Konkordat (23. September 1122) auf einen Kompromiss bei der königlichen Bischofsinvestitur in Deutschland, Burgund und Italien; das Wormser Konkordat stellt damit das Ende des Investiturstreits dar. Auch nördlich der Alpen handelte Heinrich V. anfangs erfolgreich, indem er die Konsolidierungspolitik seines Vaters (Ausbau des Reichsguts, Errichtung von Burgen, Förderung der Ministerialität) fortsetzte. Nach dem Aussterben der Billunger erhielt Lothar von Supplinburg das sächsische Herzogtum (1106). Der Abfall der Friesen und zahlreicher niederrheinischer Großer weitete sich nach der Niederlage Heinrichs bei Andernach (Oktober 1114) auch auf Sachsen aus, wo in der Schlacht am Welfesholz (bei Eisleben) der Kaiser gegen die Sachsen unter Lothar von Supplinburg unterlag (11. Februar 1115). Immerhin blieb Süddeutschland weitgehend auf Seiten des Saliers und mündete der Würzburger Friedensschluss zwischen Erzbischof Adalbert von Mainz (1110-1137) und Heinrich V. (29. September 1121) in ein allgemeines Ende der Auseinandersetzungen zwischen König und norddeutschen Großen; Heinrich V. hat dabei durchaus noch einmal die salischen Positionen festigen können. 1124 unternahm der Kaiser auf Grund eines englisch-deutschen Bündnisses - Heinrich V. war seit 1114 mit Mathilde, der Tochter König Heinrichs I. von England (1100-1135) verheiratet - einen erfolglosen Feldzug gegen Frankreich. Am 23. Mai 1125 ist Heinrich in Utrecht gestorben; er liegt im Dom zu Speyer begraben. Heinrich V. hatte keine Nachkommen.
Zu Kaiser Heinrich V. sei verwiesen auf die Biografie: Waas, Adolf (1967), Heinrich V. Gestalt und Verhängnis des letzten salischen Königs, München 1967, 135 S., DM 7,80. Quellennah sind: Meyer von Knonau, Gerold (1890-1909), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V.: (Bd.I: 1056-1069, 1890, Nachdruck Berlin 1964, XXIV, 703 S., Bd.II: 1070-1077, 1894, Nachdruck Berlin 1964, XXI, 911 S., Bd.III: 1077-1084, 1900, Nachdruck Berlin 1965, XV, 656 S., Bd.IV: 1085-1096, 1903, Nachdruck Berlin 1965, XV, 558 S., Bd.V: 1097-1106, 1904, Nachdruck Berlin 1965, XIV, 516 S.), Bd.VI: 1106-1116, 1907, Nachdruck Berlin 1965, XII, 396 S., Bd.VII: 1116-1125, 1909, Nachdruck Berlin 1965, XIII, 413 S., zus. DM 380,-. [Buhlmann, 08.2012]

Heinrich VI., deutscher König und Kaiser: Heinrich VI. (1190-1197) war Staufer, der Sohn Kaiser Friedrichs I. Barbarossa (1152-1190) und der Beatrix von Burgund; geboren wurde er 1165 in Nimwegen. Am 15. August 1169 ist Heinrich in Aachen zum König gekrönt worden, ab Mai 1189 führte er für den auf dem 3. Kreuzzug befindlichen Vater die Regentschaft im Reich. Am 27. Januar 1186 hatte Heinrich Konstanze, die Tochter des Königs Roger II. von Sizilien (1130-1154), in Mailand geheiratet. Die sizilianische Erbschaft, auf die sich nach dem Tod Wilhelms II. von Sizilien (1166-1189) Heinrich durch seine Heirat mit Konstanze Hoffnung machen konnte, stand denn auch im Mittelpunkt seiner Politik. Der 1. Italienzug brachte dem deutschen König außer der Kaiserkrönung in Rom (15. April 1191) nichts ein (vergebliche Belagerung Neapels). In Deutschland weitete sich die Fürstenopposition (Welfen, Niederrhein) gegen ihn aus. Immerhin gelang nach der Gefangennahme des englischen Königs Richard I. Löwenherz (1189-1199) und der Erpressung eines beträchtlichen Lösegelds (1193/94) die Sprengung der antistaufischen Koalition und die Eroberung Süditaliens und Siziliens (1194). Heinrich VI. wurde Weihnachten 1194 in Palermo zum König von Sizilien gekrönt. Zu den weiteren Erfolgen Heinrichs gehörten die durch die Gefangensetzung des Richard Löwenherz erzwungene Lehnsnahme Englands (1194) sowie die Lehnshoheit des Kaisers auch über die Königreiche Kleinarmenien und Zypern (1195). Damit wuchs der staufische Einfluss im byzantinisch-ostmediterranen Raum, zumal eine Tochter des byzantinischen Kaisers Isaak II. (1185-1195) mit Heinrichs Bruder Philipp von Schwaben verheiratet wurde (1194). So reiften nun staufische Pläne für einen neuen Kreuzzug heran. Der Widerstand der deutschen Fürsten und des Papstes brachte unterdessen den sog. Erbreichsplan Heinrichs, also die Umwandlung des deutschen Reiches in eine dauerhaft mit Sizilien verbundene Erbmonarchie, zum Scheitern (1196); lediglich der 1194 geborene Sohn Heinrichs, Friedrich II., wurde zum König gewählt. Ein Aufstand in Sizilien konnte durch Markward von Annweiler niedergeschlagen werden (1197). Bei der Vorbereitung des Kreuzzugsunternehmens erkrankte Heinrich an der Malaria und starb am 28. September 1197 in Messina. Der Kaiser wurde in der Kathedrale von Palermo bestattet.
An Biografien zu Kaiser Heinrich VI. seien genannt: Csendes, Peter (1993), Heinrich VI. (= GMR), Darmstadt 1993, XI, 258 S., DM 46,-; Toeche, Theodor (1867), Kaiser Heinrich VI. (= Jahrbücher des deutschen Reiches, der deutschen Geschichte), 1867, Nachdruck Darmstadt 1965, XIV, 746 S., DM 74,-. Quellennah sind: Die Regesten des Kaiserreiches unter Heinrich VI. 1165 (1190)-1197 (1972-1979) (= RI IV,3,1-2): Tl.1: Heinrich VI. 1165 (1190)-1197, bearb. v. Gerhard Baaken, Köln-Wien 1972, XIX, 347 S., DM 98,-, Tl.2: Namenregister, Ergänzungen und Berichtigungen, bearb. v. Karin Baaken, Gerhard Baaken, Köln-Wien 1979, VII, 202 S., DM 48,-. [Buhlmann, 05.2011]

Heinrich (VII.), deutscher König: Geboren wurde Heinrich in der ersten Hälfte des Jahres 1211; die Eltern waren Kaiser Friedrich II. und Konstanze, die Tochter des Königs Alfons II. von Aragon (1162-1196). Verheiratet war Heinrich mit Margarete von Österreich, der Tochter des Herzogs Leopold VI. (1198-1230); aus der Ehe stammten die früh verstorbenen Söhne Heinrich und Friedrich. Schon Anfang 1212 wurde Heinrich zum König von Sizilien gekrönt. Nachdem sich sein Vater in Deutschland durchgesetzt hatte, holte Friedrich II. seinen Sohn nach Deutschland, machte ihn zum Herzog von Schwaben und ließ ihn am 20./26. April 1220 in Frankfurt zum deutschen König wählen; am 8. Mai 1222 fand die Krönung in Aachen statt. Der noch unmündige König stand dabei zunächst unter der Aufsicht eines von Erzbischof Engelbert I. von Köln (1216-1225) und Herzog Ludwig I. von Bayern (1183-1231) dominierten Regentschaftsrats. Weihnachten 1228 trat Heinrich seine selbstständige Regierung an. Schon bald geriet er durch seine Politik der Städteförderung und der Bezugnahme auf den niederen Adel und die Reichsministerialität in Gegensatz zu seinem Vater und den Fürsten. Im Statutum in favorem principum (1231/32) setzten sich Letztere durch. Politische und persönliche Differenzen zwischen Vater und Sohn veranlassten Heinrich - in dem Bestreben, eine eigene Politik zu führen - schließlich, einen offenen Aufstand gegen den Kaiser zu wagen; doch scheiterte dieser, und Heinrich musste sich im Juli 1235 Friedrich unterwerfen. Sein Königtum wurde ihm entzogen, Heinrich selbst inhaftiert. Der König starb am 12. (?) Februar 1242 in einem sizilianischen Gefängnis. Er liegt im Dom von Cosenza begraben.
An Literatur zu Heinrich (VII.) sei verwiesen auf: Thorau, Peter (1998), Jahrbücher des Deutschen Reiches unter König Heinrich (VII.): Tl.I: König Heinrich (VII.), das Reich und die Territorien. Untersuchungen zur Phase der Minderjährigkeit und der "Regentschaften" Erzbischof Engelberts I. von Köln und Herzog Ludwigs I. von Bayern (1211) 1220-1228, Berlin 1998, XII, 463 S., DM 168,-. [Buhlmann, 09.2016]

Heinrich der Löwe (*1129/30-†1195), Welfe, Herzog von Sachsen (1142-1180) und Bayern (1156-1180): Heinrich der Löwe war der Sohn des bayerischen und sächsischen Herzogs und "jüngeren Welfen" Heinrich des Stolzen (†1139), der im Streit mit König Konrad III. (1138-1152) seine Herzogtümer verlor (1138/39). 1142 konnte Heinrich der Löwe die Belehnung mit dem sächsischem Herzogtum entgegennehmen, 1156 wurde er durch Vermittlung Kaiser Friedrich I. Barbarossas (1152-1190) auch bayerischer Herzog. In "königsgleicher" Stellung verfolgte der Welfe gerade in Sachsen eine konsequente Politik des Machtausbaus (Residenz- und Repräsentationsort Braunschweig [Stiftskirche St. Blasius, Burg Dankwarderode, Bronzestandbild], Heirat mit der englischen Königstochter Mathilde [1165]; Grafschaft Stade [1144], Wendenkreuzzug [1147/49], Besetzungsrecht für die ostelbischen Bistümer [1154], Lübeck [ca.1160]). Doch auch in der Reichspolitik an der Seite des Kaisers war Heinrich lange (bis 1174) aktiv (Italienzüge, Papstschisma [1159-1177]). In Überschreitung seines Handlungsspielraums als Reichsfürst überwarf sich Heinrich der Löwe mit Kaiser und Fürsten; nach einem Prozess kam es zur Absetzung des Herzogs (Reichstag von Gelnhausen 1180 [Gelnhausener Urkunde]); Heinrich musste nach England ins Exil gehen (1182) und söhnte sich 1194 mit Kaiser Heinrich VI. (1190-1197) aus. 1195 starb Heinrich der Löwe, politisch machtlos, in Braunschweig; sein Leichnam wurde in der dortigen Blasiuskirche begraben.
An Quellen zu Herzog Heinrich dem Löwen sei genannt: Die Urkunden Heinrichs des Löwen, Herzogs von Sachsen und Bayern, hg. v. Karl Jordan (1941/49) (= MGH. Laienfürsten- und Dynastenurkunden der Kaiserzeit, Bd.1), Stuttgart 1941-1949, 2 Tle., XVI, LIX, 285 S., DM 48,-. Biografisch aufgearbeitet wurde die Person Heinrichs des Löwen von: Ehlers, Joachim (2008), Heinrich der Löwe. Eine Biographie, München 2008, IV, 496 S., Abbildungen, Karten, € 24,95; Hiller, Helmut (1981), Heinrich der Löwe. Macht und Rebellion (= Heyne Biographien 86), München 1981, 335 S., DM 8,80; Jordan, Karl (1979), Heinrich der Löwe. Eine Biographie, München 1979, XI, 316 S., Abbildungen, Karten, DM 38,-. Spezielle Fragen behandeln: Heinemeyer, Karl (1981), Der Prozeß Heinrichs des Löwen, in: BlldtLG 117 (1981), S.1-60; Jordan, Karl (1970), Heinrich der Löwe und das Schisma unter Alexander III., in: MIÖG 78 (1970), S.224-235; Jordan, Karl (1981), Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe, in: BlldtLG 117 (1981), S.61-71. [Buhlmann, 03.-07.1995, 06.2010, 05.2014]

Heinrich von Veldeke, hochmittelalterlicher Dichter: Heinrich (†ca.1200?), wahrscheinlich benannt nach Veldeke bei Hasselt, Ministeriale (?), Geistlicher (?), war der Verfasser von 25 bzw. 30 Minneliedern (Codex Manesse, Weingartner Handschrift), des höfischen Romans "Eneas" (v.1174, v.1190) und des mittelniederländischen Sente Servas (1170/80). Sente Servas, das "Leben" des Bischofs Servatius von Tongern-Maastricht (*343-†384?), schrieb Heinrich im Auftrag der Gräfin Agnes von Loon, der Ehefrau Graf Ludwigs I. (1138-1171), und des Küsters Hessel vom Maastrichter Servatiusstift. Das Werk ist in Fragmenten auf Limburgisch aus der Zeit um 1200, vollständig (6229 Verse) in einer Handschrift aus der Zeit um 1470 erhalten. Sente Servas schildert Leben (Teil I) und Wunder (Teil II) des Heiligen; Heinrich benutzte dazu eine lateinische Servatiuslegende (Actus sancti Servatii [des Iocundus, 1066/88], Gesta sancti Servatii [des Stephan?, 1120/30] -> Servatiusviten) und versah die beiden von ihm gleich gewichteten Teile jeweils mit einem Epilog. Der (erste deutsche) höfische Roman "Enaes", dessen damals noch nicht fertiggestelltes Manuskript dem Dichter durch Graf Heinrich von Schwarzburg (†1184) zwischenzeitlich gestohlen wurde (1174?), schildert in rund 13500 Reimpaarversen auf der Grundlage des französischen Roman d'Eneas (und Vergils Aeneis) auf pseudo-historische und fiktiv-literarische Weise das Geschehen um den Helden und Ritter Äneas; er kann eingeordnet werden zwischen Antikenroman und Heldenepik, steht auch in einer "historiografischen" Bildungstradition, bewegt sich zwischen "historiografischem Erzählen" und "fiktionaler Autonomie".
An Quellen und Literatur zu Heinrich von Veldeke seien genannt: Heinric van Veldeken, Sente Servas. Mittelniederländisch/Neuhochdeutsch, hg. u. übers. v. Jan Goossens, Rita Schlusemann, Norbert Voorwinden (2008) (= BiMiLi III), Münster 2008, 417 S., € 3,90; Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, übers. v. Ludwig Ettmüller (= RUB 8303), Stuttgart 1986, 894 S., DM 24,-; Opitz, Karen (1998), Geschichte im höfischen Roman. Historiographisches Erzählen im "Eneas" Heinrichs von Veldeke (= GRM Beih.14), Heidelberg 1998, 254 S., € 4,20. [Buhlmann, 08.2011, 05.2013]

Heinzelmann, Josef (2010), Die Anfänge der Rheingrafen und ihres Amtes, in: JbwdtLG 36 (2010), S.7-24. Um 1106/09 gründete ein Wulfrich (der Ältere; 1090, 1125), Onkel des Wulfrich (der Jüngere; 1130, 1148) von Winkel (Östrich, Mittelheim, Winkel; Burg Rheinberg, Rheinfähre von Mittelheim), in Mittelheim die cella Winkel, um die es im Jahr 1158 urkundlich bezeugte Erbstreitigkeiten gab. Für die Winkeler Augustinerchorrherrengemeinschaft sind dann Propst Erenfrid (Ezzo de villa Loricha?, Ezzo de Steinheim?; 1129, 1139), der wahrscheinlich in verwandschaftlicher Beziehung zum Gründer der Zelle Wulfrich stand, Abt (!) Folbert (1148, 1154) und Propst Friedrich (1158) bezeugt. Die beiden "Wulferiche" waren verwandt mit den Edelfreien von Heppenheft, den Herren von Steinheim und denen von Lorch, dem Erzbischof Ruthard von Mainz (1089-1109) und den ersten Rheingrafen (comes in Rinegowe, comes Reni, Ringravius u.ä.) Richold (ca.1109), Ludwig (n.1108, †v.1124/32) und Embricho (I; 1124, 1131); ein Rheingraf Embricho (II, 1140, 1152/53, †v.1158) war - der Urkunde von 1158 zufolge - ein Erbe des älteren Wulfrich; Embricho (II) folgte sein Sohn Embricho (III; n.1158), seine Tochter Liutgard heiratete Sifrid von Stein (ca.1160), mit Wolfram (n.1160) begann die Linie der Rheingrafen von Stein. Die Rheingrafen gehörten der Ministerialität der Mainzer Erzbischöfe an und waren wohl für das Geleit (als gräfliches Recht) auf dem Rhein (auch Fährverkehr) zuständig; die Burg Rheinberg war Besitz der Mainzer Erzbischöfe. [Buhlmann, 08.2012]

Heinzelmann, Martin (1976), Bischofsherrschaft in Gallien. Zur Kontinuität römischer Führungsschichten vom 4. bis zum 7. Jahrhundert. Soziale, prosopographische und bildungsgeschichtliche Aspekte (= Beihefte der Francia, Bd.5), München 1976, 281 S., DM 48,-. Viten (Lebensbeschreibungen, Heiligenleben) und Epitaphien (Grabinschriften), also literarisches Totenlob von gallischen Bischöfen im 5. und 6. Jahrhundert, im Übergang vom römischen Reich zu den germanischen Nachfolgestaaten in Gallien (Frankenreich, Burgunderreich, Westgotenreich) fußen nicht zuletzt auf der Laudatio aus römisch-republikanischer Zeit, die auch in der römischen Kaiserzeit in der spätantiken (Senats-) Aristokratie große Wirkung entfaltete (laudatio: Nennung der Herkunft [Familie], der virtutes, Ämter, Taten, usw.). Römischer Adelsethik und christlicher Askese (in ideologischer Synthese) kam bei der Charakterisierung der Bischöfe in Viten und Epitaphien eine besondere Bedeutung zu. Die 27 untersuchten gallischen Epitaphien heben - anders als vergleichbare Geschichtsquellen aus Italien oder Spanien - ab auf aristokratische Aspekte bischöflicher Existenz: vornehme Herkunft, Bildung, Tugendhaftigkeit (conversio), Wohlhabenheit (caritas) des Bischofs als vir sacerdotalis, das Bischofsamt als (erbliches) staatliches Amt. Untersucht wurden die Bischöfe: Concordius von Arles ([374]), Hilarius von Arles (†449), Eutropius von Orange ([ca.475]), Rusticus von Lyon (†501), Viventiolus von Lyon (v.515-v.538), Sacerdos von Lyon (n.541-551/52), Aurelianus von Arles (†551), Nicetius von Lyon (551/52-573), Aetherius von Lyon (ab 586), Priscus von Lyon (nach 586). [Buhlmann, 07.2013]

Heinzelmann, Martin (1994), Gregor von Tours (538-594), "Zehn Bücher Geschichte". Historiographie und Gesellschaftskonzept im 6. Jahrhundert, Darmstadt 1994 > G Gregor von Tours

Heinzer, Felix, Kretzschmar, Robert, Rückert, Peter (Hg.) (2004), 900 Jahre Kloster Lorch. Eine staufische Gründung vom Aufbruch zur Reform (= VKGLBW B N.N.), Stuttgart 2004 > L Lorch

(Essen-) Heisingen, heute ein Stadtteil der Großstadt Essen: Heisingen ist nördlich der Ruhr innerhalb einer Flussschleife gelegen. Sachüberreste aus der Merowingerzeit (7. Jahrhundert) sind im Heisinger Ortsgebiet gefunden worden. Die Geschichte der mittelalterlichen Siedlung Heisingen lässt sich bis in das 9. Jahrhundert zurückverfolgen, wie die frühe schriftliche Überlieferung des Benediktinerklosters Werden zeigt (Ersterwähnung 834). Heisingen war eine Ortlichkeit im nördlich der Ruhr gelegenen Heissi-Wald und gehörte damals zum Ruhrgau und zum fränkischen Herzogtum Ribuarien; im hohen Mittelalter war der Ort Teil der Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft, in Spätmittelalter und früher Neuzeit gehörte Heisingen zum Territorium des Werdener Abtes. Die Werdener Mönchsgemeinschaft verfügte in Heisingen als Grundherr über einigen Besitz, ebenfalls die Frauenstifte Essen und (Essen-) Rellinghausen. Heisingen und seine Höfe waren im Mittelalter Teil der Werdener Pfarrei, eine Heisinger Filialkirche entstand um 1492. Ab dem 14./15. Jahrhundert ist eine Reihe Heisinger (Lehn-) Höfe der geistlichen Kommunitäten Werden und Essen erkennbar: Kofeld (Haus Heisingen), Hickingshof, Schleipmannshof, Linhoferhof usw. Seit dem 16. Jahrhundert spielte der Abbau von Steinkohle in Heisingen eine zunehmende Rolle. Mit der Säkularisation der Werdener Abtei (1803) kam Heisingen an das Königreich Preußen, das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts stand unter dem Einfluss einer starken Industrialisierung (Steinkohlezechen, Eisenbahn [Ruhrtalbahn], Ruhrschifffahrt), 1929 wurde Heisingen nach Essen eingemeindet.
Zu Heisingen s.: Buhlmann, Michael (2016), Heisingen im Mittelalter (= SGE 5), Essen 2016, 52 S., € 3,-. [Buhlmann, 10.2016]

Helbach, Ulrich, Das Reichsgut Sinzig (= RA 122), Köln-Wien 1989, 377 S., Karten. Römische Siedlungsspuren in und um Sinzig sind nicht vorhanden, fränkische reichen bis ins 7. Jahrhundert zurück; ebenso können für diese Zeit (643) Einflüsse des merowingischen Königtums in einem weiteren Umfeld um Sinzig angenommen werden. Zum Jahr 762 ist ein Aufenthalt König Pippins des Jüngeren (751-768) im Sentiaco palatio ("Pfalz Sinzig") bezeugt, der Ort war (spätestens) in karolingischer Zeit als villa regia ("königlicher Ort", 828) Mittelpunkt eines Reichsgutkomplexes (fiscus), der zusammen mit Königsgut um den ehemaligen römischen Kastellort Remagen (Fiskus Sinzig-Remagen) ein (Forst-) Gebiet links des Rheins bis zur Hohen Acht in der östlichen Hocheifel zumindest zeitweise umfasste. Schenkungen an Klöster und Kirchen (westliches Waldgebiet an das Kloster Prüm [762], Breisig wohl an das Frauenstift Essen [9. Jahrhundert]) minderten schon früh den Umfang des Reichsgutbezirks; im Verlauf des frühen und hohen Mittelalters sind Besitz-, Pfarr- und Zehntrechte der Abtei Stablo-Malmedy (814), der Aachener Marienkirche (Pfarrei Sinzig 855) oder der Abtei Deutz (1003) nachweisbar. Der Ort Sinzig selbst war Aufenthaltsort einiger fränkischer, ostfränkischer und deutscher Herrscher (842, 876, 1152, 1158, 1174, 1180, 1192, 1193, 1206, 1207, 1212, 1214, 1215, 1225, 1242 und später); er lag an der in karolingischer Zeit ausgebauten Heerstraße zwischen Aachen (den späteren Krönungsort der deutschen Könige) und Frankfurt (den späteren Ort der Wahl der deutschen Könige) sowie an Ahr und Rhein. Im Verlauf des 9. Jahrhunderts, jedenfalls nach 814 erfolgte die Trennung der Fiskalbezirke Sinzig und Remagen. Remagen gelangte im 10. Jahrhundert an die rheinisch-lothringischen Pfalzgrafen, die Stellvertreter des Königtums an Nieder- und Mittelrhein. In ottonisch-salischer Zeit stellte sich das Sinziger Reichsgut dar als Bezirk mit zunächst ausgeprägter Forstverwaltung (Gebiete westlich von Sinzig, Wildbannverleihung 992) sowie königlicher Grundherrschaft mit Eigenbewirtschaftung und Landleihe entlang von Rhein und unterer Ahr. Spätestens in der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts bestand allerdings der auf karolingische Grundlagen fußende königliche Forst um Sinzig nur noch teilweise (Landesausbau, örtliche Gewalten). Reichsgut und districtus Sinzig - unter der Kontrolle von Grafen - kamen mit (lokaler) Münze, Markt, Zoll und den Wäldern zwischenzeitlich an das Erzbistum Bremen-Hamburg (Schenkungsurkunde 1065); Sinzig wurde im Gefolge des rheinischen Aufstands gegen Kaiser Heinrich V. (1106-1125) zerstört (1114); der Fiskus war gemäß dem oben zitierten Tafelgüterverzeichnis neben Remagen zur Leistung von zwei Königsservitien verpflichtet (ca.1150 oder 1165/66). In staufischer Zeit geriet Sinzig mit dem dortigen, wohl damals ausgebauten Königshof in das Blickfeld König Friedrich I. Barbarossas (1152-1190), der hier im Jahr 1152 auf seiner Krönungsreise vom Wahlort Frankfurt zum Krönungsort Aachen vom Schiff auf das Pferd wechselte. In Frontstellung gegen die Kölner Erzbischöfe erlangte Sinzig ab den späten 1160er-Jahren als Stützpunkt des Königtums im Rheintal Bedeutung; 1180 kamen ausländische Gesandte zu Kaiser Friedrich I. nach Sinzig. Die ab 1206 erbaute Reichsburg Landskron sollte das Sinziger Reichsgut schützen. Eine ebensolche Rolle hatte die ins 11. Jahrhundert zurückreichende, unmittelbar am Rhein gelegene und mit einer Zollstelle verbundene Burg Hammerstein (bei Hönningen), die als wichtiges Verwaltungszentrum unter der Leitung der Hammersteiner Familie von Reichsministerialen stand. Mit Ausbau und Neugestaltung des Sinziger Reichsguts wahrscheinlich unter Friedrich Barbarossa verloren die Hammersteiner ihre Machtposition in Sinzig; das Reichsgut stand fortan unter der Leitung von villici als königlichen Amtsträgern (Sinziger officium). Die Neuordnungen kamen unter König Friedrich II. (1212-1250) zu einem Abschluss, als der Ministeriale Gerhard (I.) von Sinzig (†1236?) die Leitung von Reichsgut und Reichsburg übernahm (Abtrennung von Reichsgut, Sinziger Reichsgut unter Einschluss der Burg Landskron 1214/15). Von Gerhards Sohn Gerhard (II., †1273), dem villicus von Sinzig und Burggrafen von Landskron, ist seine Rechnungslegung gegenüber König Konrad IV. (1237-1254) überliefert (1242); bei reduzierter Eigenwirtschaft der königlichen Hofverbände (um den Königshof, bei den villae Franken, Kaltenborn, Königsfeld) spielten die erhobenen Steuern und Geldzahlungen eine immer größer werdende Rolle, doch fiel das Steueraufkommen des Rechnungsjahrs 1241/42 wohl niedriger aus als veranschlagt (Reichssteuerverzeichnis) - wahrscheinlich eine Folge der Kämpfe am Rhein und um Sinzig (Zug Konrads IV. an den Niederrhein 1242) -, unterlag aber auch in den 1240er-Jahren einer massiven Zunahme infolge des gestiegenen Finanzbedarfs des Herrschers. Über Sinzig und Landskron hinaus, als Leiter einer staufischen Prokuration hat Gerhard (II.) im Übrigen wohl wenig Wirksamkeit entfaltet; im Gegenteil leitete seine Gefangennahme (1248) das Ende des von den staufischen Königen beherrschten Sinziger Reichsguts ein. Im Schatten von Königshof und Pfarrkirche entwickelte sich zunächst nur in bescheidenem Ausmaß die königliche Stadt Sinzig. Für die Anfänge des Ortes mag die Bezeichnung vicus aus dem 9. Jahrhundert stehen, für das Jahr 1065 sind (grundherrschaftlicher) Markt, Münze und Zoll belegt, zum Jahr 1184 wird Sinzig als regium oppidum ("königliche Stadt") charakterisiert. Die Nähe zum Rhein und die Lage an der Aachen-Frankfurter Heerstraße haben den Handel am Ort auf alle Fälle befördert. Zum Jahr 1225 ist von Sinziger cives ("Bürgern") unter einem magister ville ("Ortsmeister") die Rede, milites wohl ministerialischen Ursprungs und zwei städtische villici sind ebenfalls fassbar. 1255 gehörte Sinzig dem Rheinischen Städtebund an. Ein Stadtsiegel (Herrscherbildnis mit Lilienzepter und Reichsapfel) ist für 1268/70 nachweisbar, eine Bürgergemeinde mit Ratsverfassung (consules) unter der Leitung eines magister civium ("Bürgermeister") wird erst in 1290er-Jahren erkennbar, der Bau einer Stadtmauer erfolgte im Jahr 1297. In die städtische Ordnung hinein ragte die Reichsgutorganisation der tota imperii familia ("ganzen Hofgenossenschaft des Reiches", 1225) durch das officium ("Amt") des Landskroner Burggrafen bzw. das (Reichs-) Schultheißenamt; die Reichsgutorganisation hat zweifelsohne die Stadtwerdung Sinzigs behindert. Schließlich bestimmte die (lokale, regionale) Ministerialität des Sinziger Reichsguts (Reichsministerialen von Hammerstein und Landskron, Ministerialenfamilie Guden von Sinzig, Ritterfamilie vom Turm) vielfach das politische Geschehen in der Stadt. Eine jüdische Ansiedlung in Sinzig kann schon für das endende 12. Jahrhundert angenommen werden, nachweisbar sind die Sinziger Juden aber erstmals in der Reichssteuerliste (1241) und in der Abrechnung des villicus Gerhard aus dem Jahr 1242. Eine Sondersteuer in Höhe von 500 Mark wurde von den Sinziger Juden ein Jahr später erpresst (1243). Schließ-lich fielen die Juden in Sinzig Verfolgungen zum Opfer; 1265 zählten jüdische Quellen 61 Opfer, die in der in Brand gesteckten Synagoge umkamen, 1287 betrug die Opferzahl 46 Personen, die infolge einer vom mittelrheinischen Oberwesel ausgehenden Verfolgung (Auffindung der Leiche eines Knaben) ermordet wurden. Stadt und Reichsgut wurden wahrscheinlich 1276 durch König Rudolf I. von Habsburg (1273-1291) verpfändet, wobei die sich ausbildende Stellung Sinzigs als Reichsstadt gewahrt blieb. Im politischen Hin und Her am Nieder- und Mittelrhein zwischen Königtum und Territorialherren war das Sinziger Reichsgut hauptsächlich zwischen den Grafen von Jülich und den Kölner Erzbischöfen umkämpft. 1267 soll Sinzig unter Jülicher Herrschaft gestanden haben (Einnahme der Stadt durch den Kölner Erzbischof Engelbert II. [1261-1274]), auf die Verpfändung von 1276 an den Jülicher Grafen folgte die erzbischöfliche Inbesitznahme (1277), die vielleicht bis 1289/90 anhielt. Auf die den Herrschaftsverhältnissen im Rheinland angepasste Politik der ersten Regierungsjahre König Adolfs von Nassau (1292-1298) folgte die Verpfändung des Jahres 1295 an die Jülicher Grafen, die sich aber erst nach Niederlage der rheinischen Kurfürsten gegen König Albrecht I. (1298-1308) im sicheren Besitz der Pfand-schaft befanden (1302). Dabei blieben die Beziehungen etwa der Lehnsnehmer im Sinziger Reichsgut zum Königtum weiter erhalten, wenn auch hier der Jülicher Landesherr als Graf bzw. Markgraf (1356) im Verlauf des 14. Jahrhunderts in die Stellung des Königs als Lehnsherrn einrückte. Die Stadt Sinzig jedenfalls hatte sich mit der Jülicher Herrschaft arrangiert. [Buhlmann, 10.2015]

Hengerer, Mark (2015), Ludwig XIV. Das Leben des Sonnenkönigs (= BSR 2842), München 2015, 128 S., Schwarzweißabbildungen, Zeittafel, Stammtafel, Karte, € 8,95. I. Ludwig, Sohn des französischen Königs Ludwig XIII. (1601-1643) und der habsburgisch-spanischen Prinzessin Anna von Österreich (†1666), wurde am 5. September 1638 im bei Paris gelegenen Schloss Saint-Germain-en-Laye geboren. Als designierter Thronfolger genoss Ludwig (zusammen mit seinem jüngeren Bruder Philippe) eine vielseitige (religiöse, adlige) Erziehung und Ausbildung, die ihn auf sein Herrscherdasein politisch vorbereitete, ihn auch schon früh repräsentativen Pflichten unterwarf und ins Hofzeremoniell einband. Nach dem Tod des Vaters (14. Mai 1643) wurde der damals fünfjährige Sohn automatisch König von Frankreich und Navarra (Ludwig XIV., 1643-1715). Ludwigs erste Regierungsjahre standen unter der Regentschaft seiner Mutter Anna von Österreich (1643/51) und des Ersten Ministers Mazarin (1643/61). Ludwig heiratete die habsburgisch-spanischen Prinzessin Maria Theresa (1660); aus der Ehe ging der Sohn Ludwig (*1661-†1711) hervor. Zudem verfügte Ludwig - abseits von zahlreichen Affären - über eine Anzahl von Geliebten und Mätressen, die über Einfluss am Königshof und in der Politik verfügten (Francoise Louise de la Baume Le Blanc, Francoise-Athénais de Rouchechouart de Mortemart-de Montespan, Francoise de'Aubigné; Giftmordaffäre 1679/81). Mit dem Tod Mazarins begann die selbstständige Regierung des Königs (1661). II. Innenpolitisch ging die Regierungszeit König Ludwigs XIV. mit einer institutionellen Verdichtung einher, das Königtum (Sakralität, Absolutsheitsanspruch/Souveränität, kulturelle Hegemonie, Propaganda) setzte sich politisch endgültig gegen Herrschaftskonkurrenten durch (privilegierter Hochadel, Fronde 1648/53, Kompromiss zwischen Königtum und politischer Elite), die Rolle des Königshofs als Herrschaftszentrum (Versailles, Hofadel) und zentrale Institutionen (königlicher Rat, engerer Rat, Kardinalminister, Kronämter, Staatssekretäre) bei Amtsadel, gouvernements (Provinzen) und parlaments (Verwaltungsorgane, Obergerichte), waren prägend für die politische Entwicklung von der Monarchie zum französischen Staat ("Staatsräson"). Dem solcherart erweiterten institutionellen Rahmen in Politik und Verwaltung folgte ein sich immer mehr verstärkender Zugriff des Königtums auf die finzanziellen Ressourcen der ausgeplünderten Landbevölkerung (Feudalabgaben, Kirchenzehnt); der Steuerdruck (intendants des provinces gerade in der Fiskalverwaltung, Steuerpacht) nahm entscheidend zu, etwaige Reformen von (Justiz und) Finanzen, die in den ersten Jahren der persönlichen Regierung Ludwigs XIV. vom Minister Jean-Baptiste Colbert durchgeführt wurden ("Merkantilismus", "Colbertismus" und aktive Wirtschaftspolitik), wurden alsbald konterkariert durch die kriegerische Außenpolitik des Herrschers. Nicht zuletzt ging es König Ludwig XIV. um die Einheit Frankreichs im katholischen Glauben, was Konflikte mit dem Papsttum allerdings nicht ausschloss (Regalienstreit 1673, "Vier Artikel" 1682) bei entschiedenem Eintreten des Herrschers gegen den Jansenismus als Reformmodell des französischen Katholizismus. Die Aufhebung des Edikts von Nantes durch das Edikt von Fontainebleau (1685) verursachte eine massive Flucht der calvinistischen Hugenotten aus Frankreich. III. Das sich vergrößernde stehende Heer Frankreichs und die kostspieligen Kriege belasteten die Finanzen des Königreichs bei rapider Steigerung der Schuldenlast schwer (Schieflage des Staatshaushalts). Die Kriege wurden dabei unter König Ludwig XIV. zum Ausdruck eines "absolut"-souveränen Königtums, Frankreich trug seit seinem Eintritt in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) unter dem Kardinalminister Richelieu (1630) stark zur "Bellizität des frühneuzeitlichen Europa" bei; im Zuge eines "Primats der Außenpolitik" kam bei einer "Professionalisierung der Diplomatie" (diplomatische Vetretungen, Repräsentation und Diplomatie) der Kriegführung aus "symbolischen" (Ruhm des Kriegsherrn), territorialpolitischen (Gebietserweiterungen), handelspolitischen (Kolonienerwerb und -verteidigung) oder auch dynastischen Gründen eine große Rolle zu. Und so führte nach der Friedenszeit von Westfälischem (1648) und Pyrenäenfrieden (1659) nach der erfolgreichen Erprobung diplomatischer Mittel (Erster Rheinbund 1658, englisch-holländischer Krieg 1665/67, Frieden von Breda 1667) alsbald König Ludwig XIV. insbesondere (Eroberungs-) Kriege zur territorialen Expansion Frankreichs (in dessen "natürlichen Grenzen") und um die Lösung der "habsburgischen Frage" (spanische, österreichische Habsburger; Rivalität zu Spanien): Devolutionskrieg (1667/68; Kämpfe in den Spanischen Niederlanden, Besetzung der Franche-Comté, Frieden von Aachen 1668), Holländischer Krieg (1672/79; Kämpfe in den Vereinigten Niederlanden, Reichskrieg gegen Frankreich 1674, Frieden von Nimwegen 1678/79), Besetzungen von Reichsgebiet und "Reunionen" (Okkupation Lothringens 1661/70, Besetzung der elsässischen Reichsstädte [Dekapolis] 1673, Besetzung Mömpelgards [Pays de Montbéliard] 1676, Besetzung Straßburgs 1681; Regensburger Stillstand 1684). Zwischen 1685 und 1689 formierte sich indes gegen die französische Expansionspolitik eine europäische Koalition aus römisch-deutschem Reich, Kaiser und Reichsständen (Augsburger Allianz 1686), sowie den "Seemächten" Holland und England; (große) französische Erfolge blieben im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688/87; von französischen Truppen verursachte Zerstörung im deutschen Südwesten, Zerstörung des Heidelberger Schlosses 1689/93, Frieden von Rijswijk 1697) und im Spanischen Erbfolgekrieg (1701/14; Kämpfe im Reich, in Italien, in Spanien; Frieden von Utrecht 1713, Frieden von Rastatt/Baden 1714) damit aus. Geschützt wurde das französische Territorium durch den Vaubanschen Festungsgürtel, der umgekehrt kriegerische Invasionen nach Frankreich im Großen und Ganzen verhinderte. Beim Tod Ludwigs XIV. (1715) lieferte Frankreich jedenfalls ein zwiespältiges Bild: einerseits die massive Schieflage des Staatshaushalts und eine Finanzkrise, die auch im 18. Jahrhundert anhalten sollte und verbunden mit dem Elend bäuerlicher und städtischer (Unter-) Schichten blieb; andererseits die territoriale Ausdehnung Frankreichs - allerdings in der Folge einer kriegerischen Expansionspolitik - und die Erlangung einer militärischen Hegemonialstellung als Landmacht in Europa, der Friede innerhalb Frankreichs, eine differenzierte Verwaltung und Militärverwaltung, das Justizwesen und der Fiskalbereich, die kulturelle Ausstrahlung Frankreichs in andere Länder Europas sowie moderne Entwicklungen etwa in den Bereichen von Wirtschaft und Philosophie (beginnende Aufklärung). IV. In seinen letzten Lebensjahren traten die familiären Beziehungen für Ludwig in den Vordergrund. Gemäß der Thronfolgeregelung sollte sein Urenkel Ludwig (*1710-†1774) sein Nachfolger werden, da der Sohn und die Enkel schon verstorben waren. Im Mai 1715 erkrankte der König, ab Mitte August verschlimmerte sich sein Gesundhetitszustand auf Grund eines Wundbrandes; am 1. September verstarb Ludwig öffentlich im Schloss Versailles. Der noch unmündige Urenkel Ludwig XV. (1715-1774) wurde nun König von Frankreich und Navarra. [Buhlmann, 09.2017]

Henk, Richard, Braus, Günter, Braus, Johannes, Grassl, Anton Maria (1979), Abtei Maulbronn, Heidelberg 31983 > M Maulbronn

Herbers, Cornelia (2007), Die Mirakelberichte des monasterium S. Mariae in Gräfrath (= Libelli Rhenani, Bd.18), Köln 2007, 126 S., Schwarzweißabbildungen. I. (Solingen-) Gräfrath wird erstmals (urkundlich) zum Jahr 1135 erwähnt (Greverode), für die Zeit um 1185 ist von der Gründung des monasterium S. Mariae in Gräfrath infra terminos parrochiae de walde auszugehen (Herauslösung der Gräfrather Kapelle aus dem Pfarrsprengel von Wald [1185], Vilicher Hof in Gräfrath [1187/89], Gründe für die Klostergründung [Etappenstation der Kölner Erzbischöfe an der Straße Köln-Essen, in Gräfrath geschehene Marienwunder]). Die Stiftung der geistlichen Frauengemeinschaft erfolgte vom Stift Vilich aus (Äbtissin Elisabeth II. [1183-, 1219]), das Gräfrather monasterium befand sich in Vilicher Besitz (ius dominii), die Vorsteherin (magistra) wurde von der Vilicher Äbtissin bestätigt. De facto spielte jedoch die Abhängigkeit von Vilich schnell bald keine Rolle mehr. Das monasterium unter der Letung von magistra und Propst (als Vilicher Kanoniker) stellte sich im späteren Mittelalter dar als eine Gemeinschaft von unter der Augustinerregel lebenden Nonnen/Chorfrauen (Patronat über die Sonnborner Pfarrkirche 1208/12, Erwerb der Pfarrkirche Wald 1208/12, Statuten von 1470). II. Aus dem Mittelalter bzw. der frühen Neuzeit stammen dann aus dem Gräfrather monasterium Wunderberichte (Mirakelberichte) über den Erwerb und die Wunder einer Reliquie der heiligen Katharina von Alexandrien (†4. Jahrhundert, Anfang). Danach erwarb ein Johanniter, Mitglied der Familie der Grafen von Hückeswagen, im Katharinenkloster auf der Halbinsel Sinai im Jahr 1309 (?) ein Knochensplitter des Leichnams der heiligen Katharina, der u.a. auf wundersame Weise (der Translokation) nach Gräfrath zur Schwester des Johanniters, der Nonne Katharina von Hückeswagen (†1323), gelangte. Im Umfeld der Reliquie geschahen alsbald Wunder (Absonderung von Honig, Öl, Wasser und Milch), dokumentiert durch eine Reihe von zehn lateinischen Urkunden der Jahre 1312 bis 1323. Auch eine frühneuzeitliche Tafelinschrift (1605/55) dokumentiert Reliquienerwerb und geschehene Wunder und ergänzt dies durch ein Heilungswunder an Katharina von Hückeswagen. Die von Katharina von Hückeswagen initiierte Katharinenverehrung in Gräfrath spiegelt sich wider im Amt der Gräfrather Reliquienbewahrerin (Katharina von Hückeswagen, Jutta vom Haus 1416/19, Katharina vom Haus 1420/50; 1466/70, 18. Jahrhundert), in der Aufbewahrung der Reliquie und der abgesonderten Flüssigkeiten in Reliquiaren (Gefäße, Tafelreliquiar, Katharinenreliquiar [14. Jahrhundert, Mitte]), im Katharinenaltar der Gräfrather Kirche, in den nach dem Reliquienerwerb einsetzenden Wallfahrten nach Gräfrath. [Buhlmann, 09.2016]

Herbert, Ulrich (2014), Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2017 > D Deutsche Geschichte, 1870/71-2000

Herbert, Ulrich (2016), Das Dritte Reich (= BSR 2859), München 2016, 134 S., € 8,95. I. Ein deutschen "Sonderweg" in der europäischen Geschichte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hat es augenscheinlich nicht gegeben. Das wirtschaftlich und kulturell erfolgreiche deutsche Kaiserreich (1871-1918) zeichnete sich insbesondere durch massive gesellschaftliche, soziale und technologische Transformationen aus (Industrialisierung, Urbanisierung, Sozialpolitik, Wahlrecht), die im Begriff der deutschen Nation aufgefangen und kanalisiert wurden (Nationalismus [Kritik an Massengesellschaft, Liberalismus und Individualität], Obrigkeitsstaat, Militär [expansive Außenpolitik, Kriegsflotte, Kolonien], Parteienlandschaft [Nationalisten, Liberale, Sozialdemokraten]; [latenter] Antisemitismus, Deutsche und inländische Ausländer). Der deutsche Nationalismus entlud sich im für die weitere Entwicklung verhängnisvollen Ersten Weltkrieg (1914-1918), in der deutschen Niederlage (Versailler Vertrag 1919) und in einem sich durch die Niederlage weiter verstärkenden Nationalismus (und Antisemitismus), der zunächst durch die Demokratie der Weimarer Republik (1919-1933) und der sie tragenden politischen Parteien (Sozialdemokraten, Zentrum, Linksliberale) verdeckt wurde. Versailler Vertrag (Gebietsabtretungen, Sonderstellung des Saarlandes, Reparationszahlungen, entmilitarisierte Zone), innenpolitische Probleme ("Kapp-Putsch" 1920, "Ruhrkampf" 1923, Novemberputsch 1923) und wirtschaftliche Entwicklungen (Inflation und Rentenmark 1923) prägten die Anfangsjahre der Republik, die zwischen 1924 und 1929 die "Goldener Zwanziger" erlebte bei weiterhin (relativ) hohem nationalistischen Potential ("völkische Bünde", "Stahlhelm" u.a. als "nationales Lager"). Die Weltwirtschaftskrise (1929/33) (massives Sinken des Bruttosozialprodukts und der Industrieproduktion, hohe Arbeitslosigkeit) beförderte den politischen Extremismus, repräsentiert u.a. durch das Aufkommen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unter ihrem "Führer" Adolf Hitler (*1889-†1945). Dessen Kanzlerschaft ("Machtergreifung" 30. Januar 1933) führte zu Diktatur und "Drittem Reich". II. Hitler stand als "Führer" seiner Partei an der Spitze einer "faschistischen Massenbewegung", deren paramilitärische Organisationen SA und SS die politischen Gegner bekämpfte und verfolgte (Reichstagswahlen von 1933). Das "Ermächtigungsgesetz", die (Selbst-) Auflösung der politischen Parteien, die Zerschlagung der Gewerkschaften, das Ende nichtnationalsozialistischer Regierungen in den deutschen Ländern und Kommunen, die "Gleichschaltung" der christlichen Kirchen (Kirchenkampf, Kulturpolitik), von gesellschaftlichen Verbänden und kulturellen Organisationen sowie der Presse (1933 und später) bei genereller Ausweitung politischen Drucks (politische Polizei, Konzentrationslager, Antisemitismus) führten zur nationalsozialistischen Diktatur unter dem "Führer" (Diktator) Adolf Hitler bei "Volksgemeinschaft" und "nationaler Einheit". Hitler bestimmte maßgeblich die Politik des "Dritten Reiches" ("Führerprinzip", "charismatische Herrschaft" [Hitlerkult] und Reichsverwaltung ["Polykratie"]). Hitlers Macht gründete auf den Männern und Frauen, die ihn gewählt hatten, auf den ihm gegenüber loyalen Führungskräften in Wirtschaft und Gesellschaft, auf die Unterstützung durch die Reichswehr, auf der "Bewegung" von NSDAP und SA. Die Ermordung Ernst Röhms, des Führers der SA (1934), beseitigte die Konkurrenz innerhalb der eigenen Partei, nach dem Tod des Reichspräsidenten Hindenburg (August 1934) vereinigte Hitler das Amt des Reichskanzlers mit dem des Reichspräsidenten ("Führer und Reichskanzler"). Politisch und ideologisch war somit das "Dritte Reich" entstanden, das nun u.a. seine menschenverachtende Ideologie umsetzte (Nürnberger Gesetze [1935], Enteignung von Juden, "Aussonderung von Gemeinschaftsfremden"), im Bereich der Wirtschaft auf eine massive militärische Aufrüstung (zur Kriegsvorbereitung) und einen damit verbundenen Kurswechsel setzte sowie im gesellschaftlichen Bereich zunehmend (propagandistisch) die Arbeiterschaft mit einbezog, Frauen auf ihre "natürliche Rolle" als Mutter verwies usw. (DAF [Deutsche Arbeitsfront], NS-Frauenschaft, HJ [Hitlerjugend], NSDAP und staatliche Verwaltung). Die von den Nationalsozialisten betriebene Politik der Aufrüstung fand nach einer Phase der "Beschwichtigungspolitik" Hitlers gegenüber West und Ost ihre Entsprechung in einer "expansiven" Außenpolitik des "Dritten Reiches", wozu die Nichtteilnahme an Genfer Abrüstungsverhandlungen, die Eingliederung des Saargebiets ins deutsche Reich, der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, ein deutsch-britisches Flottenabkommen (1935) sowie der Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland (1936) gehörten. Die olympischen Spiele in Berlin und der militärische "Vierjahresplan" Hitlers zur Kriegsfähigkeit Deutschlands (1936) sahen den Diktator auf den bisherigen Höhepunkt seiner Macht. Es folgten außenpolitisch das nationalsozialistische Eingreifen im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), der Einmarsch in Österreich ("Anschluss Österreichs" 1938), die "Sudetenkrise" und das Münchner Abkommen (29. September 1938) und die Besetzung der "Resttschechei" ("Protektorat Böhmen und Mähren" 1939) bei von Deutschland abhängiger Slowakei. Innenpolitisch ging das Aufrüsten weiter, es folgten Novemberpogrome und "Reichskristallnacht" gegen die Juden im nationalsozialistischen Machtbereich (9. November 1938) sowie eine von Hitler befürwortete Politik der "Euthanasie" gegenüber Kranken, Behinderten und Kindern (1939). Im Jahr 1939 steuerte schließlich das Regime auf den von Hitler ideologisch untermauerten Krieg zur Gewinnung von "Lebensraum" und "nationaler Größe" zu. Seit Anfang 1938 hatte zudem Hitler das "Oberkommando der Wehrmacht" inne (Blomberg-Fritsch-Krise [Hitler und Wehrmacht, Neubesetzungen]). III. Zweiter Weltkrieg: Der nationalsozialistische Krieg Deutschlands als Zweiter Weltkrieg (1939-1945) begann nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts (24. August 1939) mit dem Angriff auf Polen (1. September 1939), das innerhalb von knapp vier Wochen besetzt wurde ("Blitzkrieg", "Generalgouvernement"; Besetzung Ostpolens und der baltischen Staaten durch die Sowjetunion; sowjetisch-finnischer "Winterkrieg" 1939/40). Die Besetzung Dänemarks und Norwegens (9. April 1940) schloss Großbritannien und Frankreich, die Deutschland nach dem Überfall auf Polen den Krieg erklärt hatten, von Nordeuropa aus. Der deutsche Angriffskrieg auf die Beneluxstaaten und Frankreich ab dem 10. Mai 1940 führte bis Mai bzw. Juni zur Besetzung dieser Länder und zum Waffenstillstand mit Frankreich (22. Juni 1940), das als Vichy-Regime Marschall Pétaines ein von Deutschland abhängiger Satellitenstaat wurde (1940/42). Das Eintreten des faschistischen Italien in den Krieg an der Seite Deutschlands und der Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan (27. September 1940; Krieg in Ostasien und im Pazifik) ließ das Bündnis der Achsenmächte entstehen. Nach der verlorenen "Luftschlacht um England" (1940/41) erfolgte das Eingreifen Deutschlands im italienischen Parallelkrieg in Afrika (1940/41; italienisches Kolonialreich in Libyen und Nordostafrika) und die Eroberung Jugoslawiens und Griechenlands (April 1941). Der rassenideologisch stark motivierte Angriffskrieg gegen die kommunistische Sowjetunion ("Kommissarbefehl" Hitlers, "Vernichtung des Bolschewismus/Judentums") im Unternehmen "Barbarossa" und mit Unterstützung Bulgariens, Rumäniens und Ungarns ab dem 22. Juni 1941 brachte zunächst große Gebietsgewinne im Westen und Südwesten der Sowjetunion (Baltikum, "Bezirk Bialystok", Weißrussland, Ukraine, rückwärtiges Heeresgebiet, deutsches Besatzungspolitik, Kollaboration und Partisanentätigkeit). Parallel dazu liefen die von Hitler unterstützten Maßnahmen zur "Endlösung der Judenfrage" an (Wannseekonferenz 20. Januar 1942; "Ghettoisierung" der polnischen Juden, Vernichtungslager und Massenmord, Aushungerungspolitik im rückwärtigen Heeresgebiet). Der Kriegseintritt der USA (11. Dezember 1941) auf Seiten Großbritanniens und der alliierten Mächte sollte die militärische zu Ungunsten des "Dritten Reiches" ändern. Auch der nur als kurzer Feldzug geplante Krieg gegen die Sowjetunion weitete sich (zeitlich) aus; spätestens mit der Schlacht bei Stalingrad (1942/43) gerieten die deutschen Truppen in die Defensive. Der Krieg kehrte nach Deutschland zurück, zumal alliierte Bombenangriffe auf Deutschland (ab 1942) zunehmend Wirkung erzielten, die Wirtschaft vor dem Hintergrund eines "totalen Kriegs" schon längst eine Kriegswirtschaft geworden war (Versorgungslage und Rationierungen, soziale Lage u.a. der Arbeiter, Rolle der NSDAP und ihrer Funktionäre [Umstrukturierung der deutschen Justiz 1942, politischer Vorrang der Parteifunktionäre, u.a. der Gauleiter, gegenüber den Staatsorganen], Zwangsarbeit, Kriegsmüdigkeit und Entpolitisierung, gesellschaftliche Desintegration, Führermythos, Widerstand gegen den Nationalsozialismus). In Nordafrika mussten die zurückweichenden deutschen Truppen bei Tunis kapitulieren (Mai 1943), Italien wechselte zu den Alliierten über (Juli 1943; Besetzung Nord- und Mittelitaliens, Mussolinis Repubblica Sociale Italiana), dem Vorrücken der sowjetischen Roten Armee an der Ostfront (Besetzung Ungarns März 1944) sollten mit der alliierten Invasion in der Normandie (6. Juni 1944) militärische Niederlagen Deutschlands im Westen Europas folgen. Hitler, der in seinem ostpreußischen "Führerhauptquartier" Wolfsschanze das Attentat vom 20. Juli 1944 ohne wesentliche Beeinträchtigung überlebt hatte, kehrte Anfang 1945 nach Berlin zurück, um die Führung in der Verteidigung der Hauptstadt gegen die vorrückenden Sowjettruppen zu übernehmen ("Schlacht um Berlin" April 1945). Mit dem Scheitern der Ardennenoffensive (1944/45) befanden sich die deutschen Truppen auch im Westen endgültig auf dem Rückzug. Hitler trat am 20. März 1945 letztmalig öffentlich in Erscheinung, am 30. April beging er im "Führerbunker" der Alten Reichskanzlei Selbstmord. Am 8. Mai kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. IV. Die Abwendung der Deutschen von der Weimarer Republik ermöglichte den Aufstieg Adolf Hitlers und seiner nationalsozialistischen Partei. "Faschistische" Massenbewegung und "Führerprinzip" ermöglichten die deutsche Diktatur des "Dritten Reiches"; "Volksgemeinschaft" und eine ethnisch-rassische Hierarchisierung der Gesellschaft - unterlegt mit nationalistischer Ideologie und Propaganda, aber auch mit sozialpolitischen Maßnahmen bei einer "vollständigen Umorientierung von Wirtschaft und Finanzen" - sollten als Gegenpol zur modernen Industriegesellschaft dienen. Außenpolitisch verfolgte das nationalsozialistische Regime eine Revisionspolitik, die - "als tiefer Einschnitt" - in den Zweiten Weltkrieg mündete. Dieser ermöglichte die Errichtung einer nationalsozialistischen Gewalt- und Schreckensherrschaft über große Teile Europas, verbunden mit dem Massenmord an Behinderten, Juden und osteuropäischer Zivilbevölkerung, verbunden mit dem letztlich eintretenden Zusammenbruch des "Dritten Reiches". Zurück blieben über 50 Millionen Tote, riesige Zerstörungen und Verwüstungen, eine "militärische, politische und moralische Niederlage". [Buhlmann, 07.2017]

Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters, hg. v. Matthias Lutz-Bachmann, Alexander Fidora, Andreas Niederberger, bietet in Edition und Übersetzung philosophische (Quellen-) Texte aus dem christlichen und islamischen Mittelalter, u.a.: Bd.2 (2005): Ibn Sab'in, Die Sizilianischen Fragen. Arabisch-Deutsch, übers. v. Anna Akasoy, Freiburg i.Br.-Basel-Wien 2005, 252 S., € 34,-: Der almohadische Gelehrte Ibn Sab'in (*ca.1217-†1270), aus Murcia stammend, beantwortet zum großen Teil auf rezipierende Weise (Aristoteles, islamische Philosophie) fiktive Fragen des Stauferkaisers Friedrich II. (1198/1212-1250) zur (aristotelischen) Ewigkeit der Welt, zur "göttlichen Wissenschaft" der Philosophie (Wahrheitssuche), zu den (aristotelischen) Kategorien und zur Unsterblichkeit der Seele (Seelenarten). [Buhlmann, 08.2017]

Herkommer, Lotte (1973), Untersuchungen zur Abtsnachfolge unter den Ottonen im südwestdeutschen Raum (= VKGLBW B 75), Stuttgart 1973, XVI, 113 S., DM 15,-. I. Kapitel 64 der Benediktregel behandelt die Wahl des Abtes als Leiter des Klosters. Danach soll (nach Tod oder Resignation des Vorgängerabtes) die geeignetste Person (Idoneität) aus dem Kreis der Mönche einmütig zum Abt bestimmt werden. Dabei kam der sanior pars, dem "kleineren Teil der Mönche mit der besseren Einsicht" mitunter eine besondere Rolle zu. Sollte sich ein Abt als unwürdig erweisen, so haben Diözesanbischof, benachbarte Äbte oder Laien die Pflicht, gegen diesen vorzugehen. U.a. mittelalterliche Kanones, z.B. die Triburer Synodalbeschlüsse von 895, wiederholten diese Bestimmungen. II. Die sog. ottonisch-salische Reichskirche gab im 10. und 11. Jahrhundert (bis zum Investiturstreit) den Rahmen ab für die Verfügbarkeit von Bischofskirchen und Reichsabteien in der königlichen Politik. Dieses Umfeld beeinflusste selbstverständlich auch die Abtswahlen, verlieh doch der deutsche Herrscher in seinen Privilegierungen an die Reichsklöster das Recht der freien (kanonischen) Abtswahl bei Immunität und Königsschutz. Dabei kam auf Grund der Benediktregel und der daraus resultierenden Suche nach dem Fähigsten dem Eingreifen des Königs eine besondere Rolle zu. Der Herrscher bestätigte im Normalfall nach erfolgter Wahl durch die Mönche den neuen Abt und investierte ihn, wobei die Übertragung des Klosters (der abbatia) durch den König erfolgte, der Abt also an die Spitze der geistlichen Gemeinschaft gestellt wurde. Manchmal bestätigte der Herrscher den Abt erst nach längerer Bedenkzeit, manchmal war der König mit dem Gewählten überhaupt nicht einverstanden. Vorkommen konnte es, dass der Herrscher einen Kandidaten von außerhalb des Klosters als neuen Abt bestimmte, was mitunter den Widerstand der Mönche hervorrief. Nach der [[Investitur]] folgte auf jeden Fall die Weihe des Abtes. Innerhalb der ottonisch-salischen Reichskirche gab es dann insofern ein Geben und Nehmen, als dass der vom König investierte Abt und das ihm unterstellte Kloster Leistungen für den Herrscher zu erbringen hatte. Diese Leistungen fallen unter den Begriff des servitium regis, des "Königsdienstes" und beinhalteten: das Gebet für den König und seine Familie, Beherbergung und Verpflegung des Königs und seines Gefolges, Reisen des Abts zu königlichen Hoftagen, Verpflichtung des Klosters zur Heeresfolge. [Buhlmann, 07.2004]

Herrmann, Fritz-Rudolf, Jockenhövel, Albrecht (Hg.) (1990), Die Vorgeschichte Hessens, Stuttgart 1990 > V Vorgeschichte

Herodot, antik-griechischer Historiograf: I. Die griechische Polis der klassischen griechischen Antike war das politische und kulturelle Umfeld, in dem sich der griechische Geschichtsschreiber Herodot von Halikarnassos (*490/80-†ca.424 v.Chr.) bewegte. In jungen Jahren war Herodot maßgeblich am Sturz des Dynasten Lygdamis in seinem Heimatort Halikarnassos beteiligt, siedelte dann aber ins süditalientische Thurioi über, von wo er zu ausgedehnten "Bildungsreisen" aufbrach, die ihn wohl nach Thrakien und Skythien, an das Schwarze Meer, nach Ägypten und bis nach Babylonien führten. In Athen hielt sich Herodot ab ca.447 v.Chr. mehrere Jahre auf, wo er vielleicht Kontakte zu Sophokles und Perikles hatte. Herodot starb kurz nach der Veröffentlichung seines geschichtlichen Werkes der "Historien". II. Die "Historien" ("Erkundungen") Herodots stellen die erste antik-griechische Geschichtsschreibung dar, Herodot wurde so zum "Vater der Geschichtsschreibung" (Cicero). Das Werk ist in neun Bücher aufgeteilt und stellt den Aufstieg des Perserreiches im 6. Jahrhundert und die Perserkriege zwischen Griechen und Persern (Griechen - Barbaren) im 1. Viertel des 5. Jahrhunderts v.Chr. in den Mittelpunkt. Über die Zuverlässigkeit der geografischen, ethnografischen und historischen Angaben Herodots, die wohl auch auf schriftlichen Quellen sowie auf mündlicher Überlieferung und Befragung von Gewährsmännern und Zeitzeugen beruhte, bestehen Zweifel (Plutarch, Cicero). Die "Historien" gliedern sich wie folgt: Buch I: Lyder und König Kroisos, Eroberung des Lyderreiches durch den Perserkönig Kyros, persische Unterwerfung Babyloniens, Massagetenfeldzug des Kyros; Buch II-III: Ägypten und neuägyptisches Reich, Eroberung Ägyptens durch den Perserkönig Kambyses, persischer Feldzug gegen die Äthopier, Krieg zwischen Samos und Sparta, Polykrates von Samos; Buch IV-V: Skythenfeldzug des Perserkönigs Dareios I., persischer Feldzug gegen Libyen und Kyrene, Ionischer Aufstand und Zerstörung Susas; Buch VI: Niederschlagung des Ionischen Aufstandes, persischer Feldzug des Mardonios gegen Eretria und Athen, persische Niederlage bei Marathon; Buch VII-IX: Feldzug des Perserkönigs Xerxes gegen Griechenland, Hellespont, Thrakien, Thessalien, Schlacht bei den Thermopylen, Seeschlacht am Kap Artemision, Einnahme von Athen, Seeschlacht bei Salamis, Schlacht bei Plataia, Seeschlacht bei Mykale, griechische Eroberung von Sestos. Insgesamt bestechen die Historien durch ihre Vielzahl von Betrachtungsweisen: als Geschichte im Übergang von Mündlichkeit zur Schriftlichkeit, als Universalgeschichte von Griechen und Barbaren, als Bericht über Erde, Kontinente und Geografie, als Kulturen beschreibender ethnografischer Bericht unter Einschluss von Mythen, als Historiografie unter Verwendung politischer Analyse (Macht, Verfassung). Die "Historien" besaßen für die Antike und die nachfolgenden Zeitepochen eine große Bedeutung als Geschichtsschreibung. Der griechische Historiograf Thukydides (*v.454-†ca.399/96 v.Chr.) schließt mit seiner Darstellung des Peleponnesischen Krieges an Herodot an (Pentekontaëtie), der griechische Geschichtsschreiber Polybios (*ca.200-†ca.120 v.Chr.) nimmt die bei Herodot geführte Verfassungsdebatte unter anderen Vorzeichen (Griechenland - Rom) wieder auf. Nicht zuletzt sind die "Historien" im Mittelalter vollständig überliefert worden (Byzanz).
Übersetzungen der "Historien" des Herodot liegen vor u.a. als: Herodot, Historien, übers. v. August Horneffer (1955) (= KTA 224), Stuttgart 41971, XXVIII, 792 S., Abbildungen, DM 28,-; Herodotus, übers. v. Alfred Dennis Godley (1921), 4 Bde., Bd.1: Books I-II (= LCL [117]), London-Cambridge (Mass.) 61966, Bd.2: Books III-IV (= LCL 118), London-Cambridge (Mass.) 71971, Bd.3: Books V-VII (= LCL 119), London-Cambridge (Mass.) 71971, Bd.4: Books VIII-IX (= LCL 120), London-Cambridge (Mass.) 51969, DM 26,-. [Buhlmann, 1978, 06.2017]

Herrmann, Dieter B. (2006), Das Weltall. Aufbau, Geschichte, Rätsel (= BSR 2410), München 2006 > U Universum

Herrmann, Dietmar (2014), Die antike Mathematik. Eine Geschichte der griechischen Mathematik, ihrer Probleme und Lösungen, Berlin-Heidelberg 2014, 444 S., Farbabbildungen, € 29,99. Die Anfänge der antik-griechischen Mathematik werden im 7. und 6. Jahrhundert v.Chr. erkennbar, als sich die griechische Kultur von der archaischen zur klassischen Epoche wandelte. Griechisch ist der Begriff "Mathematik" mit Wortstamm manthanein für "lernen" und in der Bedeutung mathesis, mathema als "Lerntechnik/Erlerntes". Für die griechische Mathematik lassen sich folgende (geometrische, zahlentheoretische, algebraische) Themen und Personen (von der archaischen Zeit Griechenlands bis zur römisch-griechischen Spätantike) ausmachen: Thales von Milet (*640-†546 v.Chr.; geometrische Grundlagen im Dreieck, Höhen- und Entfernungsmessung), Pythagoras von Samos (*ca.570-†497 v.Chr.; Pythagoreer; Philosophie und Zahlentheorie [Tetraktys, Dreieckzahlen, Quadratzahlen ..., Proportionen, Inkommensurabilitäten, Mittelwerte], Geometrie [Winkelgesetze, reguläre Polyeder, Satz des Pythagoras, pythagoräische Zahlentripel/Quadrupel], Musik [Tonintervalle]), Hippokrates von Chios (5. Jahrhundert v.Chr, 2. Hälfte; Würfelverdopplung, Quadratur des "Möndchens", Schrift Elemente der Mathematik [nicht überliefert]), Theodoros von Kyrene (*465-†399 v.Chr., Lehrer Platons; Wurzelspirale), Platon von Athen (*427-†347 v.Chr.; Mathematik in der Philosophie, Dreiecke, platonische Körper, Dialoge), Theaitetos von Athen (*ca.415-†369 v.Chr., Existenz umstritten; platonische Körper), Aristoteles von Stageira (*384-†322 v.Chr.; Mathematik in den philosophischen, wissemschaftstheoretischen Schriften des Aristoteles [geometrische, zahlentheoretische Aussagen, Aussagenlogik, Zenons Paradoxa), Eudoxos von Knidos (*ca.395-†ca.340 v.Chr.; Kreis, Kugel, Kegel, Proportionenlehre), Euklid von Alexandria (*ca.360-†ca.260 v.Chr.; Elemente [Geometrie: Axiomatik und Parallelenaxiom, geometrische Konstruktionen und Beweise wie Sehnen-, Sekanten-, Tangenten-Sekantensatz; Zahlentheorie: vollkommene, befreundete Zahlen, Euklidischer Algorithmus], Buch der Flächenteilungen [nicht überliefert]; erkennbar werden u.a. aus dem von/über Euklid Überlieferten als Probleme der griechischen Mathematik: Inkommensurabilität, Winkeldreiteilung, Kreisquadratur, Konstruierbarkeit von regelmäßigen Vielecken, stetige Teilung [Goldener Schnitt]), Eudemos von Rhodas (Geschichte der Mathematik/Mathematikerverzeichnis [ca.334 v.Chr.]), Aristarchos von Samos (*ca.310-†ca.230 v.Chr.; Astronomie, Anfänge der Trigonometrie), Archimedes von Syrakus (*ca.287-†212 v.Chr.; Schwerpunkte von geometrischen Figuren, Neusis-Siebeneckkonstruktion, Buch der Kreismessung [Kreisnäherung durch Polygone], Buch der Spiralen [archimedische Spirale, Tangenten, Flächen], Buch der Lemmata (Arbelos-, Salinon-Figur), Quadratur der Parabel, [Palimpsest] Stomachion, physikalische Werke [Auftrieb, Hebel, Flaschenzug, Wasserschraube]), Eratosthenes von Kyrene (*ca.273-†ca.192 v.Chr.; Geografie und Erdvermessung, Würfelverdopplung, Primzahlen [Sieb des Eratosthenes]), Apollonois von Perga (*ca.260-†ca.195 v.Chr., Anfang; Conica [Buch der Kegelschnitte] [Kreis, Ellipse, Parabel, Hyperbel, Apollonioskreis, Berührprobleme]), Hipparchos von Nikaia (*ca.190-†ca.120 v.Chr.; Sehnentafel, Trigonometrie), Menelaos von Alexandria (*ca.140-†ca.70 v.Chr.; Satz des Menelaos, Sphaerica [nicht überliefert]), Heron von Alexandria (1. Jahrhundert v.Chr.?; Pneumatica, Metrica und Geometrica [Polygone, Körper, Teilungen, numerisches Rechnen], Definitiones [?, Definitionen geometrischer Sachverhalte], Flächenformel des Heron für Dreiecke, regelmäßiges Fünfeck, Wurzelziehen [Heron-Verfahren]), Nikomachos von Gerasa (*ca.60-†ca.120 n.Chr.; Arithmetica und Harmonielehre [Zahlentheorie, vollkommene Zahlen, Proportionen, Modifizierung des euklidischen Algorithmus, Mittelwerte]), Theon von Smyrna (2. Jahrhundert, 1. Drittel; Expositio rerum mathematicarum [Seiten-, Diagonalzahlen, Algorithmus von Theon, Quadratzahlen), Klaudios Ptolemaios (*ca.100-†ca.165 n.Chr.; Astronomie, Geografie, Almagest [Trigonometrie und Additionstheoreme, Winkelhalbierung, Dreiecksberechnung, Satz des Ptolemaios, Sehnenvierecke, Fünfeck-/Fünfzehneckonstruktion), Diophantos von Alexandria (3. Jahrhundert n.Chr.?; Arithmetica [negative Zahlen, Algebra, Gleichungen, (lineare) diophantische Gleichungen, konfruente Zahlen?]), Pappos von Alexandria (3./4. Jahrhundert n.Chr.; Collectio [Geometrie, Lemma Analoumes, Regel von Pappos(-Guldin), Berührprobleme, projektive Geometrie, Vierseit, harmonische Teilung, Vier-Geraden-Problem, Hexagon-Problem, Kreisketten von Pappos, Isoperimetrie), Theon von Alexandria (*ca.335-†ca.405 n.Chr.; Almagest-Kommentar), Hypatia von Alexandria (*ca.370-†415 n.Chr., Tochter des Theon, 415 ermordet), Proklos Diadochus (*411-†485 n.Chr.; Kommentare zu Platon [weniges überliefert], Euklid-Kommentar), Boethius (*480-†526; philosophische Schriften, De institutione arithmetica [Zahlbegriff, Quadrivium]), Eutokios von Askalon (5./6. Jahrhundert n.Chr., Archimedes-Kommentar, Apollonios-Kommentar), Isidor von Milet (*442-†537 n.Chr., Erbauer der Hagia Sophia in Konstantinopel; Ergänzung zu den Elementen des Euklid), Leon der Mathematiker/Philosoph (9. Jahrhundert n.Chr.; Anthologia Graeca). [Buhlmann, 09.2017]

Herrmann, Dietmar (2016), Mathematik im Mittelalter. Die Geschichte der Mathematik des Abendlands mit ihren Quellen in China, Indien und im Islam, Berlin-Heidelberg 2016, 443 S., Farbabbildungen, € 29,99. Die europäische Mathematik des Mittelalters gründet zunächst auf der letztlich griechischen Mathematik der Antike, nahm aber insbesondere auch mathematische Erkenntnisse aus dem islamischen Raum auf, die wiederum zum Teil aus Indien oder China stammten. Im Einzelnen können an Schriften und Personen nachgewiesen werden: China: Zhou Bi Suan Jing (1. Jahrhundert v.Chr./1. Jahrhundert n.Chr.), Chiu Chang Suan Shu (3./7. Jahrhundert), Liu Hui (ca.*220-†280), Haidao Suan Jing (ca.300), Sun Tzu Suan Jing (3./5. Jahrhundert), Chang Ch'iu-chien Suan Ching (ca.485), Li Zhi (*1192-†1279), Qin Jiushao (*1202-†1261), Yang Hui (*1238-†1298), Chu Shih-Chieh (*1280-†1303), hauptsächlich betreffend geometrische und algebraische Fragestellungen; Indien: Aryabhata (*476-†ca.550), Brahmagupta (*598-†670), Bhaskara I/II (ca.629 bzw. *1114-†1185), Mahavira (9. Jahrhundert, Mitte), betreffend u.a. Kalenderrechung, Geometrie (Sulvasutras), Zahlentheorie (Lilavati), diophantische Gleichungen (Methode "Cakravala") oder die Positionsschreibweise von Zahlen mit Ziffern einschließlich der Null; Islam: Al-Khwarizmi (ca.*780-†850; Hisab al-Dschabr wa-l-Muqabala, "Algorismus/Algorithmus"), Kitab al-Ma'rifat Masihat Aschkal der drei Brüder Banu Musa (9. Jahrhundert), Abu Kamil ibn Aslam (ca.*850-930), Thabit ibn Qurra (*836-†901), Ibrahim ibn Sinan (*908-†946), Abu'l-Wafa al-Buzjani (*940-†998), Abu Bakr ibn Muhammad al-Hussein al-Karagi (*953-†1029; Al-Fahkri fi-l-Dschabr wa-l-Muqabala), Al-Haytham (Alhazen, *965-†1040), Abu al-Rayhan Muhammad ibn Ahmad al-Biruni (*973-†1048), Omar Chayyam (*1048-†1122), Nasir ad-Din at-Tust (*1201-†1274), Ghiyath ad-Din al-Kasi (*1393-†1449), betreffend Geometrie, Arithmetik, Algebra (kubische Gleichungen, Wurzeln), lineare Gleichungssysteme, Ziffernrechnen, aber auch astronomische Fragestellungen (Erdradius); Byzanz: Anthologia Graeca (des Konstantin Kephalas; ca.900), Rechenbuch des Maximos Planudes (*1255-†1305), byzantinisches Rechenbuch (14. Jahrhundert, Anfang), byzantinisches Rechenbuch (15. Jahrhundert), Manuskripte des antiken Mathematiker Diophantos (15. Jahrhundert), betreffend Geometrie, lineare Gleichungssysteme, Algebra usw. Für die Mathematik des christlichen Abendlandes im Mittelalter sind bedeutsam: die Proportiones ad acuendos iuvenes des Alkuin (?; 9. Jahrhundert, Ende), die Schriften des Jordanus de Nemore (13. Jahrhundert, 1. Viertel), der Liber abaci des Leonardo (Fibonacci) von Pisa (†n.1240; zum Rechnen mit Dezimalzahlen), das Buch Flos des Leonardo Fibonacci (u.a. zu kubischen Gleichungen), die Practica Geometriae des Leonardo Fibonacci (1219/20), der Columbia-Algorsimus (ca.1290), die Aliabraa argibra des Dardi von Pisa (1344; zu kubischen und quartischen Gleichungen), Rechen- und Rätselaufgaben in den Annales Stadenses des Albert von Stade (†1256/64), die Arithmetik und Algebra des Jakob von Florenz (1307), die mathematischen Werke des Nicolas Oresme (*ca.1320-†1382; u.a. über Änderungen; Merton School [Thomas Bradwardine, Richard Swineshead]), die Practica des (Regensburger) Algorismus Ratisbonensis (1458), die Werke des Aristide Marre Nicolas Chuquet (*ca.1445-†1487/88), die drei Bamberger Rechenbücher (ca.1460, ca.1471, 1482/83), die Deutsche Algebra (1481), die erste Geometria deutsch des Matthias Roritzer (*ca.1430-†n.1492; Fünfeck-, Siebeneckkonstruktionen), die Werke des Johannes Müller (Regiomantanus) (*1436-†1476; De Triangulis), die Treviso-Arithmetik (1487), die Summa di arithmetica, geometrica, proportioni et proportionalita des Lucas Pacioli (*1445-†1514), die Lösungsformel des Scipio del Ferro (*ca.1465-†1526) zu kubischen Gleichungen (ca.1515; Niccolo Fontana Tartaglia [*1449-†1559]; Gerolamo Cardano [*1501-†1576]; Raffael Bombelli [*1526-†1572]), die Coß des Christoff Rudolff (*1499-†1545), die Coß Michael Stifels (*1487-†1567; Rechnen mit Unbekannten), die Coß (1/2) und das Rechenbuch des Adam Ries (*1492-†1559; "Von Gesellschaften"), die Ars magna des Cardano (1545, 1570, 1633). Institutionell war die mittelalterliche Mathematik in den Kloster- und Stiftsschulen des früheren Mittelalters, den Universitäten und weltlichen Schulen des späten Mittelalters verankert. [Buhlmann, 07.2017]

Herrmann, Hans-Walter (1985), Das Testament des fränkischen Adligen Adalgisel Grimo. Ein Zeugnis merowingerzeitlichen Lebens an Saar, Mosel und Maas, in: SMGB 96 (1985), S.260-276 > Lateinische Literatur > A Adalgisel-Grimo

Hersfeld, Benediktinerkloster: Bevor es zu einer Klostergründung im mittelhessischen Hersfeld kam, bewohnte hier der nachmals erste Abt des Klosters Fulda, Sturmi, zusammen mit zwei weiteren Mönchen eine Einsiedelei mit einem Gotteshaus (736/43). Wegen der Stiftung der Fuldaer Mönchsgemeinschaft wurde die Einsiedelei aber aufgegeben. Erst der Mainzer Erzbischof Lul (754-786) gründete (als "Gegenfulda") ein Mönchskloster in Hersfeld (769/73), das er auch selbst leitete. Die Unterstellung Hersfelds unter das fränkische Königtum erfolgte mit dem Immunitätsprivileg König Karls des Großen von 775. Fortan war Hersfeld Reichsabtei, bischöfliche Rechte an diesem Missionsmittelpunkt für das benachbarte Thüringen und Sachsen waren eingeschränkt. Die von Lul 780 von Fritzlar nach Hersfeld überführten Gebeine des heiligen Wigbert machten aus Letzterem den geistlichen Schutzherrn des Klosters, der die Gründungspatrone St. Simon und St. Judas Thaddaeus schon um die Mitte des 9. Jahrhunderts überflügeln sollte (Weihe der neuen Klosterkirche 850). Damals gab es in Hersfeld eine bedeutende Klosterschule unter Leitung des nachmaligen Halberstädter Bischofs Haimo (†853). Innerhalb der ottonisch-salischen Reichskirche übernahm das Kloster bei umfangreichem Grundbesitz Aufgaben des Königsdienstes, wie Herrscheraufenthalte zeigen (Kaiserin Gisela 1034, Kaiser Heinrich III. 1040, 1051 usw.). König Heinrich II. ließ in Hersfeld ab 1005 die Gorzer Reform des "Reichsmönchtums" einführen. Nach einem Brand des Klosters (1038) wurde die noch heute als Ruine beeindruckende Klosterkirche bis 1144 aufgeführt, eine mächtige dreischiffige Basilika mit Querhaus, westlicher Doppelturmfront, Ostkrypta und Ostapsis. Im Investiturstreit war die Mönchsgemeinschaft ein Stützpunkt des Königtums, der päpstlichen Gesinnung des Mönchs und Geschichtsschreibers Lampert von Hersfeld (†v.1085) zum Trotz. Das gute Einvernehmen zwischen Kloster und deutschen Herrschern hielt auch in der Stauferzeit weiter an. Hingegen hatte sich die Hersfelder Kommunität im späteren Mittelalter zunehmend mit dem Adel der Umgebung und der sich entwickelnden Stadt Hersfeld (Nennung als civitas 1170) auseinanderzusetzen. Symptomatisch dafür war die Machtstellung der Landgrafen von Hessen (-Thüringen), die in wachsendem Maße Kloster und Stadt sowie das Hersfelder Klosterterritorium in ihre Landesherrschaft einbezogen (Erbschutzvertrag von 1432), während der gegen die Landgrafen gerichtete Versuch einer Vereinigung der Klöster Hersfeld und Fulda scheiterte (1513/16). Die Hersfelder Mönchsgemeinschaft war im 15. Jahrhundert Mittelpunkt der "Hersfelder Reformbewegung", die Abtei verweigerte sich zu Anfang des 16. Jahrhunderts der Bursfelder Reformkongregation. Das Eindringen der Reformation in Hersfeld (ab 1520) führte langfristig zum Ende der katholischen Reichsabtei, die 1606 unter landgräflich-hessische Verwaltung kam und im Westfälischen Frieden (1648) Teil der hessischen Landesherrschaft wurde. Die Hersfelder Kloster- bzw. Stiftskirche ist dann im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) durch französische Soldaten zerstört worden (1761).
U.a. die Geschichte des Klosters Hersfeld schildert: Ludwig, Thomas (2002), Stiftsruine Bad Hersfeld. Geschichte und Architektur (= Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Br.13), Regensburg 2002, 52 S., Farbabbildungen, € 6,-. [Buhlmann, 06.2012, 04.2016]

Herzfeld, Hans, Der Erste Weltkrieg (= dtv 4001), München 51979 > D dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts

Herzhoff, Bernhard (1973), Zwei gnostische Psalmen. Interpretation und Untersuchung von Hippolytus, Refutatio V 10,2 und VI 37,7, Diss. Bon 1973, 143 S., € 9,50. I. Die Refutatio ("Widerlegung der Häresien") des kirchlichen Schriftstellers und "Gegenpapstes" Hippolyt von Rom (217?-235?) führt zwei gnostische Psalmen/Gedichte auf, mit denen sich Hippolyt kritisch auseinandersetzt. II. Der Psalm in Refutatio VI 37,7 stammt von Valentinus (†n.160), der am Anfang der christlich-gnostischen Bewegung der Valentinianer steht. Valentinus formuliert im Psalm eine "hierarchische Stufung" der Welt, in der der von einer "himmlischen Mutter" geborene "Heiland" Christus zentraler Bezugspunkt des die Welt definierenden Pneumas ist. Häretisch im Sinne der damaligen christlichen "Großkirche" ist dieser Psalm somit nicht, häretische Entwicklungen setzten wohl erst nach Valentinus unter den Valentinianern ein. III. Das Gedicht in Refutatio V 10,2, das Hippolyt wohl fälschlicherweise den christlich-gnostischen Naassenern zuschreibt, handelt von Ordnung (Gesetz), Psyche und Chaos (Sophia als "gefallener Äon") und einem von seinem Vater in die Welt gesandten ("präexistenten", "Siegel tragenden") Jesus, der der Welt "Erkenntnis" (Gnosis) vermittelt (Basilides, Ophiten, Valentinianer). > H Hippolyt [Buhlmann, 01.2017]

HessJbLG = Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte

Heurgon, Jacques (1971), Die Etrusker, Stuttgart 1971 > E Etrusker

Heusinger, Bruno (1922), Servitium regis in der deutschen Kaiserzeit. Untersuchungen über die wirtschaftlichen Verhältnisse des deutschen Königtums 900-1250, Berlin-Leipzig 1922 > G Göldel, Servitium regis

Heyck, Eduard (1891), Geschichte der Herzoge von Zähringen, Freiburg i.Br. 1891, Nachdruck Aalen 1980 > Z Zähringer

Heyde, Jürgen (2006), Geschichte Polens, München 32011, 128 S., Karten, € 8,95. Auf die slawische "Kulturgemeinschaft" in Mittel- und Osteuropa ohne feste politische Ordnung im Sinne einer Fürstenherrschaft (6.-8. Jahrhundert) folgte u.a. - und in Beziehung stehend auch zum ostfränkischen Reich (Bayerischer Geograf) - eine Phase der Herrschaftsverdichtung, z.B. im sich ausbildenden polanischen Stammesgebiet der Fürsten der Piastendynastie (9./10. Jahrhundert, Christianisierung 968, Herzog Mieszko I. [†992]). Mit dem Piasten Boleslaw I. Chobry (992-1025) war dann erstmals eine größere Herrschaftsbildung verbunden (Kaiser Otto III. und das Erzbistum Gnesen [1000], Kämpfe mit Kaiser Heinrich II. [bis 1018], Königtum Boleslaws [1025]). Das polnische Reich Boleslwas geriet jedoch unter seinem Sohn Mieszko II. (1025-1034) und unter dessen Nachfolgern in eine Herrschaftskrise (11. Jahrhundert; Thronkämpfe); die Grundlagen piastische Herrschaft waren das ius ducale und ein Abgabensystem (mit Dienstsiedlungen; Landesverwaltung), der Kirche gelang eine durchgreifende Christianisierung u.a. durch den Ausbau des Pfarrsystems. Herzog Boleslaw III. (1102-1138) teilte Polen unter seine Söhne auf; es bildeten sich in der Folge die piastischen Teilfürstentümer des 12. bis beginnenden 14. Jahrhunderts aus: Seniorat Krakau, Schlesien, Masowien, Großpolen, Kleinpolen. Die hochmittelalterliche Epoche war dabei durch staken sozialen Wandel geprägt, u.a. betreffend Siedlung und Landesausbau (ländliche, städtische Lokation, ius Teutonicum z.B. als lübisches oder Magdeburger [Stadt-] Recht), Handel und Gewerbe (Juden, Generalprivileg [1264]). Unter Wladyslaw (I.) Lokietek (1296/1320-1333) erfolgte bis 1320 die Wiederherstellung der polnischen Einheit (Königtum Wladyslaws [1330]). Lokieteks Sohn Kazimierz III. der Große (1333-1370) begründete bei äußerer und innerer Stabilisierung seiner Herrschaft die Großmachtstellung Polens in Osteuropa (Stadtgründungen, Rechtskodifikation, Königtum und Adelsstand [Statuten von Wislica und Petrikau 1346/47], Universität Krakau [1364]). Kazimierz starb ohne männlichen Erben; nach einem Zwischenspiel des ungarischen Königs Ludwig I. des Großen (1370-1382) auf dem polnischen Königsthron ging Letzterer an den mit Hadwig, der Tochter Kazimierz', verheirateten litauischen Großfürsten Jagiello-Wladyslaw (1386-1434) über (Taufe Jagiellos und Heirat [1386]). Die Dynastie der Jagiellonen gebot in der Folgezeit (teilweise in Personalunion) über das Königreich Polen und das weit nach Osten und Südosten ausgreifende Großfürstentum Litauen. Jagiello setzte sich erfolgreich in Masowien und gegen den Deutschen Orden in Preußen durch (Schlacht bei Tannenberg [1410], 1. Thorner Frieden [1411]), er förderte die Christianisierung Litauens (Gegeneinander von katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche). Jagiellos Sohn Wladyslaw III. (1434-1444), auch König von Ungarn (ab 1439), starb auf dem Kriegszug gegen die türkischen Osmanen in der Schlacht bei Warna (1444). Ihm folgte Kazimierz IV. (1444/47-1492), der im Dreizehnjährigen Krieg (1454-1466) den Deutschen Orden besiegte (2. Thorner Frieden [1466] und Abtretung Pommerellens und Ermlands); dessen einer Sohn Wladyslaw (†1516) wurde durch Wahl König von Böhmen und Ungarn (ab 1471 bzw. 1490), der andere Jan Olbracht Kazimierz' Nachfolger (1492-1501), so dass gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Jagiellonen ein Konglomerat von Königreichen zwischen Ostsee und Adria beherrschten. Königreich Polen und Großfürstentum Litauen waren um diese Zeit eine ständisch gegliederte monarchia mixta, eine "Adelsrepublik" (Rzeczpospolita, ?) mit König, Hochadel, Reichstag (Sejm) und Landtagen. Ein Höhepunkt jagiellonischer Macht stellt dann die Regierungszeit König Zygmunts I. (1506-1548) dar. Mit dessen Sohn Zygmunt II. August (1548-1572) endete die Jagiellonendynastie in Polen-Litauen (polnisch-litauische Realunion von Lublin [1569]); schon Jahrzehnte zuvor hatten die Jagiellonen Böhmen und Ungarn verloren (Schlacht bei Mohacs gegen die Osmanen [1526] und Tod Ludwigs II. von Ungarn [1516-1526], habsburgisches Vordringen in Ost- und Südosteuropa), während (Polen-) Litauen (mit Livland) zunehmend unter den Druck von Moskauer Großfürstentum, Tataren und Osmanen geriet (Ukraine, Kosaken). Gleichzeitig drang reformatorisches Gedankengut ins Jagiellonenreich ein (protestantisches Herzogtum Preußen [1525], Glaubensfreiheit des Adels 1555), während katholische Gegenreformation und die katholisch-orthodoxe Kirchenunion (1596) zu einer Stärkung der katholischen Position führten. Mit dem Ende der Jagiellonendynastie (1572) begann in Polen-Litauen die Zeit des Wahlkönigtums, die mit den Jagiellonen verwandten schwedischen Vasa behaupteten sich in Polen-Litauen dennoch über achtzig Jahre: König Zygmunt III. (1587-1632) (Kriege gegen Moskau, Osmanen und Schweden [bis 1618/19, 1621, bis 1629], Oligarchisierung Polen-Litauens), König Wladyslaw IV. Zygmunt (1632-1648), König Jan II. Kazimierz (1648-1668). Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an war das polnisch-litauische Doppelreich verstärkt in kriegerische Auseinandersetzungen mit Russland, Schweden, den Kosaken und Osmanen verwickelt (Loslösung des Herzogtums Preußen [1657], Teilung der Ukraine im Waffenstillstand von Andrussovo [1667], Belagerung von Wien [1683], osmanische Besetzung der westlichen Ukraine [bis 1699], Großer Nordischer Krieg [1700-1721], preußisches Königtum [1701]); die polnisch-sächsischen Könige August II. der Starke (1697-1735) und August III. (1735-1763) konnten sich nur sehr bedingt gegen Adel und Magnaten, Preußen, Russland und Österreich durchsetzen (Konföderation von Tarnogród 1716, Pazifikationsreichstag [1736] und Reformversuche, Schlesische Kriege [1740/45], Siebenjähriger Krieg [1756-1763], "Löwenwoldesches Traktat" [1763]). Die Reformpolitik König Stanislaw August Poniatowskis (1763-1795) führte zur ersten geschriebenen europäischen Verfassung (1791) und zu den drei polnischen Teilungen, die das Staatsgebiet unter Russland, Preußen und Österreich letzlich vollständig aufteilten (1772, 1793, 1795). Nach napoleonischem Herzogtum Warschau (ab 1806), Russlandfeldzug (1812) und Wiener Kongress (1814/15) entstand bei Wahrung preußischer und österreichischer Territorialinteressen "Kongresspolen" als Teil des russischen Zarenreiches (polnische Aufstände [Novemberaufstand 1830/31, 1846, Januaraufstand 1863/64], Nationalbewegung und "Große Emigration", Integration und Ausgrenzung [Juden], Einwanderung und Migration, Gewerbe, Landreform, Industrialisierung und wirtschaftlich-sozialer Wandel ["organische Arbeit"], Nationalismen und polnische Nationalbewegung). Durch den Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurde Polen als (2.) Republik (1918-1939) unabhängig (Józef Pilsudski, Wahlen und Parlament [1919], Versailler Vertrag [1920; Pommerellen, Oberschlesien, Danzig als Freie Stadt], Kämpfe gegen die Sowjetunion [1920/22]). Die polnische Republik war ein multiethnisches Staatswesen (Polen, Ukrainer, Juden, Weißrussen, Deutsche; Nation und Nationalitäten) mit einem Wirtschaftsgefälle zwischen West und Ost (Industrieregionen Oberschlesien, Lodz, Warschau; Einbindung in die Weltwirtschaft, Inflation [bis 1923/24]) und einer Außenpolitik, die sich an der geografischen Lage zwischen Deutschland und Sowjetunion orientierte (deutsche Revisionsansprüche, polnischer Antikommunismus, "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich, Sudetenkrise [1938], britische Garantie für die polnische Westgrenze [1939]). Im Zweiten Weltkrieg wurde Polen (1939-1945) von deutschen Truppen brutal besetzt, gerade die jüdische Bevölkerung litt unter Pogromen und "Endlösung" (Vernichtungsfeldzug [1939], Eingliederung polnischer Gebiete ins Deutsche Reich und Generalgouvernement [1939], Krieg gegen die Sowjetunion [1941], Völkermord [ab 1941], polnischer Widerstand [polnische Exilregierung, "Heimatarmee" AK 1942, Warschauer Aufstand 1944]). Kurz vor bzw. nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konstituierte sich nach "Westverschiebung", Umsiedlung und (deutscher) Vertreibung die kommunistische Volksrepublik (1944-1989) in Abhängigkeit von der Sowjetunion (Warschauer Pakt [1955] und West-Ost-Konflikt, kommunistische Partei PVAP [Wladyslaw Gomulka, Edward Gierek, Wojciech Jaruzelski], kommunistisches Wirtschaftssystem). Dem Ende der kommunistischen Herrschaft (Solidarnosc und Lech Walesa [1980/81], Kriegsrecht und Demonstrationen, Papst Johannes Paul II. [1978-2005], Streiks, Zusammenbruch [1989]) folgte die polnische (3.) Republik demokratischer und marktwirtschaftlicher Orientierung (Anerkennung der polnischen Westgrenze durch Deutschland [1990], Präsidentschaften [Lech Walesa, Lech Kaczynski u.a.], katholische Kirche) und die Einbeziehung Polens in NATO (1999) und Europäische Union (2004). [Buhlmann, 09.2014]

Heyen, Franz-Josef (1956), Reichsgut im Rheinland. Die Geschichte des königlichen Fiskus Boppard (= RA 48), Bonn 1956, 151 S., DM 14,80. Der Ort am linken Rheinufer kann auf eine römische, ja sogar keltische Vergangenheit zurückblicken; in der Spätantike residierte im römischen Bontobrica ein praefectus militum balistariorum ("Vorsteher der Schleuderer", 425/55), Boppard war an die römische Militärstraße entlang des Rheins angebunden, das wohl ins 4. Jahrhundert zurückreichende römische castellum lag auf Militärland, die Befestigung diente noch im hohen Mittelalter zum Teil als Bopparder Stadtmauer. U.a. christliche und frühfränkische Grabfunde belegen eine gewisse Siedlungskontinuität zwischen Antike und Mittelalter. Es kann davon ausgegangen werden, dass das römische Militärland um Boppard in den Besitz der merowingischen Frankenkönige gelangte. Für das frühe Mittelalter werden anhand vereinzelter Nachrichten die ungefähren Grenzen des links- und rechtsrheinisch gelegenen Fiskus Boppard erkennbar. Der Fiskus war grundherrschaftlich organisiert, wie etwa an den königlichen Schenkungen von Ackerland, Wiesen oder Weinbergen an geistliche Kommunitäten im Rahmen der ottonisch-salischen Reichskirche abzulesen ist. Die königlichen Höfe waren Ausgangspunkte für Rodungstätigkeiten im Umland. Für 991 ist der Bopparder Rheinzoll belegt, in die 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts fällt die Einrichtung eines Marktes durch König Heinrich IV. (1056-1106), zum Jahr 1129 ist der villicus Helce als Leiter des Bopparder Reichsguts bezeugt. Es ist erkennbar, dass Teile des Zolls an kirchliche Einrichtungen vergeben waren. Seit dem Jahr 1190 befand sich der gesamte Zoll in der Hand der staufischen Könige, die den Bopparder Fiskus neu organisierten, und zwar als staufische Prokuration über Boppard und das benachbarte Oberwesel unter einem villicus und mit Hilfe von Reichsministerialen. Neben Reichsgut und Zollstelle trat im Verlauf des 12. und 13. Jahrhunderts die sich entwickelnde Stadt Boppard. Schon im Jahr 1122 hatten die "Reichen und Armen" (divites et pauperes) von Boppard das Kloster Marienberg gestiftet. Die königlichen Ministerialen dominierten dann aber auch die städtische Entwicklung. Neben dem (Reichs-) Schultheißen als Vertreter des Stadtherrn, d.h. des Königs, erscheinen (Reichs-, Stadt-) Schöffen (1216, 1221), Ritter (Ministeriale, 1238), Bürger (1238) und Bürgergemeinde (1258). Es gab ein Stadtsiegel (1228, 1236); am Ort waren Markt und Münze ansässig; Markt und Marktzoll standen unter der Aufsicht eines "Marktmeisters" (magister fori; officium fori als Marktamt 1240). Teil der Stadt war auch eine Judengemeinde (1241). Eingebunden war die Stadt in die links- und rechtsrheinisch gelegene Großpfarrei der erstmals 975 erwähnten Pfarrkirche St. Severus. Geistliche Institutionen in und um Boppard, im "Bopparder Reich", wie man es spätmittelalterlich nannte, waren die Propstei Hirzenach (v.1109) und das von Kaiser Friedrich I. (1152-1190) gegründete augustinische Doppelkloster Pedernach (1157). In die Rolle eines Reichsklosters hinein wuchs ebenfalls die schon erwähnte Marienberger Frau-engemeinschaft; sie wurde zwischen 1220 und 1349 mehrfach von deutschen Herrschern privilegiert und stand in der frühen Neuzeit (bis zur Säkularisation) als einzige Institution im (ehemaligen) "Bopparder Reich" mit den römisch-deutschen Königen und Kaisern in reichsunmittelbarer Beziehung. In spät- bzw. nachstaufische Zeit gehören die Auseinandersetzungen um Boppard zwischen König Wilhelm von Holland (1247-1256) auf der einen und König Konrad IV. (1237-1254) bzw. dem Prokurator Philipp von Hohenfels auf der anderen Seite (1249/51), weiter die Einnahme Boppards durch König Richard von Cornwall und die Erneuerung der Reichsprokuration durch den Herrscher (1258). Das Spätmittelalter fand bei Verlusten von Reichsgut gerade auch während des In-terregnums den Einfluss des Königtums weitgehend auf die Reichsstadt Boppard beschränkt. Durch die 1309 erfolgte Verpfändung von Stadt und Fiskus Boppard (sowie Oberwesel) an den Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg (1307-1354) wurde der Ort Teil des kurtrierischen Einflussgebiets; der Widerstand der Einwohner Boppards wurde durch deren Unterwerfung gebrochen (1327). Pfanderhöhungen ließen in der Folgezeit einen Rückerwerb der Stadt durch den deutschen König als illusorisch erscheinen. Trotzdem blieben die Bindungen der Reichsstadt an das Königtum erhalten, wie als Letztes ein Privileg Kaiser Maximilians I. (1493-1517) für die Bopparder Bürger beweist (1495). Die Einnahme Boppards durch den Trierer Erzbischof Johann II. von Baden (1456-1503) im "Bopparder Krieg" von 1497 brachte das Ende der Reichsstadt, die nun endgültig im kurtrierischen Territorium aufging. [Buhlmann, 10.2015]

Heyken, Enno (1967), Die älteste Bischofsurkunde von Verden (zwischen 1014 und 1028). Untersuchungen über Besitz der Verdener Kirche um Paderborn, über die ehemalige Bistumsgrenze um Zeven, über den wüsten Kirchort "Nianford" und über Ortsnamen um Zeven und Sittensen (Ldkr. Bremervörde) und um Hollenstedt (Ldkr. Harburg), in: JbnsKG 65 (1967), S.27-75 > Lateinische Literatur > W Wigger

Heyken, Enno (1976), Die Verehrung des heiligen Swibert von Kaiserswerth im ehemaligen Bistum Verden an der Aller (mit Erläuterungen zu Verdener Quellen), in: JbnsKG 74 (1976), S.65-127 > S Suitbert

Heyken, Enno (1987), Untersuchungen zur Verdener Frühgeschichte, in: JbnsKG 85 (1987), S.7-65. I. Schutzpatrone der Domkirche des mittelalterlich-frühneuzeitlichen Bistums Verden a.d. Aller waren anfangs der "heilige Märtyrer und Apostel Christi Andreas" - so die Verdener Immunitätsurkunde von 849 (?) - und die Gottesmutter Maria, deren Kult den des "Grundheiligen" Andreas verdrängte. II. Die Verdener Immunitätsurkunde von 849 (?) und die Gesamtbestätigung Verdener Privilegien von 1025, hochmittelalterlicher Bistümerlisten der römischen Kurie sowie Sagen um den Handelsplatz Bardowick lassen die Vermutungen zu, dass Bardowick niemals Bischofssitz gewesen war und somit auch nicht als "Vorgängerbistum" des Bistums Verden a.d. Aller dienen kann. Vielmehr wurde der Ort (locus) Verden aus Gründen der Christianisierung Sachsens (und anderen Gründen) zum Bischofsort [nach 814/15] bestimmt. [Buhlmann, 08.2013]

Heyken, Enno (1990), Die Altäre und Vikarien im Dom zu Verden. Ein Beitrag zur Rechts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte eines mittelalterlichen Sakralraumes (= Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, Bd.29), Hildesheim 1990, X, 301 S., DM 36,-. Schutzpatrone der Domkirche des mittelalterlich-frühneuzeitlichen Bistums Verden a.d. Aller waren anfangs der "heilige Märtyrer und Apostel Christi Andreas" - so die Verdener Immunitätsurkunde von 849 (?) - und die Gottesmutter Maria, deren Kult den des "Grundheiligen" Andreas verdrängte. Daneben kamen im frühen Mittelalter die heiligen römischen Märtyrer Fabian und Cäcilia auf, erstmals erwähnt in der Königsurkunde von 890. Im 11. und 12. Jahrhundert setzte sich Maria als Hauptpatronin des Verdener Doms (und des Domkapitels) durch. Im späten Mittelalter findet sich im Dom und in den Kapellen eine Reihe von Altären und Vikarien, die die Verehrung etwa der Heiligen Antonius, Barbara, Dionysius, Georg, Jakobus, Johannes des Täufers, Katharina, Laurentius, Maria Magdalena, Martin, Mauritius, Paulus, Petrus, Stephanus, Suitbert oder Thomas bezeugen. [Buhlmann, 08.2013]

Hibbert, Christopher (1963), Mussolini. Das Leben des Duce (= Moewig Dokumentation 4337), München 1983 > S Schieder, Mussolini

Hildegard von Bingen, Nonne, Äbtissin und Mystikerin: Hildegard von Bingen (†1179) wurde 1098 als zehntes und letztes Kind der Adligen Hildebert und Mechthild von Bermersheim (bei Alzey) geboren. Zunächst wuchs sie auf dem dortigen Herrenhof ihrer Familie auf, bis sie als "Zehnter Gottes" im Alter von ungefähr acht Jahren der Frauenklause im Männerkloster Disibodenberg übergeben und damit Gott "geweiht" wurde - sicher ohne ihre Mitsprache und aus familienpolitischen Erwägungen heraus. Für Hildegard begann nun die Zeit ihrer geistlichen Erziehung durch ihre Lehrerin Jutta von Spanheim (†1136); die Frauenklause wurde für die kommenden Jahrzehnte Hildegards Heimat. Als Heranwachsende und als junge Frau erlebte sie den Bau der neuen Basilika auf dem Disibodenberg und schließlich die Weihe der Kirche im Jahr 1143 mit. Der Tod Juttas von Spanheim hatte aber schon vorher die Wende gebracht, als Hildegard 1136 zur Meisterin der Klause gewählt wurde und sie zwischen 1141 und 1147 ihre Visionen der Öffentlichkeit offenbarte, ja auf göttliches Geheiß offenbaren musste. Hildegard schrieb 1147 ihren berühmten Brief an Bernhard von Clairvaux (†1153) und fand schließlich auf der Synode zu Trier (1147/48) die allgemeine kirchliche Anerkennung, auch durch Papst Eugen III. (1145-1153). Schon zuvor hatte die Seherin mit ihrer ersten Schrift Scivias ("Wisse die Wege") begonnen, die 1151 beendet wurde. Weitere Visionsliteratur folgte: bis 1162 der Liber vitae meritorum ("Das Buch der Lebensverdienste"), bis 1173 der Liber divinorum operum ("Welt und Mensch"). Hildegards ganzheitliche Weltsicht offenbart sich hier ebenso wie in ihrem musikalischen Werk oder in den natur- und heilkundlichen Schriften Physica und Causae et curae. Beim Schreiben wurde die prophetissa teutonica tatkräftig von ihrem Sekretär Volmar vom Disibodenberg (†1173) unterstützt. Doch Hildegard stand auch in der Welt, allein durch ihre immer wieder auftretenden schweren Erkrankungen. Eine langwierige Krankheit spielte eine Rolle, als Hildegard 1150 den Umzug ihrer Nonnen auf den Rupertsberg bei Bingen erzwang. Wenn auch der Anfang schwierig war (Besitzstreitigkeiten mit dem Abt Kuno von Disibodenberg, Weggang der Richardis von Stade) - es entstand im Laufe der Zeit mit Unterstützung des Mainzer Erzbischofs ein blühendes Kloster unter der Leitung Hildegards als Äbtissin. Sogar Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) sollte das Kloster 1163 unter seinen Schutz stellen. Ein zweites Kloster in Eibingen, gegenüber dem Rupertsberg auf der anderen Rheinseite, entstand ab dem Jahr 1165, so dass Hildegard nunmehr zwei benediktinische Frauengemeinschaften zu leiten und zu betreuen hatte. Der Seelsorge entsprach es auch, dass die Äbtissin - trotz ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer Erkrankungen - zu insgesamt vier größeren Predigtreisen aufgebrochen sein soll. (Angeblich?) öffentlich predigend u.a. über die kirchlichen Missstände und die Häresien, besuchte sie auf einer ersten Reise 1158 Mainz und Franken, begab sich auf einer zweiten Reise 1160 nach Trier und ins Elsass und wandte sich 1161/63 rheinabwärts, u.a. nach Köln. Eine vierte Reise führte die Seherin 1170/71 zu einigen schwäbischen Klöstern. Kurz vor ihrem Tod hatte dann die Äbtissin vom Rupertsberg noch eine Auseinandersetzung mit den Mächtigen der Kirche zu bestehen (1178/79). Es ging um die Beerdigung eines angeblich exkommunizierten Adligen auf Rupertsberger Klostergrund. Der Nonnengemeinschaft drohte das Interdikt, doch entschied der Mainzer Erzbischof zu Gunsten Hildegards. Wenige Monate später ist Hildegard von Bingen am 17. September 1179 gestorben.
An Biografien und Überblicken betreffend Hildegard von Bingen seien genannt: Beuys, Barbara (2003), Denn ich bin krank vor Liebe. Das Leben der Hildegard von Bingen (= SP 3649), München-Zürich 2003, 375 S., € 12,90; Brück, Anton Ph. (Hg.) (1979), Hildegard von Bingen 1179-1979. Festschrift zum 800. Todestag der Heiligen (= QAMRhKG 33), 1979, Nachdruck Mainz 1998, XVI, 461, [19] S., DM 75,- (mit den Beiträgen: Odilo Engels, Die Zeit der heiligen Hildegard; Adelgundis Fuhrkötter, Hildegard von Bingen - Leben und Werk; Wolfgang Seibrich, Geschichte des Klosters Disisbodenberg; Maria Laetitia Brede, Die Klöster der heiligen Hildegard Rupertsberg und Eibingen; Margot Schmidt, Hildegard von Bingen als Lehrerin des Glaubens. Speculum als Symbol des Transzendenten; Christel Meier, Zum Verhältnis von Text und Illustration im überlieferten Werk Hildegards von Bingen; Gerhard Müller, Die heilige Hildegard im Kampf mit den Häresien ihrer Zeit. Zur Auseinandersetzung mit den Katharern; Immaculata Ritscher, Zur Musik der heiligen Hildegard von Bingen; Peter Walter, Die Heiligen in der Dichtung der heiligen Hildegard von Bingen Robert Wolff, Herrschaft und Dienst in Sprache und Natur. Geistverwandtes bei Hildegard von Bingen und Stefan George; Josef Loos, Hildegard von Bingen und Elisabeth von Schönau; Friedhelm Jürgensmeier, St. Hildegard "prophetissa teutonica"; Heinrich Schipperges, Menschenkunde und Heilkunst bei Hildegard von Bingen; Irmgard Müller, Krankheit und Heilmittel im Werk Hildegards von Bingen; Peter Riethe, Die medizinische Lithologie bei Hildegard von Bingen; Adelheid Simon, Die Reliquien der heiligen Hildegard und ihre Geschichte; Helmut Hinkel, St. Hildegards Verehrung im Bistum Mainz; Werner Lauter, St. Hildegard und Frankfurt am Main; Henri Boelaars, Die Verehrung der heiligen Hildegard in der französischen Benediktinerkongregation von Solesmes von 1837-1978; Werner Lauter, Hinweise auf Hildegard von Bingen in Japan; Claus Palm, Bewahrende Progressivität. Der bleibende Auftrag der heiligen Hildegard von Bingen; Johanna Isenbarth, Das Leben in der Abtei St. Hildegard heute; Maura Böckeler, Hymnus in honorem Sanctae Hildegardis); Büchner, Christine (2009), Hildegard von Bingen. Eine Lebengeschichte (= it 3369), Frankfurt a.M.-Leipzig 2009, 144 S., Farbtafeln, (€ 7,50); Buhlmann, Michael (2007), Das Testament der Essener Äbtissin Theophanu. Hildegard von Bingen in Werden? (= BGW 6), Essen 2007; Diers, Michaela (1998), Hildegard von Bingen (= dtv portrait 31008), München 1998, 158 S., DM 14,90; Feldmann, Christian (1991), Hildegard von Bingen. Nonne und Genie (= Herder 4435), Freiburg i.Br.-Basel-Wien 31997, 276 S., DM 18,80; Kastinger Riley, Helene M. (1997), Hildegard von Bingen (= rm 50469), Reinbek 1997, 153 S., DM 12,90; Koch, Karl (1935), Hildegard von Bingen und ihre Schwestern, Leipzig 1935, 180 S., RM 4,50; Kotzur, Hans-Jürgen (Hg.) (1998), Hildegard von Bingen 1098-1179 (= Ausstellungskatalog), Mainz 1998, X, 350 S., DM 38,-; Newman, Barbara (1995), Hildegard von Bingen. Schwester der Weisheit (= Frauen - Kultur - Geschichte, Bd.2), Freiburg-Basel-Wien 1995, 379 S., DM 44,-; Pernoud, Régine (1996), Hildegard von Bingen. Ihre Welt - ihr Wirken - ihre Visionen (= Herder Tb 4592), Freiburg i.Br.-Basel-Wien 1999, 171 S., DM 16,80; Schäfer, Thomas (1998), Visionen. Leben, Werk und Musik der Hildegard von Bingen (= Knaur Tb 77398), München 1998, 255 S., DM 14,90; Schipperges, Heinrich (1995), Hildegard von Bingen (= BSR 2008), München 21995, 122 S., DM 14,80; Schipperges, Heinrich (1997), Die Welt der Hildegard von Bingen. Panorama eines außergewöhnlichen Lebens, Darmstadt 1997, 151 S., DM 49,80. Quellen zur Geschichte der Hildegard von Bingen sind: Hildegard von Bingen, Im Feuer der Taube. Die Briefe, übers. v. Walburga Storch (1997), Augsburg 1997, 639 S., DM 39,80; Hildegard von Bingen, Heilwissen. Von den Ursachen und der Behandlung von Krankheiten, übers. v. Manfred Pawlik (1994) (= Herder Tb 4050), Freiburg-Basel-Wien 51997 , 307 S., DM 19,80; Hildegard von Bingen, Heilkraft der Natur - "Physica". Rezepte und Ratschläge für ein gesundes Leben, übers. v. Marie-Louise Portmann (1993) (= Herder Tb 4159), Freiburg-Basel-Wien 41997 , 551 S., DM 24,80; Hildegard von Bingen, Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste - Liber Vitae Meritorum, übers. v. Heinrich Schipperges (1994) (= Herder Tb 4291), Freiburg-Basel-Wien 1994, 310 S., DM 22,80; Hildegard von Bingen, "Nun höre und lerne, damit du errötest". Briefwechsel - nach den ältesten Handschriften übersetzt und nach den Quellen erläutert v. Adelgundis Fuhrkötter (1997) (= Herder Tb 4556), Freiburg-Basel-Wien 1997, 277, [6] S., DM 19,80; Hildegard von Bingen, Scivias - Wisse die Wege. Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit, übers. v. Walburga Storch (1992) (= Herder Tb 4115), Freiburg-Basel-Wien 31997 , XXIII, 613 S., DM 29,80; Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen, hg. u. übers. v. Adelgundis Fuhrkötter (1968) (= Heilige der ungeteilten Christenheit), Düsseldorf 1968 , 146 S., DM 12,80; Vita sanctae Hildegardis. Leben der heiligen Hildegard von Bingen, Canonizatio sanctae Hildegardis. Kanonisation der heiligen Hildegard. Lateinisch-Deutsch, übers. v. Monika Claes (1998) (= Fontes Christiani. Zweite Folge, Bd.29), Freiburg-Basel-Wien 1998, 300 S., DM 48,-. [Buhlmann, 08.2011]

Hildigrim, Missionar, Bischof: Hildigrim, der jüngere Bruder des heiligen Liudger (†809), steht zu Unrecht im Schatten des Heiligen. Als Mitglied einer "Priesterfamilie" (genus sacerdotale) verfolgte auch Hildigrim eine geistliche Laufbahn im Frankenreich Kaiser Karls des Großen (768-814). Er begleitete Liudger nach Rom (und Montecassino) (784), findet in den frühen Werdener Traditionsurkunden als Diakon Erwähnung (793, 796) und wurde im Jahr 802 Bischof von Châlons a.d. Marne. Wie Liudger war Hildigrim Missionar; er christianisierte im ostsächsischen Raum. Hildigrim unterstützte seinen Bruder bei der Gründung des Werdener Klosters (gegen 800) und erscheint dort nach dem Tod Liudgers (809) als Klosterleiter und Erbauer der Stephanskirche. Wie Liudger wurde Hildigrim nach seinem Tod am 19. Juni 827 in Werden beigesetzt, seine 1783 zerstörte Grabtumba in der Außenkrypta der Werdener Abteikirche trug eine mittelalterliche Inschrift, die Hildigrims Verdienste denen Liudgers gleichstellt. Für Ostsachsen erinnerten Geschichtsschreiber wie Thietmar von Merseburg oder der Annalista Saxo an Hildigrim als ersten Bischof von Halberstadt. Die mittelalterliche Fälschung einer Urkunde auf Kaiser Karl den Großen (angeblich 802) und die frühneuzeitliche Klostergeschichte des Werdener Abtes Heinrich Duden bringen Hildigrim schließlich mit der Gründung der mit Werden ein Doppelkloster bildenden Mönchsgemeinschaft in Helmstedt in Verbindung (angeblich 801).
Zu Hildigrim s.: Buhlmann, Michael (2012), Hildigrim, Bruder des heiligen Liudger (= BGW 11), Essen 2012, 56 S., € 3,-. > Hildigrim [Buhlmann, 06.2012]

Hiller, Helmut (1981), Heinrich der Löwe. Macht und Rebellion (= Heyne Biographien 86), München 1981 > H Heinrich der Löwe

Hinkmar von Reims, westfränkischer Erzbischof: Hinkmar wurde noch zu Lebzeiten Kaiser Karls des Großen (768-814) geboren, er war adliger Herkunft und genoss seine geistliche Ausbildung im Kloster St. Denis, bevor er auf Vermittlung seines Abtes Hilduin (†855/61) an den Hof Kaiser Ludwigs des Frommen (814-840) kam (822). Dort lernte er die politischen Unwägbarkeiten und Instabilitäten des fränkischen Großreichs kennen, die schließlich nach dem Tod des Kaisers (840) zu den Bruderkämpfen und zum Teilungsvertrag von Verdun (843) führten. Hinkmar wurde Parteigänger König Karls des Kahlen (840-877), des nachgeborenen Sohn Ludwigs. Der westfränkische König machte Hinkmar im April 845 zum Erzbischof von Reims, nachdem der 835 abgesetzte und 840/41 zeitweilig wieder restituierte Vorgänger Ebo den Erzbischofsstuhl hatte räumen müssen. Widerstände der Anhänger Ebos konnten überwunden werden, Hinkmar nahm bald eine führende Stellung im westfränkischen Episkopat ein. Die Wiederherstellung von Reimser Kirchengut, die Aufrichtung bischöflicher und metropolitaner Autorität, die Aufnahme der Diözesangesetzgebung (852) stärkten seinen Einfluss weiter. Im Prädestinationsstreit wandte sich Hinkmar, obwohl mit der Prädestinations- und Gnadenlehre des Kirchenvaters Augustinus (†430) nicht völlig vertraut, nicht zuletzt auf dem Konzil von Quierzy (853) gegen den sächsischen Mönch Gottschalk von Orbais. Beim Einfall des ostfränkischen Königs Ludwig des Deutschen (840-876) nach Westfranken (858) organisierte er den politischen Widerstand und stand auch ansonsten in dem durch Normanneneinfälle und Revolten zerrissenen Land auf der Seite Königs Karl des Kahlen. Seit 860 trat Hinkmar im Ehestreit des lothringischen Königs Lothar II. (855-869) gegen dessen Scheidungspläne auf und hatte in Papst Nikolaus I. (858-867) in dieser Hinsicht einen mächtigen Verbündeten. In anderer Hinsicht, etwa bei den Streitigkeiten Hinkmars mit seinen Suffraganen Rothad II. von Soissons (833-869) und Hinkmar von Laon (858-871), wandte sich indes der Papst gegen den Erzbischof. Beim Tod König Lothars II. (869) besetzte Karl der Kahle mit Unterstützung Hinkmars Lothringen, musste aber die östlichen Gebiete im Vertrag von Meersen (870) an Ludwig den Deutschen abtreten. Hinkmar lehnte die Politik Karls zur Erlangung der Kaiserwürde nach dem Tod des italienischen Königs und Kaisers Ludwig II. (855-875) ab. Gegen die Schaffung eines päpstlichen Vikariats für die Gebiete westlich und nördlich der Alpen wehrte sich der Reimser Erzbischof entschieden (875/76). Nach dem Tod Karls des Kahlen (877) unterstützte Hinkmar dessen Sohn Ludwig II. den Stammler (877-879) sowie dessen Enkel Ludwig III. (879-882) und Karlmann (879-884). Das letzte Lebensjahr Hinkmars war ausgefüllt vom Streit um die Bischofswahl in Beauvais (881/82). Der Erzbischof starb auf der Flucht vor den Normannen, als diese Reims angriffen, am 21. oder 23. Dezember 882 in Épernay. Er wurde im Kloster St. Remi in Reims begraben. Hinkmars kirchenpolitische Tätigkeiten spiegeln sich wider in einer Reihe von Traktaten zu aktuellen Begebenheiten. Darunter fallen: Hinkmars Sendschreiben an Ludwig den Deutschen (858), Briefe an Bischöfe und Päpste, Konzilsbeschlüsse. Theologische Lehrschriften Hinkmars sind: seine Prädestinationsschrift (853) und seine Schrift über den Ausdruck "trina deitas" (853), Rechtsgutachten: die Schriften über die Ehescheidung König Lothars II. (858, 860 u.a.), die "Quaternionen" über das Kirchengut (868), die Schrift über das Recht der Metropoliten. Das Königtum und das Verhältnis von Kirche und König (Zweigewaltenlehre) behandeln u.a. "Über die Person des Königs und den königlichen Dienst" und De ordine palatii. Ausfluss des historischen Interesses Hinkmars sind die Annales Bertiniani, die der Erzbischof von 861 bis 882 fortschrieb, eine hagiografische Arbeit war die Vita Remigii seines Amtsvorgängers Remigius von Reims (†ca.533).
An Literatur zu Hinkmar von Reims seien genannt: Schrörs, Heinrich (1884), Hinkmar, Erzbischof von Reims. Sein Leben und seine Schriften, 1884, Nachdruck Hildesheim 1967, XIV, 588 S., € 16,-; Stratmann, Martina (1991), Hinkmar von Reims als Verwalter von Bistum und Kirchenprovinz (= Quellen und Forschungen zum Recht im Mittelalter, Bd.6), Sigmaringen 1991, XI, 85 S., € 14,-. [Buhlmann, 07.2004, 01.2006]

Hippolyt, Heiliger, "Gegenpapst": Hippolyt wurde um das Jahr 160 n.Chr. geboren, genoss eine christliche Ausbildung bei dem berühmten Bischof Irenäus von Lyon (†ca.202) und wurde von Papst Viktor I. (189?-198/99?) zum Presbyter geweiht. Um diese Zeit soll Hippolyt mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit begonnen haben, in deren Folge eine Reihe von Schriften entstand. Unter den Päpsten Zephyrin (198/99?-217?) und Calixt I. (217?-222) geriet Hippolyt zunehmend im Gegensatz zur römischen Bischofskirche und bekämpfte dort auftretende monarchianische Tendenzen, die die göttliche Trinität immer mehr verwischten. Umgekehrt vertrat Hippolyt mit der Propagierung eines von Gott verschiedenen, diesem untergeordneten Christus zunehmend einen Subordinatianismus. Unter Calixt I. soll es daher zu einem Bruch innerhalb der römischen Kirche gekommen sein; Hippolyt wurde von seinen Anhängern zum Gegenbischof von Rom (sog. erster "Gegenpapst") gemacht (217?-235?). Das Schisma sollte unter den Päpsten Urban I. (222-230) und Pontianus (230-235) anhalten, bis der Letztere und Hippolyt im Zuge einer Christenverfolgung unter Kaiser Maximinus Thrax (235-238) nach Sardinien verbannt wurden, wo Hippolyt wohl kurze Zeit später, mit der römischen Kirche wieder versöhnt, als Märtyrer des Exils verstarb. Von Hippolyt sind verschiedene Schriften überliefert. Was den kirchlichen Schriftsteller Hippolyt anbetrifft, so unterscheidet die neuere Forschung im Allgemeinen zwei Personen, einen "westlichen" und einen "östlichen" Schriftsteller. Dabei sind Zuweisung und Umfang der sog. hippolytischen Schriften (hippolytischer Corpus) durchaus umstritten. Eine wichtige Rolle spielt diesbezüglich die sog. Hippolytstatue vom römischen Ager Veranus, die ein (unvollständiges und teilweise zerstörtes) Verzeichnis "seiner" Schriften auflistet. Dem östlichen Schriftsteller, der geografisch vielleicht in Kleinasien verortet werden kann, werden dabei Bibelkommentare, also exegetische Schriften zugeordnet wie ein Kommentar zum Buch Daniel; auch nicht-exegetische Schriften wie die "apostolische Tradition" oder eine Schrift zur Osterrechnung gehören hierher. Der "östliche" Hippolyt war auch der Verfasser der Schrift "Gegen Noët" (Contra Noëtum), einer Verteidigung der Trinität, die wiederum Vorlage für Tertullians (†ca.230) verbesserte Trinitätslehre in dessen Schrift "Gegen Praxeas" (Adversus Praxean) war. Von dem "östlichen" ist der "westliche" Kirchenschriftsteller zu unterscheiden, der (angeblich?) als Hippolyt von Rom zur Zeit der Päpste Zephyrin und Calixt I. wirkte. Von ihm soll u.a. die "Widerlegung aller Häresien" stammen. Letztere belegt die Entwicklung im christlichen Glauben und den Synkretismus zwischen Heiden- und Christentum, Gnosis und Häresie im 2. und 3. Jahrhundert. Der Kirchenvater Hieronymus (†420) bezeichnet den Schriftsteller Hippolyt auch als Märtyrer und bezieht sich damit (zu Recht oder Unrecht) wohl auf einen seit der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts verehrten römischen Heiligen. Dieser wird in Verbindung gebracht mit der Katakombe S. Ippolito in Rom, die mit ihrer unterirdischen Basilika der Friedhof des heiligen Hippolyt an der Via Tiburtina sein soll. Die Gebeine des Märtyrers ruhten in dem unterirdischen Friedhof in einer dunklen Krypta, die über mit Lichtschächten schwach erleuchteten Treppen und Gänge z.B. am Festtag des Heiligen erreichbar war und (angebliche?) Malereien zum Martyrium beinhaltete. Papst Damasus (366-384) ließ eine sich auf Hippolyt beziehende Inschrift anbringen und erkannte damit den Kult um den Märtyrer an. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts war die Hippolytverehrung in Rom weit verbreitet, wie ein Besuch des römisch-spanischen Dichters Prudentius (†n.405) am Hippolytgrab zeigt. Von Prudentius stammt auch ein umfangreiches Loblied auf den Märtyrer, der im Peristephanon des Dichters neben die Apostel Petrus und Paulus, den Diakon Laurentius und die heilige Agnes gestellt wird. Als Festtag des heiligen Hippolyt zu dessen depositio ("Beisetzung") in der Katakombe ist dann schon früh der 13. August, sind die Iden des August des römischen Kalenders auszumachen. Die Iden waren auch ein bedeutendes heidnisches Volksfest in Rom und Latium zu Ehren der Göttin Diana, das die christliche Religion indes im Verlauf des 4. Jahrhunderts offenbar in ihrem Sinne religiös umzudeuten vermochte. Mit der römischen Schutzgöttin Diana hing dann auch die Legende um den Hippolyt der griechisch-römischen Mythologie zusammen. Dieser sei von Pferden zerrissen worden, veranlasst von seiner auf Rache sinnenden Stiefmutter, die so die Liebe zwischen Diana und Hippolyt zu einem furchtbaren Ende brachte. Nicht von ungefähr soll auch der christliche Märtyrer Hippolyt einen solchen "Pferdetod" (an einem unbekannten Ort, vielleicht Rom?) gestorben sein, doch nimmt Papst Damasus in der Inschrift des Hippolytgrabes nicht darauf Bezug. Vielmehr bezeichnet die Inschrift Hippolyt als Presbyter und bringt ihn mit dem Schisma des Novatian (†ca.258) in Verbindung. Doch wandte sich Hippolyt von der Häresie wieder ab und mit ihm - so kann angenommen werden - auch seine Gemeinde. Diese "Wiedervereinigung" der schismatischen mit den "rechtgläubigen" Christen zu einer wieder gemeinsamen (römischen?) Kirche bildete neben dem Martyrium wahrscheinlich den Grundstock der Hippolytverehrung. Als Presbyter hatte Hippolyt - das geht aus der von Papst Damasus veranlassten Inschrift wohl indirekt hervor - Leitungsgewalt über seine Gemeinde, besaß mithin eine bischöfliche Machtstellung. Welcher Gemeinde Hippolyt allerdings vorstand, ist unklar. Wenn es Rom gewesen war - und darauf deutet immerhin, dass Rom Begräbnisort des Hippolyt und Zentrum der frühen Hippolytverehrung war -, dann war Hippolyt in der Tat ein schismatischer Bischof von Rom, und dies bestätigen - allerdings mit einiger zeitlichen Entfernung - antik-byzantinische Quellen ab der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert betreffend einen "Papst" Hippolyt. Neben Rom wird allerdings dem Märtyrer am Ende des 5. Jahrhunderts die arabische Bischofsstadt Bostra zugewiesen, im 7. Jahrhundert erscheint Porto (bei Rom) als Bischofssitz Hippolyts.
Zu Hippolyt gibt es kontroverse Einschätzungen bei: Achelis, Hans (1897), Hippolytstudien (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, Bd.I, H.4), Leipzig 1897; Bonwetsch, Nathanael (1897), Studien zu den Kommentaren Hippolyts (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, Bd.I, H.7), Leipzig 1897; Brent, Allen (1995), Hippolytus and the Roman Church in the Third Century. Communities in Tension before the Emergence of a Monarch-Bishop (= Vigiliae Christianae, Bd.31), Leiden-New York-Köln 1995, XII, 24, 611 S.; Cerrato, J.A. (2002), Hippolytus between East and West. The Commentaries and the Provenance of the Corpus (= Oxford Theological Monographs), Oxford 2002, X, 291 S., $ 74,-; Frickel, Josef (1988), Das Dunkel um Hippolyt von Rom. Ein Lösungsversuch: Die Schriften Elenchos und Contra Noëtum (= Grazer Theologische Studien, Bd.13), Graz 1988, 325 S., ÖS 240,-; Hippolyt von Rom, Widerlegung aller Häresien (Philosophumena), übers. v. Konrad Preysing (1922) (= Bibliothek der Kirchenväter, Bd.40), München-Kempten 1922; Preysing, Konrad (1914), Der Leserkreis der Philosophumena Hippolyts, in: ZKTh 38 (1914), S.421-445; Preysing, Konrad (1918), Hippolyts Ausscheiden aus der Kirche, in: ZKTh 42 (1918), S.177-186; Preysing, Konrad (1919), Existenz und Inhalt des Bußedikts Kallists, in: ZKTh 43 (1919), S.358-362; Pseudo-Hippolyt, Zum heiligen Pascha. Das Zeugnis einer frühchristlichen Osterfeier aus der Zeit zwischen dem zweiten und dem vierten Jahrhundert, übers. v. Susanne Hausammann (2000), Schliern b. Köniz 2000, 95 S. [Buhlmann, 03.2011, 03.2013]

Hirsau, Benediktinerkloster: Um die Mitte des 11. Jahrhunderts gewann ein Kloster im Nordschwarzwald, im Nagoldtal große Bedeutung: Hirsau. Die Anfänge dieser noch zum Fränkischen und zur Speyerer Diözese gehörenden Mönchsgemeinschaft liegen fast im Dunkel der Geschichte. Irgendwann im 8./9. Jh. (v.768?, ca.830?) ist durch Vorfahren der hochmittelalterlichen Grafen von Calw in Hirsau eine Klosterzelle errichtet worden. Ein Vorgängerbau der romanischen Aureliuskirche des 11. Jahrhunderts stammt aus dieser Zeit. Das 10. Jahrhundert sah den Verfall des kleinen Klosters, um das Jahr 1000 muss es menschenleer gewesen sein. Auf seiner Reise durch Deutschland forderte Papst Leo IX. (Bruno von Egisheim-Dagsburg, 1049-1054) im Jahr 1049 seinen Verwandten, Graf Adalbert II. von Calw (†1099) auf, sich um die Wiederbesiedlung der Klosterzelle zu kümmern. Doch erst 1065 zogen Mönche in Hirsau ein. Der erste Abt Friedrich (1065-1069) erregte den Unwillen seiner Mönche und des Klosterstifters Adalbert und wurde im Jahre 1069 durch einen Mönch des Regensburger Klosters St. Emmeram ersetzt: Wilhelm von Hirsau (1069-1091). Unter Wilhelm begann eine innere und äußere Neugestaltung der Abtei im Sinne von Gregorianischer Kirchenreform und cluniazensischem Mönchtum. Das "Hirsauer Formular" vom Oktober 1075 eröffnete mit dem Verzicht des Calwer Grafen Adalbert II. auf eigenkirchliche Ansprüche und mit dem "Recht der vollen Freiheit" (ius totius libertatis) bei freier Abts- und Vogtwahl neue Möglichkeiten, die das Kloster im Rahmen der Hirsauer Reformbewegung umsetzte. Reformierte Klöster Hirsauer Prägung, Hirsauer Priorate, Hirsauer Baustil machten Wilhelm zum "Vater vieler Klöster" in Schwaben (u.a. St. Georgen, St. Peter), Franken, Elsass, Thüringen und Kärnten, ohne dass eine auf Hirsau ausgerichtete Kongregation von Klöstern und Prioraten zustande kam. Das Hirsauer Kloster sollte im Investiturstreit (1075-1122) eine bedeutende Rolle spielen, es war der Mittelpunkt der Kirchenreformer in Deutschland. Unter Wilhelms Nachfolgern verblassten der Ruhm und das Innovative des Hirsauer Klosterlebens. In der Regierungszeit Abt Folmars (1120-1156) wurde aus der einstmals so bedeutenden Mönchsgemeinschaft ein Provinzkloster, das unter dem wirtschaftlichen Niedergang, den Übergriffen der Vögte und den Disziplinlosigkeiten der Mönche schwer zu leiden hatte. Insbesondere nahm die reichhaltige Güterausstattung des 11. und 12. Jahrhunderts - immerhin 20 Fronhöfe, 1800 Hufen, 37 Mühlen, 14000 Morgen Wald und 31 Ortsherrschaften im nördlichen Schwarzwald, Breisgau, Elsass und im Schwäbischen - so ab, dass das Kloster um 1500 nunmehr nur noch an 100 Orten der näheren Umgebung vertreten war, freilich dort mit einer intensiven Besitzstruktur. Die Rentengrundherrschaft des 16. Jahrhunderts war dabei geografisch in Ämter und Pflegen als Verwaltungsbezirke unterteilt, Pflegeorte waren u.a. Pforzheim und Weil der Stadt. Mit dem Tod Graf Adalberts VI. (1205-1215) endete die zuletzt konfliktträchtige Vogtei der Calwer Grafen, die Hirsauer Schirmvogtei kam in den Besitz von Reich und staufischem Königtum. Während des Interregnums (1245/56-1273) war das Kloster daher ohne Vogt, König Rudolf von Habsburg (1273-1291) übertrug die Vogtei als Reichslehen an die Grafen von Hohenberg, 1334 bezeichnete sich Kaiser Ludwig der Bayer (1314-1347) als Klostervogt, 1468 war Graf Eberhard V. von Württemberg (1450-1496) Kastvogt der Mönchsgemeinschaft, deren Besitz immer mehr in den Sog verschiedener Territorien, allen voran Baden und Württemberg, geriet. Das 13. und 14. Jahrhundert stellte auch in der inneren Entwicklung des Klosters einen Tiefpunkt dar. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts, unter Abt Friedrich Ifflinger (1403-1428), drangen kirchlich-monastische Reformströmungen in Hirsau ein. Abt Bernhard von Gernsbach (1460-1482), der secundus fundator der Mönchsgemeinschaft, setzte die von seinen Vorgängern begonnene Erneuerung des Klosterlebens erfolgreich fort. Ein starker wirtschaftlicher Aufschwung äußerte sich in Neubau und Erweiterung der Klostergebäude, die Zahl der Konventualen nahm zu, die Mönche waren nun nicht mehr nur Niederadlige aus dem Umfeld des Klosters, sondern kamen aus der württembergischen Ehrbarkeit, dem Bürgertum und den reichen Bauernfamilien. Disziplin und Verfassung des Klosters ließen an der Wende zum 16. Jahrhundert indes nach. Es gab aufsässige Mönche, Abt Blasius Scheltrub (1484-1503) wurde zeitweilig suspendiert, die Bindung an die Bursfelder Union litt. 1525 wurde Hirsau vom Bauernkrieg in Mitleidenschaft gezogen, 1535 führte Herzog Ulrich von Württemberg (1498-1550) als Klostervogt die Reformation ein. Nach Augsburger Interim (1548) und Restitutionsedikt (1629) kehrten vorübergehend katholische Mönche nach Hirsau zurück. 1556 wurde das Kloster in eine evangelische Klosterschule umgewandelt, die Grundherrschaft in ein Klosteramt. 1807 wurde das Klosteramt aufgelöst. Überstanden haben die Jahrhunderte die Hirsauer Klosterruinen und ?gebäude: die Reste von Kirche (einschließlich des Eulenturms) und Kreuzgang, der spätgotische Bibliothekssaal, die ebenfalls spätgotische Marienkirche, Reste von Sommerrefektorium und Umfassungsmauern.
An Quellen seien genannt: Hafner, Otto (Bearb.) (1891/92), Regesten zur Geschichte des schwäbischen Klosters Hirsau, in: SMGB 12 (1891), S.244-255, 422-431, 576-583; 13 (1892), S.64-81, 229-237, 379-394, 512-528; Müller, Karl-Otto (Hg.) (1949/50), Traditiones Hirsaugienses, in: ZWLG 9 (1949/50), S.21-32; Schneider, E. (Hg.) (1887), Codex Hirsaugiensis (= Württembergische Geschichtsquellen, Bd.I,1), Stuttgart 1887. Hirsauer Geschichte behandeln: Büttner, Heinrich (1966), Abt Wilhelm von Hirsau und die Entwicklung der Rechtsstellung der Reformklöster im 11. Jahrhundert, in: ZWLG 25 (1966), S.321-338; Greiner, Karl, Greiner, Siegfried (Bearb.) (1950), Hirsau. Seine Geschichte und seine Ruinen, Pforzheim 141993, 56 S., DM 1,50; Greiner, Siegfried (1984), Wolfram Maiser von Berg. Ein tatkräftiger Hirsauer Abt im 15. Jahrhundert, in: Der Landkreis Calw 1984, S.3-18; Greiner, Siegfried (1985), Die "Hirsauer Klosterlandschaft" unter Abt Wilhelm und seinen Nachfolgern, in: Der Landkreis Calw 1985, S.1-9; Jakobs, Hermann (1961), Die Hirsauer. Ihre Ausbreitung und Rechtsstellung im Zeitalter des Investiturstreits (= Bonner Historische Abhandlungen, Bd.4), Köln-Graz 1961, XIX, 270 S., DM 28,-; Jakobs, Hermann (1992), Eine Urkunde und ein Jahrhundert. Zur Bedeutung des Hirsauer Formulars, in: ZGO 140 (1992), S.39-59; Köhler, Joachim, Müller, Karl (1991), Hirsau. St. Aurelius (= Schnell & Steiner Kunstführer, Nr.705), Regensburg 131991, DM 3,-; Lutz, Friedrich (1933), Die erste Klostergründung in Hirsau, in: WVjhLG 39 (1933), S.25-72; Pfisterer, Ulrich (1982), St. Peter und Paul in Hirsau. Elemente einer Deutung, in: Der Landkreis Calw 1992, S.121-136; Schäfer, Alfons (1961), Zur Besitzgeschichte des Klosters Hirsau vom 11. bis 16. Jahrhundert, in: ZWLG 20 (1961), S.1-50; Schmid, Karl (1959), Kloster Hirsau und seine Stifter (= FOLG 9), Freiburg i.Br. 1959, 153 S., DM 10,-; Schreiner, Klaus (1987), Hirsau, Urban II. und Johannes Trithemius. Ein gefälschtes Papstprivileg als Quelle für das Geschichts-, Reform- und Rechtsbewusstsein des Klosters Hirsau im 12. Jahrhundert, in: DA 43 (1987), S.369-430; Schreiner, Klaus (Bearb.) (1991), Hirsau. St. Peter und Paul, 2 Tle. (= Forschungen und Berichte der Archäologie in Baden-Württemberg, Bd.10,1-2), Stuttgart 1991, 436 S., DM 120,-. [Buhlmann, 12.2002, 05.2009, 02.2010]

Hirsch, Hans (1929), Urkundenfälschungen der Klöster Hugshofen und Murbach, in: MIÖG Ergbd. 11 (1929), S.179-192 > H Hugshofen

Hirschbiegel, Jan (2003), Étrennes. Untersuchungen zum höfischen Geschenkverkehr im spätmittelalterlichen Frankreich der Zeit König Karls VI. (1380-1422) (= PHS 60), München 2003, 713 S., Katalog, Tabellen, € 6,95. Neujahrsgeschenke (étrennes), letztendlich in der Tradition des römisch-republikanischen und -kaiserzeitlichen Gabentauschs der strenae stehend, spielten in der höfischen Gesellschaft Frankreichs König Karls VI. (1380-1422) eine wichtige Rolle zur Stabilisierung von Beziehungen in politisch durchaus unruhigen Zeiten (Person Karls VI., Bürgerkrieg zwischen Bourguignons und Armanagcs, Hundertjähriger Krieg). Gaben und Gegengaben (Reziprozität des Schenkens, Schenken aus Gewohnheit) bilden dabei ein Subsystem des (jeweiligen) höfischen Kommunikationssystems, das sichtbar wird in Schenkern, Beschenkten, Gaben und in den Auskunft über Schenkungsvorgänge gebenden Akten und Notizen (163 Schenker, unter 5000 Beschenkte, ca. 7000 Geschenke). Verschenkt wurden Edelsteine, Schmuck, Goldschmiedearbeiten und auch Geldgeschenke. Als Schenker sticht der burgundische Herzog Philipp der Kühne (1363-1404) hervor, neben dem König treten die Herzöge von Berry, Bourbon und Orléans sowie die Ehefrau des Herrschers, Isabeau de Bavière, in Erscheinung. Gerade für die genannte Gruppe von Schenkern, die die fürstliche Spitze der formalen Hierarchie im Königreich Frankreich ausmachten, kann dann auf die Reziprozität des Schenkens als Motivation für Schenkungen verwiesen werden, während Geschenke an Personen, die einer informellen Hierarchie von Freunden, Günstlingen und Abhängigen angehörten, Nahverhältnisse zwischen Schenkern und Beschenkten anzeigen und damit auf die Festigung von Abhängigkeiten und Herrschaft abzielten. [Buhlmann, 07.2015]

HIST = Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient

Hitler, Adolf, deutscher Diktator und Kriegsverbrecher: I. Politischer Aufstieg: Adolf Hitler, geboren am 20. April 1889 in österreichischen Braunau am Inn, entstammte dem kleinbürgerlichen Milieu (Familie des Vaters und Zollbeamten Alois Hitler [†1903], Mutter Klara Hitler geb. Plözl [†1907], Schwester Paula Hitler [†1960]). Ohne (Real-) Schulabschluss bewarb sich Hitler vergeblich an der Wiener Kunstakademie, lebte als Kunststudent und Kunstmaler im Wien der Vorkriegszeit. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs (1914-1918) meldete sich der Österreicher Hitler freiwillig zur deutschen Armee und kämpfte an der Westfront (1. Flandernschlacht 1914, Schlachten von Fromelles und an Somme 1916 [Kriegsverwundung], Schlacht von Arras, 3. Flandernschlacht, 2. Schlacht an der Marne 1917, Senfgasverwundung 1918). Unmittelbar nach dem Krieg war der mit dem Eisernen Kreuz dekorierte Hitler für die Reichswehr ("Aufklärungsabteilung") als Propagandaredner aktiv. Im Herbst 1919 wurde er Mitglied der rechtsradikalen Deutschen Arbeiterpartei in München, die er - politisch und rhetorisch begabt - in den folgenden Jahren zur auch über München und Bayern hinaus bekannten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) formte (Parteiorganisation/-apparat und "Führer", paramilitärische SA, Zeitung "Völkischer Beobachter", Inhalte [Nationalismus, Antisemitismus, Radikalität und Fanatismus, Ablehnung von Demokratie und Liberalismus]). Der misslungene Hitler-Ludendorff-Putsch vom November 1923, die Verurteilung Hitlers zu Festungshaft in Landsberg (1924; Programmschrift "Mein Kampf" 1923/24), die frühzeitige Entlassung aus der Haft (1924) beförderten nach der Wiederzulassung der NSDAP (1925) den politischen Aufstieg Hitlers innerhalb des demokratischen Systems der Weimarer Republik. Trotzdem blieben die Wahlerfolge der Hitlerpartei z.B. bei den Reichstagswahlen von 1928 zunächst marginal. Erst mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise (1929/30) wurde die NSDAP zur zunächst zweitstärksten politischen Partei hinter den Sozialdemokraten (Reichstagswahlen von 1930); Hitler, seit Februar 1932 deutscher Staatsbürger, und seine Partei fanden nun auch Unterstützung in Kreisen von (mittelständischer, Groß-) Industrie und Wirtschaft. Indes scheiterte Hitlers Wahl zum Reichspräsidenten, der nochmals Hindenburg wurde (13. März 1932). In der Folge vereinte die NSDAP die meisten rechtsradikalen Kräfte in sich, nationalkonservative Kräfte (Reichspräsident Hindenburg) und die bürgerliche Mitte richteten ihr Augenmerk auf Partei und "Führer". Mit den Wahlen von 1932 wurde die NSDAP zur stärksten Partei im deutschen Reichstag, nach den gescheiterten Minderheitsregierungen der letzten Jahre der Weimarer Republik wurde Hitler Reichskanzler ("Machtergreifung" 30. Januar 1933). II. "Drittes Reich": Hitler stand als "Führer" seiner Partei an der Spitze einer "faschistischen Massenbewegung", deren paramilitärische Organisationen SA und SS die politischen Gegner bekämpfte und verfolgte (Reichstagswahlen von 1933). Das "Ermächtigungsgesetz", die (Selbst-) Auflösung der politischen Parteien, die Zerschlagung der Gewerkschaften, das Ende nichtnationalsozialistischer Regierungen in den deutschen Ländern und Kommunen, die "Gleichschaltung" der christlichen Kirchen (Kirchenkampf, Kulturpolitik), von gesellschaftlichen Verbänden und kulturellen Organisationen sowie der Presse (1933 und später) bei genereller Ausweitung politischen Drucks (politische Polizei, Konzentrationslager, Antisemitismus) führten zur nationalsozialistischen Diktatur unter dem "Führer" (Diktator) Adolf Hitler bei "Volksgemeinschaft", "nationaler Einheit" und Einbindung in nationalsozialistische Hierarchien. Hitler bestimmte maßgeblich die Politik des "Dritten Reiches" ("Führerprinzip", "charismatische Herrschaft" [Hitlerkult], [Selbst-] Inszenierung Hitlers und Reichsverwaltung), gerade auch in der Phase der "Machtaneignung" (1933; Bekämpfung der politischen Linken, Reichstagsbrand 27./28. Februar 1933, Unterdrückung der demokratischen Grundrechte, "kalte Revolution"). Hitlers Macht und Alleindiktatur gründete auf den Männern und Frauen, die ihn gewählt hatten, auf den ihm gegenüber loyalen Führungskräften in Wirtschaft und Gesellschaft, auf die Unterstützung durch die Reichswehr, auf der "Bewegung" von NSDAP und SA. Die Ermordung Ernst Röhms, des Führers der SA, beseitigte die Konkurrenz innerhalb der eigenen Partei während einer politischen Schwächephase des Regimes (Sommer 1934; "Röhmputsch"), nach dem Tod des Reichspräsidenten Hindenburg (August 1934) vereinigte Hitler das Amt des Reichskanzlers mit dem des Reichspräsidenten ("Führer und Reichskanzler"). Politisch und ideologisch war somit das "Dritte Reich" entstanden, das nun u.a. seine menschenverachtende Ideologie umsetzte (Nürnberger Gesetze [1935], Enteignung von Juden, "Aussonderung von Gemeinschaftsfremden"), im Bereich der Wirtschaft auf eine massive militärische Aufrüstung (zur Kriegsvorbereitung) und einen damit verbundenen Kurswechsel setzte sowie im gesellschaftlichen Bereich zunehmend (propagandistisch) die Arbeiterschaft mit einbezog, Frauen auf ihre "natürliche Rolle" als Mutter verwies usw. Die von den Nationalsozialisten betriebene Politik der Aufrüstung fand nach einer Phase der "Beschwichtigungspolitik" Hitlers gegenüber West und Ost ihre Entsprechung in einer "expansiven" Außenpolitik des "Dritten Reiches", wozu die Nichtteilnahme an Genfer Abrüstungsverhandlungen, die Eingliederung des Saargebiets ins deutsche Reich, der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, ein deutsch-britisches Flottenabkommen (1935) sowie der Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland (1936) gehörten. Die olympischen Spiele in Berlin und der militärische "Vierjahresplan" Hitlers zur Kriegsfähigkeit Deutschlands (1936) sahen den Diktator auf den bisherigen Höhepunkt seiner Macht. Es folgten außenpolitisch das nationalsozialistische Eingreifen im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), der Antikominternpakt mit Japan (1936; Beitritt Italiens 1937 u.a.), der "Anschluss Österreichs" (1938), die "Sudetenkrise" und das Münchner Abkommen (29. September 1938) und die Besetzung der "Resttschechei" ("Protektorat Böhmen und Mähren" 1939) bei von Deutschland abhängiger Slowakei. Innenpolitisch ging das Aufrüsten weiter, es folgten Novemberpogrome und "Reichskristallnacht" gegen die Juden im nationalsozialistischen Machtbereich (9. November 1938) sowie eine von Hitler befürwortete Politik der "Euthanasie" gegenüber Kranken, Behinderten und Kindern (1939). Im Jahr 1939 steuerte schließlich das Regime auf den von Hitler ideologisch untermauerten Krieg zur Gewinnung von "Lebensraum" und "nationaler Größe" zu. Seit Anfang 1938 hatte zudem Hitler das "Oberkommando der Wehrmacht" inne, nachdem schon ab 1934 die deutschen Soldaten auf die Person Hitlers vereidigt wurden. III. Zweiter Weltkrieg: Der nationalsozialistische Krieg Deutschlands als Zweiter Weltkrieg (1939-1945) begann nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts (24. August 1939) mit dem Angriff auf Polen (1. September 1939), das innerhalb von knapp vier Wochen besetzt wurde ("Blitzkrieg", "Generalgouvernement Warschau"; Besetzung Ostpolens und der baltischen Staaten durch die Sowjetunion; sowjetisch-finnischer "Winterkrieg" 1939/40). Die Besetzung Dänemarks und Norwegens (9. April 1940) schloss Großbritannien und Frankreich, die Deutschland nach dem Überfall auf Polen den Krieg erklärt hatten, von Nordeuropa aus. Der deutsche Angriffskrieg auf die Beneluxstaaten und Frankreich ab dem 10. Mai 1940 führte bis Mai bzw. Juni zur Besetzung dieser Länder und zum Waffenstillstand mit Frankreich (22. Juni 1940), das als Vichy-Regime Marschall Pétaines ein von Deutschland abhängiger Satellitenstaat wurde (1940/42). Das Eintreten des faschistischen Italien in den Krieg an der Seite Deutschlands und der Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan (27. September 1940; Krieg in Ostasien und im Pazifik) ließ das Bündnis der Achsenmächte entstehen. Nach der verlorenen "Luftschlacht um England" (1940/41) erfolgte das Eingreifen Deutschlands im italienischen Parallelkrieg in Afrika (1940/41; italienisches Kolonialreich in Libyen und Nordostafrika) und die Eroberung Jugoslawiens und Griechenlands (April 1941). Der rassenideologisch stark motivierte Angriffskrieg gegen die kommunistische Sowjetunion ("Kommissarbefehl" Hitlers, "Vernichtung des Bolschewismus/Judentums") im Unternehmen "Barbarossa" und mit Unterstützung Bulgariens, Rumäniens und Ungarns ab dem 22. Juni 1941 brachte zunächst große Gebietsgewinne im Westen und Südwesten der Sowjetunion (Baltikum, "Bezirk Bialystok", Weißrussland, Ukraine, rückwärtiges Heeresgebiet, deutsches Besatzungspolitik, Kollaboration und Partisanentätigkeit). Parallel dazu liefen die von Hitler unterstützten Maßnahmen zur "Endlösung der Judenfrage" an (Wannseekonferenz 20. Januar 1942; "Ghettoisierung" der polnischen Juden, Vernichtungslager und Massenmord, Aushungerungspolitik im rückwärtigen Heeresgebiet). Der Kriegseintritt der USA (11. Dezember 1941) auf Seiten Großbritanniens und der alliierten Mächte sollte die militärische zu Ungunsten des "Dritten Reiches" ändern. Der nur als kurzer Feldzug geplante Krieg gegen die Sowjetunion weitete sich (zeitlich) aus, wenn auch der Sommer 1942 Hitler noch im Zenit seiner Macht sah. Spätestens mit der Schlacht bei Stalingrad (1942/43) gerieten die deutschen Truppen in die Defensive. Der Krieg kehrte nach Deutschland zurück, zumal alliierte Bombenangriffe auf Deutschland (ab 1942) zunehmend Wirkung erzielten, die Wirtschaft vor dem Hintergrund eines "totalen Kriegs" schon längst eine Kriegswirtschaft geworden war (Versorgungslage und Rationierungen, soziale Lage u.a. der Arbeiter, Rolle der NSDAP und ihrer Funktionäre, Zwangsarbeit, Kriegsmüdigkeit und Entpolitisierung, Führermythos, Widerstand gegen den Nationalsozialismus). In Nordafrika mussten die zurückweichenden deutschen Truppen bei Tunis kapitulieren (Mai 1943), Italien wechselte zu den Alliierten über (Juli 1943; Besetzung Nord- und Mittelitaliens, Mussolinis Repubblica Sociale Italiana), dem Vorrücken der sowjetischen Roten Armee an der Ostfront (Besetzung Ungarns März 1944) sollten mit der alliierten Invasion in der Normandie (6. Juni 1944) militärische Niederlagen Deutschlands im Westen Europas folgen. Hitler, der in seinem ostpreußischen "Führerhauptquartier" Wolfsschanze das Attentat vom 20. Juli 1944 ohne wesentliche Beeinträchtigung überlebt hatte, kehrte Anfang 1945 nach Berlin zurück, um die Führung in der Verteidigung der Hauptstadt gegen die vorrückenden Sowjettruppen zu übernehmen ("Schlacht um Berlin" April 1945). Mit dem Scheitern der Ardennenoffensive (1944/45) befanden sich die deutschen Truppen auch im Westen endgültig auf dem Rückzug. Hitler, in den letzten Kriegsmonaten von körperlichem und geistigem Zerfall (gesundheitliche Probleme, Depressionen, Lethargie, irreale Vorstellungen und Hoffnungen zum Kriegsverlauf) betroffen, trat am 20. März 1945 letztmalig öffentlich in Erscheinung (nicht ausgeführter Nero-Befehl Hitlers vom 19. März 1945). Am 30. April beging er im "Führerbunker" der Alten Reichskanzlei Selbstmord. Am 8. Mai kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. IV. Adolf Hitler war vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein "bedeutungsloser Niemand", erst die rechtsradikalen Kräfte in der Weimarer Republik machten aus dem rhetorisch und politisch durchaus begabten Mann den "Hoffnungsträger" und "visionären Führer" als "letzte Entscheidungsinstanz" einer faschistischen "Bewegung", ohne dass Hitler zu sehr Partei- oder politischen Zwängen unterworfen war. Geschickt sicherte sich der Reichskanzler Hitler für sich und den Nationalsozialismus die Macht in Deutschland, die er zu einem "autoritären Regime" und einer Diktatur mit den Mitteln der beeinflussenden Meinungsbildung, der Repression und anderer (diktatorischer) Machtmittel ausbauen konnte. Hitler stand hinter der deutschen Aufrüstung der Vorkriegszeit, hinter dem Zweiten Weltkrieg und hinter dem aus seinem "Rassenwahn" resultierenden Massenmord an Behinderten, Juden und Osteuropäern. "Selbstüberschätzung und Hybris" bei Hitler waren eine Folge der "Blitzkriege" der Anfangskriegsjahre, führten aber im Krieg gegen die Sowjetunion in den Untergang. Die nationalsozialitische Gewaltherrschaft, Repression und Ausbeutung in Europa war in erster Linie auf Hitler (und seinen Kreis von Nationalsozialisten) zurückzuführen. Gegen Ende des Krieges lebte Hitler in der Scheinwelt eines "heroischen Untergangs", das er als sein Vermächtnis verstanden wissen wollte. Der "private" Hitler (Ernährungsgewohnheiten, [A-] Sexualität und [junge] Frauen [Nichte Geli Raubal, Lebensgefährtin Eva Braun, Ersatzfamilie Goebbels], religiöse Einstellung, Finanzen [Autorentantiemen, Zuwendungen, Gehalt als Reichskanzler] u.a.) verblasst indes gegen den propagandistisch überhöhten "Führer" (äußeres Erscheinungsbild, einstudierte Posen, "Führerqualität/Führerpersönlichkeit" [Reden und Monologisieren, Entrücktheit vom Tagesgeschäft, "Visionäres", unbedingtes Festhalten an Entscheidungen]). Nicht zuletzt ist Hitlers Interesse an Geschichte und Architektur (Hitler als Bauherr, nationalsozialistische Um- und Großbauten [Berlin, Nürnberg, Obersalzberg]) zu erwähnen (nach: Herbert, Ulrich, Das Dritte Reich (= BSR 2859), München 2016; Longerich, Hitler).
Zahlreich sind Literatur und Biografien zu und über Adolf Hitler: Bullock, Alan (1964), Hitler. Eine Studie über Tyrannei (= ADTG 7200), Kronberg 1977, XII, 886 S., DM 19,80; Fest, Joachim C. (1973), Hitler. Eine Biographie, Bd.1: Der Aufstieg (= Ullstein Tb 3273), Frankfurt a.M.-Berlin-Wien 1978, Bd.2: Der Führer (= Ullstein Tb 3274), Frankfurt a.M.-Berlin-Wien 1978, zus. 1190 S., Abbildungen, zus. DM 16,90; Jochmann, Werner (Hg.) (1980), Adolf Hitler. Monologe im Führer-Hauptquartier 1941-1944 (= Heyne Tb 6097), München 1982, 491 S., DM 12,80; Longerich, Peter (2015), Hitler. Biographie, München 2015, 1296 S., Schwarzweißabbildungen, € 39,95; Maser, Werner (1980), Adolf Hitler. Das Ende der Führer-Legende (= Moewig Dokumentation 4325), München 1982, 493 S., Abbildungen, DM 2,-; Maser, Werner (1974), Adolf Hitler - Mein Kampf. Geschichte, Auszüge, Kommentare (= Moewig Dokumentation 4329), München 1983, 395 S., DM 2,-; Pool, James, Pool, Susanne (1979), Hitlers Wegbereiter zur Macht. Wie mit geheimen deutschen und internationalen Geldquellen Hitlers Aufstieg ermöglicht wurde (= Moewig Dokumentation 4327), München 1982, 507 S., DM 2,-; Trevor-Roper, Hugh R. (1947), Hitlers letzte Tage (= Ullstein Tb 525), Frankfurt a.M. 31976, 238 S., DM 4,80. [Buhlmann, 1978, 1984, 07.2016, 07.2017]

HJb = Historisches Jahrbuch

Hlawitschka, Eduard (1979), Studien zur Genealogie und Geschichte der Merowinger und der frühen Karolinger, in: RhVjbll 43 (1979), S.1-99 > B Becher, Merowinger und Karolinger

Hlawitschka, Eduard (2003), Konradiner-Genealogie, unstatthafte Verwandtenehen und spätottonisch-frühsalische Thronbesetzungspraxis. Ein Rückblick auf 25 Jahre Forschungsdisput (= MGH. Studien und Texte, Bd.32), Hannover 2003 > K Konradiner

Hochgeschwender, Michael (2010), Der Amerikanische Bürgerkrieg (= BSR 2451), München 2010 > A Amerikanischer Bürgerkrieg

Höbelheinrich, Norbert (1939), Die "9 Städte" des Mainzer Oberstifts. Ihre verfassungsmäßige Entwicklung und ihre Beteiligung am Bauernkrieg 1346-1527 (= Zwischen Neckar und Main. Heimatblätter des Bezirksmuseums Buchen e.V., H.18), 1939, Nachdruck Hildesheim-Zürich-New York 1994, 192 S., DM 37,80. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts waren Städte im Mainzer Oberstift zum Neunstädtebund zusammengeschlossen. Bei den Städten, die erstmals 1346 als die "neun Städte" des Mainzer Oberstifts in Erscheinung traten, handelte es sich um: Amorbach, Aschaffenburg, Buchen, Dieburg, Külsheim, Miltenberg, Seligenstadt, Tauberbischofsheim, Walldürn. Die Städte nahmen in dieser Zeit eine ähnliche verfassungsgeschichtliche Entwicklung, eine kommunale Selbstverwaltung (Ratsverfassung) entwickelte sich im Mit- und Gegeneinander zum Landesherrn, dem Mainzer Erzbischof, und zum Domkapitel. Die landsässigen Städte emanzipierten sich im Verlauf des 15. Jahrhunderts u.a. durch das Recht der Steuererhebung und -bewilligung weiter vom Landesherrn und etablierten sich neben dem Domkapitel und dem Adel als Landstand im erzbischöflichen Territorium. Im Bauernkrieg traten Städte wie Tauberbischofsheim teils gezwungenermaßen, teils freiwillig auf die Seite der aufständischen Bauern (1525). Die Belagerung Aschaffenburgs durch die Bauern spiegelt dabei das komplizierte Kräftedreieck zwischen landesherrlichem Statthalter, städtischer Obrigkeit und Bauern wider. Der Vormarsch der Neckartal-Odenwälder Bauern zog dann den endgültigen Anschluss der "neun Städte" nach sich (Amornacher Erklärung, Vertrag zwischen Bauern und Städten bzw. Oberstift am 5. und 7. Mai 1525). Das Eingreifen des Schwäbisches Bundes ab der 2. Maihälfte des Jahres 1525 beendete den Bauernkrieg im Mainzer Oberstift. Die Städte mussten sich der Landesherrschaft unterwerfen. Das Ende der städtischen Selbstverwaltung und landständischen Mitsprache kam für die "neun Städte" vollends mit den erzbischöflichen Verfügungen der Jahre 1527 und 1528, mit denen auch die faktische Auflösung des Städtebundes einherging. [Buhlmann, 11.2006]

Hoederath, Hans Theodor (1930), Die Religionsordnungen der Fürstäbtissin Maria Clara von Spaur, in: EB 48 (1930), S.279-297. Vor dem Hintergrund der katholischen Gegenreformation im römisch-deutschen Reich der frühen Neuzeit kam der konfessionellen Orientierung des Essener Frauenstifts und Territoriums eine besondere Rolle zu. Fürstäbtissin Maria Clara von Spaur (1614-1645) verfolgte als Landesherrin für das Stift Essen und das Breisiger "Ländchen" eine katholische Politik, die u.a. in der Religionsordnungen vom 17. März 1616 und 28. Juni 1624 für die Untertanen in Essener Territorium und Stadt sowie vom 26. August 1628 für die Untertanen des Breisiger "Ländchens" gipfelte (Wiederherstellung der katholischen, Verbot der evangelischen Religionsausübung; katholische Amtsträger des Stifts; Vorschriften betreffend den Sonntagsgottesdienst, die Prozessionen, die Einhaltung der Sonn- und Feiertage, die Kommunion, die Beerdigungen und Friedhöfe usw.). [Buhlmann, 07.2013]

Hoederath, Hans Theodor (1928), Das Rellinghauser Land- und Stoppelrecht. Ein Beitrag zur westfälischen Rechtsgeschichte, in: EB 46 (1928), S.329-407 > R Rellinghausen

Hoederath, Hans Theodor (1951), Hufe, Manse und Mark in den Quellen der Großgrundherrschaft Werden am Ausgang der Karolingerzeit, in: ZRG GA 68 (1951), S.211-231 > B Bethge, Bifänge

Höffe, Otfried (1996), Aristoteles (= BSR 535), München 1996 > A Aristoteles

Höing, Hubert (2015), Dr. jur. Heinrich Urdemann (ca.1420-1485), Kurienprokurator, Offizial, Stiftsdechant und kaiserlicher Rat. Zur Karriere eines vorreformatorischen Klerikers in Bocholt, Köln und Bonn, in: AHVN 218 (2015), S.105-150. Um 1420 in der Stadt Bocholt im Bistum Münster geboren, aus einer frommen Familie der Bocholter Oberschicht stammend, war Heinrich Urdemann für eine geistliche Karriere bestimmt, in deren Folge Urdemann ein Studium in Kirchenrecht in Köln absolvierte (1442/43; decretorum doctor 1470) und zu einem unbekannten Zeitpunkt Priester wurde. Ab 1450 findet sich Urdemann als Kurienprokurator in Rom (Mitgliedschaft in der Anima-Bruderschaft, Familiar Herzog Erichs II. von Pommern und Kardinalbischofs Guillaume d'Estouteville). Er sicherte sich seine wirtschaftliche Existenz durcjh Pfrüdenerwerb (Kamminer Kanonikat, Oberweseler Dekanat St. Marien, Bernauer Propstei, Kölner Dekanat St. Andreas, Rechtsstreit um die Bocholter Georgspfarrei 1462/65). Nach 1468 kehrte Urdemann nach Deutschland zurück, wurde u.a. Offzial des Kölner Erzbischofs Ruprecht von der Pfalz (1363-1480) (1470/71) und stand auch in Diensten Erzbischofs Hermann IV. von Hessen (1480-1508). Urdemann verfasste (1477) den Dialogus super libertate ecclesiastica, in dem er sich in einem fiktiven Gespräch in der fiktiven Stadt Thenen (Köln) für die Rechte der Geistlichkeit gegenüber weltlichen Übergriffen (Stadtrat; Kölner Stiftsfehde [1473/80]) aussprach. Seinen humanistischen Neigungen nachgehend, betätigte sich Urdemann auch als Sammler von Reliquien und Büchern; er vermachte seine Büchersammlung der Stadt Bocholt, wie er auch die Bocholter Georgskirche förderte (Vikarienstiftung 1480, päpstliche Ablassverleihung an die Georgskirche 1480). 1483 wurde Urdemann zum kaiserlichen Rat Kaiser Friedrichs III. (1440-1493) ernannt. Am 30. Oktober 1485 starb Urdemann in Köln und wurde im Kapitelhaus des Andreasstifts begraben. [Buhlmann, 01.2017]

Hoensch, Jörg K. (1996), Kaiser Sigismund. Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit (1368-1437), München 1996, 652 S., DM 86,-. Sigismund war der am 14. Februar 1368 geborene Sohn Kaiser Karls IV. (1346/47-1378) und der Elisabeth von Pommern. 1387 wurde er König von Ungarn, am 20. September 1410 erfolgte seine Wahl zum deutschen König - in Konkurrenz zu seinem etwas später gewählten Vetter Jobst von Mähren (1410-1411) und zu seinem älteren, eigentlich als abgesetzt geltenden Bruder Wenzel (1378-1400). Nach dem Tod Jobsts ist Sigismund allgemein als König anerkannt worden. Am 8. November 1414 wurde der Luxemburger in Aachen zum König gekrönt. Von Anfang an stand die Regierung Sigismunds unter dem Dilemma, dass der König sich um zwei Reiche, Deutschland und Ungarn, zu kümmern hatte; die Niederlage gegen die Türken bei Nikopolis (1396) und innere Schwierigkeiten machten dabei Ungarn zu einem schwer zu beherrschenden Königreich. In Deutschland leitete Sigismund mit dem am 5. November 1414 eröffneten Konzil zu Konstanz (1414-1418) die Beendigung des Großen Schismas ein; die Wahl Papst Martins V. (1417-1431) brachte diesbezüglich den Abschluss. Die auf dem Konzil verfügte Verbrennung des wegen Ketzerei beschuldigten Jan Hus (6. Juli 1415) führte indes zu den nach 1419 in Böhmen eskalierenden hussitischen Wirren und damit zu Schwierigkeiten bei der Durchsetzung von Sigismunds Anspruch auf die böhmische Krone; die 1420er-Jahre waren vom Kampf des Königs gegen die Hussiten und um Böhmen bestimmt. Im Konflikt gegen die Kurfürsten (Binger Kurverein 1424, 1427) konnte sich Sigismund behaupten. Sein Aufenthalt in Ungarn (1426-1428) stabilisierte sein östliches Königreich gegen die angreifenden Osmanen. Zwischen 1431 und 1433 war Sigismund - als erster deutscher König seit Langem - in Italien zu finden; im Spätherbst 1431 erfolgte seine Krönung zum König von Italien in Mailand; am 31. Mai 1433 fand die Kaiserkrönung in Rom statt. 1436 gelang es Sigismund schließlich, als König von Böhmen anerkannt zu werden. Als Kaiser, deutscher, ungarischer und böhmischer König vereinigte er damit vier Kronen in seiner Hand. Die Jahre nach 1430 standen unter dem Zeichen der sog. Reichsreform, waren also verbunden mit dem Bemühen Sigismunds und seiner Räte um eine politische Reform im römisch-deutschen Reich (Friedenssicherung, Reform der Gerichtsbarkeit, Münz- und Geleitwesen, Sicherung der westlichen Grenze gegenüber dem "Zwischenreich" der burgundischen Herzöge). Diesbezügliche Verhandlungen zwischen König, Fürsten und Städten gestalteten sich aber mühsam und führten auch beim Reichstag zu Eger (Juli 1437) zu keinem Abschluss. Immerhin überdauerte die Idee einer Reichsreform Sigismund, wie nicht zuletzt die nach dem Tod des Kaisers verfasste Reformatio Sigismundi zeigt. Sigismund starb am 9. Dezember 1437 im mährischen Znaim. Er hinterließ seine einzige Tochter Elisabeth, die seit 1421 mit seinem Nachfolger Albrecht II. von Habsburg verheiratet war. [Buhlmann, 11.1996]

Hörberg, Norbert (1983), Libri Sanctae Afrae. St. Ulrich und Afra zu Augsburg im 11. und 12. Jahrhundert nach Zeugnissen der Klosterbibliothek (= MPIG 74 = SGS 15), Göttingen 1983, 330 S., € 20,-. Die Verehrung der römischen Märtyrerin Afra ist schon seit dem 6. Jahrhundert in Augsburg belegt, der heilige Bischof Ulrich von Augsburg (923-973) ließ sich an ihrer Grabstätte beisetzen, die Kanonikergemeinschaft an den Heiligengräbern wurde 1012 durch eine Gemeinschaft von Benediktinermönchen aus Tegernsee abgelöst. Es entstand ein Eigenkloster der Augsburger Bischöfe, das im Investiturstreit der päpstlichen Reformpartei angehörte. Der Reformabt Egino (1109-1120) geriet daher in Konflikt mit dem königstreuen Augsburger Bischof Hermann (1096-1133), wurde vertrieben (wohl 1118) und starb in Pisa (1120). Sein Nachfolger Udalschalk (1127-n.1151), Dichter und Musiker, führte die Reformen weiter, so dass das Kloster in der Folge eine geistig-religiöse Blütezeit erlebte. Im 14. Jahrhundert stellt sich St. Afra als Reichsabtei unter der Vogtei der Wittelsbacher dar, wirtschaftliche Schwierigkeiten und ein religiöser Niedergang wurden ab Beginn des 15. Jahrhunderts durch Reformmaßnahmen der Bursfelder Kongregation und der Melker Reform behoben. Ein Kirchenneubau, eine große Bibliothek, eine Schreibschule und eine Druckerei stehen für die Bedeutung St. Afras im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Die Kommunität überstand Reformation und Glaubenskriege und wurde 1802 säkularisiert. Vom Kloster St. Afra sind neben einem Bibliotheksverzeichnis von 1616 eine Anzahl von Handschriften erhalten, die Auskunft über die libri sanctae Afrae geben. Danach besaß das Kloster an Handschriften des 11./12. Jahrhunderts die Vita des heiligen Ulrich, Ovids Metamorphosen, die Chronik Ottos von Freising (†1158) sowie Musiktraktate, u.a. den Codex Gudianus Nr. 334. Letzterer stammt wohl aus der Zeit Abt Udalschalks und enthält eine Reihe von Abhandlungen zur Musiktheorie, darunter die Musica Theogeri des Abtes Theoger (1088-1119) vom Kloster St. Georgen im Schwarzwald. [Buhlmann, 06.2007]

Hofbauer, Gottfried (2015), Die geologische Revolution. Wie die Erdgeschichte unser Denken veränderte, Darmstadt 2015, 128 S., Schwarzweißabbildungen, Schwarzweißtafeln, € 24,95. Vom endenden 17. bis ins beginnende 20. Jahrhundert fand eine naturwissenschaftliche Revolution statt, die innerhalb der Geologie sich in einer neuen unbiblischen Sicht auf die Erdgeschichte äußerte. Erdgeschichte wurde zu einer "Entwicklungsgeschichte der Natur", die sich vermöge der Betrachtung der Gesteinsschichten (Siccar Point), vermöge Vulkanismus und (Platten-) Tektonik nicht nach Jahrtausenden, sondern nach Jahrmillionen bemaß. Für die neue Sichtweise spielten zudem Fossilien ("Figurensteine"), die Evolutionstheorie, die Frage nach einem Urgestein u.a. eine Rolle. [Buhlmann, 02.2016]

Hoffmann, Dirk W. (2013), Die Gödel'schen Unvollständigkeitssätze. Eine geführte Reise durch Kurt Gödels historischen Beweis, Berlin-Heidelberg 2013, 368 S., Schwarzweißabbildungen, € 29,99. Am Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich die mathematische Forschung insofern in einer Krise, dass es vor dem Hintergrund der mathematisch-philosophischen Grundströmungen des Logizismus, Intuitionismus und Formalismus im Bereich der mathematischen Grundlagen (Logik, Mengenlehre, Unendlichkeiten und Kontinuumshypothese, Wohlordnungssatz) zu Widersprüchen (Cantorsche Antinomie, Russellsche Antinomie, Paradoxien) gekommen war. Die dagegen gesetzte, angestrebte axiomatische Methode eines David Hilbert (*1862-†1943), das "Hilbert-Programm" sollte scheitern, nicht zuletzt durch die Resultate, die der österreichische Mathematiker Kurt Gödel (*1906-†1978) 1930/31 in seinem Beitrag: Gödel, Kurt, Über formal unentscheidbare Sätze der Prinicipia Mathematica und verwandter Systeme, in: Monatshefte für Mathematik und Physik (1931), S.173-198 veröffentlichte. Gödel beschäftigte sich darin metamathematisch mit formalen Systemen (Kalkül als Menge von Axiomen mit deren Schlussregeln [Formeln, Theoremen]), deren (formaler) Beweisbarkeit und (inhaltlicher) Wahrheit, deren Widerspruchsfreiheit (Richtigkeit von einer Aussage oder von deren Gegenteil), Negationsvollständigkeit (ausgeschlossenes Drittes), Korrektheit (Beweisbarkeit = Wahrheit) und Vollständigkeit (Beweisbarkeit aller inhaltlich wahren Formeln). U.a. auf der Grundlage der Prinicipia Mathematica Alfred North Whiteheads (*1861-†1947) und Bertrand Russells (*1872-†1970) und der Axiome von Giuseppe Peano (*1858-†1932) entwickelte Gödel sein formales System P mit Axiomen und Schlussregeln (formale Beweise und Theoreme), einer Arithmetisierung der Syntax auf Grund der "Gödelisierung" von Formeln (Gödelnummern als natürliche Zahlen), den primitiv-rekursiven Funktionen, Relationen und Mengen und der Isomorphie zu den natürlichen Zahlen und dessen Mengensystem. Gödel bewies damit seine Unvollständigkeitssätze und wies damit der Mathematik ihre Grenzen auf. Danach ist jedes formale, die Mathematik hinreichend beschreibendes System, das widerspruchsfrei ist, negationsunvollständig (1. Gödelscher Unvollständigkeitssatz, Gödel-Rosser-Theorem 1931/36; Barkley Rosser [*1907-†1979]); weiter kann kein formales, die Mathematik hinreichend beschreibendes System seine Widerspruchsfreiheit nachweisen (2. Gödelscher Unvollständigkeitssatz 1931). Vgl. auch: Hofstadter, Douglas R., Gödel, Escher, Bach, ein Endloses Geflochtenes Band (= dtv 11436), München 1991, XVII, 844 S., Abbildungen, DM 29,80. [Buhlmann, 12.1991, 02.2015]

Hoffmann, Paul, Heil, Christoph (Hg.) (2002), Die Spruchquelle Q. Griechisch und Deutsch, Darmstadt 2002, 185 S., € 1,-. Im Rahmen des Neuen Testaments der christlichen Bibel sind Logien-/Spruchquelle Q und Markusevangelium die Quellen aus denen auch das Matthäus- und Lukasevangelium schöpfen. Die griechisch überlieferte Spruchquelle steht dabei für die judenchristlichen Anfänge christlichen Glaubens und ist als älteste urchristlich-palästinensische Überlieferung zu Jesus Christus dem Markus- und Thomasevangelium zur Seite zu stellen. Die Spruchquelle ist vor dem Hintergrund von Heilsgeschichte, Eschatologie und Parusie eine Sammlung von Aussprüchen Jesu. [Buhlmann, 05.2016]

Hofmann, Wilhelm (1954), Adel und Landesherren im nördlichen Schwarzwald (von der Mitte des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts). Mit einem Exkurs: Decker-Hauff, Hansmartin (1954), Strubenhart und die Schöner von Straubenhardt (= DWG 40), Stuttgart 1954, X, 128 S., Stammtafeln, Kartenbeilagen, DM N.N. I. Das Gebiet um Enz und Pfinz zwischen nördlichem Schwarzwald und Kraichgau wurde im frühen und hohen Mittelalter von Besiedlung und Siedlungsausbau erfasst (Muschelkalk-Bundsandstein-Gebiet; Haufendörfer, Waldhufendörfer; frühmittelalterliche -ingen-Orte [Brötzingen, Dietlingen, Ellmendingen], Ort auf -hausen, -feld und -bach -> Besiedlung von Norden nach Süden; kirchliche Einteilung und Pfarreien [Martinskirche in Brötzingen, Michaelskirche in Gräfenhausen, Rudmersbach]). Schriftliche Geschichtsquellen zeigen für das 12. Jahrhundert Schenkungen an das Kloster Hirsau und damit Einflüsse der Grafen von Calw (mit der Seitenlinie der Grafen von Vaihingen), weiter Besitz des Klosters Herrenalb und der Grafen von Eberstein sowie der Grafen von Katzenellnbogen. Im späteren Mittelalter waren für das Enz-Pfinz-Gebiet sehr bedeutsam die Herren von Straubenhart im Gefolge der Grafen von Eberstein und die Straubenharter Nebenlinie der Herren von Schmalenstein. Bis zur württembergisch-ebersteinischen Fehde (1367-1374; Überfall auf Graf Eberhard II. von Württemberg [1344-1392] in Wildbad 1367, Reichsacht Kaiser Karls IV. [1346-1378] 1368, württembergisch-badische "Richtung" Karls IV. 1370, Öffnungsvertrage für die Burg Straubenhart 1370/74) verfügten Straubenharter und Schmalensteiner im Raum um Enz und Pfinz über großen Einfluss. Die Fehde führte hingegen letztlich zur Auflösung der Schmalensteiner Herrschaft (Verkäufe von Herrschaftsteilen 1382, 1411, 1413, 1435; württembergische Lehnsherrschaft 1414; Remchinger Lehngut 1446) und zum Ende der Straubenharter Herrschaft (Tod des Hans von Straubenhart v.1442, Verkäufe an Württemberg). In die besitz- und herrschaftsrechtlichen Positionen der Straubenharter und Schmalensteiner traten bis spätestens zur Mitte des 15. Jahrhunderts die Landesherren der Territorien Württemberg und Baden. Ihnen gelang die Einbeziehung des Enz-Pfinz-Gebiets in ihre Landesherrschaften durch Kauf und Übernahme der Herrschaftsrechte niederadliger (Ritter-) Familien (Zwing und Bann, Vogtei, Grundherrschaft, Dorfherrschaft einschließlich der Nieder- und Hochgerichtsbarkeit). Württemberg und Baden intensivierten in den Jahrzehnten an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert noch ihre Herrschaft; ein Austausch von Gütern und Rechten zwischen beiden Territorien gehört in die Jahre 1527/28 (Tauschvertrag). Zum Jahr 1527 stellt sich der Besitzstand im Enz-Pfinz-Gebiet wie folgt dar: Markgrafschaft Baden: Ortsherrschaft in Dennach (tw.), Dietlingen (tw.), Dobel (tw.), Ellmendingen, Langenalb, Oberniebelsbach (tw.), Pfinz (tw.), Rudmersbach (tw.), Schwann (tw.), Weiler (tw.), Grundherrschaft (tw.) dort und in Conweiler, Gräfenhausen, Obernhausen, Unterniebelsbach, Kirchenpatronat und Zehntanteile u.a. in Dietlingen, Gräfenhausen (tw.), Feldrennach (tw.), Ottenhausen (tw.), Rudmersbach (tw.); Grafschaft/Herzogtum Württemberg: Ortsherrschaft in Arnbach, Birkenfeld, Conweiler, Dennach (tw.), Dietlingen (tw.), Dobel (tw.), Gräfenhausen, Obernhausen, Oberniebelsbach (tw.), Ottenhausen, Rudmersbach (tw.), Schwann (tw.), Grundherrschaft (tw.) dort, Kirchenpatronat und Zehnte u.a. in Birkenfeld, Brötzingen, Feldrennach (tw.), Gräfenhausen (tw.), Oberniebelsbach (tw.), Ottenhausen (tw.), Rudmersbach (tw.), Schwann (tw.); niederadlige Schöner von Straubenhart: Ortsherrschaft (tw.) in Dennach, Dobel, Oberniebelsbach, Pfinz, Rudmersbach, Schwann, Weiler, Grundherrschaft (tw.) dort und in Langenalb, Kirchenpatronat (tw.) in Weiler, Zehnte (tw.) in Arnbach, Conweiler, Dennach, Dobel, Langenalb, Neusatz, Obernhausen, Pfinz; Kloster Herrenalb: Ortsherrschaft in Ittersbach, Neusatz, Rotenseol, Grundherrschaft dort und in Dobel (tw.), Kirchenpatronat in Ittersbach, Zehnte in Brötzingen (tw.), Birkenfeld (tw.), Ellmendingen (tw.), Ittersbach, Rotensol (tw.), Weiler; Kloster Frauenalb: Ortsherrschaft in Unterniebelsbach, Grundherrschaft (tw.) dort und in Conweiler, Feldrennach, Neusatz, Ottenhausen, Rudmersbach, Zehnte (tw.) in Ittersbach, Unterniebelsbach; Frauenkloster Pforzheim: Ortsherrschaft in Brötzingen, Grundherrschaft (tw.) dort und in Gräfenhausen, Zehnte (tw.) in Birkenfeld, Brötzingen, Weiler; Kloster Hirsau: Kirchenpatronat in Ellmendingen, Zehnte (tw.) in Ellmendingen und Weiler (tw. = teilweise). Zu den herrschaftlichen Rechten gehörten Wald- und Jagdgerechtigkeit (Waldgerechtigkeit als Holzgerechtigkeit [Holzeinschlag], Zufahrtsrecht, Holzgericht, Weiderecht; Jagdgerechtigkeit der Markgrafen von Baden und der Grafen von Württemberg [in zwei mittelalterlichen Jagdbezirken]), die Fischerei (Fischwasser), Geleit und Zoll (territoriale Überschneidungen beim Geleitsrecht [1472, 1516]; Neuenbürg als württembergische Zollstelle [Floßzoll, Wegzoll]). II. Das Gebiet zwischen dem Unterlauf der Nagold, der Enz und dem Hagenschießwald ist gekennzeichnet durch das Altsiedelland um Brötzingen und Pforzheim und durch das im Mittelalter neu erschlossene Gebiet des Strohgäus unter Ausschluss des Hagenschießes (Muschelkalk-Bundsandstein-Gebiet; -ingen/-heim-Ortsnamen des Altsiedellandes [Brötzingen, Heimsheim, Pforzheim], Rodungsorte [Hamberg, Hohenwart, Huchenfeld, Schellbronn]; Brötzingen und Merklingen als Urpfarreien; Heerstraße Cannstatt-Pforzheim). Im umschriebenen Raum hatten im hohen Mittelalter das Kloster Hirsau und die Grafen von Calw (bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts), dann (ab der Mitte des 12. Jahrhunderts) die Tübinger Pfalzgrafen und die Herren von Heimsheim Einfluss, Letztere besonders im Glemsgau; im Jahr 1263 stand Merklingen unter der Herrschaft des Grafen Gottfried [III.] von Calw. Die Herren von Steinegg (nachweisbar bis 1196) traten als dritte politische Kraft im Gebiet an unterer Nagold und Enz in Erscheinung; in deren Nachfolge wird seit dem beginnenden 14. Jahrhundert die Herrschaft der Herren von Stein zu Steinegg erkennbar (Steinegg, Heimsheim). Daneben sind im nördlichen Teil des betrachteten Gebiets die Herren von Kräheneck (11./12. Jahrhundert) und die Herren von Weißenstein (ab 1240) nachweisbar (Feldzug König Rudolfs I. [1273-1291] gegen Markgraf Rudolf I. von Baden [1242-1288] 1274). Die Herrn von Gemmingen (im Kraichgau) schließlich etablierten sich herrschaftlich-politisch durch Übernahme von Herrschaftsteilen der Herren von Stein zu Steinegg (1407) im Bereich des Hagenschießes, zudem u.a. in Heimsheim und Steinegg (1424/25). Den Gemmingern der Hagenschießer Linie gelang es im Verlauf des 15. Jahrhunderts und trotz der zollerisch-württembergisch-gemmingischen Fehde (1437-1440), den Raum an unterer Nagold, Enz und Hagenschieß weitgehend unter ihre Herrschaft zu bringen; die Auftragung (Verkauf) von Teilen des gemmingischen Besitzes als Lehen der badischen Markgrafen im Jahr 1439 hat dabei zweifelsohne die gemmingische Herrschaft (gegen württembergische Einflüsse) stabilisieren können. Als gemmingisches Gebiet können dann u.a. laut einem Lagerbuch von 1515 gelten: die Orte Büchenbronn, Dennjecht, Friolzheim, Hamberg, Hohenwart, Huchenfeld, Lehningen, Monakam, Mühlhausen, Münklingen, Neuhausen, Reichenbach, Schellbronn, Steinegg, Tiefenbronn, Weißenstein; das Dorf Friolzheim gelangte 1461 durch Verkauf an das Kloster Hirsau, in Heimheim dominierten die Grafschaft Württemberg und die Markgrafschaft Baden. Zu den Herrschaftsrechten der Gemminger gehörten Waldgerechtigkeiten, die Jagdgerechtigkeit um Heimsheim und Steinegg, das badische Fischrecht in der Würm, badisches Geleit im Gemminger Gebiet, der badische Zoll in Unterreichenbach. III. Das 14. und 15. Jahrhundert sah das Vordringen der großen Landesherrschaften von Baden und Württemberg im Raum am nördlichen Schwarzwald. Der (Nieder-) Adel hatte diesem Vordringen fürstlicher Macht wenig entgegenzusetzen (Schleglerkrieg 1395), (nieder-) adlige Herrschaften und Herren wurde in dei fürstlichen Territorien einbezogen (niederadlige Vögte als Vorsteher von Amtsbezirken, niederadlige Räte des Landesherrn; Bedeutung der Orts- und Grundherrschaft in den Siedlungen, von Kirchenpatronat und Klosterbesitz in den Dörfern). Es entstand somit im Pfinz-Enz- und Nagold-Enz-Gebiet im Zeitraum zwischen 1350 und 1530 eine württembergisch-badische Grenze, wie nicht zuletzt der Austausch von badischen und württembergischen Besitzungen und Rechten im Vertrag von 1527/28 zeigt. [Buhlmann, 03.2017]

Hofstadter, Douglas R., Gödel, Escher, Bach, ein Endloses Geflochtenes Band (= dtv 11436), München 1991 > H Hoffmann, Gödel'sche Unvollständigkeitssätze

Hogben, Lancelot (1960), Die Welt der Mathematik (= Hausbuch des Wissens in Bildern, Bd.6), Klagenfurt 1970 > H Stillwell, Mathematics

Hohkamp, Michaela (1998), Herrschaft in der Herrschaft. Die vorderösterreichische Obervogtei Triberg von 1737 bis 1780 (= MPIG 142), Göttingen 1998, 283 S., DM 62,-. Seit dem 13. Jahrhundert bildete sich die Herrschaft Triberg im mittleren Schwarzwald u.a. an der Straße vom Kinzigtal über Hornberg nach Villingen heraus. Herrschaftsträger waren die Herren von Ellerbach aus (Alt-) Hornberg, die Herrschaft Triberg war die obere Hornberger Herrschaft, entstanden aus einer Herrschaftsteilung am Beginn des 13. Jahrhunderts. Die Herren von Triberg starben mit Burkhard III. (†1325) aus. Zwischen 1325 und 1355 war die Herrschaft im Besitz der Grafen von Hohenberg. Danach wurde Triberg vorderösterreichisch, 1380 in eine Niedere und Obere Herrschaft geteilt und an verschiedene Pfandherren verpfändet. 1442 wurde die Teilung aufgehoben, die Verpfändung blieb aber weiter bestehen. U.a. waren das Kloster St. Georgen im Schwarzwald und die Grafen von Fürstenberg im 15. Jahrhundert Pfandherren. Politisches Zentrum der Herrschaft Triberg - der Name "Triberg" wird erstmals 1280 genannt - war die gleichnamige Burg, in deren Schatten sich der Ort Triberg ausbildete. Letzterer erhielt um die Mitte des 14. Jahrhunderts unter den Grafen von Hohenberg oder den habsburgischen Herzögen Stadtrecht, eine Markturkunde Erzherzogs Sigmund von Tirol (1439-1490/96) datiert auf den 30. April 1481. 1654 kauften die Bewohner ihre Herrschaft Triberg aus der Pfandschaft los. Das Territorium unterstand nun als vorderösterreichische Kameralherrschaft einem Obervogt. Es war gegliedert in Vogteien, wobei die Habsburger in den nördlichen Vogteien die Grund- und Gerichtsherrschaft, die Benediktinerklöster St. Georgen und St. Peter im Süden die Grund- und Leibherrschaft, die Habsburger hier nur die Schirmvogtei besaßen. Das Obervogteiamt hatte mit seiner Stellung zwischen der Freiburger Provinzialregierung bzw. österreichischen Landesherrschaft und den Triberger Untertanen wichtige Funktionen in der Gerichtsbarkeit (Konfliktbewältigung, Malefizprozesse, Besitz-, Erb- und Ehrstreitigkeiten), bei "Polizei" (öffentliche Ordnung, Markt, Zoll, Wald) und Steuer- und Abgabenerhebung (Grund-, Leib-, landesherrliche sowie Naturalabgaben) inne. Daher hatten sich die Obervögte - die Amtsträger Franz Meinrad (1737-1769) und Franz Joseph von Pflummern (1769-1777) sind hier zu nennen - gegen widerspenstige Untertanen einschließlich herrschaftlicher Konkurrenz in Form der Vögte und des Triberger Schultheißen zu wehren, mussten aber gleichzeitig loyal zum habsburgischen Landesherren stehen. Im Zusammenhang mit den Verwaltungsreformen der Kaiserin Maria Theresia (1740-1780) kam es 1767/68 zu Widerstand und Klagen der Untertanen, landesherrliche Herrschaftsintensivierung stand hier gegen Triberger Landstandschaft und ständische Politik. Auch bei der Einführung einer neuen Polizeiordnung hatte die Landesherrschaft wenig Erfolg (ab 1768). Dasselbe galt im Bereich der Wirtschaft bei der versuchten Einführung des Zunftzwangs in der Uhrmacherindustrie und der ebenso versuchten Gründung einer Leinwandfabrik, die vermutlich zu Einbrüchen beim Gewerbe der Strohflechterei geführt hätte. Die letzten Jahrzehnte der Triberger Herrschaft verliefen gerade unter dem Obervogt Alfons Huber (1795-1810) hinsichtlich der Konflikte zwischen Untertanen und Herrschaft friedlicher. Ende des 18. Jahrhunderts kam die Herrschaft Triberg in Folge der napoleonischen Neuordnung Südwestdeutschlands an das Herzogtum Modena, 1806 wurde es württembergisch, 1810 badisch. [Buhlmann, 10.2007]

Holland, Tom (2008), Persisches Feuer. Ein vergessenes Weltreich und der Kampf um Europa (= rororo 62666), Reinbek b.H. 22011, 463 S., Farbtafeln, Karten, Zeittafel, € 12,99. Als Kampf zwischen Ost und West, zwischen Despotie und Demokratie werden die Perserkriege griechischer Poleis gegen das Perserreich der Achämeniden (499-449, insbesondere 499-479 v.Chr.) öfters gedeutet. Episch breit und spannend stellt Holland dar: den Aufstieg der Perser zur den Alten Orient bestimmenden Großmacht (Meder, Lydien, Babylonien, Ägypten; Könige Kyros [559-529 v.Chr.], Kambyses [529-522 v.Chr.], (falscher?) Bardiya [522-521 v.Chr.], Dareios I. [521-485 v.Chr.]), die Entwicklungen in Sparta (Lykurg [spartanische Staatsform], Messenien [Heloten], Peleponnesischer Bund) und Athen (Solon, Peisistratiden [Tyrannis], Kleisthenes [Demokratie]), den ionischen Aufstand gegen den persisch-lydischen Satrapen Artaphernes (499-494 v.Chr.; Niederbrennung von Sardes 499, Seeschlacht bei Lade 494), die persische Strafexpedition des Datis und Artaphernes gegen Eretria und Athen (490 v.Chr.; Zerstörung Eretrias, Schlacht bei Marathon), das athenische Flottenbauprogramm des Themistokles und spartanisch-athenisches Bündnis, Feldzug des Perserkönigs Xerxes (485-465 v.Chr.) gegen Athen und Sparta (480 v.Chr.; Schiffsbrücke über dem Hellespont, Kanal durch das Athosvorgebirge, Schlacht bei den Thermopylen, Seeschlacht am Kap Artemision, Seeschlacht bei Salamis, Schlacht bei Himera [Gelon von Syrakus]) sowie des Mardonios (479 v.Chr.; Schlacht bei Plataia, Seeschlacht am Mykalegebirge). Die weiteren Ereignisse (attisch-delischer Seebund 477, Schlacht am Eurymedon 466, athenische Flottenexpedition gegen Ägypten 454, Friedensschluss zwischen Athen und Perserreich 449 v.Chr.) werden kurz skizziert. [Buhlmann, 02.2013]

Holland, Tom (2009), Millenium. Die Geburt Europas aus dem Mittelalter, Stuttgart 2009, 502 S., Farbtafeln, Karten, Zeittafel, € 29,95. Der geschichtliche Bogen spannt sich vom römischen Reich über das Frankenreich der Merowinger und Karolinger zur frühmittelalterlichen "Staaten"welt in Europa (deutsches Reich, Frankreich, England und Wikinger), in Byzanz (byzantinisches Reich) und im Islam (vom Nahen Osten bis Spanien). Der Zeit um das Jahr 1000 (Millenium) kommt dabei in den verschiedenen Kulturen und Religionen große Bedeutung zu, der Investiturstreit (1075-1122) im christlichen Europa führte zu einer Entkoppelung von Kirche bzw. Religion und "Welt" (Kirchenreform, Papsttum, Kreuzzüge). [Buhlmann, 05.2013]

Holland, Tom (2012), Im Schatten des Schwertes. Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreiches, Stuttgart 2012, 532 S., Farbtafeln, Karten, Zeittafel, Dramatis personae, Glossar, € 29,95. In seinem episch breit angelegten Werk erläutert Holland, wie sich im Übergang von (Spät-) Antike zum (byzantinisch-islamisch-europäischen) Mittelalter am Mittelmeer und weiter östlich die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam als alleinige Religionen (gegen Heidentum, christliche Häresien, zoroastrische Religion) durchsetzten. Im Schatten von oströmischem Reich der Kaiser Justinian I. (527-565) bis Herakleios (610-641) und Perserreich (Iranshar) der Sassanidenkönige Kavad (488-496, 498-531) bis Chosrau II. (590-628) unterhielten die Araber im geografischen Vorfeld von Syrien, Palästina und Zweistromland vielfältige politische, soziale und wirtschaftliche Beziehungen zu den beiden Großmächten der damaligen Zeit (Ghassaniden, Lakhmiden). Nicht zuletzt der verheerende römisch-persische Krieg (614-628/29) spiegelt sich so im Koran des arabischen Kaufmanns und Religionsstifers Mohammend (*570-†632,?) wider. Die durch den Krieg bewirkten politisch-wirtschaftlichen Veränderungen führten zur arabischen Eroberung der südöstlichen Provinzen des oströmischen Reiches (Syrien/Palästina 634/38, Ägypten 639/42) und zur Eroberung des Perserreiches durch die Araber (bis 650/51). Der Eroberung folgte die Ausformung der islamischen Religion unter dem omayyadischen Kalifen Muawija (661-680) und Abd al-Malik (685-705); es folgten der Rückbezug des Islam auf Mohammed (Mohammed-Biografien [u.a. des Ibn Ishaq bzw. Ibn Hisham], Hadithe und Sunna) und die Epoche des "klassischen" Islam unter den Abbasidenkalifen, die die Omayyaden stürzten (750) (Gründung Bagdads 762). [Buhlmann, 12.2012]

Holleger, Manfred (2005), Maximilian I. (1459-1519). Herrscher und Mensch einer Zeitenwende (= Urban Tb 442), Stuttgart 2005, 322 S., € 18,-. Der Sohn des habsburgischen Kaisers Friedrich III. (1440-1493) und der Eleonore von Portugal wurde am 22 Mai 1459 in Wiener Neustadt geboren. Seine Heirat mit der burgundischen Erbtochter Maria am 18. August 1477 in Gent brachte den Habsburgern - wenn auch erst nach den erfolgreichen Kämpfen Maximilians gegen Frankreich - den Großteil der burgundischen Erbmasse ein (Friede von Arras 1482; Vertrag von Senlis 23. Mai 1493). Die Wahl Maximilians zum deutschen König (16. Februar 1486) und seine Krönung in Aachen (9. April) machte den Sohn zum Nachfolger des Vaters im römisch-deutschen Reich. Nach dem Tod Friedrichs III. konnte zudem Maximilian I. alle habsburgischen Länder (Stammlande, Tirol, burgundische Territorien) in einer Hand vereinen. Die Heirat Maximilians mit der Mailänderin Bianca Maria (9. März 1494) ermöglichte es dem König, auch in Italien einzugreifen. Dort stieß er allerdings auf den Widerstand der französischen Könige Karl VIII. (1483-1498), Ludwig XII. (1498-1515) und Franz I. (1515-1547) sowie Venedigs. Die Italienpolitik endete in einem Fiasko (1515) und im Frieden von Brüssel (3 Dezember 1516). Immerhin brachte das Zusammengehen mit Papst Julius II. (1503-1513) für Maximilian den Titel eines "Erwählten Römischen Kaisers" (4. Februar 1508); alle deutschen Könige nahmen seither bei ihrer Königskrönung auch den Kaisertitel an. Im Reich machte auf dem Wormser Reichstag (7. August 1495) die Reichsreform dahingehend Fortschritte, dass ein Ewiger Landfriede, die Bildung eines Reichskammergerichts und die Erhebung eines Gemeinen Pfennigs beschlossen wurden. Trotzdem hielten die Unruhen in Deutschland an, z.B. mit den Schweizern, die nach dem Schwabenkrieg (1499) mit dem Frieden von Basel (22. September 1499) faktisch aus dem Reich ausschieden. Maximilian konnte sich aber im Landshuter Erbfolgekrieg (1504/05) erfolgreich durchsetzen (Schlacht bei Regensburg, 12. September 1504). Der Kölner Reichstag im Sommer 1505 sah dann den König auf dem Höhepunkt seiner Macht. In seiner Ostpolitik bemühte sich Maximilian weiter um den Erwerb der ungarischen und böhmischen Krone. Die Adoption des Prinzen Ludwig - dieser war der Sohn des ungarisch-böhmischen Königs Wladislaw (1471-1516) - und eine Doppelhochzeit regelten die habsburgischen Ansprüche auf beide Königreiche (20. Juli 1515). Der Kaiser starb am 12. Januar 1519 und wurde in Wiener Neustadt begraben. [Buhlmann, 11.1996]

Holzberg, Niklas (1990), Die römische Liebeslegie. Eine Einführung, Darmstadt 62015, 158 S., € 14,95 > Lateinische Literatur > L Liebeselegie, römisch

Holzberg, Niklas (2007), Ovids Metamorphosen (= BSR 2421), München 2007, 128 S., € 7,90. Ovid (Publius Ovidius Naso, *43 v.Chr.-†17 n.Chr.) war ein römischer Ritter und Dichter des augusteischen Zeitalters; im Jahr 8 n.Chr. wurde er von Kaiser Augustus (27 v.Chr.-14 n.Chr.) ans Schwarze Meer verbannt. Die Metamorphosen ("Verwandlungen") Ovids führen in 15 Büchern in Hexametern und durchaus als historisches Epos Verwandlungssagen von Göttern und Menschen auf. Sie beginnen mit der Entstehung der Welt aus dem Chaos und enden - in zeitlicher Reihung - bei Caesar und Augustus. Vgl. noch: Ovid, Metamorphosen. Lateinisch/Deutsch, übers. und hg. v. Michael von Albrecht (1994) (= RUB 1360), 1994, Nachdruck Stuttgart 2010, 1019 S., € 18,80; Ovid, Metamorphoses, hg. v. Ellen Hübner (2010) (= RUB 19781), Stuttgart 2010, 144 S., € 4,-. [Buhlmann, 09.2007, 09.2011]

Holzberg, Niklas (2010), Aristophanes. Sex und Spott und Politik, München 2010 > A Aristophanes

Homer, griechisch-antiker Dichter (?): I. Der altgriechische Dichter Homer bzw. die homerischen Epen anonymer Verfasser (homerische Frage) sind am Übergang von Oralität zu Literalität im archaischen Griechenland (8.-6. Jahrhundert v.Chr.) zeitlich verortbar (ca.700 v.Chr.). Die archaische Periode Griechenlands war eine Welt des Adels und adliger Kultur, in der Sänger über den Alltag herausgehobene Ependichtung in formelhafter mündlicher Überlieferung (oral poetry) präsentierten und somit für die adlige Kultur prägend und selbstvergewissernd waren. Die homerischen Epen "Ilias" und "Odyssee" sind Ausfluss eines Verschriftlichungsprozesses im 8./7. Jahrhundert v.Chr., der die Übernahme der phönizischen Alphabetschrift voraussetzt und eine schriftliche Fixierung bei literarischer Anordnung des Epenstoffs bewirkte. In den verschriftlichten Epen spiegelt sich damit die archaische Adelsgesellschaft. II. In der "Ilias" geht es um eine Episode aus dem Trojanischen Krieg, den "Zorn des Achill" im Streit zwischen Achill und Agamemnon und in cder kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Achaiern und Trojanern. Die "Odyssee" beschreibt das Schicksal der jahrelangen Irrfahrt des Odysseus vom zerstörten Troja in seine Heimat Ithaka. Rezeptionsgeschichtlich entfaltetem beide Werke als Weltliteratur eine breite Wirkung.
Zur "Ilias" und "Odyssee" s.: Homer, Ilias, übers. v. Johann Heinrich Voss (1793) (= RUB 249-253), Stuttgart 1962, 519 S., (DM 6,80); Homer, Ilias. Odyssee, übers. v. Johann Heinrich Voss (1781, 1793) (= dtv 6101), München 1979, 837 S., DM 14,80; Homer, Odyssee, übers. v. Roland Hampe (1979) (= RUB 280), Nachdruck Stuttgart 1982, 452 S., DM 7,60, zum (angeblichen?) Dichter Homer: Patzek, Barbara (2003), Homer und seine Zeit (= BSR 2302), München 2003, 127 S., Abbildungen, € 7,90. [Buhlmann, 04.2003, 07.2017]

Hopp, Detlef (Hg.) (1999), Stadtarchäologie in Essen, Bottrop-Essen 1999, 142 S., Karten, zahlreiche Abbildungen meist in Farbe, DM 24,-. Nach einleitenden Betrachtungen zur archäologischen Forschungsgeschichte in Essen und zur Essener Stadtarchäologie zwischen 1992 und 1998/99 führen Einzelberichte auf: paläolithischer Geweihhammer (Essen-Frohnhausen); mesolithisch-neolithischer Fundplatz (Essen-Fischlaken); germanische Siedlung des 5./6. Jahrhunderts (Essen-Burgaltendorf); frühmittelalterliche Alteburg (Essen-Heidhausen); mittelalterliche Bestattungen unter und beim Essener Münster (Essen-Zentrum); mittelalterliche Wasserburg Haus Berge (Essen-Bochold); mittelalterliche Stadtmauer und -graben zwischen Limbecker und Viehofer Tor (Essen-Zentrum); mittelalterliche Vryburg als Vorgängeranlage des Hauses Horst (Essen-Steele-Horst); mittelalterlich-frühneuzeitliche Stadtteiche im Osten der Stadt (Essen-Zentrum); spätmittelalterliche Stadtbefestigung (Essen-Werden); spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Funde (Essen-Werden); (Keramik-, Knochen-) Funde des 16./17. Jahrhunderts (Essen-Rellinghausen); Gehöft Lindemann des 17. Jahrhunderts (Essen-Steele); Nepomukstatue von 1739 (Essen-Karnap). [Buhlmann, 03.2000]

Hopp, Detlef (Hg.) (2008), Ans Tageslicht gebracht. Archäologie in der Essener City, Essen 2008, 149 S., Karten, Abbildungen auch in Farbe, € 14,90. Der Band vereinigt in sich Beiträge zur Archäologie und Geschichte des historischen Essener Stadtkerns von Petra Beckers, Cordula Brand, Brunhilde Gedderth, Detlef Hopp, Bianca Khil, Heinz-Josef Kramer, Ralf-Jürgen Prilloff, Udo Scheer, Elke Schneider.
Die Geschichte Essens reicht im Lichte der früh- und hochmittelalterlichen Friedhöfe in der Essener Innenstadt (Kettwiger Straße, Burgplatz) mindestens bis in die Merowingerzeit (6./7. Jahrhundert), vielleicht noch früher zurück (Brand, Hopp). Die Gründung der Essener Frauengemeinschaft (Frauenstift, um 850) brachte dann eine neue Qualität der Besiedlung, ablesbar u.a. an der inneren und äußeren Befestigung des Stiftsbezirks (Brand, Hopp) und der sich entwickelnden Essener "Kirchenlandschaft" (Gedderth). Neben dem Stift gab es eine Handwerker- und Kaufleutesiedlung, an Kirchen sind zu nennen: Münsterkirche (zunächst) als Pfarrkirche und als Kirche der Frauengemeinschaft (karolingerzeitlicher Bau des 9., ottonisches Westwerk des 10., gotische Hallenkirche des 13./14. Jahrhunderts; nördliche Kapelle, Kreuzgang, Atrium), Quintinskapelle, Johanneskirche (ursprünglich als Taufkapelle), St. Gertrudis (Marktkirche, vor 1054/58). Die Marktkirche (Leenen) verweist auf die im Verlauf des Hochmittelalters steigende Bedeutung der Siedlungskerne neben dem Stift, die sich zur Stadt entwickelten. Die ab 1244 errichtete Stadtbefestigung mit Graben, vier Zugangstoren und Türmen (Beschluss zum Mauerbau 1244, Limbecker Vortor 1418) (Brand, Hopp, Leenen) umfasste ein ummauertes Oval mit Frauenstift und Stadt. Hier arbeiteten in Spätmittelalter und früher Neuzeit Ackerbauern, Handwerker und Händler, ablesbar an der städtischen Infrastruktur mit ihren Häusern, Straßen und Wegen (Kettwiger Straße, Knüppeldämme), den kommunalen Bauten (Rathaus), den Brunnen und Kloaken (Wasserleitung unter dem Münster), den Märkten (Markt an St. Gertrudis, Flachsmarkt, Salzmarkt, Kornmarkt, Pferdemarkt), Mühlen (abteiliche Mühle, Gildehofsmühle, Overbergsmühle) (Brand, Hopp, Kihl, Schneider), den Kirchen und Klöstern (u.a. die Beginenkonvente "Im Kettwig", "Beim Turm", "Im Alten Hagen", "Im Dunkhaus", "Im Neuen Hagen", "Zwölfling" ab Ende des 13. Jahrhunderts) (Gedderth). Die Essener Stadtarchäologie trifft dabei immer wieder auf Spuren der Alltagsgeschichte (Knochen von Haus- und Wildtieren, Essens ältester Schlittschuh, Fischreuse, Münzen) (Brand, Hopp, Kramer, Prilloff, Schneider). Über die Stadtmauer hinausgehend prägte das Weichbild die Umgebung der Stadt (Landwehren, Schlagbäume, Richtstätten) (Leenen). Im 19. Jahrhundert verschwand dann infolge von politischen Umwälzungen und Industrialisierung das "alte" Essen, so dass vieles - wie etwa die Essener Stadtmauer - nur noch mit Hilfe der Archäologie und Geschichte erfahrbar wird.
Insgesamt geben die einzelnen Beiträge ein eindrucksvolles Bild ab von dem, was Stadtarchäologie im Zusammenspiel mit der Geschichtswissenschaft zu leisten vermag. [Buhlmann, 04.2011]

Horch, Caroline (2010), Königstuhl - Kaiserthron - Reliquiar. Forschungsgeschichte der Aachener sedes imperialis, in: AHVN 213 (2010), S.83-101. Keine historische oder archäologische Quelle belegt unmittelbar, dass der sog. Karlsthron auf der Empore der Aachener Marienkirche wirklich der marmorne Königstuhl Kaiser Karls des Großen (768-814) gewesen ist. So bleibt, auf die Ersterwähnung eines Thrones in der Res gestae Saxonicae des Widukind von Corvey zu verweisen und auf die weitgehende Überzeugung der historischen und kunsthistorischen Forschung hinsichtlich der (angeblichen?) Zuweisung der sedes imperialis an den Frankenherrscher. [Buhlmann, 03.2012]

Hotz, Walter (1981), Der Dom zu Worms, Darmstadt 1981 > J Jürgensmeier, Bistum Worms

Houben, Herbert (2008), Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Herrscher, Mythos, Mensch (= Urban Tb 618), Stuttgart 2008 > F Friedrich II. (von Hohenstaufen)

Houben, Hubert (2012), Die Normannen (= BSR 2755), München 2012 > N Normannen

Hoving, Thomas (1978), Der Goldene Pharao Tut-ench-Amun (= Knaur Tb 3639), München-Zürich 1980, 319 S., Schwarzweißabbildungen, Schwarzweiß-, Farbtafeln, DM 12,80 > T Tutanchamun

HS = Historische Studien

Hucker, Bernd Ulrich (1989), Innocenz III., Otto IV. und die Zisterzienser im Bremer Schisma (1207-1217), in: JbnsKG 87 (1989), S.127-143. Der deutsche Thronstreit (1198-1208) rief Schismen auf den Bischofs- und Erzbischofsstühlen des deutschen Reiches hervor (Hamburg-Bremen, Köln, Münster, Worms, Würzburg). Schon vor dem Thronstreit beförderten Interessen des staufischen Königtums im Bremer Erzbistum die Wahl des Dänen und Schleswiger Bischofs Waldemar (1192) gegen Erzbischof Hartwig II. (1184-1207). Doch konnte sich Waldemar nicht durchsetzen, so dass er nach dem Tode Hartwigs mit Unterstützung des staufischen Königs Philipp von Schwaben (1198-1208) nochmals zum Erzbischof gewählt wurde (1207), jedoch von Papst Innozenz III. (1198-1216) nicht anerkannt und exkommuniziert wurde (1208). Mit der Gegenwahl Burchards I. von Stumpenhausen (1208-1210), unterstützt vom Papst und (zunächst) vom welfischen König Otto IV. (1198-1218), war das Bremer Schisma komplett. Nach der Ermordung Philipps (1208) wurde Otto allgemein als Herrscher anerkannt und entzog Erzbischof Burchard I. seine Unterstützung, der alsbald zurücktrat (1210) und dem erwählten Erzbischof Gerhard I. von Oldenburg (1210-1219) Platz machte. Letzterer wechselte zwecks päpstlicher Anerkennung indes auf die staufische Seite, so dass Kaiser Otto, ebenfalls exkommuniziert, nun Waldemar unterstützte, diesem mit Hilfe Herzog Albrechts I. von Sachsen (1212-1261) den Zugang nach Bremen ermöglichte (1211) und seine Herrschaft im Erzstift wieder erneuern konnte (1212). In Bremen stützte sich Waldemar auf die Bürgerschaft und Teile der Ministerialität, in der Bremer Diözese auf die Stedingerbauern , die Angriffe gegen Stauferanhänger unternahmen (Kriegszug gegen den Grafen von Hoya 1213, Zerstörung der Burg Stotel 1214). Waldemar wurde allerdings 1217 aus Bremen vertrieben und trat als Mönch ins Zisterzienserkloster Loccum (neben dem Klostervogt Alard) ein, die Loccumer Zisterzienserniederlasssung in Bremen wurde von Mönchen und Geistlichen, Anhängern Waldemars, besetzt, die kaiserliche Machtstellung (und die des Reiches) im Bremer Erzstift war dahin. Stattdessen unterstützte u.a. die landsässige erzstiftische Ministerialität (Hermann von Bexhövede) das unter päpstlichem Schutz stehende Bremer Zisterzienserinnenkloster St. Katharinen (1216), an dessen Stelle 1225 ein Dominikanerkonvent St. Katharinen erscheint; bremische Beginen wohl in der Nachfolge der Zisterzienserinnenniederlassung durften die dominikanische Katharinenkirche für ihren Gottesdienst nutzen (1225/58); darüber hinaus sind Beziehungen der Bremer Dominikaner zum Zisterzienserinnenkloster Lilienthal feststellbar (Zisterze in Wollah [Bremen-Lesum], Bremer Zisterze St. Katharinen, Lilienthal). [Buhlmann, 08.2014]

Hucker, Bernd Ulrich (1990), Kaiser Otto IV. (= MGH. Schriften, Bd.34), Hannover 1990 > O Otto IV.

Hucker, Bernd Ulrich (2003), Otto IV. Der wiederentdeckte Kaiser (= it 2557), Frankfurt a.M.-Leipzig 2003 > O Otto IV.

  Hude, Zisterzienserkloster: I. Die Ermordung des aus dem Heiligen Land zurückkehrenden gräflichen Kreuzfahrers Christian von Oldenburg (*v.1167-†1192) im Jahr 1192 zog die Stiftung eines Benediktinerinnenklosters in Bergedorf (bei Hude) nach sich. Jedoch gaben die Nonnen nach wenigen Jahren auf (v.1201). Zisterziensermönche aus dem Kloster Mariental (bei Helmstedt), einem Filialkloster der Zisterze Altenberg, gründeten die geistliche Kommunität neu in Hude (1232; Kloster Rubus/Portus sancte Marie). Die Gründung ist in Zusammenhang zu sehen mit dem Aufstand der Stedinger Bauern, die von Graf Christian II. von Oldenburg (1209-1238) und Erzbischof Gerhard II. von Bremen (1219-1258) vehement bekämpft wurden (Übergriffe der Bauern auf das Kloster Hude, Stedingerkreuzzug 1233/34, Schlacht bei Altenesch 1234). Unterstützt von den Oldenburger Grafen und den Bremer Erzbischöfen, teilweise beaufsichtigt durch den Zisterzienserabt von Ihlow verfügte der Huder Mönchskonvent alsbald (u.a. durch Landschenkungen) über Besitz und Zehntrechte in der Umgebung; die Erschließung von Moorrandgebieten entlang der unteren Hunte vergrößerten den Umfang der meist zunächst in Eigenwirtschaft betriebenen Güter (Konverseninstitut, Konversenmeister). Klosterrechte und -besitz gab es u.a. in den Dörfern Lintel, Lockfleth, Nordkimmen, Steinkimmen und Vielstedt, klösterliche Stadthöfe in Bremen (1310), Wildeshausen (1319) und Oldenburg; wirtschaftlich bedeutend war das Vorwerk in Schwei; Leibeigene waren vom Kloster abhängig. Zudem wurde die Zisterze seit Graf Otto I. von Oldenburg (1209-1251) zur Grablege der Oldenburger Grafen (Oldenburger, Delmenhorster Linie); auch war die Klosterkirche Ort der Grablege des Bremer Erzbischofs Nikolaus (1422-1435) und für Personen aus dem niederen Adel der Umgebung. Klosterkirche und Klostergebäude waren um 1330 fertiggestellt. Der Huder Abt Nikolaus Surbeer (1463) vermittelte in einem Streit um die Teilung der Oldenburger Landesherrschaft zwischen den gräflichen Brüdern Gerhard (1440-1483) und Moritz IV. von Oldenburg (1463-1464). Das 15. Jahrhundert kann darüber hinaus angesehen werden als Zeit des geistig-religiösen Niedergangs der Mönchsgemeinschaft (Visitation 1446); über Reformversuche ist nichts bekannt. Hinzu kam die wirtschaftliche Ausbeutung des Klosters unter dem Bremer Erzbischof Heinrich von Schwarzburg (1463-1496), der auch Bischof von Münster (1466-1496) war und Schutzherr der Zisterze wurde (1482), als er sich gegen den Oldenburger Grafen Gerhard durchsetzte und die Grafschaft Delmenhorst dem Bistum Münster angliedern konnte. Alles in allem mündete unter dem Münsteraner Bischof Franz von Waldeck (1532-1553) der desolate Zustand der Zisterze in deren Aufhebung (1536) und den Abbruch von Klostergebäuden und Klosterkirche. 1547 setzte sich Graf Anton I. von Oldenburg (1526-1573) wieder in den Besitz der Delmenhorster Grafschaft, 1687 übertrug der dänische König Christian V. (1670-1699), auch er ein Oldenburger, das ehemalige Klostergelände und den umliegenden Besitz als Vorwerk mit Mühle und freiadliges Gut dem Delmenhorster Drosten und Jägermeister Kurt Veit von Witzleben (†1719) gegen eine jährliche Erbheuer. Im Besitz der Familie von Witzleben blieben das Huder Kloster bzw. dessen Reste seitdem. II. Die Ruine der Klosterkirche lässt noch den topografischen Aufbau der Zisterze erkennen: Südlich der Kirche schloss sich der Kreuzgang an, der wiederum von Kapitelsaal und Bibliothek sowie den Dormitorien und Refektorien (jeweils für die Mönche [Ostflügel] und Konversen [Westflügel]) umgeben war; ein Abthaus war zudem vorhanden, ebenso der Friedhof für die Mönche; Gästehäuser und Wirtschaftsgebäude (mit der Mühle) gehörten ebenfalls zu den Baulichkeiten des Klosters, das von einer inneren und äußeren Klostermauer (Klosterpforte, Mittelpforte, äußeres Tor) umfasst wurde. Am nördlich gelegenen äußeren Tor lagen die Pförtnerei und die Torkapelle, die um 1300 errichtete, zum Jahr 1330 erstmals erwähnte St. Elisabeth-Kirche (capella beate Elisabeth ante portam) für die Laien und pauperes. Unmittelbar außerhalb der äußeren Klosterummauerung befanden sich der Kammerhof und der Ziegelhof (Herstellung von Backsteinen für den Kirchenbau). Die Klosterkirche (als Marienkirche) war ein frühgotischer Backsteinbau der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, stilistisch verwandt mit den Zisterzienserkirchen in Loccum, Riddagshausen und Walkenried. Sie war ein dreischiffige gewölbte Basilika mit nur wenig herausragendem Querschiff und geradem Chor. Die heute noch erhaltene Südwand des Mittelschiffs zeigt eindrucksvoll eine horizontale Dreigliederung in Reihen von Spitzbogenarkaden, Triforien und Obergadenfenstern, u.a. verziert mit Heils- und Dämonensymbolen (Masken von Tier-, Menschenköpfen). Erhalten haben sich auch der Nordostecke der Klosterkirche sowie Teile des Nordabchlusses des Querhauses. Die Elisabethkirche ist eine einfache Saalkirche, die sich durch eine vielfältige Innenbemalung (Christus als Weltenrichter, heilige Katharina, heilige Elisabeth, Jonas und der Wal, Bischof Martin und der Bettler, Adam und Eva im Paradies, Vogeldarstellungen) auszeichnet (ca.1300). Eine Figurengruppe, die den heiligen Georg und den Drachen darstellt, stammt aus dem späten 15. Jahrhundert, das Kreuz mit Christusfigur vor dem Altargewölbe aus derselben Zeit; die Kanzel der (protestantischen) Kirche geht auf das Jahr 1672 zurück. Am beeindruckendsten ist indes der Huder Altar mit seinen 24 Bildfeldern zur Heilsgeschichte Jesu Christi (ca.1300).
An Literatur zum Kloster Hude seien genannt: Backenköhler, Reiner [o.J.], St. Elisabeth-Kirche in Hude, o.O. o.J., [12] S., Farbabbildungen, € 2,-; Stöver, Krimhild (1997), Kloster Hude (= Der historische Ort, Nr.37), Berlin 22003, 26 S., Abbildungen, Pläne, € 2,60. [Buhlmann, 09.2017]

Hübner, Erika [o.J.], Zur Chronik des Hauses Walter Linder. Eine familiengeschichtliche Erinnerung in Wort und Bild an das frühere Kaiserswerth (= Heimatkundliches in und um Kaiserswerth, Nr.13), [Düsseldorf-Kaiserswerth] o.J. > H Heimatkundliches in und um Kaiserswerth

Hülsen-Esch, Andrea von (Hg.) (2005), Inszenierung und Ritual in Mittelalter und Renaissance (= SH 40), Düsseldorf 2005, 322 S., € 25,80. I. Um die Disputation als Wissensvermittlung, Dialog und inszenierte und ritualisierte Lehrveranstaltung im Bereich der mittelalterlichen Scholastik geht es bei Christoph Kann, Inszenierung von Wissen und Ritual der Vermittlung. Zur mittelalterlichen quaestio disputata und ihrer Kritik. II. Das Auftreten des Hässlichen (Menschen) neben dem Schönen in der mittelalterlichen höfischen Literatur (Arturroman, Eneasroman Heinrichs von Veldeke [Sibylle, Charon, Cerberus], Gregorius des Hartmann von Aue, Iwein Hartmanns von Aue [Waldmensch], Parzival Wolframs von Eschenbach [Kundrie]) und die Bedeutung und Funktion des solcherart inszenierten Hässlichen als Gegenbild und Ergänzung zum Schönen (komplexes Menschenbild) schildert Barbara Haupt, Die Inszenierung von Hässlichkeitin der höfischen Literatur. III. Die Bedeutung der Architektur in der beginnenden Gotik, Abt Suger und den Chor von St. Denis hat zum Inhalt Jürgen Wiener, Architektur als inszenierte Geschichte: Saint-Denis im Lichte der Kunstwissenschaft. IV. Inszenierung und Ritual bestimmten nicht nur nach Johannes Laudage, Die Bühne der Macht. Friedrich Barbarossa und seine Herrschaftsinszenierung, die Herrschaftsdarstellung des Stauferkaisers in der Kriegergesellschaft seiner Zeit (Königtum und Adel, Kommunikation als Demonstration, religiös-kirchliche Grundlagen von Königsherrschaft). Neben den "Spielregeln der Macht" (Kommunikation, Inszenierung, Ordnungsrituale) war Friedrich Barbarossas Herrschaftshandeln - über die Inszenierung der kaiserlichen Ehre hinaus - auch vielfach bestimmt vom religiös-sakralen Umfeld der Harrschaftsausübung (staufisches Königtum und himmlisches Königreich) sowie von den Leitlinien mündlicher (Kriegeradel) und schriftlicher Gesellschaft (Kirche und Bildung). V. Stefan Weinfurter, Das Ritual der Investitur und die 'gratiale Herrschaftsordnung' im Mittelalter, stellt die Gnade des deutschen Königs in den Mittelpunkt der Überlegungen. Königliche Investitur (als inszeniertes Ritual) war dabei die Einweisung einer Person in Besitz, Amt oder öffentliche Stellung, eingebunden in eine Konsens stiftende königliche Herrschaft, die der Gnade (gratia) des Herrschers eine grundlegende Rolle zuwies (Gnade als Ausdruck des Herrschens, Gnade als Ehre, Gerechtigkeit und Zwangsinstrument des Regierens [Huld, Huldentzug], Investitur mit einem königlichen Amt als Gnade). Dies galt bis zum Investiturstreit (1075-1122), der wesentlich zu einem Wandel der Königsherrschaft ("Entsakralisierung" des Königtums, Wormser Konkordat 1122). Das Auseinandertreten von kirchlicher und weltlicher Sphäre bedingte bei der königlichen Bischofsinvestitur, dass die Kirchenoberen nur mehr in einem feudalen Rechtsverhältnis zum Herrscher standen. Feudalisierung und Lehnswesen, aufkommend im 12. Jahrhundert, bewirkten nun eine mit dem Investiturakt verbundene Rangabstufung und verstärkte Unterordnung, das gratiale Element von Herrschaft trat zunehmend zurück, Ehre und Gnade traten auseinander. Die Investitur z.B. als Lehnsakt zwischen König (sowie Kurfürsten) und Fürsten war im späten Mittelalter ein verrechtlichter Vorgang, inszeniert und ritualisiert durch Gesten und Symbole, angepasst an neue Ordnungsvorstellungen von Herrschaft und Gesellschaft. VI. In die osteuropäische Geschichte und das Verhältnis der russischen Großfürsten und Fürsten zum Mongolen- und Tartarenkhan (1223-1480; Unterordnung und Tributleistung) führt ein Hans Hecker, Khan und Großfürst. Inszenierung und Ritual der Begegnungen. VII. Das Königreich Neapel im Humanismus beleuchtet an Hand der Ausgestaltung von Grabmälern und Familienkapellen Tanja Michalsky, Seggi und sediali. Zur Inszenierung adeliger Repräsentattion in neapolitanischen Familienkapellen um 1500. VIII. Raum und Herrschaft wurden nach Achim Landwehr, Das Territorium inszenieren. Der politische Raum im frühneuzeitlichen Venedig, jenseits der Kartografie und abseits der Kenntnis einer genauen Grenze inszeniert und erfasst durch schriftlich niedergelegte Landbeschreibungen, so erkennbar im Essatissima Discrettione del Friuli des Giulio Savorgnan (1591) als Register und Überblick von Orten innerhalb des venezianischen Territoriums (in Abgrenzung zum habsburgischen Herrschaftsbereich) oder an den Reisen einer venezianischen Grenzkommission unter Marcantonio Barbaro (1583/84) als Bewegung, herrschaftliche Durchdringung und punktuelle Inszenierung im Raum. IX. Uwe Baumann, Die Inszenierung von Herrscher und Herrschaft in der Öffentlichkeit der Tudor- und Stuartzeit, beschäftigt sich mit der Darstellung und Inszenierung von Herrschaft bei den englischen Herrschern Heinrich VII. (1485-1509), Heinrich VIII. (1509-1547), Elisabeth I. (1558-1603) und James I. (1603-1625) (Rittertum, Artuskult). X. Barbara Stollberg-Rilinger, Knien vor Gott - Knien vor dem Kaiser. Zum Ritualwandel im Konfessionskonflikt, nimmt die Unterwerfung protestantischer Fürsten und Herrschaftsträger vor Kaiser Karl V. (1519-1558) nach dem Schmalkaldischen Krieg (1546/47) zum Anlass, um auf das konfessionell unterschiedlich bewertete Deditionsritual des Kniens vor dem Kaiser hinzuweisen und auf dessen massiven Wandel im Zeitalter der Konfessionalisierung hinzuweisen. XI. Vittoria Borsò, Ritual und Inszenierung im spanischen Barock, spürt dem politischen und ideologischen Klima im Spanien des 16. bis 18. Jahrhunderts (Manierismus, Barock) nach (Weltmission und Gegenreformation, Malerei des Barock). [Buhlmann, 09.2012]

Hüsing, Augustin (1878), Der heilige Liudger, erster Bischof von Münster, Apostel der Friesen und Sachsen, Münster 1878 > L Liudger

Hüttemann, Arno (Hg.) (2010), Pompejanische Inschriften. Lateinisch/Deutsch (= RUB 18769), Stuttgart 2010, [13], 235 S., € 7,- > Lateinische Literatur > P Pompejanische Inschriften

Hugshofen, Benediktinerkloster im Elsass: Hugshofen war ein elsässisches Benediktinerkloster, gegründet im Jahr 1000, aufgelöst während der Reformation. Das Kloster Hugshofen im oberelsässischen Weilertal (bei Schlettstadt) soll im Jahr 1000 durch Werner von Ortenberg und dessen Ehefrau Himiltrud, die ältesten überlieferten Mitglieder der Familie von Hirrlingen, gegründet worden sein. Nichts erfährt man aus den der Gründung folgenden Jahrzehnten über die Benediktinergemeinschaft in Hugshofen. Erst zum Jahr 1061 treten das Kloster und die Stifterfamilie wieder in Erscheinung. Folmar (von Hirrlingen), der Sohn Werners und der Himiltrud, übergab zusammen mit seiner Ehefrau Heilicha das Kloster der Straßburger Domkirche unter Bischof Hermann (1048-1065). Hugshofen wurde damit ein Eigenkloster der Straßburger Bischöfe. Über die Verbindungen der Hirrlinger, der Hugshofener Klostervögte, mit der Mönchsgemeinschaft St. Georgen im Schwarzwald - Ulrich (I.) von Hirrlingen (†1123) hatte die Witwe des 1094 verstorbenen St. Georgener Klostervogts Hermann geheiratet - nahm Hugshofen kurz oder um das Jahr 1110 an der St. Georgener Klosterreform teil und wurde von Abt Theoger von St. Georgen (1088-1119) reformiert, mit Konrad wurde ein Reformabt vom Kloster [[Hirsau]] eingesetzt. Das erste Papstprivileg, das des Papstes Calixt II. (1119-1124), ist eine Bestätigung der Güter und Rechte des Klosters. Die auf die Jahre 1122/24 zu datierende Urkunde wurde auf Veranlassung der lothringischen Gräfin Adelheid, einer Verwandten der Hirrlinger, aufgesetzt und bestimmte neben anderem die Exemtion des Klosters von der Gewalt des Straßburger Bischofs. Diese Bestimmung, ergänzt um den Schutz des engeren Klostergebietes vor aller bischöflichen und weltlich-vogteilichen Einflussnahme, ist indes so außergewöhnlich, dass das Papstprivileg nur eine Fälschung, und zwar des 13. Jahrhunderts, sein kann. Dies wird ersichtlich, wenn man das Calixt-Privileg mit den Inhalten einer Urkunde Papst Innozenz' II. (1130-1143) vom 10. Juni 1135 vergleicht. Hier wird Hugshofen lediglich dem päpstlichen Schutz unterstellt vermittels der libertas Romana, der "römischen Freiheit", wie man sie auch vom Kloster St. Georgen her kennt. Der Text der echten Innozenz-Urkunde gibt damit den richtigen verfassungsmäßigen Status der elsässischen Abtei wieder, lediglich bei der im Privileg aufgeführten Besitzliste ist es später zu Rasuren und Manipulationen gekommen. Derselbe Fälscher, der die Calixt-Urkunde niederschrieb, stellte auch die angebliche Kaiserurkunde des deutschen Herrschers Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) vom 24. Oktober 1162 her. Eine an das Kloster Hugshofen auf 1140/52 zu datierende Güterschenkung der Judinta, der Ehefrau Graf Albrechts II. von Habsburg (1096-1140), macht wahrscheinlich, dass Judinta eine Schwester Ulrichs (II.) von Hirrlingen (†1152) gewesen war und Ulrich der Hugshofener Klostervogt. Die Stifterfamilie und ihre Erben konnten sich als Vögte aber auf Dauer nicht behaupten. Spätestens um 1200 hatten die Grafen von Hohenberg die Vogtei über das Kloster neben anderen ehemals hirrlingischen Positionen inne. Zudem war die Mönchsgemeinschaft im 12. Jahrhundert ein benediktinisches Reformkloster, das spätestens 1135 mit der "römischen Freiheit" begabt worden war. Damit zusammenhängend versuchte die Kommunität, die ja auch bischöfliches Eigenkloster war, den Einfluss von Bischof und Vogt einzuschränken. Die beiden gefälschten Urkunden des 13. Jahrhunderts zeigen, dass das Problem der Beziehungen zwischen Kloster, Bischof und Vogt damals noch virulent war. Vielleicht hängen die Urkundenfälschungen mit dem Übergang der Klostervogtei an die Grafen von Habsburg (um 1258) zusammen. Hugshofen geriet jedenfalls in den Sog der habsburgischen Landesherrschaft. Im 15. und 16. Jahrhundert mehrfach verwüstet, wurde das Kloster im Zeitalter der Reformation aufgelöst. Bis 1782 stand immerhin noch die ("merkwürdige") Klosterkirche, ein romanischer Zentralbau, ein Rundbau mit angeschlossenem rechteckigen Chor, kegelförmigem Dach und polygonalem Oberbau.
An Literatur zum Kloster Hugshofen seien genannt: Buhlmann, Michael (2005), Die Herren von Hirrlingen und das Kloster St. Georgen im Schwarzwald (= VA 15), Essen 2005; Hirsch, Hans (1929), Urkundenfälschungen der Klöster Hugshofen und Murbach, in: MIÖG Ergbd. 11 (1929), S.179-192; Wollasch, Hans-Josef (1984), Die Benediktinerabtei St. Georgen im Schwarzwald und ihre Beziehungen zu Klöstern westlich des Rheins, in: 900 Jahre Stadt St. Georgen im Schwarzwald 1084-1984. Festschrift, hg. v.d. Stadt St. Georgen, St. Georgen 1984, S.45-61. [Buhlmann, 02.2005, 12.2014]

Humann, F[ranz] Ant[on] (1871), Das Stift Rellinghausen, in: ZBGV 7 (1871), S.61-74 > R Rellinghausen

Humpert, Klaus, Schenk, Martin (2001), Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Das Ende vom Mythos der "Gewachsenen Stadt", Darmstadt 2001, 389 S., zahlreiche Farbabbildungen, -pläne, -karten, 1 CD-ROM, € 27,90. Hochmittelalterliche "Gründungsstädte" und Stadterweiterungen - allen voran die "Zähringerstädte" Freiburg im Breisgau, Offenburg, Villingen, aber auch betreffend Städte wie Esslingen, München, Rottweil, Siena, Speyer - zeichneten sich durch eine geometrisch-topografische Stadtplanung aus (Gründungsachsen [und "Zähringerkreuz"], Basisrechteck, Streifen und Gitterstruktur [Hofstätteneinteilung], Bogenkonstruktionen, Straßengabelungen und Straßenfächer, Stadtbäche). Für das Mittelalter war im 11./12. Jahrhundert die Stadtplanung als Planung des Stadtgrundrisses neu. Sie orientierte sich an Standardkonstruktionen, wie sie aus der Geometrie und Architektur von Bauwerken (Kirchen) und Klosteranlagen (St. Galler Klosterplan, Kloster Hirsau) sowie aus Konstruktionen mittelalterlicher Miniaturen in Büchern bekannt waren. Die Einmessung des Stadtgrundrisses soll dabei im Rahmen eines ritualisierten Stadtgründungsvorgang stattgefunden haben (Absicherungsrituale, Einpflügen des Stadtgrundrisses). [Buhlmann, 03.2002]

Hunink, Vincent (Hg.) (2011), Glücklich ist dieser Ort! 1000 Graffiti aus Pompeji. Lateinisch/Deutsch (= RUB 18842), Stuttgart 2011, [5], 370 S., € 10,80 > Lateinische Literatur > P Pompejanische Graffiti

Huschner, Wolfgang, Rexroth, Martin (Hg.) (2008), Gestiftete Zukunft im mittelalterlichen Europa. Festschrift Michael Borgolte, Berlin 2008, VIII, 400 S., € 14,80. I. Das Christentum (Taufe) spielte bei der Eingliederung germanischer Völker in den Grenzgebieten des spätantiken Imperium Romanum bzw. oströmischen Reiches (4.-7. Jahrhundert) eine gewisse Rolle, wobei Grenze/Grenzregion die räumliche Ausformung zwischen (soziologisch verstanden) unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften meint, das Christentum grenzbildend und -überschreitend wirkte (Ansiedlung der Westgoten [ab 376]; Kaiser Justinian I. [527-565], Christentum und arianische Völker; Kaiser Herakleios I. [610-641] und christliche "Universalmission") (Stefan Esders, Grenzen und Grenzüberschreitungen. Religion, Ethnizität und politische Integration am Rande des öströmischen Reiches (4.-7. Jh.)). II. Der isländische Kirchenmann Nikulás Bergsson (†1158/59/60) unternahm zwischen 1149 und 1154 eine Pilgerreise (über Deutschland, Norditalien) nach Rom und (über Unteritalien) nach Jerusalem. Von seiner Reise berichtete er in einem isländischen Pilgerführer nach seiner Rückkehr nach Island (1154) und als Abt des Klosters Munkalþverá (1155-1158/59/60) (Dominik Waßenhoven, "Dort ist die Mitte des Welt". Ein isländischer Pilgerführer des 12. Jahrhunderts). III. Holstein (Nordalbingien) zwischen Elbe und Eider, Nord- und Ostsee war im Mittelalter eine "Grenzregion", die von unterschiedlichen politischen (Frankenreich/deutsches Reich, Dänemark), kulturellen und religiösen Kräften (Christentum, Heidentum) geformt wurde mit dem Resultat einer "pluripolaren 'frontier area'" mit 'frontier society' und auseinanderfallenden, sich überlagernden politischen, kulturellen und religiösen Grenzen (Jan Rüdiger, Holstein als 'Frontier'. Zur Europageschichte einer Landschaft). IV. Die Bettelorden, insbesondere die Dominikaner, bedienten sich im 13. Jahrhundert der Zwangspredigt und Zwangsdisputation bei der zu erzwingenden Konversion von Juden zum Christentum (Zwangsdisputationen der 1230er-Jahre [Provence], konvertierte Juden als Dominikanermönche, Disputationen von 1240 [Paris] und 1263 [Barcelona]). Apostaten und (vermeintliche) jüdische Unterstützer sahen sich dabei alsbald (1270er-Jahre) Verfolgung und Inquisition ausgesetzt (iberische Halbinsel, Frankreich, Süditalien; nur teilweise Unterstützung der Inquisitoren durch die weltliche Gewalt [Rechte der jeweiligen Herrscher an den Juden, Judensteuern]) (Benjamin Scheller, Die Bettelorden und die Juden. Mission, Inquisition und Konversion im Südwesteuropa des 13. Jahrhunderts: Ein Vergleich). V. Mongolensturm (1241) und Fall Konstantinopels (1453) kamen für die Weltsicht der mittelalterlichen Dominikanermönche unerwartet, d.h.: die Welt musste neu gedeutet, durch (auch damals nicht unumstrittene) Deutungen neu schematisiert werden, was in der jeweiligen Folgezeit durch Akte "produktiver Zerstörung" geschah (Juliane Schiel, Der Mongolensturm und der Fall Konstantinopels aus dominikanischer Sicht. Das Prinzip der produktiven Zerstörung in drei Akten). VI. Die Reformation des preußischen Ordensstaats (1525) machte aus einem in katholischer Zeit (15. Jahrhundert) eher christlich-synkretistisch bewerteten Brauch die heidnische "Bockheiligung" der Prußen, wie sie in den evangelischen Landesordnungen des 16. Jahrhunderts erscheint (Michael Brauer, Die Reformation in Preußen und der heilige Bock). VII. Der Trojastoff (Trojanischer Krieg) fand als mythisch-reale Vergangenheit im europäischen Mittelalter große Verbreitung von der römischen zur fränkischen Trojalegende, über städtische Gründungsgeschichten bis zu Trojaromanen. Dabei wurden dem Erzählkern um Troja (Belagerung, Eroberung, Flucht trojanischer Helden, trojanische Neugründungen) immer wieder neue "Mytheme" (Möglichkeiten) angelagert; der Mythos "Troja" erweist sich damit als ungemein produktiv und vielgestaltig, weit abseits von einer erstarrten Erzählung (Kordula Wolf, Troja und Europa. Mediävistische Mythosforschung im Visier). VIII. Der Chronograph von 354 erfreute sich in der Karolingerzeit Beliebtheit, wie eine Teilabschrift des Reichenauer Mönchs und Abtes Walahfrid Strabo (842-849) zeigt. Walahfrid als einer der Erzieher des späteren westfränkisch-karolingischen Königs Karl II. (840/43-877) könnte nun das Interesse Karls auf chronologisch-anniversarische Fragen (Natales Caesarum) gelenkt haben, so dass Karl als Herrscher und eifriger Stifter von Anniversarien für Tote (Gedächtnismähler [refectiones, prandia]) und auch Lebende ebenso an Ereignisse seines Lebens (Geburtstage von Mitgliedern der königlichen Familie, Herrschaftsbeginn) anniversarisch erinnerte. Karl begründete damit eine Tradition der Erinnerung, die so auch bei anderen spätkarolingischen Herrschern (Ludwig II. der Stammler, Karl III. der Dicke, Arnulf von Kärnten), bei ottonischen und salischen Königen zu finden ist (Wolfgang Eric Wagner, Walahfrid Strabo und der Chronograph von 354 (oder: Wie Karl der Kahle darauf kam, Anniversarien für seinen Geburtstag zu stiften)). IX. Die sächsischen Frauenklöster, die wie Neuenheerse (868), Metelen (889), Möllenbeck (896) oder Quedlinburg (936) ins 9. oder 10. Jahrhundert zurückreichen, waren in erster Linie Stiftungen von Adligen oder Adelsfamilien, Stiftungen, die mitunter "eigenkirchliche" Charakteristika (Möllenbeck: Familienbesitz und -abbatiat, Quedlinburg: Äbtissinneneinsetzung etwa der Mathilde, der Tochter König Ottos des Großen) aufwiesen (Claudia Moddelmog, Stiftung oder Eigenkirche? Der Umgang mit Forschungskonzepten und die sächsischen Frauenklöster im 9. und 10. Jahrhundert). X. Das 963 durch Kaiser Nikephoras Phokas (963-969) gegründete Athoskloster Megisti Lavra und das 964/66 durch den angelsächsischen König Edgar (957/59-975) gegründete, an die Stelle einer 901 gestifteten Kanonikergemeinschaft tretende Benediktinerkloster New Minster in Winchester zeichnen sich durch die ihnen durch den Stiftungsakt zugestandene Unabhängigkeit nach außen und innen aus, Resultat von Überlegungen der Stifter hinsichtlich der Bestandssicherung "ihrer" Klöster, Ausfluss von neuen Organisationsformen in Kirche und Welt, von Reformen in der Kirche (Tim Geelhaar, Stiftung und Innovation. Das Kloster Megistri Lavra auf dem Berg Athos und das New Minster, Winchester, im transkulturellen Vergleich). XI. Im sog. Kopialbuch A der Goslarer Kanonikergemeinschaft St. Simon und Juda(s) findet sich eine ungeordnete Jahrtagliste, ein lateinisches Totenregister vom beginnenden 14. Jahrhundert. Aus diesem Verzeichnis von Wohltätern des Stifts geht dann hervor, dass es der geistlichen Gemeinschaft im späteren Mittelalter gelang, die von Kaiser Heinrich III. (1039-1056) bei der Stiftsgründung zugewiesene Grundausstattung an Gütern durch eine "Anlagerung" von weiteren Stiftungsgütern von Kanonikern, Adligen oder Bürgern auszuweiten. Von einer Krise der Gemeinschaft wegen fehlender Präsenz des Königtums in Goslar kann für das 13. Jahrhundert (und darüber hinaus) also keine Rede sein (Tillmann Lohse, Das Stift und seine Stifter. Überlegungen zur Jahrtag-Liste aus dem sog. Kopialbuch A der Kanoniker von St. Simon und Judas in Goslar). XII. Der französische Jurist Pierre Dubois (*ca.1250/60-†n.1320) stellte in seiner utopischen Hauptschrift De recuperatione Terre Sancte (ca.1300) (durchaus divergierende) Pläne zur Wiedergewinnung des Heiligen Landes vor (Fall von Akkon 1291, Eroberung und Besiedlung des Heiligen Landes; Heilig-Land-Stiftung aus beschlagnahmten Vermögen, aus Gütern der Ritterorden, aus Gütern verstorbener Kleriker [subsidium, provisio]) (Frank Rexroth, Pierre Dubois und das Projekt einer universalen Heilig-Land-Stiftung). XIII. Fürst Heinrich II. der Löwe von Mecklenburg (1287/1302-1329), bekannt durch seine aggressive Territorialpolitik, beschritt zusammen mit seiner Frau Anna von Sachsen-Wittenberg (†1327) ab 1323/24 den schwierigen Weg der Gründung eines Klarissenklosters in Ribnitz, wobei die Ausstattung der Kommunität, die Übertragung der Ribnitzer Pfarrkirche und die päpstliche Bestätigung der Stiftung die nur wirtschaftlichen Grundlagen des Klosters bildeten. Erst nach dem Tod Heinrichs II. konnte dann die Klosterkirche geweiht werden (1330), die Nonnen nach vertraglich überwundenem Widerstand des Ribnitzer Stadtrates eingeführt werden (1329/30). Das Kloster konnte trotz weiterer Konflikte mit der Stadt ab den 1330er/1340er-Jahren seine Stellung in Ribnitz festigen (Wolfgang Huschner, Die Gründung des Klarissenklosters Ribnitz (1323/24-1331). Eine landesherrliche Stiftung gegen städtischen und weltgeistlichen Widerstand). XIV. Dem christlichen Grundgedanken einer allgemeinen caritas zum Trotz gab es im gesamten abendländischen Mittelalter Familienstiftungen, die Mitglieder der stiftenden Familien begünstigten. Der Kirche gelang es im Verlauf des Mittelalters immer mehr, die stiftenden Familien aus den Stiftungen herauszudrängen (Ralf Lusiardi, Familie und Stiftung im Mittelalter. Einige komparative Bemerkungen zum christlich-abendländischen Kulturkreis). [Buhlmann, 01.2014]

  Huth, Volkhard (1989), Donaueschingen. Stadt am Ursprung der Donau. Ein Ort in seiner geschichtlichen Entwicklung, Sigmaringen 1989, XII, 292 S., Farbtafeln, Karten, Pläne, Gemarkungsplan, DM 19,95. Donaueschingen liegt am Übergang vom Schwarzwaldvorland (im Westen) zur Riedbaar (im Osten) an Brigach und Donauquelle in einer Höhe von rund 693 m (über NN). In römischer Zeit befand sich im nah benachbarten (römischen Kastell) Hüfingen der Kreuzungspunkt zweier wichtiger Straßen. In und um Donaueschingen bezeugen archäologische Funde die Anwesenheit von Menschen seit dem Neolithikum. Für die römische Zeit ist die Rolle des Hüfinger Römerkastells bedeutsam, während die ersten drei nachchristlichen Jahrhunderte in Donaueschingen kaum Spuren hinterließen, so dass der Ort weitgehend unbesiedelt gewesen sein muss. In der Alemannenzeit änderte sich indes das Bild. Zwei große alemannische Reihengräberfriedhöfe bei Donaueschingen bezeugen die Existenz von Siedlungen: das in die 2. Hälfte des 6. und in das 7. Jahrhundert zu datierende Gräberfeld "Beim Tafelkreuz", und der Friedhof auf der Flur "Auf dem alten Morgen" aus dem Anfang des 7. Jahrhunderts. Donaueschingen wird als Esginga in einem Diplom des ostfränkischen Königs Arnulf (887-899) Arnulfs vom 5. Juni 889 zum ersten Mal erwähnt; Arnulf verschenkte dortiges Königsgut an das Kloster Reichenau, das somit zum bedeutendsten Grundbesitzer am Ort wurde. Der Ortsname Tunoweschingen (1292) verweist wohl auf die Donauquelle. Vielleicht schon ab der Mitte des 13. Jahrhunderts, jedenfalls im 14. und 15. Jahrhundert sind die Herren von (Donau-) Eschingen, Gefolgsleute und Ministerialen der Grafen von Fürstenberg, bezeugt. Ihre Verwandten, die Herren von Blumberg und die von Blumeneck, verfügten im 14. und 15. Jahrhundert zeitweise in Folge von Verpfändung über den Reichenauer Kelnhof. Dieser kam 1482 an den Ritter Diepold von Habsberg, danach zusammen mit Schloss und Dorf Donaueschingen an die Fürstenberger (1488). Im späten Mittelalter wird auch die Dorfgemeinde des Donauortes erkennbar, die sich zum großen Teil aus der Reichenauer Grundherrschaft entwickelte (Ortsvogtei 1372, Dorfgericht). Doch gelang es dem Bodenseekloster - Ausfluss seiner schwachen Einflussmöglichkeiten im spätmittelalterlichen Donaueschingen - offensichtlich nicht, eine Ortsherrschaft auszubilden; hingegen trat neben dem Kelnhof als Herrschaftsmittelpunkt noch die Donaueschinger Burg (1367). Donaueschingen als Pfarrort (im Archidiakonat "vor dem Wald") bezeugt der Liber decimationis des Konstanzer Bistums von 1275; noch in der frühen Neuzeit verfügte die Reichenauer Kommunität über das Patronats- und Kollationsrecht für die Donaueschinger Kirche und Pfarrei. Seit 1488 gehörten Dorf und Markt Donaueschingen zur Landgrafschaft Fürstenberg. Im 17./18. Jahrhundert wurde Donaueschingen fürstenbergische Residenz. Hier entstand das Schloss, in dessen Park heute die (oder eine) Donauquelle auf einem Quellhügel liegt, an dem der Donaubach seinen Anfang nimmt, daneben die barocke Johanniskirche (1724/47), die Bibliothek (1732/35; Hofbibliothek [Nibelungenhandschrift u.a.]) und das Brauhaus (1734/39). Nach dem Übergang der fürstenbergischen Herrschaft an das Großherzogtum Baden (1806) wurde Donaueschingen Stadt; das Schloss blieb weiterhin Aufenthaltsort der Fürsten von Fürstenberg (Neufassung der Donuaquelle 1875, Schlossumbau 1892/96). Der Stadtbrand von 1908 zog große Teile Donaueschingens in Mitleidenschaft. Eingemeindungen (1933/35: Aufen, Allmendshofen; 1971/75: Aasen, Grüningen, Heidenhofen, Hubertshofen, Neudingen, Pfohren, Wolterdingen) vergrößerten Stadt und Einwohnerzahl im 20. Jahrhundert; bis 1972 war Donaueschingen Sitz der Verwaltung des gleichnamigen Landkreises. Vgl. noch Buhlmann, Michael (2014), Das Kloster Reichenau, das Königtum, die Baar und Donaueschingen im frühen und hohen Mittelalter (= VA 70), Essen 2014, 60 S., € 4,-. [Buhlmann, 02.2014]

Hygen, Anne-Sophie, Bengtsson, Lasse (2000), Rock Carvings in the Borderlands. Bohuslän and Østfold, Sävedalen 2000, 224 S., Farbabbildungen, Karten, SEK 375,-. Skandinavische Felszeichnungen (im Sinne des Meißelns von Steinen) sind nicht nur als Felskunst zu betrachten, sondern geben auch Einblick in vorgeschichtliche Kulturen. Felszeichnungen ("rock carvings") sind vielfach in Skandinavien belegt. Es wird zwischen einer Nordgruppe und einer Südgruppe unterschieden. Die nordskandinavische Gruppe (Finnmark [Norwegen]) weist bis zu 7000 bis 9000 Jahre alte Zeichnungen auf, die meso- bzw. neolithisch zu datieren und Jägerkulturen zuzuordnen sind. Die südskandinavische Gruppe, hauptsächlich verbreitet bei: Trondheim, Bergen, Stavanger, Østfold (Norwegen), Bohuslän, Skagen, Norrköping, Stockholm/Uppsala (Schweden), bietet Felszeichnungen bronzezeitlicher Gesellschaften von Ackerbauern und Viehzüchtern. Die Felszeichnungen (kreisrunde Vertiefungen [abstrakte "cup marks"], anthropomorphe Gestalten [Männer mit erigiertem Penis, Frauen mit "Pferdeschwanz", "heilige Hochzeit", bewaffnete Krieger, Götter], Schiffe [kosmologische Übergänge z.B. in Bezug auf die Sonne, Schiffsgräber], Pflüge [und Erdboden], Bäume [zwischen Unterwelt und Himmel, Tod und Leben], Tiere [Schlangen, Ochsen u.a.]; farbige Bemalung der Figuren?) sind mythisch-religiös aufgeladen und stehen - auch wegen ihrer freien Zugänglichkeit in der Landschaft und z.B. ihrer Nähe zu Grabplätzen - als Symbole für Rituale und Kulte der frühen (1800-1000 v.Chr.) und späten Bronzezeit (1000-500 v.Chr.). Religion half somit, die von den Menschen bevölkerte Landschaft ideologisch und symbolisch zu durchdringen und zu ordnen. Der Ordnung der Landschaft (und in den Felszeichnungen) entsprach die gesellschaftliche Ordnung mit ihrer (zunehmenden erkennbaren) sozialen, wirtschaflichen und politischen Elite, die sich ihres Status bewusst war (Bronzegegenstände der frühen Bronzezeit). Doch wandelte sich die Gesellschaft auch, etwa mit dem Übergang von der Körper- zur Brandbestattung (1300-1000 v.Chr.) oder am Ende der Bronzezeit bzw. am Beginn der vorrömischen Eisenzeit (500 v.Chr.). Letzterer ist auch der Zeitpunkt, an dem die Herstellung von Felszeichnungen aufhörte. Heute sind die Felszeichnungen von Bohuslän UNESCO-Weltkulturerbe (Vitlycke-Museum). Sie sind aber gefährdet durch Wetter und Verwitterung (chemische und mechanische Verwitterung [saurer Regen]) und müssen von daher geschützt werden. [Buhlmann, 09.2013]

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